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Sollte ich nicht Mitleid haben mit Ninive?
„Und der HERR sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“
(Jona 4,10.11)
In den ersten drei Kapiteln des Buches Jona haben wir gesehen, wie Jona zunächst vor Gottes Auftrag floh, wie er im Bauch des großen Fisches Gottes Gnade erfuhr und wie er schließlich Gottes Wort gehorchte, nach Ninive ging und dort Gottes Botschaft verkündigte. Die Menschen in Ninive hörten seine Botschaft, taten Buße und kehrten zu Gott um. Eigentlich hätte das Buch Jona mit dem dritten Kapitel enden können. Es wäre ein wunderschönes Happy End gewesen: Jona, der zunächst vor Gott davongelaufen war, kehrte zurück und erfüllte seinen Auftrag. Und die Menschen in Ninive, die zuvor in großer Bosheit gelebt hatten, taten Buße und wurden vor Gottes Gericht bewahrt. Wäre das nicht ein schöner Abschluss gewesen? Doch das Buch Jona hat noch ein viertes Kapitel. Und plötzlich nimmt die Geschichte eine völlig unerwartete Wendung. Anstatt sich darüber zu freuen, dass die Menschen in Ninive gerettet wurden, wird Jona wütend. Er ärgert sich über Gott und macht ihm Vorwürfe. Da stellt sich uns eine Frage: Warum endet das Buch Jona nicht einfach mit Kapitel 3? Warum musste auch noch dieses vierte Kapitel geschrieben werden? Gott wollte uns offenbar nicht nur zeigen, wie die Menschen in Ninive Buße taten und gerettet wurden. Er wollte nicht nur Jonas Verhalten verändern, sondern auch sein Herz. Jona war zwar Gottes Auftrag gefolgt und nach Ninive gegangen. Aber sein Herz war noch weit davon entfernt, Gottes Herz zu verstehen. Genau darum geht es im vierten Kapitel. Wir bekommen einen Einblick in Jonas Inneres und sehen, wie Gott geduldig mit ihm umgeht und ihn lehrt.
Heute wollen wir darüber nachdenken, warum Jona über Gottes Gnade so zornig wurde und wie Gott ihm half, sein eigenes Herz zu erkennen. Ich bete, dass auch wir uns in Jona wiedererkennen und lernen, Gottes barmherziges Herz besser zu verstehen.
1. Jona wird zornig über Gottes Barmherzigkeit (Verse 1–4)
Schauen wir uns zunächst Vers 1 an: „Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig“ Normalerweise würde man erwarten, dass ein Prophet sich freut, wenn Menschen auf Gottes Wort hören und Buße tun. Doch bei Jona war es genau umgekehrt. Warum konnte Jona, der selbst Gottes Botschaft verkündigt hatte, nicht ertragen, dass die Menschen durch diese Botschaft gerettet wurden? Es gibt einen koreanischen Film mit dem Titel „Secret Sunshine“ (auf Koreanisch „Miryang“). In diesem Film verliert die Hauptfigur Shin-ae ihren geliebten Sohn durch ein schreckliches Verbrechen. Ihr Sohn wird entführt und ermordet. Shin-ae fällt daraufhin in tiefe Verzweiflung. Später kommt sie mit dem christlichen Glauben in Berührung. Sie beginnt, an Gott zu glauben, und findet dadurch nach und nach etwas inneren Frieden. Eines Tages fasst sie den Entschluss, dem Mörder ihres Sohnes zu vergeben. Deshalb besucht sie ihn im Gefängnis. Doch dort hört sie etwas, womit sie überhaupt nicht gerechnet hat. Der Mörder erzählt ihr, dass auch er im Gefängnis zum Glauben an Gott gekommen sei. Er habe seine Sünden vor Gott bekannt und Gott habe ihm vergeben. Deshalb habe er nun Frieden in seinem Herzen gefunden. Als Shin-ae das hört, ist sie zutiefst erschüttert. Sie selbst hatte dem Mörder noch gar nicht vergeben. Aber ausgerechnet dieser Mann behauptete, Gott habe ihm bereits vergeben. Shin-ae wird wütend: „Ich habe ihm noch nicht einmal vergeben. Wie kann Gott ihm dann schon vergeben haben?“
Ich denke, wir können ihre Gefühle gut nachvollziehen. Sie selbst lebt noch immer mit dem Schmerz und der Trauer über den Verlust ihres Sohnes. Aber der Mensch, der ihr dieses schreckliche Leid zugefügt hat, behauptet, Gott habe ihm vergeben und er habe nun Frieden gefunden. Wie sollte sie das einfach akzeptieren können? Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass Gott einem Menschen Gnade schenkt, dem wir selbst kaum vergeben können.
Bei Jona war es ähnlich. Für ihn waren die Menschen in Ninive keine Menschen, denen man Liebe und Barmherzigkeit entgegenbringen sollte. In seinen Augen hatten sie Gottes Gericht verdient. Sie töteten viele Israeliten und plünderten und versklavten viele Menschen. Doch Gott gab ihnen die Möglichkeit zur Umkehr. Und als sie Buße taten, verschonte er sie. Genau diese Barmherzigkeit Gottes konnte Jona nicht akzeptieren. In Vers 2 betet Jona zu Gott: „und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“ Erstaunlicherweise wusste Jona ganz genau, wer Gott ist. Gott ist gnädig. Gott ist barmherzig. Er ist geduldig und voller Liebe. Aber genau das war für Jona das Problem. Wenn Gott ihm selbst Gnade erwies, war das gut. Wenn Gott seinem eigenen Volk Israel Barmherzigkeit schenkte, war das ebenfalls gut. Doch dass Gott auch den verhassten Menschen in Ninive Gnade schenken wollte, konnte er nicht ertragen. Jona kannte Gottes Barmherzigkeit. Aber er wollte nicht, dass diese Barmherzigkeit auch seinen Feinden galt. Schließlich geht Jona in Vers 3 sogar so weit, dass er Gott bittet, ihm das Leben zu nehmen. Lieber wollte er sterben, als mit ansehen zu müssen, wie die Menschen in Ninive verschont wurden. So schwer fiel es ihm, Gottes Entscheidung anzunehmen. Da stellte Gott ihm eine Frage. Betrachten wir Vers 4: „Aber der HERR sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst?“ Gott wollte Jona dazu bringen, über seinen Zorn nachzudenken. Jona war fest davon überzeugt, im Recht zu sein. Die Menschen in Ninive waren böse. Sie hatten schlimme Dinge getan und verdienten deshalb Gottes Gericht. Doch Gott wollte Jona helfen, die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es ist, als würde Gott ihn fragen: „Ich weiß, dass du ihre Sünden verabscheust. Aber ist es wirklich richtig, dass du ihnen sogar die Möglichkeit zur Umkehr und zum Leben missgönnst? Sind nicht auch diese Menschen, deren Bestrafung du dir wünschst, Geschöpfe, die ich geschaffen habe?“ Gott wollte, dass Jona über seinen eigenen Zorn hinausblickt und beginnt, Gottes Herz zu verstehen. Doch Jona hielt weiterhin an seinem Zorn fest.
2. Sollte ich nicht Mitleid haben mit Ninive? (Verse 5–11)
In Vers 5 lesen wir, dass Jona die Stadt verließ und sich östlich von Ninive eine Hütte baute. Dort setzte er sich hin und beobachtete, was mit der Stadt geschehen würde. Obwohl die Menschen in Ninive Buße getan hatten und Gott das angekündigte Unheil zurückgenommen hatte, hoffte Jona offenbar immer noch, dass die Stadt bestraft werden würde. Doch Gott wollte Jona auf besondere Weise etwas zeigen. Er ließ eine Pflanze wachsen, die Jona Schatten spendete und ihn vor der brennenden Sonne schützte. Jona freute sich sehr über diese Pflanze. Aber am nächsten Morgen ließ Gott einen Wurm kommen, der die Pflanze schlimm zurichtete, sodass sie verdorrte. Anschließend ließ Gott einen heißen Ostwind aufkommen. Die Sonne brannte auf Jonas Kopf, und die Hitze wurde für ihn unerträglich. Wieder wünschte er sich, lieber zu sterben. Da fragte Gott ihn: „Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen?“ Jona antwortete: „Mit Recht zürne ich bis zum Tod!“ (Vers 9).
Schauen wir uns Jonas Verhalten genauer an. Als die vielen Menschen in Ninive vom Untergang bedroht waren, hatte Jona kein Mitleid mit ihnen. Aber als die Pflanze verdorrte, die ihm Schatten gespendet hatte, wurde er traurig und wütend. Er konnte es kaum ertragen, dass ihm diese kleine Annehmlichkeit genommen wurde. Dass dagegen viele Menschen ihr Leben verlieren könnten, hielt er für gerechtfertigt. Genau darin lag Jonas Problem. Er betrachtete alles nur aus seiner eigenen Perspektive. Was ihm selbst nützte, war ihm wichtig, auch wenn es nur eine kleine Pflanze war. Aber das Leben der Menschen, die er hasste, war ihm nicht wichtig. Er war vielmehr überzeugt, dass sie das Gericht verdient hatten. Doch Gottes Herz war anders.
Hier sollten wir besonders darauf achten, wie Gott mit Jona umging. Gott befahl ihm nicht einfach, sofort mit seinem Zorn aufzuhören. Und er gab Jona auch nicht auf, nur weil dieser Gottes Willen nicht verstehen konnte. Stattdessen ließ Gott eine Pflanze wachsen, schickte einen Wurm und ließ einen heißen Ostwind aufkommen. Durch all diese Ereignisse wollte Gott Jona helfen, sein eigenes Herz zu erkennen. Jona war so wütend über den Verlust einer einzigen Pflanze, dass er am liebsten sterben wollte. Doch Gott wollte ihm zeigen, wie viel wertvoller das Leben der vielen Menschen in Ninive war. Hier erkenne ich Gottes erstaunliche Geduld und Liebe. Gott hatte Mitleid mit den Menschen in Ninive. Aber er hatte auch Mitleid mit Jona, der diesen Menschen nicht vergeben konnte und voller Zorn war. Auch Jonas Herz wollte Gott verändern.
Schauen wir uns nun die letzten beiden Verse an. „Und der HERR sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ Gott stellt hier die Pflanze und die Stadt Ninive einander gegenüber. Jona hatte Mitleid mit einer kleinem Pflanze, die er weder gepflanzt noch gepflegt hatte. Sie war über Nacht gewachsen und ebenso schnell verdorrt. In Ninive lebten mehr als 120.000 Menschen, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden konnten. Wie viel mehr sollte Gott dann Mitleid mit den vielen Menschen in Ninive haben?
Gott sah nicht nur ihre Sünden, sondern auch ihr Leben. Er wollte nicht, dass sie in ihren Sünden zugrunde gingen, sondern dass sie Buße taten und zu ihm zurückkehrten. Gottes Barmherzigkeit gilt allen Menschen. Sie reicht nicht nur zu denen, die wir mögen – sondern auch zu unseren Feinden. Das bedeutet nicht, dass Gott die Sünde auf die leichte Schulter nimmt. Gott hasst die Sünde und ist ein gerechter Richter. Aber zugleich ist er ein barmherziger Vater, der darauf wartet, dass Sünder umkehren und zu ihm zurückkommen. Und mit der Frage Gottes endet das Buch Jona.
Eigentlich ist das ein etwas unbefriedigendes Ende, oder? Wir erfahren nicht, wie Jona auf Gottes letzte Frage geantwortet hat. Aber ich glaube, dass Gott diese Frage heute auch an uns richtet. „Ist es recht, dass du so zornig bist?“ und „Liegt mir nicht auch der Mensch am Herzen, den du gerade hasst?“
Als ich diese Predigt vorbereitet habe, konnte ich Jonas Gefühle sehr gut nachvollziehen. Besonders in seinem Zorn und seiner Unfähigkeit, den Menschen in Ninive zu vergeben, habe ich mich selbst wiedererkannt. Es gibt eine Erinnerung aus meiner Kindheit, die ich bis heute nicht vergessen habe, obwohl sie mehrere Jahrzehnte zurückliegt. Damals war ich in der zweiten Klasse der Grundschule. In unserer Schule bekamen wir Milch in der Pause nach der ersten Unterrichtsstunde. Es war Frühling und es wurde langsam wärmer. Viele Kinder tranken ihre Milch nicht, weil sie sie nicht mochten oder nicht gut vertrugen. Deshalb blieben häufig einige Milchpackungen vom Vortag im Klassenzimmer stehen. Auch an diesem Tag wurde wieder frische Milch geliefert. Ich griff nach einer frisch gelieferten Packung. Doch plötzlich schlug mir mein Lehrer heftig auf den Hinterkopf. Ich war völlig erschrocken und schaute ihn an. Da schimpfte er mit mir: „Du musst zuerst die Milch von gestern trinken! Warum nimmst du dir einfach die neue?“ Ich konnte das überhaupt nicht verstehen. Die Milch vom Vortag hatte die ganze Zeit ungekühlt im Klassenzimmer gestanden. Sie war inzwischen lauwarm geworden, und draußen wurde es immer wärmer. Natürlich wollte ich lieber frische Milch trinken. Aber weil mein Lehrer so wütend war, traute ich mich nicht, etwas zu sagen. Also nahm ich die alte Milch und trank sie. Doch damit war die Sache noch nicht vorbei. Einige Tage später sprach unser Lehrer im Unterricht über das Einkaufsverhalten der Japaner. Er erzählte, dass die Menschen dort im Supermarkt bewusst Produkte kaufen würden, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft. So könne man vermeiden, dass Lebensmittel unnötig weggeworfen werden. Plötzlich nannte er meinen Namen und sagte vor der ganzen Klasse: „Aber … weiß überhaupt nicht, was Sparsamkeit bedeutet. Er will immer nur das Neue haben!“ Er stellte mich vor allen Mitschülern als schlechtes Beispiel hin. Mir war das unglaublich peinlich. Mein Gesicht wurde rot, und meine Mitschüler lachten über mich. Zunächst dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht. Doch später fragte ich mich: „War das wirklich so schlimm, was ich getan habe? Wer hätte die Verantwortung übernommen, wenn ich von der Milch, die den ganzen Tag ungekühlt im Klassenzimmer gestanden hatte, Bauchschmerzen bekommen hätte? Ich wollte doch nur frische Milch trinken. Warum musste ich dafür geschlagen und vor der ganzen Klasse bloßgestellt werden?“ Ich fühlte mich ungerecht behandelt, verletzt und wütend.
Erstaunlicherweise ist diese Erinnerung auch nach so vielen Jahren noch sehr lebendig. Ich glaube, ich habe diesem Lehrer bis heute nicht vergeben. Wenn ich an damals denke, empfinde ich sein Verhalten immer noch als ungerecht und falsch. Doch als ich über den heutigen Bibeltext nachdachte, kam mir eine Frage in den Sinn: Wenn Jesus mich heute auffordern würde, diesem Lehrer zu vergeben – könnte ich das wirklich? Wenn ich ehrlich bin, würde mir das sehr schwerfallen.
Natürlich lässt sich das, was ich erlebt habe, nicht mit den grausamen Taten der Menschen in Ninive vergleichen. Wie viel schwerer muss es dann für Jona gewesen sein? Auch ich denke: „Ich habe doch gar nichts falsch gemacht. Warum sollte ausgerechnet ich zuerst vergeben? Diese Person hat sich nicht einmal bei mir entschuldigt. Warum sollte ich ihr vergeben? Er hat nicht einmal Verantwortung übernommen. Warum sollte ich vergeben?“
Als ich Jona 4,9 las, konnte ich mich sehr gut mit Jona identifiziere: „Mit Recht zürne ich bis zum Tod!“ – „Ja, genau! Was habe ich denn falsch gemacht? Ist es nicht völlig verständlich, dass ich wütend bin? Wenn mir Unrecht getan wurde, warum soll dann ausgerechnet ich zuerst vergeben?“
Auch ich habe manchmal das Gefühl, dass ich – genau wie Jona – bis zum Ende darauf bestehen möchte, im Recht zu sein. Doch beim Nachdenken über diesen Bibeltext wurde mir etwas Entscheidendes bewusst. Auch ich selbst war einmal ein Feind Gottes. Durch meine Sünde hatte ich mich von Gott entfernt und gegen ihn gelebt. Aber wie ist Gott mit mir umgegangen? Gott hat erst darauf gewartet, dass ich meine Schuld vollständig erkenne, mich entschuldige und die Strafe für meine Sünden selbst bezahle, bevor er mich liebt? Als ich noch ein Sünder war, hat Gott mir bereits seine Hand entgegengestreckt. In Römer 5,8 heißt es: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Ich konnte meine Schuld nicht aus eigener Kraft wiedergutmachen und war von Gott getrennt. Doch Jesus wartete nicht einfach darauf, dass ich irgendwann zu ihm kommen würde. Er kam zuerst zu mir – durch sein Wort. Beim Bibelstudium über das zweite Buch Mose erkannte ich, dass ich selbst ein Sklave der Sünde war, so wie die Israeliten damals in Ägypten in der Sklaverei lebten. Und durch Jesaja, Kapitel 9, durfte ich erkennen, dass Jesus als ein Baby in diese Welt gekommen ist, um mich von meiner Sünde zu retten. Die Liebe, mit der Gott mir vergeben hat, war keine billige Liebe. Jesus, der im Himmel auf seinem Thron sitzt und aller Ehre und Anbetung würdig ist, kam als schwaches, kleines Kind in diese Welt. Er wurde in eine schmutzige Krippe gelegt. Er lebte in Demut und Hingabe und hatte auf dieser Erde nicht einmal einen Ort, an dem er sein Haupt hinlegen konnte. Und schließlich nahm er alle Schande, alle Demütigungen und alles Leid auf sich und starb für meine Sünden am Kreuz. Als ich noch ein Sünder war, hat Jesus mich zuerst geliebt und sein Leben für mich hingegeben. Ich bin ein Mensch, dem zuerst vergeben wurde. Als ich darüber nachdachte, begann ich, mein eigenes Herz neu zu betrachten. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass das Verhalten meines Lehrers falsch war. Ein kleines Kind zu schlagen und vor der ganzen Klasse bloßzustellen, war nicht richtig. Und jemandem zu vergeben bedeutet nicht, dass sein falsches Verhalten dadurch gerechtfertigt wird. Aber eines muss sich in meinem Herzen verändern: Die Gnade Jesu, der mir zuerst vergeben hat, muss in meinem Herzen größer werden als mein Bedürfnis, über das Unrecht dieses Menschen zu urteilen. Aus eigener Kraft fällt es mir schwer zu vergeben. Doch wenn ich an die Gnade denke, die Jesus mir erwiesen hat, bekomme ich Hoffnung, dass auch ich lernen kann zu vergeben.
Durch den heutigen Bibeltext ist mir eines neu bewusst geworden: Ich habe in meinem Leben oft nur darauf bestanden, selbst im Recht zu sein. Doch Gott hat mir, obwohl ich ein Sünder war, zuerst seine Barmherzigkeit erwiesen. Als ich noch ein Feind Gottes war, starb Jesus für mich am Kreuz. Noch bevor ich Gott suchte, kam er mir in seiner Liebe entgegen. Deshalb möchte ich durch die Liebe und Gnade Jesu lernen, auch anderen Menschen zu vergeben. Auch künftig werde ich Menschen begegnen, die mich verletzen. Dann werde ich wohl wieder darauf bestehen wollen, im Recht zu sein. Doch gerade dann möchte ich mich an die Frage erinnern, die Gott Jona gestellt hat: „Ist es recht, dass du so zornig bist?“ Und ich möchte mich auch an Gottes letzte Worte erinnern: „Sollte ich nicht Mitleid haben?“ Gott hatte Mitleid mit Ninive und begegnete selbst dem zornigen Jona mit Geduld und Liebe. Ich möchte Gottes Herz besser verstehen und andere Menschen mit seinen barmherzigen Augen sehen lernen. Möge Gott uns allen helfen, nicht nur auf unserem eigenen Recht zu bestehen, sondern sein Herz besser kennenzulernen und seine Liebe und Barmherzigkeit in unserem Leben weiterzugeben. Amen.