Predigt: Psalm 27,1-5 – Zum Schuljahresanfang 2021

Download

Der HERR ist dein Licht und dein Heil

„Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?”

Psalm 27,1

Ich glaube, dass die meisten von uns sich wünschen, etwas mutiger zu sein. Ich wünschte mir, dass ich frei von Angst und Sorgen leben könnte. Und genau darum geht es im heutigen Text und in der heutigen Predigt. Wir wollen als erstes darüber nachdenken, warum wir keine Furcht zu haben brauchen. Und als zweites wollen wir darüber reden, wie wir ein Leben ohne Furcht führen können.

Erstens, warum keine Furcht?
David, der Psalmist, macht eine erstaunliche Aussage: „vor wem sollte ich mich fürchten? … Vor wem sollte mir bangen?“ Keine Furcht, keine Angst. Und gleichzeitig sind die Situationen, die er erwähnt, ziemlich krass. In Vers 2 sagt er: „Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde…“ Die Neuer Genfer Übersetzung sagt es so: „Wenn boshafte Menschen über mich herfallen, um mich mit Haut und Haaren zu verschlingen, meine Gegner und Feinde…“ Hier ist wirklich die Rede von Menschen, die wirklich gar nichts für David übrighaben. Sie wollten David nicht nur umbringen, sondern auch grillen und essen.
Und in Vers 3 sagt er: „Mag ein Heer mich belagern…“ In dem Film der Herr der Ringe, Die zwei Türme, ist eine der eindrücklichsten Szenen, wenn die Festung Helms Klamm belagert wird. Man sieht eine gewaltige feindliche Armee mit 10,000 starken, bis an die Zähne bewaffneten Soldaten die aus der Ferne anrückt. Die Armee trifft am Abend an. Für die Krieger der Festung ist das der furchterregendste Moment: es ist die Stille vor dem Sturm, der trügerische Friede vor der großen Schlacht, zu wissen, dass die Armee da draußen eigentlich zahlenmäßig weit größer ist als die eigene. Und trotzdem hat David überhaupt keine Angst: „Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.“ David schien jemand zu sein, dem gar nichts aus der Bahn werfen konnte. Keine Situation war zu groß, keine Bedrohung zu schrecklich, keine Gefahr zu imminent, als dass er anfangen würde, sich Sorgen zu machen. Und das ist wirklich erstaunlich.
Morgen ist es endlich so weit. Nach sechseinhalb viel zu langen und viel zu kurzen Wochen beginnt die Schule wieder. Ich glaube, dass sich die meisten schon ein wenig darauf freuen. Und falls ihr Schüler euch gar nicht freuen solltet, eure Eltern freuen sich bestimmt ein wenig. Neues Schuljahr bedeutet auch neue Herausforderungen. Für manche ist es das erste Jahr an der Schule oder das erste Jahr an einer neuen Schule. Für manche ist es das letzte Jahr an der Schule, weil ihr in diesem Schuljahr euren Abschluss macht. Vielleicht habt ihr Fragen wie: „wird das mit dem Schulabschluss alles klappen? Was kommt danach?“ Andere von euch fragen sich vielleicht: „Wie wird die neue Schule? Werde ich bald neue Freunde finden? Werden die Mitschüler nett sein?“
Ich hoffe, dass die meisten von euch mit ziemlich viel Zuversicht und guter Hoffnung ins neue Schuljahr starten. Aber vielleicht ergeht es manchen so ähnlich wie mir: ich fand die Schule nicht so toll. An manchen Tagen konnte ich die Schule nicht ausstehen. Während meiner Zeit am Gymnasium bin ich viele hunderte Male über die Neckarbrücke gegangen. Immer wieder kam es vor, dass morgens die Feuerwehr im Blaulicht an mir vorbei gerauscht ist. Und ich kann mich daran erinnern, dass ich mir immer wieder gewünscht hatte, dass es die Schule ist, die brennt. Das Feuer war immer an der Uni (wahrscheinlich am chemischen Institut) und niemals an der Schule. Während meiner Schulzeit war ich zwar kein richtiger Außenseiter. Aber gleichzeitig habe ich mich nie wirklich akzeptiert gefühlt. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich einfach ich selbst sein kann. Vielleicht mag es manchen von euch ähnlich gehen. Falls nicht, gut für dich!
Wie dem auch sei, vielleicht haben manche von euch doch die ein oder andere Sorge, die euch in das neue Schuljahr begleitet. Viele Kinder haben Angst vor Ablehnung. Die Sorgen müssen natürlich nichts mit der Schule an sich zu tun haben. Viele haben Angst um ihre Eltern, dass ihnen etwas passiert oder dass sie sich scheiden lassen. Viele Kinder machen sich Sorgen um die Welt da draußen: Kriege und Terror, Armut, Klimawandel. Ganz egal was der Grund für deine Sorgenfalten ist, es gab und gibt Menschen, die alle deine Sorgen bereits durchgemacht haben. David war spricht hier von kannibalisch veranlagten Feinden, aufziehenden Armeen und tobenden Kriege. Frage ist dann natürlich: warum hatte David keine Angst? Woher kam seine völlige Freiheit von Furcht?
Wir finden die Antwort in Vers 1: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: vor wem sollte mir bangen?“ Davids Antwort auf Furcht und Angst war der HERR: Gott selbst. Gott ist Licht, Heil (oder Rettung) und Schutz. Licht, Rettung und Schutz sind alles Begriffe, die so viel Bedeutung haben, dass man Bücher dazu schreiben könnte (das wurde auch schon gemacht). Wir wollen gar nicht so tief darauf eingehen heute. Ich möchte an dieser Stelle nur folgendes sagen: jeder Mensch sucht Licht, Rettung und Schutz, weil jeder Mensch auf Licht, Rettung und Schutz angewiesen ist. Wir können nicht ohne das Leben. Ihr alle wollt wissen, weshalb ihr in der Schule ackert, was der Sinn dahinter ist und was der Sinn von eurem Leben ist. Das ist Licht. Ihr alle wollt die Gewissheit haben, dass euer Leben am Ende des Tages gut ausgeht und dass Glück und Freude auf euch warten. Das ist Rettung. Und ihr alle wollt wissen, dass ihr trotz allen Gefahren und Bedrohungen sicher seid. Das ist Schutz. Ihr verwendet vielleicht nicht unbedingt diese Begriffe. Z.B. wenige Menschen heute, wenige Freunde von euch würden sagen: „Ich brauche Rettung!“ Gerettet von was überhaupt würden sie fragen? Und trotzdem ist jeder Mensch praktisch ohne Ausnahme unablässig auf der Suche danach.
Hier ist jetzt der zentrale Punkt: Gott war für David genau das: Licht, Rettung und Schutz. D.h., dass Gott für David absolut war. Oder anders gesagt, für David war Gott das Größte, das Höchste und das Wichtigste in seinem Leben. Angst haben wir immer dann, wenn etwas in Gefahr ist, was uns lieb und teuer ist. Wenn Gott die Person ist, die du am meisten liebst, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, weil Gott ewig und allmächtig ist. Wenn alles in deinem Leben den Bach runter geht, aber du hast Gott, dann hast du immer noch ein Happyend. Wenn du alles, was du hast, verlierst, aber du hast Gott, dann hast du gar nichts verloren. Gott ist größer als alles, was dir das Leben geben kann; Gott ist größer als alles, was der Tod dir nehmen kann.
Die Frage ist, ob du diesen Gott hast oder nicht. Das ist das Geheimnis eines sorgenfreien Lebens.

Zweitens, wie können wir frei von Furcht und Sorgen leben?
Wir finden mindestens zwei Antworten auf diese Frage im Text. Die eine Antwort finden wir gleich in Vers 1. David sagte nicht einfach: „Der HERR ist Licht und Heil.“ Das hätte nicht ausgereicht, ihm die Angst und Furcht zu nehmen. Er sagte: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: vor wem sollte mir bangen?“ Das Wort „mein“ ist hier wirklich entscheidend. Gott war nicht einfach nur Licht und Heil für den Richter Samuel oder für die Eltern von David. Gott war sein Gott.
Frage ist, wie sehr das auf euch zutrifft. Ist der HERR wirklich dein Gott? Nicht nur der Gott deiner Geschwister oder der Gott deiner Freunde, sondern dein Gott? Auch nicht nur der Gott deiner Eltern, sondern wirklich dein persönlicher Gott? Es reicht nicht aus, dass deine Eltern fromm sind und deine Eltern an Gott glauben. Die Frage ist, ob du fromm bist und an Gott glaubst. Es reicht nicht aus, dass deine Eltern leidenschaftliche Beter sind. Die Frage ist, ob du selbst ein leidenschaftlicher Beter bist. Uwe Schäfer hatte mal gesagt, dass Gott keine Enkelkinder hat. Gott hat nur Kinder. Besser kann man es kaum sagen. Bist du ein Kind Gottes?
Die zweite Antwort finden wir in Vers 4: „Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.“ Für David gab es eine Priorität im Leben; eine einzige Ausrichtung; ein einziges klares Ziel vor Augen: im Haus des HERRN wohnen alle Tage seines Lebens. Und das ist vielleicht nicht ganz so klar zu erfassen. Ich möchte versuchen, es so gut es geht, zu erklären, was das bedeutet.
Es bedeutet zum einen, dass Gott in unserem Leben real wird. Vor einigen Jahren hat eins meiner vier Kinder beim Spielen eine Glühbirne kaputt gemacht. Nicht nur das, natürlich ist er dann in das zerbrochene Glas getreten. Der Kinderarzt hat versucht die Scherben aus dem Fuß zu entfernen. Aber Tage und Wochen später hatte unser Sohn immer noch Schmerzen. Als sein Fuß dann geröntgt wurde, wurde eine weitere Scherbe im Fuß gefunden. Er wurde dann schließlich unter Vollnarkose operiert, und die Chirurgin war in der Lage, die Scherbe zu empfehlen. Als unser Sohn aus der Narkose aufgewacht ist, hat er angefangen, sich über starke Schmerzen zu beklagen. Ich bat die Ärzte um Hilfe. Aber es dauerte eine Weile, bis sie kommen konnten. Schließlich habe ich das getan, was alle verzweifelten Eltern in dieser Situation getan hätten: ich habe dem Kleinen mein Tablet gegeben. Sobald er mein Tablet hatte, waren alle Schmerzen vergessen. Er war so vertieft in das Spiel, dass alles drumherum keine Rolle mehr spielte. Kurz danach kamen die Ärzte rein: „Wir wollten noch einmal vorbeischauen, wegen seinen Schmerzen…“ Sie sahen den Kleinen mit dem Tablet und meinten dann nur zu mir: „Ihm geht es gut.“
Was war passiert? Mein Sohn hat in seiner Begeisterung am Tablet völlig vergessen, dass er Schmerzen hatte. Seine Schmerzen waren nur kleine Unannehmlichkeiten im Vergleich mit dem Vergnügen, mit Papas Tablet zu spielen. Hier ist der Punkt: Gott will in deinem Leben so real werden; eigentlich noch viel realer als das. Er will so präsent in deinem Leben sein, dass alles andere, deine Familie, deiner Freunde, deine Schule zur Nebensache werden. Er will diesen Fokus, diese Art von Aufmerksamkeit und Hingabe von dir wie ein Kind sich einem Tablet zuwendet.
Und das bringt mich zum nächsten Punkt: Gott will von dir gesucht werden. Der christliche Philosoph Dallas Willard hat etwas gesagt, was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Frage ist: ist Gott verborgen? Versteckt sich Gott vor uns? Seine Antwort war: ja. Hier ist sein Argument: Gott ist so überwältigend groß, dass wenn Er sich nicht vor uns verbergen würde, er einfach unausweichlich wäre. Die Frage ist dann natürlich: warum versteckt sich Gott vor uns? Wenn er sich einfach zeigen würde, würden alle Menschen wissen, dass es ihn gibt. Antwort lautet: Gott versteckt sich vor uns, weil Er will, dass du ihn suchst. Wenig später im Psalm heißt es deshalb auch: „Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, HERR, will ich suchen.“
Vorhin habe ich gesagt, dass Gott das Beste ist, was uns passieren kann: Er ist unser Licht, unsere Rettung und unser Schutz. Er ist der größte Reichtum, den wir empfangen können. Aber Gott drängt sich niemanden auf. Gott zwingt dich nicht zu deinem Glück. Gott will, von dir gesucht werden, bevor er sich von dir finden lässt. Gott will, dass du seine Gemeinschaft und Hilfe willst. Gott will, dass du ihn in dein Leben einlädst, weil er dich bereits in sein Leben eingeladen hat. Gott will, dass du ihn willst.

Zum Schluss, liebe Schülerinnen und Schüler, wenn ihr euch auf diesen Gott einlässt und wenn ihr seine Gegenwart sucht, könnt ihr darauf vertrauen, dass Gott mit euch ist. Wenn euer Rucksack schwer auf euren Schultern liegt, Gott ist mit euch. Wenn euer Ranzen zu leicht ist, weil ihr die Hälfte der Schulsachen zu Hause vergessen habt, Gott ist mit euch. Wenn ihr in der Schule von besten Freunden umgeben seid, Gott ist mit euch. Wenn ihr euch in der Schule allein gelassen fühlt und denkt, dass niemand euch verstehen kann, Gott ist mit euch. Wenn es den einen Lehrer gibt, der euch tierisch auf den Zeiger geht, Gott ist mit euch. Wenn ihr in der Pause euer Brot esst, Gott ist mit euch. Wenn ihr eine schwere Arbeit zu schreiben habt, Gott ist mit euch. Wenn die Arbeit vor allem deshalb schwer ist, weil ihr zu wenig gelernt habt, Gott ist mit euch. Wenn ihr euch fürchtet, wie ihr die Note 4-5, die ihr geschrieben habt, zu Hause den Eltern beibringen wollt, Gott ist mit euch. Gott ist mit euch auf dem Hin- und auf dem Rückweg, in und außerhalb der Schule, vor und nach dem Unterricht. Gott ist vor euch und hinter euch, er steht euch links und rechts zur Seite, er geht euch voran und hält euch den Rücken frei, er umgibt euch von allen Seiten und hält seine Hand über euch. Er ist euer Licht, eure Rettung und euer Schutz.

Share

Fragebogen: Psalm 27,1-5 – Zum Schuljahresanfang 2021

Download

Der HERR ist dein Licht und dein Heil

Heute lesen wir Psalm 27,1-5. Anlässlich des neuen Schuljahres betrachten wir die ersten drei Strophen eines sehr bekannten Psalms.

Lies Vers 1 (gerne auswendig lernen). Eine Eigenschaft hebräischer Poesie sind Parallelismen. Kannst du diese literarische Eigenschaft in Vers 1 ausfindig machen? Wie trägt das dazu bei, die Hauptaussage von Vers 1 zu unterstreichen? Was bedeutet die Hauptaussage für dich?

In den Versen 2 und 3 erwähnt David einige Eventualitäten wie Bedrohung durch Übeltäter, feindliche Heere und Krieg. Durch welche Ereignisse fühlst du dich bedroht? Was ist das Geheimnis eines getrösteten Herzens, das sich nicht fürchtet?

Wir finden im Vers 4 das erste konkrete Gebetsanliegen des Psalms. Warum bittet David, dass er im Hause des HERRN sein Leben lang bleiben kann? Was bedeutet das?

Share

Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 6 – Galater 2,11-21

Download

Eine neue Motivation

Heute lesen wir Galater 2,11-21. Allerdings wird dies ein sehr thematisches Bibelstudium werden. In diesem Text stellt Paulus Petrus zur Rede, weil er durch sein Verhalten nichtjüdische Christen diskriminiert hatte. Worauf wies Paulus Petrus hin (Verse 14-16)?

In dem Gleichnis von den verlorenen Söhnen (Lukas 15), ist der ältere Sohn eine Illustration für die religiösen Menschen. Religion und Evangelium sehen sehr ähnlich aus, und doch gibt es wesentliche, grundlegende Unterschiede.

Fülle diese Tabelle aus so gut du kannst:

  Religion Evangelium
Gehorsam Ich gehorche; deshalb bin ich gerettet. Ich bin gerettet; deshalb gehorche ich.
Motivation, Gutes zu tun    
Schwierigkeiten und Leiden    
Gebet    
Selbstwert    
Humor    

Apostel Petrus war ein Mann des Evangeliums und trotzdem kehrte er offensichtlich zu den Werken des Gesetzes zurück. Was sind deine Erfahrungen diesbezüglich? Welche Denk- und Verhaltensweisen kannst du in deinem Herzen finden, die auf Selbstrechtfertigung zurückzuführen sind?

Share

Predigt: Hebräer 13,1 – 3 (Sonderlektion 7)

Download

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.“

(Hebräer 13,1)

Heute betrachten wir das letzte Kapitel des Hebräerbriefs. Die Empfänger, die früher Verfolgungen durch den Glauben mit Freude ertragen hatten, waren inzwischen geistlich müde und angesichts neuer Verfolgungen im Glauben an Jesus schwankend. Der Verfasser stellte ihnen im Kap. 11 viele Männer und Frauen aus der Bibel vor Augen, die aus dem Glauben gelebt und dadurch Gottes Anerkennung erlangt haben. In Kap. 12 ermutigte er sie, angesichts der vielen Zeugen ihren geistlichen Lauf mit Geduld weiter zu laufen und dabei zu Jesus aufzusehen, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldet und sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat und so Anfänger und Vollender des Glaubens ist. Der Verfasser erinnerte sie, dass der Segen, den der heilige Gott im Neuen Bund anbietet, unvergleichlich größer ist als der im Alten Bund, und ermahnte sie, aufzupassen, dass sie Jesus, der vom Himmel zu ihnen redet, nicht abweisen. Wie sollten sie nach dieser großen Ermahnung dann leben? Im Kap. 13 finden wir konkrete Anweisungen, wie sie und auch wir praktisch aus dem Glauben leben und den Lauf gut laufen können. Vor allem anderen ermahnt er dazu, in der brüderlichen Liebe fest zu bleiben. Gott möge jeden ermutigen, aus dem Glauben zu leben und dazu vor allem die brüderliche Liebe zu erneuern!

Wozu ermahnt der Verfasser die Gläubigen vor allem andern? Betrachten wir den Vers 1: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.“ Vor allem andern ermutigt er sie dazu, in der brüderlichen Liebe fest bleiben. Mit brüderlicher Liebe ist die Liebe zu den Glaubensgeschwistern gemeint. Sie ist nicht bloß eine von vielen christlichen Tugenden, sondern sie ist Jesus größtes Herzensanliegen. Das können wir daran erkennen, dass Jesus seinen Jüngern am Abend vor seiner Kreuzigung nach der Fußwaschung die Liebe untereinander geboten hat: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34.35). Brüderliche Liebe ist keine Option, sondern eine wesentliche Eigenschaften von Christen und ihr Erkennungsmerkmal. Sie ist Jesus so wichtig, dass er sie uns als „neues Gebot“ ausdrücklich befohlen hat. Unsere alte sündige Natur liebt sich selbst am meisten und kann deshalb andere nicht tiefgehend und beständig lieben. Sie ist davon abhängig, ob uns jemand von Natur aus sympathisch ist und wir uns davon etwas versprechen, emotional oder praktisch. Auf diese Weise suchen sich die Menschen bewusst oder unbewusst ihre Freunde aus und bauen Beziehungen auf und beenden sie auch wieder, wenn die Beziehung zum anderen zum Beispiel anstrengend wird oder mehr von mir abverlangt, als dass sie mir bringt, oder weil man neue, interessantere Freunde gefunden hat. Eine alte Frau erzählte mir öfter von ihrem Freundeskreis, in dem sich sechs etwa Gleichaltrige seit Jahren regelmäßig treffen und die Hochs und Tiefs in ihrem Leben miteinander teilen. Als bei einem Treffen letztes Jahr eine Freundin ein für sie wichtiges Thema anschnitt, aber niemand in der Runde darauf weiter einging, schrieb sie danach den anderen einen vorwurfsvollen Brief und kündigte ihnen die Freundschaft, mit dem Hinweis, dass sie vor kurzem eine neue, interessantere Freundin gefunden hat. Das ist kein krasser Fall, aber ein Beispiel dafür, wie unsere eigene Bereitschaft und Fähigkeit, andere zu lieben, begrenzt und vom eigenen Interesse abhängig ist.
Brüderliche Liebe ist aber von ihrem Wesen her anders, von der Grundlage und vom Ziel her. Ihre Basis ist die Liebe Jesu, mit der er uns einseitig und bedingungslos geliebt hat und für uns gestorben ist, als wir noch in der Selbstliebe und Sünde blind und gefangen waren. Die brüderliche Liebe kommt daher, dass wir diese Liebe Jesu zu uns persönlich annehmen, und wenn wir uns bewusst werden, dass Jesus mit derselben Liebe alle seine Kinder liebt. In dem Maß, wie diese Liebe Jesu in uns bleibt, haben wir in uns Motivation und Kraft, die eigenen Glaubensgeschwister zu lieben. Diese Liebe ist nicht abhängig davon, wie sehr mir andere sympathisch sind, wie sie sich mir gegenüber verhalten oder ob ich alles verstehe und gut finde, was sie sagen und tun. Denn das Ziel der brüderlichen Liebe liegt nicht in uns selbst, sondern im anderen.

Wie wertvoll ist es, solche brüderliche Liebe untereinander zu haben! Wie schön ist es, Brüder und Schwestern zu haben, die Jesus lieb haben und den gleichen Lauf des Glaubens laufen und uns allein dadurch immer wieder ermutigen! Wie tröstlich ist es, wenn wir erleben, dass Brüder und Schwestern uns lieben, obwohl wir mangelhaft sind und ihren Erwartungen nicht immer entsprechen, und die bereit sind, uns mit Rat und Tat zu helfen, wenn wir Hilfe brauchen. Brüderliche Liebe ermöglicht uns Beziehungen, in denen wir unsere Schwächen oder Probleme nicht verstecken und den anderen etwas vorspielen müssen, sondern wo wir darüber reden und den anderen um Rat und um Gebetsunterstützung bitten können. Wie ermutigend ist es, wenn wir Anliegen miteinander teilen und dann erfahren, dass Gott unser Gebet erhört und dem anderen oder uns selbst geholfen hat. Ich meine, dass die Schwestern unter uns diese Erfahrung zurzeit mehr machen als die meisten Brüder, weil sie sich mehr austauschen und zusammen beten. Wie schön ist es, Brüder und Schwestern zu haben, mit denen wir über alles mögliche reden und mit denen wir gemeinsam Zeit verbringen und Freude teilen können. Ich meine, dass hier die Älteren von den Jüngeren lernen können. Als ich gestern ins Gemeindehaus kam, saßen einige Jugendliche und Kinder am Computer und haben gemeinsam ein EM-Spiel geschaut. Fast jeden Samstag treffe ich im Gemeindehaus Kinder und Jugendliche, die miteinander Zeit verbringen. Natürlich haben die meisten Erwachsenen mehr Aufgaben und weniger freie Zeit als Schüler. Aber es ist wohl nicht nur eine Frage der Zeit. Studenten haben auch viel zu lernen und müssen nebenher noch arbeiten; aber sie nehmen sich trotzdem irgendwie Zeit zur Gemeinschaft mit anderen, offenbar aus dem Bewusstsein, dass miteinander Zeit zu verbringen an sich wertvoll ist. Darin können wir Älteren von ihnen lernen.

Betrachten wir noch einmal den Vers 1. Die Empfänger hatten ohne Frage brüderliche Liebe. Sie halfen sich gegenseitig, als ihnen ihre Güter geraubt wurden, und sie besuchten die Brüder, die im Gefängnis waren. Aber der Verfasser ermahnte sie, dass sie in der brüderlichen Liebe fest bleiben sollten. Ihm war bewusst, dass auch wenn sie früher in der Not ihre Liebe großartig unter Beweis gestellt hatten, das nicht bedeutete, dass sie automatisch einander immer so lieben würden. Die Umstände im Leben ändern sich immer, mit den Umständen und Erfahrungen ändern sich auch die Gedanken und Einstellungen, bei uns selbst und bei den Glaubensgeschwistern. Das ist normal. Was sich aber nie ändern soll, ist die brüderliche Liebe untereinander. Davon lebt eine Gemeinde, und davon lebt letztlich jeder Einzelne in der Gemeinde.

In den letzten 15 Monaten hat sich durch die Coronapandemie für uns alle vieles geändert. Homeoffice, Online-Unterricht von zu Hause und die zahlreichen Kontaktbeschränkungen haben unser Leben verändert. Als Gemeinde konnten wir seit über einem Jahr nicht mehr alle zusammen Gottesdienst feiern und anschließend beim Essen über alles Mögliche reden. Ich bin dankbar, dass wir den Gottesdienst sowie Bibelstudium, Austausch- und Gebetsstunde online oder on- und offline weiterführen und dadurch unsere geistliche Gemeinschaft am Leben halten konnten. Aber das ist doch nicht dasselbe. Und dass wir uns gegenseitig nach Hause einladen, war teilweise sogar verboten. Automatisch haben wir uns an den neuen Zustand in gewissem Maße gewöhnt, ihn bewusst oder unbewusst als neue Normalität akzeptiert. Wie werden wir uns verhalten, wenn die Beschränkungen wieder aufgehoben sind?

Betrachten wir noch einmal den Vers 1: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.“ Gott will, dass wir in der brüderlichen Liebe fest bleiben. Gott will, dass unsere Liebe zu den Geschwistern nicht von der Situation oder von unseren Gefühlen und Stimmung abhängen. Gott wünscht sich, dass wir uns untereinander herzlich lieben, das ist sein größter Wunsch neben dem Wunsch, dass wir ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzer Kraft lieben. Und wir wissen, dass das zusammenhängt. Wenn unsere Liebesbeziehung zu Jesus gesund ist, haben wir auch herzliche brüderliche Liebe, und wenn wir in Jesus bleiben, bleiben wir auch fest in der brüderlichen Liebe. Wenn wir in der Liebe zu den Geschwistern bleiben, hilft uns das sehr, in einer rechten Liebesbeziehung zu Jesus zu bleiben und darin zu wachsen. Wir wollen die heutige Aufforderung zum Anlass nehmen, zu prüfen, wie es um unsere Liebe zu Glaubensgeschwistern steht. Lasst uns auf Jesus sehen und seine große hingebungsvolle Liebe zu uns neu annehmen! Lasst uns für unseren Mangel an Liebe Buße tun und unsere Brüder und Schwestern neu von Herzen lieben. Und lasst uns diese Liebe ausleben.

Wie können wir die brüderliche Liebe ausleben? Wie hat der Verfasser die Empfänger dazu ermutigt? Betrachten wir die Verse 2 und 3: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ Dieses Wort ermutigt uns dazu, gastfrei zu sein und an der Situation herzlich Anteil zu nehmen. Andere einzuladen, ist eine schöne Gelegenheit, seine Liebe zu Glaubensgeschwistern auszudrücken, sowohl für die, die den anderen dienen, als auch für die, die diesen Dienst annehmen. Tatsächlich geht es nicht um die Qualität des Essens oder ob die Wohnung frisch geputzt ist. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen, einander zuzuhören und dadurch einander besser kennen zu lernen und die Lage des anderen besser zu verstehen. Es ist eine gute Möglichkeit, Liebe zu üben und in der Liebe untereinander zu wachsen. Deshalb: Wer keine Zeit hat, einen Kuchen zu backen, kann beim Lidl einen Kuchen kaufen. Wer keine Zeit hat, aufzuräumen, kann sich zum Spaziergang verabreden. Wer keine Zeit für ein langes Treffen hat, kann sich für eine halbe Stunde verabreden.

Durch die ständigen Nachrichten über die Coronapandemie ist für manche die Sorge vor einer Ansteckung zu einem Hindernis geworden, andere einzuladen. Sich mit anderen zu treffen, ist für uns nicht mehr gewöhnlich und kann uns wie etwas Gefährliches vorkommen. Das war zeitweise auch so, aber inzwischen hat sich die Situation stark verbessert. Die Infektionsrate ist deutschlandweit unter 10, das heißt dass sich von 100.000 Einwohner pro Tag nur etwa anderthalb Ansteckungen gibt. In ganz Heidelberg gibt es pro Tag nur etwa zwei Ansteckungen! Deswegen ist es inzwischen erlaubt, dass sich wieder bis zu zehn Erwachsene aus drei Haushalten plus ihre Kinder untere 14 zu Hause ohne Masken treffen dürfen. Ich sage nicht, dass wir ab jetzt unvorsichtig sein und bestehende Kontaktbeschränkungen ignorieren sollen. Aber wir sollen unser Bewusstsein von unnötiger Sorge und Angst frei machen, damit wir nicht davon bestimmt werden, sondern tun können, was Gott sich wünscht und was sich unsere Geschwister wünschen.

Welchen Grund nennt der Verfasser, warum die Empfänger gastfrei sein sollten? Betrachten wir nochmals den Vers 1. Er verweist darauf, dass dadurch einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt haben. Habt ihr euch auch gefragt, warum er das schreibt? Offenbar nimmt er auf die Stelle in Genesis Kap. 18 Bezug, die wir vor wenigen Monaten betrachtet haben, wo Abraham drei Fremde freundlich zu sich einlädt und sie bewirtet, ohne zu wissen, dass es sich in Wirklichkeit um Gottes Engel handelt. Der Verfasser wusste besser als wir, dass das nach der Bibel ein einmaliges Ereignis in der Geschichte war, das sich so nicht wiederholt hat. Warum erwähnt der Verfasser das dann an dieser Stelle als Argument dafür, gastfrei zu sein? Indirekt sagt er dadurch ja, dass die Erfahrung von Abraham damals auch eine Relevanz für Christen hat, die Glaubensgeschwister einladen. Ist das unangemessen? Nein, kann es nicht sein! Er deutet dadurch auf den großen Segen hin, den wir bekommen, wenn wir Glaubensgeschwister einladen und mit ihnen Gemeinschaft haben. Abraham wurde dadurch, dass er die drei Fremden einlud, durch die Gemeinschaft sehr gesegnet. Denn Gott half seiner Frau Sara, ihren verbliebenen Unglauben zu erkennen und Buße zu tun und daran zu glauben, dass Gott ihr tatsächlich ein Kind geben konnte. Und Abraham konnte beim anschließenden Gespräch mit Gott von dem wichtigen Gebetsanliegen erfahren, dass Gottes Gericht über Sodom kommen musste, und er konnte daraufhin erleben, dass Gott seine inständige Fürbitte erhörte und seinen Neffen und dessen Töchter aus Sodom rettete. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle auch die gleiche Erfahrung machen werden wie Abraham. Aber wenn wir Glaubensgeschwister einladen, freut Gott sich darüber sehr und will nicht nur unsere Geschwister, sondern auch uns selbst segnen.

Dies habe ich selbst vielfach erfahren dürfen. Als wir über dem Gemeindehaus gewohnt haben, hatten wir öfter Gelegenheit, Gäste zum Essen einzuladen, weil es buchstäblich naheliegend war. Jedes Mal haben wir erlebt, dass wir durch die dabei entstehende Gemeinschaft selbst sehr ermutigt und getröstet wurden. Seit Pfingsten haben wir angefangen, sonntags nachmittags Geschwister nach Hause einzuladen. Das war nur wenige Male bisher, aber jeder Besuch war eine große Freude und hat uns den Wunsch gegeben, viel mehr Gemeinschaft mit den Geschwistern zu haben.

Lasst uns die brüderliche Liebe untereinander erneuern und darin fest bleiben! Durch diese Liebe kann jeder von uns geistlich weiter wachsen und gesund bleiben. Wenn wir Liebe untereinander haben, bilden wir eine Umgebung, in der unsere jungen Leute und alle, die hierher kommen, erkennen können, dass Jesus unter uns lebt. Möge Gott uns helfen, alle Hindernisse zu überwinden und unsere Wohnung neu zu öffnen und herzlich Anteil aneinander nehmen. Möge Gott dadurch alle unter uns segnen!

 

Share