Predigt: 1. Samuel 1,1-28 – Gebet

Download

Hannas Gebet

„Hanna war ganz in ihrem Kummer versunken und weinte bitterlich, während sie zum HERRN flehte.“

(1. Samuel 1,10)

Wer von euch hat Vorsätze für das neue Jahr? Wer von euch glaubt, mit seinen Vorsätzen jetzt bereits gescheitert zu sein? Ich glaube, die meisten Menschen haben Vorsätze für das neue Jahr. Und bei fast allen Christen ist eines der Vorsätze, mehr zu beten. Ich gehe daher fest davon aus, dass die thematische Serie über das Gebet, mit der wir das Jahr beginnen, allen sehr willkommen ist.
Der Anfang macht dabei eine Frau namens Hanna. Von Hanna können wir drei Dinge über das Gebet lernen. Erstens, weshalb Hanna betete; zweitens, wie Hanna betete; und drittens, was durch ihr Gebet geschah. In der Hoffnung, dass diese Predigt sofort auf uns angewendet werden kann, können wir die drei Teile auch folgendermaßen ausdrücken: erstens, weshalb du beten solltest; zweitens, wie du beten solltest; und drittens, was geschieht, wenn du betest.

1. Weshalb solltest du beten
Der Text sagt, dass Hanna die Ehefrau von einem Mann namens Elkana war. Hanna war eine von zwei Ehefrauen. Ein frommer Mann, der mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet war. Kurze Randnotiz: manche könnten meinen, dass wir hier einen weiteren Hinweis darauf finden, dass die Bibel polygame Ehen befürwortet. Alle diejenigen, die das denken, zeigen, dass sie die Bibel nicht wirklich gelesen haben. Es gibt in der Bibel keine einzige polygame Beziehung, die wirklich glücklich ist. Jede Vielehe, von der die Bibel etwas mehr als nur die Namen erzählt, ist immer eine Katastrophe für alle Beteiligten, für den Ehemann, die Ehefrauen und die Kinder. Das sehen wir auch in dieser Ehe. Die beiden Frauen Hanna und Peninna haben sich einander gehasst. Es herrschte ein richtig ekliger Konkurrenzkampf zwischen den beiden.
Vers 2 sagt, dass Peninna Kinder hatte, während Hanna keine Kinder hatte. Und das ist wirklich signifikant. Sich Kinder zu wünschen, aber nicht in der Lage zu sein, Kinder zu bekommen, kann für Paare auch in heutiger Zeit unglaublich bedrückend sein. Vielleicht kennt ihr das: wenn man Mitte 20 ist, kommt man in die Phase, in der alle Freunde und Bekannte anfangen zu heiraten. Und wenige Jahre später sind praktisch alle verheiratet. Wenn man Anfang 30 ist, kommt man in die Phase, in der alle Freunde anfangen, Kinder zu haben. Wenige Jahre später haben fast alle Kinder. Eine gute Freundin von Grace und von mir hatte über viele Jahre versucht, schwanger zu werden. Um sie herum haben alle Kollegen in ihrem Alter angefangen Kinder zu bekommen. Es war ein regelrechter Babyboom. Aber bei ihr klappte es nicht mit dem Kinderwunsch. Das waren wirklich harte Jahre für sie und ihren Partner und für alle Mitmenschen, die mit ihr zu tun hatten. Vor eineinhalb Jahren sind die beiden endlich Eltern geworden. Und ihr Kind ist das Kostbarste, das sie im Leben haben.
Während es in heutiger Zeit schon sehr belastend sein kann, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, war es damals für die Frauen ein Desaster. Von Kindern hing Wohl und Wehe ab der ganzen Familie und Sippschaft ab. Das lag an drei Gründen. Mehr Kinder zu haben, bedeutete schlicht und einfach mittelfristig mehr Arbeitskräfte zu haben. Mehr Arbeitskräfte wiederum bedeutete mehr Ernte, mehr Produktion, mehr Umsatz und am Ende mehr Wohlstand. Der zweite Grund: Kinder waren außerdem die einzige einigermaßen verlässliche Altersvorsorge. Je mehr Kinder, desto höher die Rente. Und schließlich waren vor allem Söhne auch wichtig zur Verteidigung. Die Sippschaft, die mehr Söhne hatte, hatte die größere Streitmacht, so einfach war das. Aus diesen Gründen waren Kinder in der damaligen Kultur und Gesellschaft von einer essenziell wichtigen Bedeutung. Man kann die Wichtigkeit dessen kaum überbetonen. Diejenigen Frauen, die viele Kinder hatten, wurden in der Gesellschaft geehrt und geachtet. Diejenigen Frauen, die keine Kinder hatten, hatten wirklich ein Problem.
Wie äußerte sich Hannas Problem? Vers 6 sagt: „Ihre Rivalin aber kränkte und demütigte sie sehr, weil der HERR ihren Schoß verschlossen hatte.“ Als ob es nicht schlimm genug war, dass Hanna keine Kinder hatte, hatte sie eine Rivalin, die genau dieses Problem nicht hatte. Peninna, ihre Konkurrentin, hatte nichts Besseres zu tun, als sie deshalb zu kränken und zu demütigen. Das sind starke Ausdrücke. Sie verachtete Hanna, sie machte sich über Hanna lustig, die rieb ihr die Kinderlosigkeit immer wieder unter die Nase. So unnötig das war, was Peninna tat, war Peninna wiederum nichts anderes als das Echo der Gesellschaft. Was sagte die Gesellschaft über Hanna? Die Gesellschaft sagte folgendes: „So lange du keine Kinder großziehst, erfüllst du nicht deine Daseinsbedeutung. Dein Leben hat keinen Wert. Du hast keinen Wert.“
Wenn jemand über dein Leben sagt „Es macht keinen Unterschied, ob es dich gibt oder nicht. Du bist überflüssig. Niemand braucht dich.“, dann ist das heute genauso deprimierend und genauso zerstörerisch und vernichtend wie gestern. Was macht unser Leben dann lebenswert? Mit Blick auf Hanna und ihre Zeit denken sich vielleicht manche von euch: „Frauen hinterm Herd, die einfach nur Kinder großziehen sollen und sonst nichts: was für eine männerdominierte, altbackene und überholte Gesellschaft! Wie gut, dass wir das endlich hinter uns haben!“ Ja, vielleicht ist es gut, dass wir das zu einem gewissen Grad hinter uns gelassen haben. Aber niemand von uns lebt in einem Werte-Vakuum. Unsere Gesellschaft diktiert uns ebenfalls, welches Leben gut und lebenswert ist und welches nicht. Unsere Kultur sagt uns ebenfalls, dass wir etwas tun und erreichen müssen, damit unser Leben Wert hat, z.B.: „du musst dich selbst verwirklichen! Folge deinen Träumen!“ Und was wir in den meisten Hollywood-Filmen und in allen Disney-Filmen immer und immer wieder eingetrichtert bekommen: „Du musst den Traumprinzen oder die Traumprinzessin fürs Leben finden. Wenn du keine Romanze in deinem Leben hast, dann ist dein Leben nicht lebenswert.“
Tim Keller erzählte einmal von einer Frau, die dachte, dass ihr Leben nur dann Sinn hatte, wenn sie das Herz eines Mannes erobert hatte. Ihr Leben war ein völliges Desaster: Sie hatte eine Beziehung nach der anderen, sie ließ alles mit sich machen, sie wurde von Männern missbraucht, sie war nicht in der Lage in ihren Beziehungen die Notbremse zu ziehen. Später kam sie zum Glauben und wurde auch therapeutisch behandelt. Der Therapeut hörte sich ihre Lebensgeschichte an. Er meinte dann zu ihr: „Das Problem deines Lebens ist, dass du dein ganzes Leben lang einfach nur einen Mann an deiner Seite haben wolltest. Die Lösung ist, dass du anfangen musst, dein eigenes Leben zu haben: finde einen Beruf, in welchem du so richtig aufgehen kannst, mach Karriere, verdiene Geld.“ Sie sagte sich: „Moment einmal, … mein ganzes Leben hatte ich einen Götzen in meinem Leben, dem viele Frauen zum Opfer fallen, nämlich den Mann fürs Leben zu finden. Und die Lösung soll sein, einen neuen Götzen zu haben, dem viele Männer zum Opfer fallen?“ Die Frau hat den Nagel auf den Kopf getroffen.
Wir leben zwar in anderen Zeiten wie Hanna. Aber eigentlich haben wir genau das gleiche Problem wie sie. Wir kommen zur ursprünglichen Frage zurück: Warum also sollten wir beten? Hier ist die Antwort: Wir sollten beten, weil wir ein Dasein haben, das nicht selbsterklärend ist. Wir haben ein existentielles Problem. Wir haben ein Sinnproblem. Wir wollen, dass unser Leben gut ist, dass es einen Wert hat; unabhängig davon, was die Welt uns sagt, unabhängig von dem, was die Gesellschaft uns diktiert und unabhängig von dem, was wir in unserem Leben alles vermasselt und in den Sand gesetzt haben.
C.S. Lewis sagte einmal: „Ich bete, weil ich mir selbst nicht helfen kann. Ich bete, weil ich hilflos bin. Ich bete, weil die Not ständig aus mir herausfließt, Tag und Nacht.“
Das ist der Grund, weshalb wir beten sollten, jeder einzelne von uns.

2. Wie solltest du beten
Man könnte vieles zu Hannas Gebet sagen: die Tatsache, dass sie beim Gebet viel weinen musste und emotional aus tiefster Verzweiflung heraus betete. Wir könnten erwähnen, dass sie lange Zeit betete. Wir könnten darüber reden, dass sie in der Stille betete und doch ihre Lippen bewegte. Und wir könnten auf die Tatsache eingehen, dass ihr Gebet von außen verrückt aussah: Der Priester Eli dachte, dass Hanna betrunken ist. Wir könnten die Tatsache betrachten, dass Hanna ein Gelübde ablegte. Das sind alles gute und wichtige Punkte, über die wir nachdenken könnten.
Ich würde gerne nur auf zwei Punkte eingehen. Der erste Punkt ist in Vers 9 und wird gerne von den meisten überlesen. Vers 9: „Nachdem man in Silo gegessen und getrunken hatte, stand Hanna auf.“ Hanna stand auf! Das ist der erste Punkt. Natürlich musste Hanna aufstehen. Aber das Aufstehen an sich ist ja so banal, dass es nicht der Rede wert ist; es sei denn natürlich, hier wäre mehr als einfach nur „Aufstehen“ gemeint. Und das ist in der Tat der Fall. Die Hebräisch-Experten, wie beispielsweise Robert Alter, sind sich darin einig, dass das ziemlich signifikant ist. Hier ist von einer entschiedenen Aktion die Rede, von einer Person, die etwas wollte.
Betrachten wir die Umstände: Vers 3 sagt, dass wir uns in einem jährlichen Ritual befinden. Jedes Jahr zogen sie nach Silo, um zu opfern und um anzubeten. Jedes Jahr gab Elkana Hanna eine doppelte Portion: zwei Ribeye-Steaks statt einem. Jedes Jahr kränkte und demütigte Peninna sie. Jedes Jahr weinte Hanna dann und aß keines der beiden Ribeye-Steaks. Und jedes Jahr sagte ihr Mann Elkana: „Hanna, warum weinst du, und warum isst du nichts, warum ist dein Herz betrübt? Bin ich dir nicht viel mehr wert als zehn Söhne?“ Die Frage ist so gestellt, dass man auf diese Frage antwortet mit: „Doch, du bist mir mehr wert als zehn Söhne.“ Und dieses Trauerspiel wiederholte sich jedes Jahr: „The same procedure as every year, James!“ Aber nicht dieses Jahr. Dieses Jahr stand Hanna auf. Dieses Jahr sagte Hanna: „Nein. Mein Ehemann ist kein Ersatz für zehn Söhne. Er ist nicht die Lösung für die Leere meines Herzens!“ Und Hanna sagte: „Es reicht! Genug ist genug! Jetzt wird sich etwas ändern.“
Vielleicht war das vergangene Jahr für euch auch eine Art „same procedure …“ Wir sind immer noch in der Pandemie. Die alten Probleme sind immer noch die Gleichen. Und vor allem sind wir immer noch dieselben. Von Hanna lernen wir, aufzustehen. Aufstehen ist ein Aktionswort. Und es braucht Aktion für Gebet. Welche Aktionen braucht es bei dir fürs Gebet? Vielleicht ist es der Tritt in den Hintern, den man sich verpasst; der entscheidende Ruck. Vielleicht ist es konkrete die Entscheidung, nicht einfach nur einen Vorsatz zu treffen, mehr zu beten; sondern daran zu arbeiten, neue Gewohnheiten fürs Gebet zu etablieren, angefangen mit ein paar ungestörten Minuten am Tag. Vielleicht ist Aufstehen bei uns sprichwörtlich „aufstehen“ in der Frühe, um Gott zu suchen. Vielleicht braucht es einen konkreten Entschluss, sich mit anderen Brüdern und Schwestern zusammenzuraufen, um gemeinsam zu beten.
Der zweite Punkt, den man von Hannas Gebet lernen kann, ist, wofür sie betet. Vers 11: „HERR der Heerscharen, wenn du das Elend deiner Magd wirklich ansiehst, wenn du an mich denkst und deine Magd nicht vergisst und deiner Magd einen männlichen Nachkommen schenkst, dann will ich ihn für sein ganzes Leben dem HERRN überlassen; kein Schermesser soll an sein Haupt kommen.“ Hanna bittet Gott um einen Sohn. Aber hier ist das Interessante: wenn dieser Sohn geboren wird, sollte er Gott geweiht werden. Als Zeichen dessen sollte ihm das ganze Leben lang nicht die Haare geschnitten werden (weder die Haare auf dem Kopf noch der Bart). Außerdem sollte er sein ganzes Leben lang kein Alkohol trinken. Im Gesetz war vorgeschrieben, dass man sich eine Zeitlang Gott weihen konnte. Aber Hanna wollte ihren Sohn sein Leben lang Gott weihen. Man nennt das auch Nasiräer.
D.h., Hanna bittet zwar um einen Nachkommen, aber nicht für sich selbst, nicht um ihr ihre Krise gelöst zu bekommen. Sie bittet um einen Nachkommen für Gott. Jeden mütterlichen Anspruch, den sie auf ihr Kind hätte, tritt sie ab, ohne irgendetwas zurückzubehalten. J.D. Greear schreibt. „Ihr Sohn würde nicht in ihrem Zuhause aufwachsen. Er würde kein emotionaler Support für sie sein. Er wäre nicht verfügbar, sie in ihrem Alter zu versorgen. Er hätte kein Land und Erbteil, wie auch die Leviten kein Land in Israel hatten. Hanna betete für einen Sohn, aber gab jeden Nutzen ab, den ein Sohn ihr gegeben hätte.“
Das ist erstaunlich. Wir hatten vorhin gesagt, dass wir beten sollen, weil wir eine existentielle Not haben, nicht zu wissen, wer wir sind und woher unser Wert des Lebens kommt. Hanna zeigt uns, dass wenn wir beten, unser Blick sich wegbewegt von unserer Not hin zu Gott. Sie wird Gott-zentriert. Die Implikationen dessen sind gewaltig. Ein wesentlicher Punkt, den wir mitnehmen können, ist die Frage, wofür wir beten. Oder noch etwas grundlegender gefragt: Die Frage ist, was wir wollen. In Johannes 15,7 machte Jesus ein gewaltiges Versprechen: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ Gott will uns alles geben, was wir wollen. Und an dieser Stelle würden wir vermutlich Rückfragen: Das muss ein Irrtum sein. Meinte Jesus nicht: „Bittet um alles, was Gott will: Ihr werdet es erhalten.“ Gott erhört alle Anliegen, die seinem Willen entsprechen und nicht unserem Willen, oder? Und die Antwort lautet: Genau. Aber der entscheidende Punkt ist, dass Gott will, dass wir es ebenfalls wollen. Dallas Willard hatte es so formuliert: Gott will, dass wir zu den Menschen werden, denen er alles geben kann, was sie wollen, weil sie so sind wie Jesus.
Wie sollen wir dann also beten? Hanna zeigt mit uns, dass es dafür Aktion braucht, weil Gebet nicht von selbst kommt. Und sie zeigt uns, dass es im Gebet um Gott geht, nicht um uns, obwohl es unsere innere Not ist, die uns zu Gott bringt.

3. Was geschieht, wenn du betest
Zwei Antworten auf diese Frage finden wir im Text. Die erste Antwort ist (wie im Zitat von C.S. Lewis schon erwähnt): Das Gebet verändert uns. Viele Menschen beten, wenn sie in Nöten sind; auch dann, wenn sie eigentlich nicht an einen Gott glauben. Wir beten in der Regel, um etwas von Gott zu bekommen. D.h., der Haupteffekt, den wir erwarten, ist, dass wir etwas von Gott empfangen; dass Gott uns aus der Patsche hilft; dass Gott uns aus der Not befreit. Gott tut das auch. In Vers 18 lesen wir: „Sie sagte: Möge deine Magd Gnade finden vor deinen Augen. Dann ging sie weg; sie aß wieder und hatte kein trauriges Gesicht mehr.“
J.D. Greear schrieb in seinem Kommentar, dass die Reihenfolge, die wir erwarten würden, folgende ist: Hanna betet; Hanna wird schwanger; Hanna freut sich. Aber diese Reihenfolge stimmt nicht mit dem überein, was wir im Text sehen: Hanna betet; Hanna freut sich; und erst später wird sie schwanger. Auf der einen Seite hatte sich nach dem Gebet nichts verändert. Sie war immer noch eine kinderlose Frau. Auf der anderen Seite hatte sich nach dem Gebet alles verändert. Sie war nicht länger von Kindern abhängig, um jemand zu sein. Sie hatte Gott erfahren, der ihr wahrer Trost ist, mehr als alle Kinder und Ehemänner der Welt. Das ist die Veränderung, die wir in Hanna sehen.
Die zweite riesige Veränderung, die geschieht, wenn wir beten, ist: wir fangen an, unseren Platz in Gottes unendlich großer Geschichte einzunehmen. Hannas Furcht war es, als ein Niemand vergessen zu werden, weil sie keine Kinder hatte. Hannas Gebet war es, einen Sohn zu bekommen, den sie Gott weihen würde. Gottes Antwort ist es, dass Hanna das genaue Gegenteil wird von einem Niemand. Hanna war eine unglückliche, kinderlose Ehefrau im Nahen Osten. Wenn jemand ihr erzählt hätte, dass eines Tages jemand ihre Geschichte aufschreiben würde, dann wäre das wahrscheinlich schon extrem unglaubwürdig gewesen. Wenn ihr dann noch jemand gesagt hätte, dass unzählige Millionen von Menschen tausende Jahre später noch ihre Geschichte lesen würden und durch ihr Gebet inspiriert werden würden, was hätte sie darauf geantwortet?
Aber Gott tut noch viel mehr als das. Der Sohn, den sie bekommt, heißt Samuel. Hanna wird die Mutter vom letzten und größten Richter des Volkes Israel. Sie war die Mutter von dem Mann, der eines Tages David zum König über Israel salben würde. D.h., durch ihr Gebet nimmt sie ihren Platz innerhalb der kosmischen Geschichte ein, die Gott schreibt. Hanna wird zu einer Heldin! Wer hätte das erwarten können? Ihr Mann Elkana dachte, dass er der Held der Familie ist, weil er zwei Frauen versorgte. Aber in Wirklichkeit hatte er eine Nebenrolle. Eli dachte, dass er der Held ist, weil er Priester war. Er spielt auch nur eine Nebenrolle. Peninna dachte, saß sie Heldin ist, weil sie Kinder hatte. In Wirklichkeit ist sie nur die Widersacherin, weil, und das ist ja ganz klar, jeder Held in jeder Geschichte einen Antagonisten braucht. Jeder Held braucht widrige Umstände, die er oder sie überwindet, um Geschichte zu schreiben.
Noch ein extrem wichtiger Punkt zur Geschichte Gottes: die Geschichte, die Gott erzählt, ist eine Geschichte der Gnade. Zweimal erwähnt unser heutiger Text, dass Gott derjenige war, der Hanna unfruchtbar gemacht hatte (Verse 5 und 6). Tatsächlich sind wir Menschen für das allermeiste Leid verantwortlich, in dem wir uns befinden. Aber hier war es Gott. Gott hatte sie kurzzeitig unfruchtbar gemacht, weil er ihr etwas viel Größeres und Besseres schenken wollte. Hannas Sieg ist nicht der Sieg der Starken, der Fähigen, der Gesunden, der Privilegierten, der Stolzen. Hannas Sieg ist der Sieg der Schwachen, der Unfähigen, der Kranken, der Ausgestoßenen, der Demütigen. Hannas Sieg ist der Sieg der Gnade Gottes. Und das ist ein sich wiederholendes Muster in Gottes Geschichte. Mehr als 1.000 Jahre später gab es eine andere junge Frau, die aus Hannas Loblied ihr eigenes Magnificat macht. Sie wird die Mutter von Jesus: der Retter, der wie kein anderer durch größte Schwachheit rettet.

Freunde, was ist die Geschichte, die Gott durch dein Leben schreiben will? Wer sind die Samuels, die unter uns geboren werden sollen? Wer sind zukünftigen Davids, die durch uns gesalbt werden sollen? Wer sind die Menschen, die sich durch uns bekehren sollen? Das weiß niemand als Gott allein. Aber eine Sache, die wir wissen dürfen, ist die: wenn wir beten, wie Hanna gebetet hat, werden wir Teil von Gottes Gnadengeschichte.

 

 

 

Share

Fragebogen: 1. Samuel 1,1-28 – Gebet

Download

Hannas Gebet

„Und sie war von Herzen betrübt und betete zum Herrn und weinte sehr und gelobte ein Gelübde und sprach: Herr Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem Herrn geben sein Leben lang, und es soll kein Schermesser auf sein Haupt kommen.“

(1.Samuel 1,10.11)

  1. Was sagen die Verse 1-3 über Elkanas Familie? Wie sehr litt Hanna unter ihrer Kinderlosigkeit, besonders wenn sie nach Silo reisten, um Gott zu opfern (4-8)? Versuche ihren großen Kummer zu verstehen, in dem sie niemand trösten konnte.
  2. Betrachte Hannas Gebet. Mit welcher Haltung kam sie zu Gott und wie betete sie (9.10)? Warum legte sie vor Gott ein Gelübde ab (11)?
  3. Wie missverstand der Priester Eli Hannas Gebet? Was erklärte sie ihm und wie ermutigte er sie daraufhin (12-17)?
  4. Wie ging es Hanna nach ihrem Gebet (18)? Was passierte daraufhin (19-20)? Wie hat Gott ihr flehentliches Gebet erhört?
  5. Welche Entscheidung verkündete Hanna, als ihre Familie wieder nach Silo zog, und wie führte sie sie aus (21-28)? Warum war das wohl nicht einfach, aber sehr wichtig? Wie hat Gott ihre Entscheidung gesegnet?
  6. Was kannst du von Hannas Gebet lernen?
Share

Predigt: Lukas 6,6-19 – Neujahr 2022 – Jahresleitwort

Download

Jesus erwählt die Zwölf

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.“

(Lukasevangelium 6,12.13)

Ich wünsche euch allen nochmal ein frohes, gesegnetes neues Jahr! Gott hat uns im letzten Jahr treu begleitet und in verschiedener Hinsicht bewahrt und gesegnet. Er hat uns jede Woche sein Wort gegeben und hat uns geistlich erhalten. Einige konnten neu dazukommen oder mit dem Bibelstudium wieder anfangen. Gott hat aus seiner Gnade zwei Familien gegründet und für unsere Kinder die Kinderstunde erneuert. Gott hat noch viel mehr unter uns gewirkt, wie wir in den Jahresrückblick-Stellungnahmen an den letzten beiden Tagen hören konnten. Danken wir Gott für seinen Segen! Gott, der uns letztes Jahr so gnädig begleitet hat, hat auch in diesem Jahr für uns Gutes vor.
Welches Anliegen hat Gott, für das wir als Gemeinde gemeinsam beten und uns einsetzen sollten? Im letzten Jahr haben wir in unserem Sonderbibelstudium einige grundlegende Anliegen Gottes erkannt, die wir auch im neuen Jahr festhalten wollen: Gott will zum einen, dass wir jeder im Evangelium fest verwurzeln, bis es unser ganzes Denken, Streben und Leben prägt. Dafür wollen wir auch im neuen Jahr weiter beten. Gott wünscht sich auch, dass wir unser Leben nicht jeder für sich selbst führen, sondern in der Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern, die von seiner Liebe und Wahrheit geprägt sein soll. Danach wollen wir auch in der Coronasituation aktiv streben. Der dritte Bereich, den wir betrachtet haben, ist, dass wir als Christen zur Mission berufen sind. Gottes Mission kommt daher, dass wir in einer Welt leben, in der die meisten Menschen geistlich blind und von Gott getrennt sind und deshalb ewig verloren gehen; und dass Gott diese Welt trotzdem liebt und sie unbedingt erretten will. Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Alle Menschen, die Jesus annehmen und im Glauben an ihn leben, werden nicht verloren, sondern erhalten ewiges Leben. Aber nur die, die dieses Evangelium hören und glauben.
Heute wollen wir betrachten, was Jesus dafür getan hat, damit nicht nur wenige Menschen in Israel zur Zeit seines Wirkens auf der Erde diese rettende Botschaft hören konnten, sondern dass bis heute die Menschen in allen Völkern diese Botschaft hören und dadurch gerettet werden können. Unser Text in Lukas Kap. 6 berichtet, dass Jesus eine ganze Nacht im Gebet zu Gott blieb und danach zwölf Jünger erwählte und sie „Apostel“ nannte. Wir können die Bedeutung dieses Ereignisses leicht unterschätzen, vor allem, wenn wir es nur als ein geschichtliches Ereignis verstehen, ohne seine Relevanz für uns heute zu sehen. Dass die Erwählung der Zwölf sehr bedeutsam war, können wir schon daran erkennen, dass es auch in den Berichten von Markus und Matthäus geschildert wird. Aber warum hat Jesus zwölf Jünger extra erwählt? Welche Bedeutung hat dieses Werk für die Heilsgeschichte? Und für uns am wichtigsten: was können wir hier lernen bzw. welche Relevanz hat das für uns? Die Predigt hat drei Teile: Erstens, der Hintergrund der Erwählung der Zwölf; zweitens, die Erwählung der Zwölf; und drittens, was wir davon lernen können.

I. Der Hintergrund der Erwählung der Zwölf (6-11)
Was ist passiert, bevor Jesus die zwölf Apostel erwählt hat? Die Verse 6-11 berichten, dass Jesus an einem Sabbat in einer Synagoge war und lehrte. In der Synagoge war ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war. Seine Hand hatte sich vermutlich nie richtig entwickelt oder war wegen eines Unfalls verkrüppelt, sodass sie völlig funktionsunfähig war. Der Mann konnte nicht arbeiten und war immer von der Barmherzigkeit anderer abhängig. Außerdem dachten die Juden damals, dass jemand mit so einer Behinderung von Gott wegen seiner Sünde oder der Sünde seiner Eltern bestraft sei. Daher wurde der Mann von den anderen verachtet und gemieden, und muss innerlich sehr elend gewesen sein. Die Schriftgelehrten, die auch in der Synagoge waren, hatten kein Mitleid ihm. Vielmehr lauerten sie darauf, ob Jesus diesen Mann heilen würde, denn dann wollten sie ihn wegen angeblichem Brechen des Sabbatgebots verklagen.
Was tat Jesus in dieser spannungsgeladenen Situation? Vers 8 sagt, dass Jesus ihre Gedanken kannte, er wusste also, was sie Böses gegen ihn im Sinn hatten. Aber Jesus versuchte nicht, sich vor ihnen zu schützen, sondern sagte zu dem Mann mit der verdorrten Hand: „Steh auf und tritt in die Mitte!“ Der Mann stand auf und trat vor. Daraufhin fragte Jesus sie: „Ich frage euch: Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, Leben zu retten oder zu verderben?“ Jesus wollte den religiösen Leitern helfen, zu erkennen, was vor Gott richtig ist. Seine Frage an sie war sehr einfach, damit sie einfach und vernünftig nachdenken und ihre eigene Verkehrtheit erkennen konnten. Aber sie antworteten nicht, weil sie ihre Verkehrtheit nicht zugeben wollten.
Vers 10 sagt: „Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder gesund.“ Jesus heilte den Mann demonstrativ vor den Augen aller Anwesenden. Dafür musste der Mann Glauben aufbringen, denn seine Hand vor allen auszustrecken, war eigentlich das Letzte, was er machen wollte. Aber er streckte seine Hand aus, und Jesus machte sie gesund!

Eigentlich hätte Jesus ihn auch am nächsten Tag heilen können; aber er ging keinen Kompromiss mit dem verkehrten Denken der Menschen ein, sondern handelte nach Gottes Willen. Dadurch gab Jesus ihnen eine einzigartige Chance, seine Gottheit zu erkennen und ihre ablehnende, ungläubige Haltung aufzugeben. Aber dazu waren sie nicht bereit. Vers 11 sagt: „Sie aber wurden ganz von Sinnen und beredeten sich miteinander, was sie Jesus tun wollten.“ Ihr Herz war so hart, dass sie sich weigerten, das Wunderzeichen, das sie mit eigenen Augen sahen, wahrzunehmen. Sie wurden wie verrückt und redeten darüber, wie sie Jesus umbringen könnten (Mk 3,6). Eigentlich waren sie von Gott als geistliche Leiter für das Volk eingesetzt. Aber sie erwiesen sich nun als unbelehrbar und feindselig und für Gottes Werk völlig unbrauchbar. Was konnte Jesus angesichts dieser Situation tun?

II. Die Erwählung der Zwölf (12-16)
Betrachten wir den Vers 12: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott.“ Hier weisen die Worte „zu der Zeit“ auf den Zusammenhang zu dem vorigen Ereignis in der Synagoge hin. Im Lukasevangelium wird öfter erwähnt, dass Jesus betete. Aber hier stieg Jesus extra auf einen Berg, um zu beten, und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott. Für viele ist es nicht leicht, eine halbe Stunde lang zu beten, eine Stunde ist noch schwerer. Aber Jesus betete die ganze Nacht hindurch. Er hatte offenbar ein dringendes Anliegen, über das er mit seinem himmlischen Vater lange sprechen musste. Der Text sagt nicht, wofür Jesus betete. Aber der Zusammenhang mit den Abschnitten davor und danach legt nahe, dass Jesus mit seinem Vater darüber sprach, was er tun sollte angesichts der Lage, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer als geistliche Leiter für das Volk unbrauchbar waren. Jesus betete die ganze Nacht, weil er bekümmert war, dass die Menschen im Volk keine Hirten hatte, die sie auf den Weg zu Gott führen konnten. Jesus wusste, dass die Zeit seines Wirkens auf der Erde kurz war und dass er nur in Israel wirken würde. Jesu Herz brannte, als er an alle Menschen dachte, die verloren gehen würden, wenn ihnen niemand mehr das Evangelium verkündigen würde. Jesus betete die ganze Nacht, weil das Heil aller Menschen auf seinem Herzen lastete. Er suchte im Gebet, was er am besten tun konnte, damit alle Menschen das Evangelium erfahren und durch den Glauben gerettet werden könnten. Obwohl er spätestens nach einigen Stunden müde gewesen sein muss, wollte er nicht aufhören zu beten, bis er volle Klarheit darüber hatte, was er am besten tun konnte. Jesus betete die ganze Nacht zu Gott, weil er alle Menschen liebt und wirklich will, dass sie gerettet werden.
Schließlich wich die Nacht und der Tag brach an. Was tat Jesus dann? „Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.“ Als es Tag wurde, handelte Jesus mit klarer Entschlossenheit. Er rief seine Jünger und erwählte von ihnen zwölf, die er „Apostel“ nannte. Das Wort „Apostel“ bedeutet Gesandte. Jesus drückte dadurch seine Vision aus, dass er sie aussenden würde, an seiner Stelle das Evangelium zu predigen und die Menschen zur Umkehr und zum Glauben an ihn einzuladen. Wir erfahren hier nicht, nach welchem Kriterium Jesus sie erwählt hat. Grundlegend geschah ihre Erwählung aus Jesu souveränem Willen und aus seiner einseitigen Gnade.
Warum erwählte Jesus aber zwölf Jünger? Wenn wir darüber nachdenken, können wir nur in Ehrfurcht staunen. Jesus hätte als Gottes Sohn alles Mögliche tun können, um das Evangelium auf der Erde zu verbreiten. Aber Jesus wollte den Menschen das Evangelium offensichtlich durch Menschen bringen, und zwar durch Menschen, die selbst davon durchdrungen sind. Auch wenn es heute so viele technische Möglichkeiten gibt, das Evangelium weiterzugeben, wirkt Gott bis heute meistens durch das Zeugnis von Menschen.
Und warum erwählte Jesus nur zwölf? Nach Vers 17 hatte er zu dem Zeitpunkt schon eine große Schar von Jüngern, die ihm folgten. Eigentlich hätte Jesus möglichst viele Jünger berufen sollen, um durch sie alle Völker der Erde zu erreichen. Aber Jesus wollte lieber zwölf Menschen helfen, das Evangelium richtig zu begreifen und davon gründlich verändert zu werden, als vielen Menschen einigermaßen zu helfen. Das war Gottes Weisheit, die er im Gebet gefunden hatte. Man sagt auch, dass Gott durch einen Menschen, der sich ihm hundertprozentig ergeben hat, mehr wirken kann, als durch hundert Menschen, die sich ihm neunundneunzigprozentig ergeben haben. Jesus erwählte zwölf, weil er sie nicht einfach unterrichten, sondern zu jedem eine persönliche Vertrauensbeziehung entwickeln und in dieser Beziehung jedem persönlich helfen wollte. Die zwölf Apostel stehen außerdem für die zwölf Stämme Israels im Alten Bund und weisen darauf hin, dass Jesus mit dem Evangelium im neuen Bund ein neues Gottesvolk gründete.
Wie wollte Jesus den Aposteln konkret helfen? Markus 3,14-15 sagt: „Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die Dämonen auszutreiben.“ Vor allem sollten sie immer bei ihm sein. Sie sollten täglich Jesus begleiten und in den praktischen Situationen von ihm lernen. Am meisten sollten sie Jesus selbst kennen lernen, seinen heiligen Charakter und seine Lebensweise, seine Liebe und sein Vertrauen auf Gott den Vater, sein Hirtenherz gegenüber den Menschen, seine Demut und praktische Hingabe usw. Sie sollten von ihm lernen, bis ihr Wesen und ihr Leben dem von Jesus ähnlich würden. Das ist grundsätzlich Jesu Wille für alle Christen. Es war für die Apostel besonders wichtig, weil Jesus sie aussenden wollte zu predigen. Ihre Predigt sollte mit ihrer Person und ihrem Leben übereinstimmen und sollte dadurch Vollmacht haben. Außerdem sollten sie Vollmacht haben, die Dämonen aus den Menschen auszutreiben. Zusammengefasst wollte Jesus, dass die Apostel ihn und sein Evangelium tiefgehend kennen und geistliche Vollmacht haben, damit sie unzähligen Menschen wirklich helfen können, an Jesus zu glauben, aus ihrer Sünde herauszukommen und ein völlig verändertes Leben zu führen.
Wen hat Jesus konkret als Apostel erwählt? Die Verse 14-17 sagen: „Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus; Matthäus und Thomas; Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot; Judas, den Sohn des Jakobs, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.“ Die Menschen, die Jesus erwählte, waren sehr verschieden. Simon Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes waren von Beruf Fischer. Matthäus war ein Zöllner, der für die römische Besatzungsmacht Zölle eintrieb. Der andere Simon wurde der Zelot genannt, er war also ein Sympathisant oder sogar ein Mitglied der Zeloten, einer Gruppe von jüdischen Freiheitskämpfern gegen die römische Besatzung. Die Menschen, die Jesus erwählt hat, waren von ihrem Hintergrund und Werdegang sehr verschieden.
Sie waren auch vom Charakter her verschieden. In den Evangelien lesen wir, dass Petrus oft viel geredet hat, auch dann, wenn er besser geschwiegen hätte. Andere Apostel waren dagegen so still, dass wir außer ihrem Namen nichts über sie wissen. Jakobus und Johannes waren ehrgeizig und konnten aufbrausend sein wie ein Donner. Philippus war klug, aber berechnend. Thomas war ein Zweifler. Judas Iskariot hatte einen opportunistischen Charakter und tat sich sehr schwer damit, seine Hoffnung auf Jesus zu setzen und sich Gottes Herrschaft unterzuordnen. Jesus hat ihn trotzdem erwählt, aus der Hoffnung, dass er seine Gnade erkennen und sich davon heilen lassen würde.
Jesus hat also ganz unterschiedliche Arten von Menschen als seine Apostel erwählt. Warum ist das wichtig? Weil es zeigt, dass Jesus nicht nur bestimmte Typen von Menschen gebrauchen kann oder nur solche mit bestimmtem Hintergrund. Jesus erwählte ganz unterschiedliche Menschen als Apostel, weil er alle Arten von Menschen gebrauchen kann. Jesus beruft unterschiedliche Menschen, damit er durch sie die unterschiedlichen Arten von Menschen mit dem Evangelium erreichen kann.
Obwohl die Apostel verschieden waren, können wir bei ihnen doch einige Gemeinsamkeiten feststellen: Zum einen waren sie alle bereit, Jesu Berufung zu folgen. Die Parallelstelle in Markus Kapitel 3 sagt: „Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm“ (Mk 3,13). Sie waren alle erwachsene Menschen, die eine bestimmte Lebensvorstellung und Lebensweise hatten. Aber als Jesus sie rief, waren sie alle bereit, ihr bisheriges Leben zu verlassen und Jesu Ruf zu folgen.
Zum anderen waren sie lernwillig. Keiner hatte besondere Vorkenntnisse; keiner von ihnen war ein Schriftgelehrter. Von dem Tag an blieben sie ständig bei Jesus und lernten von ihm täglich neue Dinge über Gott, seinen Willen und sein Reich. Sie verstanden nicht immer alles sofort, aber sie waren immer bereit, dazuzulernen. Sie waren wie neue Schläuche, die den neuen Wein aufnehmen und behalten können (Mk 2,22). Die Bereitschaft, von Jesus zu lernen, ist die grundlegende und wichtigste Eigenschaft eines jeden Jüngers, um von Gott verändert und gebraucht zu werden.

III. Jesu praktisches Training und was wir davon lernen können (17-19)
Was tat Jesus, nachdem er die Zwölf erwählt hatte? Betrachten wir die Verse 17-19. Jesus ging mit ihnen vom Berg hinab und trat auf ein ebenes Feld, er und eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volks aus dem ganzen jüdischen Land und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon. Oben auf dem Berg, wo Jesus die ganze Nacht gebetet und die Zwölf erwählt hatte, hatte heilige Atmosphäre geherrscht. Aber unten in der Ebene warteten viele Menschen auf ihn, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt und von unreinen Geistern befreit zu werden. Jesus wollte die Apostel nicht zuerst einige Wochen lang oben auf dem Berg abgeschieden lehren, sondern ging mit ihnen herunter auf die Ebene, wo sie die Not der Menschen sehen und miterleben konnten, wie Jesus ihnen diente. Die Verse 18b und 19 sagen: „Und die von unreinen Geistern umgetrieben wurden, die wurden gesund. Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und heilte sie alle.“ Dadurch konnten die Apostel Jesu Hirtenherz für die leidenden Menschen und den Glauben an Gott lernen. Jesus nahm sie überall hin mit, damit sie Jesu Herz und sein Leben immer mehr lernen und nach und nach ihm immer ähnlicher werden konnten. Auf diese Weise konnten sie zu Jesu Aposteln und zu geistlichen Leitern für die Menschen heranwachsen. Das war natürlich keine Kurve, die immer stetig nach oben ging. Manches mussten sie wiederholt erleben und manches dreimal erklärt bekommen. Aber Jesus betete und lehrte sie unermüdlich aus der Liebe und dem Glauben heraus, dass sie in der Zukunft als seine Apostel großartig wirken würden. Und wenn wir die Apostelgeschichte lesen oder die Briefe von Petrus oder Johannes, erkennen wir, dass die Apostel tatsächlich große geistliche Persönlichkeiten wurden, die Jesu Wesen widerspiegelten und geistliche Vollmacht hatten, um zahllosen Menschen geistlich zu helfen. Als Petrus zum Beispiel an Pfingsten in Jerusalem das Evangelium predigte, hatte seine Predigt große Klarheit und Tiefe und Kraft, sodass etwa dreitausend Menschen sein Wort annahmen und sich taufen ließen (Apg 2,41). Nicht nur Petrus war zu so einer geistlichen Persönlichkeit geworden. In Apostelgeschichte Kap. 4,33 heißt es von allen Aposteln: „Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“ Jesu Erwählung der Apostel und seine geduldige geistliche Hilfe für sie hat sich in der Geschichte bestätigt. Durch die Apostel entstand die erste Gemeinde in Jerusalem, und durch sie breitete sich das Evangelium im ganzen Land und in immer mehr heidnischen Ländern aus. Durch die Apostel kamen unzählige Menschen zum Glauben oder wurden in ihrem Glauben bestärkt. Als Jesus zwölf Menschen als Apostel erwählte und sich darauf fokussierte, ihnen geistlich zu helfen, sah dieses Werk unbedeutend aus. Aber schließlich wurden die Apostel zu großartigen Dienern Gottes, durch die sich der Lauf der Geschichte änderte.
Was bedeutet das nun für uns? Die Berufung und Erziehung der Apostel ist natürlich erstmal ein historisches Ereignis, das wir nicht einfach verallgemeinern dürfen. Sie wurden von Jesus während seiner Lebenszeit auf der Erde berufen und geistlich erzogen. Sie wurden Augenzeugen von all seinen Wundern, von seinem Tod am Kreuz (Johannes) und von seiner Auferstehung. Die Apostel waren von daher einzigartige Persönlichkeiten in der Geschichte. Wir dürfen Gott danken, dass Jesus zwölf Jünger als Apostel erwählt hat, weil durch sie letztlich auch wir das Evangelium hören und zum Glauben kommen konnten.
Aber die Erwählung der Zwölf ist mehr als ein historisches Ereignis. Jesus hat durch die Erwählung der Zwölf und durch ihre geistliche Erziehung seine Weisheit gezeigt und vorgelebt, wie er Gottes Willen gedient hat, die Menschen in allen Völkern zu retten. Jesus hat sich darauf konzentriert, einigen Menschen ganz gründlich geistlich zu helfen, statt vielen Menschen irgendwie oberflächlich. Jesus hat die Apostel später selbst damit beauftragt, anderen Menschen zu helfen, seine Jünger zu werden. Nach seiner Auferstehung hat Jesus ihnen in Galiläa den Befehl gegeben: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,19.20; LUT 1984). Jesus will, dass wir auch in unserer Zeit anderen Menschen helfen, Jesu Jünger zu werden. Wir sollen beten, bis Gott uns die Menschen zeigt, die er erwählt hat, und ihnen intensiv helfen, Jesu Gnade und seine Berufung anzunehmen und als als Jesus Boten zu wachsen.
Ist das für unsere Zeit relevant? Auf jeden Fall! In unserer Zeit leben so viele Menschen in geistlicher und seelischer Not, weil sie Gott und sein Evangelium nicht kennen und von der Sinnlosigkeit, allen möglichen Begierden, Ängsten und anderen Sünden umgetrieben werden. Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass die jungen Menschen heute kein geistliches Interesse mehr hätten. Nach einer Umfrage, die an der Mitarbeiterkonferenz diese Woche gezeigt wurde, gab jeder Fünfte der Befragten 16-29-Jährigen in Europa an, mehrmals pro Woche zu beten. Die jüngeren Menschen sind also nicht so ungeistlich, wie es den Anschein hat, weil nur ein kleiner Bruchteil von ihnen noch in Gemeinden oder Kirchen geht. Das Problem ist nicht, dass es keine Menschen mehr mit geistlichem Interesse gibt, sondern dass es zu wenig Menschen gibt, die ihnen das Evangelium von Jesus bezeugen, und zwar in einer Art und Weise, die sie überzeugt, weil sie mit ihrer ganzen Person ihre Botschaft von Jesus bestätigen. Was die Menschen in unserer Zeit am meisten brauchen, sind Christen, die authentisch als Jünger Jesu leben und ihnen sein Evangelium mit ihrem Mund und ihrem Leben bezeugen. Tim Keller hat gesagt, dass das, was die Menschen im 21. Jahrhundert brauchen, nicht großartige Programme sind, sondern unser persönliches Zeugnis von unserem Glauben an Jesus. Es gibt viele Wege und Möglichkeiten gibt, wie wir mit jungen Menschen in Kontakt kommen und ihn das Evangelium nahebringen können, die wir noch gar nicht ausprobiert haben. Schüchternheit, Zeitmangel, eventueller Altersunterschied – alle Hindernisse sind überwindbar, wenn wir uns demütigen und neue Liebe zu den verlorenen Menschen aufbringen und ernsthaft für ihre Rettung beten. Möge Gott uns helfen, über die Verlorenheit der ungläubigen Menschen in unserer Umgebung bekümmert zu sein und inständig für ihre Rettung zu beten, wie Jesus es getan hat. Möge Gott uns dadurch Orientierung und Kraft geben, diejenigen zu finden, deren Herz geöffnet ist, und ihnen das Evangelium zu bezeugen, bis sie Jesu Ruf hören und annehmen und als sein Jünger wachsen! Lesen wir noch einmal das Leitwort 6,12.13: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.“

 

Share

Fragebogen: Lukas 6,6-19 – Neujahr 2022

Download

Jesus erwählt die Zwölf

„Es geschah aber in jenen Tagen, dass er hinausging auf den Berg, um zu beten; und er verharrte die Nacht hindurch im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und erwählte aus ihnen zwölf, die er auch Apostel nannte:“

(Lukasevangelium 6,12.23 [SCH2000])

  1. Wer war dabei, als Jesus am Sabbat in der Synagoge lehrte? (6) Warum beobachteten die Pharisäer und die Schriftgelehrten Jesus? (6.7)
  2. Wie hat Jesus sie herausgefordert? (8.9) Wie half Jesus dem Mann, dessen Hand verdorrt war? (10) Was war die Reaktion der religiösen Führer? (11)
  3. Warum ging Jesus auf den Berg? (12) Was tat Jesus, als der Morgen anbrach? (13) Was bedeutet „Apostel“?
  4. Nenne die Namen der zwölf Apostel. Denke über die geistliche Anweisung Jesu nach, dem Geschlecht zu dienen.
  5. Wer war da, als Jesus mit den Zwölfen hinabstieg und sich auf einen ebenen Platz stellte? (17-19) Was hat Jesus für sie getan?
Share