Predigt: Markus 10,32 – 45 (Sonderlektion zum Jahr 2020)

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Denn auch der Menschensohn

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“

(Markus 10,45)

In der konfuzianischen Kultur ist das Lebensziel „Iepsin Yanmyung“, was bedeutet, in der Welt erfolgreich und berühmt zu werden. Das gilt nicht nur für die konfuzianische Gesellschaft, sondern für die meisten Menschen. Früher lebten wir auch mit so einem Wertsystem. Wir erachteten es als großen Erfolg, ganz oben zu sein, Macht über andere zu haben und diese auszuüben. Die Jünger Jesu in diesem Textabschnitt hatten die gleiche Wertvorstellung. Jesus lehrt die Jünger, wie sie leben sollten. Möge Gott uns durch diesen Text helfen, über wahre Größe zu lernen. Möge der Geist Gottes uns ansprechen, sodass wir diese Lehre tief annehmen und ihr gehorchen.

Betrachten wir Vers 32: „Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem, und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich. Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde.“ In jener Zeit predigte Jesus das Wort Gottes, während er durch das Ostjordanland zog. Jesus war auf dem Weg hinauf nach Jerusalem. Dies war die letzte Reise seines Lebens. In Jerusalem würde er für die Sünden der Welt gekreuzigt werden. Jesu Herz muss schwer belastet gewesen sein. Aber um Gottes Willen zu gehorchen, zog Jesus mutig nach Jerusalem. Die Jünger spürten, dass etwas passieren würde, und entsetzten sich. Die ihm nachfolgten, fürchteten sich.

Unterwegs redete Jesus mit den Jüngern zum dritten Mal über sein bevorstehendes Leiden. Betrachten wir die Verse 33 und 34: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten, und die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.“ Anders als bei der ersten und zweiten Ankündigung enthüllte Jesus, dass der Ort seines Leidens Jerusalem sein sollte. Auch die Einzelheiten seines Leidens waren so präzise und konkret, als ob diese Verse nach seiner Kreuzigung erfasst worden wären. Wie Jesus sagte, würde er verraten und von den religiösen Leitern der Juden an die die römischen Behörden überanwortet werden. Sie würden Jesus erniedrigen, indem sie ihn verspotten, ihn anspeien und ihn geißeln würden. Sie würden ihn am Kreuz töten. Aber Jesus sagte, dass er in drei Tagen auferstehen würde. Sein Leiden und Tod würden nicht das Ende sein. Es würde eine herrliche Auferstehung geben. Aus diesem Grund würde sein Tod ein herrlicher Tod sein.

Warum hat Jesus zu ihnen wiederholt über seinen Tod und Auferstehung geredet? Erstens geschah es, weil Jesus wollte, dass ihr Herz vorbereitet ist. Dadurch würden sie, wenn Jesus gekreuzigt würde, sich daran erinnern, was Jesus gesagt hatte, und an ihn glauben. Zweitens geschah es, weil Jesus wollte, dass das Evangelium von seinem Tod und Auferstehung in ihre Herzen gepflanzt würde.

Als die Jünger Jesu Worte hörten, sollten sie Gewissheit auf seinen endgültigen Sieg haben. Aber sobald sie Jesu Worte hörten, verschlossen sie ihre Ohren und sagten: „Was hast du gesagt? Ich habe nichts gehört!“ Sie träumten ihren eigenen Traum. Durch Jakobus und Johannes können wir sehen, was ihre Träume waren. Betrachten wir Vers 35: „Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.“ Wow! Sie waren sehr mutig. „Tu für uns, was wir dich bitten werden.“ Sie haben Jesus quasi um einen Blanko-Scheck gebeten. Sie wollten zur Rechten und zur Linken Jesu in seiner Herrlichkeit sitzen (37). Wir können den Rang von Leitern in Nordkorea an ihrer Sitzordnung bei der Obersten Volksversammlung erkennen. Kürzlich saß bei einer Versammlung von nordkoreanischen Leitern Kim Jung Euns Schwester in seiner Nähe in der ersten Reihe. Man hat angenommen, dass der Rang seiner Schwester gestiegen ist und sie mächtiger geworden ist. In gleicher Weise wollten Jakobus und Johannes direkt neben Jesus sitzen. Das Matthäusevangelium sagt uns, dass sie für dieses Anliegen sogar ihre Mutter zu Jesus brachten (Mt 20,20).

Aber Jesus fragte sie, ob sie den Kelch trinken könnten, den Jesus trinken sollte, und mit der Taufe getauft werden, mit der Jesus getauft wurde (38). Worauf bezogen sich der Kelch und die Taufe? Sie bezogen sich darauf, den Weg des Leidens und des Todes zu gehen wie Jesus. Ohne zu überlegen, sagten die beiden Jünger, dass sie das tun würden: „Ja, das können wir.“ Sie müssen gedacht haben, dass der Kelch oder die Taufe eine Art Leiden bedeutete, die jeder Untersützer eines neuen Königreiches ertragen musste. Jesus ertrug sie und sagte: „Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist“ (39b.40). Jesus sagte voraus, dass sie sicher den Kelch trinken und getauft würden wie er. Wie Jesus sagte, würde Jakobus später der erste Märtyrer unter den zwölf Aposteln werden, und Johannes würde im Exil auf der Insel Patmos leiden und alle anderen Apostel überleben. Aber obwohl sie auf solch ein Leben führen würden, oblag die Frage, wer zur Rechten und zur Linken Jesu sitzen würde, allein Gott dem Vater.

Die anderen Jünger wussten nicht, dass Jakobus und Johannes mit so einer Bitte zu Jesus kamen. Aber als Jesus ihnen laut antwortete, wurde alles enthüllt. Wie reagierten sie? Betrachten wir Vers 41: „Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.“ Die zehn Jünger wurden unwillig über die beiden. Sie müssen gesagt haben: „Wow! Ihr seid aber listig! Wir wissen, dass ihr mit Jesus verwandt seid. Aber ihr dürft eure persönlichen Beziehungen nicht ausnutzen. Hier in unserem Land müsst ihr eure Fähigkeiten nachweisen!“ Nicht nur der Spitzenjünger Petrus war aufgebracht, sondern auch Bartholomäus, der sonst immer still gewesen war. Alle zehn waren aufgebracht. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass alle einen starken Wunsch hatten, rechts und links neben Jesus zu sitzen. Sie alle wollten groß sein. Daher lehrte Jesus sie über wahre Größe und die richtige Haltung bei seiner Nachfolge.

Erstens: diejenigen, die anderen dienen, sind groß. Betrachten wir Vers 42: „Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ Damals hielten die Herrscher ihre Völker nieder. Ihre Mächtigen taten ihnen Gewalt an. Ihr Maßstab, nach dem sie das Gesetz anwandten, war „wie es mir gefällt“ oder „das hängt von meiner Laune ab“. Die Jünger wussten, wie unfair und ungerecht sie regierten. Wenn sie sahen, wie die römischen Soldaten Befehlen bedingungslos gehorchten, erkannten sie die Macht der Herrscher. Sie wussten, dass ihr Leben oder Tod vom Daumen ihrer Herren abhing. Wenn ein Herrscher mit dem Daumen nach oben zeigte, wurde ein Gefangener freigelassen, aber wenn er mit dem Daumen nach unten zeigte, wurde er hingerichtet. Die Jünger hassten so eine willkürliche Macht, aber in ihrem Herzen begehrten sie auch, solche Macht zu haben und über die Welt zu regieren.

Was sagte Jesus ihnen dann? Betrachten wir Vers 43a: „Aber so ist es unter euch nicht.“ Was bedeutet das? Es bedeutet, dass obwohl die Leute gerne so über andere herrschen und denken, das sei großartig, die Jünger anders denken sollten. Das heißt ihre Wertvorstellung von Größe sollte anders sein als die der Welt. Was für ein Wertsystem sollten sie haben? Betrachten wir die Verse 43b und 44: „sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Ein Knecht ist jemand, der von einer niedrigen Position aus Menschen dient. Ein Sklave ist der Besitz eines Herren und hat keine Freiheit. Ein Sklave verrichtet alle möglichen Dienste für seinen Herrn. Natürlich waren Jesu Jünger keine Sklaven. Aber wenn sie sich wie Sklaven erniedrigten und anderen dienten, würden sie wahrhaft groß sein und als die Ersten betrachtet werden.

„Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Wenn wir das hören, können wir zunächst denken, dass wir, um von anderen anerkannt zu werden und irgendwann groß zu werden, zuerst momentan vorübergehend anderen dienen müssen. Wir denken, dass wenn wir anderen hingebungsvoll dienen, die Leute im Laufe der Zeit erkennen, dass wir demütig sind. Zu gegebener Zeit werden sie uns erhöhen. Also können wir denken: „Okay, jetzt werde ich dienen. Ich werde demütig vielen Leuten dienen und ein großes Werk aufbauen. Später werden mich alle Leute respektieren.“ Aber das meint Jesus nicht! Jesus meint, dass wenn wir, obwohl wir keine Sklaven sind, uns erniedrigen und anderen dienen, so ein dienendes Leben an sich großartig ist! Jesus meint, dass die, die anderen dienen, aus Gottes Sicht die Ersten sind.

Warum ist so ein dienendes Leben so großartig? Darum, weil anderen demütig zu dienen, die schwierigste Sache überhaupt ist. Um anderen zu dienen, brauchen wir einen außergewöhnlichen inneren Charakter und Glauben. Ohne so einen Charakter und Glauben ist es nahezu unmöglich, wie ein Sklave zu dienen. Es gab einen römischen General. Er besiegte viele Feinde und eroberte Festungen. Einmal zog er mit einem triumphalen Einzug in Rom ein. Kurz gesagt, war er ein Held. Aber obwohl er starke Feinde besiegen konnte, konnte er nicht seine eigenen Gefühle und sein Temperament besiegen. Wenn sein Stolz verletzt wurde, explodierte er vor Ärger. Aber danach bedauerte er es und sagte: „O warum kann ich meinen Ärger nicht besiegen! Ich werde von meinem Temperament besiegt.“ Tatsächlich heißt es in Sprüche 16,32: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.“ Der größte Mensch ist nicht jemand, der Feinde besiegt. Es ist derjenige, der sein Herz beherrscht und sich selbst überwindet. Der Mensch, der in seiner Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe außergewöhnlich ist und anderen dient, ist wahrhaft groß.

Bruder Lawrence im 17. Jahrhundert war nicht einmal ein geweihter Mönch, sondern ein Bruder in einem Karmeliter-Kloster in Paris. Er reiste nie ins Ausland und studierte nie in einem Seminar. Er war ein Koch in einem Kloster. Er briet immer Spiegeleier, machte den Abwasch und putzte die Küche. In einer niedrigen Stellung diente er den Mönchen, als ob er den Engeln Gottes diente. Er zeigte ein großartiges Beispiel eines Mannes, der das Himmelreich besitzt und mit Gott wandelt, aber in der Küche dient. Aus Gottes Sicht war er ein großartiger Mann. In der Geschichte war Jesus der Größte. Er hat sich nicht aufgeregt. Er hat sich nicht gerächt. Sogar am Kreuz betete er für die, die ihn verspotteten und töteten. Er sagte: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).

Die Wahrheit, dass der, der dient, groß ist, können wir auch unter uns erkennen. Kinder sind normalerweise nicht dazu fähig, anderen zu dienen, weil sie unreif und ichzentriert sind. Um anderen zu dienen, muss man seine Ichzentriertheit überwinden und einen reifen Charakter haben. Gott sieht diesen Punkt. Ein reifer innerer Charakter! Die Jünger Jesu strebten nicht danach, sich selbst zu überwinden und zu Menschen heranzuwachsen, die anderen dienen konnten. Sie kämpften um eine Position. Sie dachten, dass eine höhere Position sie größer machen würde. Aber Jesus sagt, dass das, was einen Menschen groß macht, nicht seine Position, sondern sein Charakter ist. Ja, Jesus lehrt uns, dass jemand, dessen innere Person groß ist, wahrhaft groß ist. Möge Gott uns helfen, diese Wahrheit tief anzunehmen und zu großen Männern und Frauen heranzuwachsen, die demütig anderen dienen.

Zweitens: Jesus kam, um zu dienen. Betrachten wir Vers 45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Jesus sagte klar, dass der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen. Jesus ist von seinem wahren Wesen her der Schöpfer Gott. Er ist heilig, herrlich und würdig, von allen Engeln und Menschen Preis, Anbetung und Dienst zu empfangen. Für Jesus wäre es ganz normal, wenn er sich dienen ließe. Aber Jesus sagte, dass er nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Er kam und diente allen Arten von Menschen. Er diente einem Gelähmten, der an seiner Sünde krank war. Er diente Zöllnern, die wegen ihrem selbstsüchtigen Verlangen ihr eigenes Volk betrogen. Er diente einem Mann mit einem bösen Geist in der Gegend der Gerasener. Jesus ertrug und diente seinen Jüngern, die voll von weltlichen Träumen waren und einen Konkurrenzgeist hatten. Er diente den sturen und unbußfertigen Pharisäern geduldig.

Als geistliche Hirten dienen wir Studenten und Mitarbeitern. Aber wenn wir fortwährend dienen, werden wir nach einer Weile ungeduldig. Manchmal ärgern wir uns und denken: „Ich habe so lange gedient. Wie viel soll ich noch dienen? Jetzt sollen mal die anderen mir dienen.“ Aber denke an Jesus! Der ganze Zweck seines Kommens in diese Welt war es, zu dienen! Das war das Ziel seines Lebens. Es war ihm egal, ob die Menschen seinen Dienst anerkannt haben oder nicht. Während Jesus Menschen diente, war er voller Freude, weil dienen der Grund war, aus dem er gekommen war. Das ist wahr. Wenn es dein Lebensziel ist, zu dienen, ist dir die Anerkennung anderer egal. Dann brauchst du nicht einmal Markus 10,45 als Leitwort festzuhalten und darum kämpfen, weil dienen das Ziel deines Lebens ist. Wenn wir nicht so eine klare Haltung haben, geraten wir bald in Verlustgefühle. Wir wollen bald eine Belohnung. Wir wollen anerkannt und respektiert werden. Wenn wir diese Dinge nicht bekommen, verlieren wir in unserem Herzen den Frieden. Aber Jesus kam, um zu dienen! Nur dienen! Und er lebte dafür.

Selbst wenn wir anderen dienen, haben wir in uns nichts, dessen wir uns rühmen könnten. Denkt an Jesus! Unser Dienst für andere ist nichts! Habt ihr so viel geopfert, um anderen zu dienen? Denkt an Jesus! Jesus kann nicht mit uns verglichen werden – der heilige Gott mit sündigen Menschen. Er ist der König der Könige und Herr der Herren. Der König lebte wie ein Diener. Unabhängig davon, wie viel wir opfern und dienen mögen, sind wir vor ihm sprachlos. Vor ihm können wir auf nichts stolz sein in uns. Möge Gott uns helfen, Jesu schönes dienendes Leben nachzuahmen. Auch wenn wir dienen, möge Gott uns helfen, zu bekennen, dass wir unnütze Knechte sind.

Drittens, Jesus gab sein Leben. Betrachten wir nochmals Vers 45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Beachte den letzten Teil dieses Verses: „sein Leben gebe“. Während Jesus Menschen diente, diente er ihnen mit dem Geist, sein Leben zu geben. Und schließlich gab er für sie sein Leben. Auf uns bezogen: nachdem wir Jesus als unserem Herrn begegnen, hören wir auf, nach weltlichen Dingen zu jagen. Wir studieren die Bibel und beten. Wir laden Studenten ein und dienen ihnen. Manche von uns dienen als ein Kreisleiter oder Gemeindeleiter. Wir erziehen Jünger. Wir ermutigen sie, für das Reich Gottes zu leben. Unsere tägliche und wöchentliche Routine ist voll von geistlichen oder religiösen Aktivitäten. Daher können wir leicht in folgendes Missverständnis geraten: „Da ich stark in geistliche Aktivitäten eingebunden bin, muss ich ja Jesus gut nachfolgen.“ Aber in vielen Fällen, wenn wir unsere tiefen inneren Motive untersuchen, aus denen wir unsren Bibelschülern und Mitarbeitern dienen, finden wir, dass wir nicht Jesus folgen, sondern immer noch unseren eigenen Ambitionen folgen. Selbst wenn wir uns demütigen und anderen dienen und hart kämpfen, um für Gott zu wirken, finden wir, dass wir all diese Dinge für unseren eigenen Ruhm und Anerkennung tun. Wir streben nach unseren eigenen Errungenschaften und unserer eigenen Ehre. Anstatt danach zu streben, unser Leben zu geben, finden wir, dass wir immer noch hart arbeiten, um uns selbst zu retten. Wir ringen nicht darum, unser Leben zu verlieren, sondern darum, unser Leben zu behalten, erhalten und verherrlichen. In gewissem Sinn leben – in Jesus – immer noch genau das gleich alte Leben, das wir früher in der Welt gelebt haben.

Jesus warnte die Jünger vor dem, was die Herrscher dieser Welt tun, nämlich die Menschen niederhalten und ihre Macht ausüben. Aber halten wir als geistliche Leiter von Gottes Leuten nicht auch andere nieder und üben unsere Macht über sie aus? Der Unterschied ist vielleicht nur, dass weltliche Leute weltliche, politisch Mittel gebrauchen, aber wir gebrauchen geistliche, religiöse Mittel. Auch wenn wir behaupten, dass wir Jünger Jesu sind, leben wir in Wirklichkeit mit einem weltlichen Wertsystem: wir regen uns auf, wenn unsere eigene Meinung oder Autorität untergraben wird, oder wir werden ärgerlich, wenn unser Stolz verletzt wird, oder wir kämpfen um eine höhere Position zu erlangen, oder wir interessieren uns für einen Titel oder Ruhm. Jesus diente nicht, um sein Leben zu erhalten. Er kam, um sein Leben zu geben! Und er gab tatsächlich sein Leben für uns. Als Folge davon haben wir wunderbare Gnade empfangen. Als diejenigen, die seine Gnade empfangen haben, mögen wir Leben leben, die nur Gott verherrlichen, und unser Leben geben, wie Jesus es tat.

Vor diesem Wort Gottes habe ich nichts zu sagen. Ich gebe vor, ein geistlicher Hirte für Gottes Herde zu sein. Aber ich stelle fest, dass ich immer danach trachte, mein Leben zu erhalten, anstatt es für aufzugeben. Auch wenn ich die Bibel lehre, habe ich immer auf meinen körperlichen Zustand geachtet. Wenn ich müde war, wurde ich so passiv und lehrte die Bibel nicht von ganzem Herzen. Ich tue Buße für mein Mangel an Herz, wenn ich Studenten und anderen Mitarbeitern diene. Herr, hilf mir zu erkennen, dass ich ein enorm verschuldeter Sünder bin, und zu beten, dass ich nicht darum kämpfe, mein Leben zu retten, sondern mein Leben für deine Leute zu geben.

Wie können wir dann so ein Leben leben? Wie können wir unseren Stolz beseitigen? Wie können wir unsere selbstsüchtigen Wünsche aufgeben und als Sklaven aller leben? Es scheint unmöglich, dass wir das tun. Wie ist es möglich?

Erstens müssen wir uns an die Gnade erinnern, die wir von unserem Herrn Jesus empfangen haben. Wir sollten uns nicht nur an die Gnade erinnern, sondern sie jeden Tag erneuern. Durch Jesu Dienst haben wir das größte Geschenk in der Welt empfangen, das wir uns je vorstellen könnten. Wir dienen nicht mehr, um noch irgendetwas zu empfangen. Wir haben bereits alles empfangen! Wenn wir an die Vergebung unserer Sünden und das ewige Leben denken, das wir durch Jesus empfangen haben, ist es seltsam, noch irgendetwas in dieser Welt zu begehren. Wenn wir das aber tun, sind wir nicht ignorant gegenüber der Gnade Jesu, die wir schon empfangen haben? Wenn wir uns an die Gnade Jesu erinnern und sie erneuern, können wir ein Leben führen, um zu dienen und unser Leben zu geben.

Zweitens, wir müssen beten, dass wir Jesu Fußstapfen folgen können. Das Gebet hat eine wunderbare Macht. Es ist der Kanal, durch den wir Gottes Gnade empfangen. Wenn wir beten, versorgt uns Gott mit all der nötigen Gnade, die uns befähigt, so ein Leben zu führen. Gott wird uns sicherlich unseren Herzenswunsch erfüllen, als Sklaven zu dienen und unser Leben für andre zu geben. Er verändert unseren inneren Charakter und macht ihn demütig, hingebungsvoll und schön wie den von Jesus. Wie schön und herrlich ist unser Herr Jesus! Wenn wir an ihn denken, wird unser Herz mit Dank, Freude und Preis für ihn erfüllt. Wir sind fasziniert von seiner Schönheit. Bevor wir uns freuen, weil er etwas für uns getan hat, oder bevor wir traurig werden, weil er etwas nicht für uns getan hat, müssen wir beten, dass wir erkennen, wie kostbar Jesus ist, seine Schönheit, Majestät und Herrlichkeit. Wir müssen beten, dass unser Herz mit dem Verlangen erfüllt wird, ihn zu erkennen und in ihm gefunden zu werden. Möge Gott uns ein Verlangen geben, Jesu Leben nachzuahmen und zu dienen und unser Leben für andere zu geben.

Zuletzt, was heißt es dann praktisch, anderen zu dienen? Wem sollten wir dienen? Kurz gesagt sollten wir jedem dienen, der unsere Hilfe braucht. Unseren Brüdern und Schwestern, unseren bedürftigen Nächsten, Ehemännern und Ehefrauen, Eltern und Kindern, besonders Teenagern und Studenten, für die wir beten. Wir sollten jedem von ihnen dienen, einem nach dem anderen, als ob wir Jesus dienen. Mutter Theresas Gedenkstätte ist in Skopje in Mazedonien. Dort sah ich ihr Tagebuch. In ihrem Tagebuch standen die folgenden Worte: „Jesus ist der Hilflose, dem ich helfe, der Bettler, den ich aufnehme, der Leprakranke, den ich wasche, der Trunksüchtige, den ich anleite“. Sie sagte: „Ich diente Jesus in dem Ärmsten der Armen in Kalkutta.“

Zusammengefasst: Jesus kam um zu dienen wie ein Sklave und sein Leben zu geben. Wegen Jesu Dienst haben wir die Vergebung der Sünden und das ewige Leben empfangen. Wir brauchen nichts mehr. Mögen wir Jesus danken und ein Leben führen, das anderen dient, und unser Leben geben. Möge Gott uns helfen, einen umherwandernden Studenten anzunehmen und ihm mit unserem ganzen Herzen zu dienen. Möge Gott uns segnen, dass wir, indem wir einander demütig dienen, zu einer liebevollen geistlichen Gemeinschaft heranwachsen! Amen!

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Predigt: Johannes 9,8 – 41

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Umgang mit dem Licht der Welt

Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden

(Johannes 9,39)

Letzte Woche wurde der erste Teil über die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen gepredigt. Ich werde heute über den zweiten Teil predigen. Ich muss sagen, dass mein Vorgänger den besseren Teil vom Kuchen abbekommen hat. Denn im ersten Teil der Geschichte geht es viel um Jesus, in meinem Teil viel um den Unglauben der Juden zur Zeit Jesu. Naja, deswegen möchte ich zumindest zu Beginn noch einmal das Wichtigste aus den ersten Versen zusammenfassen. In den ersten Versen offenbart sich Jesus erneut als das Licht der Welt. Jesus ist derjenige, der Menschen geistliches Sehvermögen schenken kann. Mit dem Hinweis, dass Siloah – Gesandter bedeutet, macht Johannes deutlich, dass Jesus selbst unser Siloah ist: Er wurde von Gott gesandt, um uns die Augen über Gott zu öffnen. Jesus ist unser Siloah! Er kann unsere Augen von jeglicher Blindheit befreien. Die Einfachheit, wie Jesus den Blinden heilte, zeigt, dass es für Jesus gar kein Problem ist von geistlicher Blindheit zu heilen. Jesus kann es nicht nur, sondern er tut es auch sehr gerne. Jesus heilte den Blinden aus völliger Eigeninitiative. Es war ja nicht so wie bei den zwei Blinden bei Jericho. Er schrie nicht: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Mk 10, 47). Jesus ging einfach auf ihn zu und heilte ihn. Aber das war nicht alles. Er brachte sich dabei sogar selbst in Lebensgefahr, indem er am Sabbat einen Brei herstellte. Jesus kann und will sehr gerne jedem geistliches Sehvermögen geben, denn er ist das Licht der Welt. Aber umso mehr sollten wir uns die Frage stellen: „Wenn Jesus geistliches Sehvermögen geben kann und es auch sehr sehr gerne tut, warum, warum gibt es aber trotzdem noch so viele Menschen, die geistlich blind sind?“ Der restliche Teil von der Geschichte gibt uns eine Antwort auf diese Frage. Wir wollen uns mit ihm wie immer anhand von drei Fragen auseinandersetzen. In dem Leitwort spricht Jesus von Sehenden, die blind werden, und von Blinden, die sehend werden. Ich habe drei Fragen danach orientiert: 1. Warum können Sehende blind werden? 2. Warum bleiben viele Blinde blind? Und 3. Wie können Blinde sehend werden? Die folgenden drei Teile geben eine Antwort auf jeweils eine der drei Fragen.

Teil I: Der Unglaube der Pharisäer (V. 8 – 26)

In den Versen 8 – 12 erfahren wir, wie das Wunder an die Öffentlichkeit kam. Es fällt auf, dass Johannes ziemlich ausführlich darüber schreibt. Eigentlich berichtet Johannes nur das, was er für erwähnenswert hielt. Zum Beispiel berichtet er kein Sterbenswort über die Freude der Eltern über die Heilung ihres Sohnes. Mit Sicherheit haben sich die Eltern sehr gefreut. Aber Johannes hielt es nicht für erwähnenswert. Warum hielt Johannes aber die Reaktionen der Leute auf das Wunder für so erwähnenswert? Wenn wir diesen Abschnitt lesen, bekommt man den Eindruck, dass das Volk überfordert war das Wunder einzuordnen. Was sollten sie von diesem Wunder denken? Wie sollten sie es beurteilen? Was sie dann machen, ist sehr bemerkenswert. In ihrer Ratlosigkeit schickten sie den geheilten Mann zu den Pharisäern. Warum zu den Pharisäern? Die Pharisäer galten sozusagen als die Fachmänner für geistliche Dinge. Sie waren sozusagen die Meinungsbildner in geistlichen Angelegenheiten. Die Pharisäer sollten die ganze Sache beurteilen. Sie sollten sagen, wie man über dieses Wunder zu denken hat. Also, was Johannes wohl in diesem Abschnitt aufzeigen will, ist, dass die Pharisäer als die Leute mit geistlichem Durchblick galten. Sie waren die geistlich Sehenden. Sie sahen sich selbst als Sehende und sie wurden als die Sehende anerkannt. Einst waren die Pharisäer wirklich geistlich Sehende gewesen. Die Pharisäer gingen aus der nachexilischen, jüdischen Bewegungen hervor, die eine Absonderung von heidnischen Einflüssen anstrebten. Später, im 2. Jh. v. Chr. (Antiochus IV. Epiphanes), wandten sie sich entschieden gegen die Hellenisierung. Ihr Leben sollte allein von den bewährten Überlieferungen: das Gesetz, die Propheten und die Schriften bestimmt werden. Die Pharisäer hatten einen geistlichen Anfang gehabt. Sie waren erweckte Leute gewesen, geistlich wache Menschen, eben geistlich Sehende!

Doch wie konnten ausgerechnet sie blind werden? Dies wird uns klar, wenn wir den Verlauf der Untersuchung des Wunders durch die Pharisäer näher betrachten. Die Untersuchung durchläuft drei Phasen: Zuerst befragen sie den geheilten Mann, dann seine Eltern und dann nochmal den geheilten Mann. Die erste Phase von V. 13 – 16 zeigt, was bei den Pharisäern auf dem Spiel stand: Es ging um die Frage des Sabbats. Dass Jesus ausgerechnet den Mann mit der Herstellung eines Breis heilte, war ein krasser Verstoß gegen ihr Verständnis des Sabbatgebots. In den Augen der Pharisäer war das keine kleine Sache. In Joh 5,16, wo es um die Heilung des Gelähmten ging, heißt es: Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Johannes erklärt hier, dass der angebliche Sabbatbruch Jesu der Anlass war, warum die Pharisäer Jesus verfolgten. Die Pharisäer nahmen den Sabbat sehr ernst, todernst. Der Sabbat hatte einen wichtigen Platz in der Frömmigkeit der Pharisäer. Er war in der Frömmigkeit der Pharisäer keine Nebensache. Als Jesus am Sabbat den Brei herstellte, war das ein heftiges Rütteln an der Frömmigkeit der Pharisäer. Das Wunder Jesu bewirkte sozusagen einen tiefen Riss in die Frömmigkeit der Pharisäer. Es stellte sie in Frage. Letztendlich zielte die Frage nach der Echtheit des Wunders darauf ab: „Entweder ist Jesus total verkehrt oder wir sind total verkehrt. Wenn dieses Wunder echt ist, wenn dieses Wunder wirklich von Gott kommt, dann bedeutete es automatisch, dass wir mit all unseren Satzungen über den Sabbat total falsch liegen.“

Wie gingen die Pharisäer mit dieser Spannung um? Betrachten wir Vers 16. Das erste, was die Pharisäer versuchten, war es, die Tatsache des Wunders zu ignorieren. Sie sagten einfach: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Was sie eigentlich sagten, war: „Dieser Mensch kann nicht von Gott sein; dieser Mensch darf nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält.“ Das Wunder der Heilung ließen sie einfach unbeachtet. Aber das war so eine krasse Ignoranz gegenüber dem Wunder, dass selbst ein Teil der Pharisäer zugeben musste: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Das Wunder einfach so ignorieren, ging also nicht. Was machten die Pharisäer dann? Im Vers 17 erfahren wir, dass die Pharisäer den Geheilten nach seiner Meinung über Jesus fragen. Wahrscheinlich hatten sie sich erhofft, dass er Jesus als fragwürdig darstellt. Aber das ging voll in die Hose. Der Geheilte hielt Jesus für einen Propheten. Auch das funktionierte also nicht. Was machten sie dann? Wenn schon an Jesus nichts Schlechtes gefunden werden konnte, so musste doch zumindest etwas an dem Wunder nicht in Ordnung gewesen sein. Hierzu gab es zwei Möglichkeiten: a) Der Mann war in Wirklichkeit gar nicht blind. Es war ein anderer. Das Wunder war sozusagen nur ein Fake. b) An der Art und Weise, wie der Mann geheilt worden ist, lässt sich etwas finden; z.B. dass man es irgendwie natürlich erklären kann oder dass sich dahinter Zauberei verbirgt u.Ä. Die Pharisäer stellten den Eltern daher im Vers 19 zwei Fragen: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend? Aber auch die Eltern konnten den Pharisäer nicht weiterhelfen. Es konnte einfach nicht geleugnet werden, dass der Mann wirklich ihr Sohn war, der zuvor blind gewesen ist. Die andere Frage wollten sie ja aus Angst nicht beantworten (hierzu später im zweiten Teil). So standen die Pharisäer wieder am Anfang.

Was machten sie dann? Im Vers 24 erfahren wir, dass sie den geheilten Mann wieder befragten. Ihre Vorgehensweise wiederholt sich: Entweder musste etwas an Jesus oder an dem Wunder gefunden werden. Sie nötigen ihn regelrecht dazu, Jesus zu verleumden. Es durfte einfach nicht sein, dass Jesus von Gott ist. Aber der geheilte Mann erfüllt ihre Erwartung nicht. Stattdessen legte er ein klares Zeugnis ab: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend (V. 25). Dann musste doch wenigstens etwas an dem Wunder sein. Also stellen die Pharisäer den Blindgeborenen erneut die Frage: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? (V. 26) Aber der geheilte Mann war nicht mehr bereit, auf die Frage der Pharisäer zu antworten. Stattdessen fängt er an, sie zurechtzuweisen. Der Mann merkte also, dass die Pharisäer es einfach nicht verstehen wollen. Die gesamte Untersuchung der Pharisäer macht eine Sache ganz deutlich: Sie wollten das Wunder einfach nicht wahrhaben.

Zurück zur Frage: Wie konnten ausgerechnet die Pharisäer, die einst Sehende waren, geistlich blind werden? Nachdem wir ihre Untersuchung des Wunders betrachtet haben, ist die Antwort ganz klar: Sie widerstanden der Wahrheit. Jesus hatte ihnen ein ganz „helles Licht“ gegeben. Er hätte den Blinden mit einem Wort heilen können. Aber er heilte ihn absichtlich mit der Herstellung eines Breis. Damit verkörperte der geheilte Blindgeborene eine ganz klare Botschaft: „Eure gesamte Frömmigkeit um den Sabbat ist falsch.“ Mit einem Blinden, der sehend geworden war, wollte Jesus denjenigen helfen, die einst sehend waren und nun blind geworden waren. Der geheilte Blindgeborene, der eine klare Botschaft verkörperte, stand direkt vor ihren Augen. Das war ein ganz „helles Licht“, welches Jesus ihnen gegeben hatte. Aber die Pharisäer widerstanden diesem Licht willentlich. Sie taten es, weil es ihre gesamte Frömmigkeit um den Sabbat als verkehrt hinstellte. Das wollten sie nicht anerkennen.

Um noch einmal auf die Frage zurückzukommen, „Wie kann es sein, dass Sehende blind werden?“: Immer dann, wenn Menschen, die einst erweckt waren bzw. die einst sehend waren, sich gegen bestimmten Offenbarungen Gottes wehren bzw. nicht wahrhaben wollen – solche stehen in der Gefahr, geistlich blind zu werden. Dieses Phänomen hat sich in der Kirchengeschichte häufige Male wiederholt.

In dem Text werden mindestens zwei Kennzeichen von Menschen genannt, die einst sehend waren und nun blind geworden sind. Das erste Kennzeichen sehen wir in den Versen 28 und 29. Die Pharisäer beriefen sich ständig auf Mose. Mit anderen Worten sie beriefen sich auf ihre Tradition und Geschichte. Diese ständige Berufung auf Tradition und Geschichte ist wirklich ein typisches Kennzeichen von Menschen oder Gemeinden, die einst sehend und nun blind geworden sind. Das zweite Kennzeichen ist in den Versen 29 und 30 zu finden. Das Wort „wissen“ taucht hier mehrmals auf. Übrigens im ganzen Text kommt dieses Wort sehr häufig vor. Das ist bestimmt kein Zufall: „Sehen“ und „Wissen“ sind eng miteinander verbunden. Verinnerlichtes, geistliches Wissen ist die Folge vom geistlichen Sehen (bzw. Erkenntnis).

Aber zurück zu den Versen 29 und 30. Die Pharisäer behaupteten zu wissen, dass Gott mit Mose geredet hat. Aber das war nur ein theoretisches Wissen. Wäre dies ein verinnerlichtes Wissen gewesen, dann hätten sie verstanden, dass Gott gerade auch durch Jesus redet. Deswegen sagte Jesus einmal zu den Juden: der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft (Joh 5,45). Andererseits behaupteten die Pharisäer etwas nicht zu wissen, was sie sehr wohl wussten. Sie behaupteten nicht zu wissen, woher Jesus komme. Aber schon Nikodemus musste zugeben: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Das stimmte einfach nicht. Die Pharisäer konnten sehr wohl wissen, woher Jesus kommt. Der geheilte Mann weist sie daher zurecht: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist; und er hat meine Augen aufgetan. Das zweite Kennzeichen von blindgewordenen Menschen ist also: Sie behaupten etwas zu wissen, das sie nicht in Wirklichkeit wissen, und sie leugnen etwas zu wissen, dass sie sehr wohl wissen. Kennt ihr solche Leute, die sobald man ihnen von seinen Entdeckungen aus der Schrift erzählt, immer sagen: „Ich weiß nicht…“. Das muss zwar nicht, kann aber ein Symptom dafür sein, dass man der Wahrheit widersteht.

Anstelle Buße zu tun, schwelgten die Pharisäer weiterhin an ihrer Selbstgefälligkeit. Heuchlerisch fragten sie Jesus: Sind wir denn auch blind? (V. 40). Dann gab ihnen Jesus eine deutliche Antwort: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde (V. 41). Geistlich blind muss nicht unbedingt ein Problem sein. Von Natur sind wir alle blind, was Gott angeht. So gesehen sind wir alle Blindgeborene. Selbst die Jünger waren in gewisser Weise blind. Das zeigt ihre Frage ganz am Anfang des Textes (V. 2). Sie gingen von einer völlig falschen Absicht Gottes bzgl. der Blindheit des Mannes aus (V. 3). Gott hatte etwas ganz anderes vor, als sie dachten. Jesus konnte den Jüngern helfen, Gott Stück für Stück besser kennenzulernen. Ebenso kann Jesus jedem „Blindgeborenen“ helfen. Wenn aber Menschen behaupten, sehend zu sein, obwohl sie blindgeworden sind, dann machen sie sich schuldig und unfähig für Jesu Hilfe.

Zur Zeit Jesu glaubte man, dass blindgeboren sein ein Gericht Gottes sei (daher die Frage der Jünger zu Beginn des Textes). Aber V. 39 macht deutlich, dass nicht blindgeboren, sondern blindgeworden ein Gericht Gottes ist!

Jede Gemeinde, jeder einzelne Christ steht in der Gefahr, aus einem geistlich Sehenden zu einem geistlich Blinden zu werden. Wir sollten uns daher diese Fragen stellen: Gibt es bestimmte Offenbarungen Gottes, gegen die ich mich sträube, die ich wie die Pharisäer einfach nicht wahrhaben will, einfach weil sie mir nicht passen? Treffen auf mich jene zwei Kennzeichen zu? Wenn das der Fall sein sollte, erkenne an, dass du geistlich blind bist, auf dass der Herr dir Augenlicht geben kann.

Die Pharisäer sind ein typisches Beispiel dafür, wie einst Sehende blind geworden sind. Die Eltern des Blindgeborenen sind hingegen ein typisches Beispiel für Blinde, die blind bleiben. Lasst uns das im zweiten Teil betrachten.

Teil II: Der Unglaube der Eltern (V. 18 – 23)

Mit dem Wunder hatte das Licht Jesu nicht nur in das Leben des Blindgeborenen, sondern auch in das Leben der Eltern hineingeleuchtet. Die Heilung ihres Sohnes hätte ein wunderbarer Anlass werden können, zum Glauben an den Herrn zu kommen. Wie gingen die Eltern aber mit diesem Licht um? Lasst uns hierzu einmal die Antwort der Eltern in den Versen 20 und 21 genauer anschauen. In diesen zwei Versen taucht das Wort „wissen“ mehrfach auf. Zuerst sagen die Eltern: „Wir wissen“, dann sagen sie zwei Mal hintereinander „wir wissen nicht“. Das zeigt etwas ganz Entscheidendes, wie sie mit dem Licht Jesu umgegangen sind. Zum einen können sie einfach nicht leugnen, dass etwas Wundersames mit ihrem Sohn passiert ist. Sie sagen: „Wir wissen“. Aber gleich, in dem nächsten Moment sagen sie „Wir wissen nicht“. Das zeigt, dass sie das Licht vertuschten. Sie wussten sehr wohl, von wem ihr Sohn geheilt worden war und wie Jesus ihn geheilt hatte. Ihr Sohn hatte es ja öffentlich gemacht und sie gehörten bestimmt zu den ersten, die das erfahren hatten. Aber anstelle es zu bekennen, sagten sie zwei Mal „Wir wissen nicht“. Warum vertuschten sie das Licht? Johannes nennt den Grund in Vers 22. Die Eltern fürchteten sich vor den religiösen Leitern. Die religiösen Leiter hatten beschlossen, jeden aus der Synagoge hinauszuwerfen, der Jesus als den Christus bekennt. Aus der Synagoge ausgestoßen zu werden, war eine sehr bittere Angelegenheit. Es bedeutete nicht einfach nur, nicht mehr die Synagoge besuchen zu dürfen. Jemand, der aus der Synagoge ausgestoßen war, war in der jüdischen Gesellschaft stigmatisiert. Mit einem Mal wollte niemand mehr was mit ihm zu tun haben. Das hatte sicherlich auch große Beeinträchtigungen auf die Ausübung des Berufes gehabt. Stell dir vor, du erfährst im engsten, vertrautesten Kreis, da wo du deinen sozialen Platz und Annahme gefunden hast, auf einmal die totale Verachtung und Ablehnung. Das ist schon hart. Trotzdem ist das nicht wert, das Licht zu vertuschen. Deren Sohn ist gerade hierfür ein Beispiel. Auch wenn er am Ende niemanden mehr hatte, er hatte Jesus und das reicht! Den Eltern war es lieber als Unwissende zu gelten, als zu sozialen Außenseitern zu werden. Mit anderen Worten, sie hatten offenbar gar kein Problem damit, geistlich blind zu sein. Das sie zwei Mal sagten: „Wir wissen nicht“ passt wirklich gut zu ihnen. Sie waren geistlich blind und sie blieben auch geistlich blind.

Am Beispiel der Eltern lernen wir also, dass Menschenfurcht dazu führt, dass man das Licht vertuscht. Die natürliche Folge davon ist, dass man geistlich blind bleibt. Ist ja klar, warum sollte einer, der das Licht vertuscht bzw. gar nicht wirklich haben will, mehr Licht bekommen? Die Frage, die man sich daher stellen sollte, ist: Wie wichtig ist es mir, an geistlichem Sehvermögen zuzunehmen? Setzt die Menschenfurcht auch in meinem Leben dem Licht eine Grenze, sodass ich es vertusche?

Nachdem wir den Unglauben der Pharisäer und den Unglauben der Eltern betrachtet haben, wollen wir uns den Glauben des Blindgeborenen anschauen. Der Blindgeborene ist ein Beispiel für Blinde, die sehend werden.

Teil III: Der Glaube des Blindgeborenen (V. 24 – 41)

Im Laufe der Geschichte nimmt der geheilte Mann immer mehr an geistlichem Sehvermögen zu. Zuerst war Jesus für den Blindgeborenen nur der Mensch, der Jesus heißt (V.11). Dann erkennt er in Jesus einen Propheten (V. 17). Einen weiteren Moment seiner Entwicklung sehen wir in Vers 38: Herr, ich glaube. Und er betete ihn an. Jetzt ist Jesus nicht mehr nur ein Prophet. Der Blindgeborene erkennt in Jesus den Messias. Er fing an Jesus anzubeten. Jesus war für ihn zum Gott geworden. Diese drei Momente der Entwicklung seines Glaubens sind nicht als Stufen (wie bei eine Treppe) zu verstehen, sondern eher als einen Prozess mit fließenden Übergängen zu verstehen. In den Versen 31 bis 33 sehen wir zum Beispiel wie der Blindgeborene Jesus mit aller Entschiedenheit vor den Pharisäern verteidigt und im Kauf nimmt, aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Das zeigt, dass der Anbetungsglaube bereits in dem Mann keimte.

Wie auch immer, jedenfalls zeigen diese drei Momente, dass der Blindgeborene von einem geistlich blinden Menschen zu einem geistlich sehr klar sehenden Menschen verändert wurde. Wie konnte das geschehen? Einfach gesagt, der Mann rebellierte nicht gegen das Licht (wie die Pharisäer), er vertuschte das Licht nicht (wie die Eltern), sondern er reagierte auf das Licht, das Jesus ihm gegeben hatte. So konnte ihm Jesus mehr und mehr Licht geben.

Als Jesus dem Blindgeborenen zum ersten Mal begegnete, reagierte der Mann ohne Wenn und Aber auf Jesu Wort, obwohl Jesus es ihm nicht einmal begründet hatte, warum er zum Teich Siloah gehen sollte. Medizinisch gesehen, machte Jesu Auftrag keinen Sinn. Offenbar hatte der Mann von Jesus schon gehört, weswegen er später sagte: Der Mensch, der Jesus heißt. Er hatte ein wenig Licht. Er reagierte auf dieses Licht, indem er Jesu Befehl ohne Wenn und Aber gehorchte.

Als der geheilte Mann das Wunder erlebt hatte, fing er an, über Jesus nachzudenken. Dies sehen wir in den Versen 31 bis 33. Das Wunder regte den Blindgeborenen dazu an, vernünftige und logische Schlussfolgerungen über Jesus zu ziehen: Jesus konnte kein Sünder sein. Er musste ein gottesfürchtiger Mensch sein. Er musste ein Mensch sein, der von Gott kommt. Auch hier sehen wir wieder, dass der Blindgeborene auf das Licht reagierte, indem er über das Wunder nachdachte. Seine Reaktion auf das Licht zeigt sich aber auch noch auf eine andere Weise. Das, was er mit Jesus erlebt hatte; das, was er über Jesus erkannt hatte, das bekannte er auch, anstelle es zu vertuschen. Er tat das, obwohl ihn das in große Gefahr brachte. Gerade das zeigt, wie gut er auf das Licht reagiert hatte.

Wie wir wissen, wurde der Blindgeborene aus der Synagoge ausgestoßen. Spätestens jetzt hätte er sagen können: „Jesus bringt mir nur Probleme mit Menschen ein. Ich lasse diese ganze Sache mit Jesus lieber sein!“. In solchen Momenten kann es leicht sein, dass man nicht mehr bereit ist, weiter auf das Licht zu reagieren. Aber der Blindgeborene war anders. Als Jesus dem Blindgeborenen zum zweiten Mal begegnete, sagte der Blindgeborene: Herr, wer ist’s, auf dass ich an ihn glaube? Der Blindgeborene war für die Wahrheit nach wie vor total offen. Er war bereit, Jesus als den anzuerkennen, der Er ist, unabhängig davon, was das für Konsequenzen für ihn hätte. Jesus wurde immer mehr zu einem sozialen Außenseiter (vgl. Joh 7,20). Aber der Blindgeborene war bereit, den als Messias anzuerkennen, wer der auch sein möge. Als der Blindgeborene so gut auf das Licht reagiert hatte, konnte Jesus ihm weiteres Licht geben. Jesus gab ihm eine ganz klare Antwort: der mit dir redet, der ist’s. Der Blindgeborene konnte nun Jesus ganz klar sehen: Jesus ist Gott selbst! Hierfür musste der Mann nur vor dem Licht kapitulieren. Alles andere hat Jesus getan. Wir können vom Anfang bis zum Ende der Geschichte sehen, dass Jesus dem Blindgeborenen sehr entgegen kam. Wie schon in der Einleitung erwähnt, hatte der Blindgeborene Jesus nicht einmal darum gebeten, ihn zu heilen. Jesus heilte den Mann von sich aus. Später als er geheilt wurde, ging der Mann nicht wieder zu Jesus. Selbst als er aus der Synagoge ausgestoßen wurde, ging er nicht zu Jesus. Jesus war es, der den Blindgeborenen aufgesucht hatte. Jesus war es, der ihm mit der Frage: Glaubst du an den Menschensohn? zu einem tieferen Glauben verholfen hat. Jesus kommt denen, die auf das Licht gut reagieren, sehr sehr entgegen. Er gibt ihnen sehr gerne mehr geistliches Sehvermögen.

Jesus möchte auch unser Sehvermögen sehr gerne verbessern. Er ist ja das Licht der Welt. Es gehört ja zu seinem Wesen, uns geistliches Augenlicht zu geben. Daher sollte man sich fragen, wie man mit dem Licht, das man bekommen hat, umgeht? Widersteht man dem Licht wie die Pharisäer, vertuscht man das Licht wie die Eltern oder kapituliert man davor wie der Blindgeborene. Wenn wir auf das Licht mit einem offenen Herzen reagieren, wird sich unser Glaube mehr und mehr zu einem Glauben verändern, der Jesus anbetet.

Als der Mann vor Jesus niederfiel und ihn anbetete, sagte Jesus nicht: „Hey, das ist doch nicht nötig. Wegen mir brauchst du keine Probleme mit den religiösen Leitern zu haben. Danke, aber das brauchst du nicht für mich zu machen.“ Nein, Jesus nahm diese Anbetung an. Was für ein schönes Bild: Der Mann fiel vor Jesus nieder. Und Jesus blieb vor ihm stehen. Es ist, als ob Jesus sagen würde: „Ich bin es würdig! – deine Verspottung, dein Rausschmiss, deine Anbetung – dein alles bin ich würdig!“ Und es ist, als ob der Mann sagen würde: „Auch wenn ich niemanden mehr habe, Hauptsache ich habe dich! Das ist völlig genug!“

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Predigt: 3. Johannes 1, 1 – 14

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Wahrheit und Freundschaft

„Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ (1)

Heute betrachten wir den letzten der drei Johannesbriefe. Während der erste Brief wohl für mehrere Gemeinden gedacht war und daher eher allgemein ist, ist der 2. Johannesbrief schon persönlicher, da er an eine Herrin und ihre Kinder geschrieben ist, womit wohl eine bestimmte Gemeinde gemeint war. In beiden Briefen ermahnt und ermutigt Johannes die Empfänger wiederholt dazu, die Brüder zu lieben bzw. einander lieb zu haben. Den 3. Brief hat Johannes an einen Freund namens Gaius geschrieben, den er in der Wahrheit liebte und dessen praktische Bruderliebe er lobte. So zeigt sich in diesem Brief Johannes‘ Botschaft noch persönlicher und gibt uns ein anschauliches Beispiel für christliches Leben und Bruderliebe. Möge Gott jeden durch diese Botschaft segnen!

Johannes beginnt mit den Worten: „Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit“ (1). Er stellte sich auch in diesem Brief schlicht als „der Älteste“ vor. Es gab damals viele Älteste, da in allen Gemeinden Älteste eingesetzt wurden. Johannes hätte sich als der Apostel Jesu Christi vorstellen können. Dass er sich aber nur als „der Älteste“ vorstellte, drückt seine Demut aus und passt zu dem sehr persönlichen Ton in diesem Brief.

Er schreibt „an den lieben Gaius“. Wir wissen nicht genau, wer Gaius war. Vermutlich war er ein leitender Mitarbeiter in einer der Gemeinden in Kleinasien. Wir erfahren aber doch viel über Gaius‘ Glauben, durch die Wertschätzung, die Johannes in diesem Brief für ihn zum Ausdruck bringt. Im Vers 1 nennt er ihn „den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ Im Vers 2 schreibt er: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ Johannes interessierte sich nicht nur für sein geistliches Wohl, sondern wünschte ihm, dass er auch gesund wäre und dass es ihm in allen Bereichen gut gehe. In jedem Vers bringt Johannes seine geistliche Liebe und Wertschätzung für ihn zum Ausdruck. Es war ein Brief an einen Freund, den er in der Wahrheit liebte und dem er wünschte, dass es ihm in allen Stücken gut gehe, so wie es seiner Seele gut ging.

Woher wusste er, dass es Gaius seelisch und geistlich gut ging? Er schreibt: „Denn ich habe mich sehr gefreut, als Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du wandelst in der Wahrheit. Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln“ (3.4). Johannes wusste, dass es Gaius‘ Seele gut ging, weil er von Brüdern gehört hatte, wie Gaius in der Wahrheit wandelte. Letzte Woche ging es in der Predigt u.a. darüber, was die Wahrheit ist. Einfach gesagt ist die Wahrheit, von der Johannes schreibt, Jesus Christus und sein Evangelium. Jesus ist der Schöpfer und die Quelle des Lebens. Er ist die Quelle aller wahren Erkenntnis und Gottes letztgültige Antwort auf unsere Fragen. Gaius kannte die Wahrheit nicht nur, sondern hatte sie bis dahin angenommen, dass er darin wandelte. Der Ausdruck in der Wahrheit zu „wandeln“, zeigt, dass die Wahrheit sein ganzes Leben prägte. Anders gesagt hatte er Jesus, sein Werk und seinen Willen so tief verinnerlicht, dass Jesus sein Denken, Reden und praktisches Leben bestimmte. Die Wahrheit prägte Gaius so sehr, dass Johannes von „deiner Wahrheit“ spricht.

Viele Menschen hören und wissen von der Wahrheit, aber sie nehmen sie nicht wirklich an. Viele nehmen die Wahrheit grundsätzlich an, aber nicht bis dahin, dass sie danach wandeln. Das ist ein sehr ernstes Problem. Jesus tadelte in seiner Bergpredigt die Menschen, die sein Wort nicht umsetzen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (Lk 6,46) Johannes hatte so große Freude über Gaius, weil er nach der Wahrheit lebte. Wie sehr sein Leben mit Jesu Lehre und Willen übereinstimmte, zeigte sich konkret in seiner Gastfreundschaft, die er den Brüdern erwies, die für das Evangelium umher reisten. Diese Unterstützung für war sehr wichtig, da damals Christen bei den meisten Heiden nicht beliebt waren, insbesondere wenn sie umherzogen, um das Evangelium zu predigen. Aber Gaius nahm sie auf und geleitete sie weiter und gab ihnen dabei wohl auch Proviant und Ausrüstung mit, und drückt so seine Liebe zu den Brüdern aus. Dadurch drückte er praktisch seine Liebe zu Jesus und zur Verbreitung von Gottes Reich aus. Johannes freute sich so, dass Gaius in der Wahrheit wandelte, weil wahrer Glaube sich im praktischen Leben ausdrücken und damit übereinstimmen soll. – Wie stark ist euer Leben von der Wahrheit geprägt? Lasst uns danach streben, Männer und Frauen zu werden, die in der Wahrheit wandeln! Lasst uns beten, dass Gott uns hilft, die Wahrheit bis dahin zu begreifen, dass wir praktisch danach leben!

Betrachten wir noch einmal den ersten Abschnitt. Die ersten vier Verse bringen alle zum Ausdruck, wie sehr Johannes Gaius in der Wahrheit liebte. Sie zeigen ihre schöne geistliche Freundschaft, die sie pflegten und die auf der Wahrheit gründete. Jesus selbst war die Grundlage ihrer Freundschaft und derjenige, die sie miteinander verband.

Welche Bedeutung hat so eine geistliche Freundschaft für die Gläubigen? In der Bibel finden wir verschiedene Beispiele, die uns zeigen, wie schön und wertvoll geistliche Freundschaften sein können. Die Hauptperson vom ersten Buch der Bibel ist Abraham. Abraham wird in der Bibel „Gottes Freund“ genannt. Gott sagte in 1. Mose 18, dass er Abraham nicht verbergen könne, was er vorhat, da er doch ein großes und mächtiges Volk werden sollte. Der ewige Gott achtete Abraham als seinen Freund, dem er seine Absichten und Pläne vorab mitteilen will. Abraham konnte Gottes Freund werden, weil er Gott glaubte und sein Wort höher achtete als seine Gedanken, und seinem Wort gehorchte. Kurz gesagt, konnte Abraham Gottes Freund werden, weil Gott ihn so sehr liebte und weil Abraham Gottes Liebe vertraute und ihn mehr liebte als sich selbst.

Ein anderes Beispiel für geistliche Freundschaft finden wir in David und Jonatan. Obwohl Jonatan der Sohn des Königs war und David wegen seiner Beliebtheit im Volk als einen potentiellen Konkurrenten ansehen konnte, liebte er David mehr als sein eigenes Leben. Er setzte sich für ihn vor seinem Vater ein und riskierte dafür, von seinem Vater verstoßen oder gar getötet zu werden. Trotz dieses Risikos schlossen Jonatan und David miteinander einen Bund und schworen einander vor Gott die Treue bis zum Tod. Diese Freundschaft muss David in der schwierigen Zeit der Verfolgung durch Saul ungemein getröstet haben. Wie wertvoll diese Freundschaft für ihn war, kam zum Ausdruck, als Jonatan schließlich im Kampf starb und David um ihn trauerte und dabei bekannte, dass ihm Jonatans Liebe wundersamer war als Frauenliebe. Es gibt etliche weitere Beispiele für geistliche Freundschaften in der Bibel, zum Beispiel die von Daniel und seinen Freunden am Königshof.

Die wundersamste Freundschaft ist aber die von Jesus mit seinen Jüngern. Jesus nahm sie an und lebte täglich mit ihnen zusammen. Er liebte sie und lehrte sie die Wahrheit, vor allem die Liebe des Vaters und den Weg in sein Reich. Er sagte zu ihnen: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan“ (Joh 15,13-15). Jesus hat seine Jünger bis dahin geliebt, dass er für sie und uns am Kreuz sein Leben gab. Es ist das größtes Privileg und die wichtigste Sache, dass wir in der Freundschaft zu Jesus leben und in seiner Liebe bleiben. Aus der Liebesbeziehung Jesus kommt alles. Sie ermöglicht es uns auch, geistliche Freundschaften mit anderen Gläubigen zu haben. Wenn wir in Jesu Liebe bleiben und die Geschwister lieben, entstehen geistliche Freundschaften fast automatisch.

Johannes bezeichnete sich in seinem Evangelium oft als den Jünger, den Jesus lieb hatte. Er hatte die Liebe Jesu zu sich so tief angenommen, dass er das Gefühl hatte, als ob Jesus ihn allein auf der Welt geliebt hätte. Aber er nahm Jesu Liebe nicht nur für sich selbst an, sondern verstand, dass wir uns aufgrund dessen auch untereinander lieben sollen. So hat er in seinem ersten Brief die Christen immer wieder dazu ermutigt, sich untereinander zu lieben. Auch im zweiten Brief bat er die auserwählte Herrin und ihre Kinder darum, „dass wir uns untereinander lieben“ (2. Joh 1,5). Als er den dritten Brief schrieb, muss Johannes schon alt gewesen sein, vermutlich 70 oder 80 oder sogar 90 Jahre. Er muss in der Gemeinde in Ephesus, in der er wohl schon seit Jahrzehnten gewirkt hatte, viele geistliche Freunde gehabt haben. Aber dieser Brief zeigt, wie wichtig ihm die geistliche Freundschaft mit Gaius war, der in einer anderen Stadt lebte, wie sehr er sich bemühte, diese Beziehung zu pflegen. Er schrieb ihm, ermutigte ihn, warnte ihn und gab zu, wie sehr er selbst durch ihn erfreut und ermutigt wurde.

Geistliche Freundschaften sind so wichtig! Einen geistlichen Freund (bzw. geistliche Freundin) zu haben, ist unbeschreiblich wertvoll – jemanden, mit dem wir uns austauschen können, der uns annimmt, wie wir sind, und uns versteht, mit dem wir auch über unsere innersten Sorgen und Probleme reden können und sie gemeinsam vor Gott bringen können im Gebet. Das gilt, wenn bei uns alles gut läuft oder scheinbar gut läuft, und erst recht, wenn einer Schwierigkeiten hat oder in eine Krise gerät. Allgemein ist es wertvoll, Freunde zu haben. Aber Freundschaften in der Wahrheit haben eine andere Dimension– weil Jesus in der Mitte ist, weil er die Grundlage ist, weil seine Wahrheit in allem Orientierung gibt, weil seine Liebe Kraft gibt, den anderen treu geistlich zu lieben, und weil es in ihm in allen Situationen Hoffnung gibt. Geistliche Freundschaften haben eine andere Dimension, weil es letztlich um Jesus geht, darum, IHN mehr zu erkennen, ihm ähnlicher zu werden und ihn zu ehren, gerade auch durch das gemeinsame Reden und Beten, das einander Ermutigen und Begleiten in allen Lagen des Lebens.

Es ist ein großer Segen, dass wir miteinander solche Freundschaften haben dürfen. Wenn wir solche Freundschaften in Jesus haben, sollen wir Gott dafür danken; und sollten uns auch Zeit und Mühe geben, sie zu pflegen. Das entspricht dem Willen Gottes.

Wenn unsere Beziehung zu den Glaubensgeschwistern eher oberflächlich sind, wenn wir das Gefühl haben, keine geistlichen Freunde zu haben, sollten wir uns fragen, woran das liegt. Wir sollten uns fragen, inwieweit wir selbst in der Wahrheit leben; wie tief wir die Liebe Jesu selbst angenommen haben und inwieweit sein Gebot, dass wir uns untereinander lieben sollen, oder ob es uns an Liebe mangelt; ob wir die anderen in der Wahrheit sehen, aus der Sicht Jesu, mit seiner Liebe und Gnade, oder vielleicht mit Neid oder Kritik, was geistliche Freundschaften verhindert. Ob wir denn bereit sind, uns auf andere so, wie sie sind, einzulassen, und ob wir bereit sind, uns auch gegenüber anderen zu öffnen. Vielleicht sollten wir uns auch fragen, ob wir verstanden haben, wie wertvoll geistliche Freundschaften sind, und ob wir wirklich dafür offen sind.

Johannes‘ Freundschaft mit Gaius in der Wahrheit zeigt uns heute, dass geistliche Freundschaften ein wertvoller Teil des geistlichen Lebens sind, und ermutigt uns, uns danach geistlich auszustrecken. Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und segnen!

Betrachten wir die Verse 9-11. In der Gemeinde gab es einen Mann namens Diotrephes. Der wollte unter ihnen der Erste sein, d.h. er hatte das Amt des Gemeindeleiters inne oder er strebte danach. Aber er wies Johannes und seine Mitarbeiter ab. Er wies auch die Brüder ab, die als Evangelisten von Ort zu Ort zogen und Unterkunft brauchten. Er ging sogar so weit, dass er über Johannes schlecht redete und die Gemeindeglieder, die andere Gläubige aufnehmen wollten, aus der Gemeinde ausstieß. Ihm fehlte es in drastischer Weise an Liebe. Es ging ihm viel mehr um sich und seine Stellung in der Gemeinde als um Jesus und um die Brüder. Johannes wollte kommen und ihm seine Werke vorhalten und ihn so zur Buße führen.

Gaius sollte sich von ihm gar nicht beeinflussen lassen. Johannes schrieb: „Mein Lieber, nimm nicht das Böse zum Vorbild, sondern das Gute. Wer Gutes tut, der ist von Gott; wer Böses tut, der hat Gott nicht gesehen“ (11). Gaius sollte nicht solche Leute zum Vorbild nehmen, sondern das Gute. Ein ermutigendes Beispiel dafür war Demetrius, der ein gutes Zeugnis von jedermann hatte, sogar von der Wahrheit selbst, was wohl heißt, dass Gott durch seinen Geist sein Leben irgendwie bestätigte. Auch Johannes bezeugte Demetrius Glaubensleben als ein gutes Beispiel. Es ist wichtig, dass wir geistliche Vorbilder haben und dass wir diejenigen, die geistlich vorbildlich leben, anerkennen.

Johannes schloss den Brief mit dem herzlichen Wunsch, seinen geliebten Freund bald persönlich zu sehen und mit ihm über alles andere zu reden. Er wünschte ihm Frieden und richtete ihm Grüße der Freunde aus. – Möge Gott uns helfen, die Wahrheit bis dahin zu verinnerlichen, dass wir danach wandeln! Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und stärken und sie für seine Ehre gebrauchen! Amen.

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Predigt: 1. Johannes 4,11 – 21

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Liebt euch untereinander

„Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“ (4,18)

Im ersten Abschnitt von Kapitel 4 hat Johannes die Gläubigen gewarnt, dass sie nicht jedem Geist glauben sollten, weil in den Gemeinden nicht nur der Heilige Geist am Wirken war, sondern durch die Irrlehrer auch der Geist des Antichrist. Er ermutigte sie, dass sie keinen Angst zu haben brauchten, weil der Heilige Geist in ihnen stärker war als die bösen Geister. Dann ermutigte er sie ab Vers 7 erneut dazu, sich untereinander zu lieben, weil die Liebe von Gott ist. Dabei verkündigte er neu die Liebe Gottes, indem er schrieb: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden“ (10). Gott hat uns so sehr geliebt; und seine Liebe anzunehmen und mit Gott versöhnt zu werden, ist für jeden Menschen das All-entscheidende. Aber es ist nicht das Ende. Im heutigen Text ermutigt Johannes die Empfänger und uns dazu, wegen Gottes Liebe auch uns untereinander zu lieben. Dabei wiederholt er nicht einfach nur diese Ermahnung, sondern sagt uns, welche wichtigen Auswirkungen das für uns und unser Leben hat. Möge Gott uns heute helfen zu erkennen, warum es so wichtig ist, dass wir uns uns untereinander lieben.

Betrachten wir den Vers 11: „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ Weil Gott uns so geliebt hat, sollen wir uns auch untereinander lieben. Wir sollen die Liebe, die wir von Gott empfangen haben, nicht nur für uns behalten, sondern seine Liebe an andere weitergeben. „Uns untereinander“ heißt, dass wir zuerst die Glaubensgeschwister lieben sollen, aber nicht sie allein. Das ist nicht ein Option für uns Christen, sondern es ist ein sollen, Gottes Wille für uns. Gott ist wie ein Vater, der seinem Sohn ein großes Geschenk gemacht hat, das er sich schon lange gewünscht hat. Der Vater freut sich, wenn der Sohn aus Freude und Dankbarkeit mit seinen Geschwistern liebevoll umgeht. Wenn der Sohn dagegen das Geschenk annimmt, aber mit seinen Geschwistern lieblos, gleichgültig oder gehässig umgeht, ist der Vater traurig. Weil Gott uns so sehr geliebt hat, dass er uns seinen einzigen Sohn gab, sollen wir unsere Geschwister im Glauben lieben. Das ist eigentlich selbstverständlich, und es macht Gott froh. Außerdem hat es auch wichtige Auswirkungen für uns selbst.

Welche Auswirkungen sind das? Vers 12 sagt: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ Gott ist für uns eigentlich unsichtbar. Manchmal kann es für uns schwer sein, dem unsichtbaren Gott zu vertrauen und mit seiner Gegenwart ständig zu rechnen. Aber wenn wir Gottes Liebe nicht nur annehmen, sondern uns auch untereinander lieben, bleibt Gott in uns, sodass wir seine Gegenwart täglich spürbar erfahren können.

Der Vers nennt noch eine weitere Folge, wenn wir uns untereinander lieben, nämlich dass seine Liebe in uns vollkommen ist. Was heißt das? Wir sind völlig bedürftig nach Gottes Liebe und dürfen sie einfach annehmen, ohne Vorbedingung oder Gegenleistung. Aber wenn wir Gottes Liebe nur für uns selbst genießen wollen, können wir seinen Liebe nie vollkommen erfahren. Wir können die Größe seiner Liebe und ihre tiefe Bedeutung erst dann vollkommen begreifen, wenn wir mit seiner Liebe die Geschwister lieben und auch durch eine liebevolle Beziehung zu ihnen seine Liebe erfahren. Wir können Gottes Liebe erst dann vollkommen erfahren, wenn wir seine Liebe bis dahin annehmen, dass sie von uns zu den anderen strömen kann. Wenn wir die Liebe, die wir von Gott empfangen, zu den anderen fließen lassen, kann seine Liebe immer neu in uns hineinströmen, und unsere Liebesbeziehung zu ihm bleibt frisch und lebendig. Wenn wir so in der Liebesbeziehung zu Gott und zu den Geschwistern leben, wird außerdem seine Liebe in uns auch in dem Sinn vollkommen, dass sie uns uns zu liebevollen Menschen nach Jesu Bild macht.

Woran können wir erkennen, dass Gott dann wirklich in uns ist, und wir uns das nicht etwa nur einbilden? Dass wir wirklich in Gott bleiben und er in uns, können wir daran erkennen, dass Gott mit seinem Heiligen Geist in uns wirkt. Vers 13 sagt: „Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.“ Wenn wir Gottes Liebe annehmen und darin bleiben und die anderen lieben, bleibt Gottes Geist bleibt in uns und wirkt in uns. Dabei geht es nicht einfach um Gefühle. Der Heilige Geist ist eine Person, die gezielt und mit sanfter, aber starker Kraft in uns wirkt, und zwar auf vielerlei Weise. Der Heilige Geist führt und begleitet uns, und er tröstet uns wie ein sehr guter Freund. Wenn er in uns bleibt, schützt er uns in allen Gefahren. Er erinnert uns dazu täglich an Jesu Worte, oft genau im richtigen Moment, und hilft uns, sie zu verstehen. Wenn wir betend auf ihn hören, hilft er uns, durch das Wort die geistliche Wirklichkeit immer mehr zu erkennen, und leitet uns in alle Wahrheit. Dabei öffnet er uns auch die Augen für unsere Sünde und hilft uns, die Gerechtigkeit, die allein durch Jesu Blut am Kreuz kommt, neu und tiefer anzunehmen. So führt er uns und verändert uns immer mehr zum Bild Jesu. Daran dass der Heilige Geist in uns wirkt, erkennen wir, dass wir tatsächlich in Gott bleiben und er in uns. Und er bleibt in uns, wenn wir die anderen lieben.

An dieser Stelle fügt Johannes nochmal sein eigenes, persönliches Zeugnis an: „Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt“ (14). Mit „wir“ meint Johannes hier sich und die anderen Jüngern, die Jesus über drei Jahre lang gesehen und erlebt hatten. Johannes hatte Jesus vom Beginn seiner Wirksamkeit bis hin zum Kreuz und weitere vierzig Tage nach seiner Auferstehung gesehen. Aufgrund all dessen, was er gesehen hatte, bezeugte er, dass Gott in Jesus seinen Sohn in die Welt gesandt hat als Heiland der Welt.

Er ermutigt die Empfänger dazu, auch Jesus zu bekennen: „Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott.“ Wenn wir Jesus erkannt haben, sollen wir ihn als Gottes Sohn bekennen, im Gebet, aber auch vor anderen Menschen. Wenn wir Jesus bekennen, freut sich Gott über uns, und er bleibt in uns und wir in ihm. Vorhin haben wir gelernt, dass wir in Gott bleiben, wenn wir uns untereinander lieben und so in der Liebe bleiben. Hier erfahren wir, dass Gott in uns bleibt, wenn wir Jesus bekennen und dadurch in der Wahrheit bleiben. Gott bleibt also in uns und wir in ihm, wenn wir in der Wahrheit und in seiner Liebe bleiben.

Und Gott selbst ist die Liebe. Vers 16 sagt: „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Gottes Liebe, aus der er uns seinen einzigen Sohn gab und ihn am Kreuz dahingab, ist unermesslich groß. Wir können nur erahnen, wie groß und tief und wie glühend Gottes Liebe zu uns ist! Liebe ist nicht nur irgendeine von vielen Eigenschaften Gottes, sondern Gott ist Liebe. Wir sollen wirklich seine Liebe annehmen und uns davon erfüllen lassen, bis sie zu den anderen strömt. Dann bleibt Gott in uns und wir in ihm.

Welche weitere Bedeutung hat das? Der Vers 17 sagt: „Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.“ Gott will, dass wir seine Liebe nicht nur irgendwie annehmen und andere irgendwie lieben. Sein Ziel ist, dass die Liebe bei uns vollendet wird. Gott will, dass wir in unserem Glaubensleben die Größe und Tiefe seiner Liebe begreifen und daraus leben und sie an andere weitergeben lernen, sodass wir am Tag des Gerichts die Freiheit haben, vor ihm zu reden im Vertrauen auf seine Liebe. Wir sollen im Hinblick auf diesen Tag danach streben, seine Liebe mehr zu erkennen und in der Liebe zu ihm und zu den Geschwistern zu wachsen. Dann, an jenem Tag, wird offenbar werden, wie bedeutsam und kostbar die Liebesbeziehung zu Jesus und zu den Geschwistern war.

Die Liebe hat noch eine weitere Eigenschaft. Betrachten wir den Vers 18: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“ Wenn wir in der Liebesbeziehung zu Jesus vollkommen werden, treibt die Liebe alle Furcht aus uns aus. Wir Menschen haben im Leben in dieser vergänglichen und verkehrten Welt vor so vielen Dingen Furcht und Angst. Es gibt so viele Arten von Ängsten und Phobien; Furcht vor dem Verlust von geliebte Menschen und Freunden oder vor dem Verlust ihrer Anerkennung und Liebe; Furcht davor, zu versagen, Furcht, die materielle Lebensgrundlage zu verlieren, Furcht vor Armut, Krankheit, Unfällen; Furcht vor der Zukunft, Furcht vor dem Tod. Es gibt so viele Bücher darüber, wie man mit Ängsten fertig werden kann. So viele Menschen benötigen psychologische Hilfe, dabei ist eines der häufigen Probleme Furcht und Angst. Auch als Christen sind wir nicht frei von Furcht. Im Gegenteil: weil wir von Gottes Heiligkeit wissen und unsere Sündhaftigkeit kennen, können wir uns vor Gott fürchten, ob er uns nicht doch bestrafen würde. Aber wenn wir die Liebe Gottes vollkommen annehmen und sie auch an unsere Nächsten weitergeben, treibt die Liebe alle Arten von Furcht aus. Auch wenn wir wissen, dass wir von uns aus vor Gott gar nicht bestehen können, vertreibt die Liebe Gottes in unseren Herzen und Seelen alle Furcht davor, ihm zu begegnen, wenn die Liebe in uns vollkommen ist. Das sollen wir jeder erleben. Bis dahin dürfen wir Gottes Liebe weiter annehmen und sie an andere weitergeben.

Deshalb sagt Johannes direkt weiter: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ Johannes wird nicht müde, uns zur Liebe zu den Geschwistern zu ermutigen, die die beste und einzige richtige Antwort auf Gottes Liebe zu uns ist. Einander zu lieben, ist das Leben der Christen. Wenn dagegen jemand seinen Bruder nicht liebt und sich darauf beruft, dass er ja immerhin Gott liebe und dass das ja am wichtigsten sei, lügt er und betrügt sich selbst. „Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Zum Schluss erinnert uns Johannes noch daran, dass die Liebe Jesu Gebot ist. Dass wir einander lieben, ist Gott so wichtig, dass er es uns im Alten wie im Neuen Testament geboten hat. Wir sollen es entsprechend wichtig nehmen, dass wir egal, in welcher Situation wir uns befinden, unsere Brüder und Schwestern im Glauben lieben, und nicht zulassen, dass wir es aus Trägheit oder weil wir sehr mit unseren Alltagsdingen oder mit Problemen beschäftigt sind, versäumen. Das brauchen wir nicht aus unserer eigenen Kraft tun oder uns künstlich motivieren. Den Grund dafür hat Gott selbst geschaffen, indem er uns so sehr geliebt hat. Deshalb können wir immer unsere Geschwister lieben und für sie beten, sie verstehen, mit ihnen Gemeinschaft haben und ihnen dienen, wenn wir daran denken, dass Gott uns zuerst geliebt hat. Möge Gott uns dadurch reichlich segnen, dass wir uns untereinander lieben.

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