Predigt: Johannes 14,15 – 26

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Er wird euch einen andern Tröster geben

„Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“

(Johannes 14,15.16)

Wir betrachten zur Zeit Jesu Rede an seine Jünger am letzten Abend vor seiner Kreuzigung, das sogenannte Obergemachgespräch. Wie wir letzte Woche gehört haben, waren die Jünger wegen der Ankündigung von Jesu Weggang erschrocken und hatten keine Orientierung, wie sie weiter leben sollten. Jesus hat sie zum Glauben an Gott und an ihn ermutigt und hat sich ihnen selbst offenbart: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (14,6a). Im heutigen Text setzt Jesus seine Hilfe für die Jünger fort. Er ermutigt sie dazu, aus Liebe zu ihm seine Gebote zu halten, und verheißt ihnen einen Tröster, der sie begleiten und in Ewigkeit bei ihnen sein wird. Möge Gott uns helfen, Jesu Worte zu verstehen und zu beherzigen und unser Leben unter der Leitung des Heiligen Geistes zu führen!

Betrachten wir den Text. Jesus beginnt mit den Worten: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“ (15.16). Schon in diesen beiden ersten Sätzen finden wir die zwei Themen, die sich durch den ganzen Text ziehen: zum einen ermutigt Jesus die Jüngern dazu, aus Liebe zu ihm seine Gebote zu halten. Zum anderen verheißt er ihnen den Heiligen Geist, der sie trösten und immer bei ihnen sein wird.

1. Jesus gab ihnen die Orientierung, dass sie aus Liebe zu ihm seine Gebote halten sollten

Immer wieder hat Jesus die Jünger dazu ermutigt, seine Gebote zu halten. Im Vers 21 sagt er: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ Und im Vers 23 sagt er weiter: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Um Jesu Worte richtig zu verstehen, müssen wir bedenken, in welcher Lage die Jünger waren. Bisher war Jesus immer bei ihnen gewesen und hatte ihnen durch seine Lehre und durch sein Vorbild gezeigt, wie und wofür sie leben sollten. Wenn sie seine Lehre nicht verstanden, konnten sie ihn immer fragen, und Jesus erklärte es ihnen noch genauer. Wenn ihr Denken oder ihr Verhalten seiner Lehre widersprachen, sprach Jesus sie an und half ihnen. Die Jünger waren Jesus drei Jahre lang nachgefolgt und hatten auf diese Weise Gottes Evangelium und in der Nachfolge Jesu eine entsprechende Lebensweise gelernt. Es war für sie unvorstellbar, wie sie in der Zukunft leben sollten, wenn Jesus weggehen würden. Sie fühlten sich wie Kinder, die auf einmal ihre beiden Eltern verlieren, obwohl sie noch viel von ihnen hätten lernen und ihre Hilfe gebraucht hätten.
Jesus gab ihnen nun die Orientierung, dass sie nach seinem Weggang seine Gebote halten sollten. Was meinte er mit seinen Geboten? Eigentlich hat Jesus nur an zwei Stellen ausdrücklich von einem Gebot gesprochen – als er vom höchsten Gebot sprach und als er den Jüngern das neue Gebot gab, dass sie sich untereinander lieben sollten, wie er sie geliebt hat. Weil Jesus diese beiden Worte als „Gebote“ bezeichnet hat, sind sie besonders wichtig und hier wohl auch besonders gemeint. Aber Jesus gab ihnen auch viele andere Aufforderungen und lehrte sie durch Gleichnisse, Erklärungen und Gespräche. Als Jesus ihnen sagte, dass sie seine Gebote halten sollten, können wir deshalb darunter seine ganze Botschaft an sie verstehen, das ganze Evangelium einschließlich seiner Lehre, wie sie danach leben sollten. Die Jünger sollten Jesu Worte nicht nur irgendwo im Kopf abspeichern und ab und zu daran denken, sondern sie im Herzen behalten und praktisch danach leben.

Dabei ist es wichtig, dass Jesus die Jünger hier nicht einfach zum Halten seiner Gebote auffordert, sondern sagt: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.“ Auch in den Versen 21 und 23 sagt er, dass ihre Liebe zu Jesus der Grund ist, aus dem sie Jesu Worte halten. Die Verse 17 und 23 erwecken sogar den Eindruck, dass wer Jesus liebt, fast unweigerlich seine Gebote halten wird. Das ist auch wahr. Wer Jesus wirklich liebt, wird auf seine Worte genau hören und sein Bestes tun, seinen darin ausgedrückten Willen zu tun. Das Halten von Jesu Geboten kommt also aus der Liebe zu Jesus. Woher kommt aber die Liebe der Jünger zu Jesus? Niemand ist in der Lage, von sich aus Jesus treu zu lieben und deshalb seine Gebote zu halten. Ganz am Anfang des langen Gesprächs im Obergemach haben wir gelesen: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die er in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende“ (13,1). Die bedingungslose Liebe Jesu war die Grundlage ihrer Reinigung und ihrer Beziehung zu Jesus. So ist Jesu Liebe der Ausgangspunkt und die Grundlage davon, dass sie als Jünger Jesu seine Geboten halten.

Warum sagte Jesus aber dreimal, dass sie seine Gebote halten sollten, wenn sie ihn lieben? Wir Menschen haben die angeborene Neigung, zu leben, wie wir wollen. Auch wenn wir Jesus kennen gelernt haben, haben wir immer noch die Neigung, unser Leben so zu gestalten, wie wir es möchten. Aber wie wir unsere Liebe zu Jesus ausdrücken, ist nicht beliebig. Wenn ein Kind zu seinem Vater freundlich sagt: ‚Du bist der beste Papa der Welt, ich hab dich so lieb‘, aber fünf Minuten später die Worte des Vaters ignoriert und einfach seine Schwester schlägt, stimmt etwas nicht. Jesus will, dass wir unsere Liebe zu ihm dadurch ausdrücken, dass wir seine Gebote halten. Das ist die von ihm gewünschte Antwort auf seine Liebe und der richtige Ausdruck unserer Liebe zu ihm.

Aber es gibt noch einen Grund, warum Jesus das mehrfach wiederholt hat. Denn Jesus will uns, wenn wir seine Worte halten, reich segnen. Betrachten wir nochmals Vers 21: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ Im ersten Moment kann dieses Wort so klingen, als ob unser Halten von Jesu Geboten eine Bedingung dafür wäre, dass Gott uns liebt. Das ist natürlich nicht gemeint. Jesus hat im Kap. 3 gelehrt, dass Gott die Welt, also die Menschen in ihrer Sünde und Ablehnung gegen Gott, so geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Gott liebt uns trotz unserer Sünde. Was meint Jesus dann? Wenn wir Jesu Liebe ernsthaft erwidern, indem wir seine Gebote halten, dann entsteht eine richtige, feste Liebesbeziehung zwischen ihm und uns. Wenn wir in seiner Liebe bleiben, kann Gott uns seine Liebe richtig erweisen, und Jesus wird sich uns offenbaren. In Vers 23 verheißt Jesus, dass der Vater und Er zu uns kommen und Wohnung bei uns nehmen. Gott will nicht nur ab und zu kurz mit uns Kontakt haben oder uns nur besuchen. Die Worte „Wohnung bei ihm nehmen“ besagen, dass Er dauerhaft bei uns bleiben und eine selige Gemeinschaft mit uns haben will. Diese Gemeinschaft ist das, wonach unser Innerstes eigentlich verlangt, was unseren Hunger nach Leben stillt. Dass Gott Wohnung bei uns nimmt ist sein inständiger Wille nach Gemeinschaft mit uns, und es bedeutet für uns den Himmel auf Erden. Diese Gemeinschaft erfolgt praktisch durch den Heiligen Geist. Damit kommen wir zum zweiten Hauptpunkt.

2. Jesus verheißt ihnen den Heiligen Geist

Jesus Ermutigung, dass die Jünger aus Liebe zu ihm seine Gebote halten sollen, ist verwoben mit seeiner Verheißung des Heiligen Geistes. Im Vers 16 sagt er: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“ Jesus vesprach den Jüngern, die er bald verlassen würde, einen andern Tröster, der bis in Ewigkeit bei ihnen bleibt. Die Menschen in der Welt können ihn nicht empfangen, weil sie ihn wegen ihres Unglaubens nicht sehen und nicht kennen. Jesus sagt: „Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (17b). Die Jünger hatten eigentlich vor Pfingsten kaum Erfahrung mit dem Heiligen Geist. Aber Jesus sagte, dass sie ihn kannten. Sie würden ihn durch die Erfahung kennen lernen, weil er bei ihnen bleiben und in ihnen sein würde.

Das griechische Wort, das hier mit Tröster übersetzt ist, kann auch mit Beistand oder Fürsprecher übersetzt werden, was auch für einen Anwalt vor Gericht gebraucht wurde. Damit bringt Jesus zum Ausdruck, dass der Heilige Geist immer bei uns ist und uns beisteht. So wie wichtige Leiter in der Politik oder Wirtschaft immer einen Anwalt in ihrer Nähe haben, der sie berät und sie vor Gefahren und Fehltritten warnt, so ist der Heilige Geist bei uns und begleitet uns und will uns allezeit leiten, um uns bei unseren Entscheidungen zu helfen und uns vor Gefahren zu bewahren.

Der Heilige Geist ist auch ein Tröster. Die Jünger brauchten Trost, weil sie bald ohne Jesu sichtbare Anwesenheit in einer sehr unchristlichen Umgebung Jesus bezeugen und für die Ausbreitung seines Reiches leben sollten. Als sie den Juden und den Heiden Jesus bezeugten, erfuhren sie von allen Seiten Widerstand und Ablehnung. Aber in der Apostelgeschichte erfahren wir, wie sie trotz aller Widerstände mit Freude im Glauben lebten und Jesus mutig bezeugten, weil der Heilige Geist bei ihnen war und sie täglich tröstete.

Auch wenn wir in unserem Glaubensleben in Deutschland kaum Widerstand erleben, können auch wir in unserem Leben manches haben, was uns Sorgen macht oder uns traurig macht. Wenn wir Nachrichten lesen, erfahren wir täglich von Verbrechen und Kriegen, die scheinbar nie aufhören, und von Problemen, die kein Mensch lösen kann. Wenn wir unsere Nächsten in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde sehen, die unter der Sünde leiden, wir ihnen aber nicht helfen können, brauchen wir den Tröster, der uns tröstet und uns ermutigt, weiter zu Gott zu beten und auf die richtige Zeit zu warten. Vielleicht brauchen wir seinen Trost aber auch für uns selbst, weil wir von anderen enttäuscht worden sind und uns allein gelassen fühlen, weil wir von anderen verletzt oder ungerecht behandelt wurden; oder weil sich bestimmte Wünsche in unserem Leben nicht erfüllt haben; oder wir sind darüber bekümmert über eigenes Versagen oder weil wir geistlich noch nicht so weit gewachsen sind, wie wir es gerne wollten, und es in unserem Leben nur wenig sichtbare Frucht gibt. Es gibt so vieles, was uns bekümmern und uns die Freude rauben und uns zermürben kann. Aber Dank sei Gott, der uns den Tröster geschickt hat, der uns wirklich kennt und uns tief im Innern trösten kann. Was immer uns betrübt: der Heilige Geist ist da, um uns zu helfen und uns so zu trösten. Und wenn wir schon so in die Probleme verstrickt sind, dass wir seine Liebe gar nicht wahrnehmen können, hilft uns der Heilige Geist auch dabei, wenn wir darum bitten.

Der Heilige Geist auch der Geist der Wahrheit (17). Er ist Gottes Geist, der alle Wahrheit kennt und innehat. Das ist eine gute Nachricht für uns. Wir leben so leicht mit einem falschen Bild von Gott, mit einem falschen Bild von uns selbst und unserem Leben. Aber der Geist der Wahrheit zeigt uns, wer Gott wirklich ist, wie sehr er uns liebt, was er für uns schon getan hat und was er Gutes für uns in der Zukunft vorgesehen hat. Er will uns auch die Wahrheit über uns selbst zeigen, was für Sünder wir in Wirklichkeit vor ihm sind, wie sehr wir von ihm aber wertgeschätzt sind, sodass wir von grundlosem Stolz und von Minderwertigkeitsgefühl befreit werden und für Jesu Gnade dankbar in der Beziehung zu ihm leben können.

Tatsächlich ist es das Wichtigste in unserem Leben, dass wir die Wahrheit erkennen. Solange wir die Wahrheit nicht oder nicht genug erkannt haben, leben wir noch in einer Art Scheinwelt und leiden unter allen möglichen Sünden wie Undankbarkeit, Begierden, Neid, Hass, Hochmut oder Verzweiflung. Ohne die Hilfe des Heiligen Geistes können wir nicht von dort herauskommen. Aber der Geist der Wahrheit will uns helfen, die Wahrheit zu erkennen und von allem Verkehrtem frei zu werden und unser Leben im Licht in der Gemeinschaft mit Gott zu führen.

Wie tut der Geist das? Jesus sagt: „Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (25.26) Für die Jünger war die Vorstellung, dass Jesus bald nicht mehr physisch bei ihnen sein würde, wie eine Horrorvorstellung. Tatsächlich würde Jesus schon am nächsten Tag am Kreuz sterben und auferstehen und zum Himmel fahren. Aber sie brauchten sich nicht zu fürchten. Denn Gott würde ihnen im Namen Jesu den Heiligen Geist senden, der sie alles lehren und sie an alle Worte Jesu erinnern würde. So half der Heilige Geist ihnen, Jesu Worte mehr und mehr zu verstehen und danach zu leben und in immer vollkommener Gemeinschaft mit ihm zu leben.

Diese Verheißung gilt auch uns. Der Heilige Geist will uns alles lehren und uns an alles erinnern, was Jesus uns gesagt hat. Wann immer wir die Bibel aufschlagen und lesen oder darüber nachsinnen oder Stellungnahme schreiben, ist er da und bereit, uns die tiefe Bedeutung des Wortes zu lehren und uns Jesus zu offenbaren. Der Heilige Geist ist der vollkommene Bibellehrer. Unter seiner Leitung kann das Maß und die Klarheit unserer Erkenntnis Jesu schier unendlich weiter wachsen. Der Geist will uns auch an Jesu Worte erinnern, falls wir sie wieder vergessen und von der Wahrheit abirren. Er wird uns geduldig helfen, Jesus, seinen Willen und sein Werk immer klarer zu erkennen und unser Leben in einer seligen Gemeinschaft mit ihm zu führen.

Lesen wir noch einmal die Verse 15 und 16: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebotehalten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“

Möge Gott jedem von uns helfen, Jesu Liebe jeden Tag neu so tief anzunehmen, dass wir aus Liebe zu ihm nach seinen Worten leben können. Gott helfe uns, dass wir beim Bibelstudium, Stellungnahme schreiben und beim Gebet vom Heiligen Geist lernen können, sodass er uns in alle Wahrheit leitet und unser Leben mit seinem Wort übereinstimmt und wir Gott verherrlichen können!

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Predigt: Markus 10,32 – 45 (Sonderlektion zum Jahr 2020)

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Denn auch der Menschensohn

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“

(Markus 10,45)

In der konfuzianischen Kultur ist das Lebensziel „Iepsin Yanmyung“, was bedeutet, in der Welt erfolgreich und berühmt zu werden. Das gilt nicht nur für die konfuzianische Gesellschaft, sondern für die meisten Menschen. Früher lebten wir auch mit so einem Wertsystem. Wir erachteten es als großen Erfolg, ganz oben zu sein, Macht über andere zu haben und diese auszuüben. Die Jünger Jesu in diesem Textabschnitt hatten die gleiche Wertvorstellung. Jesus lehrt die Jünger, wie sie leben sollten. Möge Gott uns durch diesen Text helfen, über wahre Größe zu lernen. Möge der Geist Gottes uns ansprechen, sodass wir diese Lehre tief annehmen und ihr gehorchen.

Betrachten wir Vers 32: „Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem, und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich. Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde.“ In jener Zeit predigte Jesus das Wort Gottes, während er durch das Ostjordanland zog. Jesus war auf dem Weg hinauf nach Jerusalem. Dies war die letzte Reise seines Lebens. In Jerusalem würde er für die Sünden der Welt gekreuzigt werden. Jesu Herz muss schwer belastet gewesen sein. Aber um Gottes Willen zu gehorchen, zog Jesus mutig nach Jerusalem. Die Jünger spürten, dass etwas passieren würde, und entsetzten sich. Die ihm nachfolgten, fürchteten sich.

Unterwegs redete Jesus mit den Jüngern zum dritten Mal über sein bevorstehendes Leiden. Betrachten wir die Verse 33 und 34: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten, und die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.“ Anders als bei der ersten und zweiten Ankündigung enthüllte Jesus, dass der Ort seines Leidens Jerusalem sein sollte. Auch die Einzelheiten seines Leidens waren so präzise und konkret, als ob diese Verse nach seiner Kreuzigung erfasst worden wären. Wie Jesus sagte, würde er verraten und von den religiösen Leitern der Juden an die die römischen Behörden überanwortet werden. Sie würden Jesus erniedrigen, indem sie ihn verspotten, ihn anspeien und ihn geißeln würden. Sie würden ihn am Kreuz töten. Aber Jesus sagte, dass er in drei Tagen auferstehen würde. Sein Leiden und Tod würden nicht das Ende sein. Es würde eine herrliche Auferstehung geben. Aus diesem Grund würde sein Tod ein herrlicher Tod sein.

Warum hat Jesus zu ihnen wiederholt über seinen Tod und Auferstehung geredet? Erstens geschah es, weil Jesus wollte, dass ihr Herz vorbereitet ist. Dadurch würden sie, wenn Jesus gekreuzigt würde, sich daran erinnern, was Jesus gesagt hatte, und an ihn glauben. Zweitens geschah es, weil Jesus wollte, dass das Evangelium von seinem Tod und Auferstehung in ihre Herzen gepflanzt würde.

Als die Jünger Jesu Worte hörten, sollten sie Gewissheit auf seinen endgültigen Sieg haben. Aber sobald sie Jesu Worte hörten, verschlossen sie ihre Ohren und sagten: „Was hast du gesagt? Ich habe nichts gehört!“ Sie träumten ihren eigenen Traum. Durch Jakobus und Johannes können wir sehen, was ihre Träume waren. Betrachten wir Vers 35: „Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.“ Wow! Sie waren sehr mutig. „Tu für uns, was wir dich bitten werden.“ Sie haben Jesus quasi um einen Blanko-Scheck gebeten. Sie wollten zur Rechten und zur Linken Jesu in seiner Herrlichkeit sitzen (37). Wir können den Rang von Leitern in Nordkorea an ihrer Sitzordnung bei der Obersten Volksversammlung erkennen. Kürzlich saß bei einer Versammlung von nordkoreanischen Leitern Kim Jung Euns Schwester in seiner Nähe in der ersten Reihe. Man hat angenommen, dass der Rang seiner Schwester gestiegen ist und sie mächtiger geworden ist. In gleicher Weise wollten Jakobus und Johannes direkt neben Jesus sitzen. Das Matthäusevangelium sagt uns, dass sie für dieses Anliegen sogar ihre Mutter zu Jesus brachten (Mt 20,20).

Aber Jesus fragte sie, ob sie den Kelch trinken könnten, den Jesus trinken sollte, und mit der Taufe getauft werden, mit der Jesus getauft wurde (38). Worauf bezogen sich der Kelch und die Taufe? Sie bezogen sich darauf, den Weg des Leidens und des Todes zu gehen wie Jesus. Ohne zu überlegen, sagten die beiden Jünger, dass sie das tun würden: „Ja, das können wir.“ Sie müssen gedacht haben, dass der Kelch oder die Taufe eine Art Leiden bedeutete, die jeder Untersützer eines neuen Königreiches ertragen musste. Jesus ertrug sie und sagte: „Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist“ (39b.40). Jesus sagte voraus, dass sie sicher den Kelch trinken und getauft würden wie er. Wie Jesus sagte, würde Jakobus später der erste Märtyrer unter den zwölf Aposteln werden, und Johannes würde im Exil auf der Insel Patmos leiden und alle anderen Apostel überleben. Aber obwohl sie auf solch ein Leben führen würden, oblag die Frage, wer zur Rechten und zur Linken Jesu sitzen würde, allein Gott dem Vater.

Die anderen Jünger wussten nicht, dass Jakobus und Johannes mit so einer Bitte zu Jesus kamen. Aber als Jesus ihnen laut antwortete, wurde alles enthüllt. Wie reagierten sie? Betrachten wir Vers 41: „Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.“ Die zehn Jünger wurden unwillig über die beiden. Sie müssen gesagt haben: „Wow! Ihr seid aber listig! Wir wissen, dass ihr mit Jesus verwandt seid. Aber ihr dürft eure persönlichen Beziehungen nicht ausnutzen. Hier in unserem Land müsst ihr eure Fähigkeiten nachweisen!“ Nicht nur der Spitzenjünger Petrus war aufgebracht, sondern auch Bartholomäus, der sonst immer still gewesen war. Alle zehn waren aufgebracht. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass alle einen starken Wunsch hatten, rechts und links neben Jesus zu sitzen. Sie alle wollten groß sein. Daher lehrte Jesus sie über wahre Größe und die richtige Haltung bei seiner Nachfolge.

Erstens: diejenigen, die anderen dienen, sind groß. Betrachten wir Vers 42: „Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ Damals hielten die Herrscher ihre Völker nieder. Ihre Mächtigen taten ihnen Gewalt an. Ihr Maßstab, nach dem sie das Gesetz anwandten, war „wie es mir gefällt“ oder „das hängt von meiner Laune ab“. Die Jünger wussten, wie unfair und ungerecht sie regierten. Wenn sie sahen, wie die römischen Soldaten Befehlen bedingungslos gehorchten, erkannten sie die Macht der Herrscher. Sie wussten, dass ihr Leben oder Tod vom Daumen ihrer Herren abhing. Wenn ein Herrscher mit dem Daumen nach oben zeigte, wurde ein Gefangener freigelassen, aber wenn er mit dem Daumen nach unten zeigte, wurde er hingerichtet. Die Jünger hassten so eine willkürliche Macht, aber in ihrem Herzen begehrten sie auch, solche Macht zu haben und über die Welt zu regieren.

Was sagte Jesus ihnen dann? Betrachten wir Vers 43a: „Aber so ist es unter euch nicht.“ Was bedeutet das? Es bedeutet, dass obwohl die Leute gerne so über andere herrschen und denken, das sei großartig, die Jünger anders denken sollten. Das heißt ihre Wertvorstellung von Größe sollte anders sein als die der Welt. Was für ein Wertsystem sollten sie haben? Betrachten wir die Verse 43b und 44: „sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Ein Knecht ist jemand, der von einer niedrigen Position aus Menschen dient. Ein Sklave ist der Besitz eines Herren und hat keine Freiheit. Ein Sklave verrichtet alle möglichen Dienste für seinen Herrn. Natürlich waren Jesu Jünger keine Sklaven. Aber wenn sie sich wie Sklaven erniedrigten und anderen dienten, würden sie wahrhaft groß sein und als die Ersten betrachtet werden.

„Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Wenn wir das hören, können wir zunächst denken, dass wir, um von anderen anerkannt zu werden und irgendwann groß zu werden, zuerst momentan vorübergehend anderen dienen müssen. Wir denken, dass wenn wir anderen hingebungsvoll dienen, die Leute im Laufe der Zeit erkennen, dass wir demütig sind. Zu gegebener Zeit werden sie uns erhöhen. Also können wir denken: „Okay, jetzt werde ich dienen. Ich werde demütig vielen Leuten dienen und ein großes Werk aufbauen. Später werden mich alle Leute respektieren.“ Aber das meint Jesus nicht! Jesus meint, dass wenn wir, obwohl wir keine Sklaven sind, uns erniedrigen und anderen dienen, so ein dienendes Leben an sich großartig ist! Jesus meint, dass die, die anderen dienen, aus Gottes Sicht die Ersten sind.

Warum ist so ein dienendes Leben so großartig? Darum, weil anderen demütig zu dienen, die schwierigste Sache überhaupt ist. Um anderen zu dienen, brauchen wir einen außergewöhnlichen inneren Charakter und Glauben. Ohne so einen Charakter und Glauben ist es nahezu unmöglich, wie ein Sklave zu dienen. Es gab einen römischen General. Er besiegte viele Feinde und eroberte Festungen. Einmal zog er mit einem triumphalen Einzug in Rom ein. Kurz gesagt, war er ein Held. Aber obwohl er starke Feinde besiegen konnte, konnte er nicht seine eigenen Gefühle und sein Temperament besiegen. Wenn sein Stolz verletzt wurde, explodierte er vor Ärger. Aber danach bedauerte er es und sagte: „O warum kann ich meinen Ärger nicht besiegen! Ich werde von meinem Temperament besiegt.“ Tatsächlich heißt es in Sprüche 16,32: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.“ Der größte Mensch ist nicht jemand, der Feinde besiegt. Es ist derjenige, der sein Herz beherrscht und sich selbst überwindet. Der Mensch, der in seiner Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe außergewöhnlich ist und anderen dient, ist wahrhaft groß.

Bruder Lawrence im 17. Jahrhundert war nicht einmal ein geweihter Mönch, sondern ein Bruder in einem Karmeliter-Kloster in Paris. Er reiste nie ins Ausland und studierte nie in einem Seminar. Er war ein Koch in einem Kloster. Er briet immer Spiegeleier, machte den Abwasch und putzte die Küche. In einer niedrigen Stellung diente er den Mönchen, als ob er den Engeln Gottes diente. Er zeigte ein großartiges Beispiel eines Mannes, der das Himmelreich besitzt und mit Gott wandelt, aber in der Küche dient. Aus Gottes Sicht war er ein großartiger Mann. In der Geschichte war Jesus der Größte. Er hat sich nicht aufgeregt. Er hat sich nicht gerächt. Sogar am Kreuz betete er für die, die ihn verspotteten und töteten. Er sagte: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).

Die Wahrheit, dass der, der dient, groß ist, können wir auch unter uns erkennen. Kinder sind normalerweise nicht dazu fähig, anderen zu dienen, weil sie unreif und ichzentriert sind. Um anderen zu dienen, muss man seine Ichzentriertheit überwinden und einen reifen Charakter haben. Gott sieht diesen Punkt. Ein reifer innerer Charakter! Die Jünger Jesu strebten nicht danach, sich selbst zu überwinden und zu Menschen heranzuwachsen, die anderen dienen konnten. Sie kämpften um eine Position. Sie dachten, dass eine höhere Position sie größer machen würde. Aber Jesus sagt, dass das, was einen Menschen groß macht, nicht seine Position, sondern sein Charakter ist. Ja, Jesus lehrt uns, dass jemand, dessen innere Person groß ist, wahrhaft groß ist. Möge Gott uns helfen, diese Wahrheit tief anzunehmen und zu großen Männern und Frauen heranzuwachsen, die demütig anderen dienen.

Zweitens: Jesus kam, um zu dienen. Betrachten wir Vers 45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Jesus sagte klar, dass der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen. Jesus ist von seinem wahren Wesen her der Schöpfer Gott. Er ist heilig, herrlich und würdig, von allen Engeln und Menschen Preis, Anbetung und Dienst zu empfangen. Für Jesus wäre es ganz normal, wenn er sich dienen ließe. Aber Jesus sagte, dass er nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Er kam und diente allen Arten von Menschen. Er diente einem Gelähmten, der an seiner Sünde krank war. Er diente Zöllnern, die wegen ihrem selbstsüchtigen Verlangen ihr eigenes Volk betrogen. Er diente einem Mann mit einem bösen Geist in der Gegend der Gerasener. Jesus ertrug und diente seinen Jüngern, die voll von weltlichen Träumen waren und einen Konkurrenzgeist hatten. Er diente den sturen und unbußfertigen Pharisäern geduldig.

Als geistliche Hirten dienen wir Studenten und Mitarbeitern. Aber wenn wir fortwährend dienen, werden wir nach einer Weile ungeduldig. Manchmal ärgern wir uns und denken: „Ich habe so lange gedient. Wie viel soll ich noch dienen? Jetzt sollen mal die anderen mir dienen.“ Aber denke an Jesus! Der ganze Zweck seines Kommens in diese Welt war es, zu dienen! Das war das Ziel seines Lebens. Es war ihm egal, ob die Menschen seinen Dienst anerkannt haben oder nicht. Während Jesus Menschen diente, war er voller Freude, weil dienen der Grund war, aus dem er gekommen war. Das ist wahr. Wenn es dein Lebensziel ist, zu dienen, ist dir die Anerkennung anderer egal. Dann brauchst du nicht einmal Markus 10,45 als Leitwort festzuhalten und darum kämpfen, weil dienen das Ziel deines Lebens ist. Wenn wir nicht so eine klare Haltung haben, geraten wir bald in Verlustgefühle. Wir wollen bald eine Belohnung. Wir wollen anerkannt und respektiert werden. Wenn wir diese Dinge nicht bekommen, verlieren wir in unserem Herzen den Frieden. Aber Jesus kam, um zu dienen! Nur dienen! Und er lebte dafür.

Selbst wenn wir anderen dienen, haben wir in uns nichts, dessen wir uns rühmen könnten. Denkt an Jesus! Unser Dienst für andere ist nichts! Habt ihr so viel geopfert, um anderen zu dienen? Denkt an Jesus! Jesus kann nicht mit uns verglichen werden – der heilige Gott mit sündigen Menschen. Er ist der König der Könige und Herr der Herren. Der König lebte wie ein Diener. Unabhängig davon, wie viel wir opfern und dienen mögen, sind wir vor ihm sprachlos. Vor ihm können wir auf nichts stolz sein in uns. Möge Gott uns helfen, Jesu schönes dienendes Leben nachzuahmen. Auch wenn wir dienen, möge Gott uns helfen, zu bekennen, dass wir unnütze Knechte sind.

Drittens, Jesus gab sein Leben. Betrachten wir nochmals Vers 45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Beachte den letzten Teil dieses Verses: „sein Leben gebe“. Während Jesus Menschen diente, diente er ihnen mit dem Geist, sein Leben zu geben. Und schließlich gab er für sie sein Leben. Auf uns bezogen: nachdem wir Jesus als unserem Herrn begegnen, hören wir auf, nach weltlichen Dingen zu jagen. Wir studieren die Bibel und beten. Wir laden Studenten ein und dienen ihnen. Manche von uns dienen als ein Kreisleiter oder Gemeindeleiter. Wir erziehen Jünger. Wir ermutigen sie, für das Reich Gottes zu leben. Unsere tägliche und wöchentliche Routine ist voll von geistlichen oder religiösen Aktivitäten. Daher können wir leicht in folgendes Missverständnis geraten: „Da ich stark in geistliche Aktivitäten eingebunden bin, muss ich ja Jesus gut nachfolgen.“ Aber in vielen Fällen, wenn wir unsere tiefen inneren Motive untersuchen, aus denen wir unsren Bibelschülern und Mitarbeitern dienen, finden wir, dass wir nicht Jesus folgen, sondern immer noch unseren eigenen Ambitionen folgen. Selbst wenn wir uns demütigen und anderen dienen und hart kämpfen, um für Gott zu wirken, finden wir, dass wir all diese Dinge für unseren eigenen Ruhm und Anerkennung tun. Wir streben nach unseren eigenen Errungenschaften und unserer eigenen Ehre. Anstatt danach zu streben, unser Leben zu geben, finden wir, dass wir immer noch hart arbeiten, um uns selbst zu retten. Wir ringen nicht darum, unser Leben zu verlieren, sondern darum, unser Leben zu behalten, erhalten und verherrlichen. In gewissem Sinn leben – in Jesus – immer noch genau das gleich alte Leben, das wir früher in der Welt gelebt haben.

Jesus warnte die Jünger vor dem, was die Herrscher dieser Welt tun, nämlich die Menschen niederhalten und ihre Macht ausüben. Aber halten wir als geistliche Leiter von Gottes Leuten nicht auch andere nieder und üben unsere Macht über sie aus? Der Unterschied ist vielleicht nur, dass weltliche Leute weltliche, politisch Mittel gebrauchen, aber wir gebrauchen geistliche, religiöse Mittel. Auch wenn wir behaupten, dass wir Jünger Jesu sind, leben wir in Wirklichkeit mit einem weltlichen Wertsystem: wir regen uns auf, wenn unsere eigene Meinung oder Autorität untergraben wird, oder wir werden ärgerlich, wenn unser Stolz verletzt wird, oder wir kämpfen um eine höhere Position zu erlangen, oder wir interessieren uns für einen Titel oder Ruhm. Jesus diente nicht, um sein Leben zu erhalten. Er kam, um sein Leben zu geben! Und er gab tatsächlich sein Leben für uns. Als Folge davon haben wir wunderbare Gnade empfangen. Als diejenigen, die seine Gnade empfangen haben, mögen wir Leben leben, die nur Gott verherrlichen, und unser Leben geben, wie Jesus es tat.

Vor diesem Wort Gottes habe ich nichts zu sagen. Ich gebe vor, ein geistlicher Hirte für Gottes Herde zu sein. Aber ich stelle fest, dass ich immer danach trachte, mein Leben zu erhalten, anstatt es für aufzugeben. Auch wenn ich die Bibel lehre, habe ich immer auf meinen körperlichen Zustand geachtet. Wenn ich müde war, wurde ich so passiv und lehrte die Bibel nicht von ganzem Herzen. Ich tue Buße für mein Mangel an Herz, wenn ich Studenten und anderen Mitarbeitern diene. Herr, hilf mir zu erkennen, dass ich ein enorm verschuldeter Sünder bin, und zu beten, dass ich nicht darum kämpfe, mein Leben zu retten, sondern mein Leben für deine Leute zu geben.

Wie können wir dann so ein Leben leben? Wie können wir unseren Stolz beseitigen? Wie können wir unsere selbstsüchtigen Wünsche aufgeben und als Sklaven aller leben? Es scheint unmöglich, dass wir das tun. Wie ist es möglich?

Erstens müssen wir uns an die Gnade erinnern, die wir von unserem Herrn Jesus empfangen haben. Wir sollten uns nicht nur an die Gnade erinnern, sondern sie jeden Tag erneuern. Durch Jesu Dienst haben wir das größte Geschenk in der Welt empfangen, das wir uns je vorstellen könnten. Wir dienen nicht mehr, um noch irgendetwas zu empfangen. Wir haben bereits alles empfangen! Wenn wir an die Vergebung unserer Sünden und das ewige Leben denken, das wir durch Jesus empfangen haben, ist es seltsam, noch irgendetwas in dieser Welt zu begehren. Wenn wir das aber tun, sind wir nicht ignorant gegenüber der Gnade Jesu, die wir schon empfangen haben? Wenn wir uns an die Gnade Jesu erinnern und sie erneuern, können wir ein Leben führen, um zu dienen und unser Leben zu geben.

Zweitens, wir müssen beten, dass wir Jesu Fußstapfen folgen können. Das Gebet hat eine wunderbare Macht. Es ist der Kanal, durch den wir Gottes Gnade empfangen. Wenn wir beten, versorgt uns Gott mit all der nötigen Gnade, die uns befähigt, so ein Leben zu führen. Gott wird uns sicherlich unseren Herzenswunsch erfüllen, als Sklaven zu dienen und unser Leben für andre zu geben. Er verändert unseren inneren Charakter und macht ihn demütig, hingebungsvoll und schön wie den von Jesus. Wie schön und herrlich ist unser Herr Jesus! Wenn wir an ihn denken, wird unser Herz mit Dank, Freude und Preis für ihn erfüllt. Wir sind fasziniert von seiner Schönheit. Bevor wir uns freuen, weil er etwas für uns getan hat, oder bevor wir traurig werden, weil er etwas nicht für uns getan hat, müssen wir beten, dass wir erkennen, wie kostbar Jesus ist, seine Schönheit, Majestät und Herrlichkeit. Wir müssen beten, dass unser Herz mit dem Verlangen erfüllt wird, ihn zu erkennen und in ihm gefunden zu werden. Möge Gott uns ein Verlangen geben, Jesu Leben nachzuahmen und zu dienen und unser Leben für andere zu geben.

Zuletzt, was heißt es dann praktisch, anderen zu dienen? Wem sollten wir dienen? Kurz gesagt sollten wir jedem dienen, der unsere Hilfe braucht. Unseren Brüdern und Schwestern, unseren bedürftigen Nächsten, Ehemännern und Ehefrauen, Eltern und Kindern, besonders Teenagern und Studenten, für die wir beten. Wir sollten jedem von ihnen dienen, einem nach dem anderen, als ob wir Jesus dienen. Mutter Theresas Gedenkstätte ist in Skopje in Mazedonien. Dort sah ich ihr Tagebuch. In ihrem Tagebuch standen die folgenden Worte: „Jesus ist der Hilflose, dem ich helfe, der Bettler, den ich aufnehme, der Leprakranke, den ich wasche, der Trunksüchtige, den ich anleite“. Sie sagte: „Ich diente Jesus in dem Ärmsten der Armen in Kalkutta.“

Zusammengefasst: Jesus kam um zu dienen wie ein Sklave und sein Leben zu geben. Wegen Jesu Dienst haben wir die Vergebung der Sünden und das ewige Leben empfangen. Wir brauchen nichts mehr. Mögen wir Jesus danken und ein Leben führen, das anderen dient, und unser Leben geben. Möge Gott uns helfen, einen umherwandernden Studenten anzunehmen und ihm mit unserem ganzen Herzen zu dienen. Möge Gott uns segnen, dass wir, indem wir einander demütig dienen, zu einer liebevollen geistlichen Gemeinschaft heranwachsen! Amen!

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Predigt: Johannes 9,8 – 41

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Umgang mit dem Licht der Welt

Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden

(Johannes 9,39)

Letzte Woche wurde der erste Teil über die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen gepredigt. Ich werde heute über den zweiten Teil predigen. Ich muss sagen, dass mein Vorgänger den besseren Teil vom Kuchen abbekommen hat. Denn im ersten Teil der Geschichte geht es viel um Jesus, in meinem Teil viel um den Unglauben der Juden zur Zeit Jesu. Naja, deswegen möchte ich zumindest zu Beginn noch einmal das Wichtigste aus den ersten Versen zusammenfassen. In den ersten Versen offenbart sich Jesus erneut als das Licht der Welt. Jesus ist derjenige, der Menschen geistliches Sehvermögen schenken kann. Mit dem Hinweis, dass Siloah – Gesandter bedeutet, macht Johannes deutlich, dass Jesus selbst unser Siloah ist: Er wurde von Gott gesandt, um uns die Augen über Gott zu öffnen. Jesus ist unser Siloah! Er kann unsere Augen von jeglicher Blindheit befreien. Die Einfachheit, wie Jesus den Blinden heilte, zeigt, dass es für Jesus gar kein Problem ist von geistlicher Blindheit zu heilen. Jesus kann es nicht nur, sondern er tut es auch sehr gerne. Jesus heilte den Blinden aus völliger Eigeninitiative. Es war ja nicht so wie bei den zwei Blinden bei Jericho. Er schrie nicht: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Mk 10, 47). Jesus ging einfach auf ihn zu und heilte ihn. Aber das war nicht alles. Er brachte sich dabei sogar selbst in Lebensgefahr, indem er am Sabbat einen Brei herstellte. Jesus kann und will sehr gerne jedem geistliches Sehvermögen geben, denn er ist das Licht der Welt. Aber umso mehr sollten wir uns die Frage stellen: „Wenn Jesus geistliches Sehvermögen geben kann und es auch sehr sehr gerne tut, warum, warum gibt es aber trotzdem noch so viele Menschen, die geistlich blind sind?“ Der restliche Teil von der Geschichte gibt uns eine Antwort auf diese Frage. Wir wollen uns mit ihm wie immer anhand von drei Fragen auseinandersetzen. In dem Leitwort spricht Jesus von Sehenden, die blind werden, und von Blinden, die sehend werden. Ich habe drei Fragen danach orientiert: 1. Warum können Sehende blind werden? 2. Warum bleiben viele Blinde blind? Und 3. Wie können Blinde sehend werden? Die folgenden drei Teile geben eine Antwort auf jeweils eine der drei Fragen.

Teil I: Der Unglaube der Pharisäer (V. 8 – 26)

In den Versen 8 – 12 erfahren wir, wie das Wunder an die Öffentlichkeit kam. Es fällt auf, dass Johannes ziemlich ausführlich darüber schreibt. Eigentlich berichtet Johannes nur das, was er für erwähnenswert hielt. Zum Beispiel berichtet er kein Sterbenswort über die Freude der Eltern über die Heilung ihres Sohnes. Mit Sicherheit haben sich die Eltern sehr gefreut. Aber Johannes hielt es nicht für erwähnenswert. Warum hielt Johannes aber die Reaktionen der Leute auf das Wunder für so erwähnenswert? Wenn wir diesen Abschnitt lesen, bekommt man den Eindruck, dass das Volk überfordert war das Wunder einzuordnen. Was sollten sie von diesem Wunder denken? Wie sollten sie es beurteilen? Was sie dann machen, ist sehr bemerkenswert. In ihrer Ratlosigkeit schickten sie den geheilten Mann zu den Pharisäern. Warum zu den Pharisäern? Die Pharisäer galten sozusagen als die Fachmänner für geistliche Dinge. Sie waren sozusagen die Meinungsbildner in geistlichen Angelegenheiten. Die Pharisäer sollten die ganze Sache beurteilen. Sie sollten sagen, wie man über dieses Wunder zu denken hat. Also, was Johannes wohl in diesem Abschnitt aufzeigen will, ist, dass die Pharisäer als die Leute mit geistlichem Durchblick galten. Sie waren die geistlich Sehenden. Sie sahen sich selbst als Sehende und sie wurden als die Sehende anerkannt. Einst waren die Pharisäer wirklich geistlich Sehende gewesen. Die Pharisäer gingen aus der nachexilischen, jüdischen Bewegungen hervor, die eine Absonderung von heidnischen Einflüssen anstrebten. Später, im 2. Jh. v. Chr. (Antiochus IV. Epiphanes), wandten sie sich entschieden gegen die Hellenisierung. Ihr Leben sollte allein von den bewährten Überlieferungen: das Gesetz, die Propheten und die Schriften bestimmt werden. Die Pharisäer hatten einen geistlichen Anfang gehabt. Sie waren erweckte Leute gewesen, geistlich wache Menschen, eben geistlich Sehende!

Doch wie konnten ausgerechnet sie blind werden? Dies wird uns klar, wenn wir den Verlauf der Untersuchung des Wunders durch die Pharisäer näher betrachten. Die Untersuchung durchläuft drei Phasen: Zuerst befragen sie den geheilten Mann, dann seine Eltern und dann nochmal den geheilten Mann. Die erste Phase von V. 13 – 16 zeigt, was bei den Pharisäern auf dem Spiel stand: Es ging um die Frage des Sabbats. Dass Jesus ausgerechnet den Mann mit der Herstellung eines Breis heilte, war ein krasser Verstoß gegen ihr Verständnis des Sabbatgebots. In den Augen der Pharisäer war das keine kleine Sache. In Joh 5,16, wo es um die Heilung des Gelähmten ging, heißt es: Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Johannes erklärt hier, dass der angebliche Sabbatbruch Jesu der Anlass war, warum die Pharisäer Jesus verfolgten. Die Pharisäer nahmen den Sabbat sehr ernst, todernst. Der Sabbat hatte einen wichtigen Platz in der Frömmigkeit der Pharisäer. Er war in der Frömmigkeit der Pharisäer keine Nebensache. Als Jesus am Sabbat den Brei herstellte, war das ein heftiges Rütteln an der Frömmigkeit der Pharisäer. Das Wunder Jesu bewirkte sozusagen einen tiefen Riss in die Frömmigkeit der Pharisäer. Es stellte sie in Frage. Letztendlich zielte die Frage nach der Echtheit des Wunders darauf ab: „Entweder ist Jesus total verkehrt oder wir sind total verkehrt. Wenn dieses Wunder echt ist, wenn dieses Wunder wirklich von Gott kommt, dann bedeutete es automatisch, dass wir mit all unseren Satzungen über den Sabbat total falsch liegen.“

Wie gingen die Pharisäer mit dieser Spannung um? Betrachten wir Vers 16. Das erste, was die Pharisäer versuchten, war es, die Tatsache des Wunders zu ignorieren. Sie sagten einfach: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Was sie eigentlich sagten, war: „Dieser Mensch kann nicht von Gott sein; dieser Mensch darf nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält.“ Das Wunder der Heilung ließen sie einfach unbeachtet. Aber das war so eine krasse Ignoranz gegenüber dem Wunder, dass selbst ein Teil der Pharisäer zugeben musste: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Das Wunder einfach so ignorieren, ging also nicht. Was machten die Pharisäer dann? Im Vers 17 erfahren wir, dass die Pharisäer den Geheilten nach seiner Meinung über Jesus fragen. Wahrscheinlich hatten sie sich erhofft, dass er Jesus als fragwürdig darstellt. Aber das ging voll in die Hose. Der Geheilte hielt Jesus für einen Propheten. Auch das funktionierte also nicht. Was machten sie dann? Wenn schon an Jesus nichts Schlechtes gefunden werden konnte, so musste doch zumindest etwas an dem Wunder nicht in Ordnung gewesen sein. Hierzu gab es zwei Möglichkeiten: a) Der Mann war in Wirklichkeit gar nicht blind. Es war ein anderer. Das Wunder war sozusagen nur ein Fake. b) An der Art und Weise, wie der Mann geheilt worden ist, lässt sich etwas finden; z.B. dass man es irgendwie natürlich erklären kann oder dass sich dahinter Zauberei verbirgt u.Ä. Die Pharisäer stellten den Eltern daher im Vers 19 zwei Fragen: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend? Aber auch die Eltern konnten den Pharisäer nicht weiterhelfen. Es konnte einfach nicht geleugnet werden, dass der Mann wirklich ihr Sohn war, der zuvor blind gewesen ist. Die andere Frage wollten sie ja aus Angst nicht beantworten (hierzu später im zweiten Teil). So standen die Pharisäer wieder am Anfang.

Was machten sie dann? Im Vers 24 erfahren wir, dass sie den geheilten Mann wieder befragten. Ihre Vorgehensweise wiederholt sich: Entweder musste etwas an Jesus oder an dem Wunder gefunden werden. Sie nötigen ihn regelrecht dazu, Jesus zu verleumden. Es durfte einfach nicht sein, dass Jesus von Gott ist. Aber der geheilte Mann erfüllt ihre Erwartung nicht. Stattdessen legte er ein klares Zeugnis ab: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend (V. 25). Dann musste doch wenigstens etwas an dem Wunder sein. Also stellen die Pharisäer den Blindgeborenen erneut die Frage: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? (V. 26) Aber der geheilte Mann war nicht mehr bereit, auf die Frage der Pharisäer zu antworten. Stattdessen fängt er an, sie zurechtzuweisen. Der Mann merkte also, dass die Pharisäer es einfach nicht verstehen wollen. Die gesamte Untersuchung der Pharisäer macht eine Sache ganz deutlich: Sie wollten das Wunder einfach nicht wahrhaben.

Zurück zur Frage: Wie konnten ausgerechnet die Pharisäer, die einst Sehende waren, geistlich blind werden? Nachdem wir ihre Untersuchung des Wunders betrachtet haben, ist die Antwort ganz klar: Sie widerstanden der Wahrheit. Jesus hatte ihnen ein ganz „helles Licht“ gegeben. Er hätte den Blinden mit einem Wort heilen können. Aber er heilte ihn absichtlich mit der Herstellung eines Breis. Damit verkörperte der geheilte Blindgeborene eine ganz klare Botschaft: „Eure gesamte Frömmigkeit um den Sabbat ist falsch.“ Mit einem Blinden, der sehend geworden war, wollte Jesus denjenigen helfen, die einst sehend waren und nun blind geworden waren. Der geheilte Blindgeborene, der eine klare Botschaft verkörperte, stand direkt vor ihren Augen. Das war ein ganz „helles Licht“, welches Jesus ihnen gegeben hatte. Aber die Pharisäer widerstanden diesem Licht willentlich. Sie taten es, weil es ihre gesamte Frömmigkeit um den Sabbat als verkehrt hinstellte. Das wollten sie nicht anerkennen.

Um noch einmal auf die Frage zurückzukommen, „Wie kann es sein, dass Sehende blind werden?“: Immer dann, wenn Menschen, die einst erweckt waren bzw. die einst sehend waren, sich gegen bestimmten Offenbarungen Gottes wehren bzw. nicht wahrhaben wollen – solche stehen in der Gefahr, geistlich blind zu werden. Dieses Phänomen hat sich in der Kirchengeschichte häufige Male wiederholt.

In dem Text werden mindestens zwei Kennzeichen von Menschen genannt, die einst sehend waren und nun blind geworden sind. Das erste Kennzeichen sehen wir in den Versen 28 und 29. Die Pharisäer beriefen sich ständig auf Mose. Mit anderen Worten sie beriefen sich auf ihre Tradition und Geschichte. Diese ständige Berufung auf Tradition und Geschichte ist wirklich ein typisches Kennzeichen von Menschen oder Gemeinden, die einst sehend und nun blind geworden sind. Das zweite Kennzeichen ist in den Versen 29 und 30 zu finden. Das Wort „wissen“ taucht hier mehrmals auf. Übrigens im ganzen Text kommt dieses Wort sehr häufig vor. Das ist bestimmt kein Zufall: „Sehen“ und „Wissen“ sind eng miteinander verbunden. Verinnerlichtes, geistliches Wissen ist die Folge vom geistlichen Sehen (bzw. Erkenntnis).

Aber zurück zu den Versen 29 und 30. Die Pharisäer behaupteten zu wissen, dass Gott mit Mose geredet hat. Aber das war nur ein theoretisches Wissen. Wäre dies ein verinnerlichtes Wissen gewesen, dann hätten sie verstanden, dass Gott gerade auch durch Jesus redet. Deswegen sagte Jesus einmal zu den Juden: der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft (Joh 5,45). Andererseits behaupteten die Pharisäer etwas nicht zu wissen, was sie sehr wohl wussten. Sie behaupteten nicht zu wissen, woher Jesus komme. Aber schon Nikodemus musste zugeben: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Das stimmte einfach nicht. Die Pharisäer konnten sehr wohl wissen, woher Jesus kommt. Der geheilte Mann weist sie daher zurecht: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist; und er hat meine Augen aufgetan. Das zweite Kennzeichen von blindgewordenen Menschen ist also: Sie behaupten etwas zu wissen, das sie nicht in Wirklichkeit wissen, und sie leugnen etwas zu wissen, dass sie sehr wohl wissen. Kennt ihr solche Leute, die sobald man ihnen von seinen Entdeckungen aus der Schrift erzählt, immer sagen: „Ich weiß nicht…“. Das muss zwar nicht, kann aber ein Symptom dafür sein, dass man der Wahrheit widersteht.

Anstelle Buße zu tun, schwelgten die Pharisäer weiterhin an ihrer Selbstgefälligkeit. Heuchlerisch fragten sie Jesus: Sind wir denn auch blind? (V. 40). Dann gab ihnen Jesus eine deutliche Antwort: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde (V. 41). Geistlich blind muss nicht unbedingt ein Problem sein. Von Natur sind wir alle blind, was Gott angeht. So gesehen sind wir alle Blindgeborene. Selbst die Jünger waren in gewisser Weise blind. Das zeigt ihre Frage ganz am Anfang des Textes (V. 2). Sie gingen von einer völlig falschen Absicht Gottes bzgl. der Blindheit des Mannes aus (V. 3). Gott hatte etwas ganz anderes vor, als sie dachten. Jesus konnte den Jüngern helfen, Gott Stück für Stück besser kennenzulernen. Ebenso kann Jesus jedem „Blindgeborenen“ helfen. Wenn aber Menschen behaupten, sehend zu sein, obwohl sie blindgeworden sind, dann machen sie sich schuldig und unfähig für Jesu Hilfe.

Zur Zeit Jesu glaubte man, dass blindgeboren sein ein Gericht Gottes sei (daher die Frage der Jünger zu Beginn des Textes). Aber V. 39 macht deutlich, dass nicht blindgeboren, sondern blindgeworden ein Gericht Gottes ist!

Jede Gemeinde, jeder einzelne Christ steht in der Gefahr, aus einem geistlich Sehenden zu einem geistlich Blinden zu werden. Wir sollten uns daher diese Fragen stellen: Gibt es bestimmte Offenbarungen Gottes, gegen die ich mich sträube, die ich wie die Pharisäer einfach nicht wahrhaben will, einfach weil sie mir nicht passen? Treffen auf mich jene zwei Kennzeichen zu? Wenn das der Fall sein sollte, erkenne an, dass du geistlich blind bist, auf dass der Herr dir Augenlicht geben kann.

Die Pharisäer sind ein typisches Beispiel dafür, wie einst Sehende blind geworden sind. Die Eltern des Blindgeborenen sind hingegen ein typisches Beispiel für Blinde, die blind bleiben. Lasst uns das im zweiten Teil betrachten.

Teil II: Der Unglaube der Eltern (V. 18 – 23)

Mit dem Wunder hatte das Licht Jesu nicht nur in das Leben des Blindgeborenen, sondern auch in das Leben der Eltern hineingeleuchtet. Die Heilung ihres Sohnes hätte ein wunderbarer Anlass werden können, zum Glauben an den Herrn zu kommen. Wie gingen die Eltern aber mit diesem Licht um? Lasst uns hierzu einmal die Antwort der Eltern in den Versen 20 und 21 genauer anschauen. In diesen zwei Versen taucht das Wort „wissen“ mehrfach auf. Zuerst sagen die Eltern: „Wir wissen“, dann sagen sie zwei Mal hintereinander „wir wissen nicht“. Das zeigt etwas ganz Entscheidendes, wie sie mit dem Licht Jesu umgegangen sind. Zum einen können sie einfach nicht leugnen, dass etwas Wundersames mit ihrem Sohn passiert ist. Sie sagen: „Wir wissen“. Aber gleich, in dem nächsten Moment sagen sie „Wir wissen nicht“. Das zeigt, dass sie das Licht vertuschten. Sie wussten sehr wohl, von wem ihr Sohn geheilt worden war und wie Jesus ihn geheilt hatte. Ihr Sohn hatte es ja öffentlich gemacht und sie gehörten bestimmt zu den ersten, die das erfahren hatten. Aber anstelle es zu bekennen, sagten sie zwei Mal „Wir wissen nicht“. Warum vertuschten sie das Licht? Johannes nennt den Grund in Vers 22. Die Eltern fürchteten sich vor den religiösen Leitern. Die religiösen Leiter hatten beschlossen, jeden aus der Synagoge hinauszuwerfen, der Jesus als den Christus bekennt. Aus der Synagoge ausgestoßen zu werden, war eine sehr bittere Angelegenheit. Es bedeutete nicht einfach nur, nicht mehr die Synagoge besuchen zu dürfen. Jemand, der aus der Synagoge ausgestoßen war, war in der jüdischen Gesellschaft stigmatisiert. Mit einem Mal wollte niemand mehr was mit ihm zu tun haben. Das hatte sicherlich auch große Beeinträchtigungen auf die Ausübung des Berufes gehabt. Stell dir vor, du erfährst im engsten, vertrautesten Kreis, da wo du deinen sozialen Platz und Annahme gefunden hast, auf einmal die totale Verachtung und Ablehnung. Das ist schon hart. Trotzdem ist das nicht wert, das Licht zu vertuschen. Deren Sohn ist gerade hierfür ein Beispiel. Auch wenn er am Ende niemanden mehr hatte, er hatte Jesus und das reicht! Den Eltern war es lieber als Unwissende zu gelten, als zu sozialen Außenseitern zu werden. Mit anderen Worten, sie hatten offenbar gar kein Problem damit, geistlich blind zu sein. Das sie zwei Mal sagten: „Wir wissen nicht“ passt wirklich gut zu ihnen. Sie waren geistlich blind und sie blieben auch geistlich blind.

Am Beispiel der Eltern lernen wir also, dass Menschenfurcht dazu führt, dass man das Licht vertuscht. Die natürliche Folge davon ist, dass man geistlich blind bleibt. Ist ja klar, warum sollte einer, der das Licht vertuscht bzw. gar nicht wirklich haben will, mehr Licht bekommen? Die Frage, die man sich daher stellen sollte, ist: Wie wichtig ist es mir, an geistlichem Sehvermögen zuzunehmen? Setzt die Menschenfurcht auch in meinem Leben dem Licht eine Grenze, sodass ich es vertusche?

Nachdem wir den Unglauben der Pharisäer und den Unglauben der Eltern betrachtet haben, wollen wir uns den Glauben des Blindgeborenen anschauen. Der Blindgeborene ist ein Beispiel für Blinde, die sehend werden.

Teil III: Der Glaube des Blindgeborenen (V. 24 – 41)

Im Laufe der Geschichte nimmt der geheilte Mann immer mehr an geistlichem Sehvermögen zu. Zuerst war Jesus für den Blindgeborenen nur der Mensch, der Jesus heißt (V.11). Dann erkennt er in Jesus einen Propheten (V. 17). Einen weiteren Moment seiner Entwicklung sehen wir in Vers 38: Herr, ich glaube. Und er betete ihn an. Jetzt ist Jesus nicht mehr nur ein Prophet. Der Blindgeborene erkennt in Jesus den Messias. Er fing an Jesus anzubeten. Jesus war für ihn zum Gott geworden. Diese drei Momente der Entwicklung seines Glaubens sind nicht als Stufen (wie bei eine Treppe) zu verstehen, sondern eher als einen Prozess mit fließenden Übergängen zu verstehen. In den Versen 31 bis 33 sehen wir zum Beispiel wie der Blindgeborene Jesus mit aller Entschiedenheit vor den Pharisäern verteidigt und im Kauf nimmt, aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Das zeigt, dass der Anbetungsglaube bereits in dem Mann keimte.

Wie auch immer, jedenfalls zeigen diese drei Momente, dass der Blindgeborene von einem geistlich blinden Menschen zu einem geistlich sehr klar sehenden Menschen verändert wurde. Wie konnte das geschehen? Einfach gesagt, der Mann rebellierte nicht gegen das Licht (wie die Pharisäer), er vertuschte das Licht nicht (wie die Eltern), sondern er reagierte auf das Licht, das Jesus ihm gegeben hatte. So konnte ihm Jesus mehr und mehr Licht geben.

Als Jesus dem Blindgeborenen zum ersten Mal begegnete, reagierte der Mann ohne Wenn und Aber auf Jesu Wort, obwohl Jesus es ihm nicht einmal begründet hatte, warum er zum Teich Siloah gehen sollte. Medizinisch gesehen, machte Jesu Auftrag keinen Sinn. Offenbar hatte der Mann von Jesus schon gehört, weswegen er später sagte: Der Mensch, der Jesus heißt. Er hatte ein wenig Licht. Er reagierte auf dieses Licht, indem er Jesu Befehl ohne Wenn und Aber gehorchte.

Als der geheilte Mann das Wunder erlebt hatte, fing er an, über Jesus nachzudenken. Dies sehen wir in den Versen 31 bis 33. Das Wunder regte den Blindgeborenen dazu an, vernünftige und logische Schlussfolgerungen über Jesus zu ziehen: Jesus konnte kein Sünder sein. Er musste ein gottesfürchtiger Mensch sein. Er musste ein Mensch sein, der von Gott kommt. Auch hier sehen wir wieder, dass der Blindgeborene auf das Licht reagierte, indem er über das Wunder nachdachte. Seine Reaktion auf das Licht zeigt sich aber auch noch auf eine andere Weise. Das, was er mit Jesus erlebt hatte; das, was er über Jesus erkannt hatte, das bekannte er auch, anstelle es zu vertuschen. Er tat das, obwohl ihn das in große Gefahr brachte. Gerade das zeigt, wie gut er auf das Licht reagiert hatte.

Wie wir wissen, wurde der Blindgeborene aus der Synagoge ausgestoßen. Spätestens jetzt hätte er sagen können: „Jesus bringt mir nur Probleme mit Menschen ein. Ich lasse diese ganze Sache mit Jesus lieber sein!“. In solchen Momenten kann es leicht sein, dass man nicht mehr bereit ist, weiter auf das Licht zu reagieren. Aber der Blindgeborene war anders. Als Jesus dem Blindgeborenen zum zweiten Mal begegnete, sagte der Blindgeborene: Herr, wer ist’s, auf dass ich an ihn glaube? Der Blindgeborene war für die Wahrheit nach wie vor total offen. Er war bereit, Jesus als den anzuerkennen, der Er ist, unabhängig davon, was das für Konsequenzen für ihn hätte. Jesus wurde immer mehr zu einem sozialen Außenseiter (vgl. Joh 7,20). Aber der Blindgeborene war bereit, den als Messias anzuerkennen, wer der auch sein möge. Als der Blindgeborene so gut auf das Licht reagiert hatte, konnte Jesus ihm weiteres Licht geben. Jesus gab ihm eine ganz klare Antwort: der mit dir redet, der ist’s. Der Blindgeborene konnte nun Jesus ganz klar sehen: Jesus ist Gott selbst! Hierfür musste der Mann nur vor dem Licht kapitulieren. Alles andere hat Jesus getan. Wir können vom Anfang bis zum Ende der Geschichte sehen, dass Jesus dem Blindgeborenen sehr entgegen kam. Wie schon in der Einleitung erwähnt, hatte der Blindgeborene Jesus nicht einmal darum gebeten, ihn zu heilen. Jesus heilte den Mann von sich aus. Später als er geheilt wurde, ging der Mann nicht wieder zu Jesus. Selbst als er aus der Synagoge ausgestoßen wurde, ging er nicht zu Jesus. Jesus war es, der den Blindgeborenen aufgesucht hatte. Jesus war es, der ihm mit der Frage: Glaubst du an den Menschensohn? zu einem tieferen Glauben verholfen hat. Jesus kommt denen, die auf das Licht gut reagieren, sehr sehr entgegen. Er gibt ihnen sehr gerne mehr geistliches Sehvermögen.

Jesus möchte auch unser Sehvermögen sehr gerne verbessern. Er ist ja das Licht der Welt. Es gehört ja zu seinem Wesen, uns geistliches Augenlicht zu geben. Daher sollte man sich fragen, wie man mit dem Licht, das man bekommen hat, umgeht? Widersteht man dem Licht wie die Pharisäer, vertuscht man das Licht wie die Eltern oder kapituliert man davor wie der Blindgeborene. Wenn wir auf das Licht mit einem offenen Herzen reagieren, wird sich unser Glaube mehr und mehr zu einem Glauben verändern, der Jesus anbetet.

Als der Mann vor Jesus niederfiel und ihn anbetete, sagte Jesus nicht: „Hey, das ist doch nicht nötig. Wegen mir brauchst du keine Probleme mit den religiösen Leitern zu haben. Danke, aber das brauchst du nicht für mich zu machen.“ Nein, Jesus nahm diese Anbetung an. Was für ein schönes Bild: Der Mann fiel vor Jesus nieder. Und Jesus blieb vor ihm stehen. Es ist, als ob Jesus sagen würde: „Ich bin es würdig! – deine Verspottung, dein Rausschmiss, deine Anbetung – dein alles bin ich würdig!“ Und es ist, als ob der Mann sagen würde: „Auch wenn ich niemanden mehr habe, Hauptsache ich habe dich! Das ist völlig genug!“

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Predigt: 3. Johannes 1, 1 – 14

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Wahrheit und Freundschaft

„Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ (1)

Heute betrachten wir den letzten der drei Johannesbriefe. Während der erste Brief wohl für mehrere Gemeinden gedacht war und daher eher allgemein ist, ist der 2. Johannesbrief schon persönlicher, da er an eine Herrin und ihre Kinder geschrieben ist, womit wohl eine bestimmte Gemeinde gemeint war. In beiden Briefen ermahnt und ermutigt Johannes die Empfänger wiederholt dazu, die Brüder zu lieben bzw. einander lieb zu haben. Den 3. Brief hat Johannes an einen Freund namens Gaius geschrieben, den er in der Wahrheit liebte und dessen praktische Bruderliebe er lobte. So zeigt sich in diesem Brief Johannes‘ Botschaft noch persönlicher und gibt uns ein anschauliches Beispiel für christliches Leben und Bruderliebe. Möge Gott jeden durch diese Botschaft segnen!

Johannes beginnt mit den Worten: „Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit“ (1). Er stellte sich auch in diesem Brief schlicht als „der Älteste“ vor. Es gab damals viele Älteste, da in allen Gemeinden Älteste eingesetzt wurden. Johannes hätte sich als der Apostel Jesu Christi vorstellen können. Dass er sich aber nur als „der Älteste“ vorstellte, drückt seine Demut aus und passt zu dem sehr persönlichen Ton in diesem Brief.

Er schreibt „an den lieben Gaius“. Wir wissen nicht genau, wer Gaius war. Vermutlich war er ein leitender Mitarbeiter in einer der Gemeinden in Kleinasien. Wir erfahren aber doch viel über Gaius‘ Glauben, durch die Wertschätzung, die Johannes in diesem Brief für ihn zum Ausdruck bringt. Im Vers 1 nennt er ihn „den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ Im Vers 2 schreibt er: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ Johannes interessierte sich nicht nur für sein geistliches Wohl, sondern wünschte ihm, dass er auch gesund wäre und dass es ihm in allen Bereichen gut gehe. In jedem Vers bringt Johannes seine geistliche Liebe und Wertschätzung für ihn zum Ausdruck. Es war ein Brief an einen Freund, den er in der Wahrheit liebte und dem er wünschte, dass es ihm in allen Stücken gut gehe, so wie es seiner Seele gut ging.

Woher wusste er, dass es Gaius seelisch und geistlich gut ging? Er schreibt: „Denn ich habe mich sehr gefreut, als Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du wandelst in der Wahrheit. Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln“ (3.4). Johannes wusste, dass es Gaius‘ Seele gut ging, weil er von Brüdern gehört hatte, wie Gaius in der Wahrheit wandelte. Letzte Woche ging es in der Predigt u.a. darüber, was die Wahrheit ist. Einfach gesagt ist die Wahrheit, von der Johannes schreibt, Jesus Christus und sein Evangelium. Jesus ist der Schöpfer und die Quelle des Lebens. Er ist die Quelle aller wahren Erkenntnis und Gottes letztgültige Antwort auf unsere Fragen. Gaius kannte die Wahrheit nicht nur, sondern hatte sie bis dahin angenommen, dass er darin wandelte. Der Ausdruck in der Wahrheit zu „wandeln“, zeigt, dass die Wahrheit sein ganzes Leben prägte. Anders gesagt hatte er Jesus, sein Werk und seinen Willen so tief verinnerlicht, dass Jesus sein Denken, Reden und praktisches Leben bestimmte. Die Wahrheit prägte Gaius so sehr, dass Johannes von „deiner Wahrheit“ spricht.

Viele Menschen hören und wissen von der Wahrheit, aber sie nehmen sie nicht wirklich an. Viele nehmen die Wahrheit grundsätzlich an, aber nicht bis dahin, dass sie danach wandeln. Das ist ein sehr ernstes Problem. Jesus tadelte in seiner Bergpredigt die Menschen, die sein Wort nicht umsetzen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (Lk 6,46) Johannes hatte so große Freude über Gaius, weil er nach der Wahrheit lebte. Wie sehr sein Leben mit Jesu Lehre und Willen übereinstimmte, zeigte sich konkret in seiner Gastfreundschaft, die er den Brüdern erwies, die für das Evangelium umher reisten. Diese Unterstützung für war sehr wichtig, da damals Christen bei den meisten Heiden nicht beliebt waren, insbesondere wenn sie umherzogen, um das Evangelium zu predigen. Aber Gaius nahm sie auf und geleitete sie weiter und gab ihnen dabei wohl auch Proviant und Ausrüstung mit, und drückt so seine Liebe zu den Brüdern aus. Dadurch drückte er praktisch seine Liebe zu Jesus und zur Verbreitung von Gottes Reich aus. Johannes freute sich so, dass Gaius in der Wahrheit wandelte, weil wahrer Glaube sich im praktischen Leben ausdrücken und damit übereinstimmen soll. – Wie stark ist euer Leben von der Wahrheit geprägt? Lasst uns danach streben, Männer und Frauen zu werden, die in der Wahrheit wandeln! Lasst uns beten, dass Gott uns hilft, die Wahrheit bis dahin zu begreifen, dass wir praktisch danach leben!

Betrachten wir noch einmal den ersten Abschnitt. Die ersten vier Verse bringen alle zum Ausdruck, wie sehr Johannes Gaius in der Wahrheit liebte. Sie zeigen ihre schöne geistliche Freundschaft, die sie pflegten und die auf der Wahrheit gründete. Jesus selbst war die Grundlage ihrer Freundschaft und derjenige, die sie miteinander verband.

Welche Bedeutung hat so eine geistliche Freundschaft für die Gläubigen? In der Bibel finden wir verschiedene Beispiele, die uns zeigen, wie schön und wertvoll geistliche Freundschaften sein können. Die Hauptperson vom ersten Buch der Bibel ist Abraham. Abraham wird in der Bibel „Gottes Freund“ genannt. Gott sagte in 1. Mose 18, dass er Abraham nicht verbergen könne, was er vorhat, da er doch ein großes und mächtiges Volk werden sollte. Der ewige Gott achtete Abraham als seinen Freund, dem er seine Absichten und Pläne vorab mitteilen will. Abraham konnte Gottes Freund werden, weil er Gott glaubte und sein Wort höher achtete als seine Gedanken, und seinem Wort gehorchte. Kurz gesagt, konnte Abraham Gottes Freund werden, weil Gott ihn so sehr liebte und weil Abraham Gottes Liebe vertraute und ihn mehr liebte als sich selbst.

Ein anderes Beispiel für geistliche Freundschaft finden wir in David und Jonatan. Obwohl Jonatan der Sohn des Königs war und David wegen seiner Beliebtheit im Volk als einen potentiellen Konkurrenten ansehen konnte, liebte er David mehr als sein eigenes Leben. Er setzte sich für ihn vor seinem Vater ein und riskierte dafür, von seinem Vater verstoßen oder gar getötet zu werden. Trotz dieses Risikos schlossen Jonatan und David miteinander einen Bund und schworen einander vor Gott die Treue bis zum Tod. Diese Freundschaft muss David in der schwierigen Zeit der Verfolgung durch Saul ungemein getröstet haben. Wie wertvoll diese Freundschaft für ihn war, kam zum Ausdruck, als Jonatan schließlich im Kampf starb und David um ihn trauerte und dabei bekannte, dass ihm Jonatans Liebe wundersamer war als Frauenliebe. Es gibt etliche weitere Beispiele für geistliche Freundschaften in der Bibel, zum Beispiel die von Daniel und seinen Freunden am Königshof.

Die wundersamste Freundschaft ist aber die von Jesus mit seinen Jüngern. Jesus nahm sie an und lebte täglich mit ihnen zusammen. Er liebte sie und lehrte sie die Wahrheit, vor allem die Liebe des Vaters und den Weg in sein Reich. Er sagte zu ihnen: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan“ (Joh 15,13-15). Jesus hat seine Jünger bis dahin geliebt, dass er für sie und uns am Kreuz sein Leben gab. Es ist das größtes Privileg und die wichtigste Sache, dass wir in der Freundschaft zu Jesus leben und in seiner Liebe bleiben. Aus der Liebesbeziehung Jesus kommt alles. Sie ermöglicht es uns auch, geistliche Freundschaften mit anderen Gläubigen zu haben. Wenn wir in Jesu Liebe bleiben und die Geschwister lieben, entstehen geistliche Freundschaften fast automatisch.

Johannes bezeichnete sich in seinem Evangelium oft als den Jünger, den Jesus lieb hatte. Er hatte die Liebe Jesu zu sich so tief angenommen, dass er das Gefühl hatte, als ob Jesus ihn allein auf der Welt geliebt hätte. Aber er nahm Jesu Liebe nicht nur für sich selbst an, sondern verstand, dass wir uns aufgrund dessen auch untereinander lieben sollen. So hat er in seinem ersten Brief die Christen immer wieder dazu ermutigt, sich untereinander zu lieben. Auch im zweiten Brief bat er die auserwählte Herrin und ihre Kinder darum, „dass wir uns untereinander lieben“ (2. Joh 1,5). Als er den dritten Brief schrieb, muss Johannes schon alt gewesen sein, vermutlich 70 oder 80 oder sogar 90 Jahre. Er muss in der Gemeinde in Ephesus, in der er wohl schon seit Jahrzehnten gewirkt hatte, viele geistliche Freunde gehabt haben. Aber dieser Brief zeigt, wie wichtig ihm die geistliche Freundschaft mit Gaius war, der in einer anderen Stadt lebte, wie sehr er sich bemühte, diese Beziehung zu pflegen. Er schrieb ihm, ermutigte ihn, warnte ihn und gab zu, wie sehr er selbst durch ihn erfreut und ermutigt wurde.

Geistliche Freundschaften sind so wichtig! Einen geistlichen Freund (bzw. geistliche Freundin) zu haben, ist unbeschreiblich wertvoll – jemanden, mit dem wir uns austauschen können, der uns annimmt, wie wir sind, und uns versteht, mit dem wir auch über unsere innersten Sorgen und Probleme reden können und sie gemeinsam vor Gott bringen können im Gebet. Das gilt, wenn bei uns alles gut läuft oder scheinbar gut läuft, und erst recht, wenn einer Schwierigkeiten hat oder in eine Krise gerät. Allgemein ist es wertvoll, Freunde zu haben. Aber Freundschaften in der Wahrheit haben eine andere Dimension– weil Jesus in der Mitte ist, weil er die Grundlage ist, weil seine Wahrheit in allem Orientierung gibt, weil seine Liebe Kraft gibt, den anderen treu geistlich zu lieben, und weil es in ihm in allen Situationen Hoffnung gibt. Geistliche Freundschaften haben eine andere Dimension, weil es letztlich um Jesus geht, darum, IHN mehr zu erkennen, ihm ähnlicher zu werden und ihn zu ehren, gerade auch durch das gemeinsame Reden und Beten, das einander Ermutigen und Begleiten in allen Lagen des Lebens.

Es ist ein großer Segen, dass wir miteinander solche Freundschaften haben dürfen. Wenn wir solche Freundschaften in Jesus haben, sollen wir Gott dafür danken; und sollten uns auch Zeit und Mühe geben, sie zu pflegen. Das entspricht dem Willen Gottes.

Wenn unsere Beziehung zu den Glaubensgeschwistern eher oberflächlich sind, wenn wir das Gefühl haben, keine geistlichen Freunde zu haben, sollten wir uns fragen, woran das liegt. Wir sollten uns fragen, inwieweit wir selbst in der Wahrheit leben; wie tief wir die Liebe Jesu selbst angenommen haben und inwieweit sein Gebot, dass wir uns untereinander lieben sollen, oder ob es uns an Liebe mangelt; ob wir die anderen in der Wahrheit sehen, aus der Sicht Jesu, mit seiner Liebe und Gnade, oder vielleicht mit Neid oder Kritik, was geistliche Freundschaften verhindert. Ob wir denn bereit sind, uns auf andere so, wie sie sind, einzulassen, und ob wir bereit sind, uns auch gegenüber anderen zu öffnen. Vielleicht sollten wir uns auch fragen, ob wir verstanden haben, wie wertvoll geistliche Freundschaften sind, und ob wir wirklich dafür offen sind.

Johannes‘ Freundschaft mit Gaius in der Wahrheit zeigt uns heute, dass geistliche Freundschaften ein wertvoller Teil des geistlichen Lebens sind, und ermutigt uns, uns danach geistlich auszustrecken. Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und segnen!

Betrachten wir die Verse 9-11. In der Gemeinde gab es einen Mann namens Diotrephes. Der wollte unter ihnen der Erste sein, d.h. er hatte das Amt des Gemeindeleiters inne oder er strebte danach. Aber er wies Johannes und seine Mitarbeiter ab. Er wies auch die Brüder ab, die als Evangelisten von Ort zu Ort zogen und Unterkunft brauchten. Er ging sogar so weit, dass er über Johannes schlecht redete und die Gemeindeglieder, die andere Gläubige aufnehmen wollten, aus der Gemeinde ausstieß. Ihm fehlte es in drastischer Weise an Liebe. Es ging ihm viel mehr um sich und seine Stellung in der Gemeinde als um Jesus und um die Brüder. Johannes wollte kommen und ihm seine Werke vorhalten und ihn so zur Buße führen.

Gaius sollte sich von ihm gar nicht beeinflussen lassen. Johannes schrieb: „Mein Lieber, nimm nicht das Böse zum Vorbild, sondern das Gute. Wer Gutes tut, der ist von Gott; wer Böses tut, der hat Gott nicht gesehen“ (11). Gaius sollte nicht solche Leute zum Vorbild nehmen, sondern das Gute. Ein ermutigendes Beispiel dafür war Demetrius, der ein gutes Zeugnis von jedermann hatte, sogar von der Wahrheit selbst, was wohl heißt, dass Gott durch seinen Geist sein Leben irgendwie bestätigte. Auch Johannes bezeugte Demetrius Glaubensleben als ein gutes Beispiel. Es ist wichtig, dass wir geistliche Vorbilder haben und dass wir diejenigen, die geistlich vorbildlich leben, anerkennen.

Johannes schloss den Brief mit dem herzlichen Wunsch, seinen geliebten Freund bald persönlich zu sehen und mit ihm über alles andere zu reden. Er wünschte ihm Frieden und richtete ihm Grüße der Freunde aus. – Möge Gott uns helfen, die Wahrheit bis dahin zu verinnerlichen, dass wir danach wandeln! Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und stärken und sie für seine Ehre gebrauchen! Amen.

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