Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 6 – Galater 2,11-21

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Eine neue Motivation

Heute lesen wir Galater 2,11-21. Allerdings wird dies ein sehr thematisches Bibelstudium werden. In diesem Text stellt Paulus Petrus zur Rede, weil er durch sein Verhalten nichtjüdische Christen diskriminiert hatte. Worauf wies Paulus Petrus hin (Verse 14-16)?

In dem Gleichnis von den verlorenen Söhnen (Lukas 15), ist der ältere Sohn eine Illustration für die religiösen Menschen. Religion und Evangelium sehen sehr ähnlich aus, und doch gibt es wesentliche, grundlegende Unterschiede.

Fülle diese Tabelle aus so gut du kannst:

  Religion Evangelium
Gehorsam Ich gehorche; deshalb bin ich gerettet. Ich bin gerettet; deshalb gehorche ich.
Motivation, Gutes zu tun    
Schwierigkeiten und Leiden    
Gebet    
Selbstwert    
Humor    

Apostel Petrus war ein Mann des Evangeliums und trotzdem kehrte er offensichtlich zu den Werken des Gesetzes zurück. Was sind deine Erfahrungen diesbezüglich? Welche Denk- und Verhaltensweisen kannst du in deinem Herzen finden, die auf Selbstrechtfertigung zurückzuführen sind?

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 5 – Römer 8,12-17

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Eine neue Identität

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

(Römer 8,14)

Heute betrachten wir den fünften Teil unserer Predigtserie zum Thema „Verwurzelt im Evangelium“. Heute geht es um unsere Identität, genauer gesagt die neue Identität, die wir im Evangelium haben. Manche mögen sich vielleicht fragen: Ist das für uns wirklich wichtig? Geht es in der Bibel um Identität oder ist das nicht eher nur eine theoretische Frage? Die Antwort darauf ist klar: die Identität, die wir im Leben haben, hat eine sehr große Bedeutung. Bei Identität geht es darum, für wen ich mich im Grunde halte, wer ich denke, dass ich bin (unser Selbstverständnis); und dann, wie ich mich dabei beurteile, ob ich denke, dass ich dabei gut bin (unser Selbstwertgefühl). Jeder Mensch hat ein Verständnis darüber, wer er oder sie ist (auch wenn es den Menschen unterschiedlich klar ist). Unser Verständnis davon, wer wir sind und wie wir uns darin sehen, hat einen sehr großen Einfluss auf unser Leben (z.B. wonach wir streben, wie wir uns und andere Menschen sehen und mit ihnen umgehen, wie wir mit Erfolgen und mit Niederlagen umgehen usw.). Und obwohl die Bibel den Begriff „Identität“ nicht gebraucht, sagt sie indirekt viel über die Identität, mit der die Menschen gelebt haben. Vor allem lehren verschiedene Stellen im Neuen Testament die neue Identität der Christen, die an das Evangelium glauben. Unser heutiger Text Römer 8,12-17 spricht deutlich darüber, was unsere neue Identität als Christen ist und warum es wichtig ist, dass wir wirklich mit dieser Identität leben.

Um das gut zu verstehen, wollen wir, bevor wir auf den Text eingehen, ausnahmsweise zuerst betrachten, wie die Menschen im Allgemeinen ihre Identität definieren. Wir wollen betrachten, wie die Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität definieren und wie in modernen westlich geprägten Gesellschaften die Menschen angeregt werden, ihre Identität zu finden. Danach wollen wir betrachten, welche neue, geistliche Identität Gott uns im Evangelium gibt, und wollen uns fragen, wie viel unsere eigene Identität davon geprägt ist. Es geht also um drei Fragen: 1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Gesellschaften? 2. Worin liegt dabei das Problem? 3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium und wie prägt sie unser Leben?

1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Kulturen?
Alle Kulturen geben den Menschen einen Weg vor, wie sie ihre Identität finden können; und sie ermutigen die Menschen dazu, auf diesem Weg ihre eigene Identität zu finden. In traditionellen Kulturen und in vielen traditionell geprägten asiatischen Kulturen heute definieren die Menschen ihr Selbstverständnis vor allem über ihre Rolle, die sie in der Familie oder Verwandtschaft spielen, z.B. als ein Sohn oder Tochter, als ein Vater oder eine Mutter, oder über ihre Rolle in ihrem Dorf oder Sippe, und darüber, wie gut sie diese Rolle spielen, also ob sie ein guter Sohn oder eine gute Tochter, ein guter Ehemann oder Ehefrau oder ein guter Vater oder Mutter sind. Die Familie oder Gemeinschaft schenkt ihnen Anerkennung, wenn sie ihre Rolle gut erfüllen, wenn sie sich z.B. als Sohn oder als Vater gut für ihre Familie einsetzen und dabei auch auf eigene Interessen und Wünsche verzichten, und vermittelt ihnen dadurch, wie sie über sich selbst denken sollten. Kommt euch das vertraut vor? Ich nehme an, dass das den meisten von uns mehr oder weniger vertraut ist; auch in Europa hat man bis vor nicht allzu langer Zeit so gedacht.

Aber die moderne westliche Kultur kehrt das inzwischen um. In modernen Kulturen wird den Menschen vermittelt, dass sie ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl nicht daran messen sollen, wie gut sie um das Wohl ihrer Familie kümmern und wie sehr sie dafür eigene Interessen und Wünsche aufgeben. Sondern dass sie ihre Identität finden, wenn sie sich klar werden, was ihre eigenen Wünsche sind und diese Wünsche ausleben, ganz egal, was andere dazu sagen. Das ist eine Umkehrung der asiatischen Kultur (die früher auch in Europa ähnlich war), wo man respektiert wird, wenn man sich für das Wohl der Familie und der Gemeinschaft einsetzt und dafür auf eigene Wünsche verzichtet. In modernen westlichen Kulturen heißt es inzwischen: Das ist verkehrt. Du musst in dich hineinhören und finden, was du eigentlich willst, und sollst deine Wünsche bzw. deinen Traum im Leben verwirklichen. Niemand hat das Recht, dir zu sagen, was du mit deinem Leben machen sollst. Dahinter steht die Idee: wenn ich in mich hineinschaue und meine eigenen Wünsche und Träume erkenne und ihnen folge, egal, was andere mir sagen, dann werde ich ich selbst, ich finde mein wahres Ich. Dabei ist es mir egal, wie andere mich beurteilen; ich bestimme, wer ich bin, nur ich bewerte mich selbst, und nur das zählt. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird dieser Gedanke immer mehr in Büchern, Filmen und Liedern propagiert. Fachleute nennen das expressiven Individualismus, weil man in sein Herz schaut, seine eigenen Wünsche erkennt und versucht, das auszudrücken bzw. zu verwirklichen. In dem Film „Frozen“ gibt es das Gedicht von Elsa, einer jungen Prinzessin, die eines Tages beschließt, dass sie ihre Identität nicht länger darin sehen will, dass sie die Erwartungen der anderen erfüllt und von ihnen anerkannt wird, sondern dass sie den Sturm in ihrem Herzen raus lassen und ihm folgen will – das ist ein Beispiel für expressiven Individualismus. Was in uns an Wünschen ist, darauf sollen wir hören, dem sollen wir folgen, das ist der Weg, um uns selbst zu finden und uns im Leben zu verwirklichen. Das ist das, was die moderne Kultur den Leuten sagt, wie sie ihre Identität finden und zu einem richtigem Selbstwertgefühl kommen. Damit werden natürlich ganz besonders die jungen Leute konfrontiert, die am meisten moderne Filme sehen oder Musik hören, in denen diese Vorstellung ausgedrückt wird.

2. Worin liegt dabei das Problem?
Jemand könnte jetzt fragen: Und wo ist das Problem? Warum soll das nicht gut sein? Wenn wir die beiden Ansätze betrachten, den traditionellen und den modernen, finden wir bei beiden deutliche Probleme. Es gibt mehrere Gründe, warum alle beide nicht funktionieren. Ich will hier nur einige davon nennen. Der traditionelle Ansatz erscheint wahrscheinlich vielen von uns als der bessere, weil er nicht so egoistisch ist, weil es dabei als erstrebenswert gilt, sich für das Wohl der anderen einzusetzen und dafür auch auf eigene Interessen zu verzichten. Dieser Ansatz sieht christlicher aus und scheint der Lehre des Evangeliums eher zu entsprechen. Wenn man sein Selbstverständnis und Selbstwert daran orientiert, ist das Leben, das dadurch ermöglicht wird, vermutlich erstrebenswerter, zumindest aus der Sicht der Gemeinschaft, die dadurch viel besser funktionieren kann. Aber so ein Leben kann natürlich eine große Belastung und Unfreiheit bedeuten, weil man sich immer an den Bedürfnissen der anderen und an ihren Erwartungen orientieren soll. Ohne Evangelium bedeutet das für viele häufig Verzicht und Opfer, für die man nie belohnt wird.

Im Vergleich dazu klingt der moderne Ansatz dagegen in den Ohren vieler moderner Menschen sehr erfolgversprechend, weil man ja auf seine eigenen Wünsche hört und sie zu erfüllt oder das zumindest versucht. Aber es gibt auch hier mehrere Gründe, warum das nicht funktioniert.

Zum einen funktioniert es nicht, weil viele Wünsche in unserem Herzen sich widersprechen. Wenn wir in unser Herz schauen, sehen wir viele verschiedenartige Wünsche, von denen viele nicht miteinander vereinbar sind. Jemand will beispielsweise gern ein bestimmtes Stellenangebot in einer anderen Stadt für seinen gewünschten Beruf annehmen, aber er hat eine Freundin, die nicht bereit ist, dorthin umzuziehen – was soll er wählen? Er kann nicht beiden Herzenswünschen folgen. Es ist eine Illusion zu meinen, dass die Wünsche in unserem Herzen alle oder großteils zusammenpassen würden. Unsere Wünsche sind sehr verschieden und viele davon sind unvereinbar. Schon von daher funktioniert der Ansatz nicht, dass wir unsere wahre Identität über die Erfüllung unserer Wünsche im Herzen finden.

Zum anderen ist es eine Illusion, dass wir nach dem Prinzip leben könnten, dass es uns egal ist, was die anderen von uns denken und über uns sagen. Niemand kann zufrieden leben, wenn er keine Bestätigung von anderen bekommt. Man kann fehlende Bestätigung von außen nicht dadurch ersetzen, dass man seine Person und sein Tun selbst bestätigt. Das ist uns nicht genug. Junge Leute, die gegen bestimmte traditionelle Werte rebellieren, mögen sich von ihren Eltern und von der Kirche abwenden und sagen, dass sich jetzt nur noch daran orientieren, was sie selbst wollen. Aber in Wirklichkeit suchen sie sich andere Leute, die sie und ihre neue Lebensweise anerkennen und loben. Wir brauchen alle die Gemeinschaft mit anderen, ihre Anerkennung und Bestätigung. Niemand kann sich selbst segnen oder sich selbst loben und damit zufrieden sein. Auch deshalb ist die Vorstellung, dass wir unabhängig von den anderen Menschen einfach tun, was wir selbst wollen, und so uns selbst finden, eine Illusion.

Ein anderes Problem ist, dass man, obwohl man dadurch, dass man die Erwartung und die Beurteilung durch andere ablehnt, Freiheit erlangen will, sich in neue, oft noch schlimmere Unfreiheit begibt. Zum Beispiel definieren sich heute viele Menschen über ihren Erfolg im Berufsleben. Weil sie durch ihre Karriere und ihr Einkommen zeigen wollen, wer sie sind bzw. wie gut sie sind, bekommt ihre Arbeit einen so hohen Stellenwert, dass sie einen zu großen Druck haben. Dadurch arbeiten viele Menschen zu viel und haben bei der Arbeit zu viel Stress, sodass bei vielen die Gesundheit und die Familie leidet oder kaputt geht. Wenn sie berufliche Rückschläge erleiden, können sie in tiefe Krisen geraten, weil sie nicht nur mit dem Problem an sich konfrontiert sind, dass sie zum Beispiel eine neue Stelle suchen müssen, sondern auch damit, dass ihre Identität in Frage steht, über die sie sich definiert haben.

Ein anderes Problem ist, dass diejenigen, die Erfolg haben und ihre selbst gesteckten Ziele im Beruf oder im Sport oder in einem anderen Bereich erreicht haben, fast automatisch auf die anderen Menschen herabschauen und kein richtiges Herz und Verständnis für sie haben können. Wenn jemand für seine Karriere jahrelang hart gearbeitet hat, kann er (oder sie), wenn er Erfolg hat, nur schwer andere von Herzen annehmen und verstehen, die nicht erfolgreich sind, sondern sie wahrscheinlich als faul oder unfähig ansehen. Er tut das, weil er seine eigene Identität so definiert hat und nicht nur sich, sondern auch die anderen danach betrachtet.

Umgekehrt kann jemand, der seine Identität auch über seinen Erfolg definiert hat, aber darin gescheitert ist, andere, die auch gescheitert sind, verstehen und akzeptieren. Aber ihm fehlt es an der Zuversicht, die er für sein weiteres Leben bräuchte, weil er an dem, worüber die er sich definieren wollte, gescheitert ist. Es gibt kaum Menschen, die die Zuversicht haben, die nötig ist, um etwas Großes im Leben zu bewirken, und die gleichzeitig im Herzen wirklich Raum für andere Menschen haben, die nicht erfolgreich sind.

Ähnliches gilt, wenn jemand seine Identität darüber definiert, ein guter Ehemann und Vater oder eine perfekte Ehefrau und Mutter. Gute Erziehung der Kinder ist eine wichtige Aufgabe von Eltern. Aber wenn der Erfolg der Erziehung der Kinder und vielleicht sogar auch ihr beruflicher Erfolg das ist, worüber Eltern ihre Identität definieren, dann kann das sowohl für die Eltern als auch für die Kinder ungesund sein.

Was ist dann die Lösung? Ich hoffe, dass alle zustimmen können, dass weder der moderne noch der traditionelle Ansatz, seine Identität zu finden, die Lösung ist. Beide Ansätze sind keine Lösung, obwohl sie sehr unterschiedlich. Tatsächlich haben sie eine große Gemeinsamkeit. Beim traditionellen Ansatz müssen wir etwas leisten, um von der Familie als gut anerkannt zu werden. Beim modernen Ansatz müssen wir uns sehr anstrengen, um die großen Wünsche im eigenen Herzen zu verwirklichen. Und es gibt noch einen dritten Weg, der auch nicht zielführend ist, das ist der Weg der Religion. Eine Religion sagt, dass wir ein guter Mensch sein müssen, um vielleicht in den Himmel zu kommen. In einer Religion müssen wir also auch etwas leisten, um anerkannt zu werden, wir müssen Gebote halten, müssen bestimmte Dinge tun und bestimmte Dinge lassen, um anerkannt zu werden. Bei allen drei Konzepten müssen wir etwas leisten, um eine Identität zu erlangen, wir müssen bestimmte Regeln halten. In allen drei Fällen müssen wir unsere Identität erwirken. Das Evangelium ist der einzige Weg, wo wir uns unsere Identität nicht erarbeiten müssen, sondern sie verliehen bekommen, ja sie geschenkt bekommen. Und damit kommen wir zu unserer dritten und wichtigsten Frage.

3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium?
Betrachten wir dazu unseren Text, Römer 8,12-17. In diesem Abschnitt fällt auf, dass wir keine Aufforderungen finden. Vielmehr schreibt Paulus darüber, wer wir als Christen sind und was für Privilegien wir haben. Im ganzen Kapitel 8 schreibt er von Gottes entscheidendem Eingreifen, das unsere Situation völlig verändert hat. Schon Vers 1 sagt: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Gott rettet alle, die in Christus Jesus sind, von der Verdammnis. Die Worte „die in Christus Jesus sind“ sind bereits ein Hinweis auf die neue Identität, die wir in Christus bzw. in der Beziehung zu ihm bekommen. Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches wegen unserer Sünde und verdammte die Sünde im Fleisch, als Jesus stellvertretend dafür am Kreuz starb. Dadurch wurde die Gerechtigkeit an uns erfüllt, d.h. alle, die Jesu stellvertretendes Opfer für sich annehmen, werden von Gott als gerecht angesehen. Diese neue Identität berechtigt und befähigt uns, nicht mehr nach dem Fleisch zu leben, sondern mit der Hilfe des Heiligen Geistes so zu leben, wie es unserm Herrn Jesus gefällt. Darum heißt es im Vers 12 und 13: „So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“ Der Heilige Geist motiviert und befähigt uns, die Taten des Leibes und alles verkehrtes Verlangen zu töten, und Gott gefällig zu leben.

Was hat Gott uns nämlich vor allem gegeben? Betrachten wir Vers 14: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Gott hat uns eine neue Identität geschenkt. Gott hat uns durch Jesu Opfer rechtmäßig zu seinen Kindern gemacht. Diese Identität wurde uns geschenkt, ohne dass wir dafür irgendeine Leistung oder andere Voraussetzungen erbringen mussten, außer dass wir dies als Geschenk oder Gnade annehmen. Wir glauben daran und sind mit dem Klang der Worte vertraut; aber ist uns wirklich klar, was es bedeutet, dass wir Gottes Kinder sind – was für eine Beziehung wir nun zu Gott haben und was für eine großartige Identität? Der Vers 15 sagt: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Dass Gott uns als seine Kinder angenommen hat, ist an sich nicht auszudenken, und es hat unvorstellbar große Auswirkungen. Vielleicht hätten wir uns noch eher vorstellen können, dass Gott uns als seine Knechte angenommen hätte und uns ihm dienen lässt. Aber Gott hat uns durch Jesu Tod für unsere Sünden nicht nur als seine Knechte, sondern sogar als seine Kinder angenommen! Wir dürfen mit entsprechend großem Vertrauen auf seine väterliche Liebe zu ihm beten und ihn „Abba, lieber Vater“ oder „Papa“ rufen. Es ist nicht vermessen, sondern angemessen. Stellt euch vor, der beste Freund eures Kindes würde täglich nach der Schule zu euch nach Hause zum Mittagessen kommen und bis zum Abend bleiben, weil seine Mutter schwer krank ist. Schließlich würdet ihr ihn sogar adoptieren. Das ist vielleicht schwer vorstellbar, aber wenn ihr euch von Herzen entscheiden und ihn wirklich adoptieren würdet, würdet ihr ihm dann weniger zu Essen geben als euren Kindern? Oder ein kleineres Geschenk zum Geburtstag geben? Wenn ihr ihn wirklich als euren Sohn adoptiert habt, würdet ihr das wohl nicht tun. Und selbst wenn wir einen Unterschied machen würden, weil unsere Liebe so begrenzt ist, ist Gott doch nicht so. Weil er uns in Jesus als seine Kinder angenommen hat, ist das bei ihm absolut gültig und er behandelt uns auch konsequent danach. Deshalb hat er uns nicht nur als Kinder angenommen, sondern hat uns auch einen kindlichen Geist gegeben, damit wir in diesem Geist zu ihm beten können. So wie ein kleines Kind zu seinem Vater kommt und ihm vertrauensvoll alle seine Ängste, Sorgen und Wünsche sagt, so dürfen wir nun Gott alle unsere Ängste, Sorgen und Wünsche sagen in vollem Vertrauen, dass er es uns nicht übel nimmt,sondern sich darüber sogar freut und uns daraufhin gerne hilft und gibt, was für uns am besten ist. Was für eine Gnade ist das, was für ein riesiges Privileg haben wir bekommen! Was für eine Gnade, was für ein unfassbar wertvolles Geschenk, dass Gott unser Vater geworden ist. Wie großartig und wie stabil und unumstößlich ist diese neue Identität! Niemand kann mehr gegen uns sein, selbst die Sünde, der Tod und der Teufel nicht. Wir haben nichts mehr zu befürchten, nichts kann uns mehr erschüttern.

Diese Identität, dass wir unwürdige Sünder Gottes Kinder geworden sind, ist so großartig, dass es gar nicht so selbstverständlich und leicht ist, sie festzuhalten, besonders wenn wir immer wieder unsere alte sündige Natur erleben. Aber Gott liebt uns so sehr, dass er uns auch dabei hilft, diese Identität festzuhalten. Betrachten wir den Vers 16: „Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Gott bezeugt uns durch seinen Heiligen Geist immer und immer wieder, dass es wirklich wahr ist, dass wir in Jesus seine Kinder geworden sind, obwohl wir es nicht verdient haben und nichts dafür tun konnten. Allein schon die Tatsache, dass Gottes Heiliger Geist uns anspricht, ist an sich ein Hinweis und Beweis dafür, dass Gott uns liebt, wie wir sind, und als seine Kinder angenommen hat.

Diese Identität ist unsere wahre Realität. Im Gegensatz zu allen Identitäten in der Welt ist sie nicht abhängig von unserer Performance oder Leistung. Sie basiert allein auf Gottes Werk, auf Jesu stellvertretendem Tod am Kreuz für unsere Sünden und ist nur davon abhängig. Sie ist in Jesus sicher und muss von uns auch nicht durch bestimmte Werke oder Lebensweise nachträglich verdient oder abgesichert werden. Gott hat uns als seine Kinder angenommen. Diese neue Identität ist in ihm sicher. Und das gibt uns einen tiefen Frieden und unendlich Grund zu Jubel und Anbetung dessen, der uns das ermöglicht hat!

Es ist so wichtig, dass wir diese neue Identität als Gottes Kinder aufgrund der Gnade Gottes in Jesus immer neu annehmen, bis sie all unser Denken, Reden und Tun durchdringt. Was wird dann passieren? Wir haben dann durch die Dankbarkeit für seine Gnade eine große Motivation, so zu leben, dass unser ganzes inneres und äußeres Leben ihm gefällt. Wir werden nicht mehr nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. Vor allem werden wir von allem frei, was uns gebunden hat. Dazu gehören auch die falschen Identitäten, die wir hatten.

Wie wirkt sich das aus? Wenn wir im Studium oder im Beruf einen Misserfolg haben oder sogar scheitern, z.B. unsere Stelle verlieren, ist das zwar schmerzlich, wir werden uns auch fragen, warum das passiert ist und was wir eventuell besser machen können, damit es sich nicht wiederholt. Aber es ist nichts Bedrohliches, weil es nicht unsere Identität bedroht, deshalb erschüttert es nicht die Grundlagen unseres Lebens. Wir sind nach wie vor ein rechtmäßiges Kind Gottes und sind vor Gott durch unser Scheitern kein bisschen weniger wertvoll, sondern weiterhin unendlich wertvoll, wertvoller als das Leben seines einzigen Sohnes.

Oder wenn wir in der Erziehung unserer Kinder Versäumnisse oder Versagen feststellen, ist das sehr schmerzlich und wir sollten damit zu Jesus kommen, um von ihm seine Vergebung und Hilfe für uns und unsere Kinder zu empfangen. Aber wir müssen nicht daran zerbrechen, weil unsere wahre Identität davon nicht betroffen ist. Wir sind weiterhin Gottes Kinder, die Gott kein bisschen weniger lieb hat. Selbst wenn wir in unserem Leben als Christen versagen, weil wir uns zur Sünde haben verführen lassen oder weil unsere Liebe zu Gott abgekühlt ist, dann ist das Grund, darüber traurig und zerknirscht zu sein. Aber selbst dann sollen wir nicht verzweifeln oder in Angst und Selbstverdammnis geraten, sondern zu Jesus kommen und durch unseren Glauben und Liebesbeziehung zu ihm erneuern, weil er uns weiterhin als sein geliebtes Kind ansieht, für das er schon alles bezahlt hat.

Es ist also aus vielen Gründen wichtig, dass wir unsere Identität als Kinder Gottes erkennen und aus dieser Identität leben. Wenn wir das tun, erfreuen und ehren wir Gott, weil es eine Anerkennung dessen ist, was er getan hat und die richtige Konsequenz daraus. Außerdem werden wir dann frei von den falschen Identitäten, die keine echte Grundlage haben und die zu erfüllen nur eine Last ist. Wir werden auch frei von der inneren Abhängigkeit von anderen Menschen, deren Erwartungen wir bewusst oder unbewusst zu erfüllen versucht haben.

Das heißt aber nicht, dass wir nun egoistischer und weniger liebevoll leben oder weniger treu für unsere Firma arbeiten würden. Im Gegenteil. Wenn wir unsere Identität als Kinder Gottes annehmen, werden wir frei dafür, zu Hause, in der Gemeinde, in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz für seine Ehre willig so zu leben, wie es ihm gefällt. Mit der Identität als Kinder Gottes können wir gute Kinder, gute Eltern und gute Mitarbeiter in unserer Firma und in unserer Gemeinde werden, weil Gott uns so liebt uns eine Identität und eine Hoffnung gegeben hat, die alles übersteigt und die uns niemand nehmen kann.

Welche Auswirkung hat diese Identität in der Zukunft? Betrachten wir den Vers 17: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christ, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ Dass wir Gottes Kinder sind, hat in der Zukunft noch viel größere Auswirkungen, als es jetzt schon hat. So wie hier in der Welt auch Adoptivkinder vollwertige Erben ihrer Eltern sind, so sind wir als Gottes Kinder auch Erben von Gottes Besitz, von seinem ewigem Reich. Wenn wir an Jesus glauben, auch wenn wir dabei zeitweise innerlich oder äußerlich leiden müssen, werden wir mit ihm zu Gottes Herrlichkeit erhoben werden. Wir werden dann mit ihm in seinem Reich herrschen, d.h. eine richtig bedeutungsvolle Aufgabe haben und dabei Herrlichkeit haben. Das ist für uns schwer vorstellbar, aber es ist bei unserem Vater im Himmel längst beschlossene Sache, die wir in einigen Jahren selbst als Realität erleben werden. – Möge Gott uns helfen, unsere Identität als Gottes Kinder tief anzunehmen, bis sie unser ganzes Denken, Trachten und tägliches Leben durch und durch prägt und bestimmt. Amen!

 

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 5 – Römer 8,12-17

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Eine neue Identität

Heute lesen wir Römer 8,12-17.

Tim Keller diskutierte dieses Lied von Elsa aus dem Film „Frozen“:

Der Wind heult wie dieser wirbelnde Sturm im Inneren
Nicht zu kontrollieren, ich hab es versucht.
„Lass sie nicht rein, lass sie nicht sehen
Sei das gute Mädchen, das du immer sein musst
Verstecke dich, fühle nicht, lass es sie nicht wissen.“
Nun, jetzt wissen sie es

Lass es raus, lass es raus
Kannst es nicht mehr zurückhalten
Lass es raus, lass es raus
Dreh dich weg und schlag die Tür zu
Es ist mir egal, was sie sagen werden
Lass den Sturm weiter wüten
Die Kälte hat mich sowieso nie gestört

Wie reflektiert dieses Lied, wie Menschen heute ihre Identität definieren und sich selbst zu verwirklichen suchen? Kennst du weitere Beispiele? (Falls nicht, warum nicht?)
Wie unterscheidet sich das von dem, was in weiten Teilen von Asien noch die Norm ist?
Was hat sich seither in der westlichen Welt diesbezüglich verändert im Vergleich zu z.B. vor 250 Jahren?

Wie unterscheidet sich das von der christlichen Identität, die Paulus in den Versen 14 und 15 beschreibt? Die christliche Identität kommt natürlich von Gott. Was bedeutet das und was musste Gott tun, um uns diese Identität schenken zu können?

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 4 – Lukas 15,11-32

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Zwei verlorene Söhne

„Holt das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen ein Fest feiern und fröhlich sein.”

Lukas 15,23

Während der Vorbereitung der Predigt, habe ich von mindestens drei Personen wichtige Gedankenimpulse bekommen. Alles, was in dieser Predigt schlau und nach tiefen Einsichten klingt, ist wie so oft von Tim Keller. Gestern habe ich einen sehr guten Anstoß von Markus erhalten. Vorgestern hatte ich dann noch ein interessantes Gespräch mit Papa. Und er hatte eine Illustration verwendet, die ich sofort sehr hilfreich fand. Wie wir alle wissen, ist die Farbe der Kommunisten rot. Und jemand meinte einmal, dass es bei den Kommunisten zwei verschiedene Arten von Genossen gibt. Die einen sind rot wie Tomaten; die anderen sind rot wie Äpfel. Was bedeutet das? Eine Tomate ist durch und durch rot. Die Haut der Tomate ist ja im Prinzip durchsichtig und durch die Schale hindurch sieht man das rote Fleisch. Ein Apfel hingegen ist genau das Gegenteil. Die Schale kann richtig schön rot sein, von mir aus knallig rot. Aber wenn man den Apfel aufschneidet, ist das Fruchtfleisch weiß, oder gelb, aber nicht rot.
Ich finde, dass sich das wunderbar auf den christlichen Glauben anwenden lässt. Äußerlich gesehen haben wir vielleicht die richtige „Farbe“. Aber die Frage ist: ist das nur eine Fassade oder eine Maske? Oder reicht unser Glaube bis ganz tief in das Innerste? Auf Facebook hatte ein Freund von mir einige etwas sarkastisch gemeinte Ratschläge veröffentlicht, wie man im neuen Jahr NICHT im Glauben wachsen kann. Eine der Ratschläge lautete: „Erwecke den Anschein, ein frommes Leben zu führen, ohne es zu tun.“ Die meisten von uns können das gut verstehen. Viele Christen sind richtige Meister darin, einen frommen Schein zu wahren. Vielleicht sind wir irgendwann so gut darin, dass wir nicht nur anderen etwas vorspielen, sondern auch uns selbst.
Wenn dem so ist, wie können wir zu einem besseren Verständnis kommen, wie es mit unserem Innenleben aussieht? Das Gleichnis von den verlorenen Söhnen kann uns da eine Hilfe sein. In diesem Gleichnis zeigt Jesus, dass er besser Geschichten erzählen kann als Tolkien und Rowling. In nur wenigen Sätzen zeichnet Jesus Charaktere, die so fassbar sind wie das Leben selbst. Und ich denke, dass Jesus wollte, dass wir uns in dieser Geschichte wiederfinden, und uns mit den Charakteren identifizieren können. Drei Charaktere hat das Gleichnis: der jüngere Sohn, der ältere Sohn und der Vater. Die drei Teile der Predigt sind: erstens, die offensichtliche Verlorenheit des jüngeren Sohnes; zweitens, die nicht so offensichtliche aber nicht weniger reale Verlorenheit des älteren Sohnes; drittens, die Liebe des Vaters und das Evangelium.

Erstens, die offensichtliche Verlorenheit des jüngeren Sohnes
Wir brauchen hier nicht zu viele Worte zu verlieren, weil – wie bereits gesagt – die Fehler und Missetaten des jüngeren Sohnes ziemlich offensichtlich sind, auch heute noch, 2.000 Jahre nachdem diese Geschichte das erste Mal erzählt wurde. Der jüngere Sohn spricht zu seinem Vater: „Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht.“ Obwohl wir heute in einer ganz anderen Zeit leben als damals, hat sich ein Aspekt nicht verändert: normalerweise wird nach dem Tod der Eltern geerbt, nicht vorher. Und selbst heute wäre es ein ziemlicher Affront, wenn ein Kind zu seinen Eltern geht uns sagt: ich will mein Erbe jetzt sofort haben. Die indirekte Botschaft, die dahinter steht, ist nämlich: „Mir ist es eigentlich relativ egal, ob du am Leben bist oder nicht. Du bist mir als Mensch egal. Das einzige, was mich interessiert, ist dein Geld. Und jetzt her damit.“
Hier ist ein weiterer Grund, weshalb die Forderung des jüngeren Sohnes so skandalös war. Das Erbteil war nicht einfach der goldene Pokal, den der Vater beim Tennis gewonnen hatte oder die antike Münzsammlung. In Vers 13 lesen wir, dass der jüngere Sohn alles zusammenpackte. Die Neue Genfer Übersetzung ist etwas freier aber meiner Meinung nach sehr passend. Sie schreibt: „Wenige Tage später hatte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil verkauft…“ Das Erbteil war Land. Das Land hatte nicht nur einen immensen materiellen Wert. Es hatte auch einen riesigen ideellen Wert. Es war das Land der Vorfahren, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es war das Land, mit dem sich die Familie identifizieren konnte. Das Herz des Vaters hing an diesem Land, und eines Tages würde er auf diesem Land beerdigt werden wollen. Und ein Drittel von diesem Land war es nun, was der jüngere Sohn verlangte.
Die Worte des Sohnes waren so unvorstellbar dreist, so bodenlos unverschämt, dass die einzige, die wirklich einzige akzeptable Antwort des Vaters an dieser Stelle gewesen wäre, ihn mit Schimpf und Schande sofort zu verjagen. Der Vater hätte ihn auf der Stelle enterben müssen begleitet von physischer Gewalt und Schlägen. Aber nicht so der Vater im Gleichnis. Er gibt ihm das Erbteil ohne Widerrede. Für die ersten Zuhörer muss das ein Schock gewesen sein.
Wiederum erstaunlich, in wie wenigen Worten Jesus ein lebhaftes Bild von der Verlorenheit des jüngeren Sohnes zeichnet: er verkauft das Land, geht in ein fernes Land und feiert eine einzige, nicht endenwollende Party bis alles Geld versoffen und verfeiert ist. Die äußeren Umstände taten ihr Übriges: es gab eine Hungersnot die dazu führte, dass er richtig Not leiden musste. Seine Situation wurde so schlimm, dass er Schweine hüten musste. Als er eines Tages merkt, dass er neidisch auf das Futter der Schweine ist, weiß er, dass er den Tiefpunkt erreicht hat. Schlimmer geht es nicht mehr. Er beschließt zu seinem Vater umzukehren: nicht aus noblen, ehrenhaften Gründen. Er geht zurück, weil er Hunger hat. Der einzige Grund ist, weil er weiß, dass die niedrigsten Knechte immer noch ein besseres Leben haben im Vergleich zu dem, was er jetzt hat.

Zweitens, die nicht so offensichtliche aber nicht weniger reale Verlorenheit des älteren Sohnes
Beim Bibelstudium der Kreisleiter wurde die Verlorenheit des älteren Sohnes ein wenig in Frage gestellt. In Vers 31 sagt der Vater zum älteren Sohn: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Wenn wir Sünde in ihrer Essenz als ein Getrenntsein von Gott bezeichnen, dann macht es irgendwo Sinn zu sagen: der ältere Sohn war ja niemals weg; er war niemals von seinem Vater getrennt. Und deshalb natürlich die berechtigte Frage: inwiefern war er verloren?
Jesu Gleichnis hatte mit einem Affront begonnen: der jüngere Sohn verlangte sein Erbteil. Das Gleichnis endet mit einem anderen Affront. Der ältere Sohn weigerte sich zum Fest zu erscheinen. Stellen wir uns eine Familie vor, die Weihnachten feiert, und eines der Kinder weigert sich, zum Fest zu kommen, obwohl es eigentlich da ist. Das kann ganz schön belastend für die Familie sein. Aber es ist kein Vergleich, zu der Art und Weise, wie der ältere Sohn seinen Vater bloßstellte. Der Vater feiert nicht einfach irgendein Fest. Er feierte das größte Fest seines Lebens. Und der ältere Sohn brüskierte seinen Vater, indem er fernblieb. Der Vater musste das Fest verlassen, um mit seinem widerspenstigen Sohn zu reden. Das Fest zu schwänzen mag vielleicht nicht ganz so schlimm gewesen sein, wie das Erbteil zu verlangen. Aber es war eine solche Beleidigung für den Vater, dass das allein auch schon ausreichte, um ein Kind zu enterben.
Und da ist noch mehr. Dreimal wird im Text erwähnt, dass das gemästete Kalb geschlachtet wurde. Jesus scheint es uns unter die Nase zu reiben. Der ältere Sohn fängt an, sich richtig zu ärgern, als er vom gemästeten Kalb hört. In den Versen 29 und 30 schreit er seinen Vater an: „mir hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ Warum wird das arme Kalb dreimal erwähnt? Vermutlich lag es daran, dass die Menschen damals viel seltener Fleisch gegessen haben. Fleisch war eine teure Angelegenheit. Und wenn ein Tier geschlachtet wurde, dann musste man es relativ bald komplett verwerten, weil es wenig Möglichkeiten gab, das Fleisch zu konservieren. Fleisch gab es nur zu besonderen Anlässen. Aber unter den Fleischgerichten war das gemästete Kalb die absolute Luxus-Delikatesse. Es war quasi das Kobe-Steak, der Riesenhummer mit der Kaviar-Garnitur der damaligen Zeit.
Was sehen wir hier also? Er sagte praktisch: „Wie konntest du nur? Wie konntest du nur so verschwenderisch und so unverantwortlich mit unserem Besitz umgehen?“ Der ältere Bruder weinte dem aus dem Fenster herausgeworfenen Geld hinterher. Und das zeigt, dass er im Prinzip genauso materiell gesinnt ist wie der jüngere Bruder. Genau wie sein jüngerer Bruder ging es ihm mehr um den Reichtum als um den Vater. Genau wie der jüngere Bruder war ihm das wichtiger, was er von seinem Vater bekommen konnte als der Vater selbst. Genau wie der jüngere Bruder wollte er den Vater in gewisser Weise kontrollieren, um das zu bekommen was er wirklich liebte; und das, was er liebte, war nicht sein Vater.
Ein weiterer Punkt: der ältere Sohn war zwar allezeit beim Vater. Aber tief im Innersten wollte er nicht wirklich beim Vater sein. Das ist ein Punkt, den ich von Markus gelernt habe. Der jüngere Sohn kam zur Einsicht, dass selbst die niedrigsten Knechte es beim Vater besser hatten als er außerhalb von zu Hause. Für den älteren Sohn war zuhause zu sein eine lästige aber notwendige Pflicht. Zuhause zu sein war keine Befreiung für ihn; er empfand es eher als einen Zwang: den ganzen Tag arbeiten, arbeiten, arbeiten; gehorchen, gehorchen, gehorchen.
Noch ein Aspekt, in der sich die Verlorenheit des älteren Bruders zeigt: sein Herz war so unähnlich und ganz weit weg vom Herz des Vaters. Wenn wir uns noch einmal den jüngeren Bruder ansehen, und versuchen würden, ihn zu diagnostizieren, dann würden wir sagen: „Der jüngere Bruder ist ein Egoist. Er denkt nur an sich selbst. Er ist fürchterlich selbstzentriert und selbstsüchtig.“ Aber wie verhält es sich mit dem älteren Bruder? Die Art und Weise wie er über seinen Bruder spricht, ist aufschlussreich. Er sagt: „der hier, dein Sohn…“ Für seinen Bruder hat er nichts als Verachtung übrig. Für ihn ist er einfach ein Nichtsnutz, ein Versager, eine Schande für die Familie. Er war unbarmherzig und selbstgerecht. Er sah auf andere Menschen herab, die nicht so gut und nicht so diszipliniert waren wie er. Der Text deutet außerdem an, dass er jähzornig ist. Er hat ein Wut-Problem. Er hat eine ziemlich kurze Lunte, bevor er explodiert. Wie ich finde sind das alles Eigenschaften, die ihn zutiefst unsympathisch machen. Frage an uns: wer von uns würde sich solch einen älteren Bruder wünschen? Es gibt ja den Spruch: wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr.
Bevor wir fortfahren, müssen wir noch einen Punkt verstehen und verinnerlichen, der wirklich wichtig ist. Der ältere Sohn war eigentlich tadellos. In Vers 29 sagt er: „Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten.“ Der Vater hätte sagen können: „Das stimmt nicht ganz; gestern um 16:47 Uhr hatte ich dich gebeten, die Blumen zu gießen, und du hast das nicht gemacht.“ Aber der Vater widerspricht seinem Sohn nicht. Indirekt erkennt er an, dass das, was der ältere Sohn sagte, stimmte. Er hatte dem Vater treu gedient. Er hatte sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Er hatte sich an alle Gebote gehalten.
Hier ist jetzt das Radikale: der jüngere Sohn war verloren, durch seine bösen und schlimmen Taten; der ältere Sohn war verloren durch seine guten Taten. Der ältere Sohn war nicht nur trotz seiner guten Taten verloren; er war wegen seiner guten Taten verloren. Dieser Punkt geht uns ziemlich gegen den Strich. Und deshalb will ich das noch etwas besser erklären. Der ältere Sohn war wegen seiner guten Taten verloren, weil er die guten Werke zur Basis seiner Beziehung zu seinem Vater gemacht hatte. Er war wegen seiner guten Taten verloren, weil sie sein Verdienst waren; weil er stolz auf diese guten Taten war. Sein Argument in Vers 29 ist: „Ich war dir so gehorsam! Ich verdiene daher eine bessere Behandlung von dir! Ich habe so viel für dich gearbeitet. Das Einzige, was ich von dir will, ist ein wenig Respekt!“ Das Bittere ist: der ältere Sohn brauchte ebenfalls Rettung. Er brauchte ebenfalls Gnade. Flannery O’Connor, eine amerikanische Autorin, schrieb: „Die Art Jesus zu meiden, ist es die Sünde zu meiden.“ Mit anderen Worten: wenn wir uns so sehr angestrengt haben, ein tadelloses Leben zu führen, wozu brauchen wir dann Gnade? Wozu brauchen wir dann Rettung? Rettung wovon überhaupt?
D.h., es gibt zwei Arten, verloren zu gehen: die eine Art ist durch offene Rebellion gegen den Vater wie der jüngere Sohn; die andere Art ist durch tadellosen Gehorsam. Es gibt zwei Arten, wie wir versuchen, den Vater zu kontrollieren und zu managen: vor dem Vater wegzulaufen und zu versuchen, uns seinem Einfluss zu entziehen; oder beim Vater zu bleiben und daher zu meinen, dass er uns etwas schuldet. Es gibt zwei Art und Weisen unser eigener Herr und Meister zu sein: Sex, Drugs and Rock’n Roll; oder durch ein vorbildliches, religiöses Leben. Es gibt zwei Art und Weisen, unser eigener Retter zu sein: in dem wir uns den „Zwängen“ und „Beschränkungen“ des Vaters entledigen; oder indem wir uns freiwillig unter die Zwänge begeben, und uns selbst rechtfertigen und selbstgerecht werden. Die beiden Söhne sind eine unglaublich anschauliche Illustration wie wir Menschen versuchen, uns der Herrschaft Gottes zu entziehen.
Die Verlorenheit des jüngeren Sohnes ist ziemlich offensichtlich. Wer nach einer durchgefeierten Nacht auf der Straße aufwacht mit einem fürchterlichen Kater und einer sexuell übertragbaren Krankheit, der mag zur Einsicht kommen, dass er ein Problem hat. Die Verlorenheit des älteren Sohnes ist nicht ganz so offensichtlich. Aber sie ist daher nicht weniger real. Er war außen „hui“ aber innen „pfui“.
Wie ich vorhin erwähnt habe, sind Christen sehr häufig sehr gut darin, eine Fassade aufzubauen: „Bei mir ist alles in Ordnung. Ich tue alles, was von einem guten Christen erwartet wird. Probleme haben die anderen, aber ich doch nicht.“ Aber was ist in deinem Inneren? Wieviel Liebe und Verständnis hast du für Geschwister, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen? Wie geduldig bist du mit den Kleinen? Was ist die Basis für deine guten Werke? Ist es Freude und Dankbarkeit? Was ist in deinem Tank? Was treibt dein Leben wirklich an?
Und hier ist noch eine andere Frage: mit welchen von den beiden Söhnen können wir uns besser identifizieren? Jüngere Söhne sind die Zöllner, die Prostituierten, die LGBTQ Leute, die Frauen, die abgetrieben haben. Die älteren Söhne sind die Pharisäer, die Religiösen, die Kirchgänger und vielleicht auch: der Worship-Leader, der Kreisleiter, der Missionar. Welche Hoffnung gibt es dann für uns?

Drittens, die Liebe des Vaters und das Evangelium
Der Vater ist in diesem Gleichnis die große Kontrastperson. Er ist der Vater, den wir uns alle wünschen. In Vers 20 sehen wir, wie er jeden Tag Ausschau nach seinem Sohn hielt. Eines Tages sieht er ihn von weitem kommen. Vers 20 sagt: „Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ Dieses Verhalten ist für deinen Patriarchen im Nahen Osten absolut unwürdig. Väter zur Zeit von Jesus rannten nicht. Kinder rannten natürlich aber nicht ihre Väter. Um zu rennen, musste man sein Gewand oder seinen Rock hochheben und seine Beine entblößen. Und das war so unangebracht. Aber der Vater im Gleichnis rannte. Und sein generelles Verhalten ist so voller Barmherzigkeit, voller Mitgefühl, Fürsorge und natürlich leidenschaftlicher Liebe. Manche Kommentatoren hatten deshalb angemerkt, dass dieser Vater viel mehr Ähnlichkeiten mit einer Mutter hatte, als mit einem typischen Vater.
Der Vater liebt nicht nur den jüngeren verlorenen Sohn. Auch die Art und Weise wie er mit seinem älteren verlorenen Sohn spricht, ist nicht weniger liebevoll. Der ältere Sohn hatte seinen Vater öffentlich gedemütigt, in dem er dem Fest fernblieb. Der Vater ging zu seinem Sohn hinaus und redete ihm zu. Nachdem der Vater von seinem Sohn blamiert wurde, demütigt er sich nochmals. Das ist nicht alles. Nachdem der ältere Sohn über seinen Bruder und seinen Vater geschimpft hatte, sagt der Vater in Vers 31: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Der griechische Text verwendet das Wort teknon für „mein Kind“. Es ist eine sehr zärtliche und liebevolle Art mit seinem Sohn zu sprechen. Wie sind die Worte „alles, was mein ist, ist auch dein“ zu verstehen? Es entsprach sprichwörtlich der Wahrheit. Der jüngere Bruder hatte seinen Anteil versoffen. Alles, was der Vater hatte, gehörte jetzt dem älteren Bruder.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus uns drei Gleichnisse erzählt hat. Die ersten beiden Gleichnisse sind kurz, und das dritte ist viel ausführlicher. Aber es gibt noch einen wesentlichen Unterschied. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf und der verlorenen Münze, gibt es einen Hirten oder es gibt eine Frau, die sich auf die Suche machen, bis das Verlorene gefunden ist. Aber im Gleichnis von den verlorenen Söhnen fehlt dieses Element. Der jüngere Sohn ist verloren, aber niemand macht sich auf den Weg, um ihn zu finden. Wessen Aufgabe wäre es gewesen? Und die Antwortet ist ziemlich eindeutig: der ältere Bruder hätte das tun müssen.
Vergangenes Jahr gab es auf Netflix eine Serie mit dem Titel „The Last Dance“. Sie handelt davon, wie Michael Jordan und die Chicago Bulls ihren letzten Titel gemeinsam gewonnen hatten. Im Team der Bulls gab es einen Spieler namens Dennis Rodman; er war immer für eine Provokation und einen Skandal gut. Wenn es einen Prototyp für den verlorenen Sohn gibt, dann ist er es. Eine NBA-Basketballsaison ist ziemlich intensiv und anstrengend. Und inmitten der Saison hatte Dennis Rodman einfach keinen Bock mehr. Er bat um Urlaub. Das ist ziemlich unerhört. Aber der Trainer Phil Jackson ist ein wenig wie der Vater im Gleichnis und gab Dennis 48 Stunden Sonderurlaub. Rodman flog sofort nach Las Vegas und feierte die ganze Zeit durch. Die zwei Tage waren schnell vorbei. Und natürlich kam er nicht zurück zum Training. Er kam auch am dritten Tag nicht zurück. Am vierten Tag war es Michael Jordan, der Super-Star und der Anführer des Teams, der sich auf den Weg machte. Er ging nach Las Vegas. Er suchte das Hotel auf, in dem Rodman untergebracht war. Er klopfte an der Tür und holte den verlorenen Sohn heim. Dennis Rodman erschien im Schlafanzug beim Training. Aber er war so davon angetan, dass er fortan alles für sein Team tat, um den Titel zu gewinnen. Michael Jordan war sprichwörtlich wie ein älterer Bruder für ihn. Ein guter älterer Bruder.
Unsere Beziehung zu Gott kann nur auf Kosten des älteren Bruders wiederhergestellt werden. Wir haben einen älteren Bruder. Jesus ist der ältere Bruder, der sich aufgemacht hat, das Verlorene zu suchen. Jesus ist der ältere Bruder, der seinen Reichtum, seinen Platz beim Vater aufgegeben hat, um uns wiederherzustellen. Aber es hat ihn nicht nur seinen Reichtum gekostet. Es hat Jesus alles gekostet, sein ganzes Leben. Jesus hat das Verlorene gefunden, indem er selbst verloren gegangen ist. Jesus ist der Hirte, der das verlorene Schaf heimgebracht hat, indem er selbst das Lamm geworden ist. Jesus ist der Sohn, der die verlorenen Kinder gerettet hat, indem er als Sohn verstoßen und verschmäht wurde.

Das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung als König eingesetzt ist. Uwe Schäfer sagte einmal: „Unser Gott ist kein Despot, der die Unterwerfung der Menschen einfordert. Der Triumphzug des Gekreuzigten ist ein Siegeszug gewonnener und veränderter Herzen.“ Das Reich, das Jesus regiert, ist das Reich der Gnade. Die Herrschaft Jesu ist die Herrschaft der Gnade. Unser Text heute ist daher eine Einladung, im Land der radikalen Gnade zu leben. Die Gnade Jesu stellt alles auf den Kopf.
Ich möchte mit einem Zitat von James Danaher enden. Er schrieb: „In dieser Geschichte ist der ältere Bruder in der Tat gut, aber das stellt sich als nicht gut heraus. Der jüngere Bruder hingegen ist in der Tat böse, aber das stellt sich als gut heraus. Die Geschichte endet damit, dass der ältere Bruder sich weigert, an der Party teilzunehmen, die der Vater für den jüngeren Bruder, der nicht gut war, vorbereitet hat. Der ältere Bruder nimmt nicht teil, weil es ihm nicht gefällt, dass Böses so behandelt wird, als ob es gut wäre, und dass Gutes nicht so belohnt wird, wie es sein sollte. Der ältere Bruder denkt, dass der Vater nur Partys für gute Söhne geben sollte, und wir denken größtenteils genauso. … Menschen, die sich selbst als rechtschaffen sehen, hassen die Vorstellung eines Gottes, der den Sünder gegenüber dem Gerechten bevorzugt.“
Es ist so unglaublich schwer, im Land der Gnade zu leben. Alle unsere Titel, Orden, Auszeichnungen, Verdienste müssen draußen bleiben. Aber die Bürger dieses Landes sind nicht nur äußerlich Christen; sie sind es auch innerlich. Es gibt nichts Besseres und nichts Schöneres.

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