Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 5 – Apostelgeschichte 16,11-40

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Gute Nachricht in Philippi

„Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.”

(Apostelgeschichte 16,34)

Wir betrachten heute vorerst zum letzten Mal Texte aus der Apostelgeschichte, um etwas besser zu verstehen, wie sich das Christentum in den ersten Jahrzehnten geradezu explosionsartig ausbreiten konnte. Im heutigen Text wird die Stadt Philippi missioniert. Der Geschichtsschreiber Lukas sagt uns dazu, dass es eine führende Stadt in Mazedonien war und eine römische Kolonie. Die Stadt war nach Philipp von Mazedonien benannt. Im Jahr 42 vor Christus fand bei Philippi eine wichtige Schlacht statt, bei der Antonius und Octavian die beiden Attentäter (Brutus und Cassius) von Julius Cäsar besiegten. Nach dieser Schlacht ließen sich viele römische Soldaten in dieser Stadt nieder. Einige Jahre später besiegte Octavian Marcus Antonius und Kleopatra (31 v. Chr.) bei Actium. Die römische Republik wurde danach zum römischen Imperium, und Octavian wurde danach zum ersten römischen Kaiser Augustus. Nach dieser Schlacht ließen sich noch mehr ehemalige römische Soldaten in Philippi nieder. Philippi war eine durch und durch römische Stadt. Das ist etwas, was wir verstehen müssen.
Der Text zeigt uns drei Dinge, die dazu geführt haben, dass in Philippi eine Gemeinde entstehen konnte: erstens, das Evangelium ist für jedermann; zweitens, das Evangelium beschenkt mit unaussprechlicher Freude; drittens, das Evangelium macht alles anders.

Erstens, das Evangelium ist für jeden
In der Stadt Philippi begegnen uns drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste Person ist Lydia. Vers 14 sagt: „Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ Für diejenigen, die nicht wissen, was Purpur war: Es war ein äußerst teurer Farbstoff. Er war so exklusiv und so wertvoll, dass zunächst nur der Kaiser in Rom Purpur getragen hatte; die römischen Senatoren, die nach dem Kaiser die höchste und erlesenste Gesellschaftsklasse war, trugen einen purpurnen Streifen. Obwohl Purpur dem Kaiser und den Senatoren vorbehalten, gab es reiche Privatleute, die es sich nicht nehmen lassen wollten, sich ebenfalls in Purpur einzukleiden.
Was machte den Farbstoff so unglaublich teuer? Er wurde aus Purpurschnecken gewonnen. Die Tiere wurden getötet und dann wurde eine kleine Drüse entfernt. Die wurde dann drei Tage in Salz eingelegt. Das Ganze wurde dann in Wasser erhitzt und gereinigt. Damit wurde die Wolle oder die Seide dann gefärbt. Unter Licht und Sauerstoff ergab sich daraus eine intensive Violett-Farbe. Um ein Gramm von dem reinen Farbstoff herzustellen, brauchte man 8 bis 12.000 Schnecken. Es war ein ungemein aufwendiger Prozess. Lydia war nun eine Frau, die damit Handel machte. Ihr Beruf war Geschäftsfrau für einen der begehrtesten Luxusgüter der Antike.
Die zweite Person, die uns begegnet, befindet sich in etwas anderen Umständen. Vers 16: „Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte.“ Magd ist ein etwas freundlicher klingendes Wort für Sklavin. Der Text sagt, dass sie von einem Geist besessen war. In heutiger Zeit wäre sie vielleicht als geisteskrank eingestuft worden. Ihren Besitzern war es nur recht: Was immer diese arme Frau von sich gab, konnte als Wahrsagerei verkauft werden. Was immer ihr Zustand war, für Paulus entwickelte sich diese Frau zu einer regelrechten Nervensäge. In Vers 18 sehen wir, dass Paulus schließlich die Hutschnur riss. Der trieb den Geist aus, und die Sklavin war sofort geheilt.
Die dritte Person, der wir begegnen, ist wieder von einem ganz anderen Schlag. Die Beamten gehen davon aus, dass Paulus und Silas zum einen vagabundierende Ausländer waren und zum anderen Unruhestifter waren. Entsprechend werden sie in Philippi ziemlich brutal behandelt. Verse 22 und 23 berichten davon, dass sie von der Polizei vor Ort mit Ruten geschlagen wurden. Blutend werden sie letztendlich ins Gefängnis geworfen. Der Gefängniswärter wird beauftragt, sie sicher zu verwahren. In Vers 24 heißt es dann: „Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.“
Wir erfahren hier einiges über den Kerkermeister. Vermutlich war er ein ehemaliger römischer Soldat. Er gehörte definitiv zur Klasse der einfachen Arbeiter, der seinem Job nachging. Auf der einen Seite war er sehr pflichtbewusst. Auf der anderen Seite war er auch übermotiviert. Was bedeutet es, dass er Paulus und Silas Beine in den Block legte? Es war eine Foltermethode. Die Beine der Gefangenen wurden dabei gespreizt, so dass es fürchterliche Krämpfe und Schmerzen verursachte. Niemand hatte ihm aufgetragen, seinen „Gästen“ weitere Leiden zuzufügen. Das war alles er selbst. Und es zeigt eine Gleichgültigkeit und Brutalität in ihm.
Drei Charaktere begegnen uns hier also. Falls wir versuchen würden, diese drei Typen in die heutige Zeit zu übertragen: Lydia wäre vielleicht die Besitzerin einer Louis Vuitton oder Tiffany Boutique an der Champs-Elysées; die Sklavin wäre vielleicht eine drogenabhängige Prostituierte im Frankfurter Rotlichtviertel, die von ihren Zuhältern missbraucht wird; der Gefängnisaufseher wäre vielleicht ein Ex-Bundeswehrsoldat, der als Justizvollzugsbeamter arbeitet.
Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Um mit dem Offensichtlichen anfangen: es waren zwei Frauen und ein Mann. Es waren Personen aus allen Gesellschaftsschichten: Lydia gehörte zur Oberklasse, der Gefängniswärter war Mittelklasse, die Sklavin war Unterklasse. Finanziell gesehen war Lydia wohlhabend, der Gefängniswärter lebte in einfachen Verhältnissen, die Sklavin war mittellos. Was den Glauben angeht, war Lydia religiös, der Wärter war irreligiös, die Sklavin war anti-religiös. Selbst vom Temperament her, könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Lydia war warmherzig, der Gefängniswärter war kaltherzig, die Sklavin war herzlos. Was die Umgangsformen angeht, war Lydia angenehm, der Gefängniswärter war brutal, die Sklavin war nervig. Diese drei Individuen stehen für die Vielfalt der Gesellschaft damals. Ich kann mich nur wiederholen: noch gegensätzlicher geht es kaum.
Bevor wir fortfahren, wollen wir ganz kurz festhalten, was es für uns bedeutet. Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen heutzutage nicht an Gott glauben. Eine ehemalige Kollegin von mir ist noch zu DDR-Zeiten aufgewachsen in einem nicht-christlichen Haushalt. Sie meinte, dass Gott einfach kein Thema bei ihnen in der Familie war und sie es auch nie vermisst hat. Vielleicht denken manche von euch: „Glaube ist etwas für die Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und brauche so etwas nicht.“ Oder vielleicht denken manche, dass das Christentum eher für Menschen schlichten Gemüts ist. Karl Marx hatte vom Opium fürs Volk gesprochen. Oder vielleicht denkst du: „Ich bin halt nicht so der Typ dafür.“
Hier ist der Punkt: Es gibt keinen christlichen Typ! Es gibt praktisch nichts, was dich geeigneter oder ungeeigneter für den christlichen Glauben machen könnte. Es ist völlig irrelevant in welcher Lage du dich befindest, ganz oben oder ganz unten in der Gesellschaft, reich oder arm, angenommen oder ausgestoßen, jung oder alt, gebildet oder ungebildet, gesund oder krank. Das Evangelium ist für alle Menschen, aller Zeiten; das Evangelium ist für dich.

Zweitens, das Evangelium bringt unaussprechlichen Frieden und Freude
Paulus und Silas waren brutal zusammengeschlagen im tiefsten Verlies. Soweit nichts Außergewöhnliches. Aber dann lesen wir in Vers 25: „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihn zu.“ Hier ist das absolut Unerhörte. So etwas hatte es im Gefängnis noch nie gegeben. Inmitten von Leid und Folter, im Angesicht des Todes, fangen Paulus und Silas an, zu singen. Der Text erwähnt, dass die Gefangen ihn zuhörten. So etwas hatten sie noch nie gehört. Normal wäre gewesen, dass Gefangene fluchen und schreien und klagen. Aber Paulus und Silas tun das absolute Gegenteil davon. Sie loben und sie preisen Gott.
Pfarrer Wilhelm Busch ist der Frage nachgegangen, warum der Gesang erst um Mitternacht beginnt. Was machten die beiden zwischen 19 Uhr und Mitternacht? Busch hatte selbst die Erfahrung machen müssen, wegen seines Glaubens eingesperrt zu werden. Er war in den berüchtigten Gefängnissen der Gestapo. Seine Vermutung war, dass Paulus und Silas einige Stunden brauchten, bis sie das Licht sahen. Sie müssen mit der Frage gehadert haben, warum Gott das alles zugelassen hatte. Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie so brutal misshandelt wurden, dass sie bluteten, dass sie gebrochene Rippen hatten? Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie im Gefängnis noch weiter leiden mussten? Selbst ein Glaubensheld wie Paulus hatte vielleicht Zweifel. Vielleicht brauchte auch er etwas Zeit, um diese bittere Pille zu schlucken. Aber dann beteten sie und in ihre Herzen wurden mit Lobgesang erfüllt. Sie hatten einen Frieden, den die Welt nicht kannte und den ihnen nichts und niemand wegnehmen konnte.
Wir sehen den Frieden noch an anderer Stelle. Es kommt ein gewaltiges, übernatürliches Erdbeben, das dazu führt, dass die Türen des Gefängnisses sich öffnen. Der Kerkermeister sieht die Türen des Gefängnisses offen, und denkt, dass die Gefangenen alle geflohen sind. Er zieht das Schwert, um sich umzubringen. Der Grund dafür ist, dass er ohnehin exekutiert worden wäre, wenn die Gefangenen weg wären. Das wollte er sich ersparen, indem er sich selbst das Leben nahm. Paulus ruft laut: „Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.“ Das ist wiederum unerhört. Paulus und Silas hätten fliehen können. Sie waren völlig zu Unrecht im Gefängnis. Es wäre nur recht und billig gewesen. Es wäre außerdem die perfekte Art gewesen, es dem Wärter heimzuzahlen. Aber ihr Friede ließ es nicht zu. Das Erstaunliche ist, dass nicht nur Paulus und Silas nicht getürmt waren. Sie hatten einen solchen Einfluss und eine solche Autorität, dass alle Mitgefangenen ebenfalls geblieben waren. Alle waren noch da.
Und das brachte diesen hartgesottenen Mann zitternd auf die Knie vor Paulus und Silas. Er fragt: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Viele traditionelle Christen interpretieren diese Frage als ein: „Was muss ich tun, um nicht in die Hölle zu kommen, wenn ich sterbe?“ Aber ich glaube nicht, dass er das damit meinte. Seine Frage war ein: „Was muss ich tun, um aus meinem Schlamassel herauszukommen?“ In Paulus und Silas sieht er zwei Menschen, die ganz eindeutig ihr Leben gemeistert haben. Sie haben etwas, was ihm fehlt: einen Frieden und eine Freude, die nicht von dieser Welt sind. Sie hatten eine Wahrheit, von welcher er nichts wusste. Sie glaubten an einen Gott, den er noch nicht kannte.
Paulus und Silas verkündigen ihm die frohe Botschaft. Was ist das Resultat? Verse 33 und 34: „Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“ Im Haus des Gefängniswärters beginnt mitten in der Nacht ein Riesen-Freudenfest. Er lässt sich mit allen seinen Angehörigen taufen. Und dann wird aufgetischt; sie essen und das ganze Haus ist mit einer tiefen Freude erfüllt. Das ist es, was das Evangelium tut. Überall dort, wo das Evangelium wirkt, werden Menschen mit einem übernatürlichen Frieden und mit unaussprechlicher Freude erfüllt. Nichts und niemand kann das aufhalten.
Wir beten seit einigen Wochen für Darren, der an Krebs erkrankt ist. Er hat vor kurzem die letzte Runde Chemo-Radiotherapie abgeschlossen. Die Behandlung ist wirklich hart, und er hat erzählt, dass die Nebenwirkungen ihn wirklich mitgenommen haben. Darren hat uns vor kurzem geschrieben, dass es vor allem einen Vers gibt, der ihn die ganzen letzten Wochen hindurchgetragen hat: „Nachdem er sich mit dem Volk beraten hatte, ernannte der König Sänger, die in heiligem Schmuck dem Heer vorangehen und dem HERRN singen und seine Herrlichkeit preisen sollten. Sie sangen: Dankt dem Herrn; denn seine Gnade bleibt ewig bestehen!“ Der Kontext von diesem Vers ist, dass Israel von einem riesigen Heer angegriffen wurde; genauer gesagt bestand das riesige Heer aus drei Armeen; genug um das ganze Land zu überrollen. Der König Joschafat antwortet auf diese Bedrohung mit meinem Worship-Team. Das ist es, was Darren während diesen Wochen getan hat: Er hat uns alle dazu aufgefordert, gemeinsam Gott zu preisen.
Er schreibt: „Während dieser Zeit habe ich gesehen, wie meine Eltern näher zu Gott gekommen sind; mein ältester Freund Austin (der nicht gläubig ist), möchte mit mir die Bibel lesen, wenn das alles vorbei ist; betet für einen Mann namens Dave, dem ich im Krankenhaus Zeugnis gegeben habe, und der durch die gleiche Behandlung geht. … Ich war in der Lage, mit Uber-Fahrern zu beten und ihnen von Gottes Güte zu erzählen. Es gab wunderbare Zeiten.“ Und genau das ist es, was ich meine. Es gibt keine Fesseln, keine Gefängnismauern, keine Krankheit, keine Umstände, welche die Freude des Evangeliums aufhalten können.
Egal ob du an Jesus glaubst oder nicht oder wie stark und ausgeprägt dein Glaube ist, ohne diese Freude bist du verloren. Der Kerkermeister hatte es nicht, aber er wollte es und am Ende bekam er es.

Drittens, das Evangelium verändert alles
Der Text lässt ein Rätsel offen. Die Beamten der Stadt gaben den Befehl, dass man Paulus und Silas freilassen sollte. Sie hatten sich wahrscheinlich gedacht: „So wie wir die beiden Vagabunden behandelt haben, werden wir uns keine Sorgen mehr um sie machen müssen. Die werden sich hier nie wieder blicken lassen.“ Zu ihrer großen Überraschung sagte Paulus aber: „Nein, wir gehen nicht.“ Vers 37: „Sie haben uns ohne Urteil öffentlich auspeitschen lassen, obgleich wir römische Bürger sind, und haben uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt möchten sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen.“
In der Apostelgeschichte gibt es eine andere Begebenheit, in der Paulus sich wieder in römischer Gefangenschaft befindet. Wieder wird der Befehl gegeben, dass man ihn auspeitschen soll. Aber dieses Mal sagt er von vornherein, dass er römische Bürger ist. Und Paulus wird mit sofortiger Wirkung losgebunden. Römische Bürger besaßen besondere Rechte. Sie durften ohne Gerichtsurteil nicht geschlagen werden. Vers 38 erwähnt, dass die obersten Beamten erschraken, als sie das hörten. Sie wussten, dass sie richtigen Ärger bekommen könnten, wenn das an die große Glocke gehängt werden würde. Die Angelegenheit war ihnen so wichtig, dass sie persönlich zu Paulus und Silas kamen, sich entschuldigten und sie baten, die Stadt zu verlassen. Hier ist das Rätsel: warum hatte Paulus in Philippi seine Trumpfkarte nicht vorher ausgespielt?
John Ortberg hat sich mit der römischen Gesellschaft damals beschäftigt. Und er erklärt: „Ein männlicher, römischer Bürger durfte ab 14 die sogenannte toga virilis tragen. Ironischerweise war die Toga „ein bemerkenswert unbequemes Kleidungsstück“. Im Winter zog es, im Sommer war es brütend heiß, eine Hand blieb bedeckt und unbrauchbar, sie war schwer zu ordnen (die Reichen beschäftigten Sklaven, die speziell für das Anlegen der Toga ausgebildet waren) und hatte nur einen einzigen Wert: die Verkündigung des Status.“ Zum Glück gibt es das heute nicht mehr, dass man Kleidung als Statussymbol verwendet, oder etwa doch?
Wie wichtig ist dir Status? Bei meinem Vorstellungsgespräch hatte ich gefragt, wie die Stelle einzuordnen ist: es gibt Associate Scientist, Scientist, Senior Scientist, Principal Scientist. Was ist gewichtiger, was ist höher? Und die Managerin sagte zu mir: „Ach wissen Sie, es gibt bei uns Mitarbeiter, die so in ihren Titel verliebt sind. Wichtiger ist jedoch, welche Tätigkeit man hat.“ Ich arbeite jetzt seit dreieinhalb Jahren mit dieser Managerin zusammen. Und ich konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass sie auch eine der Personen ist, die in ihren eigenen Titel verliebt ist.
Status war in der römischen Gesellschaft unglaublich wichtig. In einem Artikel habe ich gelesen: „Zu jedem Zeitpunkt der römischen Geschichte wussten die einzelnen Römer mit Sicherheit, dass sie einer bestimmten sozialen Klasse angehörten: Senator, Ritterstand, Patrizier, Plebejer, Freie, Sklaven. In einigen Fällen wurden sie in diese Klasse hineingeboren. In anderen Fällen sicherte ihnen ihr Reichtum oder der Reichtum ihrer Familie die Zugehörigkeit. […] Zu keinem Zeitpunkt bestand Zweifel darüber, welche Römer zu welcher Klasse gehörten.“
Das war die Gesellschaft, in der eine christliche Gemeinde hineingeboren wurde. Zu dieser Gemeinde gehörten Lydia, die Sklavin und der Gefängniswärter. Jahre später schrieb Paulus an diese Gemeinde einen Brief. Der Brief enthält einige Verse, bei denen viele Ausleger und Theologen davon ausgehen, dass es sich um eines der frühesten christlichen Lieder handelte. Paulus schreibt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: [und hier folgt jetzt das Lied.] Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.“ Natürlich gab es in der griechischen Mythologie Geschichten von Zeus und anderen Göttern, die sich temporär als Menschen ausgaben. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Gott wird Mensch. Nicht nur das: Gott wird Sklave. Nicht nur das: Gott stirbt. Nicht nur das: Gott stirbt am Kreuz. Gott ging zu Boden, damit wir Menschen nachtreten konnten. Tiefer geht es nicht. Im Zentrum des christlichen Glaubens ist Gott, der bereit ist, sich aufs Äußerste zu degradieren. Und er tut es für dich und für mich. Er tut es, weil es keine andere Möglichkeit gab, um uns zu retten. Nur diese eine Möglichkeit. Es gibt keine andere Religion, keinen anderen Glauben, der uns das bieten kann.
Noch einmal die Frage: warum haben Paulus und Silas damit gewartet, sich als römische Bürger zu outen? Warum haben sie sich misshandeln lassen und ihr Leben riskiert? Hier ist eine mögliche Antwort darauf: Weil sie einem Herrn und König folgten, der sich so erniedrigte. Sie brauchten das Statusspiel nicht mehr mitzuspielen. Sie haben sich mit den Armen, den Klassenlosen, den Rechtelosen identifiziert. Sie ließen sich so behandeln wie Sklaven. Sie sagten: „Mein Wert hängt nicht von meinem Status ab. Meine Identität ist unabhängig davon, welcher Klasse ich angehöre.“ Auf ganz subtile und unscheinbare Art stellten sie die Gesellschaft auf den Kopf. Das ist es, was ich damit meine: Das Evangelium macht alles anders.
Was in dem Brief an die Philipper Gemeinde ebenfalls besonders ist, ist die Art und Weise, wie Paulus sich vorstellt. In allen anderen Briefen an andere Gemeinden stellt Paulus sich als Apostel vor. Das war sein offizielles Amt, das ihm auch eine gewisse Autorität verliehen hat. In 1. Korinther lesen wir: „Paulus, berufen zum Apostel Christi durch den Willen Gottes…“ An die Kolosser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ An die Epheser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ Die Galater waren Paulus’ Sorgenkinder. An die Galater schreibt er deshalb: „Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater…“ Aber den Brief an die Gemeinde in Philippi beginnt Paulus folgendermaßen: „Paulus und Timotheus, Sklaven von Jesus Christus…“
Hier ist das Erstaunliche: Das römische Reich ist nicht mehr. Die Kaiser, die Senatoren, die Ritter, die Bürger und die Sklaven sind nicht mehr. Sie sind eine Randnotiz der Geschichte. Aber das Evangelium hat alles überdauert. Die Gemeinde Jesu ist heute noch da. Jesus wird heute noch gelobt und gepriesen, 2000 Jahre später.
Hier sind die drei Punkte: das Evangelium ist für jeden. Und weil das Evangelium für jedermann ist, ist es auch für dich, ganz egal wo im Leben du dich gerade befindet. Das Evangelium beschenkt mit übernatürlichem Frieden und mit Freude. Weil das Evangelium mit unaussprechlicher Freude erfüllt, ist es etwas, was du dir zumindest wünschen solltest, auch wenn du vielleicht (noch) nicht daran glauben kannst. Drittens, das Evangelium macht alles anders. Weil das Evangelium alles anders macht, ist das Evangelium unglaublich relevant: Es verändert dein Leben, er hat die Kraft, die Gesellschaft zu verändern und die ganze Welt und die ganze Geschichte.

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 4 – Apostelgeschichte 19,23-41

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Spirituell relevante Mission (2)

„Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über den Weg.“

Apg 19,23

Letzte Woche haben wir betrachtet, wie Paulus in der Stadt Ephesus gewirkt hat. Ephesus war die Hauptstadt der römischen Provinz Asia und eine Hochburg des Artemiskults. Anders als in anderen Städten lehrte Paulus dort zwei Jahre lang täglich in der Schule des Tyrannus. Die Mission in Ephesus war außergewöhnlich fruchtbar. Alle, die in der Provinz Asia wohnten, hörten das Wort des Herrn. Zahlreiche Menschen kamen zum Glauben an Jesus und begannen ein neues Leben. Gott unterstützte Paulus‘ Lehre des Evangeliums durch viele Wunder, die er durch seine Hände geschehen ließ. Vers 20 sagt zusammenfassend: „So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig.“

Der heutige Text zeigt eine andere Auswirkung von Paulus‘ Wirken in Ephesus. Wir erfahren von einem Aufruhr und großen Tumulten, die sich um diese Zeit ereigneten und bei denen das Leben von Paulus und seinen Mitarbeitern in Gefahr geriet. Wie kam es dazu? Und warum berichtet der Verfasser so detailliert über diesen Aufruhr? Lasst uns heute mindestens zwei wichtige Punkte von Paulus‘ Mission lernen!

I. Der Aufstand des Demetrius (23-29)

Unser Text beginnt mit den Worten: „Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über den Weg“ (23). Die Worte „eine nicht geringe Unruhe“ sind eine dezente Umschreibung für einen richtigen Aufruhr und chaotische Tumulte, zu denen es in Ephesus kam. Wie kam es dazu? Ein Silberschmied namens Demetrius machte silberne Tempel der Artemis und verschaffte den Handwerkern dadurch nicht geringen Gewinn. Wie Toni letzten Sonntag zum Teil schon erklärt hat, war dieser Tempel sehr groß und prächtig und galt als einer der sieben Weltwunder. Er war nach Vorgaben von Alexander dem Großen in über 220 Jahre prachtvoll gebaut worden. Er hatte über 120 Säulen aus Marmor, die jeweils etwa 17 Meter hoch und oben mit Figuren verziert waren. Im Innern befand sich das Bild einer Göttin, die die Naturkraft verkörperte und die die Griechen mit der Göttin Artemis gleichsetzten. Diese „Göttin“ wurde nicht nur von den Menschen in Ephesus verehrt, sondern aus der ganzen Provinz Asia und sogar aus dem ganzen römischen Reich kamen Pilger, um diese Göttin zu verehren oder zumindest den prächtigen Tempel zu bewundern. Die silbernen Nachbildungen des Tempels waren klein genug, dass man sie als Amulette am Körper tragen konnte. Sie müssen großen Absatz gefunden haben, weil es damals üblich war, solche Amulette auf Reisen mitzunehmen und sie sonst in seinem Haus aufzustellen, um dadurch Schutz für die Bewohner zu erlangen. Insbesondere war die Artemis der Epheser ein allgemein verehrtes Objekt der Anbetung.

Die Kunsthandwerker und deren Zuarbeiter machten ein gutes Geschäft mit der Herstellung der silbernen Tempel. Demetrius machte in seiner Rede keinen Hehl daraus, dass es ihm darum ging, dieses Geschäft zu erhalten. Er befürchtete, dass ihr Gewerbe zugrundegehen würde, wenn sie Paulus weiterhin gewähren ließen. Er hatte verstanden, dass Paulus‘ Predigt vom Schöpfer Gott und seinem Sohn Jesus Christus in der Konsequenz bedeutete, dass das, was mit Händen gemacht ist, keine Götter sind. Er wusste auch, dass Paulus in der ganzen Provinz viel Volk davon überzeugte, daran zu glauben. Demetrius selbst war aber nicht bereit, die Wahrheit anzunehmen, sondern hatte nur im Sinn, durch den weiteren Verkauf von kleinen silbernen Götzentempeln seinen Wohlstand zu erhalten.

Um auch die anderen Kunsthandwerker und die Zuarbeiter für sein Anliegen zu gewinnen, verband er sein materielles Ziel geschickt mit ihrer kulturellen Identität und mit ihrem religiösen Gefühl, indem er sagte: „Aber es droht nicht nur unser Gewerbe in Verruf zu geraten, sondern auch der Tempel der großen Göttin Artemis wird für nichts geachtet werden; und sie selbst, die verehrt wird in der ganzen Provinz Asia, ja auf dem ganzen Erdkreis, wird ihrer Hoheit beraubt.“ Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Bei der Vorstellung, dass ihr weltberühmter Tempel verachtet und ihre große Göttin ihrer Hoheit beraubt würde, gingen bei ihnen die roten Lampen an. Sie wurden von Zorn erfüllt und schrien: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (28) Ihre Wut auf Paulus steckte auch die anderen Menschen in Ephesus an. Vers 29 sagt, dass die ganze Stadt in Aufruhr geriet. Sie stürmten einmütig zum Theater und ergriffen zwei Mitarbeiter von Paulus, nämlich Gaius aus Derbe und Aristarch aus Makedonien. Der wilde Aufruhr und die aufgeheizte wütende Stimmung bedeuteten für Paulus und seine Mitarbeiter echte Lebensgefahr. Blinder Eifer und Fanatismus für eine falsche Religion führt oft zu so einem aggressiven Verhalten. Dagegen führt der Eifer von Christen für Jesus dazu, dass sie nüchtern werden und bereit, auf ihre Ehre und ihre Rechte zu verzichten und um seinetwillen Leiden auf sich zu nehmen.

Warum berichtet die Apostelgeschichte aber so ausführlich über diesen Aufruhr? Aus Mitleid mit den Silberschmieden, deren Verkauf von silbernen Götzentempeln zurückging, sicher nicht. Der Bericht macht vielmehr nochmal von einer anderen Seite her deutlich, wie mächtig Gott in Ephesus und in der ganzen Provinz wirkte, als Paulus zwei Jahre lang intensiv das Evangelium lehrte. Ephesus war eine Hochburg des Götzendiensts, die meisten Einwohner waren leidenschaftliche Anhänger des Artemiskults. Als Paulus anfing, dort zu predigen, sah es fraglich aus, ob die Menschen wirklich bereit wären, das Evangelium anzunehmen. Außerdem erfuhr Paulus in Ephesus auch heftigen Widerstand vonseiten der Juden. Einige widersprachen und lästerten so heftig, dass Paulus überlegt haben muss, ob seine Missionstätigkeit dort überhaupt noch Sinn machte. Aber anstatt aufzugeben, suchte er einen anderen Weg, wie er doch Gottes Evangeliumswerk dienen konnte. Er trennte sich von den verstockten Menschen, sonderte auch die Jünger ab, die schon zum Glauben gekommen waren, und redete täglich in der Schule des Tyrannus. Das griechische Wort für „redete“ besagt nicht, dass Paulus dort predigte, sondern dass er mit ihnen in Dialogform redete. Dass Paulus sich täglich mit einigen Menschen in einem Schulraum über das Evangelium unterhielt, sah in einer Großstadt wie Ephesus eigentlich unbedeutend aus. Aber als er einigen Menschen täglich das Evangelium persönlich intensiv erklärte, wirkte Gott dadurch mächtig! Gottes Wort veränderte die, die ihm zuhörten, sodass sie an Gott und seinen Sohn Jesus glaubten und seine Jünger wurden. Durch das tägliche Bibelstudium mit Paulus wurden sie von Jesus so überzeugt und begeistert, dass sie ihren Freunden und Nachbarn in Ephesus und auch den Leuten in den Städten und Dörfern in der Provinz Asia von Jesus weitersagten, sodass alle, die in der Provinz Asia wohnten, das Wort des Herrn hörten, und zwar Juden und Griechen (10). Das Wort Gottes überwand die Hindernisse und Grenzen von Religion und Kultur. Viele erkannten, dass das, was mit Händen gemacht ist, keine Götter sind, sodass sie aufhörten, das Bild der Artemis zu verehren und silberne Abbilder ihres Tempels zu kaufen, sodass die Absatzzahlen der Silberschmiede einbrachen. In zahlreichen Städten entstanden christliche Gemeinden, unter anderem in den sieben Städten, die im Buch Offenbarung erwähnt werden. Der Aufruhr des Demetrius war auch eine Folge dieser Wirksamkeit Gottes, nämlich der Widerstand derer, die das Evangelium nicht annehmen wollten. Es war sozusagen die Kehrseite der Medaille. Der Verfasser hat darüber so ausführlich berichtet, weil dadurch auch von der anderen Seite her sichtbar wird, wie mächtig Gott gewirkt hat.

Und was heißt das für uns? Das Evangelium wirkt mächtig, wenn wir es Menschen mit Geduld und intensiv bezeugen. Viele Menschen haben aufgrund ihrer Weltanschauung, ihrer Religion oder ihrer ganz persönlichen Gedanken und Erfahrungen Hindernisse, an das Evangelium zu glauben. Aber das Evangelium hat in sich Kraft, zu wirken und alle gedanklichen, religiösen und kulturellen Hindernisse zu überwinden, wenn es klar bezeugt und geglaubt wird. Natürlich sind wir nicht wie Paulus und können uns in der geistlichen Weisheit und Kraft nicht mit ihm vergleichen. Aber das bedeutet nicht, dass Gott nicht wirken könnte, wenn wir das Evangelium weitergeben. Auch wenn wir schwach sind, hat das Evangelium Kraft. Wenn wir mit Menschen in der Bibel lesen und ihnen das Evangelium von Herzen bezeugen, wird das Evangelium in ihnen wirken. Sie werden erkennen, dass keine Götter der Welt vertrauenswürdig sind, und werden ermutigt, auf Jesus und seine Liebe zu vertrauen. Natürlich werden nicht alle auf das Evangelium positiv reagieren. Wenn das Evangelium bezeugt wird, bewirkt es bei denen, die offen sind, Glauben, und bei anderen Widerspruch. Aber wir sollen darauf vertrauen, dass Gott sein Werk nach seiner Weisheit und seinem Zeitplan tut, und dafür dankbar sein, dass er uns für sein Werk gebraucht. Möge Gott uns helfen, das Evangelium einigen Menschen geduldig zu bezeugen und seine Wirksamkeit in ihnen zu erfahren!

II. Der Kanzler half Paulus und seinen Mitarbeitern (30-40)

Die Verse 30-40 beschreiben den weiteren Verlauf der Ereignisse und die Rede des Kanzlers, der das Volk beruhigte. Dadurch können wir etwas Wichtiges von Paulus Weisheit lernen. Zunächst berichtet der Vers 30, dass Paulus unter das Volk gehen wollte, die Jünger es ihm aber nicht zuließen. Paulus war immer bereit, zu den Menschen zu gehen, ohne Angst vor Gefahren zu haben. Aber in dieser Situation ließen es seine Mitarbeiter nicht zu, weil die Gefahr, dass er von der aufgebrachten Menge gelyncht würde, zu groß war. Gerade in Ausnahmesituationen ist es gut, wenn wir Mitarbeiter haben, die uns mit ihrer Weisheit einen Rat geben, wenn unsere eigene Meinung vielleicht nicht angemessen ist. Paulus war demütig genug, auf den Rat seiner Mitarbeiter zu hören. Auch einige der Oberen der Provinz Asien, die ihm freundlich gesinnt waren, sandten Boten zu ihm und ermahnten ihn, sich nicht zum Theater zu begeben. Dort schrien die einen dies und die andern das, und die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten gar nicht, warum sie zusammengekommen waren (32). Ein Mann namens Alexander wollte eine Erklärung vor der Menge abgeben, der von den Juden vorgeschickt wurde (und deshalb vermutlich ein Jude war und kein Judenchrist). Als die Menge aber erkannte, dass er ein Jude war, schrie alles wie aus einem Munde fast zwei Stunden lang: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (34) Ihr fanatischer Zorn richtete sich also nicht nur gegen die Christen, sondern auch gegen die Juden.

In den Versen 35-40 wird die Rede des Kanzlers wiedergegeben. Wie gelang es ihm, das Volk zu beruhigen und die Versammlung aufzulösen? Zunächst wartete er ab, bis die Menge sich müde geschrien hatte. Danach machte er zwei Feststellungen, um sie zu beruhigen. Die eine war, dass doch jeder Mensch wisse, dass die Stadt Ephesus eine Hüterin der großen Artemis und ihres Bildes sei, das vom Himmel gefallen sei. Dadurch wollte er ihren angekratzten Stolz besänftigen und ihre Zuversicht auf ihre Identität stärken (35.36).

Als Zweites sagte er, dass Paulus und seine Mitarbeiter weder Tempelräuber noch Lästerer ihrer Göttin waren. Damit stellte er klar, dass sie sich keines schweren Vergehens schuldig gemacht hatten. Wenn Demetrius und die Handwerker Ansprüche gegen sie hatten, sollten sie sich an die Gerichte oder Statthalter wenden, die dafür zuständig waren. Falls die Menge etwas anderes wollte, sollte das in einer ordentlichen Versammlung geklärt werden, die regelmäßig stattfand. Im Vers 40 sagte er abschließend: „Denn wir stehen in Gefahr, wegen der heutigen Empörung verklagt zu werden, ohne dass ein Grund vorhanden ist, mit dem wir diesen Aufruhr entschuldigen könnten. Und als er dies gesagt hatte, ließ er die Versammlung gehen.“ Die Sorge, dass die Stadt wegen dieses Aufruhrs von Rom angeklagt würde, war nicht unberechtigt, weil Unruhen in den Provinzen das Letzte waren, was die Römer mochten. Wenn die Stadt wegen des Aufruhrs angeklagt worden wäre, geht man davon aus, dass die leitenden Beamten ihre Stellen verloren hätten und die Stadt einen Teil ihrer Privilegien. Insofern erfolgten die Bemühungen des Kanzlers um eine Beruhigung der Lage auch im eigenen Interesse.

Trotzdem ist auffallend, dass er in seiner Rede die christlichen Missionare verteidigte. Im Vers 37 sagte er: „Ihr habt diese Menschen hergeführt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind.“ Warum sagte er das? Er sagte das, weil es offensichtlich wahr war. Wenn es nicht gestimmt hätte, hätte er das vor der wütenden Menge nicht einfach behaupten können.

Das lässt uns einen zweiten wichtigen Punkt über Paulus Mission erkennen. Paulus war bei seiner Mission sensitiv für die Kultur und die Religion der Menschen und ging mit Fingerspitzengefühl damit um. Das tat er wohl aus tiefem Respekt und Verständnis gegenüber den Menschen. Er verkündigte in Ephesus das Evangelium von Jesus als dem wahren König und Retter klar; aber er vermied es offensichtlich, dabei ihre Religion als verkehrt zu kritisieren und über ihre Göttin zu lästern, auch wenn er den Götzenkult selbstverständlich für Sünde hielt. Das war weise, weil eine Kritik an ihrer Religion sofort dazu geführt hätte, dass sie ihr Herz gegenüber dem Evangelium verschließen. Paulus vertraute darauf, dass das Evangelium selbst in ihnen wirken und sie zur geistlichen Einsicht führen würde. Seine respektvolle Haltung und sein weiser Umgang mit schwierigen Themen kommt in den schützenden Worten des Kanzlers über Paulus und seine Mitarbeiter indirekt zum Ausdruck. Dieses Verhalten von Paulus erklärt auch, warum einige der Oberen der Provinz Asia Paulus gegenüber freundlich gesinnt waren (Vers 31).

Was können wir davon lernen? Wir können von Paulus lernen, den Menschen, denen wir geistlich helfen wollen, mit Respekt zu begegnen und mit schwierigen Themen sensibel umzugehen. Auch wenn ihre Vorstellungen in vielem verkehrt sein mögen, sollten wir ihre Überzeugungen nicht kritisieren oder ihren Glauben schlechtreden, wenn sie einer anderen Religion anhängen. Vielen Menschen sind heute bestimmte Themen wie die Evolution, Abtreibung, Homosexualität oder Coronaimpfungen wichtig und so etwas wie neuralgische Punkte bei der Beurteilung ihres Gesprächspartners. Es wäre nicht weise, wenn wir sie voreilig mit Ansichten dazu konfrontieren würden, die sie vielleicht nicht verstehen und annehmen können und durch die sie ihr Bereitschaft verlieren, von uns das Evangelium zu hören. Wir können von Paulus auch sein Bemühen lernen, sein ganzes Leben so zu führen, dass die Menschen nicht an seinem Verhalten Anstoß nehmen konnten, sondern wenn dann nur am Evangelium selbst.

Lasst uns von Paulus lernen, der viele Menschen für Gottes Reich gewann, indem er zwei Jahre lang täglich in einem Schulraum einigen lernwilligen Menschen das Evangelium bezeugte, bis es in ihnen mächtig wirkte und sie zu neuen Menschen und zu Zeugen des Evangeliums veränderte! Möge Gott auch uns neue Zuversicht auf die verändernde Kraft des Evangeliums geben und uns helfen, es einigen Menschen geduldig und weise zu erklären, bis sie davon verändert werden und selbst auch hingehen und es anderen bezeugen können!

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 3 – Apostelgeschichte 19,8-20

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Biblische Mission

So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und erwies sich kräftig

(Apostelgeschichte 19,8-20)

Wie in vergangener Woche, geht es auch heute um einen Text aus der Apostelgeschichte. In der kommenden Woche werden wir ebenfalls einen Text aus der Apostelgeschichte betrachten – und zurecht: Wenn es um das Thema „Mission“ geht, ist die Apostelgeschichte dazu geradezu prädestiniert. Wo wird über Mission mehr berichtet als im Buch Apostelgeschichte? Gleichzeitig ist die Apostelgeschichte ein Buch, das mit Vorsicht zu genießen ist. Beim Lesen der Apostelgeschichte müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass die Hauptabsicht der Apostelgeschichte darin besteht, zu berichten. Sie ist kein Brief, der uns Anweisungen zum christlichen Leben gibt. Die Apostelgeschichte will in erster Linie darüber berichten, wie Gott sein Werk nach Jesu Tod und Auferstehung fortgesetzt hat, wie der Heilige Geist auf die Erde kam, die Gemeinde entstand usw.
Vor diesem Hintergrund müssen wir auch den heutigen Text aus Apg. 19 mit Vorsicht genießen. Apg. 19 endet mit den Worten: „So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und erwies sich kräftig“. Diese Worte machen deutlich, worum es in dem heutigen Text geht. Er berichtet darüber, wie es zu einer mächtigen Ausbreitung des christlichen Glaubens in Ephesus und der Provinz Asia kam. Kurz, er berichtet über eine erfolgreiche Mission. Wir können daraus keine allgemeingültige Anleitung für eine erfolgreiche Mission ableiten, aber zumindest einiges darüber lernen, wie wir Mission betreiben sollen und wie nicht. Gerade weil die Mission so erfolgreich war, lassen sich daraus sicherlich einige Prinzipien einer biblischen Mission ableiten. Hier habe ich den Bericht über die Mission in Ephesus anhand von zwei einfachen Fragen betrachtet:

1. Was tat Paulus in Ephesus?
2. Wie wirkte Gott in Ephesus?

1. Paulus Vorgehensweise in Ephesus

Eines dieser Prinzipien, die wir von Paulus lernen können, finden wir bereits in Vers 8. Dort heißt es, dass Paulus in die Synagoge ging. Dies machte Paulus nicht nur in Ephesus so, sondern an jedem Ort, wo er missionierte, ging er zur Synagoge bzw. zu den Juden. Bemerkenswert ist, was Paulus in Philippi machte, wo es keine Synagoge gab. In Apg. 16,13 heißt es: „Und am Tag des Sabbats gingen wir hinaus vor das Tor an einen Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten…“ Hier ist von einer Gebetsstätte die Rede. An den Orten, wo es keine Synagoge gab, trafen sich die Juden an sogenannten Gebetsstätten. Wahrscheinlich befand sich die Gebetsstätte wegen der Reinigungsgebote am Fluss. Also selbst in Philippi, wo es keine Synagoge gab, suchte Paulus zunächst die Juden auf. Warum tat dies Paulus so konsequent? Im Römerbrief 1,16 heißt es: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen.“ Nach dem Ratschluss Gottes kam ja Jesus zuerst zur Errettung der Juden. Als sie aber diese Gnade verwarfen, kam das Heil auch zu den Heiden. Eben genauso ging Paulus in seiner Mission vor. Was zeigt das über Paulus? Paulus ließ sich in seiner Mission ganz vom Ratschluss Gottes, ganz von dem Willen Gottes leiten.
Paulus Herz brannte für die Errettung der Juden so sehr, dass er bereit wäre, für sie stellvertretend verdammt zu werden. Aber obwohl ihm die Juden so ein Anliegen waren, akzeptierte er doch Gottes Ratschluss, zu den Heiden zu gehen, als die Juden ihm nicht glaubten. Bei der Mission geht es also immer um die Frage: „Zu wen und wohin hat Gott mich gesendet“, nicht darum: „Wen und wo möchte ich gerne missionieren“.
Einen weiteren wichtigen Punkt, den wir aus der Mission von Paulus lernen können, finden wir in Vers 9. Paulus erfuhr nicht nur Annahme des Evangeliums, sondern auch Widerstand. Warum? Wenn Menschen von der Wahrheit getroffen werden, gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder sie beugen sich dieser Wahrheit oder sie lehnen sie ab. Dies sehen wir auch an anderen Stellen:
Apg. 7,37: Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder?
Apg. 7,54: Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.

In beiden Stellen heißt es, dass es den Zuhörern durchs Herz ging, aber die Reaktion war sehr gegensätzlich – hierzu ein Bild: Wenn Sonne auf Schokolade scheint, schmilzt sie und wird weich. Wenn die Sonne auf Matsch trifft, wird er hart und trocken. Es geschieht also genau das Gegenteil. Genauso reagierten die Menschen bei Paulus auf die ein- und dieselbe Botschaft des Evangeliums: Die einen nahmen sie an, die anderen verhärteten ihr Herz und lehnten sie ab. Was tut man, wenn man weiß, etwas ist eigentlich wahr, aber man will es nicht wahrhaben? Man fängt an sich zu rechtfertigen, um sein Gewissen zu umzugehen. Eben das machten einige Zuhörer in Ephesus. Sie rechtfertigten ihren Unglauben dadurch, dass sie den christlichen Glauben, der hier als der Weg bezeichnet wird, schlecht redeten. Wir können hieraus lernen, dass Ablehnung und Widerstand in der Mission nicht zwangsläufig bedeuten, dass man etwas falsch gemacht hat. Es kann sein, muss aber nicht sein. Im Falle von Widerstand, muss man sich natürlich kritisch hinterfragen, sollte sich aber andererseits auch nicht verunsichern lassen, wenn man biblisch gehandelt hat. Eine vollmächtige Mission erfährt auch immer wieder Widerstand. Widerstand kann gerade ein Ausdruck davon sein, dass Menschen vom Wort Gottes getroffen wurden. Anstelle sich vom Widerstand irritieren zu lassen, sonderte Paulus die Gläubigen ab, um sie vor dem schlechten Einfluss zu bewahren. Trotz Widerstand lehrte Paulus zwei Jahre lang. Von ihm können wir auch lernen, Mission konsequent und treu zu betreiben.
Insgesamt blieb Paulus zwei Jahre und drei Monate in Ephesus. Die Apostelgeschichte berichtet nicht immer, wie lange Paulus an den Orten jeweils blieb. Jedenfalls ist keine der Zeitangaben länger als 2 Jahre. In Korinth blieb Paulus z.B. nur 1 ½ Jahre. Paulus blieb also relativ lange in Ephesus. Warum? Ephesus war die Hauptstadt der Provinz Asia. Wegen der Größe und Bedeutung der Stadt Ephesus hatte Ephesus eine gewisse politische Selbstständigkeit. D.h. Ephesus hat einen eigenen Senat und eine eigene Volksversammlung. Deshalb griff beim Aufruhr des Demetrius nicht ein römischer Statthalter, sondern ein städtischer Kanzler ein. Ephesus besaß damals einen Hafen. Handelsstraßen liefen von der Stadt in die Gegenden der Provinz Asia und darüber hinaus weit in den Orient hinein (vgl. DE BOOR: 3411). In Ephesus kamen und gingen Menschen aus den verschiedensten Ecken der Provinz Asia. Ephesus war also ein geeigneter Ort, um von dort aus die Provinz Asia mit dem Evangelium zu erreichen. Dass Paulus lange Zeit in Ephesus blieb, hatte also einen strategischen Grund. Im Vers 10 erfahren wir, dass Paulus Strategie aufgegangen war: Mit der Zeit hatten alle, die in der Provinz Asia wohnten, das Wort des Herrn gehört.
Missionare können von Paulus lernen, dass sie in der Mission strategische Überlegungen miteinbeziehen dürfen. Sie sollten zwar nicht ihr Vertrauen darauf setzen, aber sie dürfen und sollen solche Überlegungen durchaus anstellen, wie zum Beispiel die Frage: „Wie kann ich dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen in meinem Missionsgebiet das Wort Gottes hören? Wie kann ich in meinem Missionsgebiet einen Anknüpfungspunkt zur Verbreitung des Evangeliums finden?“ Meine persönliche Orientierung ist es, dass ich mit den Menschen, mit denen ich im Alltag sowieso in Kontakt komme, über den Glauben spreche oder zumindest einen Flyer weitergebe. Vor einigen Monaten kam zu uns ein Klempner, um unsere Waschmaschine zu reparieren. Er war sehr gesprächig und so kamen wir auch ins Gespräch über den christlichen Glauben. Früher sprach ich auch immer mit dem Friseur über den christlichen Glauben. Der Vorteil ist, dass er nicht weggehen kann. Oder was spricht dagegen, mit dem Bäcker, zu dem man jeden Morgen geht, über den christlichen Glauben zu sprechen oder zumindest einen christlichen Flyer zu geben – dasselbe kann man tun, wenn man auch etwas einkauft.
Betrachten wir erneut Vers 10. Das, was die Leute von Paulus zu hören bekamen, war nichts anderes als das Wort Gottes. In Römer 10,17 heißt es: „Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.“ Paulus wusste, dass der Glaube durch das Hören von Gottes Wort kommt. Paulus vertraute auf die Kraft und Wirksamkeit von Gottes Wort. Warum war das gerade für die Mission in Ephesus so bedeutsam? Ephesus war alles andere als einfach zu missionieren. Wie wir aus den Versen 19 und 20 entnehmen können, hatten sich viele Menschen in Ephesus der Zauberei, also dem Okkultismus hingegeben. Die verbrannten Bücher hatten zusammen einen Wert von 50.000 Silberdrachmen. Der übliche Tageslohn betrug damals 1 Silberdrachme. Mit 50.000 Silberdrachmen könnte man demnach 137 Jahre lang versorgt werden, also viel mehr als ein ganzes Leben lang. Dieser Wert zeigt, wie weit verbreitet der Okkultismus in Ephesus war. Dort herrschte nicht allein Okkultismus, sondern auch Götzendienst. Im nächsten Abschnitt vom Kapitel 19 erfahren wir, dass die ganze Stadt im Aufruhr war, um ihre Göttin Artemis zu verteidigen. Zwei Stunden lang schrien sie: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (V. 34). Der Stadtschreiber bezeichnete Ephesus sogar als die „Tempelhüterin der großen Artemis“ (V. 35). Und das nicht mit Unrecht: In Ephesus stand der weltberühmte Tempel der „Artemis“, das „Artemision“. Nachdem der Tempel einmal abgebrannt war, wurde er größer und prächtiger wiederaufgebaut. Er hatte 128 Säulen, jeweils 19 m hoch und war mit künstlerischen Bildern ausgeschmückt. Der Tempel der Artemis gilt als eines der sieben Weltwunder des Altertums. In einer Nische stand das Bild der Göttin Artemis. Es war aus schwarzem Holz. Die Epheser glaubten, dass es vom Himmel gefallen sei. Wer nach Ephesus kam, nahm sich gern als „Reiseandenken“ ein kleines Abbild des Tempels mit. (vgl. DE BOOR: 3571). Apostelgeschichte 19,24 berichtet, dass sie aus Silber in großer Zahl hergestellt wurden. Wir müssen verstehen, dass die Artemis für die Epheser nicht einfach nur eine Göttin unter vielen war. Der Tempel war sozusagen das Wahrzeichen der Stadt Ephesus. Heidelberg wäre nicht mehr Heidelberg, wenn es nicht mehr das Schloss und die Altstadt hätte. Ebenso wäre Ephesus nicht mehr Ephesus, wenn der Tempel der Artemis nicht mehr da wäre. Der Götzenkult um die Göttin Artemis machte die Identität der Stadt Ephesus aus. Es bildete sicherlich auch eine Art Tradition. Viele Menschen lieben Traditionen. Sie sind mit bestimmten Erinnerungen verbunden. Bekanntlich war ja früher immer alles besser. Traditionen geben das Gefühl, dass man sich immer noch in der heilen Welt befindet, in der man aufgewachsen ist. Traditionen machen die Kultur eines Ortes aus. Für viele Menschen fällt es daher schwer, Traditionen aufzugeben. Für die Epheser war es bestimmt nicht anders.
Gerade an Orten, die nicht so einfach zu missionieren sind, kann man versucht sein, den christlichen Glauben in irgendeiner Weise zu „verkaufen“, aber Paulus vertraute allein auf die Kraft und Wirksamkeit von Gottes Wort, wie fest die okkulten und religiösen Überzeugungen der Epheser auch waren. Im Korintherbrief schrieb Paulus: „denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Zerstörung von Festungen; so zerstören wir ⟨überspitzte⟩ Gedankengebäude und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor 10,4-6). Im Römerbrief 1,16 bezeichnet Paulus das Evangelium als eine Kraft Gottes. Paulus glaubte an die Wirksamkeit von Gottes Wort.
Dabei lehrte Paulus nicht irgendwie Gottes Wort. In den Versen 18 und 19 des heutigen Textes erfahren wir, dass viele Menschen ihre Sünden bekannten und ihre teuren Zauberbücher verbrannten. Die Menschen hatten also echte Buße getan. Sie brachten Früchte der Buße. Paulus lehrte ungläubigen Menschen das Wort Gottes nicht irgendwie, sondern mit dem Ziel, dass sie ihre Sünde erkennen, echte Buße tun und die Errettung in Christus ergreifen.
Paulus Art und Weise zu missionieren, war in jeglicher Hinsicht vorbildlich. Gleichzeitig berichtet der Text aber auch von Gottes Wirksamkeit. Wir wollen uns diese im folgenden zweiten Teil anschauen.

Teil 2: Gottes Wirksamkeit in Ephesus

Wie hatte Gott Paulus Wirken in Ephesus bestätigt? Betrachten wir hierzu die Verse 11 und 12. Gott bestätigte Paulus dadurch, dass er Wunder durch ihn geschehen ließ. Kranke wurden gesund und Besessene von bösen Geistern befreit. Wegen des vielen Okkultismus und Götzendienstes standen die Menschen in Ephesus unter der Herrschaft von finsteren Mächten.
Aber Paulus lehrte die Alternative: das Reich Gottes (V. 8). Im 1. Korintherbrief 4,20 heißt es: „Denn das Reich Gottes ⟨besteht⟩ nicht im Wort, sondern in Kraft.“ Dass die Menschen merken, dass das Reich Gottes nicht nur Theorie ist, sondern real und kraftvoll ist, ließ Gott durch Paulus böse Geister austreiben. Wenn ein böser Geist sieben Männer verklopfen kann, zeigt es umso mehr, wie groß die Kraft Gottes war, die durch Paulus die bösen Geister austrieb. Ebenso war auch die Heilung von den Krankheiten eine Bekräftigung des Reiches Gottes. Da wo sich Menschen unter die Herrschaft Gottes stellen, wird ihr innerer und ggf. auch ihr äußerer Mensch gesund. Im Römerbrief 14,17 heißt es: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
Gottes Wirksamkeit zeigt sich auch in der Begebenheit der jüdischen Beschwörer, von denen wir in den Versen 13-17 lesen. Gott schenkte den jüdischen Beschwörern kein Gelingen. Warum nicht? Sie sagten zu dem bösen Geist: „Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt!“ Indem sie sagten: „bei dem Jesus, den Paulus predigt“ verrieten sie, dass sie selbst gar keine persönliche Beziehung zu Jesus hatten. Sie selber wollten mit Jesus als ihren Herrn und Heiland nichts zu tun haben, aber gleichzeitig seinen Namen für eigene Zwecke benutzen. Sie glaubten, dass der böse Geist ausgetrieben werden könne, wenn sie die Worte sagen: „Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt!“. Dahinter steckt der Glaube, dass man mit Jesu Namen wie mit einer Zauberformel umgehen kann. In der Zauberei geht es ja gerade darum, bestimmte Formeln genau auszusprechen. Das, was diese sieben Beschwörer taten, war vom Wesen her Aberglaube. Die sieben Beschwörer meinten, es spiele keine Rolle, wer sie sind, Hauptsache sie sprechen den Namen Jesus aus. Aber der böse Geist fragte sie: „Wer seid ihr“. Die Frage machte deutlich, dass ihre Person durchaus eine Rolle spielt. Hatten sie mit Jesus nichts zu tun, dann hatten sie auch keine Vollmacht. Und dass dies so ist, ließ der böse Geist die sieben Männer deutlich spüren. Nackt und verwundet, also in Schande, rannten die sieben Männer aus dem Haus.
Wie gebrauchte Gott dieses Ereignis? In Vers 17 erfahren wir, dass Furcht auf die Epheser fiel und der Name Jesu gepriesen wurde. Das Ereignis führte zu mehr Furcht bzw. zu Hochachtung, sowie zur Anbetung gegenüber dem Namen Jesus. Man verstand, dass Jesu Name eben nicht einfach eine Art Zauberformel, ein Mittel zum Zweck ist. Jesus ist der Herr, den man nicht einfach benutzen und demgegenüber man nicht einfach neutral bleiben kann, sondern durch Glauben und Buße in Beziehung treten muss. In Lystra hatten die Menschen Paulus angebetet, nachdem er einen Lahmen geheilt hätte. So etwas hätte auch in Ephesus geschehen können. Paulus hätte von allen bewundert werden können, weil er etwas konnte, was die sieben Beschwörer nicht konnten. Man hätte Paulus als den überlegenen Magier preisen können. Das wäre eine natürliche Reaktion auf das Ereignis gewesen. Aber erstaunlicherweise erhoben die Epheser nicht Paulus Namen, sondern Jesu Namen. Diese Reaktion war nicht natürlich. Sie beweist viel mehr, dass Gott am Wirken war.
Im Vers 18 erfahren wir, dass es zu einer Bußbewegung in Ephesus kam. Durch Paulus hatten viele Menschen in Asia das Wort Gottes gehört, aber dass es in ihrem Herzen aufgeht und Frucht bringt, kam von Gott. Paulus hatte ausgesät, Gott aber gab das Gedeihen. Wie vorbildlich auch Paulus Mission war, ohne die Wirksamkeit Gottes wäre kein einziger zum Glauben gekommen.
Was lernen wir daraus? Wir sind, was den Erfolg der Mission angeht, von Gottes Wirksamkeit abhängig. Es ist daher wichtig, in der Mission sein Vertrauen auf Gott, anstelle auf etwas anderes zu setzen. Wir haben bestimmte Methoden, wie wir Menschen erreichen. Das ist auch an sich nicht schlecht (sofern sie biblisch sind). Aber wenn man meint, Mission gehe nur so, zeigt das, dass man sein Vertrauen weniger auf Gottes Wirksamkeit als auf die eigenen Methoden setzt. Dasselbe gilt auch für den Eifer. Es ist gut, für die Mission allen Eifer einzusetzen. Aber wer meint, der Erfolg der Mission steht und fällt mit dem eigenen Eifer, drückt indirekt damit aus, dass er sein Vertrauen mehr auf sich als auf die Wirksamkeit Gottes setzt. Wie groß der Eifer auch sein mag, wie gut auch die Methoden sein mögen, wir sind und bleiben von Gottes Wirksamkeit abhängig. Wir drücken diese Abhängigkeit durchs Gebet aus. Mission sollte daher auch immer von viel Gebet für nicht errettete Menschen begleitet werden.

__________
1 DE BOOR, W. (1973): Die Dritte Missionsreise. 3. Das Wirken des Paulus in Ephesus. In:
Wuppertaler Studienbibel, S. 344 – 353. SCMR. Brockhaus.

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 2 – Apostelgeschichte 17,16-34

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Intellektuell relevante Mission

„Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen.“

Apostelgeschichte 17,30

Frage: Wer von euch hatte etwas mit guten Intentionen gemacht, und es ging völlig nach hinten los? Ihr wolltet zum Beispiel eurem Ehepartner nur helfen. Und anstatt dass der Ehepartner sich geholfen fühlt, ist er einfach nur genervt. Wem von euch so etwas schon mal passiert? Im Englischen gibt es ein Sprichwort: „Impact trumps intent.“ Und es bedeutet so viel wie: Die Auswirkung von deinen Taten wiegt schwerer als deine Absichten. Anders gesagt, du kannst die besten Absichten gehabt haben. Wenn es trotzdem unpassend ist oder falsch ankommt, hast du es trotzdem vermasselt. Das Schlimme ist, dass uns das nicht nur in unseren persönlichen Beziehungen passieren kann, sondern auch in unserem Zeugnis für Jesus.

Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen möchte, ist eine Gemeinde, die im tief im Evangelium verwurzelt ist, berufen zur Gemeinschaft ist und zur Mission gesendet ist. Letzte Woche haben wir mit dem letzten Thema angefangen: Wir werden von Jesus in die Welt gesendet zur Mission. Beim Bibelstudium hatten wir eine etwas kontroverse Diskussion darüber, ob und wie sich die Gesellschaft verändert hat, im Bezug auf ihre Offenheit gegenüber dem Christentum. Meine These war, dass die Methode, fremde Menschen anzusprechen, heute noch unfruchtbarer ist, als es vor 30 oder 40 Jahren der Fall gewesen ist. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren damit nicht einverstanden. Sie sehen das Problem hauptsächlich darin, dass der Eifer zur Mission abgenommen hat. Die Argumentation lautet: wenn wir heute den gleichen Geist und den gleichen Einsatz zeigen würden, dann würden wir heute die Menschen praktisch genauso gut erreichen wie damals in den 80-er Jahren. Ich bin damit einverstanden, dass es grundsätzlich immer gut ist, Herz und Eifer zu haben.

Gleichzeitig denke ich aber, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten wirklich gewandelt hat. Und ich denke, dass es heute grundsätzlich wesentlich herausfordernder ist, Menschen für Jesus zu erreichen. Hier sind ein paar Fakten zu meinem zugegebenermaßen sehr subjektivem Gefühl. Vor vier Jahren schrieb der Tagesspiegel: „Schleichend, aber schnell hat im 20. Jahrhundert in der christlichen Welt ein dramatischer Wandel stattgefunden, der sich mit einem epochalen Ereignis wie der Reformation durchaus vergleichen lässt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist das Christentum eine universale, sehr rasch wachsende Religion geworden. Dieser Christianisierungsschub umfasst sowohl die evangelische als auch die katholische Glaubensrichtung. Es dominiert der globale Süden, die abendländische europäische Kernregion verliert stetig an Einfluss und Bedeutung.“

Um das Ganze mit Zahlen zu untermauern: vor hundert Jahren lebten mehr als 80 Prozent aller Christen in Europa und Nordamerika, heute wohnen von 2,2 Milliarden Christen weltweit zwei Drittel in Asien, Afrika und Lateinamerika. Laut Statistik der „World Christian Encyclopedia“ wird das Christentum im globalen Süden im Jahr 2025 auf 1,7 Milliarden Menschen anwachsen, während es in Nordamerika bei rund 270 Millionen stagniert und in Europa auf 514 Millionen schrumpft.

Wie schaut es in Deutschland aus? Wie macht es sich hier bemerkbar? Auf Statista hatte ich mir die Anzahl der Mitglieder in der evangelischen Landeskirche angeschaut. Von 2003 bis 2020 ist die Zahl der Mitglieder von 25,8 auf 20 Millionen gesunken. Das ist ein Schwund von mehr als 20 % in weniger als 20 Jahren. Das ist enorm. Meine Familie wohnt im selben Straßenblock, in dem sich die Lutherkirche befindet. Die Lutherkirche ist so zusammengeschrumpft, dass sie 2019 mit der Markus- und der Christus-Gemeinde zusammengelegt werden musste. Das ist eine der traurigen Konsequenzen einer Kirche auf dem absteigenden Ast.

Hier ist noch eine subjektive Beobachtung, die ich gerne teilen möchte im Bezug auf unseren eigenen Gemeindeverbund. Praktisch alle UBF Gemeinden, die in den 70er und Anfang der 80er Jahren in Deutschland gegründet wurden, konnten kritische Masse aufbauen, sowohl in Köln, Bonn, Stuttgart, Bochum, Stuttgart und Heidelberg. In praktisch allen Städten, die später z. B. in den 90er Jahren missioniert wurden, war das nicht mehr möglich. Die meisten von diesen Gemeinden haben nach Jahrzehnten der Mission immer noch Hausgemeinde-Status. Das lässt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland beobachten (ganz grob vereinfacht gesprochen). Ich denke nicht, dass mangelnder Eifer die Erklärung dafür ist.

Woran liegt das? Ich weiß es nicht genau. Aber die Gesellschaft ist auf jeden Fall dramatisch im Wandel. Und die jungen Menschen vor 30 oder 40 Jahren waren anders als die Menschen heute. Tim Keller hatte im Bezug auf Mission Markus 9: wir haben es mit einem Dämon zu tun, den wir nicht mit Schema F austreiben können. Ich denke, dass unsere 08/15 Methoden nicht mehr so funktionieren wie es vor Jahrzehnten der Fall war. Die alten Mittel haben nicht mehr die gleiche Wirkung.

Vielleicht denkt ihr an dieser Stelle: „Wenn du so schlau bist, dann mach es doch besser, du Klugschwätzer.“ Ich fühle mich definitiv unqualifiziert, um über das Thema zu sprechen. Aber ich möchte gerne einen Vorschlag machen. Tim Keller, der vielleicht mehr Ahnung als jeder andere Mensch davon hat, wie man auch heute im Westen erfolgreich missionieren kann, meinte, dass das Geheimnis in der Urgemeinde zu finden ist. Entgegen allen Wahrscheinlichkeiten hat die frühe Gemeinde die ganze damals bekannte Welt für das Christentum gewonnen. Heute und in den nächsten Wochen wollen wir uns mit der frühen Gemeinde beschäftigen. Genauer gesagt, wollen wir uns darüber Gedanken machen, wie genau Paulus die Menschen damals evangelisiert hat. Wir wollen uns nicht nur anschauen, was er gesagt und gemacht hat, sondern auch, was er in Athen anders gemacht hat als in anderen Städten; was er in Ephesus anders gemacht hat etc. Ich glaube, dass es eine sehr lohnende Erfahrung sein kann.

Im heutigen Text sehen wir Apostel Paulus in der Stadt Athen. Paulus evangelisiert eine Stadt, die damals das intellektuelle Zentrum der Antike war. Das ist, wie wenn Paulus heute vor der versammelten Fakultät von Harvard und Yale stehen würde. Vers 17 sagt, dass Paulus mit den Menschen auf dem Markt diskutierte. Das griechische Wort, das für Diskutieren verwendet wird, ist dielegeto. Es ist mit unserem Wort „Dialog“ verwandt. D. h. Paulus hielt ihnen keinen Monolog. Es war eine Konversation, die auf gegenseitigem Zuhören beruhte.

Wir sehen im heutigen Text, dass es noch etwas anderes gab, was Paulus nicht tat. Er kritisierte ihre Weltanschauung nicht aus der Sicht des Christentums. Die Sicht der anderen zu kritisieren, ist nicht schwer. Wir haben die Tendenz, schnell andere Ansichten zu kritisieren. Aber Paulus tat das nicht. Er tat etwas ganz anderes. In Vers 22 sehen wir, dass wie Paulus die Athener anredet: „Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm.“ Und Paulus erzählt von einem Altar, der einem unbekannten Gott gewidmet war. Wer immer diesen Altar errichtet hatte, hatte mit ganz großer Sicherheit damit nicht den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gemeint; er hatte mit Sicherheit nicht den dreieinigen Gott der Bibel gemeint. Trotzdem verwendet Paulus das Ganze als Sprungbrett, um ihnen vom wahren Gott zu erzählen.

Im weiteren Verlauf vom Diskurs sehen wir, wie Paulus gewisse Ansichten von ihnen bejaht. Verse 28 und 29: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht. Da wir also von Gottes Geschlecht sind…“ Paulus zitiert sogar ihre eigenen Dichter. Was tut er hier also? Paulus dringt in ihre eigene Weltanschauung ein. Stellen wir uns vor, wir wollen einen Felsen in die Luft jagen. Es bringt nicht viel, wenn wir den Sprengstoff vor den Felsen anlegen. Eigentlich würde das rein gar nichts bringen. Um den Felsen zu sprengen, müssen wir in den Felsen hinein. Es muss ein Loch gebohrt werden. Wenn wir das Dynamit dann tief in den Felsen hineinbringen, dann haben wir eine Chance, den Felsen zu zerstören. Und genau das tut Paulus. Er zeigt ihnen, dass unter der Annahme ihrer eigenen Prämissen, ihre eigene Weltanschauung widersprüchlich ist und nicht funktioniert. Das zu tun erfordert mehr als Bibelwissen.

Paulus hatte mehr als „nur“ Bibelwissen. Er war ein Mann jüdischer Abstammung, der gleichzeitig ein römischer Bürger war und in einer griechischen Stadt aufgewachsen war. Er war außerdem ein exzellent ausgebildeter Mensch. Er wurde nicht nur zum größten Apostel, sondern zu einem der intellektuellsten Menschen aller Zeiten. Man muss nicht Absolvent einer Elite-Uni sein, um von Gott gebraucht werden zu können. Beileibe nicht. Aber ich glaube, dass Gott es gebrauchen kann, wenn wir neben Herz und Liebe auch intellektuelle Neugier mitbringen.

Um noch ein wenig mehr darauf einzugehen: Michael Luo schrieb für den New Yorker einen ziemlich kritischen Artikel über die evangelikalen Christen in den USA. Als am 6. Januar diesen Jahres Trump-Anhänger das US-Kapitol gestürmt hatten, waren unter ihnen auch selbsterklärte Christen. Nachdem sie gewaltsam in das Kapitol eingedrungen waren, hatten sie im Kapitel eine Gebetsversammlung abgehalten. Hier ist das, was Michael Luo schreibt: „Die Daten deuten darauf hin, dass sich innerhalb der Republikanischen Partei eine glaubensbasierte Realitätskluft herausbildet: Fast drei Viertel der weißen evangelikalen Republikaner glauben, dass bei den Wahlen 2020 ein weit verbreiteter Wählerbetrug stattgefunden hat, verglichen mit vierundfünfzig Prozent der nicht-evangelikalen Republikaner; sechzig Prozent der weißen evangelikalen Republikaner glauben, dass die Antifa, die antifaschistische Gruppe, hauptsächlich für die Gewalt bei den Unruhen im Kapitol verantwortlich war, verglichen mit zweiundvierzig Prozent der nicht-evangelikalen Republikaner. Andere Umfragen haben ergeben, dass weiße Evangelikale dem Covid-19-Impfstoff sehr viel skeptischer gegenüberstehen und sich seltener als andere Amerikaner impfen lassen, was die Erholung des Landes von der Pandemie in Frage stellen könnte.“ Das was Michael Luo kritisiert, ist eine christliche Strömung im Land, die faktenresistent, realitätsfern und anti-intellektuell ist. Das ist jetzt in den USA. Das hat natürlich nur bedingt etwas mit uns zu tun. Aber ich glaube, dass wir Christen in Deutschland besser daran täten, diese Kritik trotzdem ernst zu nehmen.

Auf der Arbeit habe ich es hauptsächlich mit hochgebildeten, promovierten Wissenschaftlern zu tun. Viele von ihnen wurden weltweit in den besten akademischen Institutionen ausgebildet. Ich brauche keine Umfrage unter ihnen durchzuführen, um zu wissen, dass sie vermutlich durch wenige Dinge so sehr abgeschreckt werden, wie von Christen, die an eine 6-Tage-Schöpfung vor 6000 Jahren glauben. Wenn ich damit bei ihnen aufkreuzen würde, hätte ich sofort jede Glaubwürdigkeit verloren. Und völlig zurecht. Viele von uns beten dafür, dass wir Studenten missionieren können. Inwiefern ist uns bewusst, dass wir es mit der angehenden, intellektuellen Schicht unserer Gesellschaft zu tun haben? Einige von ihnen sind die zukünftigen Athener. Sie zu erreichen wird beides brauchen: Liebe zu ihnen und ein Verständnis davon, wie relevant Gott für ihr Leben ist, auch wenn er nicht mit ihrer Anschauung kompatibel zu sein scheint.

Um zusammenzufassen, ich glaube, dass wir mit dem Rückgang des Christentums in der westlichen Welt ein Phänomen von historischem Ausmaß haben. Das Ganze spielt sich direkt vor unseren Augen ab zu unseren Lebzeiten. Gleichzeitig sehen wir ein Christentum, das nicht wirklich gewappnet zu sein scheint, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Eine dieser Herausforderungen könnte sein, die gängigen Weltanschauungen der heutigen Zeit wirklich zu verstehen und zu erfassen; und so gut zu erfassen, dass wir wie Paulus diese Weltanschauungen durchdringen können und innerhalb der eigenen Prämissen zeigen können, dass sie inkonsistent sind. Ich persönlich sehe eine große Not und ein Bedarf an christlichen Denkern, die exzellent ausgebildet sind, mitten in der Gesellschaft stehen und die Menschen geistlich und geistig ansprechen können.

Frage ist, sind wir für diese Herausforderung gerüstet? Und falls nicht, was können wir dann tun?

Zum Text an sich: die Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt immer noch daran, dass es einen Gott gibt … oder irgendein höheres Wesen. Aber im Bezug auf diesen Glauben gibt es mindestens drei Probleme. Paulus macht uns in seiner Predigt darauf aufmerksam. Die Probleme sind, dass dieser Gott meistens viel zu klein ist, um auf die Probleme unserer Zeit eine Antwort zu haben; dass dieser Gott zu weit weg ist, als dass er etwas mit uns zu tun haben könnte; und dass dieser Gott zu irrelevant ist. Paulus zeigt den Zuhörern: erstens, Gott ist größer als zu denkst; zweitens, Gott ist näher als zu denkst; drittens, Gott ist relevanter als du denkst.

Erstens, Gott ist größer

Verse 24 und 25: „Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt.“ Paulus sagt, dass der wahre Gott der Schöpfer von allen Dingen ist. Er regiert über Himmel und Erde. Daher braucht er keine Tempel (wir können uns vorstellen, wie Paulus mit seinem Arm auf die Tempel zeigt), und er braucht keinen Dienst von Menschen (und dabei zeigte er vielleicht auf die vielen Altäre). Gott ist größer.

Wenn wir Menschen irgendetwas konstruieren oder bauen, dann tun wir es meistens deshalb, weil wir das Geschaffene brauchen, damit es für uns etwas tut: ein Werkzeug, eine Maschine, ein Computer-Programm, das uns einen Nutzen bringen soll. Aber wenn Gott etwas erschafft, dann besteht ein kategorischer Unterschied: Er erschafft nicht, um daraus einen Nutzen für sich zu haben oder weil er etwas brauchen würde. Gott braucht uns nicht. Er hat diese Welt aus seinem überfließenden Reichtum erschaffen, um seinen Reichtum mit uns zu teilen. Gott ist größer.

Vielleicht hatten wir schon mal Gedanken gehabt wie: „Gott kann ja nicht zufrieden mit mir sein. Ich diene ihm nicht genug. Gott kann mich nicht segnen, weil ich ihm nicht genug gehorche. Ich kann nicht glauben, dass Gott sich über mich freuen kann, weil ich zu wenig für ihn tue.“ Und das ist eigentlich nie das Problem. Er braucht dich nicht. Er braucht uns nicht. Das Problem ist, dass dein Gott zu klein ist. Das Problem ist, dass wir nicht verstanden haben, dass er derjenige ist, der uns alles gibt. Die Größe deines Gottes hängt direkt proportional damit zusammen, wie radikal die Gnade Gottes ist, aus der du lebest; wie sehr wir anerkennen können, dass alles Gottes einseitiges Geschenk ist; dass jeder Gehorsam und jedes Opfer unsererseits nichts als eine kleine Reflexion seiner unerschöpflichen Hingabe an uns ist. Gott ist größer.

Zweitens, Gott ist näher

Vers 27 sagt Paulus: „Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.“ Hier ist ein weiteres Problem. Wir beten im Vater Unser: „Unser Vater im Himmel…“ Und unbewusst stellen wir uns den Himmel unerreichbar weit weg vor: geografisch weit weg in der Ferne und zeitlich weit weg in der Zukunft. Und diese Vorstellung ist so daneben. In den Chroniken von Narnia gibt es einen alten Kleiderschrank, der in eine ganz andere Welt führt. Und so müssen wir uns den Himmel vorstellen. Der Himmel ist so nah wie die Tür zu unserem Kleiderschrank. Gott ist näher als du denkst. Viel näher!

Drittens, Gott ist relevanter

In Vers 31 sagt Paulus schließlich: „Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte.“ Paulus verkündet einen Gott, der nicht nur der Schöpfer ist, der sich nicht nur von uns finden lassen kann. Er verkündet einen Gott, der am Ende Gericht halten wird. Und der Richter ist ein Mann, der von den Toten auferstanden ist.

Pfarrer Wilhelm Busch erzählte davon, wie er als junger Pfarrer in Essen einen Bergarbeiterstreik miterlebt hatte. Einer der Bergarbeiter sprach von hungrigen Kindern, Ausbeuterlöhnen und Arbeitslosigkeit. Er sieht dann Wilhelm Busch und brüllt dann: „Ha, da ist ja der Pfaffe! Komm mal her!“. Buch meinte: „Nun, einer freundlichen Einladung folge ich meistens.“ Und so steht er beim Redner vor hundert Bergleuten. Kein theologisches Seminar bereitet jemanden auf solche Situationen vor. Der Redner schreit dann: „Wenn’s einen Gott gibt, […] dann will ich, wenn ich gestorben bin […] zu ihm sagen: Warum hast du zugelassen, dass Menschen auf Schlachtfeldern zerfetzt wurden?! Warum hast du zugelassen, dass Kinder verhungert sind und andere das Essen wegschütten, weil sie zu viel hatten?! Warum hast du zugelassen, dass Menschen an Krebs elend dahingesiecht sind?! Warum? Warum? Du, Gott, tritt ab! Weg mit dir! Hau ab!“

Zu seiner großen Überraschung, fängt Pfarrer Busch ebenfalls an zu schreien: „Ganz richtig! Weg mit diesem Gott! Weg mit diesem Gott!“ Auf einmal ist alles still. Der Redner ist völlig verdutzt und sagt: „Moment mal! Sie sind doch Pfarrer! Da dürfen Sie doch nicht schreien: Weg mit diesem Gott!“ Busch erklärt: „Hör mal zu! Den Gott, vor den du so trittst, vor dem du deinen Mund aufreißen kannst, der sich so zur Rechenschaft ziehen lässt, dass du als Richter vor ihm stehst und er dein Angeklagter ist – den gibt es nur in deiner Einbildung. Zu dem kann ich auch nur sagen: Hinweg mit diesem Gott! […] Aber ich will dir was sagen: Es gibt einen anderen wirklichen Gott. […] es gibt einen heiligen, lebendigen, wirklichen Gott, der zu uns einmal sagen könnte: Hinweg mit dir!“

Wer ist dieser Gott? Es ist der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Es gab eine legendäre Debatte zwischen dem christlichen Mathematik-Professor John Lennox und dem notorischen Atheisten Richard Dawkins. Im Schluss-Plädoyer sagte Lennox dann folgendes: „Und die Auferstehung Jesu Christi, ein Wunder, etwas Übernatürliches, ist für mich der zentrale Beweis, auf den ich meinen Glauben stütze, nicht nur, dass der Atheismus eine Täuschung ist, sondern dass die Gerechtigkeit real ist und unser Sinn für Moral uns nicht verhöhnt, denn wenn es keine Auferstehung gibt, wenn es nichts nach dem Tod gibt, dann haben die Terroristen und Fanatiker am Ende gewonnen.“

Richard Dawkins machte sich in seiner Antwort darüber lustig, in dem er sagte: „Und dann sind wir plötzlich bei der Auferstehung Jesu angelangt. Es ist so unbedeutend, es ist so trivial, es ist so regional, es ist so erdgebunden, es ist so unwürdig für das Universum.“ In gewisser Hinsicht hat Dawkins recht. Es ist regional und erdgebunden. Und gleichzeitig irrt er so gewaltig. Auf welche Art sonst hätte Gott sich uns Menschen offenbaren können? Auf welche andere Weise hätte Gott zeigen können, dass er uns liebt? Dass er kein entfernter Gott der Deisten ist? Es ist genau aus dem Grund, dass die Auferstehung Jesu einmal in Raum und Zeit geschehen ist, dass es Relevanz für uns alle hat; dass Jesu Tod und seine Auferstehung uns etwas angehen; dass sie mit unserem Leben zu tun haben.

Und das sind die drei Punkte: Gott ist größer, näher und relevanter. Und wenn du willst, kann er dein Gott werden und du sein Kind.

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