Predigt: 1. Korinther 10,14-11,1

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Tut alles zur Ehre Gottes

„Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“

(1. Korinther 10,31)

Die Kapitel 8 bis 10 des ersten Korintherbriefs kreisen um ein zentrales Thema: die Frage nach dem Essen von Götzenopferfleisch. Damals war Korinth eine Stadt, in der der Götzendienst zum alltäglichen Leben gehörte. Das meiste Fleisch, das auf dem Markt verkauft wurde, war zuvor Götzen geopfert worden. Viele Zusammenkünfte und Festmahle standen in Verbindung mit heidnischen Tempeln. In genau diesem Umfeld lebten Menschen, die an Jesus Christus glaubten.
Das Problem entstand innerhalb der Gemeinde. Einige, die sich selbst als stark im Glauben betrachteten, beriefen sich auf ihr Wissen: „Ein Götze ist nichts.“ Mit dieser Überzeugung aßen sie ohne Bedenken das Opferfleisch. Manche gingen sogar in die Tempel und setzten sich mit den Götzendienern an einen Tisch. Sie hielten sich für frei. Doch ihr Verhalten verletzte das Gewissen der schwächeren Geschwister, brachte sie in Verwirrung und führte sie in Versuchung.
Der Apostel Paulus gibt auf diese Frage keine einfache, pauschale Antwort wie „Esst“ oder „Esst nicht“. Er macht deutlich: In manchen Situationen kann man essen, in anderen darf man es keinesfalls. Warum? Weil der Maßstab nicht bloß Wissen oder persönliche Freiheit sind. Paulus weist auf ein tieferes Prinzip hin: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut – tut alles zur Ehre Gottes.“ (31)
Dieses Wort geht weit über die Frage nach Speisen hinaus. Es ist ein Grundsatz für das ganze Glaubensleben. Wir leben mitten in der Welt. Wir arbeiten, essen und stehen in Beziehung mit Menschen, die nicht an Gott glauben. Nach welchem Maßstab sollen wir also entscheiden? Nach unserer Freiheit? Nach unserem Recht, oder nach der Ehre Gottes?
Durch dieses Wort lernen wir, welche Haltung wir als Christen inmitten der Welt einnehmen sollen. Unsere Entscheidungen und Handlungen sollen nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern Gott sichtbar machen und dem Nächsten zum Leben dienen.
Im Kapitel 10 erinnert Paulus an die Geschichte Israels. Das Volk war unter der Wolke, ging durch das Meer und aß die gleiche geistliche Speise. Und doch kamen viele von ihnen in der Wüste um. Warum? Sie starben nicht an Hunger oder Durst. Es fehlte ihnen nicht an Versorgung. Sie gingen zugrunde, weil sie trotz der erfahrenen Rettung und Gnade Gottes dem Götzendienst, der Unzucht, der Versuchung Gottes und dem Murren verfielen. Paulus betont ausdrücklich: „Diese Dinge sind als Vorbilder für uns geschehen.“ Und nun fasst Paulus in Vers 14 unseres heutigen Abschnitts die gesamte Argumentation zusammen und zieht eine klare und kraftvolle Schlussfolgerung: „Darum, meine Geliebten, flieht den Götzendienst.“ (14)
Hier diskutiert Paulus nicht mehr weiter. Er sagt nicht: „Debattiert darüber.“ Er sagt auch nicht: „Probiert es doch einmal aus, wie weit ihr gehen könnt.“ Er gebraucht nur ein einziges Verb: „Flieht.“ Warum spricht Paulus so entschieden? Wenn wir in die Schrift schauen, erkennen wir ein gemeinsames Merkmal bei den Menschen, die vor der Sünde bewahrt blieben: Sie versuchten nicht, die Sünde zu überreden. Sie verhandelten nicht mit ihr. Sie gingen keinen Kompromiss ein. Denken wir an Josef. Vor der Frau des Potifar führte er keine theologische Diskussion. Er fragte nicht: „Ist das auch Sünde, wenn ich nur mit ihr rede?“ oder „Wird Gott nicht ohnehin vergeben?“ Sondern er ließ sein Gewand zurück – und floh. Warum? Weil Götzendienst und Sünde keine Angelegenheit sind, die man durch einen Kampf gewinnt. Der Götzendienst kommt nicht wie die Streitwagen Ägyptens mit lautem Getöse. Er dringt vielmehr leise ein – wie ein Virus, unauffällig und schleichend. Wenn eine Grippewelle umgeht – entscheidet sich dann jemand bewusst: „Ich werde gegen das Virus kämpfen?“ Wenn man bereits erkrankt ist, braucht man eine Behandlung. Doch bevor man sich ansteckt – was ist die weiseste Entscheidung? Man schützt sich, hält Abstand, beugt vor. Wenn man ständig mit Erkrankten zusammen ist, steckt man sich irgendwann an – oft ohne es zu merken. So ist es auch mit dem Götzendienst. Allein die Anwesenheit in einem heidnischen Tempel mag noch nicht automatisch Götzendienst sein. Doch es ist weit sicherer, gar nicht erst dorthin zu gehen, als sich bewusst in eine gefährliche Umgebung zu begeben. Darum sagt Paulus: Götzendienst ist kein Bereich, in dem man Stärke beweisen soll. Es ist etwas, dem man möglichst fernbleiben muss. Dafür braucht es Weisheit und Besonnenheit. Deshalb schreibt Paulus in Vers 15: „Ich rede doch zu verständigen Menschen; beurteilt ihr, was ich sage.“
Das bedeutet nicht, dass er die Verantwortung einfach auf die Gemeinde abwälzt. Vielmehr lädt er zur geistlichen Reife ein. Reifer Glaube bedeutet nicht, dass immer jemand anderes für uns entscheidet. Es bedeutet auch nicht, nur zu hören und blind zu folgen. Reifer Glaube heißt, vor Gottes Wort selbst zu prüfen und zu unterscheiden. Wir leben heute in einer Zeit, in der die künstliche Intelligenz unzählige Informationen analysiert und bereitstellt. Entscheidend ist nicht mehr, wie viel man weiß, sondern welche Auswahl man aus der Fülle der Informationen trifft und welche Urteile man fällt.
Genau hier berührt uns die Mahnung des Paulus ganz neu. Glaube bedeutet nicht einfach, viel Bibelwissen zu besitzen. Er bedeutet auch nicht, sich von Stimmungen oder Mehrheiten treiben zu lassen. Er bedeutet, vor dem Wort Gottes selbst zu stehen und zu unterscheiden. Darum sagt Paulus nicht: „Übernehmt meine Worte einfach“, sondern: „Urteilt selbst – als Verständige.“
Ein Christ ist kein gedankenloser Mensch. Er ist ein Mensch, der berufen ist, sich im Licht des Wortes Gottes zu prüfen und verantwortlich zu entscheiden. Wie sollen wir also selbst urteilen? Nach welchen Maßstäben sollen wir leben? Schauen wir auf die Verse 16 und 17. Paulus verwendet nun das Beispiel des Abendmahls:
„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ (16.17)
Wenn wir beim Abendmahl den Kelch trinken und das Brot brechen, nehmen wir an dem Ereignis teil, bei dem Christus für unsere Sünden seinen Leib gab und sein Blut vergoss. Dies ist nicht nur ein Symbol, sondern eine wirkliche Gemeinschaft mit Christus.
Paulus sagt in Vers 17: „Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ (17) Das Abendmahl ist keine rein persönliche Frömmigkeitsübung. Es ist ein gemeinschaftliches Ereignis. Mit dem Brechen des Brotes verkünden wir: „Wir sind ein Leib in Jesus.“ Wir sind eins, weil wir in Christus Gnade empfangen haben. Wir sind kein bloßes Zusammentreffen einzelner Menschen, sondern ein Leib, verbunden durch die Gnade Christi. Jedes Mal, wenn wir das Abendmahl empfangen, sollen wir uns daran erinnern, dass alle Gläubigen der Kirche in Christus ein Leib sind.
In Josua Kapitel 7 sehen wir eine sehr eindrucksvolle Szene. Durch die Sünde eines Mannes namens Achan erlitten die Israeliten bei der Schlacht gegen die kleine Stadt Ai eine Niederlage. Sie hatten zuvor Jericho – eine nahezu uneinnehmbare Stadt – erobert. Nun aber, gegen eine kleine Stadt, starben 36 Menschen, und das Volk floh in Angst. Die Herzen des Volkes zerschmolzen wie Wasser. Josua 7,1 sagt: „Aber die Israeliten vergriffen sich an dem Gebannten; denn Achan, der Sohn Karmis, des Sohnes Sabdis, des Sohnes Serachs, vom Stamm Juda, nahm etwas vom Gebannten. Da entbrannte der Zorn des Herrn über die Israeliten.“ Merkwürdig, nicht wahr? Der Schuldige war nur Achan. Aber Gott sagt nicht: „Achan hat gesündigt“, sondern: „… die Israeliten vergriffen sich …“
Achan hatte heimlich Gold und Silber versteckt. Er dachte wohl nicht, dass seine persönliche Sünde das ganze Volk beeinflussen würde. Doch seine verborgene Schuld führte zur Niederlage, 36 Menschen starben, und die gesamte Gemeinschaft geriet in Angst. Ein einziger Akt der heimlichen Habgier schwächte die ganze Gemeinschaft.
Vor Gott ist die Gemeinde ein Leib. Deshalb sieht Gott die Sünde eines Gliedes als Sünde der ganzen Gemeinschaft. Dieses Ereignis stellt uns eine Frage: Betrachte ich meinen Glauben zu sehr als rein persönliche Angelegenheit? Denken wir einfach: „Es betrifft doch nur mich, was ich tue?“ Aber die Gemeinde ist der Leib Christi. Wenn ein Glied krank ist, leidet der ganze Leib. Wenn ein Glied Sünde verbirgt, wird die Gemeinschaft geschwächt. Die Geschichte von Achan ist nicht einfach ein alttestamentlicher Bericht. Sie zeigt uns deutlich: Glaube ist niemals ein individuelles Projekt. Deshalb müssen wir uns fragen: Könnte mein kleines Zugeständnis, meine verborgene Gier, meine unverantwortliche Entscheidung die Gemeinschaft schwächen? Gott sieht uns auch heute nicht als Einzelne, sondern als „einen Leib“. Unsere Entscheidungen tragen immer gemeinschaftliche Verantwortung.
Schauen wir auf die Verse 18 bis 22: „Seht an das Israel nach dem Fleisch! Welche die Opfer essen, stehen die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Was will ich nun damit sagen? Dass das Götzenopfer etwas sei? Oder dass der Götze etwas sei? Nein, sondern was man da opfert, das opfert man den Dämonen und nicht Gott. Ich will aber nicht, dass ihr mit den Dämonen Gemeinschaft habt. Ihr könnt nicht zugleich den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht zugleich am Tisch des Herrn teilhaben und am Tisch der Dämonen. Oder wollen wir des Herrn Eifersucht wecken? Sind wir stärker als er?“
Nun veranschaulicht Paulus seine Argumentation noch deutlicher, indem er auf die alttestamentlichen Opfer verweist. Hier erinnert Paulus an das Prinzip der Opfer im Alten Bund. Das Essen des Opfers war nicht einfach Nahrungsaufnahme. Es bedeutete, an dem Altar teilzuhaben und damit in Beziehung zu dem zu treten, dem der Altar gehörte. Eine Mahlgemeinschaft war immer auch ein Ausdruck von Beziehung. Dann stellt sich die Frage: Was bedeutet es, Fleisch zu essen, das einem Götzen geopfert wurde? Paulus antwortet sehr entschieden: „Nein, sondern was man da opfert, das opfert man den Dämonen und nicht Gott. Ich will aber nicht, dass ihr mit den Dämonen Gemeinschaft habt.“ (20) Der Götze selbst ist nichts. Doch dahinter steht eine geistliche Macht, die sich Gott widersetzt. Deshalb erklärt Paulus in klaren Worten: „Ihr könnt nicht zugleich den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht zugleich am Tisch des Herrn teilhaben und am Tisch der Dämonen.“ (21) Es gibt keinen Mittelweg, keinen Bereich, in dem man mit beiden Füßen stehen könnte. Glaube ist eine Frage der Entscheidung und der Zugehörigkeit.
Ein Beispiel: In Korea kommt es unter Soldaten vor, dass Rekruten sonntags in die Kirche gehen, um eine kleine Süßigkeit oder einen Snack zu erhalten. Einige gehen danach in einen Tempel, weil dort ebenfalls ein Snack wartet. Es geht ihnen nicht um tiefes geistliches Nachdenken, sondern um das eigene leibliche Wohl. Oberflächlich könnte man sagen: „Wohin man geht, spielt keine Rolle.“ Aber diese Haltung sendet eine klare Botschaft: Es fehlt an Ernsthaftigkeit gegenüber der Zugehörigkeit und an Ehrfurcht gegenüber dem Objekt der Verehrung. Ähnlich war es in der Gemeinde in Korinth. Einige gingen in heidnische Tempel und setzten sich mit den Heiden an den Tisch. Sie hätten sagen können: „Ein Götze ist nichts; Fleisch ist nur Fleisch.“ Für Paulus war dies jedoch nicht nur ein Problem des Wissens. Dahinter stand ein Herz, das den eigenen Vorteil höher schätzte und eine gleichgültige Haltung gegenüber Gott zeigte. Kann jemand, der Gott wirklich liebt, neutral gegenüber dem stehen, was sich Gott widersetzt? Liebe hat eine Richtung. Je mehr wir Gott lieben, desto sensibler werden wir für alles, was ihm zuwiderläuft. Die Stelle aus Apostelgeschichte 17,16 zeigt Paulus’ Herz: „Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, da er die Stadt voller Götzenbilder sah.“ Paulus reagierte auf die Götzen nicht gleichgültig. Er rechnete nicht ab, er kompromittierte nicht. Sein Herz war bewegt, weil er Gott liebte. Das Problem ist also nicht Wissen, sondern die Herzenseinstellung. Kann man behaupten, Götzen seien nichts, und dennoch ruhig an einem Tisch sitzen, der damit verbunden ist? Wenn ja, liebt man vielleicht den eigenen Vorteil mehr als Gott. Paulus macht uns klar: Im Glauben gibt es keinen Raum für „doppelte Zugehörigkeit“. Wir müssen wissen, an wessen Tisch wir sitzen.
Nun kehrt Paulus wieder zum Thema Freiheit zurück. Schauen wir auf Vers 23: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut. Sucht nicht euer eigenes Wohl, sondern das des anderen.“ Der Gläubige ist frei, doch diese Freiheit ist niemals eigennützig. Christen sind frei, um andere zu stärken. Paulus gibt ein sehr praktisches Beispiel: Fleisch, das auf dem Markt verkauft wird, kann man bedenkenlos essen, solange es keine Einwände gibt. Wenn jedoch jemand sagt: „Dies ist Götzenopferfleisch“, sollte man es wegen des Gewissens dieser Person meiden. Denn er sagte dies, weil sein Gewissen belastet und sein Glaube schwach ist. Wenn wir dennoch von diesem Götzenopfer essen, könnten wir die Person dadurch in Versuchung führen. Wir müssen uns also wieder fragen: Wenn ich meine Freiheit ausübe, wie sehr berücksichtige ich das Gewissen anderer? Kann meine Rechtfertigung meiner Freiheit jemanden zum Stolpern bringen? Deshalb fordert Paulus uns auf, wie in Vers 15 gesagt, Menschen zu sein, die selbst unterscheiden können wie Verständige. Nicht Menschen, die nur fragen: „Was ist erlaubt?“, sondern Menschen, die fragen: „Was dient dem Leben der anderen?“
Und Paulus fasst schließlich alles in einem Satz zusammen: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“ (31) Dieses Wort ist nicht nur ein Rat. Es ist ein Grundsatz des Glaubens und das Lebensziel für Christen. Paulus fragt nicht: „Wie frei bist du?“ Er fragt: „Wem dient deine Freiheit?“ Darum müssen wir uns selbst prüfen: Dient meine Entscheidung und mein Handeln der Ehre Gottes? Bringt sie jemanden in Versuchung, oder stärkt sie seinen Glauben? Führt sie andere näher zu Gott und zum Leben, oder ist es nur eine Wahl für mich selbst? Treffe ich Entscheidungen, die erbauen, oder treffe ich die Entscheidungen nach meinem Gefühl und Wohl?
Vor diesem Hintergrund gibt Paulus ein konkretes Beispiel: „Folgt meinem Beispiel wie ich dem Beispiel Christi!“ (11,1) Paulus stellt sich hier nicht in den Mittelpunkt. Das endgültige Vorbild ist immer Jesus Christus. Jesus Christus war wirklich frei. Er war Gottes Sohn und besaß alle Macht und Herrlichkeit. Er musste niemandem Rechenschaft ablegen und er war zu nichts verpflichtet. Er hatte die Freiheit, wirklich alles zu tun. Niemand konnte ihn zu etwas zwingen oder ihm etwas nehmen. Doch Jesus beanspruchte diese Freiheit nicht für sich. Er ließ die himmlische Herrlichkeit hinter sich, erniedrigte sich selbst und nahm menschliche Gestalt an. Er kam nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen. Auch am Kreuz verteidigte er sich nicht. Er forderte sein Recht nicht ein. In Schweigen trug er das Kreuz und gab seinen Leib und sein Blut für uns hin, um uns zu retten. In diesem Moment wurde die Herrlichkeit Gottes am deutlichsten sichtbar. An dem Ort, wo die Freiheit abgelegt wurde, offenbarte sich die Liebe; durch Gehorsam wurde Gottes Wille erfüllt, und viele Menschen empfingen das Leben. Daraus ergibt sich klar: Das Leben eines Christen besteht nicht im Abwägen dessen, was erlaubt ist, sondern im Streben nach dem, was Gott ehrt. Es ist kein Leben, das die eigene Freiheit schützt, sondern eines, das durch seine Freiheit andere rettet. Möge jeder von uns, der Jesus Christus nachfolgt, mit der Freiheit nicht sein eigenes Wohl suchen, sondern andere lieben, ihnen dienen und zum Leben führen.
Während ich über dieses Wort nachdachte, merkte ich, wie schwer es mir fiel, es persönlich anzunehmen. Mein Herz war dabei belastet. An Weihnachten 2009 habe ich durch das Wort aus Jesaja 9 Jesus als meinen Retter empfangen: „Denn uns ist ein Kind geboren …“ Vor diesem Wort habe ich beschlossen, Jesus nachzufolgen. Ich bekannte, dass ich ein Leben führen will, das Gott ehrt, und als Jünger Jesu lebe. Aus dieser Entscheidung heraus kam ich als studentischer Missionar nach Deutschland. Ich nahm am Abendmahl teil, aß vom Leib Christi und trank von seinem Blut. Ich saß am Tisch des Herrn. Daher fragte ich mich erneut vor diesem Text: Entsprach mein Leben wirklich diesem Bekenntnis?
Im Jahr 2009 hatte ich nichts. Ich hatte nichts erreicht. In dieser Zeit war ich sehr demütig und hatte Sehnsucht vor Gott. Ich betete zu Gott und bekannte: Dass ich nach Deutschland gekommen bin, war nicht nach meinem Willen, sondern um Gottes Auftrag zu erfüllen. Ich bat um Gnade, hier bleiben zu dürfen. Gott war mir sehr gnädig. Er half mir, meine Sprachdefizite zu überwinden, sodass ich die Deutschprüfungen bestehen und an der Medizinischen Fakultät studieren konnte. Er führte mich durch viele Schwierigkeiten zum Abschluss. Mit J. beschenkte er mich mit einer Familie im Glauben und ich erhielt die dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.
Im Laufe der Zeit, beim Hören und Lesen der Schrift, habe ich mehr Bibelwissen gesammelt als zu Beginn meiner Zeit in Deutschland. Dennoch muss ich bekennen, dass ich dieses Wissen oft nicht in Liebe angewandt habe. Ich sprach von Recht und Unrecht, doch baute andere selten auf. Häufig handelte ich nach Urteil und Maßstab, aber nicht nach Liebe. In meiner Familie und in der Gemeinde habe ich oft meine Gefühle und persönlichen Maßstäbe in den Vordergrund gestellt.
„Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ (23)
„Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“ (31)
Der Text macht klar: Der Maßstab ist nicht das Wissen, sondern der Nutzen des Anderen. Der Maßstab ist nicht die Freiheit, sondern die Ehre Gottes. Zur Ehre Gottes zu leben bedeutet daher nicht, Wissen oder Freiheit in den Mittelpunkt zu stellen, sondern den Nutzen des Anderen zum Maßstab zu machen. Ich erkannte zum großen Bedauern, dass meine stolze Haltung meine Familie und darüber hinaus die Gemeinschaft krank machen kann. Ich sah erneut, wie sehr eine einzelne Haltung und ein einzelnes Herz die Gemeinschaft beeinflussen können. Deshalb bekenne ich meinen Hochmut mit Furcht und Zittern vor Gott: Herr, mach mich weise. Hilf mir zu erkennen, dass wirklich nur die Liebe aufbaut. Lass mich nicht nach meinen Gefühlen oder eigenen Urteilen handeln, sondern nach deiner Ehre. Lass mich nicht nach meinem eigenen Vorteil streben, sondern nach dem Nutzen anderer.
So wie Paulus sagte: „So wie ich Christus nachfolge, so sollt auch ihr mir nachfolgen“, möge dieses Bekenntnis auch in meinem Leben Wirklichkeit werden. Als jemand, der am Tisch des Herrn teilnimmt und vom Kelch des Herrn getrunken hat, bete ich inständig: Möge mein ganzes Leben nun ein Leben werden, das die Herrlichkeit Gottes offenbar macht.
Paulus erinnert uns beim Abendmahl daran, dass wir als Gläubige ein Leib sind – verbunden in Christus. Als Christen sollen wir in Freiheit nicht einfach tun, was erlaubt ist, sondern alles zur Ehre Gottes. Unsere Entscheidungen sollen nicht auf Eigeninteresse oder bloßem Wissen basieren, sondern darauf, andere zu erbauen und Gott zu ehren. Jesus hat uns dieses Beispiel vorgelebt, und wir beten, dass auch wir seinem Beispiel folgen und in Liebe handeln.