Predigt: Galater 3,1-14

Kategorien:

Download [ODT]  [PDF]          Bibeltext       

Wie Jesus uns rettet

„Ihr unvernünftigen Galater, wer hat euch verblendet? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich als der Gekreuzigte vor Augen gestellt worden?“

(Galater 3,1 [EÜ])

Wir studieren den Galaterbrief, weil dieser kurze Brief uns erlaubt, ein besseres Verständnis vom Evangelium zu bekommen. Zur Erinnerung: Das Evangelium bedeutet gute Nachricht oder frohe, froh machende Botschaft. Für mich wird dieser Brief für immer mit unseren ersten Wochen und Monaten in Boston verbunden bleiben. G. und ich waren gerade erst nach Boston gezogen. Wir hatten Abendessen mit unserem älteren Freund M. Er hatte uns mitgeteilt, dass er gerne diesen Brief mit uns studieren wollte, um unser gemeinsames Verständnis vom Evangelium zu schärfen. Im Englischen gibt es das Wort „grasp“, was „etwas begreifen“ bedeutet. Das gleiche Wort wird auch für „etwas greifen“ und „der Griff“ verwendet. Im Deutschen ist das ebenfalls der gleiche Wortstamm. Stellen wir uns vor, wir greifen nach einer Kaffeetasse oder nach einem Glas. Wenn unser Griff schwach ist, fällt uns die Tasse oder das Glas aus den Händen. So ähnlich ist das mit dem Evangelium. Es geht darum, unser Begreifen des Evangeliums so zu stärken und so präzise zu machen, dass es uns nicht so leicht aus dem Herzen gleitet.
Paulus geht der Frage nach, wie Jesus uns rettet. Mindestens drei Antworten finden wir auf das „wie“. Erstens, wie weitreichend ist Jesu Rettung? Zweitens, durch welche Art und Weise rettet uns Jesus? Drittens, wie wenden wir diese Rettung auf uns an? Wir könnten das vielleicht auch so formulieren. Paulus zeigt uns die Qualität der Rettung, die Methode der Rettung und die Anwendung dessen.

1. Die Qualität der Rettung
Vers 1 beginnt mit den Worten: „Ihr unvernünftigen Galater, wer hat euch verblendet?“ Luther übersetzt es folgendermaßen: „O ihr unverständigen Galater!“ Im Urtext steht hier tatsächlich ein „O“. D. h., wir lesen einen Text, der fast 2.000 Jahre alt ist, und der Ausruf „O“ hatte damals schon die gleiche Bedeutung, die es heute hat. Dieser Ausruf zeigt uns zum einen, dass Paulus hier etwas verzweifelt war; und zum anderen kommt zum Ausdruck, dass Paulus eine sehr väterliche Beziehung zu ihnen hatte. „Unvernünftig“ oder „unverständig“ sind noch eine relativ freundliche Übersetzung. Eine andere Möglichkeit, das zu übersetzen stammt von John Bertram Phillips, ein anglikanischer Bibelübersetzer: „O ihr lieben Dumpfbacken aus Galatien … ihr könnt doch unmöglich so dumm sein?“ Ich glaube, dass das den Ton von Paulus sehr gut trifft.
Paulus erinnert die Galater an ihre eigene Bekehrung. Vers 2 und folgende: „Dies eine möchte ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch das Hören der Glaubensbotschaft empfangen? Seid ihr so unvernünftig? Im Geist habt ihr angefangen und jetzt wollt ihr im Fleisch enden? Habt ihr denn so Großes vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war?“ Wir sehen hier, dass Paulus ziemlich selbstverständlich davon ausgeht, dass die Bekehrung ein übernatürliches Ereignis ist. Das ist vermutlich nicht unbedingt das, was sich unsere Gesellschaft vorstellt. Angenommen wir würden einen Buddhisten fragen, warum er Buddhist ist, wäre die Antwort vielleicht: „Ich komme aus Thailand, und meine ganze Familie ist buddhistisch.“ Oder aber, wenn diese Person aus Deutschland ist, lautet die Antwort eher: „Ich hatte da mal ein Buch dazu gelesen und fand es sehr einleuchtend oder hilfreich.“ Der Grund für religiöse Anhängerschaft ist häufig kulturell bedingt oder intellektuell, weil es Sinn zu ergeben scheint. Und ich will nicht sagen, dass es beim christlichen Glauben nicht so ist. Aber das ist bei Weitem nicht alles. Paulus erwähnt hier das Empfangen des Heiligen Geistes, und er erwähnt etwas, was die Einheitsübersetzung [EÜ] als „Großes“ bezeichnet.
Wenn du anfängst, an Jesus zu glauben, dann geschieht etwas, was nicht von dieser Welt ist. Du empfängst den Heiligen Geist. Gott, der Heilige Geist fängt an, in dir zu wohnen, ein Teil von dir zu werden und dich immer mehr zu verändern. Und wenn du Jesus nachfolgst, wirst du außergewöhnliche, übernatürliche Dinge erfahren. Du wirst erfahren wie Gott anfängt deine Gebete zu beantworten. Als Nathanael sich darüber gewundert hatte, dass Jesus etwas über ihn wusste, was unglaublich privat gewesen sein muss, antwortete Jesus ihm (Joh 1,50): „Du glaubst, weil ich dir sagte, dass ich dich unter dem Feigenbaum sah; du wirst noch Größeres als dieses sehen.“ Das ist es, woran Paulus die Galater erinnerte. Sie hatten Übernatürliches erfahren. In Vers 5 fragte er sie: „Warum gibt euch denn Gott den Geist und bewirkt Machttaten unter euch? Aus Werken des Gesetzes oder aus dem Hören der Glaubensbotschaft?“
Was heißt das dann in Bezug auf das Evangelium? Paulus spricht in Vers 3 von „anfangen“ und „enden“. Das Evangelium ist nicht nur der Anfang unserer Errettung, sondern auch das Ende. Das Evangelium ist nicht nur die Botschaft, die uns rettet; das Evangelium ist auch die Botschaft, die uns zeigt und hilft, unser Leben nach der Rettung zu leben. Das Evangelium ist nicht nur die „Eintrittskarte“ zum „Konzert“; das Evangelium ist das „Konzert“ selbst. Im Johannesevangelium hatte Jesus gesagt, dass er die Tür ist (Joh 10,9); wenige Kapitel später sagte Jesus von sich selbst, dass er auch der Weg ist (Joh 14,6). Jesus ist beides. Die Qualität der Rettung Jesu ist, dass er uns nicht nur einmal alles vergibt; seine vergebende Gnade ist das, was uns unser ganzes Leben hindurch rettet, bis wir bei ihm sind. Es spielt keine Rolle, wie lange wir im Glauben unterwegs sind. Wir wachsen niemals aus dem Evangelium heraus. Das ist einer der Gründe, weshalb wir hier alle gemeinsam im Gottesdienstraum sitzen. Man könnte ja meinen, dass wir anfangs ein paar schöne Lieder zusammen singen; und danach teilen wir uns in mindestens 10 verschiedene Gruppen auf und hören Predigten, die auf das Stadium unseres Glaubenslebens angepasst sind: für die Anfänger, für die Fortgeschrittene und für die Profis. Und genau das tun wir offensichtlich nicht. Der Grund weshalb wir das nicht tun, ist der, dass wir alle die frohe Botschaft von Jesus hören müssen, ganz egal wie lange wir schon mit Jesus unterwegs sind. N.T. Wright ist einer der einflussreichsten und gelehrtesten Theologen unserer Zeit. Er liest und studiert das Neue Testament auf Griechisch, so dass er große Teile auf Griechisch aufsagen kann und schreibt mehr Bücher über die Bibel als man lesen kann. Er besucht in England ebenfalls eine lokale Gemeinde. Jemand hatte dann gemeint: „Der arme Pastor dieser Gemeinde! Vor solch einem intellektuellen Giganten zu predigen und ständig befürchten zu müssen, nach der Predigt zu hören: «das, was du heute gesagt hast, war nicht ganz richtig». N.T. Wrights Antwort darauf war, dass wenn er am Sonntag in die Gemeinde geht, er ein Christ ist wie jeder andere; dass er ebenfalls das Evangelium hören muss, dass er ebenfalls hören muss, dass er von Gott geliebt ist. Wir sitzen alle im gleichen Boot.
In seinem Kommentar zum Galaterbrief verwendet N.T. Wright eine extrem hilfreiche Illustration, wie ich finde. Im 19. Jahrhundert gab es einen französischen Seiltänzer namens Charles Blondin, der die Niagaraschlucht auf einem Seil überquerte. Blondin war so gut, dass es ihm nicht ausreichte, auf dem Seil zu balancieren. Er machte das Ganze auch mit verbunden Augen, oder mit einer Schubkarre, oder er fing an, auf dem Seil ein Omelett zu braten und zu essen. Er trug auch einen Mann über das Seil. Stellen wir uns vor, dass du die Person bist, die auf dem Rücken von Charles Blondin auf dem Seil über die Schlucht getragen wird. Und stell dir uns vor, dass du mittendrin dem Künstler sagst: „Vielen Dank, dass du mich bis hierher getragen hast. Ich würde jetzt gerne alleine zum Ende laufen.“ Er würde dich vermutlich fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast. Und genau das ist es, was Paulus die Galater fragte. Jesus hat uns bis hierher getragen. Warum sollten wir jetzt der Ansicht sein, dass wir ihn nicht mehr brauchen?

2. Die Methode der Rettung
In den Versen 10 und folgende spricht Paulus von einem Fluch. Vers 10: „Diejenigen aber, die aus den Werken des Gesetzes leben, stehen unter einem Fluch. Denn geschrieben steht: Verflucht ist jeder, der sich nicht an alles hält, was das Buch des Gesetzes zu tun vorschreibt.“ Paulus argumentiert, dass es prinzipiell zwei Arten gibt, zu leben: aus dem Gesetz oder aus dem Glauben. Die eine Art zu leben, heißt, darauf zu vertrauen, was wir leisten und was wir können. Die andere Art zu leben, bedeutet, darauf zu vertrauen, was Jesus für uns getan hat. Um nicht falsch verstanden zu werden: Das, was das Gesetz von uns erfordert, ist gut (Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst). Es geht nicht darum, ob das Halten des Gesetzes gut oder schlecht ist. Es geht auch nicht darum, ob wir uns ans Gesetz halten sollen oder nicht. Natürlich sind wir verpflichtet, Gott zu gehorchen. Das steht nicht zur Debatte. Sondern es geht um die Frage, worauf man vertraut. Es geht um die Frage, worin man seine Rettung sucht. Was ist es, was unser Leben validiert, was uns als Menschen rechtfertigt, was uns die Bestätigung gibt, das wir „in Ordnung“ sind? Werke oder Jesus? Paulus schreibt hier, dass aus den Werken des Gesetzes zu leben, bedeutet, unter einem Fluch zu stehen.
Wie äußert sich dieser Fluch? Auf der einen Seite steht das Gericht Gottes. Jeden Sonntag sagen wir gemeinsam das Apostolische Glaubensbekenntnis auf. Wir bekennen damit, dass wir daran glauben, dass Jesus eines Tages kommen wird, die Lebenden und die Toten zu richten. Wenn Werke das sind, worauf wir vertrauen, dann bedeutet es, dass wir für einen Gerichtstermin vorgemerkt sind. Der Fluch bedeutet, eines Tages vor dem Richter des Himmels und der Erde stehen zu müssen; und dass wir Rechenschaft geben müssen für alle unsere Taten. Der Fluch ist, dass wir aufgrund von dem gerichtet werden, was wir getan haben: Welche lieblosen und unwahren Dinge wir gesagt haben, wie wir mit unserer Zeit, unserem Geld und unseren Ressourcen umgegangen sind. Welche Werke der Liebe und Barmherzigkeit wir unterlassen haben. Wenn wir wirklich ehrlich mit uns selbst sind, dann wissen wir, dass wir nicht so sind, wie wir hätten sein sollen.
Viele Menschen finden es heute anstößig und lächerlich an ein zukünftiges Gericht zu glauben. Selbst wenn du nicht an dieses Gericht glauben kannst, möchte ich argumentieren, dass dieser Fluch absolut real ist: Das zukünftige Gericht wirft seine Schatten auf unser Leben im Hier und Jetzt. Wenn dein Selbstbild auf dem beruht, was du geleistet hast, dann wirst du dich immer defizitär und ungenügend fühlen. Ein paar persönliche Fragen: Wer von euch hatte schon einmal ein tiefes Gefühl von Minderwertigkeit? Wer von euch hatte sich schonmal zutiefst unwürdig gefühlt? Wer von euch hatte schon einmal Gefühle von Selbstverdammnis oder den Eindruck, dass wir uns nicht selbst vergeben können? Wer von euch hatte schon einmal Hochstapler-Syndrom. Das Gefühl, dass man denkt, nicht die Fähigkeiten, die Erfahrung, die Qualifikationen zu haben, die es auf der Arbeit braucht; und die Angst davor, dass man auffliegt und dass alle mitbekommen, wie inadäquat man ist? Wer von euch hatte ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit mit dem, was man selbst geschafft hat, gefolgt von Missmut und Frustration?
In der Serie „How I met your mother“ ist Lily eine glücklich verheiratete Frau und eine Mutter. Lily hatte früher einmal Kunst studiert aber niemals in dieser Branche gearbeitet, weil sie Kindergärtnerin geworden ist. Eines Tages trifft sie auf eine arrogante Kunstkuratorin und einen reichen Kunstsammler. Die Kunstexpertin verhält sich herablassend gegenüber Lily, und der Kunstsammler sagt Lily, dass sie keine Ahnung hat, weil sie ja „nur“ eine Kindergärtnerin ist. (Anmerkung: Erzieher ist ein ungemein wichtiger und völlig unterbezahlter Job). Und diese Worte lösen in ihr eine Krise aus, so dass sie einen wertvollen Gegenstand stiehlt. Marshall, ihr Ehemann, versteht die Welt nicht mehr. Er stellt sie zur Rede: „Lily, was ist daran so schlimm? […] Er hat also gesagt, du seist nur eine Kindergärtnerin. Warum lässt du dich davon so aus der Ruhe bringen?“ Sie weint: „Weil er recht hatte. Ich bin nur eine Kindergärtnerin. Und ja, ich habe einen Abschluss in Kunstgeschichte und eigentlich hätte ich etwas damit machen sollen, aber das habe ich nicht. Irgendwann habe ich vergessen, meinen Traum zu verfolgen, und … und jetzt bin ich alt und Mutter, und für mich ist es einfach zu spät.“ Marshall versucht, sie zu trösten und sagt ihr, dass es nicht zu spät ist; und dass er diese arrogante Frau finden und ihr eine herunterhauen wird. Und er versichert ihr: „Hör zu, ich verspreche dir: Deine besten und aufregendsten Tage liegen noch vor dir.“ Und hier kommt dann die traurige und erschütternde Antwort von Lily: „Ich liebe dich so sehr dafür, dass du das sagst. Aber es kommt ein Punkt im Leben, an dem das einfach nicht mehr stimmt.“
Der Fluch ist, dass es einen Punkt im Leben gibt, an dem die besten und aufregendsten Tage hinter uns liegen. Der Fluch ist, dass eines Tages unser ganzes Leben vorbei ist; dass alles wofür wir gelebt haben, vergänglich und wertlos ist; dass der Tod uns alles nimmt, was wir aufgebaut haben und jede Beziehung zunichtemacht; dass das Leben am Ende des Tages vergeblich, wertlos und sinnlos ist.
Wie macht uns dann Gott von dem Fluch frei? Verse 13 und 14: „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Völkern durch ihn der Segen Abrahams zuteilwird und wir so durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen.“ Das Gesetz sagte, dass diejenigen, die am Holz hängen, verflucht sind. Das traf sprichwörtlich auf Jesus zu, als er am Kreuz hing. Der Tod am Kreuz war nicht nur physisch grausam und unvorstellbar qualvoll. Es war gleichzeitig ein Tod der absoluten Schmach und Scham. Es war eine öffentliche Zurschaustellung und Demütigung. Dieser Tod war ein Fluch. Paulus sagt, dass Christus für uns zum Fluch geworden ist.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass unser Fluch auf ihn gefallen ist. Jesus hat unseren Fluch ganz auf sich genommen. Die Art und Weise wie Gott uns rettet, ist durch einen gewaltigen Tausch. Jesus ist der vollkommene Sohn Gottes. Er hat das perfekte Leben geführt; er ist derjenige, an dem der Vater absolutes Gefallen hat. Wir sind das Gegenteil davon. Der Tausch geschieht durch Anrechnung. Unsere Ungerechtigkeit wird Jesus angerechnet. Am Kreuz trug Jesus all unser Unvermögen und unsere Untreue, alle unsere Vergehen und Versagen, alle unsere Sünde und Schuld. Und dafür wird die Gerechtigkeit Jesu uns angerechnet. Die Konsequenz ist, dass wenn wir auf Jesus vertrauen, wir durch ihn den Segen Abrahams und den ganzen Segen Gottes durch seinen Heiligen Geist empfangen können.
Das ist die Art und Weise, die Methode, wie Gott uns rettet. In Jesus Christus tauscht Gott Plätze mit uns.

3. Die Anwendung der Rettung
Was die Anwendung des Evangeliums angeht, verwendet Paulus verschiedene Ausdrücke. Vers 1: „Ihr unvernünftigen Galater, wer hat euch verblendet? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich als der Gekreuzigte vor Augen gestellt worden?“ Paulus spricht hier davon, dass die Galater Jesus am Kreuz vor die Augen gestellt bekamen, und zwar mit solch einer Klarheit wie ein Portrait auf einem großen Plakat. Es geht hier also ums Sehen. In Vers 2 spricht Paulus von einer anderen Sinneseigenschaft: „Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch das Hören der Glaubensbotschaft empfangen?“ Hier ist die Rede von Hören und Empfangen. Diesen gleichen Ausdruck verwendet Paulus auch in Vers 5.
Und dann verwendet Paulus in unserem heutigen Text das Wort „glauben“ mehr als sieben Mal. Verse 6 und folgende: „So auch bei Abraham: Er glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams. Und da die Schrift vorhersah, dass Gott die Völker aufgrund des Glaubens gerecht macht, hat sie dem Abraham im voraus verkündet: In dir sollen alle Völker gesegnet werden.“ Der Kontext macht klar, dass es Paulus nicht ums physische Sehen und Hören ging. Sehen und Hören sind Metaphern für den Glauben. Aber sie sind hilfreiche Illustrationen aus mindestens zwei Gründen.
Zum einen, wir alle haben schonmal den Satz gehört „Du kannst glauben, was du willst“. Und in gewisser Weise stimmt das auch, zum Glück, weil wir in einem freien Rechtsstaat leben mit Religionsfreiheit. Gleichzeitig ist der biblische Glaube nicht ein „erfinde etwas in einem Herzen, woran du glauben kannst“. Der Glaube in der Bibel ist nicht subjektiv. Sehen und Hören beziehen sich auf eine objektive Realität, die außerhalb von uns ist. Wir nehmen etwas wahr, was draußen ist, nicht in uns selbst. Aber durch das Sehen und Hören verstehen wir, dass die Realität draußen etwas mit uns zu tun hat; dass die frohe Botschaft für uns Relevanz hat; dass Jesu Tod ein historisches Ereignis ist, das unser ganzes Leben auf den Kopf stellt.
Zum anderen sind Sehen und Hören nicht so schwer. Im Prinzip kann das jeder Mensch. Es braucht keine außerordentlichen Fähigkeiten, keine große Ausbildung geschweige denn ein Studium, keine besondere Intelligenz, noch nicht einmal besondere Anstrengungen, um sehen und hören zu können. Das war einer der Gründe, weshalb das Evangelium so anziehend für einen 15-jährigen Teenager in England namens Charles Spurgeon war. Spurgeon war auf der Suche nach Gott. Im Winter war er an einem Sonntagmorgen unterwegs zum Gottesdienst. Wegen eines Schneesturms kam er nicht weit und beschloss, in eine kleine Kapelle zu gehen, in der Methodisten ihren Gottesdienst feierten. Es waren nur 12–15 Menschen da. Der Pastor der Gemeinde war nicht da, weil er vermutlich auch eingeschneit war. Schließlich stand ein ungebildeter Mann auf, und hielt spontan die Ersatzpredigt. Der Bibeltext war aus Jesaja 45,22: „Schaut auf mich und werdet gerettet, alle Enden der Erde.“ (nach King James Version).
Der Aushilfsprediger fing an: „Meine lieben Freunde, dies ist in der Tat ein sehr einfacher Text. Er lautet «Schaut». Nun, das Schauen erfordert keine große Mühe. Man muss weder den Fuß noch den Finger heben; […] Jeder kann schauen; sogar ein Kind kann schauen.“ Und er erklärte, worauf man schauen sollte, nämlich auf Jesus und auf das, was Jesus für uns am Kreuz getan hat. Nach ungefähr zehn Minuten hatte dieser Mann alles zu diesem Vers gesagt, was ihm eingefallen war.
Und dann sah er den jungen Spurgeon. Bei so wenigen Menschen im Raum, war es nicht schwer, „den Neuen“ zu finden. Und er sagte folgendes zu ihm: „Junger Mann, du siehst sehr elend aus. Und du wirst immer elend sein – elend im Leben und elend im Tod –, wenn du meinem Text nicht folgst; aber wenn du jetzt in diesem Augenblick gehorchst, wirst du gerettet werden. Junger Mann, schau auf Jesus Christus. Schau! Schau! Schau!! Du musst nichts weiter tun, als zu schauen und zu leben.“
Spurgeon erzählte dann: „Sofort erkannte ich den Weg zur Erlösung. […] Oh! Ich schaute, bis mir fast die Augen aus dem Kopf fielen. Da und dann war die Wolke verschwunden, die Finsternis hatte sich verzogen, und in jenem Augenblick sah ich die Sonne, und ich hätte im selben Augenblick aufstehen und mit den Begeistertsten unter ihnen vom kostbaren Blut Christi und vom einfachen Glauben singen können, der allein auf ihn schaut.“
Das ist die Anwendung der Rettung: auf Jesus Christus zu schauen, der uns als der Gekreuzigte vor die Augen gestellt wurde.

Liebe Freunde, worauf schauen wir? Schauen wir auf uns selbst? Auf unsere Familie? Auf unseren Job? Auf unser Geld? Auf unsere moralischen und ethischen Leistungen? Nichts von dem kann uns Halt geben, wenn es hart auf hart kommt. Oder aber schauen wir auf Jesus? Jesus am Kreuz? Jesus, der für uns zum Fluch geworden ist? Jesus, der vollkommene Ausdruck der Liebe Gottes zu uns!