Predigt: Römer 8,18-30

Kategorien:

Download [ODT]  [PDF]          Bibeltext       

Die christliche Hoffnung

„Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“

(Römer 8,18)

Der Text heute handelt von Hoffnung. Was ist Hoffnung? Der christliche Philosoph Dallas Willard hat Hoffnung folgendermaßen definiert: „Hoffnung ist die freudige Erwartung von etwas Gutem, das noch nicht da ist oder unsichtbar ist.“ Hoffnung hat fast immer mit etwas zu tun, was in der Zukunft ist. Hoffnung als freudige Erwartung von etwas Gutem ist eine Definition, die für uns alle Sinn macht. Ich weiß nicht, ob ihr euch über den zweiten Teil Gedanken gemacht habt: Hoffnung ist etwas, was unsichtbar ist. Paulus erklärt das in Vers 24: „Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht?“ Hoffen und Sehen schließen einander aus, d. h., das Objekt der Hoffnung ist immer etwas, was unsichtbar ist. Hoffnung ist deshalb auch ein Aspekt des Glaubens.
Sechsmal kommt im heutigen Text das Wort „Hoffnung“ vor. Allein in Vers 24 wird das Wort „Hoffnung“ oder „hoffen“ viermal erwähnt. Über drei Aspekte der christlichen Hoffnung wollen wir uns heute Gedanken machen: erstens, warum wir sie brauchen; zweitens, was sie beinhaltet; und drittens, wie wir sie haben können.

1. Warum brauchen wir Hoffnung?

Mindestens zwei Dinge gibt es hier zu sagen. In Vers 18 schreibt Paulus: „Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“ Paulus spricht von den Leiden der gegenwärtigen Zeit. Später erwähnt Paulus im gleichen Kapitel Bedrängnis, Not, Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr und Schwert. Er schreibt diese Worte an Christen in Rom, die sprichwörtlich alles das erduldeten oder unmittelbar vor sich hatten. Menschen im Alten Rom lebten an sich schon in einer unvorstellbar harten und barbarischen Umgebung. Aber nur wenige Jahre später würde in Rom eine schlimme Verfolgung von Christen ausbrechen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass einige, wenn nicht die meisten Leser dieses Briefes, direkt davon betroffen waren: Hunderte von Christen würden auf brutalste Art und Weise zu Tode gequält werden. Wenn Paulus also von den Leiden der gegenwärtigen Zeit spricht, hatten seine Zuhörer ziemlich konkrete Vorstellungen davon, was das bedeutete.
Im Vergleich dazu geht es uns Menschen im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa relativ gut. Und gleichzeitig wird jeder von uns das ein oder andere Leid erfahren. Auch heute noch toben gewaltsame Konflikte in dieser Welt: Wir hatten nach den Schrecken von zwei Weltkriegen eine bislang einzigartige Zeit des relativen Friedens. Aber seit Jahren scheint sich das wieder zu ändern. Auch heute noch leiden wir Menschen unter unheilbaren Krankheiten: Krankheiten, die uns chronisch zu schaffen machen, die uns Kraft, Freude und Lebensqualität rauben. Auch heute noch erfahren wir Menschen echten Verlust: Wenn geliebte Menschen von uns gehen. Jeder von uns ist an einem Tisch in einer Familie aufgewachsen. Stellen wir uns diesen Tisch vor, an dem die ganze Familie gemeinsam sitzt. Es wird der Tag kommen, an dem eine Person an diesem Tisch den Tod von allen anderen Familienmitgliedern erlebt haben wird.
Jeder von uns hat bereits und wird noch Leid und Schmerzen erfahren. Was das angeht, scheint es praktisch nur zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder wir sterben zu jung, um viel zu leiden und bereiten durch unseren verfrühten Tod anderen Menschen viel Leid; oder aber wir erreichen ein gewisses Alter und werden viel leiden. Der erste Punkt ist relativ einfach und banal: Wir leben in einer Welt, die uns viel Kummer bereiten wird. Leiden und Schmerzen sind ein Teil der gegenwärtigen Zeit, in der wir leben. Das ist die Realität unseres Lebens.
Der andere Punkt ist auch relativ einfach nachzuvollziehen: In einer von Leid geplagten Welt, braucht es Hoffnung, um überhaupt leben zu können. Es gibt viele wissenschaftliche Studien, die belegen, die wichtig Hoffnung für unsere Gesundheit ist. In Marburg zum Beispiel wurden 124 Patienten beobachtet, die eine Herzoperation hatten. Eine Operation am Herzen ist ein schwerer Eingriff. Natürlich waren die Patienten verunsichert. Ein Teil der Patienten bekam psychologische Unterstützung dabei. Aber nicht irgendeine Hilfe, sondern es ging konkret darum, Erwartungen für die Zeit nach der OP zu entwickeln. Die Patienten bekamen Hilfestellungen dabei, persönliche Pläne zu erstellen, welche Ziele sie danach erreichen könnten. Kein Marathon, keine Weltreise – es ging darum, realistisch und sehr konkret zu sein, z. B. die Balkonkästen zu bepflanzen, wandern zu gehen, eine Reise nach Italien zu machen – kurz um schöne Dinge, auf die man hoffen konnte. Was war das Ergebnis? Ein halbes Jahr später waren Aktivität, Entzündungs- und Stressmarker bei dem „Team Hoffnung“ besser als bei den anderen, die nur Medikamente genommen hatten. Die Patienten, die gelernt hatten, konkret zu hoffen, waren fitter, körperlich aktiver, hatten weniger Beschwerden und eine höhere Lebensqualität als die anderen. Viele andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Viktor Frankl war ein österreichischer Neurologe und Psychiater. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurden er und seine Familie in verschiedene Konzentrationslager deportiert, unter anderem Ausschwitz. Inmitten von dem Leid, das er dort sah, gab es kleine Lichtblicke, die ihm Hoffnung gaben. Diese Hoffnung ist absolut essenziell. In seinem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ spricht er davon, was passiert, wenn Menschen die Hoffnung verlieren: „Wer an eine Zukunft, wer an seine Zukunft nicht mehr zu glauben vermag, ist hingegen im Lager verloren. Mit der Zukunft verliert er den geistigen Halt, lässt sich innerlich fallen und verfällt sowohl körperlich und seelisch. Dies geschieht zumeist sogar ziemlich plötzlich, in Form einer Art Krise …“ Und er beschreibt Häftlinge, die einfach liegen blieben, sich nicht mehr anziehen, nicht mehr waschen, nicht mehr pflegen. Weder Zureden noch Bitten und Betteln noch Schläge können sie dazu bringen, aufzustehen. Sie haben sich selbst völlig aufgegeben und sterben kurz darauf.
Hier ist der erste Punkt: Wir Menschen werden von Leid geplagt. Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist die innere Kraft, die ein jeder Mensch braucht, um leben zu können. Wir können nicht ohne Hoffnung leben. Es ist sprichwörtlich nicht möglich.

2. Was beinhaltet die christliche Hoffnung?

Worauf hoffen wir also? Zum einen, Paulus spricht von einem Ereignis in der Zukunft, das er „Offenbarwerden der Söhne Gottes“ nennt. In der griechischen und römischen Antike war das Thema Adoption sehr wichtig. Douglas Moo illustrierte das in seinem kurzen Kommentar zum Römerbrief mit einem prominenten Beispiel. Octavian wurde als Junge von Julius Cäsar adoptiert. Diese Tatsache führte Jahre später dazu, dass er nach dem Bürgerkrieg, Erbe des ganzen römischen Reiches und schließlich Kaiser wurde. Bei der Adoption gibt es den Moment, in welchem die adoptierten Kinder volljährig sind und als Erben eingesetzt werden. Vielleicht können wir ein wenig nachvollziehen, was das für die Kinder bedeutete; wie sich ihr Leben schlagartig von einem auf den anderen Tag veränderte. Das ist das Bild, das Paulus in diesen Versen verwendet. Das erste also, worauf Christen hoffen, ist der Tag, an dem sie als Kinder und Erben Gottes offenbar werden, d. h., wenn wir anfangen, alle Privilegien, alle Vorzüge, alle Herrlichkeit, die es mit sich bringt, Gottes Kinder zu sein, in vollen Zügen genießen.
Paulus tut hier aber mehr. Vielleicht kennt ihr die Geschichte von Moses Tod. Am Ende seines Lebens gab es nichts, was sich Mose mehr gewünscht hatte, als das verheißene Land zu betreten und mit eigenen Augen zu sehen. Es blieb ihm verwehrt. Aber Gott tat etwas anderes: Er führte Mose auf einen hohen Berg. Von dort aus zeigte Gott ihm das ganze Land der Verheißung. Ich finde diese Geschichte wunderschön. In gewisser Weise führt Paulus uns in Römer 8,18-30 auf einen hohen Berg. Und er zeigt uns von diesem Berg aus das ganze Land und was passieren wird.
In der christlichen Hoffnung geht es nicht nur um uns. Vers 19: „Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.“ Viele haben sich die Köpfe zerbrochen, was mit Schöpfung gemeint sein könnte. Die meisten scheinen der Ansicht zu sein, dass hier die Natur gemeint ist. Was ist mit der Schöpfung? Vers 20: „Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin.“ Die Natur ist nicht so, wie sie sein sollte. Sie leidet unter der Sünde der Menschen genau wie diese. Verse 21 und 22: „Denn auch sie, die Schöpfung soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ Eine seufzende Schöpfung in Geburtswehen klingt seltsam. Es hat den Anschein, als ob die Natur ihr eigenes Bewusstsein und ihre eigene Persönlichkeit besitzt. Vermutlich dachte Paulus an Prophezeiungen aus dem AT wie etwa Jesaja 55,12: „In Freude werdet ihr ausziehen / und in Frieden heimgebracht werden. Berge und Hügel brechen vor euch in Jubel aus / und alle Bäume auf dem Feld klatschen in die Hände.“
In dem Film Jumanji landet eine Gruppe von Freunden in einem Computerspiel. Innerhalb des Computerspiels nehmen sie unterschiedliche Avatare ein. Einer von ihnen wird in dem Spiel zu einem Pferd. Wenn sich die Figuren im Spiel auf die Brust tippen, tut sich ein Display auf und man sieht ihre Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Als jemand das Display vom Pferd auftut, sagt er nur: „Oh … das ist aber cool.“ Es stellt sich heraus, dass das Pferd mächtige Schwingen ausfahren und fliegen kann. Was ist, wenn diese Schöpfung, so beeindruckend sie jetzt schon ist, noch nicht einmal einen Bruchteil von dem Potenzial auslebt, der ihr eigentlich innewohnt? Vielleicht wurden Hügel dazu gemacht, dass sie jubeln und Berge, dass sie springen; und vielleicht wurden Bäume eigentlich dazu gemacht, dass sie klatschen, und vielleicht sollten Tiere eigentlich sprechen können.
Wie wird das realisiert? Wenn die Kinder Gottes verherrlicht werden, dann wird auch die Schöpfung von ihrer Sklaverei und Vergänglichkeit befreit werden. Um noch einmal ein Beispiel aus einem Film zu verwenden: In „Die Schöne und das Biest“ von Disney gibt es einen herzlosen Prinzen, der von einer Fee in ein Monster verwandelt wird. Aber nicht nur er, alle seine Untertanen fallen unter den Zauber und werden in sprechende Gegenstände verwandelt. Nicht nur die Untertanen, auch das ganze Schloss wird verwünscht und wird dunkel und gruselig. Als der Prinz erlöst wird, werden alle seine Untertanen befreit und das Schloss erstrahlt in seiner Schönheit. So in etwa können wir uns das vielleicht vorstellen, was die Verwandlung dieser Schöpfung angeht.
Warum ist das eine großartige Nachricht für uns? Martin Luther soll einmal gefragt worden sein, was er tun würde, wenn er wüsste, dass am folgenden Tag die Welt enden würde. Seine berühmte Antwort war: „Ich würde einen Apfelbaum pflanzen.“ [Historiker gehen davon aus, dass Luther das nie gesagt haben soll, aber das ist an dieser Stelle unwichtig.] Wie gut würde es diesem Apfelbaum in der erlösten und verherrlichten Welt gehen? Oder ein anderes Beispiel: Im letzten Buch der Chroniken von Narnia sind die Kinder zutiefst erstaunt darüber, dass sie im Himmel das Haus des Professors sehen. Edmund ruft aus: „Ich dachte, dass das Haus zerstört worden wäre.“ Der Faun antwortet darauf. „So war es. Aber ihr seht jetzt das England innerhalb Englands, das wahre England, genauso wie dies das wahre Narnia ist. Und in diesem inneren England wird nichts Gutes zerstört.“
Vor einigen Tagen hatte eine gute Freundin mir geschrieben, dass das ehemalige Haus von ihrer älteren Schwester abgerissen wurde. Es war ein Haus, in dem sie unzählige schöne Stunden als Familie verbracht hatten. Und jetzt bleiben ihnen nur alte Fotos und ihre Erinnerungen an das, was sie dort erlebt hatten. Natürlich macht so etwas traurig und wehmütig. Aber wenn diese ganze Schöpfung und Natur nicht einfach zerstört wird, nicht einfach im Stich gelassen wird, nicht einfach sich selbst überlassen wird, ist die Aussage vermutlich auch, dass Gott nichts, was wirklich gut ist, zerstören wird. Nichts, was gut ist, kann in Gottes Universum verloren gehen.
Aber das ist nicht alles. Vers 23 spricht davon wie wir erlöst werden. Ich muss sagen, dass ich an dieser Stelle wunderbar fand, wie die „Neues Leben“ das etwas freier übersetzt: „Und selbst wir, obwohl wir im Heiligen Geist einen Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit erhalten haben, seufzen und erwarten sehnsüchtig den Tag, an dem Gott uns in unsere vollen Rechte als seine Kinder einsetzen und uns den neuen Körper geben wird, den er uns versprochen hat.“ Gott wird uns einen neuen Körper geben. Wir werden einen Körper haben, der uns nicht im Stich lässt, der nicht müde wird, der nicht alt wird, der nicht zerstört werden kann, und vor allem, der nicht krank werden kann oder von Viren, Bakterien, Parasiten und Autoimmunkrankheiten geplagt werden kann. Wir werden den Körper haben, den wir uns immer gewünscht haben.
Aber das ist immer noch nicht alles. Vers 28 ist einer der bekanntesten Verse der Bibel, der häufig zitiert wird, wenn Menschen tiefes Leid erfahren: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind.“ Alle Dinge, einschließlich aller unangenehmen und schmerzhaften Erfahrungen, dienen zu unserem Guten. Was ist damit gemeint? Viele Christen lieben Erfolgs-Storys oder Geschichten mit einem Happy End, wie zum Beispiel: „Ich habe meinen Arbeitsplatz verloren, was eine schlimme Erfahrung war. Aber danach habe ich eine bessere Stelle mit viel mehr Gehalt bekommen. Alle Dinge dienen zu meinem Besten.“ Das ist nicht das, was hier gemeint ist. Fakt ist, viele Christen erfahren viele schlimme Dinge, ohne unmittelbare Wiedergutmachung.
Wir finden die Antwort in Vers 29: „denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei.“ Das Schlüsselwort hier ist „denn“. Gott will, dass wir an Jesu Wesen und Gestalt teilhaben. Mit anderen Worten, das Gute, von dem Vers 28 spricht, ist, dass wir Jesus ähnlicher werden. Jesus ist für uns gestorben, nicht damit wir nicht mehr leiden müssen, sondern damit, wenn wir leiden, wir ihm ähnlicher werden können.
Das ist die christliche Hoffnung: Wir werden auferstehen zu einem ewigen Leben, mit wunderbaren, verherrlichten Körpern; wir werden für immer bei dem Gott sein, der uns geliebt hat, in der Gemeinschaft von allen Menschen und Engeln, die ihn lieben; alles das wird Teil einer neuen verherrlichten Welt sein, in welcher nichts, was gut ist, jemals verloren sein wird; und das Schlimmste, was uns jetzt noch in dieser Welt passieren kann, dient dazu, uns für dieses Leben bei Jesus vorzubereiten. Anders gesagt, die christliche Hoffnung bedeutet, dass nichts und niemand uns das Gute, das wir jetzt haben, wegnehmen kann; dass das Schlechte, das wir in diesem Leben erfahren, unserem Besten dient; und egal wieviel Gutes und Segen wir bereits erfahren haben, wird das Beste immer noch erst vor uns liegen.

3. Wie können wir diese Hoffnung haben?

Die Antwort ist: durch den Heiligen Geist. In den Versen 26 und 27 erklärt Paulus: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ Die Bibel argumentiert, dass wir uns nicht selbst retten können. Wir sind auf Hilfe von außen angewiesen, d. h., in einer von Leid geplagten Welt müssen wir beten. Wir müssen uns Gott zuwenden. Aber Paulus schreibt hier, dass wir noch nicht einmal das können. Wir können noch nicht einmal beten. Wir können noch nicht einmal hoffen. Aber die gute Nachricht ist, dass der Heilige Geist uns hilft. Er kommt in uns, er wohnt in uns. Und wenn wir beten, betet der Geist mit. Er tritt für uns bei Gott ein, auf eine Weise wie wir es niemals könnten. Gott schenkt uns Hoffnung durch die Wirksamkeit seines Geistes in unseren Herzen.
Zu Beginn habe ich gesagt, dass Menschen nicht ohne Hoffnung leben können. Jeder von uns hofft auf irgendetwas. Jeder von uns stellt Erwartungen an das Leben. Jeder von uns wünscht sich etwas von der Zukunft, dass es besser oder schöner oder weniger schlimm wird; dass unser Leben noch lebenswerter wird. Und wie wir gesagt haben ist Hoffnung die innere Kraft, die uns hilft, überhaupt morgens aufzustehen.
Francis Collins war ein Wissenschaftler und angehender Arzt und ein überzeugter Atheist, als er eine ältere Patientin behandelte, die eine unheilbare Herzkrankheit hatte. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Diese Patientin erzählte ihm in relativ einfachen Worten von ihrem Glauben an Gott; und wie dieser Glaube ihr Hoffnung, Mut und Frieden gab. Und dann schaute diese Patientin ihn an und sagte: „Doktor, ich habe Ihnen von meiner Familie erzählt und von meinem Glauben. Aber Sie sagen ja nichts dazu. Doktor, woran glauben Sie eigentlich?“ Niemand hatte ihm jemals diese Frage gestellt, schon gar nicht auf diese ganz einfache, aufrichtige und ehrliche Art und Weise. Er war völlig verunsichert, völlig aus dem Konzept gebracht und wollte einfach nur weg. Diese Frage führte dazu, dass er sich in den kommenden Monaten auf die Suche machte, ob es nicht doch Gründe gab, die für die Existenz Gottes sprachen. Und vielleicht kann ich dich an diesem Morgen ebenfalls fragen: Woran glaubst du? Was ist es, was dir Hoffnung gibt? Welche Hoffnung hast du in deinem Leben?
Eine Missionarstochter aus Chicago hatte mir vor vielen Jahren erzählt, wie sich ihr Onkel bekehrt hatte (ich meine, dass es der Bruder ihrer Mutter war). Ihre Eltern spielten dabei eine wichtige Rolle, aber hatten etwas unterschiedliche Herangehensweisen beim Evangelisieren. Der Ansatz ihrer Mutter war: „Wenn du nicht an Jesus glaubst, kommst du in die Hölle! Verstehst du das? Die Hölle!“ Ihr Vater hingegen versuchte es auf eine andere Weise: „Stellen wir uns vor, wir sind beide im Restaurant essen. Und das Essen, das ich bekommen habe, schmeckt ausgezeichnet und viel besser als deines. Es ist so gut, dass ich mir wünschen würde, dass du es probierst. Und so ist es mit meinem Glauben an Jesus. Er hat alle meine existentiellen Fragen beantwortet. Jesus ist so wunderbar. Ich würde mir wünschen, dass du das ebenfalls erfährst.“ Aus Gründen, die keiner von uns nachvollziehen kann, hatte das besser funktioniert.
Paulus schreibt, dass auf die Kinder Gottes eine Herrlichkeit wartet, die so unvorstellbar groß ist, dass alles Elend, das wir in dieser Welt erfahren haben, nichts im Vergleich dazu ist. Paulus minimiert das Elend nicht; er verharmlost das Böse nicht; er verniedlicht das Leid nicht. Krankheiten und Krisen, Konflikte und Kriege, Sünde und Seuchen, Tod und Teufel sind real; sie sind schlimm. Und trotzdem ist das, was Gott für uns bereithält, so unendlich herrlich, dass die schlimmsten Erfahrungen, die wir hier machen, nicht mehr als ein schlechter Traum sein werden, von dem wir morgens aufwachen und sagen: „Zum Glück nur ein Traum.“ Gott wird alles neu machen, er wird alle Tränen abwischen, er schenkt uns neues Leben, neue Körper in einer verherrlichten Schöpfung.
Nichts und niemand kann uns das Gute nehmen, das wir jetzt haben; das Schlechte wird sich in etwas Gutes verwandeln; und das Beste wird immer noch vor uns liegen. Ist das nicht besser als jedes Happyend von allen Märchen dieser Welt? Die christliche Hoffnung ist der Rolls-Royce unter allen Hoffnungen, die es gibt. Wer von uns kann sich eine größere oder bessere Hoffnung vorstellen? Welche andere Religion, welche andere Weltanschauung bietet uns eine solche Hoffnung an? Und ich würde mir wünschen, dass du das probierst und schmeckst und erfährst.