Predigt: Galater 5,22-26

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Freiheit und der Geist

„Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.“

(Galater 5,22.23a)

Der heutige Text ist zwar sehr kurz aber gleichzeitig sehr bekannt. Letzte Woche hat R. über die Werke des Fleisches gepredigt. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Heute geht es um die Frucht des Geistes. Drei Dinge wollen wir diesbezüglich verstehen. Die Frucht des Geistes: erstens, was sie ist; zweitens, warum wir sie brauchen; und drittens, wie wir sie haben können.

1. Was ist die Frucht des Geistes?
Paulus erwähnt neun Eigenschaften: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.“ Man könnte über jede dieser Eigenschaften eine eigene Predigt dazu halten. Und tatsächlich gibt es ganz viele Gemeinden und Prediger, die genau das gemacht haben. Wir versuchen jede einzelne dieser Charaktereigenschaften etwas besser zu verstehen und zu definieren. Wir sehen, dass sich die neun Eigenschaften in Dreiergruppen organisieren lassen.
Liebe ist an erster Stelle. Liebe ist nicht nur die erste und die wichtigste Eigenschaft. Sie ist die Essenz der Frucht des Geistes. Um einen Satz von Johannes Hartl zu zweckentfremden: „Liebe ist nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts.“ Diejenigen, die etwas länger bei uns dabei sind, werden wissen, dass es in der griechischen Sprache verschiedene Wörter gab, die wir im Deutschen mit „Liebe“ übersetzen würden. Die Liebe, von der Paulus spricht, ist die agape Liebe. Es ist eine sich selbst hingebende, sich selbst aufopfernde Liebe im Dienst und zum Wohl einer anderen Person. Agape Liebe gibt ohne etwas zurück zu erwarten. Ein Satz, den Liebe niemals sagen würde, ist: „Nach allem, was ich für dich getan habe, ist das die Art und Weise, wie du mir dankst?“ Liebe stellt keine Erwartungen an andere. Unsere Worte der Liebe, unsere Handlungen der Liebe, unser Geben aus Liebe ist nicht an Bedingungen geknüpft.
Wir Älteste hatten eine kurze Diskussion darüber, ob Liebe ein Gefühl ist. Weil wir immer mehr im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz leben, können wir vielleicht folgendes Gedankenexperiment machen. Stellen wir uns vor, wir haben einen super-intelligenten Roboter, der uns dient, ohne etwas von uns zurück zu erwarten. Stellen wir uns vor, der Roboter sagt nur liebevolle Worte, erfüllt alle unsere Bedürfnisse, und am Ende opfert er sich für uns auf, indem er sich vor ein fahrendes Auto wirft, um uns zu retten. Wäre das Liebe? Nein! (Ich hoffe, ihr antwortet alle mit „nein“, auch dann wenn ihr den Film iRobot gesehen haben solltet). Am Ende des Tages ist der Roboter immer noch eine Maschine, der ein komplexes Programm abspult, zu welchem er programmiert wurde. Ein Roboter hat keine Gefühle. Agape Liebe ist zwar mehr als ein Gefühl. Aber es ist niemals weniger als ein Gefühl. Das Gefühl der Liebe liegt der Agape zugrunde.
Als zweites kommt Freude. Was ist Freude? Ich finde, dass Freude gar nicht so einfach ist, zu definieren. Mehr noch als bei Liebe, scheint man relativ eindeutig zu wissen, wenn man sich freut, weil es offensichtlich ist. Aber es ist nicht einfach, genau zu sagen, was Freude eigentlich ist. Unter den christlichen Predigern und Denkern unserer Zeit hat sich kaum jemand mehr Gedanken über die Freude gemacht als John Piper. Deshalb würde ich einfach seine Definition verwenden: „Christliche Freude ist ein gutes Gefühl in der Seele, das vom Heiligen Geist hervorgerufen wird, wenn er uns die Herrlichkeit Christi im Wort und in der Welt schauen lässt.“
Das besondere an der christlichen Freude ist, wie wenig sie an direkte äußere Umstände gekoppelt zu sein scheint. Christen können Freude haben, wenn es ihnen gut geht. Wir können auch dann Freude haben, wenn es uns objektiv schlecht geht: wenn wir krank sind, wenn wir Verluste zu verarbeiten haben, selbst dann noch, wenn wir eigentlich trauern. Christliche Freude ist an Hoffnung gekoppelt: die Hoffnung, dass Gott alles gut machen wird, weil Jesus von den Toten auferstanden ist.
Als drittes haben wir Frieden. Immer wenn wir in der Bibel das Wort Frieden lesen, sollten wir zuerst an Shalom denken. Tim George schreibt in seinem Kommentar: „So wie wahre Freude nicht anhand des Fehlens unangenehmer Umstände gemessen werden kann, so lässt sich auch Frieden nicht als das Aufhören von Gewalt, Krieg und Streit definieren. Der hebräische Begriff ‚Shalom‘ ist weitaus positiver als das; er bezieht sich auf einen Zustand der Ganzheit und des Wohlbefindens, der sowohl eine richtige Beziehung zu Gott als auch liebevolle Harmonie mit den Mitmenschen umfasst. Paulus sprach sowohl vom Frieden mit Gott, der Folge der Rechtfertigung durch den Glauben, als auch vom Frieden Gottes, der das menschliche Verständnis übersteigt.“
Nach Liebe, Freude und Frieden kommen wir zum nächsten Trio. Liebe, Freude und Frieden haben erst einmal etwas damit zu tun, in welcher Beziehung wir zu Gott stehen. Die nächsten drei haben tendenziell mehr damit zu tun, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Langmut ist die erste und wird im Deutschen auch häufig mit „Geduld“ übersetzt. Langmut und Geduld ist die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, die uns auf den Keks gehen. Es ist die Fähigkeit, Menschen zu ertragen, die schwer erträglich sind: es können die Nachbarn sein, die einfach viel zu empfindlich sind und sich wegen jeder Kleinigkeit beschweren; oder die Kollegen, die unpünktlich, unzuverlässig, unorganisiert sind oder rücksichtslos und viel zu laut telefonieren; oder die zweijährige Tochter, die eigentlich seit einer Stunde im Bett sein müsste, aber stattdessen seit einer Stunde herumquengelt oder aus Leibeskräften schreit. Wir alle haben anstrengende Menschen in unserer Umgebung und brauchen Langmut.
Und wir brauchen Freundlichkeit. Das griechische Wort chrestotes bedeutet Vorteilhaftes, Gütigkeit, Milde. Die Wuppertaler Studienbibel erklärt: „Es ist diejenige Gnädigkeit, die die ganze Natur durchdringt und alles weich macht, was hart und streng gewesen wäre. So wird der Wein mild durch das Alter und das Joch Christi sanft oder angenehm, so dass es nichts Hartes oder Rauhes mehr an sich hat.“ Ich finde, dass es das ganz gut beschreibt. Das Gegenteil von freundlich wäre schroff, hartherzig und ungehobelt.
Dann kommen wir zu Güte. Das Wort Güte wird im NT nicht häufig verwendet. Es hat eine ähnliche Bedeutung wie das vorhergehende Wort „Freundlichkeit“. Gemeint ist eine charakterliche Milde.
Die letzte Dreiergruppe beschreibt christliche Eigenschaften, die sich dann zeigen, wenn man unter Anfechtung steht. Treue bedeutet, dass man verlässlich und vertrauenswürdig ist, vor allem deshalb, weil man immer zu seinem Wort steht. Wir sind dann treu, wenn zwischen unserem Wort und unserem Leben völliger Einklang ist.
Sanftmut kann vielleicht als Demut verstanden werden. Diese Demut äußert sich in Freundlichkeit. Aber es ist keine verweichlichte Freundlichkeit, sondern eine Freundlichkeit mit Kraft. Verschiedene Kommentatoren haben darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus sanftmütig ist. Seine Sanftmut hat ihn aber nicht davon abgehalten, im Tempel die Händler rauszuwerfen.
Und schließlich Enthaltsamkeit. Paulus verwendet dieses Wort, wenn er von Athleten spricht, die sich auf einen großen Wettkampf vorbereiten. Wir können uns vorstellen, wie diszipliniert Leistungssportler sein müssen und auf was sie alles verzichten müssen, um richtig trainieren zu können und im Wettkampf ihre Höchstleistung zu erbringen. Tim Keller definiert Enthaltsamkeit als die Fähigkeit, das Wichtige über dem Dringenden zu stellen. Das Gegenteil davon wäre immer nur impulsiv zu sein.
Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit, alles das ist die Frucht des Geistes. Ihr habt es vermutlich schon gemerkt: Frucht ist im Singular. Alle neun Eigenschaften zusammen genommen sind die Frucht des Geistes. D.h., wenn der Heilige Geist in uns wirkt, dann werden alle neun Eigenschaften gemeinsam in uns heranreifen. Und das ist sehr wichtig für uns zu verstehen. Es geht hier nicht einfach um angeborene Charaktereigenschaften.
Zum Beispiel mag es Leute geben, die haben einen Geduldsfaden, der einem Drahtseil gleicht. Man kann sie ärgern und provozieren wie man will, aber sie haben einfach große Geduld. Aber vielleicht fehlt es der Person an Treue. Man kann sich nicht auf diese Person verlassen, weil sie unzuverlässig ist; weil sie sich nicht an Absprachen hält, weil sie gegebene Versprechen bricht. Oder vielleicht hat eine andere Person richtig viel Freude. Es gibt ja Menschen, die sind schon gut gelaunt auf die Welt gekommen, eine richtige Frohnatur halt. Aber vielleicht kriegt die gleiche Person ihr Leben nicht auf die Reihe, weil sie nicht in der Lage ist, das Wichtige, das getan werden muss, einfach umzusetzen. Diese Person hat einfach keine Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin.
Was wir verstehen müssen ist, dass es angeborene Neigungen gibt. Und das ist nicht das, was mit der Frucht des Geistes gemeint ist. Wenn der Heilige Geist anfängt, in Christen zu wirken, dann wachsen alle Eigenschaften in uns, gleichermaßen. Liebe wächst in uns und mit der Liebe kommen Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit.

2. Warum brauchen wir die Frucht des Geistes?
In Kapitel 5 hatten wir den Höhepunkt des Galaterbriefes: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Das Evangelium schenkt uns Christen Freiheit: Freiheit von Sünde, Schuld und vom Gesetz. Aber was heißt das genau? Wir Menschen haben einen freien Willen. Aber wir werden an der Ausübung unseres freien Willens gehindert, weil wir alle von irgendetwas gebunden sind. Wir haben gesagt, dass die christliche Freiheit nicht einfach die Abwesenheit von Fesseln, Mauern, Aufsehern, Chefs, Lehrern oder Eltern ist. Die christliche Freiheit kann nicht auf die Abwesenheit von Restriktionen reduziert werden. Warum? Weil die Freiheit von Sünde bedeutet, dass wir auch nach und nach davon befreit werden, das zu wollen, was schlecht für uns ist.
Paulus erklärt im Verlauf des Kapitels, was es bedeutet, in Freiheit zu leben. In den Versen 13 und 14 und schreibt er: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Vor zwei Wochen hatte ich die Frage gestellt, ob Freiheit ein Mittel ist, das einem höheren Ziel dient; oder aber, ist Freiheit selbst das Ziel? Hat Jesus uns befreit, damit wir unsere Freiheit nutzen, um ein anderes Vorhaben zu erreichen; oder hat Jesus uns befreit, weil die Freiheit selbst das Vorhaben ist, für das wir leben sollen? Und die Antwort auf diese Frage lautet: ja! Beides stimmt.
Wir alle verstehen, dass es so etwas wie absolute Freiheit nicht gibt. Wir alle von uns leben mit kleinen und großen Einschränkungen. Die christliche Freiheit ist nicht, dass wir alles tun und lassen können, was wir wollen. Die christliche Freiheit ist, dass wir dazu befreit werden, das Richtige zu wollen. Ein Beispiel: Ein Alkoholiker, der einfach nur darauf aus ist, den nächsten Drink zu haben, ist nicht frei. Er wäre auch dann nicht frei, wenn er allen Alkohol der Welt hätte: Er würde seine Gesundheit vollends ruinieren, und seine Sucht würde ihm das Leben kosten. Jetzt könnte man sich fragen: „Alkohol ist doch eine gute Energiequelle. Warum können wir uns nicht von Alkohol ernähren?“ Die Antwort ist: Weil es Gift für unseren Körper ist. (Man hat lange Zeit gedacht, dass geringe Mengen von Alkohol unbedenklich sind. Aktuelle Studien haben aber gezeigt, dass Alkohol selbst in kleinen Dosen schädlich sind. Die Antwort auf die Frage, welche Alkoholmenge für den Körper unschädlich ist, lautet: kein Alkohol).
Eine andere Illustration. Eckhart von Hirschhausen erzählte davon, wie er im Zoo einen Pinguin sah. Seine ersten Gedanken dazu: „Was für ein armes Würstchen. Was ist das für ein komischer Vogel, der nicht fliegen kann. Kein Hals, dicker Bauch, und dann hat der Schöpfer scheinbar auch noch die Knie vergessen. Wie unbeholfen der da auch noch herumwatschelt! Mein Urteil stand fest: Das ist ja wohl die volle Fehlkonstruktion!“ Der Pinguin machte einen Sprung ins Wasser und fing an, zu schwimmen. Und dann hatte Hirschhausen einen Aha-Moment: „Wer jemals einen Pinguin hat schwimmen sehen, weiß: Pinguine können fliegen! Im Wasser! Ich sah, wie sich dieser Pinguin schnell, elegant und mit einer Leichtigkeit bewegte, dass mir der Atem stockte.“ Das Wasser ist das Element, für das Pinguine geschaffen sind.
Was ist das Element, für das wir geschaffen wurden? In Vers 25 schreibt der Apostel: „Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln.“ Die Antwort ist der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist das Element, in dem wir frei leben können. Der Geist ist für uns das, was Wasser für die Fische ist: die Umgebung, die wir brauchen, um zu leben. 2. Korinther 3,17 sagt: „Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Wer den Geist Gottes hat, der ist befreit. Der Umkehrschluss ist, dass es ohne den Geist keine Freiheit gibt.
Vielleicht habt ihr euch gefragt, was der Unterschied zwischen „leben“ und „wandeln“ ist. In einer etwas freieren Übersetzung heißt es: „Wenn der Heilige Geist die Quelle unseres Lebens ist, dann lasst ihn auch unseren Weg lenken.“ Tim George erklärt es so: „Wenn wir im Geist leben“ ist eine vollendete Tatsache; „lasst uns auch im Geist wandeln“ ist die Aufforderung entsprechend zu leben. Es ist eine Parallele zu den Versen 1 und 13. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ ist das, was Jesus an uns getan hat; „steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen“ ist die Aufforderung, die Freiheit zu verteidigen. „Denn ihr seid zur Freiheit berufen“ ist das, was Gott in Christus für uns vollbracht hat. „dient einander in Liebe“ ist die Aufforderung in Freiheit zu leben. Das eine erklärt, wer wir in Christus geworden sind: befreit, berufen, Lebende im Geist; das andere erklärt, wie wir leben sollen: frei, in Liebe dienend, im Geist wandelnd. Alle drei sind unterschiedliche Facetten von ein und derselben Wahrheit: Freiheit bedeutet durch den Heiligen Geist in Liebe zu leben.
Warum brauchen wir also die Frucht des Geistes? Es ist die einzige Art und Weise wie wir frei leben können. Es gibt keine Alternative dazu.

3. Wie können wir die Frucht des Geistes haben?
In Vers 24 lesen wir: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“ Zur Erklärung: Wenn wir das Wort Fleisch lesen, dann denken wir ganz häufig an unseren Körper. Einige der Werke des Fleisches, die Paulus in den Versen 19 und folgende auflistet, haben auch etwas mit dem Körper zu tun: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, maßloses Trinken und Essen. Das sind Sünden und Laster, bei welchen unsere Körper beteiligt sind. Viele lesen diesen Text als ein: Sei richtig hart zu dir, vor allem zu deinem Körper; du musst deinen Körper hassen und eisern disziplinieren. Und genau das ist nicht gemeint.
Vers 24 beginnt mit den Worten: „Die zu Christus Jesus gehören …“ Wenn du Jesus Christus angehörst, dann trifft etwas auf uns zu, nämlich die Tatsache, dass unser Fleisch, Leidenschaften und Begierden gekreuzigt sind. Mit anderen Worten, Jesus hat sie mit ans Kreuz genommen, als er für uns starb. In Galater 2,19 schrieb Paulus: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden.“ Als Jesus für mich gestorben ist, bin ich mit ihm zusammen gestorben. Als er auferstanden ist, bin ich mit ihm auferstanden. Ich habe ein neues Leben in Christus bekommen. Die Frucht des Geistes entsteht in uns, wenn das, was Jesus für uns am Kreuz getan hat, zum Zentrum unseres Lebens wird. Die Frucht des Geistes wächst in uns, wenn wir immer und immer wieder zum Evangelium zurückkommen. Die Frucht des Geistes reift in uns, je mehr unser Denken, Handeln und Leben von der Liebe Gottes geformt wird, die Liebe, die Er am Kreuz von Golgatha demonstriert hat. Es ist ein Prozess, der unser ganzes Leben lang andauert.
Ein paar Anwendungen: Ich fand eine Illustration von Johannes Hartl sehr hilfreich. Angenommen wir haben ein Stück Garten und machen aber damit gar nichts. Wir graben ihn nicht um, wir pflanzen nichts, wir gießen nicht, wir jäten kein Unkraut. Der Garten wird Frucht bringen, aber keine guten Früchte: keinen Salat, Karotten, Erdbeeren oder irgendetwas, was uns schmeckt oder gut tut. Gott schenkt uns einen Herzensgarten. Im Geist zu wandeln, bedeutet, unter der Leitung des Geistes und mit Hilfe des Geistes, unseren Garten so zu bearbeiten, dass seine Frucht wachsen kann. Konkret tun wir das durch geistliche Disziplinen: Stille Zeit am Morgen mit dem Lesen von Gottes Wort und mit einem reichhaltigen Gebetsleben in seinen vielen verschiedenen Facetten, geistliche Gemeinschaft, vielleicht auch Fasten oder zeitlich limitierte Zurückgezogenheit, Schweigen etc. Wie sieht dein Herzensgarten aus? Vielleicht will der Heilige Geist dich an diesem Morgen einladen, wieder in die Arbeit im Garten zu investieren.
Zweite Anwendung: Die Frucht wächst. Die Frucht des Geistes ist auch deshalb ein wunderbares Bild, weil Frucht langsam wächst. Frucht entsteht nicht von heute auf Morgen. Wir sehen keinen Unterschied von Tag zu Tag. Aber wir sehen sehr wohl einen Unterschied von Jahr zu Jahr und Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Trotz der langen Zeitspannen ist heute unersetzlich wichtig. John Ortberg sagte folgendes: „Du wirst dich heute verändern.“ Du wirst heute liebevoller werden oder egoistischer. Du wirst heute geduldiger werden oder ungeduldiger. Du wirst heute ein freudigerer Mensch werden oder ein griesgrämiger. Was du heute nicht tun wirst, ist, die gleiche Person zu bleiben. Weil wir uns heute verändern werden, warum nicht mit dem Heiligen Geist zum Guten?
Als letztes, wir dürfen darauf vertrauen, dass eine übernatürliche Kraft mit uns ist. Greg Boyds Vater kam sehr spät in seinem Leben zum Glauben. Er schrieb folgendes über seinen Vater: „Obwohl ich von Freude überwältigt war, als mein Vater die Entscheidung traf, Jesus anzunehmen, war ich nicht besonders optimistisch, wie viel Veränderung es in seinem Leben nach der Bekehrung noch geben würde. Im Alter von 73 Jahren war er viel älter als die meisten Menschen, die zu Jesus kommen, und er war ziemlich stur. Mein Pessimismus hätte nicht unangebrachter sein können. In der Tat ist es schwierig, die Tiefgründigkeit zu übertreiben, mit welcher der Heilige Geist meinen Vater die letzten 11 Jahre seines Lebens veränderte.
Eine dramatische Veränderung war die emotionale Zärtlichkeit in meinem Vater. Der ungläubige Ed Boyd drückte seine Gefühle fast nie aus und ganz bestimmt nicht in der Öffentlichkeit. Aber der christliche Ed Boyd war ein Mann, der sein Herz auf der Zunge hatte. Mein Vater weinte jedes Mal vor Freude, wenn er davon hörte, wie Menschen durch unseren Briefaustausch zum Glauben kamen.
Die tiefgründigste Veränderung in meinem Vater nach seiner Bekehrung war seine grundlegende Gemütsverfassung. Der nicht gläubig Ed Boyd war normalerweise streitsüchtig und schlecht gelaunt. So oft ärgerte er sich über etwas und drückte seinen Ärger verbal aus. Bald nachdem er sich Christus hingegeben hatte, hatte er einen tiefen Frieden, eine durchdringende Freundlichkeit und – am verwunderlichsten – eine wunderbare Dankbarkeit, die ich vor seiner Bekehrung nie gesehen hatte.
Was diese Veränderung umso erstaunlicher machte, war die Tatsache, dass kurz nachdem er Jesus sein Leben gegeben hatte, er mehr Gründe bekam, sich zu beschweren, als er sich jemals erträumt hätte. Ein Jahr nach seiner Bekehrung erlitt er den ersten von mehreren lähmenden Schlaganfällen. Der vorchristliche Ed Boyd hätte einfach nur gejammert, aber der christliche Ed Boyd beklagte sich fast nie.
Obwohl das seltsam klingt wurde mein Vater umso dankbarer, je schlechter es ihm ging. Vor seinem letzten Schlaganfall, der ihn ins Koma brachte, war ich mit meinem Vater, als er plötzlich ohne ersichtlichen Grund anfing zu weinen. Ich schrie in sein Hörgerät, dass er mir erklären sollte, warum er weinte. Während er in Windeln auf dem Rollstuhl saß, unfähig die grundlegendsten Dinge selbst zu erledigen, fast vollständig blind und taub, sagte dieser einstige Querulant: »Weil ich mich so von Gott gesegnet fühle, einfach nur hier sein zu dürfen.« Ich umarmte ihn, während wir beide weinten.
Als ein Zeuge der unergründlichen Liebe und Macht Gottes, kann ich sagen, dass dieser Mann definitiv nicht der gleiche Vater war, mit dem sich aufgewachsen war.“
Das ist die Frucht des Geistes. Der Heilige Geist kommt in uns, verändert uns. Wenn wir ihn lassen, bringt er in uns die Frucht des Geistes hervor.