Predigt: Galater 1,1-10

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Kein anderes Evangelium

„Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt. Es gibt nur einige, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.“

(Galater 1,6.7)

Wir danken Gott, dass wir heute mit dem Galaterbrief beginnen dürfen. Paulus schrieb diesen Brief „an die Gemeinden in Galatien“ (1,2), einem Gebiet ziemlich in der Mitte der heutigen Türkei. Paulus verkündigte bei seiner ersten Missionsreise dort das Evangelium und gründete in vier Städten Gemeinden: in Antiochia in Pisidien, Ikonion, Lystra und Derbe. Diese Ereignisse werden in der Apostelgeschichte ausführlich geschildert (Apg 13,13-14,38). Aufgrund verschiedener Angaben in der Apostelgeschichte und im Galaterbrief wird angenommen, dass Paulus diesen Brief nach seiner Rückkehr nach Antiochia in Syrien im Jahr 48 oder 49 nach Christus geschrieben hat.
Was war der Anlass, aus dem Paulus diesen Brief schrieb? Nach seinem Weggang kamen Leute aus Judäa nach Galatien, die die Gläubigen lehrten, dass sie, außer an Jesus zu glauben, sich auch beschneiden und die Gebote im Alten Testament halten müssten, da sie sonst nicht gerettet werden konnten (vgl. Apg 15,1). Sie waren offensichtlich Juden, die das Evangelium nicht klar genug verstanden hatten. Ihre Lehre klang plausibel, weil sie sich dabei auf Gottes Worte im Alten Testament beriefen. Deshalb wurden viele Christen verwirrt und in ihrem Glauben an Jesus verunsichert. Paulus war darüber tief besorgt und schrieb einen sehr persönlichen, leidenschaftlichen Brief. Darin macht er klar, von wem er das Evangelium empfangen hatte, das er ihnen verkündigt hatte, und erklärt ihnen nochmals seinen Inhalt und die radikale Freiheit, die es uns bringt. Dabei gebraucht er teilweise eine drastische Sprache, um sie wachzurütteln und zum Glauben an das wahre Evangelium zurückzuführen.
Warum ist dieser Brief für uns heute relevant? Wir haben zwar unter uns keine jüdischen Lehrer, die behaupten, dass wir das ganze Gesetz von Mose halten müssten, damit wir gerettet werden können. Trotzdem stehen auch wir heute in der Gefahr, die Botschaft des Evangeliums, das von seinem Inhalt her radikal ist, irgendwie abzuwandeln zu einer Lehre, die unseren eigenen Vorstellungen mehr entspricht und die leichter zu glauben ist. Es besteht für uns latent immer eine Gefahr, das Evangelium mit Gottes Geboten im Alten Testament oder mit von Menschen gemachten Regeln zu kombinieren, weil es uns leichter fällt, auf unser eigenes Tun zu vertrauen als allein auf die Gnade Jesu. Der Galaterbrief ist für uns eine besondere Gelegenheit, das Evangelium in seiner Radikalität klar zu erfassen und in der Freiheit, die es uns schenkt, für Gott zu leben. Möge Gott uns helfen, durch diesen Brief das Evangelium und seine Bedeutung für uns neu zu begreifen und bewusst dementsprechend zu leben!

I. Paulus, ein Apostel durch Jesus Christus und Gott, den Vater (1-5)
Wie beginnt Paulus seinen Brief? Betrachten wir die Verse 1-2: „Paulus, Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, und alle Brüder und Schwestern, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien.“ Paulus begann, wie es damals üblich war, indem er sich selbst als Absender und dann die Empfänger benannt und sie gegrüßt hat. Aber was Paulus schreibt, ist viel mehr als ein formaler Briefanfang. Paulus stellt sich als ein Apostel vor, der nicht von Menschen oder durch einen bestimmten Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, berufen worden war. Wie wir wissen, bedeutet der Begriff „Apostel“ Bote oder Gesandter und wurde unter den Christen für die Jünger Jesu gebraucht, die Jesus persönlich gekannt und von ihm gelernt hatten. Dazu gehörten in erster Linie die zwölf Apostel, aber auch ein weiterer Kreis von Jüngern, der in 1. Korinther 15,7 „alle Apostel“ genannt wird. Paulus stellt am Anfang seines Briefs klar, dass er selbst auch ein Apostel war, obwohl er während Jesu Wirken auf der Erde nicht bei ihm gewesen war. Aber der auferstandene Jesus war ihm persönlich erschienen und hatte ihn zu seinem Dienst berufen (Apg 9,1-16). Paulus betont das, weil die judaistischen Lehrer seine Autorität als Apostel infrage stellten, um die Gläubigen leichter verwirren zu können. Vermutlich behaupteten sie, dass Paulus gar kein richtiger Apostel wäre, weil er nicht wie die anderen Apostel bei Jesus gewesen war. Deshalb bezeugt Paulus, dass er nicht von einem Menschen, sondern von Jesus selbst zum Apostel gemacht worden war. Weil Paulus das Evangelium, das er ihnen gepredigt hatte, von Jesus selbst empfangen hatte, war es in höchstem Maße glaubwürdig und weiterhin verdiente ihr Vertrauen.
Nachdem Paulus sie an die Autorität seiner Predigt erinnert hatte, grüßte er sie herzlich: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (3-5). Paulus kannte die meisten in den Gemeinden in Galatien persönlich, und er wünschte ihnen von Herzen Gnade und Frieden von Gott und dem Herrn Jesus Christus. Dabei bezeugte er, dass Jesus sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat, um uns von dieser gegenwärtigen, bösen Welt zu retten. Das griechische Wort „Äon“ kann sowohl mit „Welt“ als auch mit „Zeitalter“ übersetzt werden.
Warum hat Paulus die Gläubigen in Galatien und uns heute gleich am Anfang daran erinnert, dass Jesus sich für unsere Sünden dahingegeben hat, um aus dieser bösen Welt zu erretten? Wahrscheinlich deshalb, weil wir diese grundlegende Wahrheit nie vergessen dürfen, tatsächlich aber in der Gefahr sind, sie aus dem Bewusstsein zu verlieren. Diese Welt ist böse, weil wir Menschen uns von Gott abgewandt haben und versuchen, ohne Gott ein glückliches oder zumindest zufriedenes Leben zu finden. Das ist ein gewaltiges Problem, zum einen, weil wir Gott durch unsere Ignoranz verachten. Zum anderen, weil wir es nicht annähernd schaffen, die großen Probleme unseres Zeitalters zu lösen, wie z.B. die soziale Ungerechtigkeit, materielle und seelische Nöte, Gewalt und Kriege, Krankheiten und den Tod. Viele können nicht einmal die Probleme in ihrem eigenen Leben richtig lösen. Obwohl wir heutzutage in Europa so viel mehr an Wissen, an Gütern und an Möglichkeiten besitzen als alle Generationen vor uns, sind die meisten trotzdem mit der Welt und mit ihrem eigenen Leben nicht wirklich zufrieden. Vielmehr hören Gewalt und Kriege nie auf und trotz unseres Wohlstands steigt die Zahl der Menschen, die wegen psychischer Krankheiten behandelt werden müssen, von Jahr zu Jahr. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber solange Menschen keine richtige Beziehung zu ihrem Schöpfer haben, finden sie keine tragfähigen Antworten auf die Fragen nach dem Sinn ihres Lebens, nach dem Leid und nach dem Tod und haben keine stabile Grundlage für die Krisen des Lebens. Das ist die Sünde, die Paulus hier erwähnt, und sie und alle ihre Folgeprobleme können weder durch Wohlstand, Wissen noch durch Methoden der Psychologie oder der Medizin wirklich gelöst werden. Die Sünde, die die ganze Welt durchdrungen und böse gemacht hat, ist auch in uns eingedrungen und hat unsere Einstellungen, unsere Denkweise und Lebensweise geprägt. Deshalb ist es wirklich ein Evangelium, eine wirklich gute Nachricht, dass Jesus Christus in diese Welt gekommen ist und sich für unsere Sünden dahingegeben hat, um uns von dieser bösen Welt zu erretten und uns neues, ewiges Leben als Gottes Kinder zu schenken.
Eigentlich sollte Paulus am Anfang seines Briefs die Empfänger nur grüßen. Aber er war so vom Evangelium erfüllt, dass er, sobald er seinen Mund aufmachte, um den Brief zu diktieren, das Evangelium herauskam. Warum war es Paulus so ein dringendes Anliegen, den Christen in Galatien das Evangelium zu bezeugen?

II. Kein anderes Evangelium (6-11)
Betrachten wir die Verse 6 und 7: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt. Es gibt nur einige, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.“ Hier kommt Paulus nun direkt auf das Problem zu sprechen. In einem sehr persönlichen Ton drückt er seine Verwunderung darüber aus, dass sie sich so bald von ihm abgewandt hatten zu einer anderen Lehre, die er unmissverständlich ein „anderes Evangelium“ nennt. Paulus hatte ihnen das Evangelium von der Gnade Jesu verkündigt, die die Sündenvergebung und das neue Leben als Gottes Kinder beinhaltet. Die Galater hatten diese Gnade erkannt und angenommen und hatten aufgrund dessen ein neues Leben angefangen. Aber als einige aus Jerusalem behaupteten, dass sie auch die Gebote von Mose halten müssten, um gerettet zu werden, ließen sich viele beschneiden, um dadurch ihre Errettung sicherer zu machen. Vermutlich klang diese Lehre für sie deshalb überzeugend, weil Gott im Alten Bund ja tatsächlich diese Gebote gegeben und versprochen hatte, dass er das ganze Gesetz hält, leben wird. Außerdem hat ihnen die Vorstellung, dass sie dadurch auch etwas zu ihrer Rettung beitragen konnten, vermutlich ein Gefühl von zusätzlicher Sicherheit gegeben. Sie meinten, dass sie dadurch ein besseres Glaubensleben führen und vor Gott besser dastehen würden.
Aber Paulus sagt ihnen etwas ganz anderes. Er sagt ihnen klar, dass das, worauf sie jetzt vertrauten, ein „anderes Evangelium“, also eine ganz andere Lehre ist. Dabei schiebt er gleich hinterher, dass es gar kein anderes Evangelium gibt. Warum war diese Lehre kein Evangelium? Das wahre Evangelium ist, dass Jesus sich am Kreuz für unsere Sünden dahingegeben hat, und dass Gott die, die daran glauben, als seine Kinder annimmt und aus der Welt errettet. Aber die Lehre der judaistischen Lehrer war, dass man für die Rettung, außer an Jesus zu glauben, auch die Gebote im Alten Testament halten musste. Damit vermittelten sie, dass Jesu Tod am Kreuz nicht genügt und dass der Glaube an ihn nicht ausreicht. Damit achteten sie Jesu Werk gering und lehrten in Wirklichkeit eine andere Lehre, die gar kein Evangelium ist. Denn wenn es für unsere Errettung auch auf unser eigenes Tun ankommt, ist das keine gute Nachricht für uns. Wenn wir für unsere Rettung auch Gottes Gebote im Alten Testament halten müssten, wer kann dann errettet werden? Wer kann alle Gebote tadellos halten, was selbst Abraham und David und auch sonst kein Mensch in der Geschichte vermochte? So ein verfälschtes Evangelium führt auch zu einem ganz anderen Leben. Der Glaube an die Gnade Jesu ermöglicht uns ein Leben vor Gott in wahrer Freiheit und Frieden. Aber wer denkt, dass er auch alle Gebote des Alten Bundes oder sonstige Regeln halten muss, um vor Gott zu bestehen, muss ständig in der Furcht leben, daran zu scheitern und dadurch das Leben zu verlieren.
Paulus war darüber tief bekümmert und konnte es kaum glauben, dass viele in Galatien dabei waren, so einen Weg einzuschlagen. Er wollte ihnen klarmachen, wie schlimm es ist, an eine andere Lehre als das Evangelium zu glauben. Daher sagte er: „Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht“ (8.9). Paulus hatte die Liebe Gottes zu den Menschen in seinem Herzen und begegnete allen Arten von Menschen mit Liebe. Aber hier verflucht er jeden, der ein anderes Evangelium predigt, selbst wenn er selbst oder einer seiner Mitarbeiter oder ein Engel vom Himmel das täte. Danach sagt er diesen Fluch gleich noch ein zweites Mal, um die Gläubigen wachzurütteln, die sich nicht bewusst waren, dass sie im Begriff waren, sich vom wahren Glauben an Jesus abzuwenden. Ein verfälschtes Evangelium zu lehren, ist deshalb so eine schwerwiegende Sünde, weil damit Jesu Tod am Kreuz für ungenügend erklärt und sein Rettungswerk geringgeachtet wird. Das zu tun ist auch deshalb so schwerwiegend, weil man dadurch Menschen vom echten Glauben an Jesus abbringt und somit ihre ewige Errettung in Gefahr bringt. Denn nur die Botschaft, dass Jesus sich für unsere Sünden dahingegeben hat, ist die gute Nachricht, die uns Vergebung unserer Sünden und neues, ewiges Leben mit Gott bringt! Nur der Glaube daran rettet. Deshalb setzte Paulus alles dafür ein, diese Botschaft zu verkündigen und zu verteidigen. Anders als die judaistischen Lehrer tat er das nicht, um Menschen zu gefallen oder viele „Anhänger“ hinter sich zu sammeln, sondern weil er Gott gefallen und Jesus Christus dienen wollte, der durch das Evangelium alle Menschen in der Welt retten will (10).
Heute haben wir gelernt, wie wichtig es ist, dass wir an das wahre Evangelium Jesu glauben und an kein „anderes Evangelium“. Möge Gott uns durch den Galaterbrief helfen, an kein anderes Evangelium zu glauben, sondern das Evangelium Jesu klar zu begreifen, unser Leben fest darauf zu bauen und danach zu leben, damit wir Gott ehren und das Ziel des Lebens erreichen können! Beten wir auch dafür, dass wir durch den Galaterbrief anderen helfen können, das Evangelium klar zu verstehen und ihr Leben darauf zu bauen!