Predigt: 1. Korinther 6,12-20

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Sex und das Evangelium

„Ihr gehört nicht euch selbst, denn Gott hat einen hohen Preis für euch bezahlt. Deshalb ehrt Gott mit eurem Leib!“

(1. Korinther 6,19b.20)

Wir haben gesehen, dass die Korinther Gemeinde viele Probleme hatte und auch richtige Probleme. Ein Problem in dieser jungen Gemeinde war ihr Umgang mit Sexualität. Könnt ihr euch vorstellen, weshalb das ein „schwieriges Thema“ ist? [Anmerkung: Es ist ein komplexes Thema, das in dieser Predigt nicht ausreichende behandelt wird. Bei Fragen könnt ihr euch gerne melden. Eines möchte ich klar sagen: Die Suche nach Gott und der Person Jesus ist unendlich wichtiger als dieses Thema und ihr sollt euch davon nicht ablenken lassen. Zudem ist die Habgier genauso schlimm wie sexuelle Sünden.]
Mindestens drei Dinge scheint uns der Text zu diesem Thema zu sagen. Erstens, wir sehen hier im Text eine große Herausforderung; zweitens, eine wahre Revolution; drittens, eine unbegrenzte Kraft.

1. Die große Herausforderung
In Vers 13 schreibt Paulus: „Unser Körper wurde aber nicht zur Unzucht geschaffen.“ Und in Vers 18: „Deshalb haltet euch fern von aller Unzucht! Keine andere Sünde hat so große Auswirkungen auf den Körper wie diese, denn Unzucht ist eine Sünde gegen den eigenen Körper.“ Das griechische Wort ist porneia. Uns kommt das Wort sehr bekannt vor, weil sich daraus dann später das Wort Pornografie ableitete. Aber porneia hatte erst einmal nichts nicht expliziten Bildern oder Filmen zu tun. Was genau bedeutet es? In den vergangenen Jahren gab es Versuche, die Bedeutung des Wortes einzuschränken oder zu relativieren. Deshalb ein paar erklärende Worte von Gorden Fee, der einen exzellenten Kommentar zu 1. Korintherbrief geschrieben hat: „Das Wort porneia bedeutete in der griechischen Welt einfach ‚Prostitution‘ im Sinne von ‚zu Prostituierten gehen und für sexuelle Vergnügungen bezahlen‘. […] Das Wort wurde jedoch im hellenistischen Judentum übernommen, immer in abwertender Bedeutung, um jede Form von außerehelicher sexueller Sünde und Abweichung zu bezeichnen, einschließlich homosexueller Aktivitäten. […] Im Neuen Testament wird das Wort daher verwendet, um diese besondere Plage der griechisch-römischen Kultur zu bezeichnen.“
Zusammengefasst: Die ursprüngliche Bedeutung war erst einmal Prostitution. Aber dieses Wort findet eine neue Bedeutung in der jüdisch-christlichen Welt. Wenn man das NT studiert und sich anschaut, wie das Wort porneia verwendet wird, wird es sehr eindeutig: Gemeint ist jede sexuelle Handlung außerhalb der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. D. h., die biblische Ethik zu Sex ist immer im Kontext der Ehe. Gibt es jemanden hier, der nicht denkt, dass das eine große Herausforderung ist?
Die erste Herausforderung scheint zu sein, dass dieser biblische Maßstab völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Vers 12 beginnt mit dem Wort: „Mir ist alles erlaubt.“ Übrigens, praktisch alle Ausleger gehen an dieser Stelle davon aus, dass Paulus hier die Korinther selbst zitiert. Die Korinther kamen wahrscheinlich mit dem Spruch: „Hey Paulus, hast du nicht selbst gesagt, dass das Evangelium Freiheit bringt? Ist jetzt nicht alles erlaubt?“ Gerade heute scheint die biblische Erwartung, dass Sex in die Ehe gehört, völlig überholt zu sein. Vielleicht konnte man das in der viktorianischen Zeit verargumentieren, oder vielleicht noch in den 50er Jahren. Aber spätestens seit der sexuellen Revolution in der 60er und 70er Jahren, gehört das eindeutig in die Vergangenheit. Vielleicht denkst du auch, dass der biblische Anspruch mit unserer Gesellschaft oder vielleicht auch mit deinem eigenen Leben unvereinbar ist.
Das, was die Bibel sagt, braucht Erklärung. Lass uns schrittweise vorgehen. Zum einen, jede Gesellschaft zieht irgendwo eine Linie zwischen dem, was sexuell akzeptabel ist und was nicht. C.S. Lewis hatte sich die moralischen Lehren von verschiedensten Kulturen angesehen (Ägypter, Babylonier, Hindus, Chinesen, Griechen, Römer). Erstaunlicherweise gibt es da weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Unter anderem schreibt er: „Die Menschen waren sich uneinig darüber, ob ein Mann eine Frau oder vier Frauen haben sollte. Aber sie waren sich immer einig, dass man nicht einfach jede Frau haben darf, die einem gefällt.“ Mein erster Punkt ist der: Selbst in den sexuell freizügigsten Gesellschaften gab es klare Grenzen. Es gibt keine absolute sexuelle Freiheit.
Zum Beispiel sind sich praktisch alle menschlichen Gesellschaften einig, dass Inzest tabu ist. Selbst in Korinth, eine Stadt, die extrem ausschweifend war, war es ein Skandal, wenn ein Mann mit der Frau seines Vaters schlief (s. Kapitel 5). Was noch? Eine ganz wichtige Grenze ist in unserer Gesellschaft die Zustimmung. Beide Partner müssen mit dem Sex einverstanden sein. Keiner darf dazu gezwungen werden. John Oliver hatte es so erklärt: „Sex ist wie Boxen: Wenn einer der Beteiligten nicht zustimmt, begeht die andere Person eine Straftat.“ D. h., solange zwei Menschen damit einverstanden sind, können sie sexuell machen, was sie wollen. Wo ist das Problem?
Ich denke, dass Einverständnis alleine eine extrem unzureichende Ethik für Sexualität ist. Ich gebe euch zwei Beispiele, um das zu illustrieren. Das erste Beispiel ist der Ehebruch. Wenn ein verheirateter Familienvater oder die Mutter eine Affäre hat, mag zwischen den Partnern, die die Ehe brechen, vielleicht Konsens vorhanden sein. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Folgen trotzdem in der Regel desaströs sind. Die anderen zahlen den Preis. Die Folgen für den betrogenen Ehepartner, die Kinder, die ganze Familie können katastrophal sein. Fakt ist, wir sind Beziehungswesen. Und Sex wirkt sich nicht nur auf die Person aus, mit der man intim wird. Es hat auch Auswirkungen auf unsere Umgebung und unsere anderen Beziehungen vor allem in der Familie. Sex hat das riesiges Potenzial, Beziehungen kaputtzumachen.
Zum anderen, Sex ist so viel mehr als „einfach nur“ ein körperlicher Akt. Christina Emba schrieb für die Washington Post: „Unter jungen Erwachsenen scheint weitgehende Einigkeit darüber zu herrschen, dass Sex etwas Gutes ist und je mehr wir davon haben, desto besser. Diese Annahme beinhaltet die Vorstellung, dass wir nicht an eine Beziehung oder Ehe gebunden sein müssen, dass unsere Neigungen persönlich sind und nicht von anderen beurteilt werden dürfen – nicht einmal von den Beteiligten selbst. In diesem Umfeld gibt es nur eine Regel: Hol dir vorher die Zustimmung deines Partners ein. Das Ergebnis ist jedoch eine Welt, in der junge Menschen sowohl befreit als auch unglücklich sind. […] die Erfahrung ist oft traurig, beunruhigend oder sogar traumatisch.“ Warum ist dem so? Und Emba beantwortet ihre Frage teilweise selbst: „Selbst wenn alles gut läuft, ist Sex kompliziert. Er betrifft unseren Körper, unseren Geist und unsere Gefühle, unsere Verbindungen zueinander und unser tiefstes Inneres. Trotz der vielen populären Argumente, dass es sich nur um einen körperlichen Akt handelt, ist fast jedem, der schon einmal Sex hatte, klar, dass Sex weitreichende Konsequenzen hat, von denen einige noch lange nach dem Ende einer Begegnung anhalten können.“ Der christliche Philosoph Dallas Willard hatte es in einem Vortrag richtig gut auf den Punkt gebracht. Er machte darauf aufmerksam, dass es so etwas wie „casual sex“ nicht gibt. „Casual“ könnte man mit „beiläufig“ oder „gleichgültig“ übersetzen. Er schaut ins Publikum und sagt dann: „Wie kannst du einem anderen Menschen so nahe sein, und trotzdem »beiläufig« sein?“ Casual Sex ist ein Widerspruch in sich selbst.
Wir haben gesagt, dass selbst die freizügigste Gesellschaft immer noch Grenzen zieht, was akzeptabel ist für Sex und was nicht. Und ich habe argumentiert, dass die Grenzen, die unserer Gesellschaft gezogen werden, unzureichend sind; es braucht aber einen ehrlichen, ungeschönten Blick drauf, das einzugestehen. Die Bibel sagt, dass Sex exklusiv in die Ehe gehört. Und die Frage ist, inwiefern das Sinn ergibt selbst für uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Zwei Gedanken dazu.
Zum einen, die Bibel definiert Sex als den körperlichen Ausdruck von etwas, was auf allen anderen Ebenen stattfindet. In Vers 16 schreibt Paulus: „Oder wisst ihr nicht, dass ein Mann, der mit einer Prostituierten verkehrt, mit ihr eins wird? Denn in der Schrift heißt es: Die beiden werden zu einer Einheit.“ Eins werden und zu einer Einheit verschmelzen beziehen sich auf die Ehe. Paulus zitiert hier die Genesis, als Gott im Garten Eden die erste Ehe gründet. In diesem Zusammenhang steht, dass Mann und Frau eins werden. D.h., Sex in der Ehe bedeutet, dass wir mit unseren Körpern, das auszudrücken bzw. das feiern, was auf allen anderen Ebenen bereits stattgefunden hat: dass ein Mann und eine Frau eins werden. Anders gesagt: Wenn du Sex mit einer Person hast, mit der du nicht verheiratet bist, ist das irgendwie gleichbedeutend mit der Aussage: „Ich bin nicht bereit, mich bis an mein Lebensende exklusiv an dich zu binden, emotional, leiblich, finanziell; aber ich will jetzt deinen Körper.“ Es gibt kaum einen anderen körperlichen Akt, bei dem wir uns so verletzlich machen; wo wir sprichwörtlich nackt dastehen. Und gerade das ist der Grund, weshalb Sex so unglaublich verletzend sein kann; dass die Verletzungen bleibende Narben hinterlassen. Sexuell übertragbare Krankheiten sind ein Bild dafür.
Der andere Grund weshalb Sex in die Ehe gehört: Denken wir kurz darüber nach, wie wir auf die Welt gekommen sind. Wir wollen es nicht wahrhaben, aber unsere Eltern hatten tatsächlich Sex gehabt! Der Punkt ist, Sex zwischen Männern und Frauen hat grundsätzlich das Potenzial, zu Schwangerschaften und zu neuem menschlichen Leben zu führen. Und ja, es gibt Menschen, die unfruchtbar sind; es gibt ziemlich wirksame Verhütungsmittel. Sex hat nicht nur mit Vergnügen zu tun, sondern mit Liebe und Verantwortung. Johannes Hartl hat es wunderbar erklärt: „Wenn sich zwei Personen [Mann und Frau] wirklich lieben, entsteht ein Raum. Es entsteht Platz für ein weiteres Wesen, das in diesem Raum heranwachsen darf. Ich will damit nicht sagen, dass unverheiratete Menschen keine guten Eltern sein können. Aber die Ehe ist der Bund der Liebe, der uns Menschen gegeben ist. Und Gottes Design und Gottes Plan war es, dass Kinder innerhalb dieses Bundes geboren werden und aufwachsen sollten, weil es die beste Umgebung ist.“
Die Bibel sagt also, dass Sex untrennbar mit Ehe einhergeht. Das ist der biblische Maßstab. Aber gleichzeitig ist das eine enorme Herausforderung. Und es ist ja nicht so, dass es nicht versucht wurde. In den USA begann in den 1980er eine Initiative, die das Ziel hatte, heranwachsenden Kindern beizubringen, sexuell abstinent zu leben, bis sie heiraten. Die amerikanische Regierung gibt jedes Jahr, einen dreistelligen Millionenbetrag aus, um dieses Programm zu fördern. Studien zeigen, dass dieses Programm ein einziger Fehlschlag ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieses Programm dazu führt, dass Jugendliche später anfangen, Sex zu haben; dass es weniger sexuell übertragbare Krankheiten unter Jugendlichen gibt. Das Bildungsprogramm ist sogar mit einer erhöhten Anzahl von Teenager-Schwangerschaften assoziiert.
Sexualität ausschließlich in der Ehe zu leben, ist eine große Herausforderung für alle diejenigen Menschen, die Jesus liebhaben und Jesus nachfolgen wollen.

2. Die wahre Revolution
Wie können Christen innerhalb dieser Welt ein Zeichen setzen, was Sex angeht? Wir leben in einer extrem sexualisierten Welt. Ist es überhaupt realistisch, außerhalb der Ehe sexuell enthaltsam zu sein?
Wir müssen verstehen, dass unsere Gesellschaft nicht schlimmer ist, als die Zeit damals. Im römischen Reich war Unzucht ziemlich weit verbreitet. Unter den größeren Städten nahm Korinth noch eine besondere Rolle ein. Sexuelle Freizügigkeit war im alten Korinth so verbreitet, dass der griechische Autor Aristophanes das Wort korinthiazo erfunden hat, was so viel bedeutet wie mit allem Sex zu haben, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Die Stadt war geradezu ein Synonym für Unzucht.
Wisst ihr was? Das war kein Hindernis für das Evangelium. Mit der Ausbreitung der Gemeinde Jesu begann in der Menschheitsgeschichte eine sexuelle Revolution. So hat es der verstorbene New Yorker Pastor Tim Keller beschrieben. Wenn wir an sexuelle Revolution denken, dann denken wir an das, was sich in den 60er und 70er Jahren in der westlichen Gesellschaft ereignet hat. Aber das hat wenig Neues zutage gebracht. Was wirklich neu war, war die Art und Weise, wie Christen Sex verstanden und gelebt hatten. Wir müssen hier mit ein paar wichtigen Missverständnissen aufräumen.
Tim Keller hat in seinen Predigten zu 1. Korinther die zwei vorherrschenden Haltungen der Menschen zu Sex ziemlich gut beschrieben. Die erste Haltung kommt in Vers 13 zum Vorschein: „Ihr sagt: Das Essen ist für den Bauch da und der Bauch für das Essen.“ Für einige, in der Korinther Gemeinde war Sex die natürlichste Sache der Welt: Sexuelle Begierde ist wie Appetit und Hunger; und wenn man Hunger hat, dann muss man etwas essen; und so ähnlich verhält es sich mit Sex. Da der Körper ohnehin vergänglich ist, spielt doch alles keine Rolle. Das war die eine Haltung. Die andere Haltung zu Sex kommt in Kapitel 7 zum Vorschein. Die Frage war, sollte man nicht versuchen, weitestgehend auf Sex zu verzichten? Außer vielleicht zum Zeugen von Kindern? Die Ansicht war: Sex ist etwas Niedriges und eklig und schmutzig und unwürdig für geistliche Wesen. Beide sehr unterschiedliche Ansätze waren in der Gemeinde vorhanden. Beide Ansätze haben gemeinsam, dass Sex unter Wert verkauft wird.
Bis auf den heutigen Tag sind diese zwei Ansichten weit verbreitet. Zum Beispiel, in unserer Gesellschaft ist Sex einfach ein Appetit: Wenn man ein Bedürfnis danach hat, muss man dieses Bedürfnis befriedigen. Christen und andere religiöse Menschen werden häufig mit der zweiten Sicht in Verbindung gebracht: Sex dient vor allem der Fortpflanzung, Sex ist vor allem negativ, Sex ist schmutzig. Die eine Gruppe sagt über die anderen: Ihr seid so verdorben und unmoralisch. Die andere Gruppe antwortet darauf: Ihr seid so verklemmt und sexuell frustriert, und eure Triebe äußern sich darin, dass Priester Kinder missbrauchen. Was wir unbedingt verstehen müssen: Paulus vertrat weder die eine noch die andere Seite. Er hatte eine ganz andere Sicht auf Sex.
Verse 18 und 19: „Deshalb haltet euch fern von aller Unzucht! Keine andere Sünde hat so große Auswirkungen auf den Körper wie diese, denn Unzucht ist eine Sünde gegen den eigenen Körper. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, der in euch lebt und euch von Gott geschenkt wurde?“ Die Korinther hatten eine abschätzige, abfällige Sicht auf Sex, weil sie eine abschätzige, abfällige Sicht auf ihren Körper hatten. Aber für Christen hatte der Körper eine immense Bedeutung. Unser Leib ist der Ort, in welchem der ewige unendliche Gott lebt durch seinen Heiligen Geist in uns. (Übrigens, die Aussage, dass Unzucht die einzige Sünde gegen den Körper ist, ist nicht ganz einfach zu verstehen: Jemand, der seinen Körper vernachlässigt, zu viel oder zu wenig isst, zu viel Alkohol trinkt oder Drogen nimmt, sündigt sicherlich auch gegen seinen Körper; aber es scheint, dass unseren Körper jemanden hinzugeben, ein besonderer Akt ist). Am Ende von Vers 19 schreibt Paulus: „Ihr gehört nicht euch selbst.“ Unsere Leiber gehören Gott.
Die sexuelle Revolution der 60er und 70er Jahre hat zu Freizügigkeit geführt und sexueller Selbstbestimmung. Sie hat auch zu höheren Scheidungsraten geführt, zu mehr Unglück und Frustration bei der Partnersuche und zu instabileren Beziehungen. Das war nicht wirklich revolutionär. Das, was die Christen im alten Rom lehrten und lebten, war hingegen wirklich revolutionär. Das Revolutionäre an der christlichen Lehre war, dass nicht nur Frauen ihren Männern treu zu sein hatten; auch Männer mussten ihren Frauen treu sein, was absolut unerhört war. Das Revolutionäre war, dass der Sex einvernehmlich sein musste, weil weder der Mann noch die Frau Eigentümer ihrer Leiber waren: Ihre Körper gehörten Gott. Das Revolutionäre war, dass Christen Sex in der Ehe praktizierten und feierten, nicht weil sie eine geringschätze Sicht auf Sex hatten, sondern weil sie Sex hochschätzten, weil sie die Körper, die Gott ihnen geschenkt hatte, hochschätzten. Das große Missverständnis ist, zu denken, dass die Bibel eine negative Sicht auf Sex vermittelt. Die Christen waren sex-positiv und hatten eine sehr gesunde Einstellung zu ihren Körpern.
Was war die Konsequenz? Die Konsequenz war, dass inmitten von Unmoral und sexueller Ausschweifung, Christen rein geblieben sind. In einem frühchristlichen Brief an Diognetus schreibt der Autor über die Christen: „Sie teilen einen gemeinsamen Tisch, aber sie teilen kein gemeinsames Bett.“ Die Heiden teilten ihre Körper, sie hatten einen billigen Umgang mit ihren Körpern und waren geizig mit ihrem Geld. Die Christen teilten ihr Geld und waren geizig mit ihren Körpern (sie gingen damit sehr teuer um).

3. Die große Kraft
Wir haben gesehen, dass die Bibel einen hohen Maßstab anlegt, was Sex angeht. Und wir haben gesehen wie revolutionär die christliche Sicht auf Sex in der griechisch-römischen Welt war. Aber wie können wir dann heilig leben? Vor Jahren war ich auf einem Elternabend. Und die Bio-Lehrerin hatte einen Überblick über den Stoff gegeben. Unter anderem stand sexuelle Aufklärung und Verhütung auf dem Programm. Ein Elternteil hatte dann gefragt, ob diese Themen in einer Klassenarbeit abgefragt werden. Die Antwort der Lehrerin war: „Nein. Bei diesem Thema haben die Schüler so viel Eigenmotivation, das zu lernen. Da brauchen wir keine Arbeit darüber.“ Sex übt eine tiefe Faszination auf uns aus. Ich habe vorhin erwähnt, dass der Versuch, Menschen dazu zu erziehen, enthaltsam zu sein so wie das in den USA über viele Jahre versucht wurde, nicht ausreicht. Wie können wir dann enthaltsam sein?
Wir haben eine wunderschöne Tochter, die jetzt ziemlich genau eineinhalb Jahre alt ist. Wie alle Kinder in diesem Alter liebt sie es mit allen Dingen zu spielen, die nicht als Spielzeug geeignet sind, angefangen mit der Fernbedienung vom Fernseher bis hin zu E.‘s Lego. Wenn man versucht, sie dazu zu überreden, ihr Spielzeug abzugeben, hört man lautstarken Protest und läuft Gefahr Objekt ihres Zorns zu werden. Was im Moment noch hilft, ist aber folgendes: Man bietet ihr einen Tausch an. Häufig funktioniert das sehr gut. Sie braucht etwas, mit dem sie spielen kann. Und so traurig es auch klingt, gleiches lässt sich auf uns anwenden, die wir ein paar Jahre älter sind.
Thomas Chalmers war ein schottischer Prediger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einer seiner berühmtesten Predigten sagte er zu Beginn: „Es gibt zwei Wege, auf denen ein praktischer Moralist versuchen kann, die Liebe zur Welt aus dem menschlichen Herzen zu verdrängen: entweder (1) durch den Nachweis der Eitelkeit der Welt, sodass das Herz dazu bewegt wird, seine Zuneigung einfach von einem Objekt abzuwenden, das seiner nicht würdig ist; oder (2) indem er ein anderes Objekt, nämlich Gott, als würdiger für seine Zuneigung vorschlägt, sodass das Herz dazu bewegt wird, nicht einfach eine alte Zuneigung aufzugeben (der nichts nachfolgen würde), sondern eine alte Zuneigung gegen eine neue einzutauschen. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die erstgenannte Methode aufgrund der Beschaffenheit unserer Natur gänzlich ungeeignet und wirkungslos ist; und dass nur die letztgenannte Methode ausreicht, um das Herz von der falschen Zuneigung zu befreien und wiederherzustellen, die es beherrscht.“1) Ist das nicht ein wunderbarer Anfang einer Predigt?
Zu sagen, dass Sex außerhalb der Ehe Sünde ist, ist völlig unzulänglich und wirkungslos, um Menschen davon zu überzeugen, damit aufzuhören. Freunde, was ist das, was eine größere Faszination auf uns ausübt als Sex? Die Antwort ist Gott selbst! Am Schluss von unserem Text heißt es: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, der in euch lebt und euch von Gott geschenkt wurde? Ihr gehört nicht euch selbst, denn Gott hat einen hohen Preis für euch bezahlt. Deshalb ehrt Gott mit eurem Leib!“ Frage: Was hat Gott denn bezahlt, um uns freizukaufen? Antwort: Alles! Alles! Er hat sich selbst für uns hingegeben. Er hat seine Herrlichkeit des Himmels für uns verlassen. Er hat mit seinem Leben für uns bezahlt. Er hat sein Blut für uns hingegeben. Es gab nichts, was er zurückgehalten hat.
Jemand hat mal die Frage gestellt, weshalb Jesus in seinen ca. 30 Jahren, die er auf Erden verbracht hatte, nicht geheiratet hatte. Die Antwort ist, weil Jesus verlobt ist. Er ist verlobt mit einer ganz schwierigen Braut: der Gemeinde in Korinth, die so viele Probleme hatte; mit jedem einzelnen von uns, die wir so viele Probleme haben. Ehe, Partnerschaft und Sexualität ist ein Bild und ein Schatten der geistlichen Realität, die eines Tages anbrechen wird, wenn Himmel und Erde eins werden, wenn Jesus und seine Braut vereint werden, wenn wir unser wahres Zuhause erreicht haben.
Sexuell rein zu leben braucht Kraft, die wir nicht in uns selbst haben. Aber Gott bietet uns eine unendliche Kraft: die Kraft der Auferstehung, die unsere Körper im Hier und Jetzt heiligen, weil unsere Körper gut sind; die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt; die Kraft der Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen; die Kraft der Vergebung, dass immer und zu jederzeit, Gott bereit ist, all unser Versagen und unser Unvermögen aufzufangen.

*1) Thomas Chalmers’: “Expulsive Power of a New Affection”