Predigt: 1. Johannesbrief 3,1-24

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Lasst uns mit Taten und in Wahrheit lieben

„Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“

(1. Johannes 3,18)

Wer sind wir? Diese Frage ist eine der entscheidenden Fragen unseres Lebens. Der Mensch lebt nach dem, was er über sich selbst denkt. Wer denkt, dass er verlassen ist, lebt schnell zurückgezogen und verschlossen. Wer dagegen glaubt, geliebt zu sein, lebt mutig und offen. Doch der heutige Text sagt uns zuerst: „Seht, welch eine Liebe uns der Vater erwiesen hat …“,
und dann heißt es weiter: „Wir sind jetzt Kinder Gottes.“
Durch das heutige Wort wollen wir neu daran festhalten, dass wir Gottes Kinder sind, und gemeinsam betrachten, wie wir entsprechend dieser Identität leben sollen.

I. Wir sind Kinder Gottes (1–12)
Lesen wir Vers 1: „Seht, welch eine Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.“ Der Apostel Johannes ruft voller Staunen aus, welche Liebe Gott ihm und den Gemeinden um Ephesus erwiesen hat. Früher waren sie Feinde Gottes, lebten in der Sünde und waren dem Verderben ausgeliefert. Sie lebten in geistlicher Unwissenheit und innerer Leere, ohne Sinn und wahrer Orientierung. Doch Gott ist ihnen zuerst begegnet und hat sie zu seinen Kindern gemacht. Als Kinder Gottes dürfen sie Gott, den Schöpfer, „Abba – Vater“ nennen und leben in der Realität von Gebetserhörung, Bewahrung, Fürsorge, unendlicher Liebe und dem Erbe des Reiches Gottes. Diese Liebe gilt nicht nur Johannes oder den Gemeinden um Ephesus, sondern auch uns heute. Alle, die Kinder Gottes sind, haben diese Gnade empfangen. Deshalb bekennt Johannes: „Und wir sind es auch.“ Er erklärt damit: Wir sind wirklich Gottes Kinder. Doch die Welt erkennt diese kostbare Identität nicht und behandelt die Kinder Gottes oft ohne Verständnis oder Wertschätzung. Das geschieht, weil sie Gott selbst nicht erkannt hat.
Wie sollen wir als Gläubige in einer solchen Welt leben? Vers 2 sagt uns: „Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes; und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“
Johannes spricht hier über die Hoffnung der Kinder Gottes: Wenn der Herr wiederkommt, werden auch wir ihm ähnlich sein und verwandelt werden. Ehrlich gesagt empfinde ich diese Worte manchmal herausfordernd. Allein letzte Woche gab es zu Hause kleinere und größere Konflikte, und ich habe meine Gefühle nicht gut im Griff gehabt. Wenn ich so auf mich selbst schaue, scheine ich weit davon entfernt zu sein, Christus ähnlich zu sein. Und doch habe ich Hoffnung. Denn dieser Text sagt nicht, dass nur vollkommene Menschen Kinder Gottes sind. Vielmehr sind gerade die, die noch unvollkommen und schwach sind, eingeladen, auf die kommende Verwandlung in Christus zu hoffen. Im Kern fordert uns der Text dazu auf, in dieser Hoffnung auf Christus zu leben. Diese Hoffnung gibt mir Mut, weil jeder darauf hoffen kann unabhängig davon, wie schlimm es aktuell aussieht. Deswegen möchte ich mit dieser Hoffnung bekennen: „Herr, ich bin noch sehr unvollkommen. Ich falle oft und bin schwach. Aber ich möchte dir ähnlich werden.“
Und unser Herr sagt uns: „Du bist mein Kind.“ Wenn der Herr wiederkommt, wird unsere Schwachheit und Sünde verschwinden, und wir werden heilig wie unser Herr Jesus. In dieser Hoffnung sollen wir leben.
Vers 3 sagt: „Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.“ Wer diese Hoffnung auf Christus in sich trägt, beginnt sein Leben zu reinigen. Die Erwartung der Wiederkunft Jesu verändert unser heutiges Leben. Ein Mensch, der sich auf eine Hochzeit vorbereitet, ordnet sein Leben neu. Ein Student, der eine wichtige Prüfung vor sich hat, geht sorgfältiger mit seiner Zeit um. So verändert Zukunftshoffnung die Gegenwart. Dasselbe gilt hier: Wer glaubt, dass er eines Tages Christus von Angesicht zu Angesicht sehen und ihm ähnlich werden wird, der möchte schon jetzt in kleinen Schritten ihm ähnlicher werden. Diese Hoffnung führt uns dazu, als Kinder Gottes zu leben.
Wie zeigt sich nun das Leben als Kinder Gottes konkret im Alltag? In den Versen 4-8 stellt der Apostel Johannes den, der in der Sünde lebt, dem gegenüber, der nicht in der Sünde lebt, und erklärt den Unterschied zwischen den Kindern des Teufels und den Kindern Gottes. Er erklärt es anhand der Sünde. Mit „Sünde“ ist hier nicht nur äußerlich sichtbare Tat wie Mord oder Diebstahl gemeint. In der Bibel bedeutet Sünde vielmehr, vom Weg Gottes abzuweichen. Im Kern ist Sünde ein Leben, das ohne Gott und nach dem eigenen Willen geführt wird.
Warum fällt der Mensch in die Sünde? Vers 7 warnt davor, sich von den „Verführern“ täuschen zu lassen. Zur Zeit des Johannes lehrten die Gnostiker, dass man durch besondere geistliche Erkenntnis zwar rein im Geist sein könne und dass das Leben im Körper keine große Bedeutung habe. Deshalb meinten sie, selbst wenn man körperlich sündigt, bleibe die Seele dennoch rein. So begannen sie, Sünde nicht mehr als Sünde zu sehen und sie Schritt für Schritt zu rechtfertigen. Genau das ist die Täuschung des Satans. Vielleicht begannen sie nicht sofort mit dieser Haltung. Möglicherweise wollten sie ursprünglich an Jesus glauben und ein heiliges Leben führen. Doch durch wiederholtes Versagen und die Sünde kamen Gedanken wie: „Warum verändere ich mich nicht? Bin ich überhaupt wirklich gerettet?“ Entmutigung breitete sich aus. Und wenn diese Entmutigung anhält, kann der Mensch schließlich den Kampf gegen die Sünde aufgeben und beginnen, sie zu rechtfertigen. Das ist die Gefahr der Verführung: Sie führt dazu, dass der Kampf gegen die Sünde aufgegeben wird.
Doch ein wahrer Christ kann zwar fallen, aber er bleibt nicht in der Sünde. Er kann immer wieder scheitern, aber er gewöhnt sich nicht an die Sünde. Nach dem Fall kommt er mit Schmerz im Herzen wieder zur Buße zurück. Denn in ihm ist das neue Leben, das Gott ihm gegeben hat. Auch Jesus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind, die geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich“, und „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ (Matthäus 5,3–4) „Geistlich arm“ bedeutet u. a., dass jemand seine eigene Sünde und geistliche Unfähigkeit erkennt und weiß, dass er ohne Gott nicht leben kann. „Die da Leid tragen“ können auch diejenigen sein, die ihre Sünde beklagen und sich zu Gott umkehren. Jesus nennt gerade diese Menschen selig – nicht diejenigen, die ohne Sünde sind, sondern diejenigen, die ihre Sünde erkennen und zu Gott zurückkehren. Ein wahrer Christ ist also nicht jemand, der ohne Sünde zu Gott kommt, sondern jemand, der in seiner Sünde Jesus umso kräftiger festhält. Daher ist das Entscheidende nicht eine perfekte Lebensführung ohne Fall, sondern das immer wieder Aufstehen und Zurückkehren zu Jesus. Es geht darum, nicht aufzugeben, sondern im Kampf gegen die Sünde an Gottes Gnade festzuhalten. Genau dafür ist Jesus in die Welt gekommen. Vers 8 sagt: „Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ Der Teufel hält Menschen in der Sünde gefangen und trennt sie von Gott. Doch Jesus ist gekommen, um Sünde, Tod und die Macht des Teufels zu brechen. Darum ist das Leben eines Gläubigen nicht ein Leben, das den Kampf gegen die Sünde aufgibt, sondern ein Leben, das in Jesus immer wieder aufsteht und weiterkämpft. Wie kann jemand, der Gott gehört, in diesem Kampf gegen die Sünde bestehen? Wenn wir schwach sind und fallen, scheint es manchmal, als gäbe es keinen Ausweg. Doch in Jesus, der gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören, gibt es keine unbesiegbare Sünde. Der Sieg kommt vielleicht langsam, aber er kommt sicher – wir gehen auf den Sieg zu. Denn Jesus hat bereits die Werke des Teufels zerstört, die uns verführen und in die Sünde ziehen. Am Kreuz hat er bereits gesiegt.
In den Versen 9-10 zeigt Johannes, wie die Kinder Gottes davor bewahrt werden, in der Sünde zu leben. Er sagt: „Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde. Denn in ihm bleibt Gottes Same, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“ Mit dem „Samen Gottes“ ist der Same des Heiligen Geistes und des Wortes Gottes gemeint, der bei der Wiedergeburt in das Herz eines Menschen eingepflanzt wird. Wenn wir neu geboren werden, wird dieser Same in unsere Seele gelegt. Zusammen damit werden auch der Same der Liebe und der Same des Lebens eingepflanzt. Durch diesen Samen werden Gottes Kinder zu Menschen, die ewiges Leben tragen – ein Leben, das selbst dem Tod nicht unterworfen ist. Sie werden zu Menschen, die lieben können, auch wenn es schwer ist zu lieben, und die Gerechtigkeit tun können, selbst in ungerechten Umständen. Vor allem werden sie zu Menschen, in denen der Heilige Geist wohnt und wirkt. Darum wird der Unterschied zwischen den Kindern Gottes und den Kindern des Teufels im Leben sichtbar.
Als ein Beispiel für jemanden, der dem Teufel gehört, nennt Johannes Kain aus dem Buch der Genesis. Kain ist als der erste Mörder der Menschheitsgeschichte bekannt, der aus Neid seinen Bruder erschlug. Doch der Text sagt ausdrücklich, dass Kain „aus dem Bösen war“, also dem Teufel gehörte. Natürlich hatte auch Kain eine Gelegenheit zur Umkehr. Als sein Neid in ihm wuchs, hätte er zu Gott kommen und Buße tun können. Dann wäre auch er als jemand beschrieben worden, der Gott gehört und ein Mensch der Liebe ist. Aber Kain verweigerte die Umkehr immer wieder. Schließlich lebte er unter dem Einfluss des Bösen und beging die Sünde des Mordes. Seine Ablehnung der Buße zeigt, dass er dem Bösen gehörte. Kinder Gottes hingegen haben durch den in ihnen gepflanzten Samen Gottes die Fähigkeit, selbst in schwierigen Situationen gerecht und mit Liebe zu leben.
Besonders betont Johannes Vers 11: „Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, dass wir uns untereinander lieben sollen.“ Die Liebe unter Geschwistern ist keine neue Idee, sondern eine grundlegende Botschaft, die von Anfang an gehört wurde und die durch ganze Bibel hindurch, von der Genesis bis zur Offenbarung, immer wieder betont wird. Diese Liebe wird möglich, weil der Same Gottes in den Gläubigen wirkt. Durch ihn können sie lieben. Wie aber soll diese Liebe konkret gelebt und praktisch umgesetzt werden?

II. Lasst uns mit Taten und in Wahrheit lieben (13–24)
In Vers 13 spricht Johannes zunächst über das Verhältnis zwischen den Gläubigen und der Welt. Die Welt hasst die Gläubigen. Dieser Hass entsteht nicht in erster Linie aus einer persönlichen Emotion heraus, sondern weil die Welt grundsätzlich dem Bösen und dem Teufel gehört. Deshalb sollen sich die Gläubigen darüber nicht wundern. Wie sollen die Gläubigen in einer Welt leben, die sie ablehnt? Wenn ein Mensch Hass erfährt, ist die natürliche Reaktion oft, selbst mit Hass zu reagieren. Doch der Gläubige ist jemand, der diese Richtung umkehrt und zuerst seine Geschwister liebt. Durch diese Liebe erkennen wir, dass wir vom Tod zum Leben übergegangen sind. Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Das zeigt: Die Liebe zu den Geschwistern ist ein entscheidendes Kennzeichen dafür, ob jemand aus Gott geboren ist oder nicht. Mit anderen Worten: Wer wiedergeboren ist, lebt durch die in ihm eingepflanzte Kraft des Heils ein Leben der Liebe.
Vers 15 geht noch einen Schritt weiter und zeigt, wie ernst es ist, die Geschwister zu hassen.
„Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Mörder.“ Solch ein Mensch hat kein ewiges Leben in sich. Hier beschreibt Johannes einen fortlaufenden, wiederholten Hass – nicht eine einmalige Emotion, sondern einen inneren Zustand, in dem ein Mensch einen anderen innerlich festhält, ablehnt und immer wieder verurteilt. Hass im Verständnis der Bibel ist daher nicht nur ein Gefühl, sondern eine bewusste innere Haltung der Ablehnung und Verurteilung eines anderen Menschen. Im Leben der Gemeinde und im Alltag ist diese Neigung zum Hass etwas, das uns sehr vertraut erscheint. Wenn man an bestimmte Menschen denkt, möchte man ihnen oft lieber aus dem Weg gehen. Das Herz wird unruhig. Auch ich kann diesen Punkt gut nachvollziehen. Manchmal richtet sich der Blick nur noch auf das, was man als ungerecht empfindet, und man bleibt innerlich im Gedanken gefangen, verletzt worden zu sein. Das Problem dabei ist, dass man aus diesen Gedanken oft nicht mehr heraus kommt. Man bewegt sie immer wieder im Herzen. So wächst aus Verletzung langsam Groll und aus Groll wird schließlich Ablehnung. Statt Vergebung entsteht ein verurteilender Blick. Irgendwann zeigt sich diese innere Spannung auch in Worten oder im Verhalten. Dabei wird deutlich: Hass zerstört zuerst die eigene Seele, bevor er andere verletzt. Diese Sünde des Hasses zerstört nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gemeinschaft. Vor Gott ist Hass nicht harmlos – er wird mit Mord gleichgesetzt. Hass ist wie kochendes Wasser: Hält man ihn im Herzen fest, verbrennt er zuerst einen selbst, und wenn er nach außen kommt, verletzt er andere sehr.
Wie können so schwacher Mensch wie wir in ein Leben der Liebe Christi hineingeführt und verändert werden? Zuerst sollen wir Jesu Opferliebe erkennen. Lesen wir gemeinsam Vers 16:
„Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und auch wir sollen das Leben für die Brüder lassen.“ Diese Liebe ist die Agape-Liebe, eine göttliche Liebe, die im Menschen selbst nicht vorhanden ist. Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er für uns, die wir Sünder und Feinde waren, das Leben seines einzigen Sohnes Jesus Christus hingegeben hat. Wenn wir von der Liebe bezüglich Familie, Geschwistern oder Ehepartnern sprechen – wie weit reicht diese menschliche Liebe wirklich? Menschliche Liebe stößt schnell an Grenzen, besonders wenn Opfer gefordert wird. Doch Gottes Liebe ist eine Liebe, die zuerst liebt, rettet und sich selbst hingibt – eine opferbereite Liebe bis in den Tod.
1. Johannes 4,9–10 beschreibt diese Liebe Gottes so: „Darin ist die Liebe Gottes unter uns offenbar geworden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ Wer diese Liebe wirklich versteht, der kann auch selbst lieben. Liebe wird weitergegeben durch den, der selbst geliebt wurde. Wenn wir erkennen, dass wir selbst Empfänger dieser überreichen und unendlichen Liebe Gottes sind, dann verstehen wir auch: Wir leben jeden Tag in dieser Liebe. Ohne diese Liebe könnten wir als sündige Menschen weder anderen dienen noch ein echtes Glaubensleben führen. Aus diesem Verständnis heraus sagt Johannes: „Auch wir sollen das Leben für die Brüder lassen.“ Wir sind Schuldner der Liebe Gottes. Es geht also nicht um eine optionale moralische Leistung, sondern um eine notwendige Antwort auf empfangene Liebe. Deshalb können wir nicht mit Bitterkeit oder Opfergedanken reagieren, wenn wir anderen helfen oder dienen. Wir zahlen vielmehr Stück für Stück die Schuld der Liebe zurück, die wir Gott gegenüber haben.

Lesen wir gemeinsam Verse 17–18: „Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Diese Worte zeigen, dass christliche Liebe immer konkret und praktisch sein muss. Liebe darf nicht nur ein Gefühl oder Worte bleiben. Jakobus 2,15–16 beschreibt diese leere Form der Liebe: „Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?“ Gottes Liebe ist sichtbar geworden in der konkreten Hingabe Jesu am Kreuz. Deshalb soll auch unsere Liebe im Alltag konkret werden. Dabei ist wichtig: Johannes verneint nicht die Bedeutung von Worten. Gerade Worte der Ermutigung, des Trostes und der Wertschätzung sind wertvoll. Sie können erschöpfte Seelen stärken und aufrichten. Doch das Problem entsteht dort, wo unsere Worte von Liebe getrennt sind. In der Gemeinde sagen wir oft: „Ich bete für dich“, „Halte durch“ oder „Gott segne dich“. Aber manchmal bleiben diese Worte nur höfliche Formeln, ohne echte Anteilnahme oder konkrete Hilfe. Der andere bleibt in seiner Not, während wir bei Worten stehen bleiben und die praktische Liebe vermeiden. Wahre Liebe bleibt nicht bei Worten stehen. Sie wird sichtbar durch Tat und Wahrheit. Worte der Liebe sind kostbar, aber ohne echte Hingabe können sie sogar verletzen. Wenn Liebe nur behauptet, aber nicht gelebt wird, bleibt sie letztlich leer. Liebe muss sich im Leben beweisen. Wie können wir also mit Taten und in Wahrheit lieben?
Liebe beginnt oft nicht mit etwas Großem. Sie beginnt im Alltag. Einem Menschen zuzuhören, der leidet. Sich Zeit zu nehmen für einen Bruder oder eine Schwester in Not und sie zu besuchen. Nicht zuerst an sich selbst zu denken, sondern an das Wohl des anderen. Solche kleinen Gehorsamsschritte sind konkrete Formen der Liebe in Tat und Wahrheit. Diese Liebe ist nicht einfach, weil sie Zeit, Kraft, Geld und auch unser Mitgefühl erfordert. Doch genau dort lernen wir die Liebe des Kreuzes kennen. Wir werden uns der Liebe Jesu bewusster, der alles für uns gegeben hat. Liebe in Tat und Wahrheit entsteht nicht aus einem bloßen Pflichtgefühl. Sie wird möglich, wenn wir zuerst die Liebe Jesu Christi erfahren haben, der uns bis zum Ende geliebt hat. Wenn ich erkenne, dass ich ein Sünder bin dem gegeben wurde und bedingungslos geliebt ist, dann kann ich auch andere annehmen und ihnen dienen. Am Ende ist Liebe nicht nur eine Entscheidung aus eigener Kraft, sondern ein Leben, in dem die Liebe Christi, die in uns wohnt, durch uns zu anderen fließt.
Kommen wir nun zu den Versen 19-24. Wenn wir uns in Tat und Wahrheit um die Liebe unter den Geschwistern bemühen, erkennen wir, dass wir zur Wahrheit gehören. Vor dem Herrn wird unser Herz dadurch getrost und zuversichtlich. Wenn wir das tun, was Gott gefällt – nämlich die Geschwister zu lieben –, folgt innere Freiheit und Zuversicht als natürlicher Segen. Es heißt auch, dass wir empfangen werden, was wir bitten. Denn die Liebe unter den Geschwistern bewegt das Herz Gottes. Vor allem lebt derjenige, der sich um die Bruderliebe bemüht, in einer schönen Gemeinschaft mit dem Herrn, geführt und erfüllt vom Wirken des Heiligen Geistes.
Ich danke Gott, dass er mich durch dieses Wort geführt hat. Durch die Vorbereitung dieser Botschaft durfte ich erkennen, was die wahre Hoffnung eines Kindes Gottes ist und wie echte Liebe konkret gelebt werden kann. In schwierigen Situationen habe ich oft erlebt, dass ich meine Gefühle nicht kontrollieren konnte und mich in Ärger und Hass verstrickt habe. Ich bin „explodiert“ und habe Grenzen deutlich überschritten. Danach kam oft tiefe Verzweiflung in mir auf: „Warum verändere ich mich nicht? Bin ich vielleicht jemand, der sich nie verändert?“ Manchmal wurde sogar das Gebet zu Gott schwer und belastend. Statt zu Gott zu kommen, wollte ich manchmal einfach aufgeben, weil ich dachte, dass ich doch wieder in dieselben Sünden fallen werde. Doch durch dieses Wort durfte ich erneut auf die Liebe Jesu schauen: Jesus, der für mich, einen Sünder, seine himmlische Herrlichkeit verlassen hat; der sich erniedrigt, gedient und schließlich Leiden, Schande und den Tod am Kreuz auf sich genommen hat. Das heutige Wort sagt mir klar: „Du hast Hoffnung. Du bist ein Kind Gottes.“ Ich bin immer noch schwach und unvollkommen, voller Sünde. Aber ich möchte, dass ich jedes Mal, wenn ich falle, wieder mit Reue zu Jesus komme. Mit der eigenen Sünde zu Jesus zu kommen, ist nicht leicht. Es ist schmerzhaft. Es ist beschämend und manchmal sehr belastend. Aber Jesus gibt mich nie auf und schenkt mir die lebendige Hoffnung, als Kind Gottes zu leben. Deshalb möchte ich nicht aufgeben, sondern mit einem demütigen und sehnsüchtigen Herzen an ihm festhalten. Tag für Tag möchte ich durch das Wort Gottes aus dem „Tägliches Brot“ Gemeinschaft mit dem Herrn haben und so eine klare geistliche Orientierung für jeden Tag bekommen. Darüber hinaus bete ich dafür, dass ich nicht länger die Sünde von Wut oder Hass festhalte, sondern als Kind Gottes lebe, das mit Taten und in Wahrheit liebt.
Zum Schluss möchte ich kurz zusammenfassen: Wir sind Gottes Kinder. Deshalb haben wir Hoffnung, obwohl wir schwach und voller Sünde sind. Als Kinder Gottes wollen wir die Liebe Jesu am Kreuz tiefer erkennen und die Nächsten mit Taten und in Wahrheit lieben.