Predigt: Galater 4,8-20

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Das Evangelium und das Menschsein

„Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, mehr noch von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren? Warum wollt ihr von Neuem ihre Sklaven werden?“

(Galater 4,9)

Was bedeutet es Mensch zu sein? Weil wir im Zeitalter der KI leben, stellt sich diese Frage besonders: Wenn KI besser und eloquenter sprechen und schreiben kann, besser rechnen kann, praktisch alle meine Arbeiten schneller und effizienter verrichten kann, was bedeutet es Mensch zu sein? In dem Film Terminator 2 ist der T-800 eine gefühllose Killermaschine. Durch die Interaktion mit dem Jungen John Connor lernt diese Maschine am Ende, dass menschliches Leben wertvoll ist. Der T-800 opfert sich, um die Menschen zu schützen. Mensch zu sein bedeutet laut diesem Film, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, hoffentlich zum Wohle der Menschheit. Was bedeutet es Mensch zu sein? Ich weiß, dass das eine dieser monumentalen philosophischen Fragen ist, die man aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten kann.
Vielleicht fragt ihr euch an dieser Stelle, was das mit dem heutigen Text zu tun hat. Wir haben gesagt, dass das Evangelium die frohe Botschaft ist, dass Gott uns durch das, was er in Jesus Christus vollbracht hat, rettet. Aufgrund von dem heutigen Text würde ich gerne argumentieren, dass das Evangelium definiert, was es bedeutet, Mensch zu sein. Nicht nur das, das Evangelium schenkt uns die Ressourcen, so zu leben wie wir es als Menschen sollten. Was heißt das also?
Das Evangelium schenkt uns erstens Freiheit, zweitens damit wir andere lieben können, drittens, weil wir selbst unendlich geliebt wurden.

1. Das Evangelium schenkt uns Freiheit
In Vers 8 schreibt Paulus den Galater-Christen: „Doch einst, als ihr Gott noch nicht kanntet, wart ihr Sklaven der Götter, die in Wirklichkeit keine sind.“ In Vers 9 stellt Paulus zwei rhetorische Fragen: „Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, mehr noch von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren? Warum wollt ihr von Neuem ihre Sklaven werden?“ Unser Text schließt an dem an, was R. letzte Woche gepredigt hatte: Wir waren Sklaven der Elementarmächte dieser Welt. Was ist damit gemeint? Die alten Griechen glaubten, dass es vier Hauptelemente gibt: Luft, Erde, Feuer und Wasser. Hinter all diesen Elementen wurden verschiedene Gottheiten vermutet: Zeus regierte den Himmel, Poseidon die Meere, Hades den Untergrund, Apollo war der Gott der Sonne, Aphrodite war die Göttin der Liebe, Hephaestus der Gott des Feuers und der Schmiede usw. Bevor die Galater Christen wurden, hatten sie sprichwörtlich diesen Gottheiten gedient. Viele von ihnen hatten in den Tempeln dieser Götter Opfer gebracht und an deren Feste teilgenommen. Sie waren Sklaven dieser Götter gewesen. Das ist es vermutlich, was die Galater verstanden, wenn Paulus von Elementarmächten redete.
Wir glauben heute nicht mehr an Zeus und Apollo. Aber wir alle kennen den Spruch „Geld regiert die Welt.“ Und wir alle wissen, dass an diesem Spruch sehr viel Wahres dran ist. Geld ist eine unheimlich starke Macht. Wir wissen auch, dass Sex eine immense Anziehungskraft auf Menschen ausübt genauso wie politische Macht. Was meine ich damit, wenn ich sage, dass die Anziehungskraft unheimlich stark ist? Geld ist nicht einfach nur Geld. Wir finden Geld nicht einfach nur praktisch und nützlich. Geld ist für viele nicht einfach ein Mittel oder ein Werkzeug, das man benutzt. Wir sind immer in der Gefahr, seinem Reiz zu erliegen; wir sind in Gefahr, uns vom Geld benutzen zu lassen; alles dafür zu tun, um mehr davon zu bekommen; wir sind sprichwörtlich bereit, uns dafür versklaven zu lassen. Wenn Jesus über die Gefahr der Geldgier spricht, dann spricht er nicht einfach nur von Geld. Er sagt, dass wir nicht zwei Herren dienen können, Gott und dem Mammon. Jesus personifiziert das Geld. Das Geld ist ein Herr. Das Geld ist ein Götze. Hinter dem Geld stehen geistliche Mächte, gefallene Engel und Dämonen, die diese Welt regieren. Man könnte ähnliche Argumente zu Sex und Macht anbringen.
Spurgeon sagte, dass wir alle etwas dienen. Jeder von uns steht im Dienst von etwas: Sünde, Selbst, Satan oder aber Jesus. Was bedeutet das für unser Menschsein? In dem animierten Film „Findet Nemo“ wird ein kleiner Clownfisch aus dem Meer entführt und landet in Sydney in einem kleinen Aquarium in einer Zahnarztpraxis. Manche der Fische in dem Aquarium stammen aus einer Zoohandlung. Sie haben ihr ganzes Leben in Gefangenschaft gelebt und kennen das Meer nicht. Der Anführer in diesem Aquarium ist ein Zebrafisch namens Gill, und er kommt aus den Weiten des Meeres. Immer und immer wieder versucht er aus dem Aquarium auszubrechen und zurück ins Meer zu kommen. Nemo fragt ihn, wie viele Fluchtversuche er schon hinter sich hat. Seine Antwort: „Ach, ich hab‘ den Überblick verloren. Fische gehören nicht in eine Kiste, Kleiner. Das macht was mit einem.“ Keiner von den gefangenen Fischen ist normal: Einer der Fische hat Angst vor Bakterien, ein anderer hat eine ungesunde Beziehung zu Bläschen, wieder eine andere führt Selbstgespräche mit ihrem Spiegelbild.
Wir Menschen wurden nicht dazu gemacht, unfrei zu sein und in Sklaverei zu leben. Mensch zu sein, bedeutet, frei zu sein. Und wenn wir nicht frei sind, verhalten wir uns unnatürlich, verstörend. Vielleicht fühlst du dich gar nicht so unfrei. Vielleicht bist du der Ansicht, dass du relativ unbekümmert deine Entscheidungen treffen kannst, ohne Befangenheiten. Aber wisst ihr, Angst kann ein sehr guter Indikator sein. Ein Merkmal von Sklaven ist, dass Furcht ein ganz großer Antrieb und Motivator in ihrem elenden Dasein ist. Wovor haben wir Angst? Noch etwas spezifischer: Welche Arten von Verlustängsten haben wir? Woran hängen wir so sehr, dass der Gedanke es zu verlieren, uns Furcht einjagt?
Ich gebe euch ein Beispiel. Immer wenn in einer Firma umstrukturiert wird und wenn Stellen abgebaut werden, ist die große Frage, wer seinen Job behält und wer gehen muss: Wer sind die Gewinner, und wer sind die Verlierer? Das macht etwas mit den Mitarbeitern. Angst und Furcht brechen aus. Es geht ganz konkret um die Angst davor, etwas zu verlieren, nämlich die Stelle und damit verbunden Status, Stabilität, Sicherheit. Verbunden ist das vielleicht auch mit der Sorge, dass der Arbeitsmarkt im Moment sehr trübe aussieht, weil wir ständig in den Nachrichten hören, dass Stellen abgebaut werden. Verbunden ist das vielleicht auch mit der Sorge, dass wir uns zu alt fühlen, um wieder neu anzufangen, falls wir überhaupt etwas finden.
Wenn Menschen Angst haben, dann bringt das häufig das Schlimmste in uns hervor. Menschen können vorher noch so integer und korrekt erscheinen. In Drucksituationen werfen viele Menschen ethische Prinzipien über Bord; sie fangen an, sich unmoralisch und rücksichtslos zu verhalten; sie fangen an, eiskalt zu lügen; sie fangen an über Leichen zu gehen; sie fangen an, Intrigen zu schmieden, um andere über die Klinge springen zu lassen. Menschen, die Angst haben verlieren häufig jede Empathie und sind nur darauf aus, ihre eigene Haut zu retten. Es ist das Verhalten von Sklaven, von Menschen, die nicht frei sind. Vielleicht kennt ihr solche und ähnliche Situationen.
Frage an uns: Wovor hast du Angst und Furcht? Das, was du befürchtest zu verlieren, ist das, was dich versklavt.

2. Das Evangelium inspiriert uns zur Liebe
In den Versen 12–20 finden wir Worte von Paulus, die mit zum Persönlichsten gehören, was er jemals geschrieben hat. Besonders faszinierend ist die Tatsache, dass Tadel und zärtliche, liebevolle Worte eng miteinander verwoben sind. Vers 12: „Werdet wie ich, denn auch ich bin wie ihr geworden, ich bitte euch darum, Brüder und Schwestern. Kein Unrecht habt ihr mir getan.“ An verschiedenen anderen Stellen hatte Paulus seine Leser und Zuhörer dazu aufgefordert, so zu werden wie er. Das an sich ist schon eine mutige Herausforderung. Wer von uns würde sich trauen, andere herauszufordern, so zu werden wie wir? Wir würden eher sagen: „Werde bitte nicht so wie ich. Wiederhole nicht die gleichen Fehler, die ich gemacht habe.“ Was hier erstaunt, ist die Motivation von Paulus: Er bittet die Galater so zu werden wie er, weil, und hier ist das Staunenswerte, Paulus so geworden ist wie sie. Paulus hatte sich ihnen angepasst. Wann war das letzte Mal, dass wir bereit waren, so über unseren eigenen Schatten zu springen, um zu werden wie andere?
In den Verse 13 und 14 ist Paulus sehr transparent und offen: „Ihr wisst aber, dass ich euch in der Schwachheit des Fleisches das Evangelium damals verkündet habe, ihr aber habt auf meine Schwäche, die für euch eine Versuchung war, nicht mit Verachtung und Abscheu geantwortet, sondern mich wie einen Engel Gottes aufgenommen, wie Christus Jesus.“ Paulus spricht über seine Schwachheit des Fleisches. Wir wissen nicht, was damit gemeint ist. Es gibt verschiedene Vermutungen, was damit gemeint sein könnte, wie z. B. ein Augenleiden, weil Paulus in Vers 15 davon spricht, dass die Galater bereit gewesen wären, sich ihre Augen auszureißen, um sie Paulus zur Verfügung zu stellen. Was immer Paulus‘ Leiden auch war, es wird vermutlich dazu beigetragen haben, dass Paulus nicht attraktiv war. Paulus hatte vermutlich Deformitäten, vielleicht auch eine Behinderung. Er erwähnt, dass es eine Versuchung war, ihn zu verachten. Was hat das mit Liebe zu tun?
In Markus 3 begegnen wir einem Mann in einer Synagoge, dessen Hand verkümmert war. Jesus hatte die feste Absicht, diesen Mann zu heilen. Aber dazu tat Jesus zwei Dinge, die ihm extrem unangenehm gewesen sein mussten. Der Mann mit der Behinderung musste sich in die Mitte stellen, so dass er von allen gesehen wurde. Und dann befahl Jesus, dass er seine Hand ausstrecken sollte: die Hand, für die er sich zutiefst schämte. Aber indem er das, wofür er sich schämte, mit den anderen teilte, erfuhr er Annahme und schließlich Heilung. John Ortberg wurde durch diese Geschichte so inspiriert, dass seine Gemeinschaft „die Gefährten der verkümmerten Hand“ heißt. Und das ist es, was auch Paulus tut. Paulus teilte seine Gebrechen offen mit den Galatern. Warum? Weil es die Voraussetzung dafür war, wie er mit ihnen eine echte, aufrichtige, unverfälschte Beziehung aufbauen konnte. Es gab keinen anderen Weg. Das war der Weg der Liebe. Und es funktionierte. Paulus fand Annahme bei den Galatern. Er schreibt, dass sie ihn behandelt hatten, wie einen Engel Gottes, ja sogar wie Jesus Christus selbst.
In den Versen 15 und 16 beklagt Paulus, dass diese enge Beziehung, die Paulus und die Gemeinde gehabt hatten, nun getrübt war: „Wo also ist eure Seligpreisung? Ich bezeuge euch: wäre es möglich gewesen, ihr hättet euch die Augen ausgerissen, um sie mir zu geben. Bin ich also euer Feind geworden, weil ihr euch die Wahrheit sage?“ Der Grund für die angeknackste Beziehung waren die falschen Lehrer. Verse 17 und 18: „Jene Leute eifern um euch nicht in guter Absicht; sie wollen euch abtrünnig machen, damit ihr um sie eifert. Gut ist es, allezeit um das Gute zu eifern, und nicht nur, wenn ich bei euch bin.“ Die falschen Lehrer verfolgten durchaus einen Selbstzweck. Sie sollten in den Galater-Gemeinden ihre Lehren verbreiten, weil es ihnen nicht nur um die Sache ging, sondern auch um sich selbst. Sie wollten Lorbeeren einsammeln, sie wollten die Anerkennung von den Christen, den Einfluss, das Ansehen und die Autorität genießen.
Paulus drückt seine Verzweiflung aus: „meine Kinder, für die ich von Neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt. Ich wollte, ich könnte jetzt bei euch sein und in anderem Ton mit euch reden; denn ihr macht mich ratlos.“ Paulus nennt sie seine Kinder. Im Griechischen steht das Wort teknia, was sehr zärtlich ist. Er sah sie wirklich als seine Kinder an mit allen Freuden, die dazu gehören wie auch mit allen Schmerzen. Paulus litt innerlich, weil er sich wünschte, dass seine Kinder Jesus ähnlicher werden, ein Ziel, von dem seine Adressaten weit entfernt zu sein schienen. Am liebsten würde Paulus ihnen nicht diesen Brief schreiben. Am liebsten wäre er mitten unter ihnen und würde von Angesicht zu Angesicht mit ihnen sprechen.
Noch einmal, diese Verse von Paulus sind sehr bemerkenswert. Paulus hätte den Galatern schreiben können: „Ihr aufgeblasenen Dumpfbacken, ihr habt euch so danebenbenommen, dass ich nichts mehr mit euch zu tun haben will. Übrigens, eure Worte haben mich überhaupt nicht verletzt. Dann versucht doch mal, ein tolles Leben unter dem Gesetz zu führen. Viel Spaß damit. Wenn ihr dann so richtig auf die Nase gefallen seid, werdet ihr mich förmlich um Vergebung anbetteln.“ So eine Reaktion wäre verständlich gewesen. So eine Reaktion ist menschlich. Ich würde so reagieren, wenn ich von anderen verletzt werde. Viele von euch vielleicht auch.
Paulus‘ Worte hingegen zeigen etwas ganz anderes. Paulus war so geworden wie sie, er hatte mutig seine Schwächen und Gebrechen mit ihnen geteilt, er war ihnen emotional so sehr verbunden, dass ihre aktuelle Situation ihm echtes Leid verursachte. Alles das zeigt, wie sehr Paulus sie liebte. Paulus war kein Anfänger in der Liebe. Die Art und Weise, wie er sie liebte, zeugt von Reife und Weisheit. Seine Liebe zu ihnen ist voller Emotionen zu sein, ohne sich auf Emotionen reduzieren zu lassen.
N.T. Wright schreibt in seinem Kommentar: „Dieser kurze Abschnitt steht also hier im Galaterbrief als Zeugnis für die Ehe zwischen Verstand und Herz in der Lehre und der Seelsorge, die zum Evangelium gehören. […] Paulus, einer der größten Theologen aller Zeiten, wusste, dass es vor allem darauf ankam, das Leben des Messias selbst in dieser Gemeinschaft zu gestalten – ein Leben, in dem es weder Juden noch Griechen gab. Er war entschlossen, dies mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln deutlich zu machen. […] Er hatte sie daran erinnert, dass er nicht nur ein Gehirn mit einem Mund ist, sondern ein warmherziger Mensch, der einen vorrangigen Anspruch auf ihre Liebe und Treue hat.“

3. Das Evangelium zeigt uns, wie sehr wir geliebt sind
Wir kehren noch einmal zu den Versen 9 und 10 zurück. Zwei wesentliche Dinge müssen wir hier verstehen. Die meisten Christen in den Galater Gemeinden waren vorher Heiden gewesen. Viele von ihnen hatten griechischen Göttern gedient. Das klingt sehr religiös, aber es war in der Regel ein sehr ausschweifendes Leben. Die Parallele zur heutigen Zeit wären vielleicht Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Paulus nennt das „Sklaverei unter armseligen Elementarmächten“. Sie waren unfrei gewesen. Die Galater waren durch das Evangelium befreit worden von diesen Mächten zu einem neuen Leben.
Die Galater-Christen bekommen jetzt Besuch von einflussreichen Lehrern, die behaupten, dass die Christen sich auch an das mosaische Gesetz halten müssen. Sie sollen sich beschneiden lassen. Vers 10 sagt: „Warum achtet ihr so ängstlich auf Tage, Monate, bestimmte Zeiten und Jahre?“ Zusätzlich zur Beschneidung sollten sie den Sabbat halten, die Neumondfeste und die wichtigen Jahresfeste feiern, alles das, was die Juden damals taten. Die falschen Lehrer wollten, dass sie frommer werden, in dem sie sich an das halten, was im Gesetz steht. Mit anderen Worten, die Galater Christen waren in den Augen der falschen Lehrer immer noch viel zu freizügig.
An dieser Stelle müssen wir jetzt richtig gut aufpassen. Paulus fragt in Vers 9, wie die Christen zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren konnten? „Warum wollt ihr von Neuem ihre Sklaven werden?“ Haben wir die Nuance dessen verstanden? Das alte Leben der Galater war Ausschweifung. Das Leben der Galater unter den falschen Lehrern war Gehorsam und Gesetzeskonformität. Das heidnische Leben war unmoralisch; das Leben unter dem Gesetz unterlag höchsten moralischen Anforderungen. Das heidnische Leben war ein Rausch; das Leben unter dem Gesetz war strikte Disziplin. D. h. äußerlich gesehen könnten die Lebensweisen nicht unterschiedlicher sein. Man könnte die berechtigte Frage stellen, ob es nicht tausendmal besser ist, religiös dem Gesetz zu gehorchen als Drogenjunkie zu sein? Aber für Paulus war beides ein Leben unter armseligen Elementarmächten. Für Paulus war beides ein Leben in Sklaverei. Für Paulus gab es zwei – oberflächlich gesehen – radikal unterschiedliche Art und Weisen vor die Hunde zu gehen: Entweder ein extrem unmoralisches Leben zu führen oder aber ein sehr moralisches Leben zu führen; entweder irreligiös zu sein oder hyperreligiös zu sein. Was ist dann die Lösung? Die Lösung ist nicht die goldene Mitte. Es ist etwas gänzlich anderes.
In Vers 9 schrieb Paulus, dass die Galater Gott erkannt hatten. Das hatten sie wirklich. Aber dann dreht Paulus das Ganze um und schreibt: „mehr noch, von Gott erkannt worden seid“. Die Galater waren von Gott erkannt worden. Gott kannte sie. Der Kontrast konnte nicht größer sein: Das, was Paulus die Elementarmächte dieser Welt nennt, können uns nicht kennen. Am Ende des Tages ist Geld ein lebloser, toter Götze. Geld kann uns nicht kennen. Aber Gott kann das.
Was bedeutet, gekannt zu werden? Wie wirkt sich das auf uns aus? Ich hatte vor etlichen Jahren an einer wissenschaftlichen Konferenz teilgenommen. Ein Harvard-Professor hatte dort einen Vortrag gehalten und nach seinem Vortrag ging ich mit einer Freundin auf ihn zu. Er sah mich und sagte: „Hallo H.“ Meine Bekannte sagte dann: „Wow … er kennt dich.“ Ich blieb ganz cool und sagte: „Yup.“ Aber innerlich dachte ich: „Er kennt mich! Er weiß, wie ich heiße!“ Wir alle wollen erkannt und gekannt werden. Wir wollen aber nicht einfach nur von irgendjemanden erkannt werden. Wir wollen von jemanden erkannt werden, den wir selbst zutiefst respektieren; jemand, vor dem wir selbst höchste Achtung haben; jemand, den wir anhimmeln.
Wie wurden wir von Gott erkannt? Wir wurden von ihm erkannt, als das ewige Wort Gottes Fleisch geworden ist, um unter uns Menschen zu wohnen. Wir wurden von ihm erkannt, als er als vollkommener Mensch sein Leben unter uns geführt hat. Wir wurden von ihm erkannt, als er an uns vorbei gegangen ist und uns in unserer ganzen Misere und Depression gesehen hat, und zu uns gesagt hat: „Folge mir nach!“ Wir wurden von ihm erkannt, als er uns angerührt hat, um uns von unseren Gebrechen zu heilen. Wir wurden von ihm erkannt, als er für uns betete. Vor allem wurden wir von ihm erkannt, als er am Kreuz für uns starb. Jesu Tod am Kreuz war kein unpersönliches Ereignis irgendwo weit weg in Palästina vor langer Zeit. Es ist ein sehr persönliches Ereignis, das direkt etwas mit uns zu hat. Albert Knapp hatte ein Lied über Jesu Tod geschrieben. In der zweiten Strophe heißt es:

Ewig soll Er mir vor Augen stehen,
wie Er als ein stilles Lamm,
dort so leidend und geschmäht zu sehen,
hängend an des Kreuzes Stamm;
wie Er dürstend rang um meine Seele,
dass sie Ihm zu seinem Lohn nicht fehle,
und dann auch an mich gedacht,
als Er rief: Es ist vollbracht!

Jesus hat an dich gedacht, als er rief „Es ist vollbracht!“ Du bist von Gott erkannt, weil er seinen Sohn für dich geopfert hat. Gott hat seinen Sohn für dich sterben lassen, um dich zu retten. Diese Tatsache macht uns wirklich frei.
Was bedeutet es also Mensch zu sein? Das Evangelium sagt, dass Menschsein etwas damit zu tun hat, dass Gott uns freigemacht hat, andere zu lieben, weil wir selbst unendlich von ihm geliebt sind. Gibt es irgendeine andere Religion oder einen anderen Glauben oder eine andere Weltanschauung, die uns so eine Definition fürs Menschsein geben kann?