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Gehorsam in der Situation, in der wir berufen wurden!
„Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.“
(1. Korinther 7,20)
Das Wort, das wir heute gemeinsam betrachten, ist weit mehr als nur ein historischer Text. Es ist Paulus’ Antwort und sein tiefer seelsorgerlicher Rat auf die ganz konkreten und oft brennenden Lebensfragen der Gemeinde in Korinth. Wenn wir im heutigen Leben an Punkte kommen, an denen wir allein nicht mehr weiterwissen, suchen wir Rat – sei es bei Lehrern, erfahrenen Mentoren oder unseren Pastoren. Ein entscheidender Schlüssel jeder guten Beratung, damals wie heute, ist das sogenannte aktive Zuhören. Es bedeutet, dem anderen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu begegnen, ihn ausreden zu lassen und ihn in seiner ganz persönlichen Not ernst zu nehmen, statt ihm vorschnell fertige Standardlösungen zu präsentieren. Dies zeigt uns, dass der tiefe Respekt vor der Würde und der Freiheit des Einzelnen die absolute Grundvoraussetzung für jede echte Hilfe sein muss.
Paulus zeigt uns hier ein wunderbares Vorbild an Empathie und geistlicher Reife: Er begegnet den Menschen mit einem Herz voller Fürsorge und Liebe (1. Korinther 7,28). Er achtet und wertschätzt die spezifische Lebenssituation, in der sich jeder Einzelne befindet (1. Korinther 7,17). Er tritt nicht als ein autoritärer „Bestimmer“ auf, der über das Leben anderer herrscht, sondern als ein weiser Wegbegleiter, der Vorschläge macht, die allein dem Besten der Gläubigen dienen sollen. Letztlich will er ihnen helfen, selbst zu wählen, was für ihren ganz persönlichen Weg mit Gott in ihrem jeweiligen Umfeld förderlich ist. Er möchte, dass sie in Freiheit entscheiden, wie sie mit Gott im Reinen bleiben können.
Dies deutet auf etwas Grundlegendes hin: Es zeigt uns, wie nicht nur Paulus, sondern Gott selbst mit uns Menschen umgeht – nämlich mit unendlichem Respekt. Da Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, achtet er die Freiheit jedes Einzelnen zutiefst. Er hilft uns zu denken, abzuwägen und in unseren Umständen zu leben, aber er wählt oder entscheidet nicht für uns, als wenn wir eine Marionette wären. Man kann das sehr gut mit Eltern vergleichen, die ihre Kinder erziehen: Nur weil ein Kind aus dem Fleisch und Blut der Eltern stammt, bedeutet das nicht, dass die Eltern jedes Detail für das Kind entscheiden sollten. Wahre elterliche Liebe bedeutet, ein Kind so zu begleiten, dass es lernt, selbst das Richtige zu wählen und ein eigenverantwortliches Leben mit Gott zu führen. Paulus wollte die Gemeinde in Korinth genau dazu befähigen: ihre eigene Richtung in ihrer jeweiligen Umgebung mit Gott zu finden.
Die Lebensrealitäten in Korinth waren dabei so vielfältig und komplex, wie wir sie heute kennen. Es gab Ehepaare, Singles, Menschen kurz vor der Hochzeit, Sklaven, Freie und solche, die über eine Trennung nachdachten oder verwitwet waren. Jede dieser Gruppen hatte ihre eigenen Kämpfe. Stellen wir uns vor, wie komplex eine Beratung für all diese unterschiedlichen Schicksale sein muss. Wenn heute zum Beispiel ein junger Mensch entscheidet, ehelos zu bleiben, um sich ganz Gott zu widmen – wie würden die Eltern reagieren? Oft entstehen Spannungen durch unterschiedliche Lebensvorstellungen. In Korea spricht man heute von der „N-po-Generation“, die aus purer Zukunftsangst auf so vieles verzichtet: auf Dating, Heirat, Kinder und ein eigenes Heim. Auch hier bei uns spüren viele den Druck der Unsicherheit und die Last der Verantwortung für die Familie.
Angesichts dieser Vielfalt möchte ich heute nicht jede Situation einzeln analysieren, sondern auf das „elterliche Herz“ blicken, das Paulus gegenüber den Heiligen in Korinth zeigt (1. Korinther 7,4.15). Durch dieses Herz eines liebenden Vaters wollen wir das Herz Gottes für uns entdecken. Mein Wunsch ist es, dass jedes unserer Leben im Gehorsam gegenüber Gott zu einem Leben wird, das ihm wirklich gefällt und uns tiefen Frieden schenkt.
Ein zentraler Begriff, der sich durch den heutigen Text zieht, ist die „Berufung“ – dieses Wort taucht insgesamt neunmal auf. Wenn wir über Berufung nachdenken, sollten wir verstehen: Berufung bedeutet, dass Gott uns besucht hat. Er ist genau an den Ort gekommen, an dem wir jetzt gerade stehen. Er kennt unsere Situation in- und auswendig – er weiß, wo alles unsicher ist, wo wir nicht wissen, welche Entscheidung die richtige ist oder was die Zukunft für uns und unsere Familie bereithält. Warum ruft Gott uns? Er tut es, um uns einzuladen, bei ihm zu sein, anstatt allein durch diese oft harte und unberechenbare Welt zu irren. Denken wir an Abraham, Isaak und Jakob: Durch Gottes Ruf wurden sie in ein neues Leben eingeladen, und Gott selbst wurde ihr treuer Begleiter.
Paulus schreibt ganz klar, dass der Zweck von Gottes Berufung für uns der Friede ist. Diese Berufung bedeutet nicht unbedingt, dass sich unsere äußere Situation sofort radikal ändert. Vielmehr bedeutet es, dass wir lernen, in unserer jetzigen Situation mit Gott zu wandeln. Ehepaaren hilft Gott zum Beispiel, bewusst Zeiten für das Gebet und die Stille zu finden, damit sie auch im vollen Alltag mit ihm verbunden bleiben (1. Korinther 7,5). Wie viele Ehen und Familien sind schon zerbrochen, weil sie vergessen haben, Gott in ihre Mitte zu lassen? Sogar Abraham geriet in schwere Familienkonflikte, als er nicht auf Gott wartete, sondern eigenmächtig handelte.
Es gibt immer wieder Menschen, die denken, eine bestimmte Lebensform sei „heiliger“ als eine andere. Manche preisen die Ehelosigkeit, andere die Ehe. Paulus jedoch betont, dass es nicht auf äußere Institutionen oder bloße Selbstüberzeugung ankommt, sondern darauf, der individuellen Gnadengabe (Charisma) zu folgen, die Gott jedem Einzelnen ganz persönlich geschenkt hat (1. Korinther 7,7). Wenn Gott jemanden dazu berufen hat, als Single zu leben, um ihm mit ungeteiltem Herzen zu dienen, ist das wunderbar. Wenn aber jemand merkt, dass er in der Ehe mehr Frieden und Schutz vor Versuchung findet, dann ist das sein Weg (1. Korinther 7,9).
Der entscheidende Punkt ist: Gott ruft dich genau dort, wo du bist. Bist du ledig? Dann diene ihm so. Bist du verheiratet? Dann ehre ihn in deiner Ehe. Deine äußeren Umstände – ob beruflicher Stress, Sorgen um die Kinder oder Konflikte mit Kollegen – sind niemals ein Hindernis, Gottes Ruf zu hören und ihm zu folgen. Gott lädt uns ein, die Lasten des Lebens nicht allein zu tragen. Denken wir an Josef im Alten Testament: Er hat als Sklave und Gefangener in Ägypten nicht aus eigener Kraft überlebt. Gott war mit ihm, und deshalb konnte er Verzweiflung in Hoffnung und Hass in Liebe verwandeln. Gott möchte keine Marionetten, die blind Befehle ausführen, sondern Menschen, die in einer lebendigen Beziehung zu ihm stehen und aus Liebe gehorchen.
Warum ist das so wichtig? Weil wir, obwohl wir frei sind, Gottes Hilfe brauchen. Ohne ihn verlieren wir in dieser Welt voller Ablenkungen und Prüfungen schnell den Fokus. In der letzten Woche haben wir in 1. Korinther 6,19-20 gelesen, dass unser Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Gott hat uns teuer erkauft durch das Blut Jesu. Deshalb gehört unser Leben ihm, und wir sind berufen, ihn mit unserem ganzen Sein zu preisen – egal ob wir verheiratet sind oder allein leben. Unser Alltag ist der Ort, an dem wir Gott die Ehre geben.
„Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.“ (1. Korinther 7,20)
Paulus erinnert uns zudem an einen wichtigen Aspekt: „Die Zeit ist kurz“ (1. Korinther 7,29) und „die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Korinther 7,31). Das ist keine Drohung, sondern ein ehrlicher „Reality-Check“. Wir sollen unsere Herzen nicht an materielle Dinge oder vorübergehende Trends hängen, die heute glänzen und morgen vergessen sind. Sogar unsere engsten menschlichen Beziehungen dürfen uns nicht von der wichtigsten Beziehung trennen: der zu unserem Schöpfer. Gottes tiefster Wunsch ist es, dass wir am „Tag des Herrn“ untadelig und voller Freude vor ihm stehen können (1. Korinther 1,8).
Gottes Ruf an uns heute lautet: „Steh auf, lass uns gemeinsam gehen. Ich werde immer bei dir sein, bis ans Ende der Weltzeit.“ Wenn wir diese Einladung annehmen, schenkt er uns den verheißenen Frieden (1. Korinther 7,15). Dieser Friede hängt nicht davon ab, dass sich unsere Probleme über Nacht auflösen oder unsere Umgebung perfekt wird. Er kommt allein aus der Gegenwart Gottes, der uns tröstet und uns neue Kraft gibt, auch wenn der Weg steinig ist.
Denken wir an die Geschichte von Noomi aus dem Buch Ruth. Sie war am absoluten Tiefpunkt: Hungersnot, der Tod ihres Mannes und ihrer beiden Söhne, bittere Armut. Sie kehrte völlig gebrochen in ihre Heimat zurück. Doch durch die Treue ihrer Schwiegertochter Ruth, die Gottes Ruf inmitten dieser Katastrophe folgte, verwandelte Gott Noomis tiefes Leid in einen überwältigenden Segen. Ruth wurde Teil der Ahnenreihe Jesu. Das zeigt uns: Wenn auch nur ein einziger Mensch in einer Familie den Ruf Gottes ernst nimmt und ihm vertraut, kann das die ganze Familiengeschichte verändern.
Zum Abschluss möchte ich bezeugen, dass Gott mich ruft. Während meiner IT-Ausbildung in Deutschland stand ich im ersten Jahr vor dem Aus, als ich durch die Prüfungen fiel. Ohne IT-Vorkenntnisse und mit dem langen Schulweg zwischen Heidelberg und Böblingen schien die Hürde unüberwindbar. Doch Missionar K.H. ermutigte mich: „Deine Erfahrung aus diesem Jahr ist das Fundament für deinen Erfolg beim nächsten Mal.“ Dank dieses Rates wagte ich den Neuanfang und schloss die Ausbildung schließlich erfolgreich ab.
Kurz darauf folgte die nächste Notlage: Mein Visum lief aus. Doch Gott ebnete uns einen Weg. Meine Frau erhielt eine Arbeitserlaubnis in Frankfurt, wodurch unsere Familie bleiben konnte. Auch ich fand durch meine abgeschlossene Ausbildung eine Anstellung, erhielt ein Visum und darf bis heute mit meiner Familie in Deutschland leben.
Damals war unsere Lage sehr schwierig. Mit drei Kindern, ohne festes Einkommen und unter wachsenden Schulden fühlte sich jeder Tag wie ein Kampf ohne Ausweg an. In dieser Not hielt uns die Verheißung aus Psalm 23, Vers 1 fest: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Wir vertrauten darauf, dass Gott, der uns gerufen hatte, uns auch bewahren würde.
In den letzten 36 Jahren gab es viel Schmerz und Angst, doch Gott hat Sein Versprechen gehalten. Er hat mich nie verlassen. Heute verstehe ich, dass Er mich durch jede Krise dazu aufrief: „Steh auf und geh mit mir.“
Nun stehe ich drei Jahre vor meiner Rente. In einer Zeit, in der das Wirtschaftswachstum in Deutschland stagniert, die Investitionen in Bildungseinrichtungen zurückgehen und mein eigenes Arbeitspensum sinkt, wächst die Unsicherheit an meinem Arbeitsplatz. Doch ich sehe darin Gottes erneute Einladung. Seinem Ruf „Steh auf und geh mit mir“ folgend, möchte ich an dem Platz, an den Er mich gestellt hat, jeden Tag mit Dankbarkeit und Freude mit Ihm gehen.
Wir sind kostbare Menschen, „teuer erkauft“ durch Gottes Liebe. Lassen wir uns in unserer jeweiligen Situation neu von ihm rufen. Ob in Freude oder in Sorge, ob in der Blüte der Jugend oder im gesetzten Alter – ehren wir Gott mit unserem Leben und bereiten wir uns darauf vor, ihm eines Tages mit Freude zu begegnen.