Predigt: Psalm 119,161 – 176 (ש Sin und Shin ת Taw)

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Freude und Lob in tiefster Not

Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinen Worten

(164)

Im Dezember 2010 geschah in Tunesien etwas, was einen Flächenbrand über viele Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens auslöste. Ein junger Gemüsehändler verbrannte sich selbst, weil er aufgrund der gesellschaftlichen Umstände im Land für sich keine Lebensperspektive mehr sah. Daraufhin kam es zu landesweiten Massenunruhen. Der Dikator wurde recht schnell beseitigt. Nachdem Tunesien es geschafft hatte, seinen Diktator zu beseitigen, wurden auch die autokratischen Systeme in anderen Ländern Nordafrikas durch Proteste, Aufstände und Rebellionen erschüttert. Wir nennen dies den Arabischen Frühling. Als der Arabische Frühling 2011 Ägypten erreichte, kam Mursi für eine Zeit lang an die Macht. Doch schon bald danach gab es auch seinetwegen Aufstände. In Kairo trafen mehrere tausend wütende Anhänger und Gegner aufeinander und lieferten sich erbitterte Straßenschlachten. Zeitgleich mit den Ausschreitungen versammelten sich etwa 1200 Christen in einer Kirche. Sie kamen, um Jesus anzubeten und für das Wohl ihres Landes zu beten. Der Pastor las den versammelten Christen aus der Apostelgeschichte vor, um sie zu ermutigen, sich durch Bedrängnis und Verfolgung nicht die Freude rauben zu lassen. Die Freude, die vor zweitausend Jahren die Herzen der Jünger erfüllte, stärkte und erquickte die Herzen der Christen in Ägypten. Open Door berichtete, dass das Geschrei der zornigen und wütenden Protestierenden von den freudigen Gesängen der Christen in der Kirche übertönt wurde…. Wie man auf Not und Elend reagiert, kann extrem unterschiedlich sein. Da gibt es welche, die so sehr verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Ausweg finden, als sich selbst zu vernichten, wie etwa der Gemüsehändler. Andere sind so verbittert, dass sie keinen anderen Ausweg finden, als andere zu vernichten, wie etwa die Protestierenden. Und dann gibt es auch noch eine kleine Gruppe von Menschen, die inmitten von Not und Elend voller Freude ist und Gott aus tiefstem Herzen lobt. Verzweiflung und Verbitterung – beide Reaktionen auf Not und Elend kann man gut nachvollziehen. Sie erscheinen uns natürlich, ja geradezu menschlich. Dass man aber inmitten des Elends voller Freude ist, erscheint uns geradezu verrückt. Zu diesen besonderen Menschen gehörte auch der Verfasser des Psalms 119. Trotz großer Not war er so voller Freude, dass er Gott siebenmal am Tag lobte. In den letzten beiden Abschnitten seines Psalms erfahren wir insbesondere, wie er in geistlicher Art und Weise mit seiner Not umging. Um von dem Psalmisten zu lernen, werden wir uns mit dem heutigen Text anhand von drei Fragen auseinandersetzen: Erstens, was war die Not des Psalmisten? Zweitens, wie ging der Psalmist mit der Not um? Drittens, was machte ihn in der Not so stark?

Teil I: Die Not des Psalmisten (V. 161a)

Über die Not des Psalmisten haben wir bereits Vieles in den vorausgegangenen Lektionen erfahren. Immer wieder bezeugt der Psalmist, dass er von Fürsten hart bedrängt wurde. Er wurde von ihnen verspottet und verleumdet. Aber das war noch nicht alles. Man trachtete ihm sogar nach dem Leben. Mein Leben ist immer in Gefahr, bezeugt der Psalmist im Vers 109. Dabei kann man sich fragen: „Was hat denn der Psalmist gemacht, dass sich selbst Fürsten gegen ihn auflehnten? Was hat denn der Psalmist angestellt, dass man ihn so sehr hasste?“ Betrachten wir Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund Die Antwort ist: Nichts. Nichts hatte der Psalmist gemacht. Ohne Grund wurde er von den Fürsten verfolgt. Es ist schon schlimm genug, wenn man von mächtigen Menschen verspottet, verleumdet und verfolgt wird. Noch schlimmer ist es aber, wenn es keinen Grund dafür gibt. Wenn man Anlass zum Spott und Verleumdung gegeben hat, kann man ja die Verletzten um Vergebung bitten. Aber was tun, wenn es keinen Grund dafür gibt? Die Jünger Jesu wurden schon immer wegen der Wahrheit verfolgt. Jesus betete daher: Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin (Joh. 17.14). Und einige Verse danach heißt es: Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit (Joh. 17.17).

Ähnlich wie bei den Jüngern Jesu muss es auch beim Psalmisten gewesen sein: Er liebte das Wort, was durch und durch voller Wahrheit ist. Folglich lebte er in der Wahrheit und stand dafür ein. Deswegen wurde er verfolgt. In Wirklichkeit ist es aber kein Grund, jemanden zu hassen, wenn er in der Wahrheit lebt und dafür einsteht. Im Gegenteil, es ist vielmehr ein Grund, solch einen Menschen zu lieben. Deswegen sagte der Psalmist, dass er ohne Grund verfolgt wurde.

Wie ging der Psalmist mit seiner Not um?

Teil 2: Der Umgang des Psalmisten mit der Not (V. 161b – 175)

Wie fühlt man sich, wenn man verfolgt wird? Über seine Erfahrungen darüber schrieb einmal der deutsche Evangelist Wilfried Plock Folgendes: „Über den Zeitraum von ca. sechs Monaten erhielten wir abends und nachts anonyme Anrufe mit teilweise sehr bedrohlichem Inhalt. Meine Frau erwartete zu jener Zeit ein Baby. Wir konnten uns in der Dunkelheit lange Zeit nicht ohne Angst in unserer Wohnung bewegen und erschraken mehrmals bis ins Innerste, wenn zu später Stunde das Telefon klingelte. Wir wissen aus eigener Erfahrung: Angst, welcher Art auch immer, ist etwas Furchtbares.“ (S.41)1 Normalerweise wird man von großer, panischer Angst erfüllt, wenn man verfolgt wird, umso mehr wenn man von Fürsten verfolgt wird. Wie war es aber bei dem Psalmisten? Lesen wir noch einmal gemeinsam den ganzen Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinen Worten. Es wäre mehr als nur verständlich gewesen, wenn der Psalmist sich vor den Fürsten fürchten würde. Aber stattdessen fürchtete er sich vor Gottes Wort, und zwar nur vor Gottes Wort. Es war also nicht so, dass er zum Teil die Fürsten und zum Teil Gottes Wort fürchtete. Er war nicht hin- und hergerissen. Sein Herz fürchtete nur Gottes Wort. Dabei ist das Wort „fürchten“ noch recht harmlos. Andere Übersetzungen sprechen von „beben“ oder „erschrecken“, in den englischen Übersetzungen lesen wir „my heart trembles at your word“ oder „my heart stands in awe of your words“. Das Herz des Psalmisten fürchtete sich nicht nur vor dem Wort Gottes, nein es bebte, es erschrak vor dem Wort Gottes, es begegnete dem Wort Gottes mit Hochachtung. Ein plumpes Beispiel: Stellen wir uns vor, wir würden ein Brief von der Kanzlerin bekommen. Das wird natürlich nie vorkommen, aber angenommen, es wäre so. Gespannt würden wir den Umschlag öffnen, mit klopfendem Herzen das Blatt auffalten und dann nicht nur auf jedes einzelne Wort, sondern auf jeden Punkt und Komma achten. Etwa mit einer solchen Haltung begegnete der Psalmist dem Wort Gottes. Mit großer Ehrfurcht. Hierfür ist der König Josia ein Beispiel. Als er die Worte des Gesetzes hörte, zerriss er seine Kleider. Die Worte des Gesetzes brachten sein Herz zum Beben, sodass er sich und das Volk zur Buße veranlasste.

Dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort bebte, fing nicht erst in der Not an. Vielmehr ist anzunehmen, dass er schon vorher in der Beziehung mit Gottes Wort lebte. In der Not zeigte es sich, wie sehr er Gottes Wort fürchtete. Die Not forderte regelrecht seine Frucht vor Gottes Wort heraus. Gerade in der Not zeigte es sich, dass das Beben vor Gottes Wort nicht nur ein innerer Vorgang ist. Vielmehr kam es bei dem Psalmisten in verschiedenster Weise zum Ausdruck. Dies erfahren wir, wenn wir die nachfolgenden Verse betrachten.

Im Vers 163 bekennt der Psalmist: Lügen bin ich feind, und sie sind mir ein Gräuel; aber dein Gesetz habe ich lieb. Es wäre verständlich gewesen, wenn der Psalmist auf die Verleumdungen der Fürsten mit Lügen reagieren würde. Angst und Wut hätten ihn dazu treiben können. David gebrauchte zum Beispiel die Lüge, als er vor König Saul floh. Den Priester von Nob belog er, dass er im Auftrag des Königs unterwegs sei. Und dem König der Philister zeigte er, was er so als Schauspieler drauf hat. Viele, auch geistliche Menschen, werden, wenn sie verleumdet werden, auf einmal anders. Sie fangen an, diejenigen, die sie verletzt haben, ebenfalls mit Dreck zu bewerfen. Aber gerade so etwas wollte der Psalmist nicht tun. Vielmehr bekannte er Gott: Lügen bin ich feind, und sie sind mir ein Gräuel; aber dein Gesetz habe ich lieb. Auch im Vers 173 bekennt er: ich habe erwählt deine Befehle. Der Psalmist war fest entschlossen, sich auch in der Not nach Gottes Wort zu richten, anstelle menschlich bzw. fleischlich zu handeln. Das Beben vor Gottes Wort bewahrte den Psalmisten davor, auf die Not fleischlich zu reagieren. Das Beben vor Gottes Wort bewahrte ihn davor, sich selber ungerecht zu verhalten.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass der Psalmist vor Gottes Wort anstelle vor der Not bebte? Lesen wir gemeinsam Vers 164: Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen. Der Psalmist konnte gar nicht anders, als Gottes Wort mehrfach, ja sieben Mal am Tag zu loben. Dieser Wunsch, Gott für sein Wort zu loben, war so groß, dass er es im Psalm mehrfach erwähnt. So heißt es auch in den Versen 171 und 172 aus: Meine Lippen sollen dich loben; denn du lehrst mich deine Gebote. Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine Gebote sind gerecht. Wie kann das sein, dass der Psalmist so einen großen Drang danach hatte, Gott für Sein Wort zu loben? Dadurch, dass der Psalmist nicht eigene ungerechte Mittel ergriff, hatte er nichts anderes als das Wort in der Not. Daraus schöpfte er alles, was er für die Not brauchte. Insbesondere in der Not erkannte er, welchen Schatz das Wort Gottes birgt. Aus Gottes Wort schöpfte er Trost und Kraft. Daraus erkannte er Gottes Weisung, wie er sich in der Not verhalten solle. Durch das Wort konnte er auch Gottes Ratschluss erkennen, dass selbst die Not zu seinem Besten dient. Durch Gottes Wort erkannte er auch, dass Gott Richter ist und dass es eine Gerechtigkeit gibt. Kurz gesagt: In der Not war das Wort für den Psalmist sein einziger Halt und Trost. Dies veranlasste ihn Gott immer und immer wieder für sein Wort zu loben.

Dabei lobte der Psalmist Gott nicht nur einmal, auch nicht zweimal, nein siebenmal am Tag. Warum? Weil er so voller Freude über Gottes Wort war. In Vers 162 beschreibt er diese Freude mit der Freude, die man hat, wenn man große Beute macht. Heute würde man sagen, er feute sich über Gottes Wort wie über einen Sechser im Lotto. Ist das nicht erstaunlich? Wie ist das zu erklären? Zum einen bebte der Psalmist vor Gottes Wort, zum anderen freute er sich darüber wie über einen Sechser im Lotto. Menschlich gesehen ist das widersprüchlich, aber geistlich gesehen nicht. Wer Gottes Wort mit Hochachtung begegnet und es daher tut, der wird auch große Freude an Gottes Wort haben. Vor Gottes Wort beben und sich über Gottes Wort überaus freuen – das sind zwei Seiten von ein- und derselben Medalle.

Ob in der Not oder außerhalb der Not der Psalmist konnte allezeit ein lobendes, singendes, dankbares Glaubensleben führen. Seine tiefe Beziehung zum Wort Gottes ermöglichte ihm dies.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor dem Wort Gottes anstelle vor der Not bebte? Betrachten wir Vers 165: Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden nicht straucheln. Der Psalmist hatte Frieden, und zwar großen Frieden. Man könnte auch sagen, er hatte einen tiefen Frieden. Als syrische Flüchtlinge gefragt wurden, was sie sich von Deutschland erhoffen, antworteten mehrere damit, in Frieden zu leben. Diese Hoffnung ist verständlich. Ich würde auch so antworten. Letztendlich birgt sich dahinter aber eine typisch natürliche Gesinnung, die man so beschreiben kann: „Ich bekomme dadurch Frieden, indem ich von meinen Verfolgern in Ruhe gelassen werde.“ Obwohl viele Flüchtlinge hier in Deutschland keine Verfolgungen mehr erleiden, sind die meisten von ihnen doch unzufrieden. Unfrieden macht sich unter ihnen mehr und mehr breit, was u.a. durch Beschwerden und unangemessene Hilfsansprüche zum Ausdruck kommt. Das Besondere bei dem Psalmisten war, dass er inmitten der Verfolgungen Frieden hatte. Dieser Friede kam nicht davon, dass er von seinen Verfolgern in Ruhe gelassen wurde. Er kam davon, dass er Gottes Wort liebte. Sein Herz bebte nicht nur vor Gottes Wort, es pumpte auch für Gottes Wort. Sein Herz war in Gottes Wort verliebt. Weil er Gottes Wort liebte, tat er gerne, was Gott sagt. Eben dies gab ihm Frieden. Wie können wir uns das vorstellen?

Ein treffendes Beispiel hierfür ist Luther. Luther war jemand, der das Wort über alles liebte. Vor seiner Bekehrung hasste er Gott. Aber als er wiedergeboren war, gab ihm Gott ein neues Herz. Dieses Herz liebte Gott und damit auch Sein Wort. Deswegen tat Luther gerne, was Gott will, selbst wenn es für ihn große Nachteile bedeutete. So wie der Psalmist erlitt er auch Widerstand von Fürsten, nämlich auf dem Reichstag zu Worms. Er wurde gezwungen, seine biblischen Schriften zu widerlegen. Obwohl Luther wusste, dass sein Leben auf dem Spiel stand, widerrief er seine Schriften nicht. Warum nicht? Er sagte: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“ Luther fühlte sich dem Wort Gottes und seinem Gewissen verpflichtet. Zu widerrufen, hätte sein Gewissen gequält. Es hätte ihm großen Unfrieden bereitet. So entschied sich Luther nicht zu widerrufen. Ihm war es lieber inneren Frieden inmitten von Verfolgung zu haben, anstelle Unfrieden ohne Verfolgung zu haben.

Auch die meisten unter uns kennen das. Wenn wir eine Entscheidung nach Gottes Willen treffen, dann haben wir Frieden damit, auch wenn uns diese Entscheidung Nachteile und unbequeme Umstände bringt. Uns ist es innerlich wohl, obwohl die äußeren Umstände bedrohlich sind. Unser Inneres wird erfüllt von den Verheißungen aus Gottes Wort und wir bekommen Zuversicht auf einen erfreulichen Ausgang der Not. Wenn wir hingegen etwas tun, wo wir wissen, dass es nicht Gottes Wille ist, verlieren wir den Frieden. Unser Gewissen wird belastet. Wir werden innerlich unruhig. Das Beten fällt uns auf einmal schwer usw.

Der Frieden brachte dem Psalmisten nicht nur innerliches Wohlbefinden. Nein, es erfüllte einen wichtigen geistlichen Zweck. Welchen? Am Ende des Verses heißt es: Sie werden nicht straucheln Der Frieden bewahrte den Psalmisten davor, in der Not zu straucheln. Dass man in der Not einknickt, fängt damit an, dass das Herz voller Unfriede ist. Wenn das Herz von Angst erfüllt ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass man strauchelt. Der Frieden hingegen macht einen in der Not stabil. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel blieb seinem Glauben selbst im KZ treu. Wie konnte er das tun? Er hatte Frieden, der ihn in der Not stabil machte. Diesen Frieden bringt er im Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zum Ausdruck.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort mehr bebte als vor der Situation? Betrachten wir die Verse 166-168: HERR, ich warte auf dein Heil und tue nach deinen Geboten. Meine Seele hält sich an deine Mahnungen und liebt sie sehr. Ich halte deine Befehle und deine Mahnungen; denn alle meine Wegen liegen offen vor dir. Der Psalmist wartete geduldig auf Gottes Rettung. Während des Wartens war er fest entschlossen, sich nach Gottes Wort zu richten. Diese Entschlossenheit bekundet er drei Mal hintereinander mit jeweils unterschiedlichen Ausdrücken „tue nach deinen Geboten“, „Meine Seele hält sich an deine Mahnungen“ und „Ich halte deine Befehle und deine Mahnungen“.

Normalerweise wird man in der Not ungeduldig. Man versucht, sich irgendwie selber zu helfen. Der Psalmist hätte sich zum Beispiel auch mit Lügen wehren können. Er hätte die Fürsten verleumden können. Aber das tat er nicht, weil Gottes Wort ihm das nicht erlaubte. Gottes Wort schlug ihm sozusagen alle Mittel aus der Hand, um sich selber zu helfen. Das Wort Gottes machte ihn mittellos, ja regelrecht hilflos. Anstelle sich selber zu helfen, wartete er geduldig auf Gottes Rettung. Im Vers 174 betet er: HERR, mich verlangt nach deinem Heil. Mit großer Sehnsucht wartete er auf Gottes Rettung.

Ein anschauliches Beispiel für das geduldige Warten auf Gottes Rettung in der Not finden wir im Leben von David. Als David von Saul verfolgt wurde, hatte er zwei Mal die optimale Gelegenheit, Saul zu töten. Aber er tat es nicht, weil er Seine Hand nicht gegen den Gesalbten legen wollte. Anders ausgedrückt, wollte Er nicht gegen Gottes Willen bzw. Seinem Wort handeln. Stattdessen vertraute er darauf, dass Gott zu seiner Zeit Saul beseitigen würde. Anstelle sich selber zu retten, wartete er geduldig auf Gottes Rettung.

Wie kam es noch zum Ausdruck, dass das Herz des Psalmisten vor Gottes Wort anstelle vor der Not bebte? Betrachten wir die Verse 169 und 170: HERR, lass mein Klagen vor dich kommen; unterweise mich nach deinem Wort. Lass mein Flehen vor dich kommen; errette mich nach deinem Wort. Der Psalmist klagte und flehte zu Gott. Es war keineswegs so, dass der Psalmist die Not locker wegsteckte. Es ist auch nicht ungeistlich, in der Not zu klagen und zu flehen. Es ist zwar ungeistlich, wenn man in der Not zu einem Jammerlappen wird und seinen Kopf in den Sand steckt. Die andere Extreme ist aber, dass man in der Not seine Sorgen., Ängste und Gefühle vor Gott und den Geschwistern verbirgt, sich sozusagen als robusten Glaubenshelden ausgibt. Solche Menschen waren die Männer Gottes in der Bibel nicht. Wir haben an zahlreichen Stellen des Psalms 119 erfahren, wie der Psalm über sein Leiden vor Gott klagt. Auch David, der Mann nach dem Herzen Gottes, heult sich in zahlreichen Psalmstellen regelrecht einen ab. Wie man mit seinen Leiden, Schmerzen und Gefühlen umgehen soll, bringt David im Psalm 62 auf dem Punkt. Er sagt: schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. In der Not soll man Gott sein Herz ausschütten. Alles, was einem besorgt und belastet, sollte man vor ihm ausschütten. Doch nicht mit Verzweiflung sondern mit Glauben. Deswegen endet David mit den Worten: „Gott ist unsere Zuversicht.“ Auch der Verfasser von Psalm 119 endet mit den vertrauensvollen Worten: errette mich nach deinem Wort. Er flehte und klagte, aber mit Glauben an Gottes Wort. Er berief sich in der Not auf Gottes Wort.

Im zweiten Teil der Predigt konnten wir sehen, dass der Psalmist sehr geistlich mit der Not umging. Er konnte dies tun, weil er vor Gottes Wort mehr bebte als vor der Not selbst. Zwischen ihm und dem Wort Gottes herrschte eine tiefe Verbundenheit. Diese tiefe Verbundenheit mit dem Wort Gottes entstand nicht erst in der Not, sondern existierte schon vorher. In der Not wurde diese Verbundenheit mit dem Wort Gottes noch intensiviert. Wie konnte der Psalmist aber zu so einer tiefen Verbundenheit mit dem Wort Gottes gelangen?

Teil III: Die geistliche Abhängigkeit des Psalmisten (V. 176)

So wie der Psalmist mit der Not umging, hätte er allen Grund gehabt, sich für einen großen Mann Gottes zu halten. Umso mehr, wenn wir daran denken, wie sehr er Gottes Wort liebte und wie sehr er darunter litt, wenn Menschen nicht nach Gottes Wort lebten. Umso mehr, wenn wir daran denken, dass er zu Mitternacht aufstand, um Gott für Sein Wort zu danken usw. Eigentlich müsste sich der Psalmist für einen ganz besonderen Knecht Gottes halten, aber mit wem verglich er sich? Lesen wir gemeinsam den Vers 176: Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche deinen Knecht, denn ich vergesse deine Gebote nicht. Genauer übersetzt lautet der erste Teil des Verses: Ich bin in die Irre gegangen wie ein verlorenes Schaf. Anstelle sich mit großen Männern Gottes der Bibel zu vergleichen, vergleicht sich der Psalmist mit jemandem, der sich geistlich verirrt hat. Dieses Irregehen vergleicht er mit dem Irregehen eines Schafes. Was will er damit sagen? Schafe sind dumme und schwache Tiere. Wegen ihres schlechten Orientierungssinnes sind sie immer in Gefahr abzuirren. Sie sind daher ganz auf ihren Hirten angewiesen, ohne den sie nie zu grünen Auen und stillen Wassern finden würden. Was der Psalmist sagt, ist also Folgendes: So wie sich ein Schaf ganz leicht verirren kann, so leicht hatte auch er sich verirrt. Selbst ihm, der so geistlich war, konnte es ganz leicht passieren, dass er geistlich auf Abwege gerät. Offenbar war der Psalmist über sich selbst überrascht. Wie ein Schaf nicht von selbst zurück zur Herde finden kann, so wusste der Psalmist, dass er auch von sich selbst nicht zurück zum Hirten finden kann. Deswegen bat er Gott: suche deinen Knecht. Gott selbst musste ihn wieder zurück auf rechter Bahn bringen. So wie ein Schaf ganz auf seinen Hirten angewiesen ist, so fühlte sich der Psalmist ganz auf Gott angewiesen. Im letzten Vers kommt daher die völlige Abhängigkeit des Psalmisten von Gott zum Ausdruck. Er war so abhängig von Gott, wie ein Schaf von seinem Hirten.

Gerade diese völlige Abhängigkeit von Gott machte den Psalmisten so abhängig von Gottes Wort. Weil er erfahren hatte, dass er sich so leicht irren kann wie ein Schaf, war er umso mehr von Gottes Wort abhängig. Weil er sich so dumm und schwach wie ein Schaf hielt, war er umso mehr auf das Wort Gottes angewiesen. So wie es für ein Schaf verhängnisvoll ist, nicht auf die Anweisungen des Hirten zu achten, so erachtete er es als verhängnisvoll nicht auf das Wort Gottes zu achten. Seine tiefe Abhängigkeit von Gott brachte daher sein Herz zum Beben vor Gottes Wort.

Heißt das nun, dass dem Psalmisten von Gott alles auf dem Schoß fiel? Dass er nichts machen musste, weil er eh „schwach und dumm“ war. Nein, der Psalmist endet mit den Worten: denn ich vergesse deine Gebote nicht. Der Psalmist trachtete stets danach, Gottes Wort festzuhalten und es zu tun. Eben gerade dadurch erkannte er seine Schwachheit bzw. wie sehr auf Gott angewiesen ist, ein gehorsames Leben zu führen. Würde er nicht danach trachten, Gott gehorsam zu sein, dann hätte er auch nie seine Schwachheit erkannt.

Welchen Anwendungen können wir aus den letzten beiden Abschnitten des Psalms ziehen? Lesen wir nocheinmal das Leitwort – Vers 161: Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinem Wort. Wir können in erster Linie von dem Psalmisten seine tiefe Verbundenheit mit dem Wort Gottes lernen. Unabhängig davon, ob wir uns gerade in einer Not befinden oder nicht, wir müssen zu jeder Zeit in Beziehung mit dem Wort Gottes leben. Erinnern wir uns an Jesu Gleichnis vom Hausbau. Gerade dadurch, dass man Jesu Wort hört und tut, ist man in bester Weise auf die Not vorbereitet. Dann können wir selbst in der Not wie der Psalmist voller Freude, Frieden und Lobgesang sein sowie vor ungeistlichen Handlungen bewahrt werden.

Wie können wir aber Gottes Wort tun? Wir sollen in Abhängigkeit von Jesus leben so wie die dummen und schwachen Schafe von ihrem Hirten. Je mehr man seine Schwachheit erkennt und anerkennt, desto mehr kann Jesus durch uns wirken. Je mehr man jedoch auf seine Kraft und Weisheit vertraut, desto weniger kann Jesus wirken. Selbst Jesus, der immer wieder betonte, Sein Wort zu tun, sagte: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh. 15.5).

Das Kreuz macht mehr als alles andere unsere Schwachheit und Versagen deutlich. Denn wegen unserer Sünden wurde Jesus zerschlagen und ans Kreuz gebracht. Gleichzeitig erinnert uns das Kreuz mehr als alles andere daran, dass Jesus der gute Hirte ist, der sein Leben für die Schafe ließ. Es erinnert uns mehr als andere daran, dass Jesus den vollen Willen Gottes vollbracht hat und eben dies auch in unserem Leben tun kann.

Was ist die zweite Anwendung, die wir aus dem Text ziehen können? Lesen wir noch einmal den Vers 164: Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen (V. 164) Wir sollen sooft und soviel wir können, Gott loben. In 1. Thessalonicher 5.16-18 heißt es: Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Gottes Wille ist, dass wir ein dankbares, fröhliches und lobendes Glaubensleben führen. Unabhängig davon, ob wir uns gerade danach fühlen oder nicht. Unabhängig davon, ob wir gerade in Not sind oder nicht. In Hebräer 13.15a heißt es: So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen Gott will, dass wir ihn so wie der Psalmist allezeit selbst in der Not loben. Ein Beispiel hierfür ist der erst kürzlich verstorbene Evangelist Hans Peter Royer. In einem seiner Bücher berichtet er: „Ich erinnere mich noch sehr gut an unsere ersten Ehejahre, wo wir beide extrem mit Allergien zu kämpfen hatten. Wir konnten so manche Nacht nicht schlafen wegen des Juckreizes und saßen viele Stunden wach. Jeder kratzte sich, bis er blutete und der Juckreiz gestillt war. Einige Male, wenn wir um 3.00 Uhr morgens immer noch wach im Bett saßen und uns kratzten, fragte Hannelore verzweifelt: „Was sollen wir nur tun?“ Und meistens antwortete ich: „Lass uns Gott dafür danken!“ Das habe ich mit Sicherheit nicht deshalb gesagt, weil ich mich danach fühlte. […] Warum erzähle ich diese Geschichte? Sicher nicht um jemand mit unseren „Leiden“ zu beeindrucken, sondern um zu zeigen, dass Dankbarkeit im normalen Alltag und unter allen Umständen praktiziert werden kann. Ich kann Gott nicht nur danken, wenn ich durch einen schönen Sonnenuntergang inspiriert werde oder wenn ich ein Tischgebet über ein gutes Essen spreche, sondern ich kann Gott auch im Leid und in Trauer danken.“ (S. 92f)2

In Epheser 5 verrät Paulus ein geistliches Geheimnis, dass sich hinter dem Loben und Preisen Gottes verbirgt. Im Vers 18b und 19 schreibt er: sondern werdet voller Geist, indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern redet und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt! Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nach diesem Vers wird man mit dem Heiligen Geist erfüllt, wenn man Gott viel lobt, besingt und ihm allezeit dankbar ist. In einem dankbaren und fröhlichen Herzen kann der Heilige Geist viel Raum einnehmen. Wer von uns möchte nicht erfüllt sein vom Heiligen Geist? Dann lasst uns Gott viel und allezeit loben und danken.

Es ist nicht nur Gottes Wille, Ihn allezeit zu loben, Er hat uns auch Anlass dazu gegeben, Ihn allezeit zu loben und zu danken. Was ist dieser Anlass? Wir haben diesen Anlass erst vor Kurzem gefeiert, nämlich an Heilig Abend. Heilig Abend erinnert an eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte: Die Geburt Jesu Christi. Nach Lukas pries die Menge der himmlischen Heerscharen Gott, als Jesus geboren wurde. Aus Offenbarung wissen wir, dass es vieltausend mal tausend, also mehrere Millionen von Engeln gibt. Millionen von Engeln wurden zum Lobpreis Gottes bewegt, als Jesus geboren wurde. Warum das? Weil die Geburt Jesu von unermesslicher geistlicher Bedeutung ist. Sie war der eigentliche Startschuss von Gottes großem Erlösungswerk, das Jesus am Kreuz zur Vollendung brachte. Jesus ist geboren, um für uns zu sterben. Wäre Jesus nicht geboren, so würden wir ein hoffnungsloses Leben im Schatten von Sünde, Tod und Teufel führen. Wäre Jesus nicht geboren, so müssten wir in der Angst auf die ewige Verdammnis anstelle in der Freude auf das Ewige Leben leben. Haben die Millionen von Engeln nicht Recht? Ist Jesu Kommen auf dieser Welt nicht Grund Gott allezeit und viel zu loben? Lasst uns beten.

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Quellen:

1 PLOCK, W. (2008, 3. Auflage): Jesus ist der Weg. CLV.

2 ROYER, H. P. (2010, 6. Auflage): Du musst sterben, bevor du lebst, damit du lebst, bevor du

stirbst. SCM Hänssler.

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Fragebogen: Psalm 119,161 – 176 (ש Sin und Shin ת Taw)

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Ich lobe dich des Tages siebenmal

„Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen.“

(164)

1. Wie unterscheiden sich die Fürsten von dem Psalmisten (161)? Wie sehr freute er sich über Gottes Wort (162)? Beschreibe seine Liebe zum Wort Gottes und sein Gebetsleben (163.164).

2. Welches Privileg haben diejenigen, die Gottes Gesetz lieben (165)? Worauf wartete der Psalmist und mit welcher Haltung (166)? Beschreibe sein Leben (167.168).

3. Auf welcher Basis und wofür betete er (169.170)? Welche Freude hatte er (171.172)?

4. Mit welchem Glauben betete er (173)? Wonach verlangte ihn und woran hatte er Freude (174)? Was sagte er über sich und welche Zuversicht hatte er dennoch (175.176)?

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Predigt: Psalm 119,145 – 160 (ק Qoph ר Resh)

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Ich wache auf, nachzusinnen über dein Wort

„Ich wache auf, wenn’s noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort.“

(148)

Ich wünsche euch einen gesegneten 2. Advent! Advent ist eine Zeit, in der wir uns an das Kommen unseres Herrn in die Welt erinnern. Es ist eine Zeit des Wartens auf das Fest, an dem wir sein Kommen feiern. Es ist eine Zeit, in der wir verstärkt auf seine Worte hören und ihn im Gebet suchen. In diesem Sinne passt unser heutiger Text auch gut zum Advent. Denn im vorletzten Abschnitt von Psalm 119 bringt der Psalmist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck, wie er auf Gottes Wort hoffte und ihn im Gebet suchte. Wie drückte er seine Sehnsucht nach Gott und seiner Hilfe aus? Lasst uns das gemeinsam erfahren!

I. Erhöre mich, Herr; ich will deine Gebote halten (145-152)

Betrachten wir sein Gebet im Vers 145: „Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, Herr; ich will deine Gebote halten.“ Er ruft zu Gott von ganzem Herzen und bittet ihn um Erhörung. Dabei bekennt er Gott, dass er seine Gebote halten will. Ein dringendes Anliegen drängt ihn dazu, weiter zu beten: „Ich rufe zu dir, hilf mir; ich will mich an deine Mahnungen halten.“ Sein Gebet bringt zum Ausdruck, dass er seine ganze Hoffnung auf Gott und sein Wort gesetzt hat. Deshalb bittet er Gott von ganzem Herzen um Hilfe. Zum anderen sehen wir, dass er mit der Bereitschaft betet, Gottes Worte zu halten. Viele bitten Gott bei diesem und jenem um seine Hilfe, aber sie sind ihrerseits nicht wirklich bereit, auf Gott zu hören und nach seinem Wort zu leben. Der Psalmist aber war fest entschlossen, Gottes Wort zu halten. Daher bildeten sein Gebet und sein Leben mit Gottes Wort eine Einheit. Sein Gebet gründete auf dem Wort Gottes, über das er Tag und Nacht nachsann. „Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich. Ich wache auf, wenn’s noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort“ (147.148). Schon morgens früh kam er vor Gott bat ihn um Hilfe, wobei er seine Hoffnung auf Gottes Hilfe und sein Wort gründete. Er liebte Gottes Wort so sehr, dass er sogar nachts aufwachte, um über Gottes Wort nachzusinnen. Kürzlich habe ich gelesen, dass Erwachsene nachts normalerweise zehnmal oder öfter aufwachen und sich orientieren und dann weiterschlafen, ohne es zu merken. Aber wenn der Psalmist aufwachte, wollte er nicht wieder einschlafen, sondern über Gottes Wort nachdenken. Er liebte Gottes Wort so sehr, weil er dadurch Gott besser kennenlernen konnte, sein Wesen, seine Gnade und seinen Willen. Er sann gerne über Gottes Worte nach, weil es ihm half, Gottes Willen in allen Bereichen zu erkennen, und ihm Kraft gab, auch danach zu leben. Seine Worte „ich will deine Gebote halten“ und „ich will mich an deine Mahnungen halten“ waren nicht nur ein bloßes Bekenntnis seines Willens, sondern Ausdruck seines Gebets, dass Gott ihm dabei helfen möge, Gottes Wort zu halten. Er liebte also Gott so sehr, dass er Gott vom frühen Morgen an von ganzem Herzen darum bat, dass er seine Worte halten kann. So gründete sein Gebet auf Gottes Wort und hatte auch das Halten von Gottes Worten zum Gegenstand.

Was können wir von ihm lernen? Wir können lernen, dass unser Gebet mit Gottes Wort verbunden sein und darin seine Grundlage haben soll. Gottes Wort hilft uns, Gott, sein Wesen und seinen Willen zu erkennen. Je mehr wir auf Gottes Wort hören, desto besser können wir seinem Willen entsprechend beten. Wenn wir auf Gottes Wort hören und ernsthaft trachten, danach zu leben, können unsere Gebete Gott ehren und er kann sie erhören. Viele Verheißungen in der Bibel sagen, dass Gott Gebete gerne erhört. Psalm 4,4 sagt: „Erkennt doch, daß der Herr seine Heiligen wunderbar führt; der Herr hört, wenn ich ihn anrufe.“ Wenn Gläubige ihre Gesinnung aber nicht von Gottes Wort bestimmen lassen, hat Gott Schwierigkeiten, ihre Gebete zu erhören. Im Jakobusbrief hören wir das tadelnde Wort: „Ihr bittet und empfangt nicht, weil ihr in übler Absicht bittet, nämlich damit ihr’s für eure Gelüste vergeuden könnt“ (Jak 4,3). Wenn ein Mensch gar nicht bereit ist, auf Gottes Wort zu hören, betet er entweder gar nicht oder er betet, aber mit verkehrter Gesinnung und Anliegen. Die Bibel sagt in Sprüche 28,9: „Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Gräuel.“ Solche Gebete sind für Gott schrecklich, Gott kann sie nicht ertragen geschweige denn erhören.

Deshalb ist es wichtig, dass unser Gebet mit dem Hören auf Gottes Wort verbunden ist. Als der Psalmist betete, basierte sein Gebet auf dem Wort Gottes, das er entschlossen war zu halten. So soll auch unser Gebet mit dem festen Willen verbunden sein, Gottes Worte festzuhalten und danach zu leben. Wenn wir beten, hört Gott nicht nur unsere Gebetsworte, sondern sieht auch in unser Herz und unser Leben. Unser Gebet und unser Leben sollen eine Einheit bilden. Darum ist es wichtig, dafür zu beten, dass wir Gottes Worte nicht nur hören, sondern sie auch festhalten und danach leben. Jesus sagte am Ende seiner Bergpredigt, dass der, der seine Rede hört und sie tut, einem klugen Mann gleicht, der sein Haus auf Fels baute. An verschiedenen anderen Stellen hat er gelehrt, wie wichtig es ist, dass seine Worte in uns bleiben, z.B. im Gleichnis vom Sämann (Mk 4). In Johannes Kap. 15 lehrt Jesus seine Jünger schließlich: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren“ (Joh 15,7). Möge Gott uns helfen, seine Worte im Alltag festzuhalten und danach zu leben, sodass all unsere Gebete von ihm erhört werden können!

Dies konfrontiert uns gleichzeitig mit der Frage nach der Grundlage bzw. Berechtigung unseres Betens. Wenn Gott das Gebet der Gerechten erhört, das Gebet der Frommen, auf welcher Grundlage können wir dann erwarten, dass er uns erhört? Wenn Gott beim Hören unseres Gebets in unser Herz und in unser Leben sieht, wer kann dann Zuversicht haben, dass Gott ihn erhört? Sind wir nicht schon allzu oft daran gescheitert, seinem Wort entsprechend gesinnt zu sein und zu leben? Wir wissen, dass ein einmaliges Scheitern im Gehorsam uns für immer disqualifiziert, vor Gott zu treten und irgendetwas von ihm zu erbitten. Diese Einsicht erinnert uns daran, dass wir in uns selbst letztendlich keine Grundlage haben, um zu Gott zu beten und irgendetwas von ihm zu erbitten. Die Grundlage dafür liegt nicht in uns, sondern sie wurde uns geschenkt durch den, der auf die Erde kam, um unter uns zu wohnen und uns mit Gott zu versöhnen. Als Jesus auf der Erde war, betete er täglich für den Willen Gottes und lebte selbst tadellos danach. Schließlich kämpfte er im Gebet heftig mit dem Anliegen „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, damit er Gottes Willen auch da gehorchen konnte, auch als es für ihn den qualvollen Tod am Kreuz bedeutete. Als er am Kreuz starb, bezahlte er die Strafe für all unsere Schuld und verschaffte uns das Recht, Gottes Kinder zu heißen. Obwohl wir wegen unserer Sünde jegliches Recht verwirkt haben, irgendetwas von Gott zu erbitten, dürfen wir wegen Jesus jederzeit vor den Vater treten und ihn um alles bitten. Deshalb verhieß Jesus den Jünger schon am Abend vor seiner Kreuzigung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei“ (Joh 16,23b.24). Danken wir Gott für Jesus, durch den er uns dieses Privileg gegeben hat! Lasst uns davon reichlich Gebrauch machen und zum Vater für alle Dinge beten, vor allem dafür, dass wir seine Worte behalten und mit ihm verbunden nach seinem Willen leben können.

Worauf verließ sich der Psalmist, wenn er betete? Betrachten wir Vers 149: „Höre meine Stimme nach deiner Gnade; Herr, erquicke mich nach deinem Recht.“ Er bildete sich nicht ein, dass er ein Recht darauf hätte, von Gott erhört zu werden. Vielmehr betete er im Vertrauen auf Gottes Gnade. Er glaubte, dass Gottes Gnade so groß ist, dass der sein Gebet erhören würde, obwohl er selbst ein Sünder war. Dieses Vertrauen kam nicht einfach aus seinem Gefühl oder seinen Vermutungen. Seine direkt angeschlossene Bitte „erquicke mich nach deinem Recht“ weist darauf hin, dass er sich auch hier auf Gottes Wort stützte. Und er wünschte sich, diese Worte Gottes noch mehr zu hören, die ihn innerlich erfreuten und belebten.

Diese innere Erquickung war für ihn um so wichtiger, da er ganz akute Probleme hatte. Im Vers 150 sagt er: „Meine arglistigen Verfolger nahen; aber sie sind fern von deinem Gesetz.“ Die Leute, die ihn verfolgten, waren arglistig, also betrügerisch und hinterhältig. Und sie nahten sich ihm, sie kamen ihm immer näher. Aber der Psalmist geriet nicht in Panik. Vielmehr brachte er die Bedrohung durch sie erneut vor Gott. Und er betrachtete auch diese Menschen primär nicht aus menschlicher Sicht, z.B. wie stark sie waren, was für Waffen sie besaßen oder wie gut sie vernetzt waren, sondern aus Gottes Sicht. Er sah die Tatsache, dass sie sich von Gottes Gesetz weit entfernt hatten und ihr Trachten und ihr Leben von ganz anderen Dingen bestimmen ließen. So konnte er sie geistlich richtig einordnen und auch ihr böses Verhalten ihm gegenüber verstehen.

Er betrachtete aber nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst aus Gottes Sicht. Er bekannte: „Herr, du bist nahe, und alle deine Gebote sind Wahrheit“ (151). Diese Zuversicht war angesichts der herannahenden Feinde wichtig. So geriet er nicht in Furcht und wurde nicht hilflos, weil er nicht seine Lage berechnete, sondern durch den Glauben an Gottes Wort daran festhielt, dass Gott ihm nahe ist. Auch hier haben wir von ihm zu lernen. Wenn wir in ernste Schwierigkeiten geraten und von Problemen oder Menschen bedroht werden, kann es leicht passieren, dass wir die Lage berechnen und dass unser Herz von unseren berechnenden Gedanken und Gefühlen erfüllt wird. Dann werden wir leicht innerlich hilflos und können nicht mehr im Glauben beten. Aber der Psalmist geriet angesichts der herannahenden arglistigen Verfolger nicht in Sorge oder Angst, weil er die Situation nicht einfach von sich aus betrachtete, sondern sowohl die Feinde als auch sich selbst konsequent aufgrund von Gottes Wort sah. Dadurch blieb ihm bewusst, dass Gott alles unter seiner Kontrolle hat und dass er eines Tages alle Menschen nach seinem Gesetz richten wird. So konnte er auch angesichts der Bedrohungen weiter auf Gott vertrauen und zuversichtlich zu ihm beten, anstatt in Angst hilflos zu werden oder sich selbst in Unrecht zu verstricken.

Was half ihm, selbst in so einer akuten Bedrohung auf Gottes Wort so fest zu vertrauen? Er bekennt im Vers 152: „Längst weiß ich aus deinen Mahnungen, dass du sie für ewig gegründet hast.“ Er hatte durch Gottes Worte erkannt, dass sie nicht nur in einer bestimmten Zeit oder unter bestimmten Bedinungen gelten, sondern immer und ewig. Gott hat seine Mahnungen für ewig gegründet, sodass wir Menschen uns zu allen Zeiten und in allen Situationen darauf verlassen können.

Die meisten von uns haben diese Erkenntnis der Psalmisten auch schon längst erlangt. Trotzdem kommt es bei vielen vor, dass wir sogar bei Problemen, die viel kleiner sind als die arglistigen Verfolger, die dem Psalmisten Gewalt antun wollten, in Sorge und Angst geraten. Wer kann ruhig bleiben im Gebet, wenn böse Männer euch verfolgen und schon am Bismarckplatz oder am Anfang der Landhausstraße sind? Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, dass Gottes Wort zuverlässig ist und ewig gilt, sondern dass wir es in der Not nicht anwenden. Gerade in Schwierigkeiten neigen wir dazu, die Situation mit unseren eigenen Gedanken zu berechnen, und geraten völlig unnötig in Ängste und Sorgen, weil wir uns selbst und unsere Lage nicht aufgrund von Gottes Wort aus Seiner Sicht sehen. Möge Gott uns helfen, Gottes Wort nicht nur theoretisch für wahr zu halten, sondern gerade auch in Problemen auf das Wort zu vertrauen und vertrauensvoll zu Gott zu beten, anstatt in Sorgen und Ängsten zu leben.

II. Erquicke mich durch dein Wort (153-160)

Wofür betete er weiter? Lesen wir gemeinsam die Verse 153 und 154: „Sieh doch mein Elend und errette mich; denn ich vergesse dein Gesetz nicht. Führe meine Sache und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort.“ Angesichts der akuten Bedrohung bat er Gott inständig um Hilfe. Wie massiv die Bedrohung war, zeigt, dass er Gott, ihn zu erretten und zu erlösen. Er beteuerte weiter, dass er Gottes Gesetz nicht vergessen will. Und er bat Gott nicht nur um praktische Rettung vor seinen Feinden, sondern auch um Erquickung durch sein Wort. Die Bitte um Erquickung finden wir in diesem Abschnitt insgesamt viermal – in den Versen 149, 154, 156, 159. Dies zeigt uns, wie wichtig in der Not neben der praktischen Hilfe gerade die innere Hilfe von Gott ist. Erquickung ist nötig, damit unsere Seele nicht in der Not verschmachtet oder unter ihrer Last erstickt, sondern weiter auf Gott schauen und vertrauensvoll beten kann. Wir beten in Nöten oft für die sichtbaren Probleme von uns oder anderen, wo Gottes Hilfe offensichtlich nötig ist; das ist auch gut so. Aber wir dürfen in so einer Zeit Gott auch um Erquickung bitten. Gott will nicht nur das äußere Probleme lösen, sondern er will gerade auch uns selber helfen. Daher können wir Gott zu sagen, wenn wir innerlich müde, kraftlos oder ausgebrannt sind. Wenn es uns an Glauben, an Freude, an Zuversicht und Kraft fehlt, sollen wir beten: „Erquicke mich durch dein Wort!“ Gott wird uns sicher erhören und uns durch sein Wort erquicken, wenn wir ihm Gelegenheit dazu geben. Möge Gott euer Gebet um Erquickung durch sein Wort segnen, wann immer ihr Erquickung braucht!

Wie dachte er über seine Verfolger? Im Vers 155 sagt er: „Das Heil ist fern von den Gottlosen; denn sie achten deine Gebote nicht.“ Er betrachtete die Gottlosen weiter aus geistlicher Perspektive. Sie waren fern von der Errettung. Der Grund dafür war, dass sie Gottes Worte nicht achteten. Weil sie Gottes Wort nicht beachtete, konnten sie weder Gott noch ihre eigene Lage vor ihm erkennen. Da sie ihre Verlorenheit nicht erkannten, fragten sie nicht nach dem Weg zum Heil und erkannten ihn nicht. Der Psalmist dachte daher an sie mit Mitleid, auch wenn sie ihm das Leben schwer machten.

Wie sah er aber seine eigene Lage? Er sagt in Vers 156: „HERR, deine Barmherzigkeit ist groß; erquicke mich nach deinem Recht.“ Hier ist die Übersetzung (KJV) hilfreich: “Great are thy tender mercies, O LORD: quicken me according to thy judgments.” Er vertraute auf Gottes Barmherzigkeit, die groß ist für alle, die ihn suchen. Er vertraute auf Gottes zärtliche Barmherzigkeit. Dadurch konnte er auch in großen Problemen auf Gott Zuversicht haben und auch angesichts seiner endlichen Errettung.

Betrachten wir auch Vers 157: „Meiner Verfolger und Widersacher sind viele; ich weiche aber nicht von deinen Mahnungen.“ Es gab viele Verfolger und Feinde, die seine Sicherheit und sein Leben bedrohten. Aber er blieb bei seiner Entscheidung, sich an Gottes Mahnungen zu halten und nicht davon abzuweichen. Er war nicht versucht, einen leichten Ausweg aus seinen Problemen zu suchen, weil er daran festhielt, dass er nach Gottes Wort leben wollte.

Was ging in ihm vor, wenn diejenigen sah, die Gott und sein Wort verachteten? Er sagt: „Ich sehe die Verächter und es tut mir wehe, dass sie dein Wort nicht halten.“ Er konnte nicht ruhig oder gar gleichgültig bleiben, wenn er diejenigen sah, die Gott und sein Wort verachteten. Es tat ihm weh, dass sie Gottes Wort kannten, es aber nicht hielten. Sie hielten es nicht, weil sie sich selbst mehr liebten als Gott und ihren momentanen Vorteil suchten. Es bereitete ihm Schmerzen im Herzen, dass sie Gott so sehr durch ihren Ungehorsam verachteten. Es tat ihm wohl auch deshalb weh, weil er wusste, was für ein Ende sie sich durch diese Einstellung schließlich zuziehen würden.

Welche Gesinnung bekannte er dagegen über sich selbst? Vers 159 sagt: „Siehe, ich liebe deine Befehle; HERR, erquicke mich nach deiner Gnade.“ Er war ganz anders gesinnt als die Gottlosen. Er liebte Gottes Befehle, weil er Gott liebte und ihn unbedingt ehren und nach seinem Willen leben wollte. Angesichts der vielen Gottlosen bat er Gott erneut um Erquickung nach seiner Gnade. Wenn wir Gott nur oberflächlich lieben, haben wir wenig Schmerzen über den Ungehorsam anderer Menschen und die Verachtung Gottes durch sie. Möge Gott uns helfen, Gott und sein Wort so sehr zu lieben, dass uns der Unglauben und Ungehorsam anderer weh tut. Möge Gott uns dann mit seinem Wort reichlich erquicken und uns Trost und Freude schenken!

Betrachten wir sein abschließendes Bekenntnis im Vers 160: „Dein Wort ist nichts als Wahrheit, alle Ordnungen deiner Gerechtigkeit währen ewiglich.“ Noch wörtlichere Übersetzungen sagen an dieser Stelle „Die Summe deines Wortes ist Wahrheit …“

Gottes Wort ist nichts als Wahrheit. Es ist durch und durch wahr und zuverlässig und gilt ewig. Gottes Wort ist die einzige stabile Basis für unser Denken und unser Leben. Es ist das Einzige, was durch alle Nöte und Schwierigkeiten im Leben trägt und uns selbst im Tod noch errettet. Das war die Grundlage des Lebens des Psalmisten, an der er festhielt und sein Leben konsequent danach führte. Möge Gott auch uns helfen, an Gottes Wort festzuhalten und unser ganzes Leben darauf zu hören und danach zu leben! Lesen wir noch einmal das Leitwort: „Ich wache auf, wenn’s noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort“ (148).

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Fragebogen: Psalm 119,145 – 160 (ק Qoph ר Resh)

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Ich wache auf, nachzusinnen über dein Wort

„Ich wache auf, wenn’s noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort.“

(148)

1. Wie betete der Psalmist und warum (145)? Was hat das Halten von Gottes Mahnungen mit der Erhörung des Gebets zu tun (146)? Wann wachte er auf und warum (147.148)? Weshalb ist es gut, über Gottes Wort nachzusinnen? Was besagt dies über sein Herzensverlangen?

2. Worauf verließ er sich, als er betete (149)? Was glaubte er über seine Rettung? Welche Eigenschaften haben die Verfolger und weshalb richtet Gott sie (150.151)? Was wusste der Psalmist über die Autorität von Gottes Mahnungen (152)?

3. Worum bat er und mit welcher Haltung (153.154)? Warum können die Gottlosen dies nicht erleben (155)? Wodurch geschieht letztlich die Erlösung (156)?

4. Wie war seine Lage und was tat er (157)? Wie litt er und warum (158)? Was bekannte er und worum bat er (159)? Welchen Glauben hatte er bezüglich Gottes Wort (160)?

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