Predigt: Galater 5,1-12

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Die christliche Freiheit

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“

(Galater 5,1)

Im Jahr 1215 wurde eine Vereinbarung zwischen John Lackland dem König von England und den englischen Baronen getroffen. Besiegelt wurde diese Vereinbarung durch die sogenannte Magna Carta („große Urkunde der Freiheiten“). Was stand dahinter? König Richard Löwenherz war in die Kreuzzüge involviert, die sehr teuer waren. Im Jahr 1199 war König Richard verstorben und sein Bruder John Lackland kam an die Macht. Was haben Könige getan, wenn ihnen das Geld ausgegangen ist? Sie haben die Steuern erhöht, die daraufhin mit großer Brutalität eingetrieben wurden. Als Folge dessen kam es zu einem Aufstand der Adligen in England und einem Bürgerkrieg. Die Barone entwarfen eine Reihe von Forderungen, aus denen die Magna Carta wurde. König John musste dem schließlich zustimmen. In der Magna Carta wird die Freiheit der Kirche von England festgehalten, die Rechte des Königs wurden beschränkt (der König stand nicht länger über dem Gesetz), und die Rechte und Privilegien der Adligen wurde darin verbürgt. Die Magna Carta bedeutet der „große Freibrief“ und gilt historisch als ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschenrechte.
Der Galaterbrief ist bekannt als die Magna Carta der christlichen Freiheit. Wenn dem so ist, dann muss Galater 5,1 der Leitvers vom ganzen Brief sein: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Über drei Punkte wollen wir nun kurz nachdenken. Es geht um die christliche Freiheit. Erstens, das Wesen der Freiheit; zweitens, die Verteidigung der Freiheit; und drittens, die Erfüllung der Freiheit.

1. Das Wesen der Freiheit
Vers 1 beginnt mit den Worten: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Was bedeutet es frei zu sein? Für viele Menschen im Westen bedeutet Freiheit die Abwesenheit von Restriktionen, damit wir das tun und lassen können, was wir wollen. Stellen wir uns eine Gruppe von Kindern vor, die ihren idealen Tag beschreiben: am liebsten richtig lang ausschlafen, um 12 Uhr mittags Gummibärchen und Chips frühstücken, danach vielleicht Freunde treffen, abends bei McDonalds essen, dann bis 2 Uhr nachts zocken. Leider geht das nicht. Warum? Weil es in Deutschland Schulpflicht gibt. Kinder müssen ab 6 Jahren in die Schule bis sie 18 Jahre alt sind. D. h., sie haben nicht die Freiheit, jeden Tag erst zur Mittagszeit aufzustehen, zumindest nicht außerhalb der Ferien.
In Deutschland leben wir in einem freien Land. Und diese Freiheiten sind wirklich wertvoll: Es gibt die Rede- und Meinungsfreiheit. Wir haben im Prinzip die Freiheit, das zu sagen, was wir wollen, religiös, politisch, usw. Wir haben Religionsfreiheit: Wir können im Prinzip den Glauben und die Religion ausüben, die wir wollen. Es gibt die Versammlungsfreiheit, was bedeutet, dass Bürger das Recht haben, friedlich und ohne Waffen zusammenzukommen, z. B. für Demonstrationen. Auf dieser Welt gibt es sehr viele Länder, die diese Freiheiten nicht haben; unzählige Menschen sitzen in Gefängnissen, weil sie politisch aktiv waren, oder weil sie einen Glauben haben, der von den Machthabern nicht geduldet wird. Politische Gefangene, Menschen im Gefängnis sind nicht frei. Das ist so offensichtlich, dass man das nicht sagen muss.
Aber hier ist die Frage: Wären wir wirklich frei, wenn es keine Restriktionen gibt? Sind wir frei, wenn wir wirklich alles das tun können, was wir wollen? Mit unserem freien Willen gibt es ein paar Probleme. Eins der Probleme ist, dass unser Wille häufig widersprüchlich ist. Zum Beispiel wollen manche von uns richtig gut in der Schule oder an der Uni sein; gleichzeitig wollen wir aber nicht lernen und den ganzen Tag lang TikTok-Videos und Insta-Shorts schauen. Oder manche von uns wollen richtig sportlich sein und einen solchen Sixpack haben, dass man auf unserem Bauch einen Apfel raspeln könnte; gleichzeitig wollen wir aber keinen Sport machen und jeden Abend am liebsten ein Maß Bier trinken. Oder manche würden gerne Geld zur Seite legen wollen für die Altersvorsorge oder für eine berufliche Auszeit; gleichzeitig wollen wir aber das neueste Smartphone haben, jede Woche mehrmals auswärts essen und am Wochenende shoppen gehen. Wir verstehen, dass das nicht gut gehen kann.
Vielleicht merken wir an dieser Stelle, dass wahre Freiheit nicht einfach bedeuten kann, keine Einschränkungen zu haben und alles das tun zu können, was man will. Wahre Freiheit muss auch etwas damit zu tun haben, dass wir das Richtige und Gute wollen. In dem Film Kungfu Panda gibt es einen großen, dicken Panda namens Po, der mir deshalb sympathisch ist, weil er ein Foodie (Feinschmecker) ist, genau wie ich. Er isst für sein Leben gerne. Meister Shifu nutzt dessen Appetit aus, indem er genau das nutzt, um dem Panda richtig hartes Training zu geben. Nachdem das Training aber beendet ist, setzt er dem Panda eine Schüssel mit gefüllten Teigtaschen vor und sagt ihm: „Ich hatte versprochen, dich zu trainieren. … Und dein Training ist beendet. Du bist frei, zu essen.“ Po traut dem Braten nicht. Als er versucht, eine Teigtasche zu essen, schnappt ihm der Meister diese Teigtasche mit einer blitzschnellen Bewegung weg und isst sie selbst. Shifu sagt: „Du bist frei, zu essen!“ Po fragt: „Bin ich das?“ Shifu fragt: „Bist du frei?“ In dieser wunderbaren Szene zeigen sich die Nuancen dessen, was es bedeutet frei zu sein. Der Panda hat die Freiheit zu essen. Aber hat der Panda auch die Freiheit, nicht zu essen? Ist er immer noch beherrscht von seinem großen Appetit, oder ist er wirklich frei?
Freiheit ist nicht die Abwesenheit von allem, was uns einschränkt. Es ist die Abwesenheiten von falschen Begrenzungen. Tatsächlich brauchen wir manche Einschränkungen, um wirklich frei sein zu können. Ein paar Beispiele: Wenn du die Freiheit haben willst, in einem gesunden Körper zu leben, wirst du nicht alles das tun und alles das essen können, worauf du Lust hast; du wirst Sport machen müssen und du wirst hin und wieder einen Salat und Gemüse und Obst essen müssen. Wenn du die Freiheit haben willst, dich durch Musik richtig gut ausdrücken zu können, wirst du das ein oder andere Hobby aufgeben müssen, weil du ganz schön viel üben musst, bist du ein Instrument beherrschst. Wenn du die Freiheit haben willst, in einer glücklichen Beziehung zu leben, wirst du dich ganz vielen „Pflichten“ unterwerfen müssen, angefangen mit ehrlicher Kommunikation bis hin zum Geschirrspülen, Windeln wechseln und Müllraustragen.
Was ist mit der christlichen Freiheit? In den vorigen vier Kapiteln hat Paulus erklärt, wovon wir genau freigemacht wurden. Wir sind frei von der Knechtschaft, das ganze Gesetz halten zu müssen. Wir sind frei von dem Fluch des Gesetzes, weil die Strafe, die wir verdient hatten, weil wir das Gesetz nicht ansatzweise halten konnten, an uns vorübergeht. Das bedeutet auch, dass wir frei sind von der Furcht, verloren zu gehen. Wir sind frei von den finsteren Mächten der Welt, die uns versklavt hatten und von denen Paulus im vorigen Kapitel gesprochen hatte. Wir sind frei von der Knechtschaft der Sünde. Das sind die Restriktionen, von denen das Evangelium uns freimacht.
Die Freiheit ist keine, die wir uns selbst erarbeitet haben. Gott hatte eine gewaltige Befreiungsaktion geplant und erfolgreich durchgeführt: Operation Evangelium. Jesus, der eine Sohn Gottes ist ganz heimlich in Bethlehem in diese Welt gekommen; er hat in einer unbedeutenden Ecke des römischen Reiches so gelebt, wie wir alle hätten leben sollen; Jesus ist am Kreuz gestorben, und alle Mächte und Gewalten der Finsternis triumphierten, weil sie dachten, dass Gottes Mission gescheitert wäre; aber dann ist etwas passiert, was absolut niemand hatte kommen sehen: Am dritten Tag war sein Grab leer, weil er auferstanden ist. Jesus hat uns freigemacht, indem er unseren Fluch auf sich genommen hatte; weil er für uns am Kreuz gestorben ist; weil er uns mit seinem Blut freigekauft hat. Wir sind frei, obwohl wir eigentlich nicht in Ordnung sind, obwohl wir eigentlich nicht gerecht sind. Wir sind frei, weil wir eine Gerechtigkeit haben, die uns angerechnet wird: die Gerechtigkeit des vollkommenen Sohnes Gottes. Wenn wir Jesus vertrauen, dann sind wir bei Gott so angenommen wie wir sind.
Was sind die Auswirkungen dessen für unser praktisches Leben? Die Konsequenz dessen ist, dass wenn wir das Evangelium wirklich verstanden haben, dass Gott uns als seine Kinder adoptiert hat, wenn wir wirklich begriffen haben, mit welcher Liebe und Gnade wir von Gott überschüttet wurden, wenn wir wirklich erfasst haben, welchen unmöglichen Preis Gott für uns bezahlt hat, dann geschieht etwas in unseren Herzen. Wer aus der Gnade lebt, der will nicht mehr das tun, was Gott verletzt. Wer den Drang hat zu sündigen, der hat die Gnade Gottes nicht verstanden. Wir sind frei von der Verdammnis. Gott macht uns frei, das Gute zu wollen. Das bringt uns zum zweiten Punkt.

2. Die Verteidigung der Freiheit
Paulus schreibt jetzt: „Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Die Aufforderung „steht fest“ klingt wie ein militärischer Befehl: „Auf eure Beine, Soldaten, haltet die Stellung, gebt dem Feind keinen Raum!“ Es ist der Befehl von Paulus an die Galater-Christen, dass sie darum kämpfen sollten, diese Freiheit zu verteidigen. Die Freiheit, zu welcher wir befreit wurden, ist immer in Gefahr, zu einfach aufgegeben zu werden, kompromittiert zu werden, kampflos aus der Hand gegeben zu werden.
Ich glaube, dass dieses Wort „Steht daher fest“ für viele von uns von großer Wichtigkeit ist. Wir haben heute eine Reihe von jungen Erwachsenen im Gottesdienst, die vergangene Woche an der Encounter-Konferenz teilgenommen haben. Und wir haben eine Reihe von Teenagern bei uns, die in den vergangenen zwei Wochen an der Schweizfreizeit teilgenommen haben. Und wir haben ein paar Kinder, die vor einer Woche auf der Kinderkonferenz waren. Drei wunderbare Fahrten. Vielleicht wurdet ihr dort auf besondere Weise von Gott angerührt. Vielleicht hat Gott auf besondere Weise zu euch gesprochen. Vielleicht habt ihr gespürt, wie eure Ketten abgefallen sind, wie Jesus euch aus eurem Gefängnis der Schuld und Finsternis freigemacht hat. Vielleicht seid ihr noch ein wenig auf diesem Hoch. Oder aber, vielleicht hat bei euch die Depression des Tals bereits eingesetzt. Die Bibel sagt uns: „steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen.“ Kehrt nicht sang- und klanglos zu eurem alten Leben zurück.
In den Versen 2–4 erklärt Paulus, wodurch die Galater in Gefahr waren, ihre Freiheit leichtfertig aufs Spiel zu setzen: „Siehe, ich, Paulus, sage euch: wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. Ich bezeuge wiederum jedem Menschen, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Ihr, die ihr durch das Gesetz gerecht werden sollt, seid von Christus getrennt; ihr seid aus der Gnade herausgefallen.“ Was war die Situation? Nachdem Paulus abgereist war, kamen eloquente jüdische Lehrer in die Galater-Gemeinden, die gelehrt hatten, dass die Christen zuerst Juden werden müssten, um wirklich bei Gott angenommen zu werden. Das Evangelium reichte nicht aus. Sie brauchten Evangelium Plus. Sie brauchten die Beschneidung.
Paulus wird hier ganz klar: Wenn sie sich darauf einlassen, dann wird ihnen Christus nichts nützen und sie fallen aus der Gnade heraus. Warum ist dem so? Stellen wir uns eine Haustür vor, die ganz fürchterlich schleift. Wir beauftragen einen Handwerker, der sich darum kümmert und uns die Tür perfekt einstellt. Und jetzt stellen wir uns vor, dass, nachdem der Handwerker seine Arbeit beendet hat, wir einen Vorschlaghammer in die Hand nehmen und sagen, dass wir ein klein wenig nachbessern wollen. Der Handwerker wäre entsetzt. Wenn die Tür wirklich perfekt eingestellt ist, dann ist jedes weitere Herumdoktern daran, eine absolute Verschlimmerung. Wir machen seine Arbeit kaputt. Ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, wir beauftragen Rembrandt, uns ein Gemälde zu malen, z. B. „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“. Nachdem das Gemälde vollendet ist, nehmen wir vor den Augen des Künstlers einen Pinsel mit Farbe und sagen, dass da noch eine pinke Linie fehlt. Wir würden dafür ins Gefängnis kommen. Und zurecht!
Als Jesus am Kreuz starb, sagte er die Worte „es ist vollbracht“. Alles, was zu unserer Errettung notwendig war, hatte Jesus für uns vollendet. Jedes Hinzufügen zu dem, was Jesus für uns getan hat, ist der Versuch, sein Werk zu diskreditieren. Jede Addition ist in Wirklichkeit eine Subtraktion. In Vers 9 warnt Paulus: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig!“ Ich weiß nicht, wer von euch die Erfahrung hatte mit Sauerteig zu arbeiten. Hier ist eine andere, sommerliche Illustration. Stellen wir uns vor, wir schneiden eine Wassermelone. Wem von euch ist schon einmal passiert, dass ihr die Melone auf dem gleichen Schneidebrett zerteilt habt, auf dem zuvor Knoblauch geschnitten wurde? Das hat das Potential, eine ganze Wassermelone zu ruinieren. Gleiches gilt für jeden Versuch, zu dem, was Jesus für uns getan hat, etwas hinzuzufügen. Es ruiniert das Ganze.
Hier ist der Punkt, bei dem wir jetzt extrem gut aufpassen müssen. Paulus schreibt: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen.“ Jetzt wissen wir aber, dass Paulus und alle Apostel beschnitten waren. Wir wissen auch, dass Paulus Timetheus hatte beschneiden lassen. Wie passt das alles zusammen? In Vers 6 sagt er: „Denn in Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt.“ Auf der einen Seite sagt Paulus ganz klar, dass für die Galater-Christen die Beschneidung absolut tabu war: „Wehe ihr macht das! Wenn ihr das macht, dann verliert ihr eure Freiheit!“ Auf der anderen Seite sagte Paulus: „Eigentlich ist es völlig egal, ob man beschnitten ist oder nicht.“ Wie passt das Ganze zusammen? Und die Antwort ist: Es geht nicht nur darum, was man tut, sondern aus welchem Motiv heraus man das tut.
Charles Spurgeon soll einmal folgende Geschichte erzählt haben: Es war einmal ein bescheidener Gärtner. Eines Tages erntete er eine besonders große und besonders schöne Karotte. Er entschied er sich, diese Karotte zu verschenken. Er tritt vor seinem König und sagt ihm: „Lieber König, das hier ist die größte und schönste Karotte, die ich jemals geerntet habe. Ich möchte sie Euch gerne überreichen.“ Der König war sichtlich gerührt. Als der Gärtner gehen will, macht der König dem Gärtner ein großzügiges Geschenk: ein Stück Land. Ein Adliger am königlichen Hof bekam das alles mit. Er dachte sich: „Ein Stück Land für eine Möhre – was für ein Schnäppchen! Da kann ich doch viel mehr herausholen.“ Am nächsten Tag überreicht der Adlige dem König einen prächtigen schwarzen Hengst: „Lieber König, das ist das schönste Pferd aus meinem Stall. Deshalb möchte ich dir gerne diesen Hengst schenken.“ Der König ist weise genug, die Absichten des Adligen zu durchschauen. Er nimmt das Geschenk an und sagte: „Danke.“ Der Adlige war verwirrt. Der König erklärt ihm schließlich: „Der Gärtner hat mir die Möhre geschenkt. Du hingegen hast dir selbst das Pferd geschenkt.“
Gestern hat James in seiner Abschlusspredigt verschiedene geistliche Disziplinen vorgestellt. Und dann sagte er zu uns: „Wenn ihr das alles tut, werdet ihr richtige Pharisäer werden.“ Das war ein Witz und gleichzeitig ist etwas Wahres dran. Wir alle sind angehalten, das Gute zu tun, aber die zentrale Frage ist: Warum tust du das Gute, das du tust? Es ist wunderbar, dass du Bibelstudium machst, zum Gottesdienst kommst, Almosen gibst, der Gemeinde dienst. Aber warum tust du das? Ist es Liebe und Respekt dem König gegenüber oder tust du das für dich selbst? Tim Keller hatte von einer Routine erzählt, die er hatte. Nach dem Gottesdienst gingen er und seine Frau Kathy nach Hause. Er fragte sie dann: „Und, wie war der Gottesdienst?“ Was er damit meinte, war: „Wie fandest du meine Predigt heute?“ Selbst für einen Pastor wie Tim Keller waren seine Predigten der Versuch, sich selbst zu rechtfertigen und die Liebe und Anerkennung seiner Frau zu gewinnen.
Wie können wir dann die Freiheit verteidigen, die Gott uns in Jesus geschenkt hat? Wie stehen wir fest? Ich hatte dieses Beispiel schon vor einigen Monaten erzählt. Aber ich fand es sehr hilfreich und erzähle es wieder. Mein Papa hatte mit einem von meinen Jungs Bibelstudium. Bei einer dieser Studien fragte mein Papa: „Wogegen müssen wir ankämpfen?“ Mein Sohn antwortete auf diese Frage: „Gegen die Sünde.“ Die Antwort von meinem Papa: „Nein! Wir kämpfen gegen das Vergessen.“ Unsere Herausforderung ist, die Gnade nicht zu vergessen: sich immer und immer zu vergegenwärtigen, was Gott für uns getan hat und wie sehr wir bei ihm geliebt sind. Das ist die Art und Weise, wie wir unsere Freiheit verteidigen.

3. Die Erfüllung der Freiheit
Wenn Christus uns zur Freiheit befreit hat, stellt sich die Frage, ob Freiheit ein Selbstzweck ist. Ist Freiheit ein Mittel zum Zweck oder ist Freiheit das, worum es im christlichen Leben geht? Ich glaube, dass beides der Fall ist. Verse 5 und 6: „Denn wir erwarten im Geist aus dem Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit. Denn in Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt.“ Die Freiheit dient dem Zweck, dass wir lieben: Gott von ganzem Herzen lieben und den Nächsten lieben wie uns selbst. Die Freiheit ist hier Mittel zum Zweck. Wir könnten uns aber die Frage stellen: Wenn wir die Freiheit nutzen, um nur unseren egoistischen Wünschen nachzugehen, sind wir dann noch wirklich frei? Und die Antwort ist „nein“! Wir sind gefangen in unserer Selbstsucht. Wir leben nur dann in Freiheit, wenn wir aus Glauben in Liebe leben. Die Freiheit ist daher auch Selbstzweck: Christus hat uns befreit, damit wir frei sind.
Wo soll das Ganze hinführen? Was ist die Erfüllung dessen? Paulus spricht in Vers 5 von der Hoffnung der Gerechtigkeit. Die Hoffnung ist, dass wir eines Tages ganz frei sind, das zu tun, was wir wollen, weil das, was wir wollen, absolut gut ist. Dallas Willard schreibt in seinem Buch „Divine Conspiracy“: „Es ist Gottes Absicht, dass jeder von uns zu einem Menschen wird, den er in seinem Universum Freiheit schenken kann – ausgestattet mit der Kraft, das zu tun, was wir tun wollen. So wie wir dies, soweit möglich, für unsere Kinder und andere, die wir lieben, wünschen und beabsichtigen, so wünscht und beabsichtigt Gott es auch für seine Kinder. Doch der Charakter, die innere Ausrichtung des Selbst, muss sich so weit entwickeln, dass dies möglich wird.“
In C.S. Lewis‘ „Scretape Letters / Dienstanweisung für einen Unterteufel“ philosophiert der Oberdämon darüber, weshalb Christen Hoch- und Tiefphasen erleben. Konferenzen sind Hochphasen. Montage sind Tiefphasen. Es gibt Momente, in denen uns Gottes Gegenwart so nah scheint. Es gibt andere Momente, in denen Gott so fern zu sein scheint. Es hat etwas damit zu tun, dass Gott will, dass wir unsere Freiheit gebrauchen, um so zu werden, wie er. Der Oberdämon sagt: „Es wäre für Ihn [Gott] nutzlos, sich einfach über den menschlichen Willen hinwegzusetzen (was Seine [Gottes] spürbare Gegenwart – selbst in noch so schwacher und gemilderter Form – zweifellos bewirken würde). Er [Gott] kann nicht erzwingen. Er kann nur umwerben. Denn Seine unedle Vorstellung ist es, den Kuchen zu essen und ihn zugleich zu behalten; die Geschöpfe sollen eins mit Ihm sein, aber dennoch sie selbst bleiben; sie bloß auszulöschen oder zu assimilieren, würde nicht ausreichen. […] Er überlässt es dem Geschöpf, auf eigenen Beinen zu stehen – allein aus dem Willen heraus Pflichten zu erfüllen, die jeglichen Reiz verloren haben. Gerade in solchen Tiefphasen, viel mehr noch als in den Hochphasen, wäscht es [das Geschöpf] zu der Art von Geschöpf heran, die Er sich für es [sein Geschöpf] wünscht.

Falls ihr in eurem Glaubensleben erlebt habt: „Ich habe Gott darum gebeten, dass er sich mir zeigen soll, aber es gab keine Offenbarung; ich habe Gott dafür gebeten, dass diese Menschen, dass diese Person geheilt wird, aber keine Heilung; ich hab dafür gebetet, dass diese Beziehung repariert wird, aber nichts scheint sich zu tun; ich hab gebetet, dass Gott sich mir zeigt, aber Gott scheint mir so fern zu sein.“ Es gibt Momente, in denen ich Gott erfahren habe. Es gibt Momente, in denen Gott Wunder tut, aber es gibt auch diese Momente, wo er absolut fern zu sein scheint. Und das sind die Momente, in denen wir lernen, mit der Freiheit, die Gott uns gegeben hat, umzugehen und ihn trotzdem zu lieben, ihn trotzdem zu suchen, ihm trotzdem ähnlicher zu werden.

Die christliche Freiheit ist die Freiheit von Schuld, Sünde und Verdammnis, die dazu führt, dass wir das Gute wollen. Die christliche Freiheit wird verteidigt, indem wir uns immer und immer wieder an das Evangelium der Gnade erinnern. Und die christliche Freiheit erfüllt sich, wenn wir eines Tages alles tun können, was wir wollen, weil das, was wir wollen, der vollkommene Wille Gottes ist und weil wir unser wahres Selbst gefunden haben. Und das ist die Freiheit, zu der Jesus uns frei macht.