Predigt: Psalm 27,1-5 – Zum Schuljahresanfang 2021

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Der HERR ist dein Licht und dein Heil

„Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?”

Psalm 27,1

Ich glaube, dass die meisten von uns sich wünschen, etwas mutiger zu sein. Ich wünschte mir, dass ich frei von Angst und Sorgen leben könnte. Und genau darum geht es im heutigen Text und in der heutigen Predigt. Wir wollen als erstes darüber nachdenken, warum wir keine Furcht zu haben brauchen. Und als zweites wollen wir darüber reden, wie wir ein Leben ohne Furcht führen können.

Erstens, warum keine Furcht?
David, der Psalmist, macht eine erstaunliche Aussage: „vor wem sollte ich mich fürchten? … Vor wem sollte mir bangen?“ Keine Furcht, keine Angst. Und gleichzeitig sind die Situationen, die er erwähnt, ziemlich krass. In Vers 2 sagt er: „Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde…“ Die Neuer Genfer Übersetzung sagt es so: „Wenn boshafte Menschen über mich herfallen, um mich mit Haut und Haaren zu verschlingen, meine Gegner und Feinde…“ Hier ist wirklich die Rede von Menschen, die wirklich gar nichts für David übrighaben. Sie wollten David nicht nur umbringen, sondern auch grillen und essen.
Und in Vers 3 sagt er: „Mag ein Heer mich belagern…“ In dem Film der Herr der Ringe, Die zwei Türme, ist eine der eindrücklichsten Szenen, wenn die Festung Helms Klamm belagert wird. Man sieht eine gewaltige feindliche Armee mit 10,000 starken, bis an die Zähne bewaffneten Soldaten die aus der Ferne anrückt. Die Armee trifft am Abend an. Für die Krieger der Festung ist das der furchterregendste Moment: es ist die Stille vor dem Sturm, der trügerische Friede vor der großen Schlacht, zu wissen, dass die Armee da draußen eigentlich zahlenmäßig weit größer ist als die eigene. Und trotzdem hat David überhaupt keine Angst: „Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.“ David schien jemand zu sein, dem gar nichts aus der Bahn werfen konnte. Keine Situation war zu groß, keine Bedrohung zu schrecklich, keine Gefahr zu imminent, als dass er anfangen würde, sich Sorgen zu machen. Und das ist wirklich erstaunlich.
Morgen ist es endlich so weit. Nach sechseinhalb viel zu langen und viel zu kurzen Wochen beginnt die Schule wieder. Ich glaube, dass sich die meisten schon ein wenig darauf freuen. Und falls ihr Schüler euch gar nicht freuen solltet, eure Eltern freuen sich bestimmt ein wenig. Neues Schuljahr bedeutet auch neue Herausforderungen. Für manche ist es das erste Jahr an der Schule oder das erste Jahr an einer neuen Schule. Für manche ist es das letzte Jahr an der Schule, weil ihr in diesem Schuljahr euren Abschluss macht. Vielleicht habt ihr Fragen wie: „wird das mit dem Schulabschluss alles klappen? Was kommt danach?“ Andere von euch fragen sich vielleicht: „Wie wird die neue Schule? Werde ich bald neue Freunde finden? Werden die Mitschüler nett sein?“
Ich hoffe, dass die meisten von euch mit ziemlich viel Zuversicht und guter Hoffnung ins neue Schuljahr starten. Aber vielleicht ergeht es manchen so ähnlich wie mir: ich fand die Schule nicht so toll. An manchen Tagen konnte ich die Schule nicht ausstehen. Während meiner Zeit am Gymnasium bin ich viele hunderte Male über die Neckarbrücke gegangen. Immer wieder kam es vor, dass morgens die Feuerwehr im Blaulicht an mir vorbei gerauscht ist. Und ich kann mich daran erinnern, dass ich mir immer wieder gewünscht hatte, dass es die Schule ist, die brennt. Das Feuer war immer an der Uni (wahrscheinlich am chemischen Institut) und niemals an der Schule. Während meiner Schulzeit war ich zwar kein richtiger Außenseiter. Aber gleichzeitig habe ich mich nie wirklich akzeptiert gefühlt. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich einfach ich selbst sein kann. Vielleicht mag es manchen von euch ähnlich gehen. Falls nicht, gut für dich!
Wie dem auch sei, vielleicht haben manche von euch doch die ein oder andere Sorge, die euch in das neue Schuljahr begleitet. Viele Kinder haben Angst vor Ablehnung. Die Sorgen müssen natürlich nichts mit der Schule an sich zu tun haben. Viele haben Angst um ihre Eltern, dass ihnen etwas passiert oder dass sie sich scheiden lassen. Viele Kinder machen sich Sorgen um die Welt da draußen: Kriege und Terror, Armut, Klimawandel. Ganz egal was der Grund für deine Sorgenfalten ist, es gab und gibt Menschen, die alle deine Sorgen bereits durchgemacht haben. David war spricht hier von kannibalisch veranlagten Feinden, aufziehenden Armeen und tobenden Kriege. Frage ist dann natürlich: warum hatte David keine Angst? Woher kam seine völlige Freiheit von Furcht?
Wir finden die Antwort in Vers 1: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: vor wem sollte mir bangen?“ Davids Antwort auf Furcht und Angst war der HERR: Gott selbst. Gott ist Licht, Heil (oder Rettung) und Schutz. Licht, Rettung und Schutz sind alles Begriffe, die so viel Bedeutung haben, dass man Bücher dazu schreiben könnte (das wurde auch schon gemacht). Wir wollen gar nicht so tief darauf eingehen heute. Ich möchte an dieser Stelle nur folgendes sagen: jeder Mensch sucht Licht, Rettung und Schutz, weil jeder Mensch auf Licht, Rettung und Schutz angewiesen ist. Wir können nicht ohne das Leben. Ihr alle wollt wissen, weshalb ihr in der Schule ackert, was der Sinn dahinter ist und was der Sinn von eurem Leben ist. Das ist Licht. Ihr alle wollt die Gewissheit haben, dass euer Leben am Ende des Tages gut ausgeht und dass Glück und Freude auf euch warten. Das ist Rettung. Und ihr alle wollt wissen, dass ihr trotz allen Gefahren und Bedrohungen sicher seid. Das ist Schutz. Ihr verwendet vielleicht nicht unbedingt diese Begriffe. Z.B. wenige Menschen heute, wenige Freunde von euch würden sagen: „Ich brauche Rettung!“ Gerettet von was überhaupt würden sie fragen? Und trotzdem ist jeder Mensch praktisch ohne Ausnahme unablässig auf der Suche danach.
Hier ist jetzt der zentrale Punkt: Gott war für David genau das: Licht, Rettung und Schutz. D.h., dass Gott für David absolut war. Oder anders gesagt, für David war Gott das Größte, das Höchste und das Wichtigste in seinem Leben. Angst haben wir immer dann, wenn etwas in Gefahr ist, was uns lieb und teuer ist. Wenn Gott die Person ist, die du am meisten liebst, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, weil Gott ewig und allmächtig ist. Wenn alles in deinem Leben den Bach runter geht, aber du hast Gott, dann hast du immer noch ein Happyend. Wenn du alles, was du hast, verlierst, aber du hast Gott, dann hast du gar nichts verloren. Gott ist größer als alles, was dir das Leben geben kann; Gott ist größer als alles, was der Tod dir nehmen kann.
Die Frage ist, ob du diesen Gott hast oder nicht. Das ist das Geheimnis eines sorgenfreien Lebens.

Zweitens, wie können wir frei von Furcht und Sorgen leben?
Wir finden mindestens zwei Antworten auf diese Frage im Text. Die eine Antwort finden wir gleich in Vers 1. David sagte nicht einfach: „Der HERR ist Licht und Heil.“ Das hätte nicht ausgereicht, ihm die Angst und Furcht zu nehmen. Er sagte: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: vor wem sollte mir bangen?“ Das Wort „mein“ ist hier wirklich entscheidend. Gott war nicht einfach nur Licht und Heil für den Richter Samuel oder für die Eltern von David. Gott war sein Gott.
Frage ist, wie sehr das auf euch zutrifft. Ist der HERR wirklich dein Gott? Nicht nur der Gott deiner Geschwister oder der Gott deiner Freunde, sondern dein Gott? Auch nicht nur der Gott deiner Eltern, sondern wirklich dein persönlicher Gott? Es reicht nicht aus, dass deine Eltern fromm sind und deine Eltern an Gott glauben. Die Frage ist, ob du fromm bist und an Gott glaubst. Es reicht nicht aus, dass deine Eltern leidenschaftliche Beter sind. Die Frage ist, ob du selbst ein leidenschaftlicher Beter bist. Uwe Schäfer hatte mal gesagt, dass Gott keine Enkelkinder hat. Gott hat nur Kinder. Besser kann man es kaum sagen. Bist du ein Kind Gottes?
Die zweite Antwort finden wir in Vers 4: „Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.“ Für David gab es eine Priorität im Leben; eine einzige Ausrichtung; ein einziges klares Ziel vor Augen: im Haus des HERRN wohnen alle Tage seines Lebens. Und das ist vielleicht nicht ganz so klar zu erfassen. Ich möchte versuchen, es so gut es geht, zu erklären, was das bedeutet.
Es bedeutet zum einen, dass Gott in unserem Leben real wird. Vor einigen Jahren hat eins meiner vier Kinder beim Spielen eine Glühbirne kaputt gemacht. Nicht nur das, natürlich ist er dann in das zerbrochene Glas getreten. Der Kinderarzt hat versucht die Scherben aus dem Fuß zu entfernen. Aber Tage und Wochen später hatte unser Sohn immer noch Schmerzen. Als sein Fuß dann geröntgt wurde, wurde eine weitere Scherbe im Fuß gefunden. Er wurde dann schließlich unter Vollnarkose operiert, und die Chirurgin war in der Lage, die Scherbe zu empfehlen. Als unser Sohn aus der Narkose aufgewacht ist, hat er angefangen, sich über starke Schmerzen zu beklagen. Ich bat die Ärzte um Hilfe. Aber es dauerte eine Weile, bis sie kommen konnten. Schließlich habe ich das getan, was alle verzweifelten Eltern in dieser Situation getan hätten: ich habe dem Kleinen mein Tablet gegeben. Sobald er mein Tablet hatte, waren alle Schmerzen vergessen. Er war so vertieft in das Spiel, dass alles drumherum keine Rolle mehr spielte. Kurz danach kamen die Ärzte rein: „Wir wollten noch einmal vorbeischauen, wegen seinen Schmerzen…“ Sie sahen den Kleinen mit dem Tablet und meinten dann nur zu mir: „Ihm geht es gut.“
Was war passiert? Mein Sohn hat in seiner Begeisterung am Tablet völlig vergessen, dass er Schmerzen hatte. Seine Schmerzen waren nur kleine Unannehmlichkeiten im Vergleich mit dem Vergnügen, mit Papas Tablet zu spielen. Hier ist der Punkt: Gott will in deinem Leben so real werden; eigentlich noch viel realer als das. Er will so präsent in deinem Leben sein, dass alles andere, deine Familie, deiner Freunde, deine Schule zur Nebensache werden. Er will diesen Fokus, diese Art von Aufmerksamkeit und Hingabe von dir wie ein Kind sich einem Tablet zuwendet.
Und das bringt mich zum nächsten Punkt: Gott will von dir gesucht werden. Der christliche Philosoph Dallas Willard hat etwas gesagt, was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Frage ist: ist Gott verborgen? Versteckt sich Gott vor uns? Seine Antwort war: ja. Hier ist sein Argument: Gott ist so überwältigend groß, dass wenn Er sich nicht vor uns verbergen würde, er einfach unausweichlich wäre. Die Frage ist dann natürlich: warum versteckt sich Gott vor uns? Wenn er sich einfach zeigen würde, würden alle Menschen wissen, dass es ihn gibt. Antwort lautet: Gott versteckt sich vor uns, weil Er will, dass du ihn suchst. Wenig später im Psalm heißt es deshalb auch: „Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, HERR, will ich suchen.“
Vorhin habe ich gesagt, dass Gott das Beste ist, was uns passieren kann: Er ist unser Licht, unsere Rettung und unser Schutz. Er ist der größte Reichtum, den wir empfangen können. Aber Gott drängt sich niemanden auf. Gott zwingt dich nicht zu deinem Glück. Gott will, von dir gesucht werden, bevor er sich von dir finden lässt. Gott will, dass du seine Gemeinschaft und Hilfe willst. Gott will, dass du ihn in dein Leben einlädst, weil er dich bereits in sein Leben eingeladen hat. Gott will, dass du ihn willst.

Zum Schluss, liebe Schülerinnen und Schüler, wenn ihr euch auf diesen Gott einlässt und wenn ihr seine Gegenwart sucht, könnt ihr darauf vertrauen, dass Gott mit euch ist. Wenn euer Rucksack schwer auf euren Schultern liegt, Gott ist mit euch. Wenn euer Ranzen zu leicht ist, weil ihr die Hälfte der Schulsachen zu Hause vergessen habt, Gott ist mit euch. Wenn ihr in der Schule von besten Freunden umgeben seid, Gott ist mit euch. Wenn ihr euch in der Schule allein gelassen fühlt und denkt, dass niemand euch verstehen kann, Gott ist mit euch. Wenn es den einen Lehrer gibt, der euch tierisch auf den Zeiger geht, Gott ist mit euch. Wenn ihr in der Pause euer Brot esst, Gott ist mit euch. Wenn ihr eine schwere Arbeit zu schreiben habt, Gott ist mit euch. Wenn die Arbeit vor allem deshalb schwer ist, weil ihr zu wenig gelernt habt, Gott ist mit euch. Wenn ihr euch fürchtet, wie ihr die Note 4-5, die ihr geschrieben habt, zu Hause den Eltern beibringen wollt, Gott ist mit euch. Gott ist mit euch auf dem Hin- und auf dem Rückweg, in und außerhalb der Schule, vor und nach dem Unterricht. Gott ist vor euch und hinter euch, er steht euch links und rechts zur Seite, er geht euch voran und hält euch den Rücken frei, er umgibt euch von allen Seiten und hält seine Hand über euch. Er ist euer Licht, eure Rettung und euer Schutz.

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Fragebogen: Psalm 27,1-5 – Zum Schuljahresanfang 2021

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Der HERR ist dein Licht und dein Heil

Heute lesen wir Psalm 27,1-5. Anlässlich des neuen Schuljahres betrachten wir die ersten drei Strophen eines sehr bekannten Psalms.

Lies Vers 1 (gerne auswendig lernen). Eine Eigenschaft hebräischer Poesie sind Parallelismen. Kannst du diese literarische Eigenschaft in Vers 1 ausfindig machen? Wie trägt das dazu bei, die Hauptaussage von Vers 1 zu unterstreichen? Was bedeutet die Hauptaussage für dich?

In den Versen 2 und 3 erwähnt David einige Eventualitäten wie Bedrohung durch Übeltäter, feindliche Heere und Krieg. Durch welche Ereignisse fühlst du dich bedroht? Was ist das Geheimnis eines getrösteten Herzens, das sich nicht fürchtet?

Wir finden im Vers 4 das erste konkrete Gebetsanliegen des Psalms. Warum bittet David, dass er im Hause des HERRN sein Leben lang bleiben kann? Was bedeutet das?

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Predigt: Psalm 119,161 – 176 (ש Sin und Shin ת Taw)

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Freude und Lob in tiefster Not

Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinen Worten

(164)

Im Dezember 2010 geschah in Tunesien etwas, was einen Flächenbrand über viele Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens auslöste. Ein junger Gemüsehändler verbrannte sich selbst, weil er aufgrund der gesellschaftlichen Umstände im Land für sich keine Lebensperspektive mehr sah. Daraufhin kam es zu landesweiten Massenunruhen. Der Dikator wurde recht schnell beseitigt. Nachdem Tunesien es geschafft hatte, seinen Diktator zu beseitigen, wurden auch die autokratischen Systeme in anderen Ländern Nordafrikas durch Proteste, Aufstände und Rebellionen erschüttert. Wir nennen dies den Arabischen Frühling. Als der Arabische Frühling 2011 Ägypten erreichte, kam Mursi für eine Zeit lang an die Macht. Doch schon bald danach gab es auch seinetwegen Aufstände. In Kairo trafen mehrere tausend wütende Anhänger und Gegner aufeinander und lieferten sich erbitterte Straßenschlachten. Zeitgleich mit den Ausschreitungen versammelten sich etwa 1200 Christen in einer Kirche. Sie kamen, um Jesus anzubeten und für das Wohl ihres Landes zu beten. Der Pastor las den versammelten Christen aus der Apostelgeschichte vor, um sie zu ermutigen, sich durch Bedrängnis und Verfolgung nicht die Freude rauben zu lassen. Die Freude, die vor zweitausend Jahren die Herzen der Jünger erfüllte, stärkte und erquickte die Herzen der Christen in Ägypten. Open Door berichtete, dass das Geschrei der zornigen und wütenden Protestierenden von den freudigen Gesängen der Christen in der Kirche übertönt wurde…. Wie man auf Not und Elend reagiert, kann extrem unterschiedlich sein. Da gibt es welche, die so sehr verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Ausweg finden, als sich selbst zu vernichten, wie etwa der Gemüsehändler. Andere sind so verbittert, dass sie keinen anderen Ausweg finden, als andere zu vernichten, wie etwa die Protestierenden. Und dann gibt es auch noch eine kleine Gruppe von Menschen, die inmitten von Not und Elend voller Freude ist und Gott aus tiefstem Herzen lobt. Verzweiflung und Verbitterung – beide Reaktionen auf Not und Elend kann man gut nachvollziehen. Sie erscheinen uns natürlich, ja geradezu menschlich. Dass man aber inmitten des Elends voller Freude ist, erscheint uns geradezu verrückt. Zu diesen besonderen Menschen gehörte auch der Verfasser des Psalms 119. Trotz großer Not war er so voller Freude, dass er Gott siebenmal am Tag lobte. In den letzten beiden Abschnitten seines Psalms erfahren wir insbesondere, wie er in geistlicher Art und Weise mit seiner Not umging. Um von dem Psalmisten zu lernen, werden wir uns mit dem heutigen Text anhand von drei Fragen auseinandersetzen: Erstens, was war die Not des Psalmisten? Zweitens, wie ging der Psalmist mit der Not um? Drittens, was machte ihn in der Not so stark?

Teil I: Die Not des Psalmisten (V. 161a)

Über die Not des Psalmisten haben wir bereits Vieles in den vorausgegangenen Lektionen erfahren. Immer wieder bezeugt der Psalmist, dass er von Fürsten hart bedrängt wurde. Er wurde von ihnen verspottet und verleumdet. Aber das war noch nicht alles. Man trachtete ihm sogar nach dem Leben. Mein Leben ist immer in Gefahr, bezeugt der Psalmist im Vers 109. Dabei kann man sich fragen: „Was hat denn der Psalmist gemacht, dass sich selbst Fürsten gegen ihn auflehnten? Was hat denn der Psalmist angestellt, dass man ihn so sehr hasste?“ Betrachten wir Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund Die Antwort ist: Nichts. Nichts hatte der Psalmist gemacht. Ohne Grund wurde er von den Fürsten verfolgt. Es ist schon schlimm genug, wenn man von mächtigen Menschen verspottet, verleumdet und verfolgt wird. Noch schlimmer ist es aber, wenn es keinen Grund dafür gibt. Wenn man Anlass zum Spott und Verleumdung gegeben hat, kann man ja die Verletzten um Vergebung bitten. Aber was tun, wenn es keinen Grund dafür gibt? Die Jünger Jesu wurden schon immer wegen der Wahrheit verfolgt. Jesus betete daher: Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin (Joh. 17.14). Und einige Verse danach heißt es: Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit (Joh. 17.17).

Ähnlich wie bei den Jüngern Jesu muss es auch beim Psalmisten gewesen sein: Er liebte das Wort, was durch und durch voller Wahrheit ist. Folglich lebte er in der Wahrheit und stand dafür ein. Deswegen wurde er verfolgt. In Wirklichkeit ist es aber kein Grund, jemanden zu hassen, wenn er in der Wahrheit lebt und dafür einsteht. Im Gegenteil, es ist vielmehr ein Grund, solch einen Menschen zu lieben. Deswegen sagte der Psalmist, dass er ohne Grund verfolgt wurde.

Wie ging der Psalmist mit seiner Not um?

Teil 2: Der Umgang des Psalmisten mit der Not (V. 161b – 175)

Wie fühlt man sich, wenn man verfolgt wird? Über seine Erfahrungen darüber schrieb einmal der deutsche Evangelist Wilfried Plock Folgendes: „Über den Zeitraum von ca. sechs Monaten erhielten wir abends und nachts anonyme Anrufe mit teilweise sehr bedrohlichem Inhalt. Meine Frau erwartete zu jener Zeit ein Baby. Wir konnten uns in der Dunkelheit lange Zeit nicht ohne Angst in unserer Wohnung bewegen und erschraken mehrmals bis ins Innerste, wenn zu später Stunde das Telefon klingelte. Wir wissen aus eigener Erfahrung: Angst, welcher Art auch immer, ist etwas Furchtbares.“ (S.41)1 Normalerweise wird man von großer, panischer Angst erfüllt, wenn man verfolgt wird, umso mehr wenn man von Fürsten verfolgt wird. Wie war es aber bei dem Psalmisten? Lesen wir noch einmal gemeinsam den ganzen Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinen Worten. Es wäre mehr als nur verständlich gewesen, wenn der Psalmist sich vor den Fürsten fürchten würde. Aber stattdessen fürchtete er sich vor Gottes Wort, und zwar nur vor Gottes Wort. Es war also nicht so, dass er zum Teil die Fürsten und zum Teil Gottes Wort fürchtete. Er war nicht hin- und hergerissen. Sein Herz fürchtete nur Gottes Wort. Dabei ist das Wort „fürchten“ noch recht harmlos. Andere Übersetzungen sprechen von „beben“ oder „erschrecken“, in den englischen Übersetzungen lesen wir „my heart trembles at your word“ oder „my heart stands in awe of your words“. Das Herz des Psalmisten fürchtete sich nicht nur vor dem Wort Gottes, nein es bebte, es erschrak vor dem Wort Gottes, es begegnete dem Wort Gottes mit Hochachtung. Ein plumpes Beispiel: Stellen wir uns vor, wir würden ein Brief von der Kanzlerin bekommen. Das wird natürlich nie vorkommen, aber angenommen, es wäre so. Gespannt würden wir den Umschlag öffnen, mit klopfendem Herzen das Blatt auffalten und dann nicht nur auf jedes einzelne Wort, sondern auf jeden Punkt und Komma achten. Etwa mit einer solchen Haltung begegnete der Psalmist dem Wort Gottes. Mit großer Ehrfurcht. Hierfür ist der König Josia ein Beispiel. Als er die Worte des Gesetzes hörte, zerriss er seine Kleider. Die Worte des Gesetzes brachten sein Herz zum Beben, sodass er sich und das Volk zur Buße veranlasste.

Dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort bebte, fing nicht erst in der Not an. Vielmehr ist anzunehmen, dass er schon vorher in der Beziehung mit Gottes Wort lebte. In der Not zeigte es sich, wie sehr er Gottes Wort fürchtete. Die Not forderte regelrecht seine Frucht vor Gottes Wort heraus. Gerade in der Not zeigte es sich, dass das Beben vor Gottes Wort nicht nur ein innerer Vorgang ist. Vielmehr kam es bei dem Psalmisten in verschiedenster Weise zum Ausdruck. Dies erfahren wir, wenn wir die nachfolgenden Verse betrachten.

Im Vers 163 bekennt der Psalmist: Lügen bin ich feind, und sie sind mir ein Gräuel; aber dein Gesetz habe ich lieb. Es wäre verständlich gewesen, wenn der Psalmist auf die Verleumdungen der Fürsten mit Lügen reagieren würde. Angst und Wut hätten ihn dazu treiben können. David gebrauchte zum Beispiel die Lüge, als er vor König Saul floh. Den Priester von Nob belog er, dass er im Auftrag des Königs unterwegs sei. Und dem König der Philister zeigte er, was er so als Schauspieler drauf hat. Viele, auch geistliche Menschen, werden, wenn sie verleumdet werden, auf einmal anders. Sie fangen an, diejenigen, die sie verletzt haben, ebenfalls mit Dreck zu bewerfen. Aber gerade so etwas wollte der Psalmist nicht tun. Vielmehr bekannte er Gott: Lügen bin ich feind, und sie sind mir ein Gräuel; aber dein Gesetz habe ich lieb. Auch im Vers 173 bekennt er: ich habe erwählt deine Befehle. Der Psalmist war fest entschlossen, sich auch in der Not nach Gottes Wort zu richten, anstelle menschlich bzw. fleischlich zu handeln. Das Beben vor Gottes Wort bewahrte den Psalmisten davor, auf die Not fleischlich zu reagieren. Das Beben vor Gottes Wort bewahrte ihn davor, sich selber ungerecht zu verhalten.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass der Psalmist vor Gottes Wort anstelle vor der Not bebte? Lesen wir gemeinsam Vers 164: Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen. Der Psalmist konnte gar nicht anders, als Gottes Wort mehrfach, ja sieben Mal am Tag zu loben. Dieser Wunsch, Gott für sein Wort zu loben, war so groß, dass er es im Psalm mehrfach erwähnt. So heißt es auch in den Versen 171 und 172 aus: Meine Lippen sollen dich loben; denn du lehrst mich deine Gebote. Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine Gebote sind gerecht. Wie kann das sein, dass der Psalmist so einen großen Drang danach hatte, Gott für Sein Wort zu loben? Dadurch, dass der Psalmist nicht eigene ungerechte Mittel ergriff, hatte er nichts anderes als das Wort in der Not. Daraus schöpfte er alles, was er für die Not brauchte. Insbesondere in der Not erkannte er, welchen Schatz das Wort Gottes birgt. Aus Gottes Wort schöpfte er Trost und Kraft. Daraus erkannte er Gottes Weisung, wie er sich in der Not verhalten solle. Durch das Wort konnte er auch Gottes Ratschluss erkennen, dass selbst die Not zu seinem Besten dient. Durch Gottes Wort erkannte er auch, dass Gott Richter ist und dass es eine Gerechtigkeit gibt. Kurz gesagt: In der Not war das Wort für den Psalmist sein einziger Halt und Trost. Dies veranlasste ihn Gott immer und immer wieder für sein Wort zu loben.

Dabei lobte der Psalmist Gott nicht nur einmal, auch nicht zweimal, nein siebenmal am Tag. Warum? Weil er so voller Freude über Gottes Wort war. In Vers 162 beschreibt er diese Freude mit der Freude, die man hat, wenn man große Beute macht. Heute würde man sagen, er feute sich über Gottes Wort wie über einen Sechser im Lotto. Ist das nicht erstaunlich? Wie ist das zu erklären? Zum einen bebte der Psalmist vor Gottes Wort, zum anderen freute er sich darüber wie über einen Sechser im Lotto. Menschlich gesehen ist das widersprüchlich, aber geistlich gesehen nicht. Wer Gottes Wort mit Hochachtung begegnet und es daher tut, der wird auch große Freude an Gottes Wort haben. Vor Gottes Wort beben und sich über Gottes Wort überaus freuen – das sind zwei Seiten von ein- und derselben Medalle.

Ob in der Not oder außerhalb der Not der Psalmist konnte allezeit ein lobendes, singendes, dankbares Glaubensleben führen. Seine tiefe Beziehung zum Wort Gottes ermöglichte ihm dies.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor dem Wort Gottes anstelle vor der Not bebte? Betrachten wir Vers 165: Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden nicht straucheln. Der Psalmist hatte Frieden, und zwar großen Frieden. Man könnte auch sagen, er hatte einen tiefen Frieden. Als syrische Flüchtlinge gefragt wurden, was sie sich von Deutschland erhoffen, antworteten mehrere damit, in Frieden zu leben. Diese Hoffnung ist verständlich. Ich würde auch so antworten. Letztendlich birgt sich dahinter aber eine typisch natürliche Gesinnung, die man so beschreiben kann: „Ich bekomme dadurch Frieden, indem ich von meinen Verfolgern in Ruhe gelassen werde.“ Obwohl viele Flüchtlinge hier in Deutschland keine Verfolgungen mehr erleiden, sind die meisten von ihnen doch unzufrieden. Unfrieden macht sich unter ihnen mehr und mehr breit, was u.a. durch Beschwerden und unangemessene Hilfsansprüche zum Ausdruck kommt. Das Besondere bei dem Psalmisten war, dass er inmitten der Verfolgungen Frieden hatte. Dieser Friede kam nicht davon, dass er von seinen Verfolgern in Ruhe gelassen wurde. Er kam davon, dass er Gottes Wort liebte. Sein Herz bebte nicht nur vor Gottes Wort, es pumpte auch für Gottes Wort. Sein Herz war in Gottes Wort verliebt. Weil er Gottes Wort liebte, tat er gerne, was Gott sagt. Eben dies gab ihm Frieden. Wie können wir uns das vorstellen?

Ein treffendes Beispiel hierfür ist Luther. Luther war jemand, der das Wort über alles liebte. Vor seiner Bekehrung hasste er Gott. Aber als er wiedergeboren war, gab ihm Gott ein neues Herz. Dieses Herz liebte Gott und damit auch Sein Wort. Deswegen tat Luther gerne, was Gott will, selbst wenn es für ihn große Nachteile bedeutete. So wie der Psalmist erlitt er auch Widerstand von Fürsten, nämlich auf dem Reichstag zu Worms. Er wurde gezwungen, seine biblischen Schriften zu widerlegen. Obwohl Luther wusste, dass sein Leben auf dem Spiel stand, widerrief er seine Schriften nicht. Warum nicht? Er sagte: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“ Luther fühlte sich dem Wort Gottes und seinem Gewissen verpflichtet. Zu widerrufen, hätte sein Gewissen gequält. Es hätte ihm großen Unfrieden bereitet. So entschied sich Luther nicht zu widerrufen. Ihm war es lieber inneren Frieden inmitten von Verfolgung zu haben, anstelle Unfrieden ohne Verfolgung zu haben.

Auch die meisten unter uns kennen das. Wenn wir eine Entscheidung nach Gottes Willen treffen, dann haben wir Frieden damit, auch wenn uns diese Entscheidung Nachteile und unbequeme Umstände bringt. Uns ist es innerlich wohl, obwohl die äußeren Umstände bedrohlich sind. Unser Inneres wird erfüllt von den Verheißungen aus Gottes Wort und wir bekommen Zuversicht auf einen erfreulichen Ausgang der Not. Wenn wir hingegen etwas tun, wo wir wissen, dass es nicht Gottes Wille ist, verlieren wir den Frieden. Unser Gewissen wird belastet. Wir werden innerlich unruhig. Das Beten fällt uns auf einmal schwer usw.

Der Frieden brachte dem Psalmisten nicht nur innerliches Wohlbefinden. Nein, es erfüllte einen wichtigen geistlichen Zweck. Welchen? Am Ende des Verses heißt es: Sie werden nicht straucheln Der Frieden bewahrte den Psalmisten davor, in der Not zu straucheln. Dass man in der Not einknickt, fängt damit an, dass das Herz voller Unfriede ist. Wenn das Herz von Angst erfüllt ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass man strauchelt. Der Frieden hingegen macht einen in der Not stabil. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel blieb seinem Glauben selbst im KZ treu. Wie konnte er das tun? Er hatte Frieden, der ihn in der Not stabil machte. Diesen Frieden bringt er im Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zum Ausdruck.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort mehr bebte als vor der Situation? Betrachten wir die Verse 166-168: HERR, ich warte auf dein Heil und tue nach deinen Geboten. Meine Seele hält sich an deine Mahnungen und liebt sie sehr. Ich halte deine Befehle und deine Mahnungen; denn alle meine Wegen liegen offen vor dir. Der Psalmist wartete geduldig auf Gottes Rettung. Während des Wartens war er fest entschlossen, sich nach Gottes Wort zu richten. Diese Entschlossenheit bekundet er drei Mal hintereinander mit jeweils unterschiedlichen Ausdrücken „tue nach deinen Geboten“, „Meine Seele hält sich an deine Mahnungen“ und „Ich halte deine Befehle und deine Mahnungen“.

Normalerweise wird man in der Not ungeduldig. Man versucht, sich irgendwie selber zu helfen. Der Psalmist hätte sich zum Beispiel auch mit Lügen wehren können. Er hätte die Fürsten verleumden können. Aber das tat er nicht, weil Gottes Wort ihm das nicht erlaubte. Gottes Wort schlug ihm sozusagen alle Mittel aus der Hand, um sich selber zu helfen. Das Wort Gottes machte ihn mittellos, ja regelrecht hilflos. Anstelle sich selber zu helfen, wartete er geduldig auf Gottes Rettung. Im Vers 174 betet er: HERR, mich verlangt nach deinem Heil. Mit großer Sehnsucht wartete er auf Gottes Rettung.

Ein anschauliches Beispiel für das geduldige Warten auf Gottes Rettung in der Not finden wir im Leben von David. Als David von Saul verfolgt wurde, hatte er zwei Mal die optimale Gelegenheit, Saul zu töten. Aber er tat es nicht, weil er Seine Hand nicht gegen den Gesalbten legen wollte. Anders ausgedrückt, wollte Er nicht gegen Gottes Willen bzw. Seinem Wort handeln. Stattdessen vertraute er darauf, dass Gott zu seiner Zeit Saul beseitigen würde. Anstelle sich selber zu retten, wartete er geduldig auf Gottes Rettung.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort anstelle vor der Not bebte? Betrachten wir die Verse 169 und 170: HERR, lass mein Klagen vor dich kommen; unterweise mich nach deinem Wort. Lass mein Flehen vor dich kommen; errette mich nach deinem Wort. Der Psalmist klagte und flehte zu Gott. Es war keineswegs so, dass der Psalmist die Not locker wegsteckte. Es ist auch nicht ungeistlich, in der Not zu klagen und zu flehen. Es ist zwar ungeistlich, wenn man in der Not zu einem Jammerlappen wird und seinen Kopf in den Sand steckt. Die andere Extreme ist aber, dass man in der Not seine Sorgen., Ängste und Gefühle vor Gott und den Geschwistern verbirgt, sich sozusagen als robusten Glaubenshelden ausgibt. Solche Menschen waren die Männer Gottes in der Bibel nicht. Wir haben an zahlreichen Stellen des Psalms 119 erfahren, wie der Psalm über sein Leiden vor Gott klagt. Auch David, der Mann nach dem Herzen Gottes, heult sich in zahlreichen Psalmstellen regelrecht einen ab. Wie man mit seinen Leiden, Schmerzen und Gefühlen umgehen soll, bringt David im Psalm 62 auf dem Punkt. Er sagt: schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. In der Not soll man Gott sein Herz ausschütten. Alles, was einem besorgt und belastet, sollte man vor ihm ausschütten. Doch nicht mit Verzweiflung sondern mit Glauben. Deswegen endet David mit den Worten: „Gott ist unsere Zuversicht.“ Auch der Verfasser von Psalm 119 endet mit den vertrauensvollen Worten: errette mich nach deinem Wort. Er flehte und klagte, aber mit Glauben an Gottes Wort. Er berief sich in der Not auf Gottes Wort.

Im zweiten Teil der Predigt konnten wir sehen, dass der Psalmist sehr geistlich mit der Not umging. Er konnte dies tun, weil er vor Gottes Wort mehr bebte als vor der Not selbst. Zwischen ihm und dem Wort Gottes herrschte eine tiefe Verbundenheit. Diese tiefe Verbundenheit mit dem Wort Gottes entstand nicht erst in der Not, sondern existierte schon vorher. In der Not wurde diese Verbundenheit mit dem Wort Gottes noch intensiviert. Wie konnte der Psalmist aber zu so einer tiefen Verbundenheit mit dem Wort Gottes gelangen?

Teil III: Die geistliche Abhängigkeit des Psalmisten (V. 176)

So wie der Psalmist mit der Not umging, hätte er allen Grund gehabt, sich für einen großen Mann Gottes zu halten. Umso mehr, wenn wir daran denken, wie sehr er Gottes Wort liebte und wie sehr er darunter litt, wenn Menschen nicht nach Gottes Wort lebten. Umso mehr, wenn wir daran denken, dass er zu Mitternacht aufstand, um Gott für Sein Wort zu danken usw. Eigentlich müsste sich der Psalmist für einen ganz besonderen Knecht Gottes halten, aber mit wem verglich er sich? Lesen wir gemeinsam den Vers 176: Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche deinen Knecht, denn ich vergesse deine Gebote nicht. Genauer übersetzt lautet der erste Teil des Verses: Ich bin in die Irre gegangen wie ein verlorenes Schaf. Anstelle sich mit großen Männern Gottes der Bibel zu vergleichen, vergleicht sich der Psalmist mit jemandem, der sich geistlich verirrt hat. Dieses Irregehen vergleicht er mit dem Irregehen eines Schafes. Was will er damit sagen? Schafe sind dumme und schwache Tiere. Wegen ihres schlechten Orientierungssinnes sind sie immer in Gefahr abzuirren. Sie sind daher ganz auf ihren Hirten angewiesen, ohne den sie nie zu grünen Auen und stillen Wassern finden würden. Was der Psalmist sagt, ist also Folgendes: So wie sich ein Schaf ganz leicht verirren kann, so leicht hatte auch er sich verirrt. Selbst ihm, der so geistlich war, konnte es ganz leicht passieren, dass er geistlich auf Abwege gerät. Offenbar war der Psalmist über sich selbst überrascht. Wie ein Schaf nicht von selbst zurück zur Herde finden kann, so wusste der Psalmist, dass er auch von sich selbst nicht zurück zum Hirten finden kann. Deswegen bat er Gott: suche deinen Knecht. Gott selbst musste ihn wieder zurück auf rechter Bahn bringen. So wie ein Schaf ganz auf seinen Hirten angewiesen ist, so fühlte sich der Psalmist ganz auf Gott angewiesen. Im letzten Vers kommt daher die völlige Abhängigkeit des Psalmisten von Gott zum Ausdruck. Er war so abhängig von Gott, wie ein Schaf von seinem Hirten.

Gerade diese völlige Abhängigkeit von Gott machte den Psalmisten so abhängig von Gottes Wort. Weil er erfahren hatte, dass er sich so leicht irren kann wie ein Schaf, war er umso mehr von Gottes Wort abhängig. Weil er sich so dumm und schwach wie ein Schaf hielt, war er umso mehr auf das Wort Gottes angewiesen. So wie es für ein Schaf verhängnisvoll ist, nicht auf die Anweisungen des Hirten zu achten, so erachtete er es als verhängnisvoll nicht auf das Wort Gottes zu achten. Seine tiefe Abhängigkeit von Gott brachte daher sein Herz zum Beben vor Gottes Wort.

Heißt das nun, dass dem Psalmisten von Gott alles auf dem Schoß fiel? Dass er nichts machen musste, weil er eh „schwach und dumm“ war. Nein, der Psalmist endet mit den Worten: denn ich vergesse deine Gebote nicht. Der Psalmist trachtete stets danach, Gottes Wort festzuhalten und es zu tun. Eben gerade dadurch erkannte er seine Schwachheit bzw. wie sehr auf Gott angewiesen ist, ein gehorsames Leben zu führen. Würde er nicht danach trachten, Gott gehorsam zu sein, dann hätte er auch nie seine Schwachheit erkannt.

Welchen Anwendungen können wir aus den letzten beiden Abschnitten des Psalms ziehen? Lesen wir nocheinmal das Leitwort – Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinem Wort. Wir können in erster Linie von dem Psalmisten seine tiefe Verbundenheit mit dem Wort Gottes lernen. Unabhängig davon, ob wir uns gerade in einer Not befinden oder nicht, wir müssen zu jeder Zeit in Beziehung mit dem Wort Gottes leben. Erinnern wir uns an Jesu Gleichnis vom Hausbau. Gerade dadurch, dass man Jesu Wort hört und tut, ist man in bester Weise auf die Not vorbereitet. Dann können wir selbst in der Not wie der Psalmist voller Freude, Frieden und Lobgesang sein sowie vor ungeistlichen Handlungen bewahrt werden.

Wie können wir aber Gottes Wort tun? Wir sollen in Abhängigkeit von Jesus leben so wie die dummen und schwachen Schafe von ihrem Hirten. Je mehr man seine Schwachheit erkennt und anerkennt, desto mehr kann Jesus durch uns wirken. Je mehr man jedoch auf seine Kraft und Weisheit vertraut, desto weniger kann Jesus wirken. Selbst Jesus, der immer wieder betonte, Sein Wort zu tun, sagte: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh. 15.5).

Das Kreuz macht mehr als alles andere unsere Schwachheit und Versagen deutlich. Denn wegen unserer Sünden wurde Jesus zerschlagen und ans Kreuz gebracht. Gleichzeitig erinnert uns das Kreuz mehr als alles andere daran, dass Jesus der gute Hirte ist, der sein Leben für die Schafe ließ. Es erinnert uns mehr als andere daran, dass Jesus den vollen Willen Gottes vollbracht hat und eben dies auch in unserem Leben tun kann.

Was ist die zweite Anwendung, die wir aus dem Text ziehen können? Lesen wir noch einmal den Vers 164: Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen (V. 164) Wir sollen sooft und soviel wir können, Gott loben. In 1. Thessalonicher 5.16-18 heißt es: Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Gottes Wille ist, dass wir ein dankbares, fröhliches und lobendes Glaubensleben führen. Unabhängig davon, ob wir uns gerade danach fühlen oder nicht. Unabhängig davon, ob wir gerade in Not sind oder nicht. In Hebräer 13.15a heißt es: So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen Gott will, dass wir ihn so wie der Psalmist allezeit selbst in der Not loben. Ein Beispiel hierfür ist der erst kürzlich verstorbene Evangelist Hans Peter Royer. In einem seiner Bücher berichtet er: „Ich erinnere mich noch sehr gut an unsere ersten Ehejahre, wo wir beide extrem mit Allergien zu kämpfen hatten. Wir konnten so manche Nacht nicht schlafen wegen des Juckreizes und saßen viele Stunden wach. Jeder kratzte sich, bis er blutete und der Juckreiz gestillt war. Einige Male, wenn wir um 3.00 Uhr morgens immer noch wach im Bett saßen und uns kratzten, fragte Hannelore verzweifelt: „Was sollen wir nur tun?“ Und meistens antwortete ich: „Lass uns Gott dafür danken!“ Das habe ich mit Sicherheit nicht deshalb gesagt, weil ich mich danach fühlte. […] Warum erzähle ich diese Geschichte? Sicher nicht um jemand mit unseren „Leiden“ zu beeindrucken, sondern um zu zeigen, dass Dankbarkeit im normalen Alltag und unter allen Umständen praktiziert werden kann. Ich kann Gott nicht nur danken, wenn ich durch einen schönen Sonnenuntergang inspiriert werde oder wenn ich ein Tischgebet über ein gutes Essen spreche, sondern ich kann Gott auch im Leid und in Trauer danken.“ (S. 92f)2

In Epheser 5 verrät Paulus ein geistliches Geheimnis, dass sich hinter dem Loben und Preisen Gottes verbirgt. Im Vers 18b und 19 schreibt er: sondern werdet voller Geist, indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern redet und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt! Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nach diesem Vers wird man mit dem Heiligen Geist erfüllt, wenn man Gott viel lobt, besingt und ihm allezeit dankbar ist. In einem dankbaren und fröhlichen Herzen kann der Heilige Geist viel Raum einnehmen. Wer von uns möchte nicht erfüllt sein vom Heiligen Geist? Dann lasst uns Gott viel und allezeit loben und danken.

Es ist nicht nur Gottes Wille, Ihn allezeit zu loben, Er hat uns auch Anlass dazu gegeben, Ihn allezeit zu loben und zu danken. Was ist dieser Anlass? Wir haben diesen Anlass erst vor Kurzem gefeiert, nämlich an Heilig Abend. Heilig Abend erinnert an eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte: Die Geburt Jesu Christi. Nach Lukas pries die Menge der himmlischen Heerscharen Gott, als Jesus geboren wurde. Aus Offenbarung wissen wir, dass es vieltausend mal tausend, also mehrere Millionen von Engeln gibt. Millionen von Engeln wurden zum Lobpreis Gottes bewegt, als Jesus geboren wurde. Warum das? Weil die Geburt Jesu von unermesslicher geistlicher Bedeutung ist. Sie war der eigentliche Startschuss von Gottes großem Erlösungswerk, das Jesus am Kreuz zur Vollendung brachte. Jesus ist geboren, um für uns zu sterben. Wäre Jesus nicht geboren, so würden wir ein hoffnungsloses Leben im Schatten von Sünde, Tod und Teufel führen. Wäre Jesus nicht geboren, so müssten wir in der Angst auf die ewige Verdammnis anstelle in der Freude auf das Ewige Leben leben. Haben die Millionen von Engeln nicht Recht? Ist Jesu Kommen auf dieser Welt nicht Grund Gott allezeit und viel zu loben? Lasst uns beten.

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Quellen:

1 PLOCK, W. (2008, 3. Auflage): Jesus ist der Weg. CLV.

2 ROYER, H. P. (2010, 6. Auflage): Du musst sterben, bevor du lebst, damit du lebst, bevor du

stirbst. SCM Hänssler.

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Fragebogen: Psalm 119,161 – 176 (ש Sin und Shin ת Taw)

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Ich lobe dich des Tages siebenmal

„Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen.“

(164)

1. Wie unterscheiden sich die Fürsten von dem Psalmisten (161)? Wie sehr freute er sich über Gottes Wort (162)? Beschreibe seine Liebe zum Wort Gottes und sein Gebetsleben (163.164).

2. Welches Privileg haben diejenigen, die Gottes Gesetz lieben (165)? Worauf wartete der Psalmist und mit welcher Haltung (166)? Beschreibe sein Leben (167.168).

3. Auf welcher Basis und wofür betete er (169.170)? Welche Freude hatte er (171.172)?

4. Mit welchem Glauben betete er (173)? Wonach verlangte ihn und woran hatte er Freude (174)? Was sagte er über sich und welche Zuversicht hatte er dennoch (175.176)?

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