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Das Evangelium überwindet Grenzen
„Doch nicht einmal mein Begleiter Titus, der Grieche ist, wurde gezwungen, sich beschneiden zu lassen.“
(Galater 2,3 [EÜ])
Wir haben vor zwei Wochen gesehen, dass Paulus in diesem Brief nach einer kurzen Vorstellung, sofort zur Sache kommt (Gal 1,6): „Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen.“ Im Galaterbrief geht es um die Essenz der christlichen Lehre, die gute Nachricht, das Evangelium. Letzte Woche haben wir dann gehört, dass Paulus dieses Evangelium direkt durch eine Offenbarung Jesu empfangen hatte.
Was lernen wir über das Evangelium im heutigen Text? Wir lernen mindestens 3 Dinge. Erstens, das Evangelium ist eine Nachricht, die Grenzen und Kulturen überwindet; zweitens, das Evangelium schenkt eine ungekannte Freiheit; drittens, das Evangelium macht uns großzügig.
1. Das Evangelium überwindet Grenzen und Kulturen
Woran sehen wir, dass das Evangelium Grenzen und Kulturen überwindet? Zweimal erwähnt Paulus hier im Text, dass er es als seine Aufgabe angesehen hatte, das Evangelium unter Nichtjuden zu predigen: „Ich ging hinaus aufgrund einer Offenbarung, legte der Gemeinde und im Besonderen den Angesehen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkünde.“ Und dann noch einmal in Vers 9 sagt er: „Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen.“ (2)
Wenn wir die ersten Tage, Wochen und Monate der Urgemeinde verfolgen, dann sehen wir, dass die erste Gemeinde in Jerusalem vor allem eine jüdische Gemeinde war. Tausende von Menschen kamen durch die Predigt von Petrus zum Glauben. Weitere Tausende von Menschen kamen bald hinzu. Der ganz große Teil dieser Christen war Juden. Nachdem es dann zu einer großen Verfolgung der Christen kam – Paulus war vor seiner Bekehrung maßgeblich daran beteiligt gewesen – verstreuten sich die Jerusalemer Christen in alle Richtungen. Und erst dann wurde das Evangelium auch unter den Heiden verkündet. Zunächst einmal geschah das sehr zaghaft und vor allem in Antiochien. Später dann in ganz großem Stil durch Paulus und Barnabas. Paulus hat dann einen riesigen Teil des Mittelmeerraums bereist, um das Evangelium zu predigen.
Hier ist eine sehr interessante Beobachtung. Wenn wir uns die großen Religionen dieser Welt anschauen, stellen wir fest, dass viele dieser Religionen vor allem in den Regionen dieser Welt praktiziert werden, wo diese Religionen entstanden sind. Es gibt ca. 1,2 Milliarden Hindus auf dieser Welt. 95 % der Hindus leben in Indien. Es gibt hunderte Millionen von Buddhisten. Die allermeisten Buddhisten leben in Asien, konkret in China, Thailand, Myanmar und Japan. Ca. 2 Milliarden oder ein Viertel der Weltbevölkerung sind Muslime. Auch wenn es extrem viele Muslime in asiatischen Ländern gibt, vor allem in Indonesien, Pakistan und Indien, hat der Islam ein religiöses Zentrum. Es gibt Mekka, und das befindet sich in Saudi-Arabien. Alle diese Religionen haben ein mehr oder weniger klares geographisches Zentrum.
Was ist mit dem Christentum? Die Gemeinde Jesu begann in Jerusalem. Nach der dortigen Verfolgung der Christen wurde Antiochia zum neuen Zentrum der christlichen Gemeinde. Es dauerte nicht lange, und danach wurde Rom, die Hauptstadt des römischen Reiches, auch zum Zentrum für die christliche Gemeinde. Das Christentum breitete sich auch in Regionen aus, die nicht zum Mittelmeerraum gehören, vor allem in Europa. Im 19. Jahrhundert war das Christentum der Glaube, den man vor allem mit der westlichen Zivilisation assoziiert hatte. Seit den 1950er Jahren ändert sich das wieder. Das Evangelium erobert die südliche Hemisphäre. Es breitet sich in Afrika aus und in Südamerika und in Südostasien. Von allen Weltreligionen der Welt, ist das Christentum der Glaube, der am gleichmäßigsten über alle Kontinente verteilt ist. Die komplette Bibel wurde in 800 Sprachen übersetzt, Teile der Bibel in über 4.000 Sprachen. Das Evangelium ist sprichwörtlich die Lehre, die Kulturen und Grenzen überwunden hat.
Unser Bibelabschnitt gibt einen wesentlichen Hinweis darauf, wie das Evangelium Grenzen sprengen konnte. Paulus erwähnt in Vers 1, dass er auf seiner Reise nach Jerusalem einen Mann namens Titus mitnahm. Warum? Weil Titus ein Nichtjude war. Titus war ein Grieche, der zum Glauben an Jesus gekommen war. Nicht nur das, Paulus erwähnt in Vers 3: „Doch nicht einmal mein Begleiter Titus, der Grieche ist, wurde gezwungen, sich beschneiden zu lassen.“ Titus war nicht beschnitten; und es wurde ihm auch nicht aufgetragen, sich beschneiden zu lassen. Für uns mag das nicht so besonders klingen. Aber tatsächlich war das alles andere als selbstverständlich. Tim Keller hatte erwähnt, dass wenn man im ländlichen Amerika unterwegs ist, ganz viele Familien ihre Lieblingsverse schön bestickt an der Wand hängen habe, Verse wie „Der HERR ist mein Hirte“. Ein Vers, den man dabei ziemlich sicher nicht an der Wand vorfinden wird, ist Vers 3: Titus, der Grieche wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen. Dabei ist das extrem wichtig. Wir müssen verstehen, wie zentral die Beschneidung für die Juden war.
Zum einen war die Beschneidung etwas, was im Gesetz gefordert wurde, aber gleichzeitig etwas, das noch älter war, als das mosaische Gesetz. In Genesis 17 lesen wir, wie Gott Abraham erschien. Gott schließt mit Abraham einen Bund, der für alle Ewigkeit gelten soll. Zeichen dieses Bundes ist dabei die Beschneidung. Gott wählt drastische Worte, um dabei deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass sich Abraham und alle seine Nachkommen daranhalten: „Ein Unbeschnittener aber, der nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, soll ausgerottet werden aus seinem Volk; meinen Bund hat er gebrochen.“ Der Bund ist ewig und wer sich nicht daranhält, wird ausgemerzt. Wir können uns gut vorstellen, weshalb die Beschneidung für viele Juden so wichtig war, dass es für sie unvorstellbar war, dieses sehr frühe Gebot zu brechen.
Es hatte aber auch noch historische Gründe, weshalb das Ganze tief mit ihrer Identität verankert war. Während der Schreckensherrschaft unter Antiochus Epiphanes wurde den Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten, die Beschneidung zu praktizieren. Das männliche Baby und seine Mutter wurden umgebracht, wenn man dabei ertappt wurde. Es war der Versuch, die jüdische Kultur zu vernichten. Die Juden hatten sich erfolgreich gegen diese Tyrannei gewehrt. Aber das Ganze zeigt uns, weshalb der ohnehin als wichtig angesehene Brauch der Beschneidung zu etwas wurde, das sich noch viel tiefer in die Identität des jüdischen Volkes eingegraben hatte.
Wir haben vorhin gesagt, dass die Gemeinde Jesu in ihren Anfangstagen eine jüdische Gemeinde war. Nichtjuden waren erst relativ kürzlich Teil dieser Gemeinde geworden. Vielleicht verstehen wir jetzt, weshalb es viele Juden gab, für die es zumindest sehr plausibel war, dass diese Nichtjuden sich auch beschneiden lassen sollten. Das absolut Revolutionäre war jetzt, dass Paulus, der Apostel mit der rigorosesten jüdischen Ausbildung, Paulus, der religiöse Eiferer, zur ganz klaren Schlussfolgerung kommt, dass die Beschneidung nicht mehr notwendig ist.
Wenn wir das AT Gesetz betrachten, kann man vorsichtig zwei Arten von Geboten unterscheiden. Es gibt auf der einen Seite das moralische Gesetz, wie zum Beispiel, dass wir nicht stehlen, nicht lügen, nicht ehebrechen, Vater und Mutter ehren sollen. Und es gibt das zeremonielle Gesetz, das mit Opfern zu tun hat, oder welches Essen erlaubt ist, welche Kleidung man tragen sollte, wer wann rein oder unrein war usw. Wenn man sich diese Vereinfachung vornimmt, gehört die Beschneidung ganz klar zum zeremoniellen Gesetz. Anders gesagt, gehört die Beschneidung zur jüdischen Kultur. Das Evangelium überwindet alle kulturellen Grenzen.
Vielleicht kann man das so illustrieren: Stellen wir uns das zeremonielle jüdische Gesetz wie ein riesiges, enorm schweres Stadttor vor. Dieses Tor hat sich jetzt nicht einfach nur einen Spalt geöffnet. Das Evangelium hebt dieses massive Tor einfach aus den Angeln. Alle, die jetzt zu Gott kommen wollen, können das in Jesus Christus tun.
2. Das Evangelium schenkt eine ungekannte Freiheit
In den Versen 4 und 5 schreibt Paulus: „Denn was die falschen Brüder betrifft, jene Eindringlinge, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszuspähen und uns zu versklaven, so haben wir uns ihnen keinen Augenblick unterworfen und ihnen nicht nachgegeben, damit euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe.“ Wir haben nicht die Zeit, tiefer darauf einzugehen, wer oder was mit den „falschen Brüdern“ gemeint ist. Das, womit wir uns kurz beschäftigen wollen, ist die Freiheit, die durch das Evangelium kommt. Wir werden uns noch viel mehr mit der Freiheit beschäftigen, wenn wir zu den folgenden Kapiteln des Galaterbriefs kommen. Welche Art von Freiheit schenkt uns das Evangelium?
In unserer Gesellschaft wird Freiheit häufig reduziert als die Abwesenheit von Restriktionen. Stellen wir uns einen Ballon vor, der mit Helium gefüllt ist. Der Ballon will eigentlich aufsteigen, aber wird von einem Kind an einer Schnur festgehalten. Aber dann kommt der Moment, in welchem das Kind unachtsam ist und loslässt. Frei von dem, was diesen Ballon in seiner Freiheit eingeschränkt hat, steigt er in den Himmel auf.
Der Komponist Ludwig van Beethoven war ein ziemlicher Rebell und Querkopf, der mit manchen seiner Ansichten viel besser in unsere Zeit zu passen scheint als in seine. Zurzeit als Beethoven lebte, gab es den Adel. Die Komponisten vor ihm und auch seine Zeit- und Berufsgenossen, waren praktisch nie freie Angestellte. Musiker dienten praktisch immer am Hof eines reichen Fürsten (oder sie waren als Lehrer einer Stadt eingestellt). Die Musik, die sie schrieben und aufführten, diente primär der Unterhaltung dieses Fürsten. Beethoven war der erste bedeutende Komponist, der aus diesem Korsett ausbrechen konnte. Er konnte seinen Dickkopf durchsetzen und Musik komponieren, wie er es wollte. Viele haben eine sehr ähnliche Vorstellung von Freiheit: so zu leben, so zu arbeiten, die Freizeit so zu gestalten, wie wir das wollen. Viele stellen sich Freiheit vor als ein „niemand macht mir Vorschriften! Niemand kann mir sagen, wie ich mein Leben zu führen habe. Niemand soll für mich Entscheidungen treffen.“
Tatsächlich schenkt uns das Evangelium eine Freiheit von gewissen Restriktionen. Aber es ist nicht die Abwesenheit von allen Restriktionen. Das Evangelium schenkt keine „absolute“ Freiheit, einfach deshalb, weil es das nicht gibt. Christliche Freiheit ist die Abwesenheit von falschen Restriktionen und die Anwesenheit von den richtigen Arten von Restriktionen. Christliche Freiheit bedeutet nicht, dass es keine Begrenzungen gibt; es bedeutet, dass es die richtige Art von Begrenzungen gibt.
Welche Freiheit von Restriktionen schenkt das Evangelium? Das Evangelium ist gute Nachricht, nicht guter Ratschlag. Praktisch alle Religionen dieser Welt geben uns guten Ratschlag. Sie sagen uns, wie wir unser Leben führen müssen, was wir tun müssen, um gute Menschen zu sein, um gutes Karma zu haben, um erleuchtet zu werden, um gerettet zu werden. Die gute Nachricht des Evangeliums ist, dass Gott sich über uns Menschen erbarmt hat, weil wir unmöglich seinem Standard gerecht werden konnten. Die gute Nachricht ist, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, dass Jesus das Leben lebte, das wir hätten leben sollen; dass Jesus den Tod gestorben ist, den wir hätten sterben müssen; dass Gott uns in seiner Gnade so annimmt wie wir sind. Die gute Nachricht des Evangeliums stellt alle Menschen vor die Wahl: „Bist du damit einverstanden, wie Gott dich rettet, nämlich dass er in Christus alles für dich getan hat, sodass du zu deiner Rettung nichts mehr hinzuzufügen brauchst? Nimmst du das Opfer an, das Gott für dich gebracht hat? Nimmst du das Geschenk Gottes an?“
Im heutigen Text sehen wir, dass die Tatsache, dass Gott in Christus alles für uns getan hat, uns von zwei Dingen freimacht: die Freiheit von kulturellen Normen und Erwartungen; und die Freiheit vom Ansehen der Person. Titus musste sich nicht beschneiden lassen. Und genauso wenig müssen wir uns an irgendwelche zeremoniellen, kulturellen Riten und Normen des jüdischen Lebens halten. Wir sind frei davon. Und damit zusammenhängend in Vers 6: „Aber auch von denen, die Ansehen genießen – was sie früher waren, kümmert mich nicht, Gott schaut nicht auf die Person –, auch von den Angesehenen wurde mir nicht auferlegt.“ Das Evangelium macht uns frei davon, was andere Menschen von uns denken. Das ist einfacher gesagt als umgesetzt.
Die Kultur, in der wir leben, ist wie die Luft, die wir atmen; wir denken normalerweise nicht groß darüber nach, welche Luft wir atmen. Uns fällt nur auf, wenn jemand anders ist. Uns fällt auf, wenn jemand sich so überhaupt nicht an die Regeln unserer Kultur hält. Hier sind ein paar Beispiele. Dieses Wochenende war ich mit E. zusammen in Tübingen. Wir hatten gestern bei Freunden gekocht und gegessen. Und weil mindestens eine von meinen Freunden noch nie koreanisch gegessen hat, hatte ich mir gedacht, dass ich das unbedingt ändern muss. Also hatte ich einen kleinen Beutel Kimchi (fermentierter Chinakohl) im Gepäck. Diejenigen unter euch, die Kimchi transportieren mussten, werden wissen was für eine gefährliche Angelegenheit das sein kann. Der Beutel schien dicht zu sein, aber irgendwie hat es trotzdem nach Kimchi gerochen. Also habe ich das Ganze in einen Ziplog-Beutel getan. Diesen Beutel hat G. dann in eine Tüte verpackt. Die Tüte in eine weitere Tüte. Und wisst ihr was? Es hat immer noch gerochen. Mein Rucksack war zu, und es roch immer noch nach Kimchi, was in Zügen, die übervoll waren, extrem unangenehm war. Also habe ich den Rucksack irgendwo deponiert und mich weiter weg davon gesetzt, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Kimchi passt (noch nicht) in die mitteleuropäische Kultur hinein.
Tim Keller erzählte von interessanten Hochzeiten in New York, vor allem wenn typisch weiße Amerikaner jemanden heirateten, der aus eher südlichen Teilen des Globus stammten. Wenn die Hochzeit dann um 15 Uhr beginnen sollte, konnte man davon ausgehen, dass die weiße Familie des Bräutigams überpünktlich, also mindestens 10–15 Minuten vor 15 Uhr zugegen waren. Aber von der Familie der Braut war niemand da. Noch nicht einmal die Braut war da. Eine halbe Stunde später fing die Familie der Braut an, nach und nach einzutrudeln. Die weißen Angehörigen des Bräutigams fanden das inakzeptabel: „Unglaublich. Wie kann man nur zur eigenen Hochzeit zu spät kommen.“ Und weiter ging es dann mit den Herkunftsländern: „das Land, aus dem sie kommen, hat ja auch richtige Probleme. Mich wundert es gar nicht mehr, dass sie solche Probleme haben.“ Die Familie der Braut wiederum bekam mit, dass die andere Seite extrem unglücklich war. Und sie fingen dann auch an, über die anderen zu schimpfen: „Das ist doch eine Hochzeit. Warum können die nicht einfach ein wenig entspannen, damit wir alle eine schöne Zeit haben können? Diese Haltung ist so typisch für Kolonialisten und Unterdrücker. Mich wundert es gar nicht mehr, dass sie die Unterdrücker sind.“
Was steht dahinter? Beide Seiten nehmen einen kulturellen Aspekt, nämlich wie man Uhrzeiten interpretiert und richten und urteilen über andere, die zu diesem kulturellen Detail einen anderen Standpunkt haben. Was dahintersteht, ist die unterbewusste Annahme, dass man gewisse kulturelle Erwartungen erfüllen muss, um ein guter Mensch zu sein. Und das ist das Problem.
Selbst in unserer Gemeinde braucht es Anstrengungen, das Evangelium über alle kulturellen Erwartungen zu stellen. (Das betrifft nicht nur uns, sondern vermutlich alle Gemeinden). Jede Gemeinde hat einen Dresscode: Welche Art von Kleidung wird akzeptiert? Welches äußeres Erscheinungsbild ist in Ordnung? Welche Frisur, welche Haarfarbe wird geduldet? Was ist mit Piercings und Tattoos? Jede Gemeinde hat einen gewissen musikalischen Stil: modern oder klassisch, Gitarren mit oder ohne Verstärker, Bands mit oder ohne Schlagzeug, deutsche oder englische Lieder. Jede Gemeinde hat ihre eigene Art und Weise, wie Anbetung praktiziert wird, wie gebetet wird, ob die Anbetung eher ruhig oder laut ist. Jede Gemeinde hat eine eigene Sprache, gewisse Ausdrucksweisen, die nur wir verwenden und nicht andere.
Hattest du jemals folgendes gedacht: „Es gibt zwei verschiedene Arten von christlichen Liedern: die Lieder, die ich mag und schlechte Lieder“, oder „Warum ist dieser Person so provokativ gekleidet?“, oder „Warum kann er/sie nicht so sein wie wir?“ Falls du solche oder ähnliche Gedanken jemals hattest, dann kann es gut sein, dass du nicht frei bist von kulturellen Normen und Erwartungen. Ich will hier überhaupt nicht sagen, dass alle kulturellen Normen gleich gut sind. Man kann vermutlich rational argumentieren, dass es besser sein kann, pünktlich zu sein als 30 Min. nach der vereinbarten Zeit zu kommen. Ich will auch nicht sagen, dass man kulturelle Normen nicht kritisieren darf. Es gibt vieles, was man durchaus kritisieren kann und soll. Aber die Frage ist, wie sehr wir kulturelle Erwartungen als einen Maßstab erheben, an denen sich alle halten müssen, um annehmbar zu sein.
3. Das Evangelium macht wirklich großzügig
Paulus berichtet davon, dass die Säulen der frühen Gemeinde (Jakobus, Petrus und Johannes), ihm und Barnabas bestätigten, dass sie für das gleiche Evangelium einstanden. In Vers 10 macht Paulus noch einen interessanten Einschub: „Nur sollten wir an die Armen denken; und das zu tun, habe ich mich eifrig bemüht.“ Was steht dahinter? Jakobus, Petrus und Johannes waren einverstanden damit, dass die Christen unter den Heiden anders lebten als die jüdischen Christen, weil sie sich nicht an die zeremoniellen Gebote der Juden zu halten brauchten. Aber sie baten darum, dass sie die Armen nicht vergessen sollten. Gemeint sind hier die notleidenden Christen vor allem in Jerusalem. Historisch ist verbürgt, dass es in Jerusalem einige Hungersnöte gab. Christen waren häufig von dieser Armut betroffen. Die Zugehörigkeit zu gleichen Gemeinde Jesu, das Bekenntnis, dass sie alle gemeinsam ein Leib waren, kam nicht durch eine gemeinsame Kultur. Sie kam durch die gleiche frohe Botschaft, die Menschen dazu bewegte, das, was sie hatten, mit anderen zu teilen und füreinander zu sorgen. Sie teilten nicht die Beschneidung, sie teilten ihr Geld.
Die gute Nachricht des Evangeliums ist, dass Gott für uns arm geworden ist; dass Gott den Preis bezahlt hat, den wir nicht hätten bezahlen können. Wenn wir das wirklich verstanden haben, dann sehen wir, dass alles, was wir haben, seine Gnade ist. Alles, was wir besitzen, ist ein Geschenk Gottes. Das macht uns nicht nur großzügig im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen; es macht uns nicht nur großzügig im Umgang mit Menschen, die ganz anders denken, fühlen und leben als wir. Es macht uns auch großzügig im Umgang mit unseren Ressourcen.
Die frohe Botschaft von Jesus überwindet Grenzen und Kulturen, sie bietet uns eine Freiheit, von falschen Restriktionen, und sie macht uns großzügig.
Möge diese frohe Botschaft uns alle ergreifen, verändern und inspirieren.