Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 5 – Römer 8,12-17

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Eine neue Identität

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

(Römer 8,14)

Heute betrachten wir den fünften Teil unserer Predigtserie zum Thema „Verwurzelt im Evangelium“. Heute geht es um unsere Identität, genauer gesagt die neue Identität, die wir im Evangelium haben. Manche mögen sich vielleicht fragen: Ist das für uns wirklich wichtig? Geht es in der Bibel um Identität oder ist das nicht eher nur eine theoretische Frage? Die Antwort darauf ist klar: die Identität, die wir im Leben haben, hat eine sehr große Bedeutung. Bei Identität geht es darum, für wen ich mich im Grunde halte, wer ich denke, dass ich bin (unser Selbstverständnis); und dann, wie ich mich dabei beurteile, ob ich denke, dass ich dabei gut bin (unser Selbstwertgefühl). Jeder Mensch hat ein Verständnis darüber, wer er oder sie ist (auch wenn es den Menschen unterschiedlich klar ist). Unser Verständnis davon, wer wir sind und wie wir uns darin sehen, hat einen sehr großen Einfluss auf unser Leben (z.B. wonach wir streben, wie wir uns und andere Menschen sehen und mit ihnen umgehen, wie wir mit Erfolgen und mit Niederlagen umgehen usw.). Und obwohl die Bibel den Begriff „Identität“ nicht gebraucht, sagt sie indirekt viel über die Identität, mit der die Menschen gelebt haben. Vor allem lehren verschiedene Stellen im Neuen Testament die neue Identität der Christen, die an das Evangelium glauben. Unser heutiger Text Römer 8,12-17 spricht deutlich darüber, was unsere neue Identität als Christen ist und warum es wichtig ist, dass wir wirklich mit dieser Identität leben.

Um das gut zu verstehen, wollen wir, bevor wir auf den Text eingehen, ausnahmsweise zuerst betrachten, wie die Menschen im Allgemeinen ihre Identität definieren. Wir wollen betrachten, wie die Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität definieren und wie in modernen westlich geprägten Gesellschaften die Menschen angeregt werden, ihre Identität zu finden. Danach wollen wir betrachten, welche neue, geistliche Identität Gott uns im Evangelium gibt, und wollen uns fragen, wie viel unsere eigene Identität davon geprägt ist. Es geht also um drei Fragen: 1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Gesellschaften? 2. Worin liegt dabei das Problem? 3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium und wie prägt sie unser Leben?

1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Kulturen?
Alle Kulturen geben den Menschen einen Weg vor, wie sie ihre Identität finden können; und sie ermutigen die Menschen dazu, auf diesem Weg ihre eigene Identität zu finden. In traditionellen Kulturen und in vielen traditionell geprägten asiatischen Kulturen heute definieren die Menschen ihr Selbstverständnis vor allem über ihre Rolle, die sie in der Familie oder Verwandtschaft spielen, z.B. als ein Sohn oder Tochter, als ein Vater oder eine Mutter, oder über ihre Rolle in ihrem Dorf oder Sippe, und darüber, wie gut sie diese Rolle spielen, also ob sie ein guter Sohn oder eine gute Tochter, ein guter Ehemann oder Ehefrau oder ein guter Vater oder Mutter sind. Die Familie oder Gemeinschaft schenkt ihnen Anerkennung, wenn sie ihre Rolle gut erfüllen, wenn sie sich z.B. als Sohn oder als Vater gut für ihre Familie einsetzen und dabei auch auf eigene Interessen und Wünsche verzichten, und vermittelt ihnen dadurch, wie sie über sich selbst denken sollten. Kommt euch das vertraut vor? Ich nehme an, dass das den meisten von uns mehr oder weniger vertraut ist; auch in Europa hat man bis vor nicht allzu langer Zeit so gedacht.

Aber die moderne westliche Kultur kehrt das inzwischen um. In modernen Kulturen wird den Menschen vermittelt, dass sie ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl nicht daran messen sollen, wie gut sie um das Wohl ihrer Familie kümmern und wie sehr sie dafür eigene Interessen und Wünsche aufgeben. Sondern dass sie ihre Identität finden, wenn sie sich klar werden, was ihre eigenen Wünsche sind und diese Wünsche ausleben, ganz egal, was andere dazu sagen. Das ist eine Umkehrung der asiatischen Kultur (die früher auch in Europa ähnlich war), wo man respektiert wird, wenn man sich für das Wohl der Familie und der Gemeinschaft einsetzt und dafür auf eigene Wünsche verzichtet. In modernen westlichen Kulturen heißt es inzwischen: Das ist verkehrt. Du musst in dich hineinhören und finden, was du eigentlich willst, und sollst deine Wünsche bzw. deinen Traum im Leben verwirklichen. Niemand hat das Recht, dir zu sagen, was du mit deinem Leben machen sollst. Dahinter steht die Idee: wenn ich in mich hineinschaue und meine eigenen Wünsche und Träume erkenne und ihnen folge, egal, was andere mir sagen, dann werde ich ich selbst, ich finde mein wahres Ich. Dabei ist es mir egal, wie andere mich beurteilen; ich bestimme, wer ich bin, nur ich bewerte mich selbst, und nur das zählt. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird dieser Gedanke immer mehr in Büchern, Filmen und Liedern propagiert. Fachleute nennen das expressiven Individualismus, weil man in sein Herz schaut, seine eigenen Wünsche erkennt und versucht, das auszudrücken bzw. zu verwirklichen. In dem Film „Frozen“ gibt es das Gedicht von Elsa, einer jungen Prinzessin, die eines Tages beschließt, dass sie ihre Identität nicht länger darin sehen will, dass sie die Erwartungen der anderen erfüllt und von ihnen anerkannt wird, sondern dass sie den Sturm in ihrem Herzen raus lassen und ihm folgen will – das ist ein Beispiel für expressiven Individualismus. Was in uns an Wünschen ist, darauf sollen wir hören, dem sollen wir folgen, das ist der Weg, um uns selbst zu finden und uns im Leben zu verwirklichen. Das ist das, was die moderne Kultur den Leuten sagt, wie sie ihre Identität finden und zu einem richtigem Selbstwertgefühl kommen. Damit werden natürlich ganz besonders die jungen Leute konfrontiert, die am meisten moderne Filme sehen oder Musik hören, in denen diese Vorstellung ausgedrückt wird.

2. Worin liegt dabei das Problem?
Jemand könnte jetzt fragen: Und wo ist das Problem? Warum soll das nicht gut sein? Wenn wir die beiden Ansätze betrachten, den traditionellen und den modernen, finden wir bei beiden deutliche Probleme. Es gibt mehrere Gründe, warum alle beide nicht funktionieren. Ich will hier nur einige davon nennen. Der traditionelle Ansatz erscheint wahrscheinlich vielen von uns als der bessere, weil er nicht so egoistisch ist, weil es dabei als erstrebenswert gilt, sich für das Wohl der anderen einzusetzen und dafür auch auf eigene Interessen zu verzichten. Dieser Ansatz sieht christlicher aus und scheint der Lehre des Evangeliums eher zu entsprechen. Wenn man sein Selbstverständnis und Selbstwert daran orientiert, ist das Leben, das dadurch ermöglicht wird, vermutlich erstrebenswerter, zumindest aus der Sicht der Gemeinschaft, die dadurch viel besser funktionieren kann. Aber so ein Leben kann natürlich eine große Belastung und Unfreiheit bedeuten, weil man sich immer an den Bedürfnissen der anderen und an ihren Erwartungen orientieren soll. Ohne Evangelium bedeutet das für viele häufig Verzicht und Opfer, für die man nie belohnt wird.

Im Vergleich dazu klingt der moderne Ansatz dagegen in den Ohren vieler moderner Menschen sehr erfolgversprechend, weil man ja auf seine eigenen Wünsche hört und sie zu erfüllt oder das zumindest versucht. Aber es gibt auch hier mehrere Gründe, warum das nicht funktioniert.

Zum einen funktioniert es nicht, weil viele Wünsche in unserem Herzen sich widersprechen. Wenn wir in unser Herz schauen, sehen wir viele verschiedenartige Wünsche, von denen viele nicht miteinander vereinbar sind. Jemand will beispielsweise gern ein bestimmtes Stellenangebot in einer anderen Stadt für seinen gewünschten Beruf annehmen, aber er hat eine Freundin, die nicht bereit ist, dorthin umzuziehen – was soll er wählen? Er kann nicht beiden Herzenswünschen folgen. Es ist eine Illusion zu meinen, dass die Wünsche in unserem Herzen alle oder großteils zusammenpassen würden. Unsere Wünsche sind sehr verschieden und viele davon sind unvereinbar. Schon von daher funktioniert der Ansatz nicht, dass wir unsere wahre Identität über die Erfüllung unserer Wünsche im Herzen finden.

Zum anderen ist es eine Illusion, dass wir nach dem Prinzip leben könnten, dass es uns egal ist, was die anderen von uns denken und über uns sagen. Niemand kann zufrieden leben, wenn er keine Bestätigung von anderen bekommt. Man kann fehlende Bestätigung von außen nicht dadurch ersetzen, dass man seine Person und sein Tun selbst bestätigt. Das ist uns nicht genug. Junge Leute, die gegen bestimmte traditionelle Werte rebellieren, mögen sich von ihren Eltern und von der Kirche abwenden und sagen, dass sich jetzt nur noch daran orientieren, was sie selbst wollen. Aber in Wirklichkeit suchen sie sich andere Leute, die sie und ihre neue Lebensweise anerkennen und loben. Wir brauchen alle die Gemeinschaft mit anderen, ihre Anerkennung und Bestätigung. Niemand kann sich selbst segnen oder sich selbst loben und damit zufrieden sein. Auch deshalb ist die Vorstellung, dass wir unabhängig von den anderen Menschen einfach tun, was wir selbst wollen, und so uns selbst finden, eine Illusion.

Ein anderes Problem ist, dass man, obwohl man dadurch, dass man die Erwartung und die Beurteilung durch andere ablehnt, Freiheit erlangen will, sich in neue, oft noch schlimmere Unfreiheit begibt. Zum Beispiel definieren sich heute viele Menschen über ihren Erfolg im Berufsleben. Weil sie durch ihre Karriere und ihr Einkommen zeigen wollen, wer sie sind bzw. wie gut sie sind, bekommt ihre Arbeit einen so hohen Stellenwert, dass sie einen zu großen Druck haben. Dadurch arbeiten viele Menschen zu viel und haben bei der Arbeit zu viel Stress, sodass bei vielen die Gesundheit und die Familie leidet oder kaputt geht. Wenn sie berufliche Rückschläge erleiden, können sie in tiefe Krisen geraten, weil sie nicht nur mit dem Problem an sich konfrontiert sind, dass sie zum Beispiel eine neue Stelle suchen müssen, sondern auch damit, dass ihre Identität in Frage steht, über die sie sich definiert haben.

Ein anderes Problem ist, dass diejenigen, die Erfolg haben und ihre selbst gesteckten Ziele im Beruf oder im Sport oder in einem anderen Bereich erreicht haben, fast automatisch auf die anderen Menschen herabschauen und kein richtiges Herz und Verständnis für sie haben können. Wenn jemand für seine Karriere jahrelang hart gearbeitet hat, kann er (oder sie), wenn er Erfolg hat, nur schwer andere von Herzen annehmen und verstehen, die nicht erfolgreich sind, sondern sie wahrscheinlich als faul oder unfähig ansehen. Er tut das, weil er seine eigene Identität so definiert hat und nicht nur sich, sondern auch die anderen danach betrachtet.

Umgekehrt kann jemand, der seine Identität auch über seinen Erfolg definiert hat, aber darin gescheitert ist, andere, die auch gescheitert sind, verstehen und akzeptieren. Aber ihm fehlt es an der Zuversicht, die er für sein weiteres Leben bräuchte, weil er an dem, worüber die er sich definieren wollte, gescheitert ist. Es gibt kaum Menschen, die die Zuversicht haben, die nötig ist, um etwas Großes im Leben zu bewirken, und die gleichzeitig im Herzen wirklich Raum für andere Menschen haben, die nicht erfolgreich sind.

Ähnliches gilt, wenn jemand seine Identität darüber definiert, ein guter Ehemann und Vater oder eine perfekte Ehefrau und Mutter. Gute Erziehung der Kinder ist eine wichtige Aufgabe von Eltern. Aber wenn der Erfolg der Erziehung der Kinder und vielleicht sogar auch ihr beruflicher Erfolg das ist, worüber Eltern ihre Identität definieren, dann kann das sowohl für die Eltern als auch für die Kinder ungesund sein.

Was ist dann die Lösung? Ich hoffe, dass alle zustimmen können, dass weder der moderne noch der traditionelle Ansatz, seine Identität zu finden, die Lösung ist. Beide Ansätze sind keine Lösung, obwohl sie sehr unterschiedlich. Tatsächlich haben sie eine große Gemeinsamkeit. Beim traditionellen Ansatz müssen wir etwas leisten, um von der Familie als gut anerkannt zu werden. Beim modernen Ansatz müssen wir uns sehr anstrengen, um die großen Wünsche im eigenen Herzen zu verwirklichen. Und es gibt noch einen dritten Weg, der auch nicht zielführend ist, das ist der Weg der Religion. Eine Religion sagt, dass wir ein guter Mensch sein müssen, um vielleicht in den Himmel zu kommen. In einer Religion müssen wir also auch etwas leisten, um anerkannt zu werden, wir müssen Gebote halten, müssen bestimmte Dinge tun und bestimmte Dinge lassen, um anerkannt zu werden. Bei allen drei Konzepten müssen wir etwas leisten, um eine Identität zu erlangen, wir müssen bestimmte Regeln halten. In allen drei Fällen müssen wir unsere Identität erwirken. Das Evangelium ist der einzige Weg, wo wir uns unsere Identität nicht erarbeiten müssen, sondern sie verliehen bekommen, ja sie geschenkt bekommen. Und damit kommen wir zu unserer dritten und wichtigsten Frage.

3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium?
Betrachten wir dazu unseren Text, Römer 8,12-17. In diesem Abschnitt fällt auf, dass wir keine Aufforderungen finden. Vielmehr schreibt Paulus darüber, wer wir als Christen sind und was für Privilegien wir haben. Im ganzen Kapitel 8 schreibt er von Gottes entscheidendem Eingreifen, das unsere Situation völlig verändert hat. Schon Vers 1 sagt: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Gott rettet alle, die in Christus Jesus sind, von der Verdammnis. Die Worte „die in Christus Jesus sind“ sind bereits ein Hinweis auf die neue Identität, die wir in Christus bzw. in der Beziehung zu ihm bekommen. Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches wegen unserer Sünde und verdammte die Sünde im Fleisch, als Jesus stellvertretend dafür am Kreuz starb. Dadurch wurde die Gerechtigkeit an uns erfüllt, d.h. alle, die Jesu stellvertretendes Opfer für sich annehmen, werden von Gott als gerecht angesehen. Diese neue Identität berechtigt und befähigt uns, nicht mehr nach dem Fleisch zu leben, sondern mit der Hilfe des Heiligen Geistes so zu leben, wie es unserm Herrn Jesus gefällt. Darum heißt es im Vers 12 und 13: „So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“ Der Heilige Geist motiviert und befähigt uns, die Taten des Leibes und alles verkehrtes Verlangen zu töten, und Gott gefällig zu leben.

Was hat Gott uns nämlich vor allem gegeben? Betrachten wir Vers 14: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Gott hat uns eine neue Identität geschenkt. Gott hat uns durch Jesu Opfer rechtmäßig zu seinen Kindern gemacht. Diese Identität wurde uns geschenkt, ohne dass wir dafür irgendeine Leistung oder andere Voraussetzungen erbringen mussten, außer dass wir dies als Geschenk oder Gnade annehmen. Wir glauben daran und sind mit dem Klang der Worte vertraut; aber ist uns wirklich klar, was es bedeutet, dass wir Gottes Kinder sind – was für eine Beziehung wir nun zu Gott haben und was für eine großartige Identität? Der Vers 15 sagt: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Dass Gott uns als seine Kinder angenommen hat, ist an sich nicht auszudenken, und es hat unvorstellbar große Auswirkungen. Vielleicht hätten wir uns noch eher vorstellen können, dass Gott uns als seine Knechte angenommen hätte und uns ihm dienen lässt. Aber Gott hat uns durch Jesu Tod für unsere Sünden nicht nur als seine Knechte, sondern sogar als seine Kinder angenommen! Wir dürfen mit entsprechend großem Vertrauen auf seine väterliche Liebe zu ihm beten und ihn „Abba, lieber Vater“ oder „Papa“ rufen. Es ist nicht vermessen, sondern angemessen. Stellt euch vor, der beste Freund eures Kindes würde täglich nach der Schule zu euch nach Hause zum Mittagessen kommen und bis zum Abend bleiben, weil seine Mutter schwer krank ist. Schließlich würdet ihr ihn sogar adoptieren. Das ist vielleicht schwer vorstellbar, aber wenn ihr euch von Herzen entscheiden und ihn wirklich adoptieren würdet, würdet ihr ihm dann weniger zu Essen geben als euren Kindern? Oder ein kleineres Geschenk zum Geburtstag geben? Wenn ihr ihn wirklich als euren Sohn adoptiert habt, würdet ihr das wohl nicht tun. Und selbst wenn wir einen Unterschied machen würden, weil unsere Liebe so begrenzt ist, ist Gott doch nicht so. Weil er uns in Jesus als seine Kinder angenommen hat, ist das bei ihm absolut gültig und er behandelt uns auch konsequent danach. Deshalb hat er uns nicht nur als Kinder angenommen, sondern hat uns auch einen kindlichen Geist gegeben, damit wir in diesem Geist zu ihm beten können. So wie ein kleines Kind zu seinem Vater kommt und ihm vertrauensvoll alle seine Ängste, Sorgen und Wünsche sagt, so dürfen wir nun Gott alle unsere Ängste, Sorgen und Wünsche sagen in vollem Vertrauen, dass er es uns nicht übel nimmt,sondern sich darüber sogar freut und uns daraufhin gerne hilft und gibt, was für uns am besten ist. Was für eine Gnade ist das, was für ein riesiges Privileg haben wir bekommen! Was für eine Gnade, was für ein unfassbar wertvolles Geschenk, dass Gott unser Vater geworden ist. Wie großartig und wie stabil und unumstößlich ist diese neue Identität! Niemand kann mehr gegen uns sein, selbst die Sünde, der Tod und der Teufel nicht. Wir haben nichts mehr zu befürchten, nichts kann uns mehr erschüttern.

Diese Identität, dass wir unwürdige Sünder Gottes Kinder geworden sind, ist so großartig, dass es gar nicht so selbstverständlich und leicht ist, sie festzuhalten, besonders wenn wir immer wieder unsere alte sündige Natur erleben. Aber Gott liebt uns so sehr, dass er uns auch dabei hilft, diese Identität festzuhalten. Betrachten wir den Vers 16: „Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Gott bezeugt uns durch seinen Heiligen Geist immer und immer wieder, dass es wirklich wahr ist, dass wir in Jesus seine Kinder geworden sind, obwohl wir es nicht verdient haben und nichts dafür tun konnten. Allein schon die Tatsache, dass Gottes Heiliger Geist uns anspricht, ist an sich ein Hinweis und Beweis dafür, dass Gott uns liebt, wie wir sind, und als seine Kinder angenommen hat.

Diese Identität ist unsere wahre Realität. Im Gegensatz zu allen Identitäten in der Welt ist sie nicht abhängig von unserer Performance oder Leistung. Sie basiert allein auf Gottes Werk, auf Jesu stellvertretendem Tod am Kreuz für unsere Sünden und ist nur davon abhängig. Sie ist in Jesus sicher und muss von uns auch nicht durch bestimmte Werke oder Lebensweise nachträglich verdient oder abgesichert werden. Gott hat uns als seine Kinder angenommen. Diese neue Identität ist in ihm sicher. Und das gibt uns einen tiefen Frieden und unendlich Grund zu Jubel und Anbetung dessen, der uns das ermöglicht hat!

Es ist so wichtig, dass wir diese neue Identität als Gottes Kinder aufgrund der Gnade Gottes in Jesus immer neu annehmen, bis sie all unser Denken, Reden und Tun durchdringt. Was wird dann passieren? Wir haben dann durch die Dankbarkeit für seine Gnade eine große Motivation, so zu leben, dass unser ganzes inneres und äußeres Leben ihm gefällt. Wir werden nicht mehr nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. Vor allem werden wir von allem frei, was uns gebunden hat. Dazu gehören auch die falschen Identitäten, die wir hatten.

Wie wirkt sich das aus? Wenn wir im Studium oder im Beruf einen Misserfolg haben oder sogar scheitern, z.B. unsere Stelle verlieren, ist das zwar schmerzlich, wir werden uns auch fragen, warum das passiert ist und was wir eventuell besser machen können, damit es sich nicht wiederholt. Aber es ist nichts Bedrohliches, weil es nicht unsere Identität bedroht, deshalb erschüttert es nicht die Grundlagen unseres Lebens. Wir sind nach wie vor ein rechtmäßiges Kind Gottes und sind vor Gott durch unser Scheitern kein bisschen weniger wertvoll, sondern weiterhin unendlich wertvoll, wertvoller als das Leben seines einzigen Sohnes.

Oder wenn wir in der Erziehung unserer Kinder Versäumnisse oder Versagen feststellen, ist das sehr schmerzlich und wir sollten damit zu Jesus kommen, um von ihm seine Vergebung und Hilfe für uns und unsere Kinder zu empfangen. Aber wir müssen nicht daran zerbrechen, weil unsere wahre Identität davon nicht betroffen ist. Wir sind weiterhin Gottes Kinder, die Gott kein bisschen weniger lieb hat. Selbst wenn wir in unserem Leben als Christen versagen, weil wir uns zur Sünde haben verführen lassen oder weil unsere Liebe zu Gott abgekühlt ist, dann ist das Grund, darüber traurig und zerknirscht zu sein. Aber selbst dann sollen wir nicht verzweifeln oder in Angst und Selbstverdammnis geraten, sondern zu Jesus kommen und durch unseren Glauben und Liebesbeziehung zu ihm erneuern, weil er uns weiterhin als sein geliebtes Kind ansieht, für das er schon alles bezahlt hat.

Es ist also aus vielen Gründen wichtig, dass wir unsere Identität als Kinder Gottes erkennen und aus dieser Identität leben. Wenn wir das tun, erfreuen und ehren wir Gott, weil es eine Anerkennung dessen ist, was er getan hat und die richtige Konsequenz daraus. Außerdem werden wir dann frei von den falschen Identitäten, die keine echte Grundlage haben und die zu erfüllen nur eine Last ist. Wir werden auch frei von der inneren Abhängigkeit von anderen Menschen, deren Erwartungen wir bewusst oder unbewusst zu erfüllen versucht haben.

Das heißt aber nicht, dass wir nun egoistischer und weniger liebevoll leben oder weniger treu für unsere Firma arbeiten würden. Im Gegenteil. Wenn wir unsere Identität als Kinder Gottes annehmen, werden wir frei dafür, zu Hause, in der Gemeinde, in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz für seine Ehre willig so zu leben, wie es ihm gefällt. Mit der Identität als Kinder Gottes können wir gute Kinder, gute Eltern und gute Mitarbeiter in unserer Firma und in unserer Gemeinde werden, weil Gott uns so liebt uns eine Identität und eine Hoffnung gegeben hat, die alles übersteigt und die uns niemand nehmen kann.

Welche Auswirkung hat diese Identität in der Zukunft? Betrachten wir den Vers 17: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christ, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ Dass wir Gottes Kinder sind, hat in der Zukunft noch viel größere Auswirkungen, als es jetzt schon hat. So wie hier in der Welt auch Adoptivkinder vollwertige Erben ihrer Eltern sind, so sind wir als Gottes Kinder auch Erben von Gottes Besitz, von seinem ewigem Reich. Wenn wir an Jesus glauben, auch wenn wir dabei zeitweise innerlich oder äußerlich leiden müssen, werden wir mit ihm zu Gottes Herrlichkeit erhoben werden. Wir werden dann mit ihm in seinem Reich herrschen, d.h. eine richtig bedeutungsvolle Aufgabe haben und dabei Herrlichkeit haben. Das ist für uns schwer vorstellbar, aber es ist bei unserem Vater im Himmel längst beschlossene Sache, die wir in einigen Jahren selbst als Realität erleben werden. – Möge Gott uns helfen, unsere Identität als Gottes Kinder tief anzunehmen, bis sie unser ganzes Denken, Trachten und tägliches Leben durch und durch prägt und bestimmt. Amen!

 

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 5 – Römer 8,12-17

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Eine neue Identität

Heute lesen wir Römer 8,12-17.

Tim Keller diskutierte dieses Lied von Elsa aus dem Film „Frozen“:

Der Wind heult wie dieser wirbelnde Sturm im Inneren
Nicht zu kontrollieren, ich hab es versucht.
„Lass sie nicht rein, lass sie nicht sehen
Sei das gute Mädchen, das du immer sein musst
Verstecke dich, fühle nicht, lass es sie nicht wissen.“
Nun, jetzt wissen sie es

Lass es raus, lass es raus
Kannst es nicht mehr zurückhalten
Lass es raus, lass es raus
Dreh dich weg und schlag die Tür zu
Es ist mir egal, was sie sagen werden
Lass den Sturm weiter wüten
Die Kälte hat mich sowieso nie gestört

Wie reflektiert dieses Lied, wie Menschen heute ihre Identität definieren und sich selbst zu verwirklichen suchen? Kennst du weitere Beispiele? (Falls nicht, warum nicht?)
Wie unterscheidet sich das von dem, was in weiten Teilen von Asien noch die Norm ist?
Was hat sich seither in der westlichen Welt diesbezüglich verändert im Vergleich zu z.B. vor 250 Jahren?

Wie unterscheidet sich das von der christlichen Identität, die Paulus in den Versen 14 und 15 beschreibt? Die christliche Identität kommt natürlich von Gott. Was bedeutet das und was musste Gott tun, um uns diese Identität schenken zu können?

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 1 – Römer 1,1-17

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Das Evangelium

„Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben.”

Römer 1,17

Reiner hatte es bereits angekündigt: Wir fangen heute eine neue Serie an, die uns die nächsten Monate begleitet. Die Frage, die wir uns gestellt haben, ist, was für eine Gemeinde Jesus unter uns bauen möchte. Und drei Antworten, über die wir uns Gedanken machen wollen, lauten: verwurzelt im Evangelium, eingebettet in Gemeinschaft und berufen zur Mission. Heute und die nächsten sechs Wochen wollen wir uns Gedanken zum Evangelium machen. Das Evangelium soll die Basis und das Fundament unserer Gemeinde sein. Die Bibelstudien werden in den nächsten Wochen etwas thematischer sein. Und ich möchte euch gerne ermutigen, in den kommenden Wochen, nicht so eng am Text zu kleben. Stattdessen dürfen wir uns immer wieder die Frage zu stellen, was die ganze Schrift zum Thema zu sagen hat.
Wir wollen uns zum Thema Evangelium vier Fragen stellen. Über jede dieser vier Fragen könnte man Serien von Vorträgen halten. Wir gehen auf jede dieser vier Fragen in den nächsten Wochen etwas tiefer ein. Die vier Fragen lauten: warum das Evangelium? Was ist das Evangelium? Für wen ist das Evangelium? Und was bringt das Evangelium hervor?

Erstens, warum das Evangelium?
Vielleicht fragen sich manche von euch: warum denn das Evangelium? Machen wir das nicht schon fast jede Woche? Und haben wir nicht gerade in den letzten Jahren immer und immer wieder die Evangelien studiert? In den letzten fünf Jahren haben wir Lukas studiert, dann Markus, dann Johannes Evangelium. Brauchen wir dazu nochmals eine spezielle Betrachtung? Und ich würde sagen: Ja, auf jeden Fall! Denn allein die Frage „wie genau würdest du das Evangelium definieren?“ lässt sich überhaupt nicht einfach beantworten. Vielleicht kann man die Frage auch noch einmal anders stellen: das Evangelium hat sich die letzten 2.000 Jahre nicht verändert. Es ist immer noch die gleiche Botschaft von damals. Was macht es so schwierig, diese Botschaft klar zu erfassen?
Hier ist eine interessante Beobachtung. Wer von euch hat schon einmal alte Predigten gelesen? Predigten von vor 50 Jahren, 100 Jahren, oder noch älter? Ich habe früher regelmäßig alte Predigten gelesen: Predigten von Whitefield, Edwards, Spurgeon. Im Bücherregal bei mir sind Predigten aus dem Mittelalter, die ich auch noch gerne lesen möchte. Grace ist Fan von den Puritanern. Ich hatte mich mit Paul Ridge einmal über die alten Predigten unterhalten. Paul hat mir eine Anekdote erzählt. Die Predigten von den Puritanern konnten richtig lang werden. Predigten weit über eine Stunde waren keine Seltenheit. Die Platzanweiser damals sind während dem Gottesdienst mit einem besonderen Stock herumgelaufen. Der Stock hatte zwei unterschiedliche Enden. An dem einen Ende war eine Feder. Die wurde verwendet, um Frauen zu kitzeln, die bei der Predigt eingeschlafen waren. Das andere Ende war spitz. Damit wurden Männer gepikst, wenn sie eingeschlafen waren.
Ich weiß nicht wie es euch ergeht, wenn ihr diese alten Predigten lest. Bei mir sind das immer gemischte Gefühle. Auf der einen Seite Ehrfurcht vor den tiefsinnigen Gedanken. Man wird angesprochen, weil es um eine ewige, unveränderliche Wahrheit geht. Gott und sein Evangelium verändern sich natürlich nicht. Und trotzdem gibt es immer wieder Stellen, an denen man sich fragt: „Warum sagt das Prediger das an dieser Stelle? Was meint er damit? Ich verstehe das nicht?“ Und gewisse Aussagen scheinen angestaubt und einfach nicht in unsere Zeit zu passen.
Spurgeon hat uns mehr als 3.000 Predigten hinterlassen. Stellen wir uns vor, wir würden jede Woche eine von seinen Predigten übersetzen und vorlesen. Würde das gut funktionieren? Oder stellen wir uns vor, wir nehmen Predigten von Martin Luther. Die müsste man noch nicht einmal übersetzen. Vielleicht ein paar der altbackenen Wörter ersetzen, die heute niemand mehr benutzt. Würde das gehen? Ich glaube nicht. Vieles von dem, was er schreibt, würde uns seltsam und fremd vorkommen; obwohl seine Predigten biblisch sind; obwohl das, was er Predigt, das Evangelium ist; und obwohl durch seine Predigten jeden Sonntag Menschen zum Glauben an Jesus gekommen sind. Ich glaube nicht, dass sie bei uns die gleiche Wirkung hätten. Leider nicht.
Woran liegt das? Hier ist eine einfache, simplistische Antwort: das Evangelium muss übersetzt werden. Die Herausforderung an alle Christen aller Zeiten ist, das Evangelium immer wieder aufs Neue zu übersetzen. Die Kunst ist es, das Evangelium immer wieder in die aktuelle Zeit und Kultur hineinzubringen. Gottes Wahrheit ist unveränderlich und verliert niemals an Relevanz. Aber es liegt an uns, es immer wieder aufs Neue zu zeigen, dass dem wirklich so ist.
Die nächsten Wochen sind unser Versuch, darüber nachzudenken, was das Evangelium für uns bedeutet: für uns koreanische und deutsche Christen im 21. Jahrhundert in einer ziemlich säkularen, kleinen Universitätsstadt im Nordwesten von Baden-Württemberg?

Zweitens, was ist das Evangelium?
Wir finden in unserem kurzen Text in Römer 1 verschiedene Antworten auf diese Frage. In Vers 1 schreibt Paulus: „Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkündigen.“ Das Wort „verkündigen“ ist aufschlussreich. Das Evangelium wird verkündigt. D.h, das Evangelium ist eine Botschaft. Es ist eine Nachricht. Und wie die meisten von uns wissen, verwendet Paulus das Wort evangelion. Und dieses griechische Wort bedeutet nicht nur irgendeine Nachricht. Es bedeutet gute Nachricht.
In den Versen 3 und 4 erfahren wir vom Inhalt des Evangeliums. Es handelt natürlich von Jesus. Aber wie stellt Paulus ihn vor: „das Evangelium von seinem Sohn, der nach dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus unserem Herrn.“ Bei den Fakten des Evangeliums denken wir vermutlich vor allem an Jesu Tod am Kreuz. Aber das erwähnt Paulus nicht. Stattdessen erwähnt Paulus hier, dass Jesus der Nachkomme Davids ist. Und Paulus erwähnt, dass Jesus als Sohn Gottes eingesetzt ist seit der Auferstehung von den Toten. Die Art und Weise wie das formuliert ist, ist sehr interessant.
Frage: war Jesus nicht auch schon der Sohn Gottes bevor er in diese Welt gekommen ist? Warum heißt es hier dann, dass Jesus eingesetzt ist? Und warum ist er erst nach der Auferstehung der Toten eingesetzt? Eine mögliche Erklärung: es gab in der Stadt Rom eine Person, die sich als der Sohn Gottes bezeichnet hatte. Es war der Kaiser des römischen Reiches. Augustus, der erste Kaiser des römischen Reiches hatte den Titel: Kaiser Cäsar Sohn Gottes Augustus. Paulus schrieb an die Christen in Rom, in der Stadt, in welcher der amtierende Kaiser das ganze römische Reich regierte, dass Jesus der wahre Sohn Gottes ist. Jesus ist eingesetzt als der wahre Herrscher, der wahre Herr, der wahre König; und Jesu Einsetzung und Bestätigung geschah durch seine Auferstehung von den Toten. D.h., Jesus allein hat die wahren und die größten Feinde bezwungen: Sünde und Tod. Jesus allein hat das Leben gemeistert; er allein hat die Sünde überwunden; er allein hat den Tod besiegt. Und deshalb ist nur er allein würdig, auf dem Thron zu sitzen und Ehre, Macht und Ruhm zu empfangen. Jesus allein ist würdig zu regieren; Jesus allein ist der Herr über die Geschichte und der Herrscher über das Universum. Und das ist die gute Nachricht. Das Evangelium ist gute Nachricht, und es ist die Geschichte von Jesus, dem Nachkomme Davids und seiner Einsetzung als König.
Wir erfahren noch einen weiteren Punkt im Text, was das Evangelium ist. Verse 16 und 17: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen. Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben.“ Das Evangelium ist die Kraft Gottes, die rettet. Wie rettet das Evangelium? Es offenbart die Gerechtigkeit Gottes. Gerechtigkeit ist so ein starkes Wort. Was bedeutet die Gerechtigkeit Gottes? Die Gerechtigkeit Gottes bezieht sich nicht einfach auf seine vollkommene Heiligkeit oder auf seinen perfekten moralischen Maßstab. Sondern was hier gemeint ist, ist die Gerechtigkeit von Gott; die Gerechtigkeit, die von Gott ausgeht und die uns zuteil werden kann. Worum es hier geht, ist, mit Gott in der rechten Beziehung zu stehen: dass wir keine offenen Rechnungen haben mit ihm, dass unser Schuldenkonto beglichen ist, dass wir Frieden mit ihm haben. Gerecht zu sein, bedeutet einen neuen Status zu haben: als Begnadigte und Befreite, die nichts mehr zu befürchten haben; als Vergebene, denen keine Schuld mehr angerechnet wird; als Heilige, die vollkommen und makellos sind; als Kinder, die einen freien Zugang zu ihrem Vater haben.
Tim Keller schrieb in seinem Kommentar zum Römerbrief: „Jesu Rettung ist nicht einfach nur wie eine Begnadigung und Entlassung aus der Todeszelle und dem Gefängnis. Dann wären wir zwar frei, aber auf uns selbst gestellt, auf unseren eigenen Weg in der Welt zurückgeworfen, auf unsere eigenen Anstrengungen angewiesen, wenn wir etwas aus uns machen wollen. Aber im Evangelium entdecken wir, dass Jesus uns aus dem Todestrakt geholt hat und uns dann das Bundesverdienstkreuz um den Hals gehängt hat. Wir werden als Helden empfangen und willkommen geheißen, so als hätten wir außergewöhnliche Taten vollbracht.“
Was ist das Evangelium? Das Evangelium ist die frohe Nachricht; es ist die Geschichte von Jesus Christus, dem König und Herrn. Das Evangelium von Jesus Christus offenbart die Gerechtigkeit, die von Gott kommt: eine Gerechtigkeit, die er uns schenkt, mit welcher er uns radikal erneuert.

Drittens, für wen ist das Evangelium?
In den Versen 13-15 schreibt Paulus von seinem Wunsch, nach Rom zu kommen. Vers 15: „deshalb bin ich, soviel an mir liegt, bereit, auch euch in Rom das Evangelium zu verkünden.“ Wer waren die Empfänger des Briefes, denen Paulus das Evangelium verkündigen wollte? In Vers 6 erfahren wir, dass sie Berufene Jesu Christi sind. In Vers 7 heißt es: „An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen…“ Paulus nennt sie die von Gott Geliebten, die berufenen Heiligen. Mit anderen Worten, es waren Christen in Rom.
Wir haben gesehen, dass das Evangelium die Kraft Gottes ist, Menschen zu retten. Und weil dem so ist, haben vielleicht manche von uns die unterbewusste Einstellung, dass das Evangelium vor allem für die Menschen ist, die Jesus noch nicht kennen. Vielleicht denken einige von uns, dass das Evangelium die Botschaft ist, mit der wir andere evangelisieren. Und ich weiß nicht, ob wir uns dessen bewusst sind, dass das Evangelium in erster Linie für uns ist.
In den Chroniken von Narnia gibt es einen Dialog, den ich wundervoll finde. Das Mädchen Lucy trifft in Narnia den Löwen Aslan wieder. Wie ihr wisst, ist der Löwe Aslan ein Bild für Jesus. Als sie ihn nach langer Zeit wiedersieht, ist ihre Freude fast grenzenlos. Sie schaut in das große weise Angesicht. Aslan sagt: „Willkommen, Kind.“ Luca stellt fest: „Aslan, du bist größer geworden.“ Der Löwe antwortet darauf: „Das liegt daran, dass du älter geworden bist, meine Kleine.“ Sie fragt: „Nicht weil du größer geworden bist?“ Seine Antwort. „Das bin ich nicht. Aber mit jedem Jahr, das du wächst, wirst du mich größer finden.“ Und das sollte unsere Erfahrung mit dem Evangelium sein. Mit jedem Jahr, mit dem wir wachsen, sollte uns das Evangelium größer und schöner erscheinen.
Hier ist das, was es für uns bedeutet: wir werden niemals aus dem Evangelium herauswachsen. Das Evangelium ist nicht einfach nur unsere Windel und der Strampler, der uns als Kleinkinder bekleidet hat; es ist unser Ballkleid und Nadelstreifenanzug, die uns bis zum Schluss bekleiden. Das Evangelium ist nicht einfach nur das ABC und das kleine und große Einmaleins; es ist die hohe Schule, die wir studieren, in der wir promovieren, und mit der wir niemals fertig sind, es zu erforschen. Das Evangelium ist nicht einfach nur die Muttermilch und der Babybrei; es ist das Vollkornbrot, das Steak, der Salat und er Obstteller, die uns bis zum Ende unseres Lebens ernähren. Das Evangelium ist nicht nur der Laufstall oder das Dreirad, mit denen wir lernen mobil zu werden; es ist der ICE, es ist das Flugzeug, es ist das Space-Shuttle, das uns in die entferntesten Galaxien fliegt. Im christlichen Glauben zu reifen ist gleichbedeutend mit, im Evangelium zu reifen. Im christlichen Glauben zu wachsen, bedeutet immer tiefere Wurzeln in das Evangelium zu schlagen.
Deshalb noch einmal: wenn das Evangelium für die ersten Christen in Rom, die berufenen Heiligen ist, dann sollte unsere Hypothese sein, dass das Evangelium für alle Menschen ist, angefangen mit uns selbst ganz egal wie lange wir Christen sind.

Viertens, was bringt das Evangelium hervor?
In Vers 13 sagt Paulus: „Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen, aber bis heute daran gehindert wurde; denn wie bei den anderen Heiden soll meine Arbeit auch bei euch etwas Frucht bringen.“ Das Evangelium bringt Frucht hervor. Welche Frucht? Paulus zitiert am Ende den berühmten Vers aus Habakuk: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ Die Einheitsübersetzung hat eine sehr interessante Version von diesem Vers: „Der aus Glauben Gerechte wird leben.“ Die Frucht des Evangeliums ist Leben; die Frucht des Evangeliums ist ein Leben im Glauben an Gott; die Frucht des Evangeliums ist ein gerettetes Leben.
Viele evangelikale Christen habe eine etwas seltsame Vorstellung von Rettung. Ich weiß das, weil ich auch dazu gehörte. Meine Vorstellung war, dass wenn ich ein Übergabegebet spreche, Jesus mich so annimmt wie ich bin, und ich nichts mehr für meine Rettung zu tun brauche. Das stimmt so ungefähr. Aber dann schleicht sich oftmals der Gedanke ein: wenn ich aus Gnade gerettet bin, bedeutet es dann nicht, dass es egal ist, wie gottlos ich lebe? Scot McKnight ist in einem christlichen Haus aufgewachsen. Er hat eine Schwester, die, nachdem sie von zu Hause weggegangen ist, nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun hat. So gar nichts. Aber sie denkt, dass sie nach ihrem Tod in den Himmel kommt, weil sie Jesus als ihren Retter angenommen hat.
Viele Menschen haben schon mal die Frage gestellt: was muss ich tun, um gerettet zu werden. Was wir damit eigentlich meinen, ist, was sind die Mindestvoraussetzungen? Was ist das Minimum, das erfüllt sein muss, damit ich es gerade noch so in den Himmel schaffe? Was ist das, was ich minimal glauben muss? Was ist das minimale Gebet, das ich sprechen muss, um gerade noch aufgenommen zu werden? Das ist leider die Art und Weise, wie wir Menschen ticken. Theologen nennen das billige Gnade; wir behandeln die Gnade so, als ob sie nicht viel wert wäre. Dallas Willard nannte das Vampir-Christen: Vampir-Christen sind diejenigen, die nur ein wenig was von Jesu Blut haben wollen, aber ansonsten nichts mit Jesus zu tun haben wollen.
Frage an uns: warum wollen wir eigentlich gerettet sein? Wenn unsere einzige Antwort auf diese Frage die ist, dass wir nicht in die Hölle kommen wollen, dann ist das ziemlich selbstzentriert. Und genau das ist das Problem. Wenn wir die Frage stellen: wieviel darf ich noch sündigen, wenn ich gerettet bin? Was sind die minimalen Eintrittskriterien, um in den Himmel zu kommen, dann dreht sich alles um uns selbst. Wir wollen noch die Bestimmer unseres Lebens sein. Wir wollen nur das Beste für uns. Wir wollen die Kontrolle über unser Leben nicht abgeben.
Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass Jesus der König ist und regiert. D.h., im Evangelium geht es in erster Linie nicht um uns. Es geht um Jesus. Es ist seine Geschichte. Und doch ist es: wenn die Geschichte von Jesus gut erzählt wird, wenn wir uns in die Geschichte von Jesus hineindenken und uns davon faszinieren lassen, dann werden wir aufgesogen in diese Geschichte. Und wir können nicht anders, als diesen Jesus zu lieben und ihn festzuhalten. Johannes 20 erzählt die Geschichte wie Jesus Maria von Magdala begegnet. Sie steht draußen vor dem Grab und weinte. Sie sieht Jesus dastehen und denkt, dass er der Gärtner ist. Jesus gibt sich ihr zu erkennen. Und sie sagt: „Meister!“ Im darauf folgenden Vers steht etwas Faszinierendes: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“ Eine bessere Übersetzung von dem Vers lautet: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“ Als sie erkannt hatte, dass der auferstandene Jesus vor ihr steht, die offenbarte Liebe Gottes in Person, da kann sie nicht anders: sie packt ihn und hält ihn fest, damit er sie ja nie wieder verlässt. Und genau dieses Bild, genau das illustriert einen Menschen, der gerettet ist. Wir können diesen Jesus nicht mehr loslassen, weil wir ihn so sehr lieben wegen allem, was er für uns getan hat.
David Brainerd, der Missionar unter den einheimischen Menschen in Nordamerika, beschrieb eindrücklich in seinem Tagebuch, wie er Gott zum ersten Mal begegnete. Was wir wissen müssen: Brainerd war kein einfacher Zeitgenosse. Er war ziemlich melancholisch; und er war ein Mensch, der unter Sündenerkenntnis litt. Er beschreibt, wie sehr ihn das herunterzogen hat, wie sehr er sich darunter quälte, wie sehr er damit zu ringen und kämpfen hat. Bis der Tag der Erlösung kam: „Dann, als ich in einem dunklen, dichten Hain spazieren ging, schien sich eine unaussprechliche Herrlichkeit dem Blick und der Erkenntnis meiner Seele zu öffnen. Ich meine nicht irgendeine äußere Helligkeit, denn ich sah nichts dergleichen. Ich meine auch nicht die Vorstellung eines Lichtkörpers irgendwo im dritten Himmel oder irgendetwas in dieser Art; sondern es war eine neue innere Wahrnehmung oder Ansicht, die ich von Gott hatte, wie ich sie nie zuvor hatte, noch irgendetwas, das die geringste Ähnlichkeit damit hatte.
Ich stand still, staunte und bewunderte! Ich wusste, dass ich noch nie zuvor etwas gesehen hatte, das an Exzellenz und Schönheit damit vergleichbar war; es war ganz anders als alle Vorstellungen, die ich jemals von Gott oder göttlichen Dingen hatte. … Meine Seele freute sich mit unaussprechlicher Freude, einen solchen Gott, ein so herrliches göttliches Wesen zu sehen; und ich war innerlich erfreut und zufrieden, dass Er für immer und ewig Gott über alles sein sollte. Meine Seele war gefesselt und entzückt von der Vortrefflichkeit, Lieblichkeit, Größe und den anderen Vollkommenheiten Gottes, dass ich sogar von ihm verschlungen wurde. Wenigstens in einem solchen Maße, dass ich anfangs keinen Gedanken an meine eigene Errettung verschwendete und kaum daran dachte, dass es ein solches Geschöpf wie mich gibt. So brachte mich Gott, wie ich glaube, zu einer herzlichen Bereitschaft, Ihn zu erhöhen und auf den Thron zu setzen, und hauptsächlich und letztendlich auf Seine Ehre und Herrlichkeit als König des Universums abzuzielen.“
Das, was mich an David Brainerd’s Erzählung so fasziniert, ist die Tatsache, dass er Gottes Herrlichkeit so wahrgenommen hat, dass in diesem Moment seine eigene Rettung völlig irrelevant war. Und genau das ist der Punkt. Er war gerettet, weil es ihm einfach nur um Gott ging. Wer an das Evangelium von Jesus Christus glaubt, der hat verstanden, dass es hauptsächlich um ihn geht: die Hauptsache ist, dass er regiert und nicht mehr ich; dass er das Zentrum des Universums ist und nicht mehr ich; dass er herrlich und würdig ist nicht ich. Wie sehr stehen wir im Evangelium? Je mehr wir im Evangelium stehen, desto mehr geht es uns um Jesus und ihn allein; desto mehr vergessen wir uns selbst; und ironischerweise ist es so, dass wir dadurch unser wahres Ich und unser wahre Selbst finden, in ihm.

 

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 1 – Römer 1,1-17

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Die Essenz des Evangeliums

Wir lesen Römer 1,1-17.

Dies ist ein thematisches Bibelstudium. Wir wollen erst einmal außen vorlassen, was die Umstände des Briefes sind. Stattdessen fällt uns beim Lesen des Textes auf, wie oft das Wort „Evangelium“ erwähnt wird.

In welchen Versen wird das Evangelium erwähnt? In welchen Versen kommt das Wort Gnade vor? Wie hängen beide miteinander zusammen?

Was ist das Evangelium in seiner Essenz? Inwiefern unterscheidet sich das Evangelium von allen anderen Religionen und Weltanschauungen in der Welt (damals wie heute)?

Welche praktischen Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen: persönlich und als Gemeinde?

 

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