Predigt: Johannes 13,1-38 (Jahresleitwort 2026)

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Liebt euch untereinander!

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“

(Johannes 13,34)

In unserem heutigen Text gibt Jesus seinen Jüngern ein neues Gebot. Jesus hat während seines dreijährigen Wirkens auf der Erde die Menschen mit verschiedenen Gleichnissen Gottes Einladung in sein Himmelreich gelehrt und hat dabei auch etliche Anweisungen für unser Leben gelehrt. Aber in der Nacht vor seiner Kreuzigung hat Jesus seine Jünger eine Anweisung gegeben, die er als ein „Gebot“ bezeichnet hat, und zwar als „ein neues Gebot“. Dadurch hat er zum Ausdruck gebracht, dass diese Anweisung von allerhöchster Bedeutung ist und von allen Christen, die an ihn glauben, wirklich gehalten werden soll. Wir wollen den Text mit drei Fragen betrachten: Erstens, in welcher Situation gab Jesus seinen Jüngern das neue Gebot? Zweitens, was ist das neue Gebot? Und drittens: Wie können wir nach dem neuen Gebot leben und welche Auswirkungen wird das auf uns selbst und auf unsere Gemeinde haben?

1. In welcher Situation gab Jesus seinen Jüngern das neue Gebot?
Die ersten drei Verse dieses Kapitels sagen uns ausführlich, in welcher Situation dieses Gespräch von Jesus mit seinen Jüngern stattfand. Es war vor dem Passafest, dem höchsten Fest, an die Juden Jahr für Jahr nach Jerusalem kamen, um dort ein Lamm zu opfern, um sich an die Rettung ihrer Vorfahren vor Gottes Gericht und ihre Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten zu erinnern. Vor diesem Passafest erkannte Jesus aber, dass er selbst aus dieser Welt zum Vater gehen würde. Er erkannte, dass er bei diesem Passafest selbst als das Lamm Gottes sterben würde. Das Wissen, dass Jesus noch in derselben Nacht gefangen genommen, misshandelt und gekreuzigt würde, muss ihn unvorstellbar betrübt und belastet haben. Besonders schlimm war, dass einer der Jünger, einer aus Jesu engstem Freundeskreis, ihn verraten würde. Andererseits wusste Jesus, dass der Vater bereits alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging. Aber was tat Jesus in dieser spannungsgeladenen und belastenden Situation? Der Vers 1b sagt: „Und wie er die seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ In großer Not beschäftigt sich jeder irgendwie mit sich selbst. Aber Jesus dachte selbst in größter Not angesichts seines bevorstehenden Todes nicht an sich selbst, sondern war weiter erfüllt von der Liebe zu seinen Jüngern. Er wusste, dass sie auch nach seinem Tod in dieser Welt bleiben würden, und so liebte er sie bis ans Ende, bis zum letzten Atemzug. Der Ausdruck „bis ans Ende“ kann auch mit „bis zum Äußersten“ übersetzt werden.
Was tat Jesus aus Liebe zu seinen Jüngern? Jesus wollte ihnen ein neues Gebot geben; aber das tat er nicht ohne Vorbereitung. Die Verse 4 und 5 beschreiben, dass Jesus nach dem Abendessen aufstand, sein Gewand ablegte, sich ein Tuch als Schürze umband und den Jüngern einem nach dem anderen die Füße wusch. Damals waren die Straßen nicht asphaltiert, und wenn man in Sandalen auf den staubigen Wegen lief, wurden die Füße schnell schmutzig. Daher gab es einen unangenehmen Geruch im Raum, als sich die zwölf Männer mit ungewaschenen Füßen zum Essen hinlegten, wie es damals üblich war, und mancher hatte die stinkenden Füße eines anderen vor der Nase. Eigentlich hätte jeder vor dem Essen seine eigenen Füße waschen sollen; sie hatten ja keine Knechte, die das bei reichen Leuten machten. Aber keiner der Jünger wusch seine Füße. Aber Jesus, der Sohn des allmächtigen Gottes, erniedrigte sich und wusch wie ein Sklave seinen Jüngern einem nach dem anderen die schmutzigen Füße. Als Jesus bei Petrus ankam, wehrte der sich dagegen, weil es für ihn unannehmbar war, dass sein Herr und Meister ihm die Füße wäscht. Aber Jesus sagte ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du kein Teil an mir“ (8). Jesu Antwort zeigt, dass die Fußwaschung auch eine geistliche Bedeutung hat. Jesus lehrte, dass wer sich nicht von ihm waschen lässt, keine Gemeinschaft mit ihm und keinen Anteil an seinem Segen haben kann. Als Petrus das hört, bittet er Jesus, ihn von Kopf bis Fuß zu waschen. Aber Jesus erklärt: „Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein“ (11a). Wenn wir Jesus als unseren Herrn und Retter angenommen haben, werden wir von ihm gründlich gereinigt und gelten vor Gott als rein. Wir haben es dann aber dennoch nötig, uns von Jesus immer wieder von den vielen Sünden, mit denen wir uns im Alltagsleben ungewollt doch wieder schmutzig machen, reinigen zu lassen, damit wir in einer richtigen Beziehung zu ihm bleiben können.
Als Jesus fertig ist, setzt er sich wieder und fragt die Jünger: „Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Gesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut“ (12-17). Jesus will, dass diejenigen, die ihn als Herrn anerkennen, seinem Beispiel folgen und sich untereinander die Füße waschen, auch wenn das weder damals noch heute üblich war und etwas ist, was eigentlich jeder selbst tun sollte. Aber Jesus will, dass wir seinem Beispiel folgen und dem anderen demütig dienen und die Hilfe geben, die er gerade braucht, auch wenn es für uns unangenehm ist. Das kann bedeuten, dem anderen praktisch beim Einkaufen, beim Putzen oder beim Umzug oder beim Studium zu helfen, oder ihm aufmerksam zuzuhören, wenn er uns etwas erzählen will, das uns vielleicht nicht sehr interessiert. Einem anderen die Füße zu waschen, bedeutet insbesondere auch, ihm dabei zu helfen, sein geistliches Problem vor Gott zu erkennen und es vor Jesus zu bringen und von ihm gereinigt zu werden. Das erfordert wahre Liebe, Sensibilität und Demut. Jesus macht deutlich, dass es nicht reicht, wenn wir das nur theoretisch wissen oder vorhaben; er verheißt uns, dass wir selig sind, wenn wir es auch tun.
Im folgenden Abschnitt der Verse 18-30 sagt Jesus den Jüngern den Verrat durch Judas Iskariot voraus. Er war jahrelang Teil ihrer Gemeinschaft gewesen und hatte äußerlich alles mitgemacht. Doch obwohl er Jesu Worte täglich gehört hatte, hatte er Jesu Verheißung vom Reich Gottes nie klar angenommen und seine Hoffnung darauf gesetzt. Stattdessen suchte er immer noch nach etwas in dieser Welt, insbesondere nach Geld. Viele haben das Problem, Geld oder etwas anderes in der Welt zu lieben, zum Beispiel der Zöllner Levi. Aber Judas hatte seine Sünde nie vor Jesus gebracht und seine reinigende Liebe nie angenommen. Als er sich keine praktischen Vorteile mehr von Jesus erhoffen konnte, wurde er bereit dazu, Jesus zu verraten. Jesus war deswegen tief bekümmert, weil Judas durch diese Sünde allen ihm zugedachten Segen verlieren und in Ewigkeit furchtbare Konsequenzen erleiden würde. Jesus liebte Judas immer noch und gab ihm nochmal eine Gelegenheit zur Umkehr, indem er seine verborgene Sünde aufdeckte und ihm als Zeichen seiner Liebe ein Stück Brot gab. Aber Judas nahm auch Jesu letzte Einladung zur Umkehr nicht an, sondern nahm einfach das Brot und ging hinaus in die dunkle Nacht (30).

2. Was ist das neue Gebot?
Als Judas hinausgegangen war, wusste Jesus, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er verhaftet würde. Jesus nutzte die Zeit, um seinen Jüngern in den Versen 31-33 seinen baldigen Weggang anzukündigen und sie die wahre Bedeutung davon zu lehren, damit sie es richtig einordnen könnten. Jesu bevorstehender Tod war keine menschliche Tragödie, sondern würde ihn als Gottes Sohn und Christus verherrlichen und würde so auch Gott den Vater verherrlichen.
Mit dieser Zuversicht fokussierte Jesus sich darauf, in der verbleibenden Zeit seinen Jüngern noch das zu sagen, was sie unbedingt noch hören sollten. Was war das? Jesus sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
Jesus will, dass wir uns untereinander so lieben, wie er uns geliebt hat. Unsere Beziehungen zu den anderen in der Gemeinde sollen nicht oberflächlich sein oder von Bedingungen abhängen, wie viele Beziehungen in der Welt es oft tun. Sie sollen auch nicht von unserem eigenen Geschmack oder Vorteil abhängen, dass wir uns zum Beispiel nur mit denen unterhalten, die auf uns sympathisch oder interessant wirken, von denen wir uns Spaß oder irgendeinen anderen Nutzen für uns erwarten. Sie sollen auch nicht davon abhängen, wie der andere sich mir gegenüber verhält. Wir sollen die Geschwister so bedingungslos, so rein, so demütig und so konkret und hingebungsvoll lieben, wie Jesus uns geliebt hat. Das ist nicht nur Jesu Vorschlag oder sein inständiger Wunsch für uns, sondern sein neues Gebot für alle, die an ihn glauben. Als Gebot ist es vergleichbar etwa mit den Zehn Geboten, die Gott dem Volk Israel im Alten Bund gab. Es hat große Ähnlichkeit mit dem höchsten Gebot, dass wir Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen unseren Kräften lieben sollen, und unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Das neue Gebot Jesu ist genauso verbindlich wie sie. Aber es ist ein neues Gebot, weil es von Jesus für uns Gläubige im Neuen Bund gegeben wurde, und weil wir unsere Glaubensgeschwister nicht nur so sehr lieben sollen, wie wir uns selbst lieben, sondern wie Jesus Christus uns geliebt hat. Im neuen Gebot ist Jesu Liebe sowohl die Grundlage als auch der Maßstab für unsere Liebe.

3. Wie können wir nach dem neuen Gebot leben und welche Auswirkungen wird das auf uns selbst und auf unsere Gemeinde haben?
Jesus hat uns so sehr geliebt, dass er uns bedingungslos angenommen und alle unsere Sünden vergeben hat, indem er sie auf sich selbst genommen hat und am Kreuz dafür gestorben ist, um uns für immer davon zu reinigen. Wir können Jesu Gebot nur halten und andere wirklich so lieben, wenn wir seine vergebende Liebe zu uns im Bewusstsein behalten und sie täglich neu annehmen, indem wir mit unseren „schmutzigen Füßen“ zu ihm kommen und sie von ihm „waschen“ lassen. Jesu Gnade der Vergebung macht unser Herz demütig und erfüllt es mit Liebe, mit der wir andere demütig annehmen können, wie sie sind, und sie mit reinem Herzen lieben und ihnen hingebungsvoll dienen können, allen voran unsere Glaubensgeschwister in der Gemeinde.
Warum hat Jesus uns geboten, dass wir uns untereinander lieben, wie er uns geliebt hat? Warum ist es ihm so wichtig? Wir finden im Text zwei Antworten, die wir zum Schluss kurz betrachten wollen. Zum einen sagt Jesus am Ende von Vers 34: „damit auch ihr einander lieb habt.“ Jesus hat uns in unfassbarer Weise geliebt, indem er für uns auf die Erde kam und für uns gestorben ist, damit wir von der Sünde gerettet und Gottes Kinder werden konnten. Jesus liebt uns auch weiterhin mit dieser Liebe Tag für Tag, reinigt uns, erhält uns, führt uns und stärkt uns. Die Worte „damit auch ihr einander lieb habt“ drücken aus, dass es für Jesus wie selbstverständlich ist, dass wir, die seine bedingungslose Liebe erfahren haben und täglich neu erfahren, uns auch untereinander so lieben. Es ist von Gott her gesehen selbstverständlich, dass wir uns untereinander herzlich und hingebungsvoll lieben, weil wir von ihm so viel Liebe bekommen haben und täglich neu bekommen. Jesu Herz ist vergleichbar dem einer Mutter, die ihre Kinder von ganzem Herzen liebt und sehr bekümmert ist, wenn ihre Kinder einander nicht lieben, sondern lieblos miteinander umgehen. Wenn wir Jesu Liebe täglich neu annehmen und sie uns bewusst machen, werden wir unsere Geschwister, für die Jesus gestorben ist, fast automatisch lieben und suchen, wie wir diese Liebe ausdrücken bzw. was wir für sie Gutes tun können. Deine Liebe wird den anderen erfreuen, trösten, ihn im Vertrauen auf Jesus stärken, ihn ermutigen, auch in schweren Situationen den Glauben festzuhalten, sie auszuhalten und zu überwinden und Gott trotz aller Schwierigkeiten zu danken. Deine ausgeübte Liebe ist für den anderen so wichtig. Du kannst dem anderen durch deine ausgeübte Liebe so viel mehr helfen, als du denkst. Gleichzeitig hilft es dir auch, selbst in Jesu Liebe zu bleiben, wenn wir nach seinem Gebot seine Liebe an anderen praktizieren.
Zum anderen sagt Jesus im Vers 35: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Hier weist Jesus uns auf die große Bedeutung hin, die unsere Liebe untereinander für die Menschen hat, die ihn noch nicht erkannt haben. Die Menschen sind so verschieden. Jeder ist anders, und jeder hat seine eigenen Schwierigkeiten, Gott zu erkennen und ihm zu vertrauen, in seiner Persönlichkeit, wegen bestimmter Gedanken oder bestimmter Erfahrungen im Leben usw. Viele haben Vorurteile gegenüber Gott und Vorurteile über dem Glauben, oft bedingt durch Christen, die nicht überzeugend gelebt haben. Sowieso sind alle Menschen Sünder und haben ein sündiges Streben in sich, Gottes Wesen und seine Herrschaft über sich abzulehnen. Deshalb ist es oft schwer, Menschen dabei zu helfen, sich für Gott zu öffnen, auch wenn wir uns noch so sehr darum bemühen. Aber selbst da, wo die besten Argumente nicht greifen und die beste Predigt nicht ankommt, gibt es ein Mittel, das jedem Menschen helfen und ihn zur Erkenntnis führen kann, dass Jesus lebt – wenn wir Liebe untereinander haben. Wenn wir uns untereinander lieben, nicht nur oberflächlich und bedingt, sondern wie Jesus uns geliebt hat, kann selbst der überzeugteste Atheist und der größte Zweifler erkennen, dass es eine Liebe gibt, die von Gott kommen muss, und sein Herz für die Erkenntnis, dass Jesus lebt und die Liebe ist, öffnen.
Beten wir, dass wir in diesem Jahr alle in Jesu Liebe bleiben und uns untereinander so bedingungslos, rein, herzlich und hingebungsvoll lieben, wie Jesus uns geliebt hat, sodass jeder in der Gemeinde Jesu Liebe erfährt und erkennt, dass Jesus wirklich lebt und die Liebe ist!