Predigt: 1. Johannesbrief 4,1-21

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Gott ist die Liebe

„Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.“

(1. Johannes 4,7.8)

In den ersten drei Kapiteln hat der Verfasser die Gläubigen dazu ermutigt, die Botschaft, die sie von Anfang gehört hatten, nämlich die Botschaft von Gottes Liebe, festzuhalten und danach zu leben, insbesondere sich untereinander zu lieben. Letzte Woche hat Johannes im Kapitel 3 betont, dass wir einander nicht nur mit Worten lieben sollen, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. Aber unsere Liebe zu Glaubensgeschwistern kann schnell an Grenzen stoßen, wenn sie nicht fest genug in Gottes Liebe verankert ist. Johannes wollte daher, dass sich die Gläubigen sich der Liebe Gottes ganz sicher sind und sich von der Irrlehre der Gnosis, die damals aufkam, nicht verwirren lassen. Deshalb gibt er ihnen im heutigen Text einen klaren Maßstab, an dem sie die wahre Lehre von Gott von Irrlehren unterscheiden können. Vor allem bezeugt er noch einmal klar Gottes Liebe, die er uns durch das Kommen Jesu erwiesen hat, und ermutigt uns dazu, aufgrund dieser Liebe uns untereinander zu lieben. Lasst uns Gottes Liebe zu uns klar erkennen, sodass wir einander unter allen Umständen lieben können!

1. Prüft die Geister (1-6)

Wie beginnt Johannes dieses Kapitel? Er schreibt im Vers 1: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.“ Johannes wusste, dass es in den Gemeinden damals Leute gab, die versuchten, die Gläubigen mit einer verkehrten Lehre zu verwirren und sie vom richtigen Glauben abzubringen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Vertreter des Gnostizismus, die wie Christen aussahen und behaupteten, dass sie den Gläubigen zur richtigen Erkenntnis verhelfen könnten. In Wirklichkeit kannten sie Jesus nicht und lebten nicht nach seinem Willen. Trotzdem klangen ihre Vorträge interessant, sodass viele ihnen zuhörten und von ihren Worten verwirrt wurden.
Johannes ermahnt sie, dass sie nicht jedem, der über Jesus redet und vorgibt, ihn zu kennen, glauben sollen, weil es auch viele falsche Propheten gibt. Aber wie konnten sie die von rechtschaffenen Bibellehrern unterscheiden? Sie sollten nicht nur auf ihre Worte oder ihre Überzeugungskraft achten, mit der sie redeten, sondern sollten auf den Geist achten, in dem sie redeten. Johannes nennt dafür einen klaren Maßstab: „Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt“ (2.3). Das Merkmal ist, was die Lehrer über Jesus sagen. Wahre Christen bekennen sich dazu, dass Jesus Gottes Sohn ist, der als ein Mensch mit Fleisch und Blut auf die Erde gekommen ist. Die Lehrer der Gnosis hielten ihn aber nur für einen Geist, der bei der Taufe durch Johannes vorübergehend in Jesu Körper gefahren wäre und diesen bei der Kreuzigung wieder verlassen hätte. Sie leugneten, dass Jesus wirklich ein Mensch wurde und am Kreuz für uns gestorben und auferstanden ist. Das war eine entscheidende Abweichung von der Wahrheit. Dadurch höhlten sie das Evangelium aus und leugneten Gottes Rettungswerk durch Jesu Tod und Auferstehung. Menschen, die so verkehrt von Jesus reden, haben den Geist des Antichrists, des Widersachers Gottes, und werden von ihm beherrscht. Sie sind gefährlich, weil sie den Kern des Glaubens der Christen zerstören wollen.
Als die Gläubigen erkannten, dass es mitten in ihrer Gemeinde so verkehrte Leute mit so einer bösartigen Lehre gab, mögen sie sehr beunruhigt gewesen sein. Würden sie sich in der geistlichen Auseinandersetzung mit ihnen durchsetzen können? Johannes ermutigt sie: „Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist“ (4). Sie brauchten keine Angst vor dem Konflikt mit den Irrlehrern zu haben. Denn der Heilige Geist, der in ihnen wohnte, ist größer und stärker als der Geist des Antichrists, der in den Irrlehrern wirkte. Wichtig war, dass sie selbst im Glauben an das Evangelium klar sind und auf Gott und seinen Geist vertrauen.
Sie sollten sich auch nicht davon irritieren lassen, dass viele Menschen damals auf die Gnostiker hörten. Johannes erklärte ihnen: „Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie“ (5). Hier meint der Begriff „Welt“ nicht nur einfach unsere Erde, sondern den Herrschaftsbereich des Satans, der Gott und seinem Werk, sein Reich aufzubauen, widerstrebt. Die Menschen, die die Lehre der Gnosis verbreiteten, waren in diesem Sinne „von der Welt“. Die Gläubigen sollten sich nicht darüber wundern, dass viele Menschen, die eine weltliche Gesinnung hatten, auf sie hörten und ihre verkehrte Lehre annahmen. Leider taten das wohl auch einige in der Gemeinde. Aber Johannes ermutigt die Gläubigen, sich von diesen Vorgängen nicht verwirren oder entmutigen zu lassen, sondern sie geistlich zu verstehen. Daher sagt er: „Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums“ (6). Es ist auch für uns wichtig, dass wir die geistliche Realität richtig wahrnehmen und verstehen. Dadurch, was ein Mensch von Jesus glaubt, zeigt, wo er geistlich steht. Wenn wir einem anderen die Wahrheit bezeugen, dass in Jesus Gottes Sohn ein Mensch geworden und für uns gestorben ist, und der dieses Zeugnis annimmt, ist er von Gott. Wer nicht von Gott ist, der hört nicht auf uns. Davon sollten wir uns nicht verunsichern lassen noch das persönlich nehmen. An Jesus scheiden sich sprichwörtlich die Geister.
Wir haben keine Irrlehrer in der Gemeinde. Aber in unserem Land haben in den letzten Jahrzehnten esoterische Lehren eine Renaissance erlebt. Viele Menschen sind an Büchern und Vorträgen interessiert, in denen esoterische Lehren verbreitet werden, die eine Art innere Erleuchtung und Erlösung als mystische Erfahrung versprechen. Es ist wichtig, dass wir das Evangelium, das Gott uns von Anfang an gegeben hat, festhalten und falsche Lehren als solche identifizieren und uns und andere davor schützen. Es ist wichtig, dass uns klar ist, dass unsere Erlösung nicht durch mystische Erfahrungen in einer vergeistigten Welt geschieht, sondern in der realen Welt konkret passiert ist. Es ist ein reales Ereignis in der Geschichte, dass Gottes Sohn ein Mensch wurde, dass er jahrelang auf dieser Erde gelebt und Gott dem Vater und den Menschen gedient hat und schließlich am Kreuz gestorben ist. Auf diese Weise hat Gott für unsere Rettung von unserer Sünde in der Geschichte konkret gewirkt und hat so seine Liebe zu uns zum Ausdruck gebracht. Das ist der Inhalt unseres Glaubens, den wir jeden Sonntag im Gottesdienst bekennen. Es ist wichtig, dass wir diesen Glauben festhalten und daraus leben. Wie können wir das tun?

2. Lasst uns einander lieb haben (7-21)

Betrachten wir die Verse 7 und 8: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.“ Dies ist nochmals eine starke Aufforderung des Verfassers an die Christen damals und an uns, dass wir einander lieben sollen. Warum? Weil Gott uns so sehr geliebt hat und uns seine Liebe weiterhin jeden Tag erweist. Wer Gottes Liebe annimmt, der wird von Gott neu geboren und erhält ein neues, geistliches und ewiges Leben als Gottes Kind. Wer neu geboren ist, kann gar nicht anders als die Glaubensgeschwister zu lieben. Nach den Versen 7 und 8 ist die Liebe ein wichtiges Zeichen, an dem sich zeigt, dass jemand ein Kind Gottes ist und ihn kennt. Denn wenn wir Gottes große Liebe erkannt und angenommen haben, wollen wir seine Liebe gerne ständig erwidern. Seine Liebe zu uns motiviert uns zu vielen spontanen Liebeswerken für Gott und für unsere Glaubensgeschwister.

Vielleicht fällt es uns manchmal aber auch schwer, einen bestimmten Bruder zu lieben, wenn wir etwas an seinem Verhalten nicht verstehen können oder uns von ihm lieblos behandelt gefühlt haben. Es kann auch Zeiten geben, in denen wir nicht so motiviert sind, den Glaubensgeschwistern Liebe zu erweisen. Dann werden unsere Gespräche kürzer und unsere Freundlichkeit oberflächlicher. Wenn wir so eine Entwicklung bei uns feststellen, ist das ein Alarmzeichen dafür, dass wir mit der Quelle der Liebe nicht mehr richtig verbunden sind; dass wir zwar von Gottes großer Liebe zu uns wissen, dass wir sie aber nicht mehr ausreichend in der Gemeinschaft mit ihm erfahren. Vielleicht weil wir selbst zu sehr mit unseren Aufgaben im Alltag beschäftigt waren und zu wenig Zeit hatten, in der Gott zu uns sprechen kann. Vielleicht weil wir wegen bestimmter Probleme von Gott oder von uns selbst enttäuscht oder wegen vermeintlicher Erfolge hochmütig geworden sind, was alles uns den Blick auf Gottes Liebe versperren kann. Was können wir tun, wenn wir – warum auch immer – andere nicht mehr richtig lieben können?

Johannes hilft uns im Vers 9 dabei, neu auf Gottes Liebe zu schauen: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ Hier proklamiert Johannes erneut die Liebe Gottes zu uns! Gottes Liebe ist nicht etwas, das nur manche durch Gefühle oder durch mystische oder praktische Erfahrungen erkennen können und andere eben nicht. Johannes sagt hier: die Liebe Gottes ist unter uns erschienen, das heißt, dass sie schon immer existiert hat, dass sie nun aber auf einzigartige Weise für alle sichtbar geworden ist: und zwar dadurch, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Obwohl diese Worte uns so vertraut klingen, lohnt es sich, dass wir uns nochmal vor Augen führen, was sie bedeuten.

Was bedeutet es, dass Jesus Gottes eingeborener Sohn ist? Es bedeutet, dass er der einzige Sohn ist, den Gott hat, dass er der Einzige ist, den Gott im geistlichen Sinne „gezeugt“ hat und dass er selbst auch Gott ist. Im Psalm 2 sagt Gott: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Psalm 2,7). Im Johannesevangelium Kapitel 1 erfahren wir, dass er schon im Anfang war und bei Gott war, bevor die Welt geschaffen war, und dass alle Dinge durch ihn erschaffen wurden (Johannes 1,1-3.14). Das heißt, dass Gott schon seit ewiger Zeit mit seinem Sohn eine liebevolle und völlig harmonische Gemeinschaft gehabt hat. Wie sehr wachsen uns unsere Kinder ans Herz, auch wenn sie nur wenige Jahre bei uns sind und die Beziehung zu ihnen nie annähernd perfekt ist, weil sie und wir selbst Sünder sind. Wenn wir schwache Menschen unsere Kinder lieben, wie sehr muss Gott dann seinen Sohn geliebt haben, wie inständig muss ihre liebevolle Beziehung gewesen sein, die schon seit ewiger Zeit bestand und stets vollkommen war! Gott hat seinen einzigen Sohn vollkommen und unendlich geliebt, und der Sohn hat diese Liebe in vollkommener Weise erwidert.  Wie schwer muss es für Gott gewesen sein, diese liebevolle göttliche Gemeinschaft im Himmel aufzugeben und seinen Sohn in die Welt zu senden! Wie schmerzlich muss es für Gott gewesen sein, seinen einzigen Sohn zu bitten, seine göttliche Gestalt und Herrlichkeit im Himmel abzulegen und in die Welt zu kommen und in der Gestalt eines normalen Menschen unter sündenkranken Menschen zu leben! Aber Gott hat ihn doch in die Welt gesandt, weil er uns Sünder so sehr geliebt hat. Wie sehr muss es Gott geschmerzt haben, zu sehen, wie sein Sohn trotz seiner Hingabe auf der Erde von den Menschen abgelehnt wurde? Wie muss es Gottes Herz zerrissen haben, als er schließlich an einem Holzkreuz getötet wurde? Warum hat Gott seinen Sohn trotzdem in die Welt gesandt, obwohl er das alles wusste? Der Vers 9 sagt die Antwort: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes gegen uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ Der Grund ist Gottes Liebe zu uns! Gott hat uns trotz unserer Sünde so sehr geliebt, dass er dieses Opfer bringen wollte, damit wir von der Sünde und vom Gericht gerettet werden. Diese große, einseitige Liebe Gottes zu uns ist durch Jesu Kommen in die Welt erschienen, für alle sichtbar geworden. Alle, die diese Liebe annehmen, können wahrhaftig und ewig mit ihm leben. Lasst uns alle diese Liebe annehmen und sie erwidern, indem wir einander lieben.

Manchmal versuchen wir, die anderen von uns aus zu lieben, ohne Gottes Liebe genug im Herzen zu haben. Aber Johannes stellt klar: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden“ (10). Im Laufe unseres Glaubenslebens können wir leicht in den Gedanken geraten, dass unser Glaube daher käme, dass wir Gott gesucht hätten, und dass es darum ginge, dass wir ihn weiterhin lieben. Es ist zwar richtig, dass wir Gott lieben sollen, aber wir sollen nie vergessen: Nicht unsere Liebe zu Gott hat unsere Beziehung zu ihm möglich gemacht, noch hält sie sie am Leben. Sondern Gott hat uns in unfassbarer und völlig unverdienter Weise geliebt und hat seinen einzigen Sohn für uns dahingegeben, damit wir durch ihn leben können und nicht wegen unserer Sünde verlorengehen. Am Anfang war Gottes Liebe zu uns, und alles kommt aus seiner Liebe. Auch dass wir bis heute noch in einer Beziehung zu Gott leben und ihn lieben, kommt allein durch Gottes Liebe, aus der uns treu begleitet, uns immer wieder unsere Sünden vergeben hat und uns erhält und uns auf den richtigen Weg führt, auch wenn wir oft blind und eigenwillig sind. Wir haben zehntausend Gründe, Gott zu lieben, viel inniger und konsequenter als bisher. Aber wir haben keinen einzigen Grund, auf unsere Liebe zu Gott stolz zu sein, weil in Wirklichkeit alles von seiner Liebe kommt. Wenn wir uns das immer neu bewusst machen, haben wir immer frische Liebe zu Gott und zu unseren Nächsten im Herzen.

Betrachten wir die Verse 11-15: „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns voll­kommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott.“ Diese Verse ermutigen uns nochmal dazu, auf Gottes große Liebe zu reagieren, in dem wir uns untereinander lieben. Niemand kann Gott sehen. Aber wenn wir Gottes Liebe von Herzen annehmen und sie erwidern, indem wir uns untereinander lieben, wird unsere Liebesbeziehung zu Gott stabil; denn dann bleibt Gott in uns und bestätigt unseren Glauben an ihn durch seinen Geist. So wird Gottes Liebe dann für uns und für andere erfahrbar. Damit unsere Liebe nicht nur auf Gefühlen basiert, ist es wichtig, dass wir Jesus immer wieder als Gottes Sohn bekennen, sowohl in unserem Gebet zu ihm als auch vor anderen. Vers 16 fasst alles zusammen: „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Danken wir Gott für seine herrliche Liebe zu uns! Möge Gott uns helfen, in seiner Liebe zu bleiben und unsere Geschwister zu lieben!