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Christliche Gewissheit
„Wir wissen aber: Der Sohn Gottes ist gekommen und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir den Wahren erkennen. Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der wahre Gott und ewiges Leben.“
(1. Johannes 5,20 [EÜ])
Wir haben das Studium vom ersten Johannesbrief mit der Prämisse begonnen, dass wir eine Gemeinde sein wollen, in der die Liebe Gottes offensichtlich ist. Dieser einfache und nicht so einfache Brief gibt uns einen tiefen Einblick darin, wie wir diese Liebe unter uns haben können: Gott teilt sein ewiges Leben und seine unendliche Liebe mit uns. Im heutigen Text geht es um die Gewissheit dessen. Wir schauen uns heute gerade mal neun Verse an. In diesen neun Versen wird das Wort „wissen“ sechsmal erwähnt. Nicht nur das, Johannes verwendet in Vers 14 noch ein anderes Wort, das mit Gewissheit zu tun hat: Zuversicht. Und anhand der letzten Verse dieses Briefes wollen wir über drei Fragen nachdenken. Erstens, was ist die christliche Gewissheit? Zweitens, woher kommt die Gewissheit? Und drittens, wie verändert die Gewissheit unser Leben?
1. Was ist die christliche Gewissheit?
In Johannes Evangelium teilt uns der Apostel am Ende seines Buches mit, weshalb er das Evangelium geschrieben hatte (damit wir glauben, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes und damit wir durch den Glauben Leben haben in seinem Namen – vgl. Joh 20,31). Hier am Ende des Briefes teilt uns Johannes mit, weshalb er diesen Brief geschrieben hatte. Vers 13 heißt es: „Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ Das griechische Wort für „wissen“ ist eidete, eine Form von dem Verb oida. Johannes verwendet das gleiche Wort in Vers 15: „Wenn wir wissen, dass er uns bei allem hört, was wir erbitten, dann wissen wir auch, dass er unsere Bitten schon erfüllt hat.“ Und in den Versen 18–20 schreibt Johannes dreimal „wir wissen“.
Im Griechischen gibt es zwei Wörter, die wir im deutschen Sprachgebrauch mit „wissen“ übersetzen würde. Es gibt das Wort ginosko. Das Wort ginosko bedeutet ein Wissen, das graduell durch persönliche Erfahrungen wächst. Es ist ein Prozess. Und das, was man weiß ist eher eine Art subjektives Wissen. Das Wort oida hingegen ist ein Wissen, das in sich abgeschlossen ist. Es ist ein Wissen, das mit Sehen zu tun hat: „z. B.: ich weiß, dass es draußen regnet, weil ich den Regen sehe.“ Und es handelt sich eher um objektives Wissen von Fakten, wie etwa, dass 2 + 3 = 5 ist. Es ist die Art von Wissen, die wir nicht ständig prüfen müssen, weil das, was wir wissen, offensichtlich ist. Z. B., wir rechnen nicht jedes Mal aufs Neue, ob 2 + 3 wirklich 5 ergibt. Das Erstaunliche im Text heute ist, dass Johannes das Wort oida verwendet und wiederholt.
Was ist es, was wir wissen? Was ist der Inhalt? In Vers 13 heißt es: „damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt.“ Wir dürfen wissen, dass wir das ewige Leben haben. Ist das nicht wirklich krass? Vor dem Grab von Lazarus hatte Jesus gelehrt, dass er die Auferstehung und das Leben ist, und dass wer an ihn glaubt, auch dann leben wird, wenn er stirbt; und dass jeder, der lebt und an ihn glaubt, ewig nicht sterben wird. Das war eins der Worte, von denen Dallas Willard zutiefst überzeugt war, als er unheilbar an Krebs erkrankt war. Er machte folgende bemerkenswerte Aussage: „Ich glaube, wenn ich sterbe, wird es vielleicht eine Weile dauern, bis ich es merke.“ Dallas sagte, dass ein menschliches Leben eine Abfolge bewusster Erfahrungen ist und dass für diejenigen, die Jesus vertrauen und ihm nachfolgen, selbst der Tod keine Macht hat, dieses Leben zu unterbrechen, denn Jesus sagte, dass derjenige, der auf ihn vertraut, den Tod nicht schmecken wird. Das ist das, was wir so sicher wissen dürfen, wie 2 + 3 = 5.
In den Versen 14 und 15 spricht Johannes von Gebet: „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir etwas erbitten, das seinem Wissen entspricht.“ Die Gewissheit des ewigen Lebens beinhaltet auch, dass wir Zuversicht im Gebet haben. Wir dürfen wissen, dass Gott uns hört, wenn wir etwas erbitten, das mit seinem Willen konform ist.
Was wissen wir noch? In Vers 18 geht es um die Gewissheit, dass diejenigen, die von Gott abstammen (von ihm geboren sind), nicht sündigen. Die Aussage, dass Kinder Gottes nicht sündigen, ist nicht im Widerspruch zu dem, was Johannes am Ende von Kapitel 1 geschrieben hatte, wie zum Beispiel: „Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht uns.“ In Vers 18 geht es nicht darum, dass wir keine Sünden mehr begehen. Es geht darum, dass sich unsere Haltung zur Sünde radikal verändert, so dass wir nicht in Sünde leben. Vers 19 spricht von dem Wissen, dass wir aus Gott sind. Und Vers 20 spricht von dem Wissen, dass der Sohn Gottes gekommen ist, und dass wir in diesem Jesus sind.
Um noch einmal zusammenzufassen: die Essenz der christlichen Gewissheit ist, dass wir das ewige Leben haben, weil wir durch Jesus Christus in der rechten Beziehung zu Gott stehen. Für den Apostel Johannes war es eine glasklare Angelegenheit: Die Art und Weise wie stark und wie eindeutig diese Gewissheit war, war auf dem gleichen Level wie wir wissen, ob wir heute Morgen gefrühstückt haben oder dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist. An der Gewissheit des ewigen Lebens gab es nichts zu rütteln, keine Zweifel, keine Form von Unsicherheit.
Frage an dich: Welche Art von Gewissheit hast du in deinem Herzen? Hast du durch Jesus Christus das ewige Leben? Weißt du, dass du das ewige Leben hast? Ist dieses Wissen klar und eindeutig? Wenn der britische Prediger Martyn Lloyd-Jones die Frage gestellt hatte: „Bist du ein Christ?“. Und die Antwort war „Ich versuche es“ oder etwas Ähnliches, dann war für ihn sofort klar: Die Leute haben nicht verstanden, worum es im christlichen Glauben geht. Hier ist nämlich der springende Punkt: Das Wissen, dass wir das ewige Leben haben, ist nur dann eine echte Gewissheit, wenn die Tatsache, ob wir das Leben haben, nicht von uns selbst abhängt. Sobald das ewige Leben davon abhängt, ob wir fromm waren, ob wir uns an alle Regeln gehalten haben, ob wir ein gutes Leben geführt haben, können wir nicht wirklich Gewissheit haben.
Ich gebe euch ein Beispiel. Im Islam gibt es die Gewissheit, dass Allah gütig und gerecht ist und dass er einen frommen Gläubigen annehmen wird. Die Gewissheit im Islam lautet „So Allah will, bin ich gerettet.“ Aber es ist keine eindeutige Gewissheit. Es wird immer die Frage bestehen, ob man gut genug war, um es in Allahs Augen geschafft zu haben. In praktisch allen Religionen sind Rettung und Heil von der Art und Weise abhängig, wie wir unser Leben gelebt haben. Als vor drei Jahren der Philosoph Gunnar Kaiser im Sterben lag, hat er ein Video veröffentlicht, in dem er davon berichtete, wie er dafür betete, nach dem Sterben ins Himmelreich zu kommen. Er stellte die erschütternden Fragen: „Wann ist es denn eigentlich genug damit? Habe ich dann irgendwann mal genug gebetet? Habe ich genug getan? […] Nicht nur, habe ich genug getan, sondern habe ich auch genug gelassen, also habe ich genug Dummes unterlassen?“
Der erste Punkt der Predigt ist, dass sich die christliche Gewissheit fundamental von solchen Unsicherheiten unterscheidet. Das christliche Leben ist nicht auf ein „ich versuche es“ gegründet. Es ist so wichtig, dass wir verstehen, dass die Tatsache, ob wir das ewige Leben haben, nicht von unserer Leistung, unserer Darbietung und unserem Verhalten abhängt. Die Frage ist dann, woher kommt die christliche Gewissheit?
2. Woher kommt die Gewissheit?
Wir finden die Antwort unter anderem in Vers 20: „Wir wissen aber: Der Sohn Gottes ist gekommen und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir den Wahren erkennen. Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der wahre Gott und ewiges Leben.“ Der Apostel Johannes schreibt hier, dass der Sohn Gottes zu uns gekommen ist. Und die Tatsache, dass sich Gott uns in Jesus Christus offenbart hat, ist die Grundlage für unsere Gewissheit.
In den anderen Religionen dieser Welt gibt es häufig einen wichtigen, einen wesentlichen Propheten oder einen Erleuchteten, der sagt: „Wenn ihr euch an folgende Regeln haltet, wenn ihr diesem Beispiel folgt, dann könnt ihr zu Gott kommen.“ Im Evangelium ist es andersherum. Nicht wir kommen zu Gott. In Jesus Christus kommt Gott selbst zu uns Menschen. In den anderen Religionen sagen die Lehrer: „Ich zeige euch den Weg zu Gott.“ Im Evangelium ist es der Sohn Gottes selbst, der zu uns spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ In allen Religionen sind es wir Menschen, die sich auf die Suche nach Gott begeben. Im Evangelium ist es Gott, der uns sucht. Alle Religionen sagen uns, was wir vollbringen müssen, um gerettet zu werden. Im Evangelium hat Jesus durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferstehung alles vollbracht, was notwendig ist, um uns zu retten. In allen Religionen sind es die Menschen, die den Göttern Opfer bringen und ihnen den Tisch bereiten. Im Evangelium ist es Gott, der das wahre Opfer gebracht hat und der seinen Kindern den Tisch bereitet.
Der Sohn Gottes ist zu uns gekommen, d. h. die christliche Gewissheit ist erst einmal völlig unabhängig davon, wer wir sind und was wir getan haben. Wie ich vorhin gesagt habe: Das christliche Leben basiert nicht auf einem „ich versuche es“. Das Fundament ist das, was Gott für uns getan hat. Und das ist eine kategorisch andere Art und Weise, Gewissheit zu haben als alles, was auf uns basiert. Tim Keller hat es so formuliert: „Die zentrale Grundlage christlicher Gewissheit ist nicht, wie sehr unser Herz auf Gott gerichtet ist, sondern wie unerschütterlich sein Herz auf uns gerichtet ist.“
Noch einmal die Frage: Woher wissen wir, dass wir ewiges Leben haben? Vers 20 sagt: „Der Sohn Gottes ist gekommen und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir den Wahren erkennen. Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der wahre Gott und ewiges Leben.“ Dieser Vers spricht von Erkenntnis und davon, dass wir in dem Wahren sind, d. h., zutiefst mit der Person verbunden, die selbst die Wahrheit ist. Mit anderen Worten, wir haben eine persönliche, tiefe Beziehung mit Gott selbst. Wir haben das krasse Privileg, Gott kennen zu dürfen, mit ihm Gemeinschaft zu haben, ihn hören zu dürfen, mit ihm reden zu dürfen. Die Erkenntnis, von der Johannes spricht, ist nicht einfach intellektuelle Einsicht oder Kopfwissen.
Hier sind zwei einfache Beispiele. Nicht so weit von hier gibt es einen Freizeitpark, in welchem es eine der besten Achterbahnen in Deutschland gibt. Ich könnte jetzt verschiedene Kennzahlen nennen: Die Achterbahn ist 55 m hoch (zum Vergleich, das entspricht einem Hochhaus mit mehr als 15 Etagen), mehr als 1,2 km lang, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Ich könnte jetzt viel davon erzählen, wie es sich anfühlt, mit dieser Achterbahn zu fahren. Aber alles das wäre einfach nur Kopfwissen. Um wirklich zu wissen, was diese Achterbahn ausmacht, muss man diese Fahrt einfach mal gemacht haben.
Oder, stellt euch einen Menschen vor, den ihr am meisten auf der Welt liebhabt. Und jetzt stellt euch vor, dass ihr diese Person einem anderen Freund oder Freundin vorstellen wollt, die eure liebste Person noch gar nicht kennt. Ihr könntet jetzt sehr viel erzählen: wie groß diese Person ist, wie sie aussieht, was sie alles kann, warum ihr diese Person so toll findet. Aber jeder von uns versteht, dass es etwas völlig anderes ist, wenn wir einem Menschen nicht nur aus Erzählungen kennen, sondern in Echt begegnen und dass wenn wir einem Menschen persönlich begegnen, es uns ganz anders anrühren kann.
Apostel Johannes sagt, dass wir Gott kennen dürfen: D. h., wir lernen nicht nur Dinge über Gott, sondern wir dürfen ihm selbst begegnen. In Jesus Christus ist Gott uns so nahe gekommen, so dass jeder Mensch, der will, mit dem lebendigen Gott eine persönliche Beziehung haben kann. Wir dürfen den allmächtigen Gott kennen, der in Ewigkeit existiert. Das ist die Grundlage für unsere Gewissheit.
3. Wie verändert die Gewissheit unser Leben?
In den Versen 14–16 geht es vor allem um das Gebet. Es geht um Gebet in mindestens zwei verschiedenen Facetten. Vers 14: „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir etwas erbitten, das seinem Willen entspricht.“ Die christliche Gewissheit äußert sich darin, dass wir überhaupt beten. Natürlich beten wir, weil wir wissen, dass wir einen Vater haben, der uns hört. Alle von uns, die wir eine Weile mit Gott unterwegs sind, haben Gebetserhörung erfahren. Es gibt eine Frage, die mir von einer Person immer wieder gestellt wurde: „Woher weißt du, dass das wirklich Gebetserhörung ist? Woher weißt du, dass Gott hier wirklich gewirkt und eingegriffen hat? Kann es nicht einfach Zufall sein?“
C.S. Lewis hat einen wunderbaren kleinen Aufsatz geschrieben, in welchem er der Frage nachgeht, woher wir wissen können, dass Gott wirklich unser Gebet beantwortet oder nicht. Funktioniert Gebet? Lewis macht darauf aufmerksam, dass wir in unserem alltäglichen Leben immer wieder unsere Mitmenschen um etwas bitten. Wir fragen, ob jemand uns das Salz reichen kann; wir fragen einen Freund, ob er unsere Katze füttern kann, während wir im Urlaub sind; wir fragen unseren Vorgesetzten nach einer Gehaltserhöhung; wir fragen eine Frau, ob sie bereit ist, uns zu heiraten. Manche von diesen Bitten werden erhört; manche Bitten werden nicht erhört. In all den gerade genannten Beispielen lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen, ob unsere Bitten erfüllt wurden, weil wir darum gebeten hatten. Vielleicht ist unser Freund ein Tierliebhaber, der die Katze gefüttert hätte, selbst wenn wir ihn nicht gefragt hätten; vielleicht wollte unser Chef uns ohnehin eine Gehaltserhöhung geben, weil er Angst davor hatte, dass wir den Job wechseln; vielleicht hat die Frau uns ohnehin heiraten wollen, und sie hat die Beziehung so gestaltet, dass der Antrag nur eine Frage der Zeit war? Woher wissen wir, ob es einen Zusammenhang mit unserer Bitte und mit der Erhörung der Bitte gibt? Die Antwort ist, durch eine persönliche Beziehung. Der Zusammenhang zwischen unserer Bitte und ihrer Erhörung ist nur deshalb ersichtlich, weil wir den Freund, den Chef oder die Frau wirklich kennen.
C.S. Lewis schreibt: „Das Gebet ist entweder reine Illusion oder ein persönlicher Kontakt zwischen unvollkommenen, noch in der Entwicklung befindlichen Menschen (uns selbst) und der durch und durch realen Person. Das Gebet im Sinne einer Bitte (des Bittens um Dinge) ist nur ein kleiner Teil davon; Bekenntnis und Buße sind seine Schwelle, die Anbetung sein Heiligtum, die Gegenwart, die Anschauung und die Freude an Gott sein Brot und sein Wein. Darin offenbart sich Gott uns. Dass Er Gebete erhört, ist eine Folge – nicht unbedingt die wichtigste – dieser Offenbarung. Was Er tut, lässt sich aus dem ableiten, was Er ist.“ Für mich ist das eine exzellente Erklärung von den Versen 14 und 15. Wer das ewige Leben hat, hat eine Sehnsucht danach, die Beziehung mit Gott zu vertiefen durch Zeit mit Gott im Gebet und indem man seinen Willen tiefer kennenlernt.
In den Versen 16 und 17 finden wir einen weiteren Aspekt des Gebets, der mit unserer christlichen Gewissheit eng verbunden ist. Es geht um das Gebet für unseren Bruder, für unsere Geschwister. Hier ist die Verbindung zu unserem Hauptthema: die Liebe Gottes, die sich darin äußert, dass wir unsere Mitmenschen lieben. Vers 16: „Wenn einer seinen Bruder eine Sünde begehen sieht, die nicht zum Tod führt, soll er für ihn bitten und er wird ihm so Leben schenken, allen, deren Sünde nicht zum Tod führt. Denn es gibt Sünde, die zum Tod führt. Von ihr spreche ich nicht, wenn ich sage, dass er bitten soll.“
Dieser Vers ist wirklich nicht einfach zu verstehen. Fangen wir mit dem an, was einfacher zu verstehen ist: Wir sollen für unsere Brüder und Schwestern beten, wenn sie sündigen. Was ist die erste Reaktion, die wir haben, wenn wir jemanden sehen, der sich danebenbenimmt? Wir rümpfen die Nase; wir verdrehen die Augen; wir schauen auf die Person herab; vielleicht richten wir die Person unterbewusst im Herzen. Unsere zweite Reaktion ist, dass wir mit anderen Menschen anfangen, darüber zu tratschen: „Kannst du dir vorstellen, was Erik getan hat? Kannst du dir vorstellen, wie Sabine reagiert hat?“ Hier ist das, was Robert Yarbrough in seinem Kommentar dazu schreibt: „Derjenige, der Sünde erkennt, soll bitten oder eine Fürbitte einlegen, nicht mit dem Finger auf andere zeigen, kein Wegsehen praktizieren, kein Klatsch verbreiten und sich nicht in Überlegenheitsgefühl sonnen.“ Diese Welt und auch diese Gemeinde wäre ein anderer und viel besserer Ort, wenn das Erste, was wir tun würden, wenn wir jemanden sündigen sehen, das Gebet für diese Person wäre.
Zum schwierigen Teil: Was genau ist Sünde, die zum Tod führt? Zwei Probleme sehe ich hier. Zum einen, es ist nicht so ganz klar, was Apostel Johannes damit meinte. Es scheint wahrscheinlich, dass die ursprünglichen Leser dieses Briefs eine bessere Ahnung hatten als wir, weil sie persönlich von Johannes unterwiesen waren. Das andere Problem ist, dass Johannes sagt, dass wir nicht für diese Menschen zu beten brauchen. Wie unterscheiden wir das? Gibt es wirklich Menschen, für die wir aufhören sollen zu beten, weil jede Hoffnung für sie vergeblich ist?
In Star Wars Episode VI trifft Luke Skywalker auf seinen Vater Darth Vader. Für die wenigen, die Star Wars nicht kennen, ein hitzköpfiger Jedi-Ritter namens Anakin, wird aus Furcht davor, seine geliebte Frau und Kinder zu verlieren, zu einem der schlimmsten Schurken der Filmgeschichte namens Darth Vader. Yoda hatte über Anakin gesagt, dass er nicht mehr existiert, weil er von Darth Vader verschlungen wurde. Luke Skywalker ist aber ein ewiger Optimist, der die Hoffnung für seinen Vater nie aufgegeben hat. Bis zum Schluss glaubt er daran, dass sein Vater Anakin noch gerettet werden kann. Die Art und Weise wie er ihn rettet, ist, dass er sein Schwert wegwirft, seinen Vater nicht länger bekämpft und sich vom Imperator lieber umbringen lässt. Es ist die Liebe seines Sohnes, die Darth Vader schließlich bekehrt. Darth Vader bittet am Ende seinen Sohn, seine Maske zu entfernen, die ihn am Leben erhält. Ein einziges Mal will er aber seinen Sohn mit seinen eigenen Augen sehen bevor er stirbt.
Gibt es Hoffnung für die schlimmsten Bösewichter? Der Ratschlag von zwei Theologen scheint mir sehr angemessen. Augustinus sagte: „Wir dürfen an niemandem verzweifeln, ganz gleich, wie schlecht er ist, solange er lebt; und für den, an dem wir nicht verzweifeln sollen, sollten wir mit Zuversicht beten.“ C.H. Dodd sagte: „Wir können nicht davon ausgehen, dass es jemals dem Willen dessen widersprechen könnte, der gekommen ist, um Sünder zur Umkehr zu rufen, wenn wir selbst für die schlimmsten Sünder beten (die schließlich – wir selbst – sein könnten).“
Die christliche Gewissheit ist, dass wir das ewige Leben haben, nicht aufgrund von dem, was wir getan haben, sondern aufgrund der Tatsache, dass Gott Jesus in die Welt gesandt hat. Diese Gewissheit lädt uns ein zu einem Leben des Gebets, in welchem wir unsere Geschwister lieben, indem wir für sie beten. Der anglikanische Bischof J.C. Ryle hatte geschrieben, welchen Trost wir durch die christliche Gewissheit empfangen dürfen: „Sie versetzt es [ein Kind Gottes] in die Lage zu empfinden, dass die große Angelegenheit des Lebens eine geregelte Angelegenheit ist, die große Schuld eine beglichene Schuld, die große Krankheit eine geheilte Krankheit und das große Werk ein vollendetes Werk ist; und dass alle anderen Angelegenheiten, Krankheiten, Schulden und Werke im Vergleich dazu gering sind. Auf diese Weise macht ihn die Gewissheit geduldig in Trübsal, ruhig unter Verlusten, unbewegt im Leid, nicht furchtsam vor bösen Nachrichten; in jeder Lage zufrieden, denn sie verleiht ihm eine Festigkeit des Herzens. Die Gewissheit versüßt ihm seine bitteren Kelche, mindert die Last seiner Kreuze, ebnet die rauen Wege, auf denen er wandert, und erleichtert ihm das Tal des Todesschattens. Sie gibt ihm stets das Gefühl, dass er etwas Festes unter den Füßen und etwas Sicheres in den Händen hat – einen treuen Freund auf dem Weg und ein sicheres Zuhause am Ende.“