Predigt: Psalm 32 – Gebet

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Das Bekenntnisgebet

„Ich tat dir kund meine Sünde und deckte meine Schuld nicht zu. Ich sagte: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen; und du, du hast vergeben die Schuld meiner Sünde“

(Psalm 32, 5)

In der heutigen Predigt geht es um ein Thema, über das viele Menschen nicht sprechen wollen. Manche nehmen lieber große Nachteile in Kauf, als darüber zu sprechen. Andere werden sogar kriminell, um zu vermeiden, dass dieses Thema an die Oberfläche Licht kommt. Viele verdrängen es bis zum Tod. Auch unter Gläubigen gibt es solche, die bereit sind mit Gott über alles und jenes zu sprechen, aber bloß nicht über dieses Thema. Gleichzeitig ist dieses Thema ein Thema, über das Gott unbedingt, auf jeden Fall sprechen möchte. Das Thema, von dem hier die Rede ist, ist die eigene Schuld. Wer eine gesunde Beziehung zu Gott haben will, muss bereit sein, mit Gott darüber zu sprechen. Anhand von Psalm 32 wollen wir drei Dinge über den Umgang mit der eigenen Schuld nachdenken:
1. Wie sollten wir mit unserer Schuld nicht umgehen?
2. Wie sollten wir mit Gott über unsere Schuld sprechen?
3. Welchen Segen bringt es mit sich, wenn wir mit unserer Schuld in rechter Weise umgehen?

1. Das Verschweigen von Schuld (Verse 3 – 4)
Mit Mord und Ehebruch hatte David große Schuld auf sich geladen. Wie ging David anfangs mit dieser Schuld um? Zu Beginn von Vers 3 heißt es: „Denn als ich es wollte verschweigen…“ David verschwieg zunächst seine Schuld. Er vertuschte und verheimlichte sein Vergehen. Er verdrängte seine Schuld. Er tat so, als wäre nichts gewesen. So mit der eigenen Schuld umzugehen ist eher typisch als untypisch. Die Medien sind voll von solchen Berichten. Nicht selten wird die Schuld selbst dann noch verschwiegen, obgleich sie offensichtlich geworden ist. Aber wie ist es mit uns? Sicherlich kennen wir es alle, Schuld zu verschweigen und zu verdrängen. Wir verschweigen Schuld, weil wir die Folgen fürchten. David bspw. müsste mit Strafe von Gott rechnen. Zudem war es eine große Schande, ja Blamage, als König des Volkes Gottes Ehebruch und Mord begangen zu haben. Was sollten da die eigenen Leute noch von ihm denken, wer würde ihn noch achten? Er würde ja seine eigene Autorität untergraben, seinen eigenen Ruf ermorden.
Aber wurde es dadurch besser, dass David seine Schuld verschwieg? Welche Erfahrung machte David? Betrachten wir weiter die Verse 3 und 4. David schrie Tag und Nacht. Wer sich so verhält, empfindet nicht nur irgendwelche Schmerzen, sondern eher Qualen. Sein Schreien Tag und Nacht ließ seine Gebeine verschmachten, machte ihn also kraftlos. Er fühle sich wie einer, der stundenlang in der Wüste ohne Wasser ist – total ausgepowert. Sein Saft vertrocknete, er hatte also keine Lebenskraft mehr. Und das Erschreckende bei alldem – David erkannte, dass diese Pein von Gott höchstpersönlich kam. Gott hatte ein Problem, ja sogar ein sehr großes Problem damit, dass David seine Schuld verschwieg. Gott legte seinen Finger so lange in die Wunde, bis David damit aufhörte, seine Schuld zu verschweigen.
Viele Menschen hoffen, dass mit der Zeit Gras über ihre Vergehen wächst. Sie wollen geschehene Fehler ungern noch einmal aufwärmen, einfach vergessen lassen. Doch Gott ist anders. Im Stammbaum Jesu, also ca. 1000 Jahre später, erwähnt der Heilige Geist noch einmal explizit den Ehebruch Davids. Unsereiner würde wohl sagen: „Muss das denn sein?“ Oder wie ist mit den Fehlern des Volkes Israels? Dessen Fehler werden im Alten Testament breit und offen dargelegt. Ein Großteil des Alten Testaments berichtet über die Sünden des Volkes Israels. Gott hatte Israel als Sein Volk bezeichnet und David als einen Mann nach seinem Herzen. Daher warf er beiden vor, dass ihretwegen sein Name verlästert wird (Röm 2,24; 2.Sam 12,14). Deren Sünden waren eine Schande für Gott. Aber obwohl das so war, vertuschte Gott deren Sünde nicht, sondern legte sie vor aller Öffentlichkeit dar, für alle Menschen zu allen Zeiten lesbar. Ist das nicht bemerkenswert? In 1. Johannes 1,15 heißt es: „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis“. Halten wir also fest: Gott hat ein großes Problem damit, wenn Menschen ihre Schuld vertuschen. Er selbst tut es nicht, weil es seinem Wesen als Licht widerspricht.
Daher ist es keineswegs der gesegnete Weg, seine Schuld zu vertuschen. Gott kann auch in unserem Leben Leiden gebrauchen, um uns auf gewisse Schuld hinzuweisen. Zudem hat Gott etwas in uns hineingelegt, das uns belastet, wenn wir Schuld verbergen. Es gehört zu den Eigenschaften, die uns als Abbild Gottes auszeichnen. Andere Lebewesen auf dieser Erde haben es nicht – kurz: das Gewissen. Im Bibelstudium erzählte ich von einer gläubigen Frau, die mit einem ungläubigen Mann verheiratet war. Mit der Zeit wurde ihr Mann psychisch krank, so sehr, dass sich die Frau um ihr eigenes Leben fürchten musste. Das ging mehrere Jahre lang, bis rauskam, dass der Mann fremdging. Sein jahrelanges Verschweigen seiner Sünde hatte ihn krank gemacht. Offenbar hatte ihn die Gegenwart seiner Frau ständig an seine Schuld erinnert. Jeder liebevolle Anblick seiner Frau war wohl ein Stich in sein Gewissen. Nachdem es rauskam, sagte die Frau: „Da wurde mir klar: Sünde macht krank.“ Das Verschweigen von Schuld ist wie ein Splitter, den man lässt. Je länger man damit wartet, desto schlimmer wird es. In einem Traktat des Missionswerkes Werner Heukelbach wird unbereinigte Schuld mit dem Bild eines Steins im Schuh veranschaulicht:

Steine gehören nicht in Schuhe und Sand nicht ins Getriebe. Das eine verursacht Blasen an den Füßen und das andere ein Knirschen in der Gangschaltung. Beides scheuert, beides stört erheblich. Es muss kein großer Stein sein – was ihn aber so unangenehm werden lässt, ist seine beharrliche Wirkung.
Da gibt es Dinge im Leben, die scheuern ähnlich wie ein Stein im Schuh. Aber du ignorierst sie und gehst weiter, bis das rohe Fleisch zutage tritt. Es gibt nichts Dümmeres als das, doch irgendwie kriegst du die Kurve nicht, um die Sache zu klären.Doch jemand sieht dich leiden und bietet dir ein Pflaster an. Aber du schüttelst den Kopf und sagst: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Dir reicht jemand die Salbe, doch stolz lehnst du ab: „Alles gut, brauch ich nicht!“ Sind Steine im Schuh etwa da, dein ganzes Leben kaputt zu machen? Geh und deck dein Fehlverhalten auf, zieh den Latschen aus und entferne das, was scheuert. Erleichtere dein Gewissen! Geh nicht nur zur Polizei, geh auch zu Gott.1

Nach 1. Johannes 1,6 hat Gott keine Gemeinschaft mit denen, die in der Finsternis wandeln. Gott entzieht solchen die Gemeinschaft. Die Beziehung mit Gott ist dann gestört, was dazu führt, dass man Unfrieden bzw. innere Unruhe erlebt. Daher die Frage: Wie gehen wir mit unserer Schuld um? Gibt es auch bei uns vertuschte, unbereinigte Schuld?
Es gibt aber auch positive Beispiele, in denen Schuld nicht verschwiegen, sondern öffentlich dargelegt wurde: Der christliche Autor und Apologet Ravi Zacharias wurde für seine Weisheit bewundert. Er galt wohl als Salomo unserer Zeit. Doch später kam heraus, dass sich Ravi Zacharias des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatte. Ravi Zacharias selbst hatte seine Schuld nicht zugegeben. Bemerkenswert ist aber, wie dessen gleichnamiges Institut damit umging. Auf der Homepage nimmt es Stellung zu seinem Vergehen:

(…) Als Team des Zacharias Instituts sind wir bestürzt und entsetzt über das, was da ans Licht kommt. Unser Mitgefühl und unsere Solidarität sind mit den Opfern, denen unfassbares Leid zugefügt wurde. Wir sind dankbar, dass die Wahrheit ans Licht kommt, auch wenn sie schmerzhaft ist. Nur eine vollständige, schonungslose Aufklärung entspricht den Werten der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, die für uns als Christinnen und Christen zentral sind. Wir wollen uns von der Treue zu Jesus leiten lassen. Ihm gilt unsere Berufung und ihm vertrauen wir uns an.2

Der offene und aufrichtige Umgang des Instituts mit der Schuld seines Gründers ist bemerkenswert und vorbildlich. Damit kommen wir auch schon zum 2. Teil der Predigt: Wie gehen wir richtigerweise mit unserer Schuld um?

2. Das Bekennen von Schuld (Vers 5)
Betrachten wir Vers 5. Während sich David auf Gedeih und Verderb mehr als ein halbes Jahr geweigert hatte, seine Schuld zuzugeben, sagte er nun: „Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen.“ Gott hatte David zu dem Punkt gebracht, dass er willig seine Schuld bekannte. Gott drückte sozusagen auf den Abszess seiner Sünde so lange, bis der Eiter endlich rauskam. Damit hatte Gott an David nicht als ein Feind, sondern als guter Arzt gehandelt. Gottes erstes Medikament an David war das Bekennen. Das Bekennen ist zwar ein Medikament mit Nebenwirkungen – denn es bringt durchaus Nachteile für uns mit, aber es ist ein sehr wirksames Medikament. Das sehen wir am Ende von Vers 5: „… und du, du hast vergeben die Schuld meiner Sünde.“ Dies ist wirklich erstaunlich! Mit seinem Mord und Ehebruch hatte sich David krass gegen Gott versündigt. Als Sahne obendrein hatte er es auch noch monatelang verschwiegen. Doch sobald David Gott seine Schuld bekannte, vergab Gott ihm im Nu. Das zeigt, wie wirkungsvoll das Bekennen der eigenen Schuld ist. Man kann das in der Geschichte von der Begegnung mit Nathan nachlesen. Nach der Zurechtweisung Nathans sagte David: „Ich habe gegen den HERRN gesündigt!“ Unmittelbar darauf erwiderte Nathan mit den Worten: „So hat auch der HERR deine Sünde hinweggenommen; du sollst nicht sterben! Doch weil du den Feinden des HERRN durch diese Sache Anlass zur Lästerung gegeben hast, so wird auch der Sohn, der dir geboren wurde, gewisslich sterben!“ (2. Samuel 12,13.14) Unmittelbar nach Davids Bekenntnis vergab Gott seine Schuld, ersparte ihm aber nicht die Konsequenzen seiner Sünde. Diese Konsequenzen sind keine Rache Gottes, sondern u.a. eine Erziehungsmaßnahme Gottes.
Gott vergibt auch uns unmittelbar nach unserem Bekenntnis. In 1. Johannes 1,9 haben wir es ja in schwarz auf weiß: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“ Der richtige Umgang mit Schuld ist also das Bekennen.
Allerdings müssen wir gut verstehen, was die Bibel mit „Bekennen“ meint. Warum sage ich das? Es gibt eine Geschichte in der Bibel, die einige Parallelen zu der Begebenheit der Begegnung Davids mit Nathan aufweist. Es ist die Geschichte von Saul und Samuel in 1. Sam. 15. In dieser Geschichte geht es ebenfalls darum, dass der König sündigt. Wie David wird auch Saul von einem Propheten zurechtgewiesen. Bemerkenswerterweise verwendet Saul ähnliche Worte wie David. Er sagte: „Ich habe gesündigt, dass ich des HERRN Befehl und deine Worte übertreten habe; denn ich fürchtete das Volk und gehorchte seiner Stimme.“ Aber dann kommt es zu einem großen Bruch der Parallelität dieser beiden Geschichte: Während Nathan David die Vergebung seiner Sünden zuspricht, sagte Samuel zu Saul: „Ich will nicht mit dir umkehren; denn du hast des HERRN Wort verworfen, und der HERR hat dich auch verworfen, dass du nicht mehr König über Israel seist.“ In diesen Worten ist nicht die leiseste Spur von Vergebung. Warum? Dem ersten Eindruck nach wirkt das Bekenntnis von Saul sehr fromm, aber in Wirklichkeit war es kein echtes Bekenntnis. Dies wird deutlich, wenn wir einmal Sauls Worte mit Davids Worten vergleichen:

Vor diesem Hintergrund müssen wir gut verstehen, was David meint, wenn er das Wort „bekennen“ gebraucht. Ein wichtiges Kennzeichen eines echten Bekenntnisses ist, dass es die Sünde nicht rechtfertigt. Menschen haben die Neigung, die Ursache ihrer Sünden auf andere oder bestimmte Umstände zu schieben. Doch nach der Bibel kann Sünde nie gerechtfertigt werden.
Wenn wir uns in schwierigen Umständen befinden, ist Gott mitfühlend und weiß genau, was wir durchmachen, aber Gott lässt diese Umstände nicht als Entschuldigung fürs Sündigen zu. Man muss das eine von dem anderen unterscheiden. Dafür gibt es mehrere Beispiele in der Bibel: Jesus verstand den Lebensdurst der samaritanischen Frau sehr gut, sodass er ihr das wahre Wasser anbot. Aber als er mit ihr über ihre Sünde spricht, entschuldigt er sie in keiner Weise. Er konfrontierte sie ohne Blatt vorm Mund damit, dass sie bereits ihren sechsten Mann hat. Oder hier ein anderes Beispiel: Als Elia aus Angst vor Isebel floh, ging Gott mit ihm sehr mitfühlend um. Ein Engel berührte ihn und gab ihm zu essen. Dasselbe ein zweites Mal. Aber wisst ihr, was das erste war, das Gott zu Elia sagte, als Elia etwa nach 40 Tagen endlich ankam: „Was tust du hier, Elia?“ (1. Kö 19, 9.13). In unseren schwierigen Umständen, Leiden und Herausforderungen fühlt Jesus mit uns, lässt sie aber nicht als Entschuldigung für die Sünde zu. Jesus hat kein Verständnis für Sünde. Um das besser zu verstehen, ein Gedankenexperiment: Beim Erdrücken einer Zitrone kommt Saures. Die meisten würden wohl sagen: „Es kam Saures, weil man die Zitrone erdrückt hat.“ Aber strenggenommen ist das nicht richtig. Denn würde ich dasselbe mit einer Banane tun, dann würde Süßes rauskommen. Aus der Zitrone kommt Saures heraus, weil in der Zitrone Saures ist. Das Drücken macht lediglich offenbar, was in der Zitrone ist, ist aber nicht die Ursache dafür. Ebenso verhält es sich auch mit uns und den Umständen: Die Umstände offenbaren lediglich, was in uns ist, sind aber nicht die Ursache für die Sünde. Halten wir also fest: Echtes Bekenntnis lässt keine Rechtfertigung von Sünde zu.
Was sind weitere Merkmale eines echten Bekenntnisses? Bevor ich darauf eingehe, sollte eins vorab gesagt werden: Es geht nicht darum, aus dem Bekennen etwas Kompliziertes zu machen. Intuitiv wissen wir wohl alle, was Bekennen ist. Aber weil Menschen aufgrund ihrer sündhaften Natur allzu schnell dazu neigen, sich selbst zu betrügen, muss doch darüber gesprochen werden, was ein echtes Bekenntnis ausmacht. Zu aufschlussreichen Antworten hierzu kommen wir, wenn wir einmal mehrere Bußgebete aus der Bibel miteinander vergleichen (Neh. 9, Dan. 9, Esr. 9, Ps. 51):

  1. Anstatt die Sünde zu rechtfertigen, erkennen und bekennen die Beter, wie schlimm das ist, was sie getan haben.
  2. Sie ergreifen gegen sich Partei und geben Gott ohne Wenn und Aber Recht. Nach dem Motto: „So wie wir uns dir gegenüber verhalten, ist wirklich unterste Schublade. Deine Strafe über uns ist vollkommen gerecht.“ So reden kann man nur, wenn man echte Sündenerkenntnis hat.
  3. Eine weitere Gemeinsamkeit ist mir in den Gebeten von Esra und Daniel aufgefallen. Anstatt die Umstände zu nennen, die ihre Sünde vermeintlich entschuldigt, nennen sie eher Gründe, warum sie die Sünde eher nicht hätten tun sollen (Esra 9,13-14; Dan 9,10-12). Es lohnt sich einmal vor Augen zu führen, welche geistlichen Hilfen Gott einem im Leben schon gegeben hat, um seine Sünde im rechten Licht zu sehen. In meinem Fall wären das z.B. ca. 14 Jahre Bibelstudium, eine abgeschlossene theologische Ausbildung, die vielen Predigten, die ich gehört oder selbst geschrieben habe, das Privileg, den meisten Teil meiner Zeit in einem gläubigen Umfeld sein zu dürfen, weil auch mein Arbeitgeber christlich ist, hinzu kommen die vielen Erfahrungen mit Gott seien es Gebetserhörungen, Glaubenserfahrungen oder einfach die Erfahrung, welche schrecklichen Konsequenzen Sünde mit sich bringt u.v.m. Angesichts dieser vielen Hilfen Gottes müsste ich eigentlich geistlich schon weiter sein.
  4. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass es in 3 der 4 Gebete um Sünden ging, die fast alle vom Volk taten. In so einem Fall kann man leicht denken: „Naja, jeder macht das ja. Dann kann das ja nicht so schlimm sein.“ Die Beter dieser Bußgebete hatten verstanden, dass die Schuld nicht dadurch weniger wird, wenn jeder Gottes Gebote missachtet. Denn Gott nimmt nicht die anderen, sondern seine Heiligkeit zum Maßstab.

Soweit einige Kennzeichen eines echten Bekenntnisses. Das griechische Wort für Bekennen lautet „homologeo“. Darin steckt die Vorsilbe „homo“ drin. „Homologeo“ heißt eigentlich: „Das Gleiche sagen“. Bekennen ist nichts anderes als „das Gleiche sagen“. Im Falle eines Vergehens spreche ich so wie derjenige, dem ich das Unrecht angetan habe. Und eben genau das sehen wir in allen vier Bußgebeten. Sie reden über ihre Sünde so, wie es Gott tun würde. Und geradeso sollten auch wir mit Jesus über unsere Sünden sprechen. Es ist kein Zufall, dass Psalm 32 an mehreren Stellen die Aufrichtigkeit betont. In Vers 2 spricht David von einem, in dessen Geist kein Trug ist. Am Ende von Vers 11 spricht David von denen, die von Herzen aufrichtig sind (Elberfelder-Übersetzung). Jesus Christus spricht: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße“ (Lk. 5,32). Wenn ich Jesus meine Sünde bekenne, aber im Hinterkopf meine: „Ja, aber eigentlich ist das verständlich, dass ich mich so oder so verhalten habe“, dann komme ich nicht als Sünder, sondern als Gerechter zu Jesus. Dann bin ich wie ein Kranker, der zum Arzt geht und ihm sagt: „Eigentlich ist mit mir alles in Ordnung“. Der Arzt würde dann wohl sagen: „Ja, was willst du dann von mir?“ Noch einmal: Jesus ist für die Sünder, nicht für die Gerechten gekommen. Wer die Begegnung mit diesem Jesus haben will, muss aufrichtig zu ihm kommen. Lasst uns allezeit mit Jesus aufrichtig über unsere Sünden sprechen, eben so darüber sprechen, wie Er es tun würde.
Was sind die Resultate eines aufrichtigen Bekenntnisses? Lasst uns das im 3. Teil der Predigt betrachten.

3. Der Segen der Sündenvergebung (Verse 1-2; 6 – 10)
Eine Umfrage zum Thema, was den Menschen wirklich glücklich macht, ergab dieses Ergebnis³:
Zu einer ganz anderen Antwort kommt David in seinem Psalm. Laut der Elberfelder-Übersetzung heißen die Verse 1 und 2 so: Glücklich, wem Übertretung vergeben, wem Sünde zugedeckt ist! 2 Glücklich der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet und in dessen Geist kein Trug ist! Was den Menschen wahrhaft glücklich macht, ist die Sündenvergebung. David spricht hier aus eigener Erfahrung. Er gibt Zeugnis darüber, wie großartig es ist, die Sünden vergeben zu bekommen. Weil David so sehr unter der Sünde litt, freute sich David auch über die Maße an der Sündenvergebung. Diese Freude können auch alle erfahren, die mit ihrer Schuld aufrichtig umgehen. So wie David können sie dadurch überglücklich werden, überglücklich darüber, dass ihre Sünden bedeckt sind, überglücklich darüber, dass der heilige Gott ihnen die Sünden nicht zurechnet, überglücklich darüber, dass in ihrem Geist kein Falsch mehr ist – d.h. da ist keine unbereinigte Schuld, es steht nichts mehr zwischen einem selbst und Gott. Eben das ist so unglaublich befreiend, unglaublich entlastend, gibt Frieden und innere Ruhe.
Wie die Umfrage nahelegt, können aber wohl die meisten Menschen die Freude Davids nicht nachempfinden. Woran liegt das? Viele Menschen können die Freude Davids nicht nachempfinden, weil sie auch nicht unter der Schuld ihrer Sünde leiden. Sie leiden unter den Konsequenzen ihrer Sünde, aber nicht so sehr unter der Schuld ihrer Sünde, weil sie sehr kreativ darin sein können, ihr Schuldbewusstsein zu unterdrücken. Sie betrügen sich selbst, die einen durch Rechtfertigung, anderen durch ein vermeintliches Aufwiegen mit Hilfe von guten Taten usw. Da ist kein Verlangen nach Vergebung und somit auch keine Wertschätzung von Vergebung da. Solche Menschen werden nicht erfahren, was wahres Glück ist. Wie sich aus der Umfrage schließen lässt, ist es vielen ein Geheimnis, was sie wahrhaft glücklich macht – ein Geheimnis, das nur diejenigen kennen, die mit Jesus aufrichtig über ihre Sünde sprechen. Sie bekommen eine großartige Einladung von Jesus. Diese Einladung lautet so: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ (Mt. 11,28). Halten wir also fest: Echtes Bekenntnis der Schuld bringt Freude aufgrund der Vergebung.
Weitere Auswirkungen eines echten Bekenntnisses erfahren wir in den Versen 6 bis 10, auf die ich kurz eingehen möchte. Vers 6 leitet mit dem Wort „deshalb“ ein. Deshalb, weil David diese Erfahrung mit der Sündenvergebung gemacht hat, werden auch andere, ja sogar alle Frommen zu Gott beten, wenn sie wegen ihrer Sünde oder auch allgemein in Not sind. David verstand, dass sein Zeugnis von der Gnade Gottes für andere eine Ermutigung sein wird, ihre Sünden aufrichtig Gott zu bekennen. Auch deine und meine Erfahrungen mit der Gnade der Vergebung kann anderen Zuversicht und Mut geben, aufrichtig ihre Sünden Gott zu bekennen. In den Versen 7 und 8 ist von einem gegenseitigen Bekenntnis zwischen Gott und David die Rede. David ehrt Gott damit, dass er Gott als seinem „Schirm“ sein vollstes Vertrauen schenkt. Gott verspricht David, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, indem er David Leitung und Bewahrung garantiert. Was zeigt das? Unbereinigte Schuld macht die Beziehung zwischen Gott und Mensch kaputt, doch bereinigte Schuld macht die Beziehung mit Gott inniger und vertrauter.
In den Versen 9 und 10 richtet David sein Appell an die Gottlosen. Er ermahnt sie, nicht dickköpfig gegenüber Gott zu sein. Das bereitet einem nur Plagen. David spricht hier aus eigenen Erfahrungen. Er war mehrere Monate lang dickköpfig gewesen, hörte nicht auf die Stimme seines Gewissens. Dann musste Gott ihm Leid zufügen. Gott hatte an David sozusagen Zaum und Gebiss angelegt, damit David endlich zu ihm kommt. Was zeigt das? Eigene Erfahrungen mit der Sündenvergebung erwecken das Anliegen, andere, die in Sünde leben, zu ermahnen, nicht länger unverständig zu sein, sondern mit ihren Sünden zu Gott zu kommen und sich dadurch viel Leid zu ersparen.
Im Vers 11 schließt David seinen Psalm mit einem Aufruf an die Frommen, sich zu freuen, ja sogar zu jubeln. Warum? Dem Kontext des Psalms nach zu urteilen muss der Grund darin liegen, dass ihnen die Sünden vergeben worden sind. Sündenvergebung ist ein Grund zur Freude, ja sogar zum Jubel! Jedem, dem die Sünden vergeben worden sind, hat Grund zur Freude, zu übergroßer Freude!
Die in den Versen 3 und 4 beschriebenen Leiden sind ein Typus für die Leiden Christi am Kreuz: Am Kreuz verschmachteten Christus die Gebeine, am Kreuz lastete Gottes Hand auf Jesus anstelle auf uns, am Kreuz vertrocknete Jesu Lebenssaft. Und wozu machte Christi all das durch? Damit wir nicht mehr über unsere Sünde schweigen müssen. Lasst uns beten.
_________
1 Aus dem Traktat: „Stein im Schuh plus“. Stiftung Missionswerk Werner Heukelbach.
2 https://zachariasinstitut.org/ressource/vorwuerfe-gegen-ravi-zacharias/
3 IfD Allensbach © Statista 2019

 

 

 

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Fragebogen: Psalm 32 – Gebet

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Bekenntnis

Der große Kirchenvater Augustinus hatte eine Gruppe von sieben Psalmen als Bußpsalmen zusammengestellt. Es handelt sich hierbei um die Psalmen 6, 32, 38, 51, 102, 130 und 143. Innerhalb der christlichen Tradition wurden diese Bußpsalmen häufig in der Fastenzeit gelesen und gebetet. Der bekannteste von diesen Bußpsalmen ist vermutlich Psalm 51. Heute betrachten wir den Psalm 32.

Wie würdest du diesen Psalm gliedern?
Kannst du den Inhalt der Abschnitte kurz zusammenfassen?
Welche Entwicklung kannst du in diesem Psalm sehen?

David bekennt in diesem Psalm seine Sünden und erfährt, wie Gott ihm vergibt. Was muss er diesbezüglich verstanden haben?
Bist du in der Lage, einen großen Bogen zu spannen (der gesamt-biblische Kontext)?
(Hinweis: denke darüber nach, auf welcher Grundlage allein Gott die Sünden vergeben kann).

Wie die letzten Male: welche Inspiration findest du in diesem Psalm für dein Gebet?
Welche Rolle spielt das Bekennen von Sünden in deinem Gebet?
Was und wie kannst du das in deinem (Gebets-)Leben praktizieren?

 

 

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Predigt: Psalm 14 – Gebet

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Weisheit für unsere Zeit

„Der Tor sagt in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott. Sie handeln verderbt, handeln abscheulich; da ist keiner, der Gutes tut.“

(Psalm 14,1 )

Wir lesen heute einen sogenannten Weisheitspsalm. Psalm 111,10 sagt: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit. / Gute Einsicht ist sie allen, die danach handeln. Sein Lob hat Bestand für immer.“ Wir finden in unserem Psalm sprichwörtlich Weisheit. Es geht darum, Gott zu fürchten, weil das der Anfang aller Weisheit ist. Oder umgekehrt formuliert, Vers 1 von unserem Text sagt: „Der Tor sagt in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott. Sie handeln verderbt, handeln abscheulich; da ist keiner, der Gutes tut.“ Gott zu verleugnen oder zu ignorieren, ist die Definition von Dummheit; nicht deshalb, weil es unintelligent oder hirnverbrannt ist. Es ist Dummheit im Sinne von als Gegenteil von Weisheit; Dummheit, weil es realitätsfremd ist.
Das Problem ist, dass es nicht nur unweise ist, Gott auszuklammern. Es bringt tiefgreifende Probleme mit sich: die menschliche Bosheit. Und weil diese Aussage sehr leicht missverstanden werden kann, muss ich gleich sagen, was ich damit nicht meine: Ich sage nicht, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, die Bösen sind; ich sage auch nicht, dass Atheisten in irgendeiner Form schlechtere Menschen sind; ich sage noch nicht einmal, dass man an Gott glauben muss, um gute Dinge zu tun. Das, was die Bibel sagt, ist, dass das fundamentale Problem der Menschheit, darin besteht, dass sie leben, als ob es keinen Gott gibt. Es ist der Ursprung aller Verlorenheit.
Der Text zeigt uns drei Dinge in Bezug auf diese Verlorenheit: erstens, die Verlorenheit draußen; zweitens, die Verlorenheit drinnen; und drittens, Gottes Rettung inmitten dessen.

1. Die Verlorenheit draußen

In Vers 4 beklagt sich der Psalmist: „Haben denn all die Übeltäter keine Einsicht? / Sie fressen mein Volk, als äßen sie Brot.“ Und in Vers 6 ist von den Armen die Rede. Eine Konsequenz, in der sich Gottlosigkeit äußert, ist das Leiden unschuldiger Menschen durch die Hand ihrer Unterdrücker. Unter der Bosheit leiden die Menschen, die sich nicht verteidigen können. Die Armen leiden unter den Reichen; die Kleinen werden von den Großen niedergehalten; die Wehrlosen werden von den Wehrhaften tyrannisiert; die Schwachen werden von den Starken aufgefressen. Nicht nur das, David sagt: „Sie fressen mein Volk, als äßen sie Brot.“ Es geschieht mit einer grotesken Selbstverständlichkeit.
Normalerweise versuche ich das, was die Bibel sagt durch Beispiele zu illustrieren; sei es durch Filme, Literatur oder aktuelle Ereignisse. Der Grund, weshalb ich immer versuche, das, was die Bibel sagt, durch Illustrationen zu untermauern, ist der, dass ich zeigen möchte, dass das, was die Bibel sagt, nichts von ihrer Relevanz verloren hat. Die Bibel mag alt sein, aber sie ist nicht altmodisch.
In den letzten Tagen hat sich auf der Weltbühne etwas ereignet, was unseren Text sehr akkurat widerspiegelt; und es ist eine Illustration, auf die wir alle liebend gerne verzichtet hätten: Russland hat die Ukraine angegriffen. Ein Satz, den wir dabei immer wieder gehört haben, ist, dass unsere Welt nicht mehr dieselbe ist. Wenige Tage vor dem Einmarsch hat David Leonardt sehr akkurat zusammengefasst, weshalb der Angriffskrieg so schockierend und bestürzend ist. Leonardt argumentiert, dass es seit dem Ende des 2. Weltkriegs Verträge und Abmachungen zum Völkerrecht gibt, an die sich die meisten Nationen seither gehalten haben. Manche haben diese Stabilität „Pax Americana“ genannt (in Anlehnung an die Pax Romana in der Antike).
Leonardt schreibt: „Der relative Frieden hat enorme Vorteile mit sich gebracht. Der Lebensstandard ist gestiegen, und die Menschen leben im Schnitt länger, gesünder und komfortabler als ihre Vorfahren. In den letzten Jahrzehnten waren die größten Zuwächse in den Ländern mit niedrigem Einkommen zu verzeichnen. Der Rückgang der Kriege hat dabei eine zentrale Rolle gespielt: zu Beginn dieses Jahrhunderts war die Zahl der Menschen, die in bewaffneten Konflikten starben, auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gefallen. … Ein russischer Einmarsch in die Ukraine würde wie eines der Kriege aussehen, der in den letzten 80 Jahren weitgehend ausgeblieben und früher üblich war. Es würde bedeuten, dass eine mächtige Nation ihre regionale Vorherrschaft durch die Übernahme eines Nachbarn ausbauen will. Ein solcher Krieg – ein gewollter Angriffskrieg – wäre ein Zeichen dafür, dass Putin glaubt, die Pax Americana sei vorbei und die USA, die Europäische Union und ihre Verbündeten seien zu schwach geworden, um schmerzhafte Konsequenzen zu ziehen.“
Auf der Arbeit habe ich eine Kollegin, die aus der Ukraine stammt. Sie hatte über die Feiertage noch ihre Familie in der Ukraine besucht. Das sind gerade mal zwei Monate her. Im Moment versucht sie alles, um ihre Familie aus dem Land herauszubekommen. Was bleibt ist ein Gefühl der Hilflosigkeit: weil das Blutvergießen so sinnlos, so unnötig und doch so real ist; weil die Übermacht der Aggressoren so groß ist; weil es so wenig gibt, was man dagegen tun kann.
Es ist nicht zu leugnen, dass der einseitige Aggressor in dieser Geschichte die Russen sind. Natürlich ist Putin der Bösewicht unserer Zeit. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir sehen ein anderes Dilemma in der Zaghaftigkeit und Halbherzigkeit, mit der die westlichen Staaten reagieren. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman beschrieb die Schwachstellen der russischen Regierung. Er schrieb einen Artikel mit dem Titel: „Geldwäsche könnte Putins Achillessehne sein“. Frage ist dann, wird der Westen diese Schwäche nutzen?
Krugman analysiert: „Hier gibt es zwei unbequeme Tatsachen. Erstens ist eine Reihe einflussreicher Personen, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik, finanziell eng mit russischen Kleptokraten verflochten. … Zweitens wird es schwer sein, gegen gewaschenes russisches Geld vorzugehen, ohne allen Geldwäschern das Leben schwer zu machen, egal woher sie kommen. … Ultrareiche Menschen auf der ganzen Welt haben Geld auf Offshore-Konten versteckt. Was das bedeutet, ist, dass wirksame Maßnahmen gegen Putins größte Schwachstelle nur dann möglich sind, wenn man sich der Korruption des Westens stellt und sie überwindet.” Was Krugman sagt, ist, dass wir mit dem korrupten System der Russen eng verflochten sind. Wir sind wahrscheinlich so sehr Teil des gleichen Systems, dass wir nur schwerlich in der Lage sein werden, Bosheit zu konfrontieren, weil wir die gleiche Bosheit bei uns konfrontieren müssten.
Die meisten von uns sind in einer relativ behüteten Umgebung aufgewachsen. Ich will gar nicht sagen, dass wir alle ein einfaches Leben hatten. Manche von uns hatten ein wirklich hartes Leben mit vielen Leiden und Anfechtungen. Aber Fakt ist, dass wir in einem der politisch, wirtschaftlich, demokratisch stabilsten und wohlhabendsten Ländern, nicht nur unserer Zeit, sondern die es jemals gegeben hat. Wenn man in einer solchen Umgebung aufwächst und lebt, könnte man leicht den Eindruck erhalten, dass die Welt so schlimm nicht sein könnte.
Die jungen Menschen in der Gemeinde: vielleicht hab ihr euer Leben schon einigermaßen durchgeplant. Vielleicht habt ihr eure kurz- und mittelfristigen Ziele schon fest im Blick: ein erfolgreicher Schulabschluss und ein spannendes Studium; dazwischen vielleicht noch die große Liebe des Lebens finden; danach ein toller Job und Geld verdienen, und das einzige, das dann noch kommt, ist, glücklich bis ans Lebensende zu sein, „und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch in 70 Jahren“. Hauptsache gesund, Hauptsache gute Freunde haben und nette Familie. Gott passt natürlich auch noch in dieses Leben rein. Und wisst ihr, unterbewusst war das auch die Art und Weise, wie ich gedacht habe. Es geschieht so einfach, dass man in einer Blase lebt.
Vielleicht ist die Ukraine-Krise der Realitätscheck, den wir gebraucht haben. Vielleicht ist es das Signal, das wir gebraucht haben, um zu verstehen, dass wir in einer korrupten und gefallenen Welt leben; dass wir von Bosheit und Ausbeutung umringt sind; dass Unterdrückung und Ausbeutung mögen vielleicht ab und zu ihre Pausen einlegen, aber sie sind immer Teil der Welt, in der wir leben. Und es bedeutet, dass womöglich unsere Erwartung und unsere Vorstellung, ein komfortables und schönes Leben zu führen, nicht vernünftig sind. Es ist realitätsfern und unweise.
Wir sehen also die Verlorenheit draußen.

2. Die Verlorenheit drinnen

Verse 1b und folgende sagen: „Sie handeln verderbt, handeln abscheulich; da ist keiner, der Gutes tut. Der HERR blickt vom Himmel herab auf die Menschen, / um zu sehen, ob ein Verständiger da ist, einer, der Gott sucht. Sie alle sind abgewichen, alle zusammen sind verdorben, / da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht ein Einziger.“ Paulus zitiert diese und andere Verse im Römerbrief. Und er schreibt dazu: „Denn wir haben vorher die Anklage erhoben, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Herrschaft der Sünde stehen, wie geschrieben steht: „es gibt keinen, der gerecht ist, / auch nicht einen…“
Wenn wir uns mit Leuten wie Putin, Kim Jeong-Un, Assad und den ganzen anderen Schurken dieser Welt vergleichen, dann würden wir sicherlich sagen: „Natürlich bin ich nicht so schlimm wie sie. Ich habe niemanden ermordet, habe keine Gegner weggesperrt, ich bin nicht so machtbesessen und unmoralisch.“ Aber wenn Paulus unseren Psalm zitiert, dann will er damit sagen, dass alle Menschen von Gott abgefallen sind; dass niemand sich in irgendeiner Form anmaßen kann, besser zu sein; dass es qualitativ keinen Unterschied in der Verlorenheit von allen Menschen gibt. Diejenigen unter uns, die theologisch gebildet sind, werden sich vielleicht sagen: „Ich glaube an das, was die Bibel sagt. Natürlich sind wir alle gleich.“ Aber wenn wir ganz ehrlich sind, wenn wir wirklich in unser Herz schauen, was sehen wir dann? Wir sagen nicht: „Wir sind besser als die anderen.“ Wir sagen: „Wir sind viel besser als die Schlimmen da draußen.“
Die Aussage von Vers 3: „… da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht ein Einziger“ braucht etwas Erklärung. Denn natürlich tun wir gute Dinge. Ständig. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn nicht unzählig viele Menschen Gutes tun würden: der Oma im Haus den Einkauf hochtragen, für wohltätige Zwecke spenden, sich ehrenamtlich zu engagieren, Blut spenden, sozial benachteiligten Kindern Nachhilfe zu geben, oder einfach ein großzügiger Freund sein, seine Familie lieben, die Ehe und den Ehepartner in Ehren halten. Was meint der Psalmist dann damit, dass niemand Gutes tut, auch nicht ein Einziger?
Letztes Jahr haben wir das Gleichnis von den verlorenen Söhnen aus Lukas 15 studiert. Wir haben gesehen, dass es zwei Söhne gab, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und wir haben gesehen, dass beide Söhne verloren waren. Der eine Sohn war verloren, weil er ein ziemlich schlechtes Leben geführt hatte, das war ziemlich offensichtlich. Der ältere Sohn war verloren, nicht einfach nur, obwohl er Gutes tat; er war verloren, wegen seiner guten Taten, weil es gerade diese guten Taten waren, die ihn daran hinderten, den Vater zu lieben. Mit anderen Worten, seine guten Taten waren am Ende des Tages nicht für den Vater, sie waren für sich selbst.
Hier ist das, was der Text sagt. Jeder von uns tut schlechte Dinge am laufenden Meter. Wir lügen, wir verhalten uns egoistisch, wir sind lieblos, ungeduldig, aufbrausend. Aber selbst die guten Dinge, die wir tun, tun wir aus verkehrten Motiven. Wir tun Gutes, um bei anderen Menschen gut dazustehen; und wenn nicht für andere, dann zumindest, um uns selbst in den Spiegel schauen zu können. Wir tun Gutes, damit unsere Egos gestreichelt werden oder damit wir jemand sind oder um etwas zu erreichen, auf das wir stolz sein können. Wir tun Gutes, um selbst die Kontrolle über unser Leben zu haben; damit wir unsere eigenen Herren und Meister sein können; damit wir selbst auf dem Thron unserer Herzen sitzen können. Wir sind zutiefst selbst absorbierte Menschen. Im Herzen eines jedes einzelnen von uns befindet sich eine tiefe Selbstsucht und Selbstzentriertheit.
Der große Erweckungsprediger George Whitefield predigte vor Tausenden von Menschen im Freien. Die Menschen liebten es, ihm zuzuhören, obwohl er sie auch immer wieder wüst beschimpfte: Er sagte ihnen, dass sie halb Tier und halb Teufel sind. Ich denke, dass er den Geist von diesem Text gut getroffen hat.
Kurz eine Anwendung, bevor wir fortfahren. Wir sind grundsätzlich so veranlagt, dass wir die Probleme nicht bei uns, sondern bei anderen vermuten: „das Problem ist die Gesellschaft; das Problem sind die Konsumenten, die sich nicht um Nachhaltigkeit kümmern; das Problem sind die verlogenen Politiker usw.“ Zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch. Die Bibel ist da sehr differenziert. Natürlich wirkt sich die Bosheit draußen auf uns aus. Natürlich sind die Menschen, die selbst Misshandlung erfahren haben, in größerer Gefahr, andere zu misshandeln. Aber am Ende des Tages muss jeder von uns seine eigene Verlorenheit konfrontieren. Die Bosheit ist in uns drinnen.
Das ist jetzt noch nicht die Anwendung. Die Anwendung ist die: in gewisser Weise ist das auch eine große Befreiung. Was ich damit meine, ist folgendes: Du kannst diese Welt nicht verändern. Wir können Putin nicht verändern. Nicht einmal Biden, Macron und Scholz konnten das. Wir können auch nicht unsere äußere Situation verändern. Der Bereich, den wir beeinflussen können, ist extrem beschränkt, eigentlich minimal. Wir können noch nicht einmal unsere eigene Familie verändern, die Kinder oder die schrecklich nervigen Eigenschaften des Ehepartners. Streng genommen sagt uns der Text, dass wir noch nicht einmal uns selbst verändern können. Aber es gibt doch eine Sache, die wir tun können, die einen fundamental großen Unterschied ausmacht. Wir können unsere eigene Verlorenheit zugeben. Wir können zur Einsicht kommen, dass wir von unserer eigenen Bosheit Rettung brauchen.
Und das bringt uns direkt zum letzten Punkt.

3. Gottes Rettung inmitten dessen

Bisher hat der Psalm vor allem davon gehandelt, was die Konsequenz dessen ist, wenn Menschen so leben, als ob es keinen Gott gibt. Wir haben die Verlorenheit, draußen und drinnen gesehen. In Vers 7 sagt der Psalmist: „Wer bringt vom Zion her Rettung für Israel? / Wenn der HERR das Geschick seines Volkes wendet, jubelt Jakob, freut sich Israel.“ Zion ist eines der Berge in Jerusalem und wird oft als Synonym für die Stadt Jerusalem verwendet. Aber nicht nur das: Zion war auch der Berg, auf dem sich der Tempel befand: der Ort, an dem Gott den Menschen begegnet ist. Es war der Ort, an dem die Sühneopfer gebracht wurden. Im Tempel fand ein Tausch statt: ein Leben wurde beendet, damit ein anderes gerettet werden kann. Nicht weit von diesem Tempelberg findet der wahre, der absolute, der definitive Tausch statt: Gott, der Mensch geworden ist, nimmt unseren Platz ein, damit wir seinen Platz einnehmen dürfen. Jesus stirbt am Kreuz, damit wir leben können.
Praktisch alle Religionen dieser Welt sagen uns, was wir tun müssen, um Gott zu finden: die fünf Säulen des Islam, der achtfache Pfad zur Erleuchtung im Buddhismus, der Zyklus aus Tod und Wiedergeburt im Hinduismus. Unser Text sagt aber etwas ganz anderes: Es gibt niemanden, der von sich aus Gott sucht. Wenn wir Vers 7 betrachten, dann sehen wir, dass Rettung aus Zion kommt. Im Hebräischen fehlt das Verb. Es ist einfach nur ein Ausruf: „Ach, Rettung aus Zion!“ Und weil das kein Deutsch ist, fügen praktisch alle Übersetzungen das Wort „kommen“ ein, z.B. die Elberfelder: „Käme doch aus Zion die Rettung für Israel!“ Nur im christlichen Glauben sind es nicht die Menschen, die Gott suchen. Sondern Gott kommt, um uns zu suchen, uns zu finden. Gott kommt in die Verlorenheit dieser Welt und in unsere eigene, innere Verlorenheit. Jesus hatte von sich selbst gesagt: „Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Die Rettung ist zu uns gekommen vom Berg Zion. Nicht wir sind zum Tempel gegangen. Der Tempel ist zu uns gekommen, weil Jesus der wahre Tempel ist.
Zwei Anwendungen zum Schluss. Die erste Anwendung ist, dass wir nicht mit Menschen kämpfen. Wir haben gesehen, dass wir in einer verlorenen Welt leben und dass jeder einzelne verloren ist. Wir sind alle gleich, was das angeht. Unser Kampf ist nicht mit Menschen, nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit Mächten und Gewalten der Finsternis. In dieser unglaublich polarisierten Zeit, ist es so einfach, auf andere herabzuschauen, andere zu dämonisieren: die Russen, die Rechtspopulisten, die Querdenker, die Impfgegner, die Rassisten. Aber Fakt ist: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir sitzen alle auf dem gleichen Ast.
Wenn es jemanden gibt, der Grund hatte, auf andere Menschen wütend zu sein, dann ist es Martin Luther King. An die Menschen, die ihn ins Gefängnis warfen, misshandelten, beschimpften, sagte er folgendes: „Wir werden eurer Fähigkeit, Leiden zuzufügen, mit unserer Fähigkeit, Leiden zu ertragen, begegnen. Wir werden eurer physischen Kraft mit seelischer Kraft begegnen. Macht mit uns, was ihr wollt, und wir werden euch trotzdem lieben. Wir können nicht mit gutem Gewissen euren ungerechten Gesetzen gehorchen und das ungerechte System ertragen, denn die Nichtkooperation mit dem Bösen ist ebenso eine moralische Verpflichtung wie die Kooperation mit dem Guten, also werft uns ins Gefängnis und wir werden euch immer noch lieben. Bombardiert unsere Häuser und bedroht unsere Kinder, und wir werden euch immer noch lieben, so schwer es auch sein mag. … Schickt eure Propaganda-Agenten durch das Land und lasst den Anschein erwecken, dass wir kulturell und anderweitig nicht integrationsfähig sind, und wir werden euch immer noch lieben. Aber seid euch dessen sicher, dass wir euch durch unsere Leidensfähigkeit zermürben werden, und eines Tages werden wir unsere Freiheit gewinnen. Wir werden nicht nur die Freiheit für uns gewinnen, sondern wir werden auf solche Weise an euer Herz und euer Gewissen appellieren, dass wir auch euch gewinnen werden, und unser Sieg wird ein doppelter Sieg sein.“
Die zweite Anwendung ist, dass Jesu Tod und Auferstehung nicht nur unsere Rettung sind. Sie sind die Rettung der ganzen Welt. Eines Tages wird Gott alles neu machen. Eines Tages werden Tod und Leid, Krankheit und Korruption, Bosheit und Sünde ein Ende haben. Es wird der Tag kommen, an dem die Erkenntnis und Herrlichkeit Gottes das Land erfüllen werden, wie das Meer mit Wasser gefüllt ist. Es wird der Tag kommen, an dem alle Knie sich beugen werden vor Jesus.
Wie dürfen wir bis dahin in dieser verlorenen Welt leben? Die Antwort ist: mit Hoffnung. Wir hatten in den letzten Jahren und Monaten eine globale Pandemie, politische Unruhen, und jetzt Krieg in Europa. Als die Menschen die Atombombe erfanden, machten sich viele Menschen Sorgen, dass es das Ende der Welt ist. Als Antwort darauf schrieb C.S. Lewis einen Aufsatz.
Hier ist das, was er schrieb: „Wie sollen wir in einem Atomzeitalter leben? Ich bin versucht, zu antworten: warum nicht wie man im 16. Jahrhundert gelebt hätte, als die Pest London fast jährlich heimsuchte, oder wie man im Zeitalter der Wikinger lebte, als skandinavische Plünderer jede Nacht landen und einem die Kehle durchschneiden konnten, oder wie man heute schon lebt im Zeitalter des Krebses, der Syphilis, der Lähmung, der Luftangriffe, der Eisenbahnunfälle und der Autounfälle. Mit anderen Worten, wir sollten die Neuartigkeit unserer Situation nicht überbewerten. … Du und alle, die du liebst, wart schon zum Tode verurteilt, bevor die Atombombe erfunden wurde, und ein ziemlich hoher Prozentsatz von uns wird auf unangenehme Weise sterben. … Dies ist der erste Punkt, den es zu beachten gilt, und die erste Maßnahme, die wir ergreifen müssen, ist, uns zusammenzureißen. Wenn wir alle von einer Atombombe vernichtet werden, dann soll diese Bombe, wenn sie kommt, uns bei vernünftigen und menschlichen Dingen antreffen – beim Beten, Arbeiten, Unterrichten, Lesen, Musikhören, Baden der Kinder, Tennisspielen, Gesprächen mit unseren Freunden bei einem Bier … und nicht zusammengekauert wie verängstigte Schafe, die über Bomben nachdenken. Sie können unseren Körper zerstören (eine Mikrobe kann das tun), aber sie müssen nicht unseren Geist beherrschen.“
Die Zitate von Martin Luther King und C.S. Lewis: wisst ihr, was das ist? Ein wirklich weises Leben in der Furcht Gottes.

 

 

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Fragebogen: Psalm 14 – Gebet

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Weisheit und das Gegenteil davon

Wir haben in den vergangenen Wochen einen Krönungspsalm und ein Klagegebet betrachtet. Manche Psalmen sehen auf den ersten Blick nicht wie Gebete aus, sondern lesen sich wie eine Abhandlung. Unser heutiger Text gehört dazu. Wir betrachten heute Psalm 14, der zu den sogenannten Weisheitspsalmen gehört.

Der Psalm beginnt mit den Worten: „Der Tor sagt in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ Dieses Statement ist anscheinend von solche einer essenziellen Bedeutung, dass es praktisch wortwörtlich in Psalm 53 zitiert wird.
George Byron Koch beginnt sein Buch „What we believe and why” (Was wir glauben und weshalb) folgendermaßen: “There is a God. It’s not you.” (Frei übersetzt: “Es gibt einen Gott. Nein, nicht du.“)
Warum ist das eine Weisheit und das andere Torheit?

Paulus zitiert diesen Psalm in Römer 3 (vor allem die ersten drei Verse). Der Psalmist scheint anzudeuten, dass es auf der einen Seite die Gottesfürchtigen gibt und auf der anderen Seite diejenigen, die abscheulich handeln (z.B. in Vers 4 differenziert er zwischen den „Übeltätern“ und „mein Volk“). Wie hat aber Paulus diesen Psalm verstanden und gelesen?
Was sollte dieser Psalm daher für uns bedeuten?

Vielleicht ist es etwas schwieriger durch diesen Psalm Inspiration zum Gebet zu bekommen, eben weil es sich nicht wie ein Gebet liest. Wie kann dieser Psalm aber trotzdem dein Gebetsleben enorm bereichern?

 

 

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