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Lasst uns Gutes tun!
„Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.“
(Galater 6,9)
Heute betrachten wir gemeinsam das letzte Kapitel des Galaterbriefs. Was war wohl die Bitte, die der Apostel Paulus am Ende seines Briefes unbedingt hinterlassen wollte? Paulus nannte die Gläubigen in Galatien (Galater 4,19) „meine Kinder“. Das zeigt, dass dieser Brief mit dem Herzen eines geistlichen Vaters geschrieben wurde. Normalerweise beginnen die Briefe des Paulus mit dem Kern des Evangeliums: „Was sollen wir glauben?“, und wenn sie sich dem Ende zuneigen, münden sie in praktische Ermahnungen: „Wie sollen wir dann leben?“. Auch im heutigen Bibeltext, in den Versen 1 bis 10, finden sich fünf Ermahnungen dazu, wie wir als Christen leben sollen. Heute wollen wir diese fünf Punkte gemeinsam betrachten. Schauen wir uns zunächst die erste Ermahnung an.
1. Helft dem, der gesündigt hat, mit sanftmütigem Geist wieder zurecht (Vers 1)
Im vorangegangenen Kapitel 5 stellte Paulus den „geistlichen Menschen“, der nach dem Geist lebt, dem Menschen gegenüber, der nach den Begierden des Fleisches lebt. Insbesondere in Galater 5,21 warnte er eindringlich davor, dass Menschen, die diesen fleischlichen Begierden folgen, das Reich Gottes nicht erben können. Das ist ein zentrales Thema, bei dem es um das ewige Leben geht und das wir auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Deshalb ermahnt uns Paulus, als geistliche Menschen unseren Brüdern und Schwestern, die auf dem Abweg sind, aktiv zu helfen.
Aber ehrlich gesagt ist es oft sehr schwierig, jemanden auf den richtigen Weg zurückzubringen. Das ist so, als würden wir einem Kind oder Jugendlichen, der völlig in ein Computerspiel vertieft ist, einfach sagen: „Lern mal ein bisschen“ – das führt nicht dazu, dass er sich sofort an den Schreibtisch setzt. Es ist ohnehin schon schwer genug, den eigenen Glauben im Alltag zu bewahren; da ist es eine große Last, sich auch noch um den geistlichen Zustand anderer zu kümmern. Wir haben vielleicht manchmal die Sorge, dass wir durch unüberlegtes Handeln alles nur verschlimmern und die Beziehung beschädigen.
Dennoch zeigt uns Galater 6,1, warum Paulus uns dazu aufruft, mit einem „sanftmütigen Geist“ und in „Demut“ auf andere zuzugehen. Wir sollen den anderen nicht mit unserer eigenen Kraft und Sturheit korrigieren wollen, sondern vielmehr demütige Werkzeuge sein, durch die der Heilige Geist wirken kann. Vor allem müssen wir die Haltung einnehmen: „Auch ich bin ein schwacher Mensch, der jederzeit genauso fallen kann.“ Wir dürfen andere weder ignorieren noch vorschnell verurteilen.
Tatsächlich hat Jesus uns diese anstrengende und schwierige Aufgabe als Erster vorgelebt. Er ging damals auf die samaritische Frau zu, die in der prallen Hitze einsam Wasser holte, um bloß keinem Menschen zu begegnen. Jesus klopfte an ihr verschlossenes Herz und half ihr, sich von der Sünde abzuwenden und ein Leben in echter Anbetung Gottes zu beginnen. Das ist das Herz unseres himmlischen Vaters, der keine einzige Seele verlieren möchte.
In einer Zeit wie heute, in der sich viele Menschen voneinander abkapseln und zögern, Anteil am Leben der anderen zu nehmen, ist es gewiss nicht leicht, echtes Interesse zu zeigen und zu helfen. Wenn es uns schwerfällt, direkt auf jemanden zuzugehen und ihn zu ermahnen, können wir erst einmal im Gebet für diesen Menschen einstehen. Egal wie schwer und herausfordernd es ist: Wenn wir sanftmütig, demütig und im Vertrauen auf den Heiligen Geist aufeinander zugehen, geschieht das großartige Wunder der Wiederherstellung. Ich bete, dass wir uns an das Versprechen erinnern: „Und die viele zur Gerechtigkeit weisen, werden leuchten wie die Sterne immer und ewiglich“ (Daniel 12,3), und dass wir uns mit Freude dem Herzen unseres Vaters für die verlorenen Seelen anschließen.
2. Einer trage des anderen Last (Vers 2–5)
Werfen wir einen Blick auf Vers 2. Die hier erwähnte „Last“ steht für seelischen Stress, Ängste, Depressionen und all die schweren Belastungen des Lebens, die wir allein kaum bewältigen können. Das kann der Schmerz sein, wenn wir im Glaubensleben immer wieder in dieselben Sünden tappen und keinen Ausweg finden, oder tiefe Verletzungen durch schwere Schicksalsschläge. Es kann auch eine körperliche oder innere Schwäche sein, die wir über lange Zeit allein kaum noch ertragen können.
Paulus ermahnt uns, diese schweren Lasten „füreinander zu tragen“. Wir könnten einwenden: „Ich habe doch schon genug damit zu tun, meine eigene Last zu tragen – wie soll ich da auch noch die eines anderen schultern?“ Doch Paulus betont, dass sich das „Gesetz Christi“ erst dann erfüllt, wenn wir die Lasten des anderen mittragen. Dass er anstelle des angenehm klingenden Begriffs „Liebe Christi“ die Worte „Gesetz Christi“ gewählt hat, zeigt, dass dies ein verbindlicher und unverzichtbarer Maßstab für uns ist: Ein Geschwisterteil, das unter einer schweren Last seufzt, nicht einfach zu ignorieren, sondern sie gemeinsam zu tragen. Wenn jemand von uns strauchelt, an seiner Seite zu sein, mitzuleiden und Halt zu geben – das ist der Wille Jesu für uns.
Vers 3 warnt uns jedoch davor, auf leidende Glaubensgeschwister herabzuschauen. Wer sich selbst für einen „starken Menschen“ hält, der kaum in Versuchung gerät und von Rückschlägen nicht so schnell entmutigt wird, neigt oft dazu, die Schwächen anderer nicht zu verstehen und vermisst echtes Mitgefühl. Paulus hält uns hier den Spiegel vor und nennt das eine gefährliche Selbsttäuschung. Erst wenn wir erkennen, wie schwach und bedürftig wir selbst vor Gott sind, können wir wirklich demütig werden.
Vor einigen Jahren hatten wir das Missionarsehepaar J. und M. A. aus C. bei uns zu Hause zu Gast. Als wir nach dem gemeinsamen Essen zu Fuß nach Hause gingen, war es wunderschön zu sehen, wie die beiden – mittlerweile über siebzig Jahre alt – Hand in Hand gingen. Als ich diese liebevolle Vertrautheit lobte, sagte M. A. etwas sehr Wahres: „Wenn man älter wird, bleibt einem eigentlich nur noch das tiefe Mitleid füreinander. Man stolpert eben so leicht, und da muss man sich gegenseitig gut festhalten.“
Betrifft das nur Ältere? Keineswegs. Wir alle sind zerbrechliche Menschen, die jederzeit fallen können. Selbst um füreinander zu beten und uns gegenseitig zu trösten, ist unsere Lebenszeit viel zu kurz. Selbst wer nach außen hin ein perfektes Leben zu führen scheint, trägt oft unausgesprochene Schmerzen im Herzen. Deshalb fordert Paulus uns auf, einander beizustehen und Barmherzigkeit zu üben. Wenn wir einander in unserer Schwachheit festhalten, wird Christi Liebe in unserer Gemeinschaft sichtbar.
Gleichzeitig betont Paulus aber auch, dass jeder „seine eigene Last tragen“ soll. Das bedeutet nicht, dass wir versuchen sollen, bloß niemandem zur Last zu fallen, sondern vielmehr, dass jeder von uns die persönliche Verantwortung für sein Leben vor Gott ernst nehmen muss. Schließlich stehen wir alle eines Tages vor ihm. Mögen wir die Lasten unserer Nächsten liebevoll mittragen und gleichzeitig die Aufgaben treu erfüllen, die Gott jedem Einzelnen von uns anvertraut hat.
3. Wer im Wort unterrichtet wird, der teile alle guten Dinge mit dem, der ihn unterrichtet (Vers 6)
In Vers 6 heißt es: „Wer im Wort unterrichtet wird, der teile alle guten Dinge mit dem, der ihn unterrichtet.“ Paulus hat sich zeitlebens oft selbst mit eigener Hände Arbeit versorgt, um den Gemeinden nicht zur Last zu fallen. Doch damit hat er nicht von allen Mitarbeitern verlangt, dass sie ihren Lebensunterhalt komplett nebenbei verdienen müssen. Vielmehr lehrte er, dass diejenigen, die geistlich unterwiesen werden, auch für den Lebensunterhalt derer sorgen sollen, die ihnen das Wort Gottes nahebringen.
Schon im Alten Testament gab Gott dem Stamm Levi kein eigenes Stück Land für die Landwirtschaft, damit sie sich ganz auf den Tempeldienst konzentrieren konnten; stattdessen lebten sie von den Zehnten, die das Volk Israel gab. Paulus drückt es mit den Worten aus: „teile alle guten Dinge“. Das meint eine lebendige Gemeinschaft, in der die Empfänger geistlicher Segnungen und diejenigen, die sich um den praktischen und geistlichen Dienst kümmern, einander wertschätzen und unterstützen. Eine gesunde Gemeinde lebt genau von diesem Miteinander aus geistlicher Nahrung und gegenseitiger Fürsorge.
Wenn Prediger und Mitarbeiter sich ganz auf die Weitergabe des Wortes konzentrieren und wir als Glaubende sie im Gebet und durch praktische Hilfe unterstützen, erleben wir gemeinsam den reichen Segen und Trost Gottes.
4. Wer auf den Geist sät (Vers 7–8)
In Vers 7 warnt Paulus eindringlich: „Irrt euch nicht.“ Das richtet sich an uns alle, wenn wir unsere alten Gewohnheiten nicht ablegen wollen, aber insgeheim doch auf reiche geistliche Früchte hoffen – ganz nach dem Motto: „Wird schon gut gehen.“ Doch Gott lässt sich nicht täuschen. In dieser Welt gilt ein unumstößliches Naturgesetz: Was man sät, das werden wir ernten.
Wer Äpfel pflanzt, kann keine Birnen ernten. Genauso verhält es sich im Glauben: Wer nie in der Bibel liest und nicht betet, braucht sich nicht zu wundern, wenn sein Glaube stagniert. Wenn wir zu jemandem eine tiefe Beziehung aufbauen wollen, müssen wir Zeit investieren und aufeinander zugehen. Genauso können wir nicht erwarten, mit Gott intim zu leben, während wir in erster Linie unseren eigenen Sehnsüchten folgen.
In der Anfangszeit unseres Missionsdienstes waren Studium und Kindererziehung für uns so überwältigend, dass wir unsere Kinder für ein, zwei Jahre meiner Mutter in Korea anvertrauen mussten. Weil meine Mutter sie damals mit so viel Tränen und Hingabe umsorgt hat, hängen unsere Kinder auch als Erwachsene noch sehr an ihr. Sie hat Hingabe gesät und tiefe Liebe geerntet. Hätte sie damals einfach nur gesagt: „Ich bin eure Oma, also habt mich gefälligst lieb“, wäre das niemals so gewachsen.
Paulus stellt klar: Wer auf sein Fleisch (auf egoistische Begierden) sät, wird den Zerfall ernten; wer aber auf den Geist sät, wird das ewige Leben ernten (Vers 8). Wer nur den Weg des geringsten Widerstands geht und Bequemlichkeit sucht, wird am Ende mit leeren Händen vor Gott stehen.
Es ist oft nicht leicht, nach dem Geist zu leben. Wenn unsere eigenen Wünsche laut werden und der Weg des Heiligen Geistes ganz anders aussieht, kostet es uns Überwindung, unseren Eigensinn loszulassen. Doch wenn wir unseren Verstand zur Ruhe bringen und dem Geist Gottes gehorchen, wächst daraus unvergleichliche Frucht. Für weltliche Erfolge lernen wir oft nächtelang durch – wie viel mehr sollten wir dann bereit sein, für das ewige Leben spirituelle Mühe auf uns zu nehmen! Wenn wir tägliche kleine Entscheidungen für Gott treffen, wächst in uns der Charakter Jesu, und wir gehen dem ewigen Ziel entgegen.
Denken wir an Mose: Er zog es vor, lieber Schmach für Christus zu leiden, statt als Sohn der Tochter des Pharao die kurzzeitigen Freuden der Sünde zu genießen, weil er fest auf den unsichtbaren Gott und den kommenden Lohn blickte (Hebräer 11,24-26). Mögen auch wir Tag für Tag den Glauben im Geist säen und den ewigen Lohn empfangen, den Gott bereithält.
5. Lasst uns Gutes tun (Vers 9–10)
Die letzte Ermahnung lautet: „Lasst uns Gutes tun.“ Paulus wiederholt diesen Aufruf in den Versen 9 und 10 ganz bewusst. Darin spiegelt sich sein väterlicher Wunsch wider, dass wir im Guten nicht müde werden. Er spricht von der „Zeit“ und der „Gelegenheit“ – das zeigt uns zwei Dinge:
Erstens ermutigt er uns, die wir zwar oft erschöpft und entmutigt werden, wenn wir aber dranbleiben werden wir die verheißene Zeit der Ernte und des Segens erleben. Zweitens macht er deutlich, dass unsere Zeit und unsere Gelegenheiten begrenzt sind. Wir haben nicht ewig Zeit, Gutes zu tun. Darum wollen wir zugreifen, solange der Tag währt. Unsere Hauptzielgruppe sollen dabei alle Menschen sein, besonders aber unsere Glaubensgeschwister (Vers 10).
Gutes zu tun muss nichts Weltbewegendes sein. Es fängt im Alltag an: dem Nachbarn eine kleine Last abnehmen, rücksichtsvoll sein, einen kranken oder einsamen Menschen besuchen, für jemanden beten. Das sind Taten der Liebe.
Natürlich bringt ein solches Leben manchmal auch Gegenwind oder Nachteile mit sich. Gerade junge Menschen haben vielleicht Angst, von Freunden schief angeschaut oder ausgegrenzt zu werden, wenn sie ihren christlichen Werten treu bleiben. Gutes zu tun kostet Kraft, und es gibt Momente der Erschöpfung, in denen wir seufzen: „Wie lange sollen wir denn noch durchhalten und immer diejenigen sein, die nachgeben?“
Doch Gottes Versprechen steht fest: „Zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht müde werden.“ So wie ein Wächter sehnsüchtig auf den Morgen wartet oder ein Arbeiter auf den Feierabend, so dürfen auch wir wissen: Die Zeit der Erholung und des göttlichen Lohns kommt ganz gewiss.
Nun kommen wir zum Ende. Solange uns noch Zeit gegeben ist, lasst uns einander im Gebet unterstützen (Vers 1). Lasst uns barmherzig sein und die Lasten des anderen tragen (Vers 2). Lasst uns Gutes miteinander teilen (Vers 6) und nach dem Geist leben (Vers 8). Vielleicht fühlen wir uns im Moment müde und sehen wenig Anerkennung für unsere Mühe. Doch jede Träne und jede stille Tat der Liebe, die wir für unsere Geschwister investiert haben, ist bei Gott nicht vergessen. Er wird es vergelten. Wenn wir nicht aufgeben, wird Gott zur rechten Zeit reiche Früchte schenken.
Weil unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist, lasst uns heute den Mut haben, in unserem Alltag still und treu das Gute zu säen. Möge der Herr uns allen dazu Kraft schenken!