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Der neue Lebenswandel
„Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch einen Lebenswandel führen, wie er ihn geführt hat.“
(1. Johannes 2,6)
Wir haben letzte Woche mit einem neuen Buch angefangen, mit dem wir uns noch ein paar Wochen beschäftigen werden. Anhand des 1. Johannesbriefes wollen wir lernen, wie wir eine Gemeinde werden können, in der die Liebe Gottes spürbar präsent ist. Letzte Woche haben wir gelernt, dass die Liebe Gottes bereits am Anfang war. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Liebe und den Wunsch andere Menschen zu lieben, weil wir zum Bilde Gottes geschaffen sind, der selbst Liebe ist.
Im heutigen Text spricht Johannes über einen neuen Lebenswandel (keine Überraschung: Es geht um ein Leben der Liebe), wenn wir mit Jesus verbunden sind. Drei Dinge scheint uns der Text nahezulegen: erstens, die Notwendigkeit eines neuen Lebens; zweitens, der Inhalt des neuen Lebens; drittens, die Grundlage für dieses Leben.
1. Die Notwendigkeit eines neuen Lebens
In den Versen 3 und 4 lesen wir: „Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner und in dem ist die Wahrheit nicht.“ Johannes verwendet hier das Wort „erkennen“. Was bedeutet es, die Erkenntnis Gottes zu haben? Das, was Johannes im Sinn hatte, war echte, tiefe Gemeinschaft mit Gott: die Gemeinschaft, die Gott am Anfang in sich hatte, als Vater, Sohn und Heiliger Geist; und die Gemeinschaft, die Gott mit uns teilen möchte. Die Erkenntnis Gottes bedeutet, die Gemeinschaft Gottes zu erfahren, oder anders gesagt, eine persönliche Beziehung zu Gott zu haben.
Johannes sagt hier jetzt, dass es für die Erkenntnis Gottes klare Kennzeichen gibt, und zwar das Halten von Gottes Geboten. Das gilt sowohl im Positiven als auch im Negativen: Wer Gott erkannt hat, hält seine Gebote; wer Gottes Gebote nicht hält, kennt Gott nicht und wer trotzdem behauptet, Gott erkannt zu haben, der lügt und ist nicht in der Wahrheit. Das bringt uns dann natürlich zur nächsten Frage: Was heißt es dann, Gottes Gebote zu halten? Was bedeutet es, zu gehorchen?
Tim Keller hatte mit seiner Frau drei Söhne großgezogen. Und mit mindestens einem von seinen Söhnen hatte er interessante Diskussionen zum Thema Gehorsam. Sein Sohn sagte zu ihm: „Papa, ich bin gerne bereit, dir zu gehorchen, wenn du mir erklärst, weshalb ich das tun sollte.“ Und Tim Keller würde ihm dann erklären: „Mein Sohn, das ist kein Gehorsam. Das, was du beschreibst, ist lediglich eine Übereinstimmung. Du möchtest einwilligen, solange es dir in den Kram passt.“ Solange du sagst „ich gehorchen dir, wenn …“ oder „ich gehorche dir, falls …“, ist das kein echter Gehorsam. Gehorsam wird früher oder später mit unserem freien Willen kollidieren. Der Test für Gehorsam kommt dann, wenn man etwas tun muss, was man eigentlich nicht tun will; oder wenn man etwas lassen muss, was man unbedingt will. Gehorsam bedeutet, dass man in diesen Situationen aus Respekt zu und Achtung vor einer höheren Autorität handelt. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele mit diesem Konzept ihre Probleme haben. Das gilt sowohl für diejenigen unter uns, die bereits an Jesus glauben und ihm nachfolgen, und das gilt natürlich auch für diejenigen, die mit dem Glauben noch nicht so viel am Hut haben.
Fangen wir mit denjenigen, die bereits Jesus nachfolgen. Diese Verse, die wir gerade gelesen haben, räumen mit sehr viel schlechter Theologie auf. Zum Beispiel: Vielleicht habt ihr schonmal den Spruch gehört „Gott hasst die Sünde; aber Gott liebt den Sünder.“ Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich so etwas auch schon in mindestens einer von meinen Predigten gesagt habe. An diesem Satz ist zwei Millimeter Wahrheit dran. Aber der Satz scheint irgendwie zu implizieren, als ob man immer klar zwischen der Sünde und dem Sünder, der die Sünde begeht, differenzieren kann. Aber das ist nicht so einfach. Jesus selbst hatte gelehrt: „Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.“ Sünde ist nicht nur ein Vergehen, eine Missetat oder ein Fehler, den wir begehen; Sünde ist die Natur und die Eigenschaft, die wir sind, wenn wir sündigen.
Oder vielleicht habt ihr den Spruch gehört: „Christen sind nicht perfekt, sondern nur begnadigt“ Das klingt ein wenig wie „Christen sind ja auch nur Menschen“, was ja auch eindeutig stimmt. Wiederum, an dem Spruch, dass Christen nicht perfekt sind, sondern lediglich begnadigt, sind 1-2 Millimeter Wahrheit dran. Aber es lässt den Anschein erwecken, als ob unser Verhalten, die Art und Weise wie und wofür wir leben, unser Lebenswandel nichts mit der Tatsache zu tun haben müssen, dass wir Christen sind. Johannes setzt dem ganzen einen Riegel vor, indem er sagt: „Sorry! Wenn du denkst, dass du Gott kennst, aber du hältst seine Gebote nicht, dann ist das kein echter Glaube.“ Verse 5 und 6: „Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet; daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch einen Lebenswandel führen, wie er ihn geführt hat.“ Und das ist für alle, die Jesus nachfolgen, eine immense Herausforderung.
Der andere Grund, weshalb wir uns mit diesen Versen sehr schwertun, liegt am Wort Gehorsam. Und schlimmer noch, dass wahrer Gehorsam tatsächlich erfordert, dass unser Wille gekreuzt wird. Das Ganze ist eine Art „blinder“ Gehorsam, weil man auch dann gehorcht, wenn man den Sinn nicht wirklich verstanden hat und obwohl man damit eigentlich nicht einverstanden ist. Tatsächlich ist diese Art von Gehorsam bei uns sehr verpönt, und wenn immer ein solcher Gehorsam gefordert wird, wird das mit ganz viel Argwohn und Skepsis betrachtet und danach vollständig zurückgewiesen und abgelehnt. In Deutschland hatte man vor weniger als 100 Jahren sehr einschlägige Erfahrungen damit gemacht, und was war das Resultat dessen?
Viele Menschen in unserer Gesellschaft würden Folgendes sagen oder unterschreiben können: „Ich finde vieles, was die Bibel sagt, ganz gut. Das mit der Nächstenliebe ergibt sehr viel Sinn. Da kann man sich eine dicke Scheibe von abschneiden. Aber was die Bibel zu Sexualität oder zu Frauen sagt, das ist doch hoffnungslos veraltet.“ Und vielleicht hast du ähnliche Gedanken: dass die Bibel in einigen Teilen ganz gut ist, in anderen Teilen nicht wirklich. Man sollte daher sein eigenes Gehirn einschalten und sich selbst eine Meinung darüber bilden, was Sinn ergibt und was nicht. Das klingt doch sehr vernünftig! Es ist sprichwörtlich „vernünftig“ in dem Sinn, dass unsere Vernunft zum Gradmesser dessen wird, was gut ist und was nicht. Vielleicht kann ich erklären, weshalb das nicht weniger problematisch ist.
Dallas Willard macht in seinem Buch „Divine Conspiracy” darauf aufmerksam, wie sehr wir uns verrannt haben, was Moral angeht. Rob Coles war ein Harvard Professor für Psychiatrie und beklagte das moralische Versagen von vielen Intellektuellen. In einem Essay erzählt er unter anderem die Geschichte von einer Harvard-Studentin, die aus einem einfachen Haushalt kam. Sie putzte im Wohnheim, um sich einen Unterhalt zu verdienen. Immer und immer wieder erfuhr sie, dass sie von ihren Kommilitonen extrem herablassend und respektlos behandelt wurde, weil sie aus einer Arbeiterfamilie stammte. Ein Student, der sie besonders niederträchtig behandelt hatte, hatte zwei Seminare mit ihr zusammen im Bereich „moralische Argumentation“ und den Kurs mit Bestnoten abgeschlossen. Das grundlegende Problem ist, dass bei allen moralischen Debatten in den Philosophie-Seminaren, nicht vermittelt werden kann, was moralisch gut und moralisch verwerflich ist. Das ist Meinungs- und Ansichtssache. Stellen wir uns vor, dass Person A der Ansicht ist, dass es verkehrt ist, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer sozialen Schicht zu diskriminieren, während Person B der Ansicht ist, dass es damit keine Probleme gibt. Für beide ist deren Vernunft das Maß aller Dinge. Vielleicht sehen wir, dass wir jetzt ein großes Problem haben. Die Frage ist, wessen Werte sind die Richtigen? Und wer hat das Recht, das zu entscheiden?
Hier ist der Punkt: Es ist immer eine hervorragende Idee, beim Lesen der Bibel sein Gehirn einzuschalten und mitzudenken. Aber wenn wir irgendwelche Ideen (egal ob es biblische Ideen sind oder andere) kritisieren, dann tun wir das von einer Position der Autorität, weil wir uns anmaßen in diesem Bereich, das entsprechende Wissen und die Erkenntnis zu haben, das angemessen beurteilen zu können. Aber wer sagt, dass das, was wir für vernünftig halten, auch wirklich vernünftig ist? Wer sagt, dass unsere Position, aus welcher wir heraus kritisieren, überhaupt richtig ist? Du kannst kritisch hinterfragen, aber die Frage ist, ob du deinen eigenen Standpunkt kritisch hinterfragt hast? Du kannst skeptisch sein; aber bist du auch skeptisch gegenüber deiner eigenen Skepsis?
Der erste Punkt ist der folgende: Wenn wir wirklich Gott erkennen wollen, wenn wir in einer Beziehung mit Gott leben wollen, müssen wir uns mit der Idee anfreunden, dass wir ihm gehorchen müssen. Wir müssen akzeptieren, dass er unsere Autorität ist, weit höher als unsere Vernunft. Wir müssen uns damit anfreunden, dass die Erkenntnis Gottes mit einem veränderten Lebenswandel einhergeht, der sich grundsätzlich in vielem unterscheiden wird, was die Welt als normal ansieht.
2. Der Inhalt des neuen Lebens
Johannes erklärt in den folgenden Versen, was das Befolgen von Gottes Geboten bedeutet. Vers 7 und 8: „Geliebte, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, was wahr ist in ihm und in euch, weil die Finsternis vergeht und das wahre Licht schon leuchtet.“ Diese Verse sind etwas rätselhaft. Ist das alte Gebot, von dem er in Vers 7 schreibt und das neue Gebot, von dem er in Vers 8 schreibt, ein und dasselbe?
Wir finden die Antwort in den Versen 9 und folgende: „Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht und ihm gibt es keinen Anstoß. Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht; denn die Finsternis hat seine Augen blind gemacht.“ Es geht um das Gebot, den Bruder zu lieben. Falls ihr euch fragt: „Warum erwähnt Johannes hier vor allem den Bruder? Was ist mit der Schwester? Und was ist mit allen anderen?“, gemeint ist hier „der Nächste“. Das Gebot ist, die nächste Person in deinem Leben zu lieben. Die Liebe zum Nächsten ist also das, was die Essenz des christlichen Lebenswandels ausmacht. Diejenigen, die den Bruder lieben, erfahren das, was Apostel Johannes in Vers 5 beschrieben hatte: Die Liebe Gottes ist in dieser Person wirklich vollendet.
Wir müssen verstehen, was mit dem Nächsten gemeint ist. Die Nächsten sind die Menschen, die Gott in unserem Leben geschenkt hat, damit wir sie lieben: Es fängt mit unserer Familie an, die Eltern, die Geschwister, die Kinder, der Ehepartner. Es geht weiter mit den Geschwistern in der Gemeinde. Es können die Freunde sein, mit denen wir die Schule oder die Uni besuchen oder die Kollegen am Arbeitsplatz. Oder es kann der Hilfsbedürftige sein, dem wir auf der Straße begegnen. Die Nächsten sind die Menschen um uns herum, die wir lieben sollen. Gott hat uns beauftragt, den Nächsten zu lieben, nicht alle Menschen auf der Welt. Die Welt zu lieben ist Gottes Aufgabe. Den Nächsten zu lieben ist unsere Berufung; das ist herausfordernd genug.
Gavin Ortlund sagte: „Man kann nicht in einem Augenblick das Antlitz Christi schauen und im nächsten Augenblick die Würde, die Begabung und den Dienst eines seiner Schafe verachten.“ Dorothy Day hat folgenden Satz gesagt: „Ich liebe Gott tatsächlich nur so sehr, wie ich den Menschen liebe, den ich am wenigsten liebe.“
Wenn man auf sozialen Netzwerken schreibt, dass wir uns einander mehr lieben sollten, erntet man dafür vielleicht auch Applaus. Bei der Grammy-Verleihung hatte der Rapper Bad Bunny gesagt, dass Liebe stärker ist als Hass. Die Zuschauer applaudierten. Wenn wir an Liebe denken, dann kommen uns meistens warme und romantische Gefühle. Diejenigen, die schon länger dabei sind, werden wissen, dass das griechische Wort für „Liebe“ das im NT verwendet wird, in den meisten Fällen Agape ist. Und Agape ist eine freiwillige, selbst aufopfernde Liebe, die das Ziel hat, einer anderen Person Gutes zu tun. Die Agape scheut keine Kosten und Mühen, wenn es darum geht, dem Wohl einer anderen Person zu dienen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Jede leben-gebende Liebe ist eine selbst aufopfernde Liebe.
Hier sind ein paar Beispiele. Stellen wir uns ein 3-jähriges Kind vor, das von seinen Eltern ein Buch vorgelesen bekommt. Was sagt das Kind, wenn man mit dem Buch fertig ist? Ja, genau: Nochmal! Und je nachdem, was für ein Buch es ist, kann es sein, dass man als Leser ein wenig die Krise bekommt, weil es langweilig und stupide ist. Aber dem Kind zuliebe liest man es noch einmal und noch einmal und noch einmal. Jedes Mal kostet es mehr Selbstverleugnung. Aber das ist, was das Kind braucht, um die Sprache zu lernen. Es ist das Opfer der Eltern, die dem Kind helfen, gesund heranzuwachsen.
Letzte Woche war Muttertag. Und Johannes Hartl hatte anlässlich des Muttertages folgendes geschrieben: „Es war ihr Schmerz, der dich ins Leben brachte und niemand versteht so tief, dass Schmerz und Leben zusammengehören, wie eine Frau, die einmal entbunden hat.“ Der Schmerz hört ja nicht nach der Entbindung auf. Es geht dann mit dem Stillen weiter, die schlaflosen Nächte, die langen Termine beim Kinderarzt, das Tragen des Kindes, bis es eingeschlafen ist. Kinder sind nicht nur eine sehr ungeduldige und anspruchsvolle Kundschaft; in der Regel sind sie auch sehr undankbar, d. h., man kann als Eltern auch nichts groß zurückerwarten, wenn man sie leibt. Jede lebengebende Liebe ist eine selbst aufopfernde Liebe.
Und man könnte noch unzählige weitere Beispiele geben: das Pflegen von Angehörigen, wenn sie krank, gebrechlich oder dement werden; für Freunde da zu sein, die Trost brauchen; eine Karriere aufzugeben, um mehr Zeit für Geliebte zu haben; Vergebung auszusprechen, wenn man verletzt wurde. Eine Frage an dich: Wer sind die Nächsten, in deiner Umgebung, die du lieben sollst? Vielleicht hast du Menschen, von denen zu weißt, dass sie schwierig sind, schwierig zu lieben sind, aber dass es eigentlich deine Aufgabe und Berufung ist, für sie da zu sein. Vielleicht gibt es eine Person, die du mehr lieben solltest, aber weniger liebst. Dorothy Day hat recht: „Wir lieben Gott nur so viel, wie wir die Person lieben, die wir am wenigsten lieben.“
3.Die Grundlage für das neue Leben
Wir finden die Antwort in den ersten zwei Versen: „Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Es gibt so vieles, was man zu diesen Versen sagen könnte. Ein paar Gedanken dazu. Wie ich vorher gesagt hatte, hatte Johannes einen ganz hohen Standard für das neue Leben: nicht sündigen. Aber gleichzeitig hatte er im Kapitel zuvor gesagt, dass wir alle Sünde haben. Wenn wir sündigen, schreibt er, dass wir einen Fürsprecher haben. Stellen wir uns ein hohes Gericht vor, bei dem unser Fall diskutiert wird. Es sieht nicht gut für uns aus, aber dann kommt unser absoluter Staranwalt, der sich für uns einsetzt, der dafür Sorge trägt, dass uns vergeben wird. Johannes sagt, dass Jesus dieser Beistand ist.
Jesus kann dieser Beistand aus zwei Gründen sein. Zum einen ist er selbst der Gerechte, d. h., er selbst ist frei von jeglicher Schuld. Aber zum anderen sagt Vers 2, dass er die Sühne für unsere Sünde ist, d. h., als Jesus am Kreuz starb, hat er alles das, was wir für unsere Sünde verdient hätten, auf sich genommen. Er wurde an unserer Stelle gerichtet. Er wurde an unserer Stelle verurteilt. Er wurde an unserer Stelle bestraft. Er ist an unserer Stelle gestorben. Jesu Argument für uns ist nicht: „Kannst du ein wenig Nachsicht zeigen?“, sondern es ist: „Ich habe für diese Person mit meinem eigenen Blut bezahlt. Weil ich für diese Person gestorben bin, muss er begnadigt werden.“
Wir müssen hier nun noch verstehen, bei wem Jesus unser Beistand ist. Es soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass Jesus auf unserer Seite ist, während Gott der schlecht gelaunte, cholerische Richter ist. Jesus ist der Beistand beim Vater! Es ist der Vater, der diese Welt und jeden einzelnen von uns so unendlich geliebt hat, dass er niemanden verloren gehen lassen wollte. Dallas Willard hat den berühmten Vers aus Johannes 3,16 so übersetzt: „Gottes Fürsorge für die Menschheit war so groß, dass er seinen einzigen Sohn unter uns sandte, damit alle, die auf ihn vertrauen, kein sinnloses und vergebliches Leben führen, sondern das unvergängliche Leben Gottes selbst haben.“ Gott, der Vater, und Gott, der Sohn, teilen das gleiche Herz, uns von allem zu retten, was uns zerstört und was uns kaputt macht.
Darin liegt der Unterschied zwischen dem Evangelium und praktisch jeder Religion auf Erden. Alle Religionen sagen uns, was wir tun müssen, um gerettet zu werden: wie wir unser Leben auf die Reihe kriegen müssen, welche religiösen Zeremonien wir halten müssen, welche Art von Erleuchtung wir erreichen müssen, um frei zu werden. Aber im Evangelium hat Gott in Jesus Christus alles vollbracht und alles getan, um uns zu retten. Die Grundlage für den neuen Lebenswandel ist nicht: „Ich gehorche, um gerettet zu werden“, sondern: „Ich wurde gerettet, deshalb gehorche ich“. Es ist nicht: „Ich halte die Gebote, um von Gott angenommen zu werden“, sondern: „Gott hat mich bereits angenommen, deshalb halte ich seine Gebote“. Es ist nicht: „Ich führe ein Leben der Liebe, um von Gott geliebt zu werden“, sondern: „Gott hat mich von Ewigkeit an mit unaussprechlicher Liebe geliebt, deshalb liebe ich ihn und meinen Nächsten“.
Die Grundlage für den neuen Lebenswandel ist das ewige Leben Gottes, das er mit uns teilt und die Liebe, die er zu uns hat. Nichts anderes auf dieser Welt kann uns so sehr zu einem Leben der Liebe befähigen, als die Liebe Gottes selbst. Indem wir in dieser Liebe leben und diese Liebe ausüben und praktizieren, empfangen wir mehr und mehr von der Liebe Gottes.
Es gibt kaum jemanden, der das so krass erlebt wie Joni Eareckson Tada. Joni ist eine inzwischen ältere Frau, die seit Jahrzehnten im Rollstuhl sitzt, weil sie als Teenager einen Badeunfall hatte. Sie ist seither querschnittsgelähmt. Sie erzählte folgendes: „Es war noch ganz am Anfang meiner Ehe mit Ken, vielleicht drei oder vier Jahre nach der Hochzeit, und er hatte zunehmend Mühe mit dem pausenlosen Alltag, den meine Behinderung mit sich brachte. […] ein Großteil der Last lastete auf Kens Schultern. Eines Abends, bevor wir ins Bett gingen, saß er am Rand der Matratze, ließ die Schultern hängen und gestand: ‚Ich schaffe das nicht. Ich fühle mich so gefangen. Joni, ich fühle mich einfach gefangen.‘ Aus heiterem Himmel spuckte ich heraus: ‚Na, wo war denn dein Verstand, als wir geheiratet haben? Wusstest du nicht, dass es so sein würde? Hast du nicht verstanden, dass ich querschnittsgelähmt bin? War dir nicht klar, dass es so schwer werden würde?‘ Sobald ich diese Worte gesagt hatte, wünschte ich mir, ich hätte sie wieder in meinen Mund stopfen können. Ich entschuldigte mich schnell.
In den letzten etwa zehn Jahren meiner Ehe mit Ken waren chronische Schmerzen ein großes Problem. Ich erinnere mich, dass es vor vielleicht zehn Jahren so war, als ich die schlimmsten Schmerzen hatte, … Ich spreche von unerträglichen, kieferbrechenden Schmerzen, und Ken musste nachts extra oft aufstehen, um mich zu drehen. Das ging mehrere Wochen so. Aber eines Abends, bevor wir das Licht ausmachten, setzte er sich wieder auf das Bett und gestand: ‚Ich fühle mich gefangen. Ich schaffe das nicht.‘ Doch diesmal war meine Antwort: ‚Oh, mein Schatz, ich mache dir überhaupt keine Vorwürfe. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mich genau so fühlen. Ich würde mich gefangen fühlen. Deshalb werde ich dir keine Vorwürfe machen oder mit dir schimpfen. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich anfeuern und für dich beten werde. Irgendwie wird der Herr Jesus uns da durchhelfen. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich daran glaube, dass Gottes Gnade uns helfen wird, mein Schatz. Wir schaffen das.‘ Es war eine sichtbare Last, die von den Schultern meines Mannes abfiel.“
Was ist das? Das ist die übernatürliche Agape; die Liebe, die am Anfang bei Gott ist und ausgegossen wurde in die Herzen, inmitten von Leid und Schmerzen. Joel Padgett schrieb: „Indem wir die theologische Tugend der Nächstenliebe ausüben, ahmen wir Christus nicht nur nach. Wir haben Anteil am Leben Christi selbst; und je mehr diese Nächstenliebe in uns wächst, desto mehr sind wir – durch diesen Anteil – fähig, so zu lieben, wie Gott liebt. Es ist ein Geschenk Gottes, das unsere Offenheit erfordert, es anzunehmen, sowie unser Mitwirken bei seiner Ausübung. Und es ist ein Geschenk, um dessen Wachstum in uns wir Gott jeden Tag bitten können.“