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Menschliche Fehltritte und Gottes Gnade
„Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr gesprochen hatte: Du bist El-Roi – Gott schaut auf mich –. Denn sie sagte: Gewiss habe ich dem nachgeschaut, der auf mich schaut!“
(1. Mose 16,13 [EÜ])
Wir hatten vor vier Wochen eine neue Serie begonnen mit dem Thema „Sehnsucht nach der himmlischen Stadt.“ Zur Erinnerung, die Bibel sagt, dass das grundlegende Problem der Menschen die Sünde ist. Und die Sünde äußert sich unter anderem darin, dass wir unser wahres Zuhause verloren haben. D. h., wenn es Momente in der vergangenen Woche gab, in denen du dich einsam, isoliert, oder traurig, enttäuscht, oder niedergeschlagen, hoffnungslos, oder einfach nur richtig verloren gefühlt hast, ist ganz tief im Innersten das der Grund: Wir sind verlorene Menschen auf der Suche nach unserem wahren Zuhause. Mit der Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob fängt Gott an, dieses Problem anzugehen. Gott zeigt durch die Geschichte der Glaubensväter wie er die Menschheit von ihrer Verlorenheit retten will. Abraham ist ein großartiger Held des Glaubens. Und gleichzeitig war er ein Versager wie wir. Im heutigen Text haben wir es vermutlich mit seinem schlimmsten Fehltritt zu tun.
Wir sehen hier im Text zum einen menschliche Bosheit, als zweites, resultierendes Leid und drittens, heilende Gnade.
1. Menschliche Bosheit
Für diejenigen unter euch, die noch nicht so lange dabei sind: Gerade der erste Teil von Genesis 16 ist eine hässliche Geschichte.
Der Text fängt damit an, dass Sarai keine Kinder hatte. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin. Die Luther- und Elberfelder-Übersetzung schreiben „Magd“. Was ist hier gemeint? Hebräisch-Experte Robert Alter schreibt: „Die Tradition der englischen Versionen, die [das hebräische Wort] als ‚Magd‘ oder ‚Dienstmädchen‘ wiedergeben, verleiht der Soziologie der Geschichte einen irreführenden Sinn von europäischer Höflichkeit. Es geht darum, dass Hagar Sarais Eigentum war, und die sich daraus ergebenden Komplikationen ihrer Beziehung bauen auf dieser grundlegenden Tatsache auf.“ Hagar war nicht einfach eine Haushaltshilfe, die zu Hause beim Kochen und bei der Kinderbetreuung half. Sie war nicht einfach ein Mädchen für alles. Sie war eine Unfreie, die ganz und gar Sarai ausgeliefert war. Und das ist gleich vorneweg ein schwieriges Thema. Es gibt ganz viele Menschen, die sich von der Bibel abgewendet haben, weil die Bibel anscheinend kein Problem mit Sklaverei hat. Befürwortet die Bibel dann Sklaverei?
Die Antwort darauf ist kompliziert. Wie sehen später im Text, dass Hagar explizit als Sklavin von Sarai angesprochen wird. Und nach ihrer Flucht bekommt sie gesagt, dass sie wieder zurückkehren soll. Diese und andere Erwähnungen von Sklaven in der Bibel lassen den Eindruck erwecken, dass die Bibel an der Institution der Sklaverei zumindest keine Kritik übt bzw. das Ganze sogar gutzuheißen scheint. Und gleichzeitig macht die Bibel klar, dass Sklaverei nicht im Sinne des Erfinders der Menschen ist. Gott hat uns Menschen dazu geschaffen, frei zu sein. Noch viel wesentlicher, wir sehen in der Bibel immer wieder aufs Neue, wie Gott sich mit den Sklaven identifiziert; dass er sich bewusst auf deren Seite stellt – das nur als Randbemerkung.
Wir sehen hier also gleich zu Beginn, große Ungerechtigkeiten und sehr asymmetrische Machtverhältnisse: Wir haben hier Freie und Unfreie, Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte. Sklaverei ist ein ungerechtes System und ein direktes Produkt menschlicher Sünde. Und gleichzeitig ist Sklaverei ein systemisches Übel, d. h., nicht durch die Bosheit von einzelnen Menschen verursacht. Für die Menschen, die innerhalb dieses Systems leben, bedeutet es ganz viel Leid und Elend, ohne dass sie es verschuldet haben. Weder Abram, Sarai noch Hagar hatten sich das mit der Sklaverei ausgedacht. Es war einfach die Welt, in der sie lebten und unter der sie litten.
Vers 2: „Da sagte Sarai zu Abram“. Es ist das erste Mal in der Abraham-Geschichte, dass Sarai spricht. Was sagt sie? „Siehe, der HERR hat mir das Gebären verwehrt. Geh zu meiner Sklavin! Vielleicht komme ich durch sie zu einem Sohn.“ Sarais Vorschlag war, dass die Kinder ihrer Sklavin als ihre Kinder gelten sollten. Uns mag diese Idee ziemlich abstrus erscheinen: Eine Sklavin wird sexuell ausgebeutet, um einen Nachkommen zu zeugen, der noch nicht einmal ihr gehört. In der damaligen Zeit war es aber weit verbreitete Praxis. Der Historiker John Walton hat Dokumente aus dem antiken Nahen Osten angeführt, um zu zeigen, dass Sarais Idee praktisch genau auf dem basierte, was alle ihre Mitmenschen taten. Es gibt z. B. die Tontafeln aus Nuzi, die aus der Bronzezeit des heutigen Nordiraks stammen. Auf einer dieser Tafeln wird ein Mann namens Shennima erwähnt, der eine Frau namens Gilimninu heiratet. Shennima verpflichtet sich dazu, keine andere Frau zu sich zu nehmen so lange seine Frau in der Lage ist, ihm Kinder zu gebären. Wenn aber Gilimninu keine Kinder haben kann, wird sie ihm eine Sklavin als Konkubine zur Verfügung stellen. Das, was Sarai vorschlug, entsprach der Norm.
Vers 2 erwähnt, dass Abram auf die Stimme seiner Frau hörte. War es eine schlechte Sache, dass Abram auf seine Frau hörte? Wäre die Welt nicht ein besserer Ort, wenn mehr Männer etwas besser auf ihre Frauen hören würden? In was für einer Welt würden wir heute leben, wenn bei der letzten US-Wahl nur die Frauen gewählt hätten? Aber der Unterschied zwischen Männer und Frauen und wer wirklich die besseren Entscheidungen trifft, ist gar nicht der Punkt hier. Der Autor erwähnt, dass Abram auf die Stimme seiner Frau hörte, um den Gegensatz hervorzuheben, wie Abram sein Leben eigentlich hätte führen sollen: das Hören auf Gottes Stimme. Und ja, Gott spricht sehr oft durch andere Menschen zu uns. Und ja, Gott spricht auch oft durch unsere Ehepartner zu uns. Aber hier war es eben nicht die Stimme Gottes.
Vers 3 sagt dann: „Sarai, Abrams Frau, nahms also die Ägypterin Hagar, ihre Sklavin, zehn Jahre, nachdem sich Abram im Land Kanaan niedergelassen hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau.“ Bruce Waltke und Tremper Longman machen darauf aufmerksam, dass die Wortwahl hier sehr interessant ist. Die Wörter „nahm“, „gab“, „ihrem Mann“ sind Echos von Genesis 3, der Sündenfall, mit dem alles Unglück seinen Lauf nahm: „Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“ D.h., der Autor zeigt auch durch literarische Mittel, dass Abram und Sarai von Gottes Plan abwichen.
In Vers 4 sehen wir, dass Sarais Plan aufging. Hagar wurde schwanger. Und wir lesen: „Als sie sah, dass sie schwanger war, galt ihre Herrin in ihren Augen nichts mehr.“ Hagar hatte bald jeglichen Respekt für Sarai verloren. Sie war voller Verachtung für ihre Herrin. Hätte sie es nicht besser wissen sollen? In der Fernsehserie „Big Bang Theory“ gibt es eine Gruppe von vier sehr smarten Wissenschaftlern. Alle vier wurden aber während ihrer Schulzeit von ihren Mitschülern gehänselt und ausgeschlossen. Als junge Erwachsene machen sie sich über einen Mann namens Zack lustig, weil er nicht so intelligent ist. Penny, die Freundin von Zack, die mit diesen Jungs befreundet ist, sagt dann: „Wisst ihr, für eine Gruppe von Leuten, die behaupten, die meiste Zeit ihres Lebens schikaniert worden zu sein, könnt ihr echte Mistkerle sein. Ihr solltet euch alle schämen!“
Das Interessante ist, dass man meinen könnte, dass Hagar als Sklavin doch wissen sollte, wie es ist, von den anderen als Fußabtreter behandelt zu werden. Man könnte meinen, dass es die Erfolgreichen sind, die auf die Erfolglosen herabblicken, die Beliebten auf die Unbeliebten, die Reichen auf die Armen, die Insider auf die Outsider, die Oben sind auf die Unten. Die Bibel zeichnet so ein realistisches Bild vom Menschen. Anderen Menschen gegenüber respektlos zu sein, andere zu verachten, auf andere herabzuschauen ist völlig losgelöst von sozialen Klassen. Alle Menschen haben die Neigung auf andere herabzuschauen, ganz unabhängig davon, welcher Schicht man angehört.
Das Drama geht weiter. Sarai sagt Abram: „Das Unrecht, das ich erfahre, komme über dich! Ich selbst habe meine Sklavin in deinen Schoß gegeben. Aber kaum sieht sie, dass sie schwanger ist, und schon gelte ich in ihren Augen nichts mehr. Der HERR richte zwischen mir und dir.“ Abram gibt eine ziemlich gleichgültige Antwort darauf: „Siehe, sie ist deine Sklavin, sie ist in deiner Hand. Tu mit ihr, was in deinen Augen gut erscheint!“ Abram macht in dieser ganzen Geschichte eine entsetzliche schlechte Figur. Man könnte etwas böswillig sagen, dass er wie ein Hanswurst daherkommt. Die Autorin Hannah Arendt hatte davon gesprochen, dass das Böse richtig banal und dumm sein kann. Abram war (beim besten Willen) kein Adolf Eichmann, über den Arendt das geschrieben hatte. Trotzdem benimmt sich Abram hier wie ein Trottel. Seine Bosheit ist seine völlig unreflektierte und unbeteiligte Reaktion, was ein Indiz für seine Herz- und Lieblosigkeit ist.
Vers 6 erwähnt, dass Sarai anfängt, Hagar zu misshandeln. Wir wissen nicht, was Sarai ihrer Sklavin genau angetan hatte. Aber das Wort „misshandeln“ ist das gleiche Wort, das in Exodus verwendet wird, wenn beschrieben wird, wie die Ägypter die hebräischen Sklaven misshandelten. Ich gehe ganz stark davon aus, dass es physische Gewalt war. Die Misshandlung war so schlimm, dass Hagar keinen anderen Ausweg sah, als zu fliehen, vermutlich auch weil sie Angst um ihr eigenes Leben und um das des ungeborenen Kindes bekam.
Wir haben in diesen wenigen Versen einen Querschnitt menschlicher Bosheit: Sklaverei und Ausbeutung, Vergewaltigung, Stolz und Verachtung, Dummheit und Gleichgültigkeit und Misshandlung.
2. Resultierendes Leid
Was ist die Konsequenz? Wir sehen zum einen das tiefe Unglück, in das die Ehe von Abram und Sarai schlitterte. Sarais Worte „Ich selbst habe meine Sklavin in deinen Schoß gegeben“ sind ziemlich drastisch. Luther und NIV übersetzen, dass Sarai Hagar in Abrams Arme gegeben hat. Einheitsübersetzung und Elberfelder sind näher am Urtext und verwenden das Wort „Schoß“. Aber auch das klingt zu harmlos. Was Sarai tatsächlich meinte war „ich habe dir meine Sklavin überlassen, damit du mir ihr Sex haben kannst …“ Das ist die Sprache von Sarai. Es zeigt wie unglücklich sie war.
Hagar hatte sprichwörtlich viel zu leiden. Für sie war das Leid so unerträglich groß, dass sie das Weite suchte. Mit der Flucht von Hagar war der ganze Plan von Sarai gescheitert. Der Nachkomme, um den es ging, war mit Hagar zusammen in der Wüste. Und damit lag alles brach.
Wie kam es zu diesem Zusammenbruch? Es hängt damit zusammen, was die Protagonisten der Geschichte antrieb. Sarai war eine in die Jahre gekommene, sichtlich frustrierte und verbitterte Frau. Vorher war sie wenigstens Schönheitskönigin gewesen. Aber jetzt gab eine Sklavin ihr das Gefühl nur noch zweite Wahl zu sein. Hagar war eine Sklavin aus Ägypten; sehr wahrscheinlich war sie unter den „Waren“, welche der Pharao dem Abram als Entschädigung gegeben hatte, weil er Sarai in seinen Harem aufgenommen hatte. Zeit ihres Lebens war sie wie ein Gegenstand behandelt worden. Aber jetzt war sie die Konkubine Abrams und die Frau, die ihm einen Sohn schenkte. Woher kamen Sarais Bitterkeit und Hagars Stolz?
In der Antwort auf diese Frage finden wir auch eine wichtige Anwendung. Sarai war verbittert und Hagar war stolz, weil der Wert einer Frau in deren Gesellschaft davon abhing, ob und wie sehr sie fähig waren, Kinder zu gebären. Sowohl bei Sarai als auch bei Hagar war die Schwangerschaft nicht einfach eine Schwangerschaft; das Kind war nicht einfach ein Kind. Es war vielmehr als das. Es war ihr Status, es war ihre Validierung als Frauen, es war ihre höchste Errungenschaft. Wir schauen auf diese Gesellschaft und denken vielleicht: „Frauen, die nur dazu da sind, um Kinder auf die Welt zu setzen! Das ist so erniedrigend! Zum Glück leben wir in anderen Zeiten.“ Und ja, es ist wirklich ein Glück, dass wir in anderen Zeiten leben. Absolut!
Aber was definiert den Wert der Frauen in der heutigen Gesellschaft? Die erfolgreiche Frau heute hat natürlich studiert, verdient gutes Geld und macht Karriere. Die erfolgreiche Frau setzt sich auch gegen Männer durch und erreicht Führungspositionen, auch dann noch, wenn es einen hohen Preis kostet. Im ‚Harvard Business Review‘ hieß es: „Es gibt da draußen ein Geheimnis – ein schmerzhaftes, gut gehütetes Geheimnis: In der Lebensmitte haben zwischen einem Drittel und der Hälfte aller erfolgreichen Karrierefrauen in den Vereinigten Staaten keine Kinder. Tatsächlich sind 33 % dieser Frauen (Führungskräfte in der Wirtschaft, Ärzte, Anwälte, Akademiker usw.) in der Altersgruppe von 41 bis 55 Jahren kinderlos – und diese Zahl steigt auf 42 % in amerikanischen Unternehmen. Diese Frauen haben sich nicht dafür entschieden, kinderlos zu bleiben. Die große Mehrheit sehnt sich sogar nach Kindern.“ Warum tun Frauen sich das an? Warum entscheiden sich so viele Frauen für einen Weg, der mit großen Opfern einhergeht und später oft auch mit Bedauern verbunden ist? Die Antwort ist, weil unsere Gesellschaft den Frauen einen unsichtbaren Zwang auferlegt, dass der Wert ihres Lebens dadurch definiert wird, wie erfolgreich sie ihre Traumkarriere verwirklicht haben.
Hier ist der Punkt: Jede Gesellschaft, jede Kultur definiert für sich, was ein lebenswertes Leben ist, sowohl für Männer als auch für Frauen. In dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft kein bisschen anders im Vergleich mit allen anderen Kulturen. Jede Kultur diktiert uns, was wir tun und was wir erreichen müssen, um jemand zu sein. Das ist der Grund, weshalb ein Job nicht einfach ein Job ist, und weshalb Familie nicht einfach Familie ist. Wir hängen so sehr daran, dass wir meinen, dass die Welt zusammenbricht, wenn wir das nicht haben. Und es macht Familien kaputt, es macht Beziehungen kaputt, es führt zu tiefer Unzufriedenheit und Verbitterung, es führt früher oder später zum Zusammenbruch.
Was ist die Lösung?
3. Heilende Gnade
In Vers 7 begegnen wir einer mysteriösen Person: „Der Engel des HERRN fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur.“ Während verschiedene Engel im Lauf der biblischen Geschichte verschiedenen Menschen begegnen, ist hier das erste Mal von dem Engel des HERRN die Rede. Wer ist dieser eine Engel des HERRN? Generationen von Auslegern haben sich darüber Gedanken gemacht. Der Engel des HERRN bleibt eine geheimnisvolle Person. Wir kommen nachher noch einmal darauf zu sprechen.
Der Engel spricht Hagar mit Namen an: „Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?“ Auf der einen Seite machte der Engel deutlich, dass er Hagar kannte. Er kannte nicht nur ihren Namen; er wusste auch, woher sie kam; er wusste auch, wohin sie wollte, bevor sie in der Sackgasse gelandet war, in der sie sich befand: Ihr Ziel war es, zurück nach Ägypten zu gehen.
Als Hagar antwortet, dass sie von Sarai, ihrer Herrin, geflohen ist, kommt die auf dem ersten Blick sehr, sehr harte Antwort zurück: „Kehr zurück zu deiner Herrin und beuge dich unter ihre Hand!“ Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es bedeutet nicht, dass wenn man in einer Beziehung Missbrauch erfahren hat und davor geflohen ist, man zurück in diese Beziehung kehren soll, um weiter missbraucht zu werden. Das wäre absolut grotesk, und das ist definitiv nicht, was der Engel meinte. Die Aufforderung hier war eine Einladung, kaputte Beziehungen wieder zu heilen. Und es war ein Versprechen, dass wenn Hagar ihren Platz als Sklavin wieder einnimmt, sie keinen weiteren Missbrauch erfahren wird; dass alles wieder in Ordnung kommen würde.
Und jetzt kommt ein krasses Versprechen in Vers 10: „Der Engel des HERRN sprach zu ihr: Mehren, ja mehren werde ich deine Nachkommen, sodass man sie wegen ihrer Menge nicht mehr zählen kann.“ Die Einheitsübersetzung hat das richtig übersetzt. Der Engel wiederholt das Wort „mehren“ oder „multiplizieren“: „multiplizieren und multiplizieren werde ich deine Nachkommen …“ Niemand würde ihre Nachkommen zählen können, weil es so viele sind. Der Sohn, den sie bekommen würde, sollte den Namen Ismael tragen, was so viel bedeutet wie „Gott hört“, weil Gott sie in ihrem Leid gehört hatte.
Lasst uns vielleicht einen Moment innehalten. Hagar war eine Ägypterin; sie gehörte nicht zur Familie Abrahams, sondern war ein Anhängsel; noch dazu war sie eine Frau, und hatte als Frau nicht viel zu melden; nicht nur das, sie war eine schwangere Frau, was sie nochmals wesentlich verletzlicher machte; nicht nur das, sie war noch nicht einmal gläubig; noch dazu war sie eine Sklavin; nicht nur das, sie war eine davon gelaufene Sklavin. Sklaven, die geflohen waren, hatten schlimme Strafen zu befürchten, wenn sie gefunden wurden: noch schlimmere Misshandlungen und Gewalt oder häufig auch die Todesstrafe. D. h., wenn es eine Person gibt, die wirklich nicht tiefer hätte fallen können, weil sie den blanken, nackten Boden erreicht hat, dann war es Hagar. Sie war am Ende der Fahnenstange. Und ausgerechnet sie ist die erste Person, zu welchem der Engel des HERRN kommt. Und der Engel ist freundlich zu ihr, stellt sie wieder her, segnet sie mit krassen Verheißungen, mehr als sie jemals zu träumen gewagt hätte. Und alles das ist Gnade. Gnade ist Gottes unerwarteter, unerbetener, völlig unverdienter Besuch, um uns zu heilen, uns zu segnen, uns wiederherzustellen, uns mit allem, was gut und barmherzig ist, zu überschütten.
Hagars Reaktion ist bezeichnend. In Vers 13 sagt sie: „Du bist El-Roi – Gott schaut auf mich –. Denn sie sagte: Gewiss habe ich dem nachgeschaut, der auf mich schaut!“ Die Aussage von Hagar ist nicht so einfach zu übersetzen. Hagar hatte verstanden, dass sie nicht mit irgendjemandem gesprochen hatte. Sie hatte eine Begegnung mit Gott selbst gehabt. Der Engel Gottes war Gott selbst. An verschiedenen Stellen im Alten Testament lesen wir, dass es uns Menschen nicht möglich ist, Gott zu sehen und weiter zu leben. Gott ist so herrlich, dass kein Mensch diese Herrlichkeit ertragen könnte. Und deshalb war Hagars Aussage vielleicht auch eher eine Frage oder ein Ausdruck der Verwunderung: „Habe ich wirklich dem nachgeschaut, der mich gesehen hat? Habe ich wirklich Gott gesehen und bin noch unter den Lebenden?“
Wer ist dieser Gott? Es ist der Gott, der auf uns schaut. Gott sieht dich. Er sieht deine Kämpfe, deine Nöte, deine Zweifel. Er sieht deinen Frust. Er sieht deine Sehnsucht. Er sieht dein Leid und deine Lasten. Und dieser Gott ist so unglaublich gnädig. Die Tatsache, dass Gott einer davongelaufenen, schwangeren Sklavin begegnet, heißt nichts anderes, als dass jeder Mensch diesem Gott begegnen darf. Jeder Mensch ist bei ihm willkommen. Niemand ist ausgeschlossen. Seine Gnade steht jedem zur Verfügung, der sich Gottes Heilung wünscht.