Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 3 – Apostelgeschichte 19,8-20

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Biblische Mission

So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und erwies sich kräftig

(Apostelgeschichte 19,8-20)

Wie in vergangener Woche, geht es auch heute um einen Text aus der Apostelgeschichte. In der kommenden Woche werden wir ebenfalls einen Text aus der Apostelgeschichte betrachten – und zurecht: Wenn es um das Thema „Mission“ geht, ist die Apostelgeschichte dazu geradezu prädestiniert. Wo wird über Mission mehr berichtet als im Buch Apostelgeschichte? Gleichzeitig ist die Apostelgeschichte ein Buch, das mit Vorsicht zu genießen ist. Beim Lesen der Apostelgeschichte müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass die Hauptabsicht der Apostelgeschichte darin besteht, zu berichten. Sie ist kein Brief, der uns Anweisungen zum christlichen Leben gibt. Die Apostelgeschichte will in erster Linie darüber berichten, wie Gott sein Werk nach Jesu Tod und Auferstehung fortgesetzt hat, wie der Heilige Geist auf die Erde kam, die Gemeinde entstand usw.
Vor diesem Hintergrund müssen wir auch den heutigen Text aus Apg. 19 mit Vorsicht genießen. Apg. 19 endet mit den Worten: „So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und erwies sich kräftig“. Diese Worte machen deutlich, worum es in dem heutigen Text geht. Er berichtet darüber, wie es zu einer mächtigen Ausbreitung des christlichen Glaubens in Ephesus und der Provinz Asia kam. Kurz, er berichtet über eine erfolgreiche Mission. Wir können daraus keine allgemeingültige Anleitung für eine erfolgreiche Mission ableiten, aber zumindest einiges darüber lernen, wie wir Mission betreiben sollen und wie nicht. Gerade weil die Mission so erfolgreich war, lassen sich daraus sicherlich einige Prinzipien einer biblischen Mission ableiten. Hier habe ich den Bericht über die Mission in Ephesus anhand von zwei einfachen Fragen betrachtet:

1. Was tat Paulus in Ephesus?
2. Wie wirkte Gott in Ephesus?

1. Paulus Vorgehensweise in Ephesus

Eines dieser Prinzipien, die wir von Paulus lernen können, finden wir bereits in Vers 8. Dort heißt es, dass Paulus in die Synagoge ging. Dies machte Paulus nicht nur in Ephesus so, sondern an jedem Ort, wo er missionierte, ging er zur Synagoge bzw. zu den Juden. Bemerkenswert ist, was Paulus in Philippi machte, wo es keine Synagoge gab. In Apg. 16,13 heißt es: „Und am Tag des Sabbats gingen wir hinaus vor das Tor an einen Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten…“ Hier ist von einer Gebetsstätte die Rede. An den Orten, wo es keine Synagoge gab, trafen sich die Juden an sogenannten Gebetsstätten. Wahrscheinlich befand sich die Gebetsstätte wegen der Reinigungsgebote am Fluss. Also selbst in Philippi, wo es keine Synagoge gab, suchte Paulus zunächst die Juden auf. Warum tat dies Paulus so konsequent? Im Römerbrief 1,16 heißt es: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen.“ Nach dem Ratschluss Gottes kam ja Jesus zuerst zur Errettung der Juden. Als sie aber diese Gnade verwarfen, kam das Heil auch zu den Heiden. Eben genauso ging Paulus in seiner Mission vor. Was zeigt das über Paulus? Paulus ließ sich in seiner Mission ganz vom Ratschluss Gottes, ganz von dem Willen Gottes leiten.
Paulus Herz brannte für die Errettung der Juden so sehr, dass er bereit wäre, für sie stellvertretend verdammt zu werden. Aber obwohl ihm die Juden so ein Anliegen waren, akzeptierte er doch Gottes Ratschluss, zu den Heiden zu gehen, als die Juden ihm nicht glaubten. Bei der Mission geht es also immer um die Frage: „Zu wen und wohin hat Gott mich gesendet“, nicht darum: „Wen und wo möchte ich gerne missionieren“.
Einen weiteren wichtigen Punkt, den wir aus der Mission von Paulus lernen können, finden wir in Vers 9. Paulus erfuhr nicht nur Annahme des Evangeliums, sondern auch Widerstand. Warum? Wenn Menschen von der Wahrheit getroffen werden, gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder sie beugen sich dieser Wahrheit oder sie lehnen sie ab. Dies sehen wir auch an anderen Stellen:
Apg. 7,37: Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder?
Apg. 7,54: Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.

In beiden Stellen heißt es, dass es den Zuhörern durchs Herz ging, aber die Reaktion war sehr gegensätzlich – hierzu ein Bild: Wenn Sonne auf Schokolade scheint, schmilzt sie und wird weich. Wenn die Sonne auf Matsch trifft, wird er hart und trocken. Es geschieht also genau das Gegenteil. Genauso reagierten die Menschen bei Paulus auf die ein- und dieselbe Botschaft des Evangeliums: Die einen nahmen sie an, die anderen verhärteten ihr Herz und lehnten sie ab. Was tut man, wenn man weiß, etwas ist eigentlich wahr, aber man will es nicht wahrhaben? Man fängt an sich zu rechtfertigen, um sein Gewissen zu umzugehen. Eben das machten einige Zuhörer in Ephesus. Sie rechtfertigten ihren Unglauben dadurch, dass sie den christlichen Glauben, der hier als der Weg bezeichnet wird, schlecht redeten. Wir können hieraus lernen, dass Ablehnung und Widerstand in der Mission nicht zwangsläufig bedeuten, dass man etwas falsch gemacht hat. Es kann sein, muss aber nicht sein. Im Falle von Widerstand, muss man sich natürlich kritisch hinterfragen, sollte sich aber andererseits auch nicht verunsichern lassen, wenn man biblisch gehandelt hat. Eine vollmächtige Mission erfährt auch immer wieder Widerstand. Widerstand kann gerade ein Ausdruck davon sein, dass Menschen vom Wort Gottes getroffen wurden. Anstelle sich vom Widerstand irritieren zu lassen, sonderte Paulus die Gläubigen ab, um sie vor dem schlechten Einfluss zu bewahren. Trotz Widerstand lehrte Paulus zwei Jahre lang. Von ihm können wir auch lernen, Mission konsequent und treu zu betreiben.
Insgesamt blieb Paulus zwei Jahre und drei Monate in Ephesus. Die Apostelgeschichte berichtet nicht immer, wie lange Paulus an den Orten jeweils blieb. Jedenfalls ist keine der Zeitangaben länger als 2 Jahre. In Korinth blieb Paulus z.B. nur 1 ½ Jahre. Paulus blieb also relativ lange in Ephesus. Warum? Ephesus war die Hauptstadt der Provinz Asia. Wegen der Größe und Bedeutung der Stadt Ephesus hatte Ephesus eine gewisse politische Selbstständigkeit. D.h. Ephesus hat einen eigenen Senat und eine eigene Volksversammlung. Deshalb griff beim Aufruhr des Demetrius nicht ein römischer Statthalter, sondern ein städtischer Kanzler ein. Ephesus besaß damals einen Hafen. Handelsstraßen liefen von der Stadt in die Gegenden der Provinz Asia und darüber hinaus weit in den Orient hinein (vgl. DE BOOR: 3411). In Ephesus kamen und gingen Menschen aus den verschiedensten Ecken der Provinz Asia. Ephesus war also ein geeigneter Ort, um von dort aus die Provinz Asia mit dem Evangelium zu erreichen. Dass Paulus lange Zeit in Ephesus blieb, hatte also einen strategischen Grund. Im Vers 10 erfahren wir, dass Paulus Strategie aufgegangen war: Mit der Zeit hatten alle, die in der Provinz Asia wohnten, das Wort des Herrn gehört.
Missionare können von Paulus lernen, dass sie in der Mission strategische Überlegungen miteinbeziehen dürfen. Sie sollten zwar nicht ihr Vertrauen darauf setzen, aber sie dürfen und sollen solche Überlegungen durchaus anstellen, wie zum Beispiel die Frage: „Wie kann ich dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen in meinem Missionsgebiet das Wort Gottes hören? Wie kann ich in meinem Missionsgebiet einen Anknüpfungspunkt zur Verbreitung des Evangeliums finden?“ Meine persönliche Orientierung ist es, dass ich mit den Menschen, mit denen ich im Alltag sowieso in Kontakt komme, über den Glauben spreche oder zumindest einen Flyer weitergebe. Vor einigen Monaten kam zu uns ein Klempner, um unsere Waschmaschine zu reparieren. Er war sehr gesprächig und so kamen wir auch ins Gespräch über den christlichen Glauben. Früher sprach ich auch immer mit dem Friseur über den christlichen Glauben. Der Vorteil ist, dass er nicht weggehen kann. Oder was spricht dagegen, mit dem Bäcker, zu dem man jeden Morgen geht, über den christlichen Glauben zu sprechen oder zumindest einen christlichen Flyer zu geben – dasselbe kann man tun, wenn man auch etwas einkauft.
Betrachten wir erneut Vers 10. Das, was die Leute von Paulus zu hören bekamen, war nichts anderes als das Wort Gottes. In Römer 10,17 heißt es: „Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.“ Paulus wusste, dass der Glaube durch das Hören von Gottes Wort kommt. Paulus vertraute auf die Kraft und Wirksamkeit von Gottes Wort. Warum war das gerade für die Mission in Ephesus so bedeutsam? Ephesus war alles andere als einfach zu missionieren. Wie wir aus den Versen 19 und 20 entnehmen können, hatten sich viele Menschen in Ephesus der Zauberei, also dem Okkultismus hingegeben. Die verbrannten Bücher hatten zusammen einen Wert von 50.000 Silberdrachmen. Der übliche Tageslohn betrug damals 1 Silberdrachme. Mit 50.000 Silberdrachmen könnte man demnach 137 Jahre lang versorgt werden, also viel mehr als ein ganzes Leben lang. Dieser Wert zeigt, wie weit verbreitet der Okkultismus in Ephesus war. Dort herrschte nicht allein Okkultismus, sondern auch Götzendienst. Im nächsten Abschnitt vom Kapitel 19 erfahren wir, dass die ganze Stadt im Aufruhr war, um ihre Göttin Artemis zu verteidigen. Zwei Stunden lang schrien sie: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (V. 34). Der Stadtschreiber bezeichnete Ephesus sogar als die „Tempelhüterin der großen Artemis“ (V. 35). Und das nicht mit Unrecht: In Ephesus stand der weltberühmte Tempel der „Artemis“, das „Artemision“. Nachdem der Tempel einmal abgebrannt war, wurde er größer und prächtiger wiederaufgebaut. Er hatte 128 Säulen, jeweils 19 m hoch und war mit künstlerischen Bildern ausgeschmückt. Der Tempel der Artemis gilt als eines der sieben Weltwunder des Altertums. In einer Nische stand das Bild der Göttin Artemis. Es war aus schwarzem Holz. Die Epheser glaubten, dass es vom Himmel gefallen sei. Wer nach Ephesus kam, nahm sich gern als „Reiseandenken“ ein kleines Abbild des Tempels mit. (vgl. DE BOOR: 3571). Apostelgeschichte 19,24 berichtet, dass sie aus Silber in großer Zahl hergestellt wurden. Wir müssen verstehen, dass die Artemis für die Epheser nicht einfach nur eine Göttin unter vielen war. Der Tempel war sozusagen das Wahrzeichen der Stadt Ephesus. Heidelberg wäre nicht mehr Heidelberg, wenn es nicht mehr das Schloss und die Altstadt hätte. Ebenso wäre Ephesus nicht mehr Ephesus, wenn der Tempel der Artemis nicht mehr da wäre. Der Götzenkult um die Göttin Artemis machte die Identität der Stadt Ephesus aus. Es bildete sicherlich auch eine Art Tradition. Viele Menschen lieben Traditionen. Sie sind mit bestimmten Erinnerungen verbunden. Bekanntlich war ja früher immer alles besser. Traditionen geben das Gefühl, dass man sich immer noch in der heilen Welt befindet, in der man aufgewachsen ist. Traditionen machen die Kultur eines Ortes aus. Für viele Menschen fällt es daher schwer, Traditionen aufzugeben. Für die Epheser war es bestimmt nicht anders.
Gerade an Orten, die nicht so einfach zu missionieren sind, kann man versucht sein, den christlichen Glauben in irgendeiner Weise zu „verkaufen“, aber Paulus vertraute allein auf die Kraft und Wirksamkeit von Gottes Wort, wie fest die okkulten und religiösen Überzeugungen der Epheser auch waren. Im Korintherbrief schrieb Paulus: „denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Zerstörung von Festungen; so zerstören wir ⟨überspitzte⟩ Gedankengebäude und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor 10,4-6). Im Römerbrief 1,16 bezeichnet Paulus das Evangelium als eine Kraft Gottes. Paulus glaubte an die Wirksamkeit von Gottes Wort.
Dabei lehrte Paulus nicht irgendwie Gottes Wort. In den Versen 18 und 19 des heutigen Textes erfahren wir, dass viele Menschen ihre Sünden bekannten und ihre teuren Zauberbücher verbrannten. Die Menschen hatten also echte Buße getan. Sie brachten Früchte der Buße. Paulus lehrte ungläubigen Menschen das Wort Gottes nicht irgendwie, sondern mit dem Ziel, dass sie ihre Sünde erkennen, echte Buße tun und die Errettung in Christus ergreifen.
Paulus Art und Weise zu missionieren, war in jeglicher Hinsicht vorbildlich. Gleichzeitig berichtet der Text aber auch von Gottes Wirksamkeit. Wir wollen uns diese im folgenden zweiten Teil anschauen.

Teil 2: Gottes Wirksamkeit in Ephesus

Wie hatte Gott Paulus Wirken in Ephesus bestätigt? Betrachten wir hierzu die Verse 11 und 12. Gott bestätigte Paulus dadurch, dass er Wunder durch ihn geschehen ließ. Kranke wurden gesund und Besessene von bösen Geistern befreit. Wegen des vielen Okkultismus und Götzendienstes standen die Menschen in Ephesus unter der Herrschaft von finsteren Mächten.
Aber Paulus lehrte die Alternative: das Reich Gottes (V. 8). Im 1. Korintherbrief 4,20 heißt es: „Denn das Reich Gottes ⟨besteht⟩ nicht im Wort, sondern in Kraft.“ Dass die Menschen merken, dass das Reich Gottes nicht nur Theorie ist, sondern real und kraftvoll ist, ließ Gott durch Paulus böse Geister austreiben. Wenn ein böser Geist sieben Männer verklopfen kann, zeigt es umso mehr, wie groß die Kraft Gottes war, die durch Paulus die bösen Geister austrieb. Ebenso war auch die Heilung von den Krankheiten eine Bekräftigung des Reiches Gottes. Da wo sich Menschen unter die Herrschaft Gottes stellen, wird ihr innerer und ggf. auch ihr äußerer Mensch gesund. Im Römerbrief 14,17 heißt es: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
Gottes Wirksamkeit zeigt sich auch in der Begebenheit der jüdischen Beschwörer, von denen wir in den Versen 13-17 lesen. Gott schenkte den jüdischen Beschwörern kein Gelingen. Warum nicht? Sie sagten zu dem bösen Geist: „Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt!“ Indem sie sagten: „bei dem Jesus, den Paulus predigt“ verrieten sie, dass sie selbst gar keine persönliche Beziehung zu Jesus hatten. Sie selber wollten mit Jesus als ihren Herrn und Heiland nichts zu tun haben, aber gleichzeitig seinen Namen für eigene Zwecke benutzen. Sie glaubten, dass der böse Geist ausgetrieben werden könne, wenn sie die Worte sagen: „Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt!“. Dahinter steckt der Glaube, dass man mit Jesu Namen wie mit einer Zauberformel umgehen kann. In der Zauberei geht es ja gerade darum, bestimmte Formeln genau auszusprechen. Das, was diese sieben Beschwörer taten, war vom Wesen her Aberglaube. Die sieben Beschwörer meinten, es spiele keine Rolle, wer sie sind, Hauptsache sie sprechen den Namen Jesus aus. Aber der böse Geist fragte sie: „Wer seid ihr“. Die Frage machte deutlich, dass ihre Person durchaus eine Rolle spielt. Hatten sie mit Jesus nichts zu tun, dann hatten sie auch keine Vollmacht. Und dass dies so ist, ließ der böse Geist die sieben Männer deutlich spüren. Nackt und verwundet, also in Schande, rannten die sieben Männer aus dem Haus.
Wie gebrauchte Gott dieses Ereignis? In Vers 17 erfahren wir, dass Furcht auf die Epheser fiel und der Name Jesu gepriesen wurde. Das Ereignis führte zu mehr Furcht bzw. zu Hochachtung, sowie zur Anbetung gegenüber dem Namen Jesus. Man verstand, dass Jesu Name eben nicht einfach eine Art Zauberformel, ein Mittel zum Zweck ist. Jesus ist der Herr, den man nicht einfach benutzen und demgegenüber man nicht einfach neutral bleiben kann, sondern durch Glauben und Buße in Beziehung treten muss. In Lystra hatten die Menschen Paulus angebetet, nachdem er einen Lahmen geheilt hätte. So etwas hätte auch in Ephesus geschehen können. Paulus hätte von allen bewundert werden können, weil er etwas konnte, was die sieben Beschwörer nicht konnten. Man hätte Paulus als den überlegenen Magier preisen können. Das wäre eine natürliche Reaktion auf das Ereignis gewesen. Aber erstaunlicherweise erhoben die Epheser nicht Paulus Namen, sondern Jesu Namen. Diese Reaktion war nicht natürlich. Sie beweist viel mehr, dass Gott am Wirken war.
Im Vers 18 erfahren wir, dass es zu einer Bußbewegung in Ephesus kam. Durch Paulus hatten viele Menschen in Asia das Wort Gottes gehört, aber dass es in ihrem Herzen aufgeht und Frucht bringt, kam von Gott. Paulus hatte ausgesät, Gott aber gab das Gedeihen. Wie vorbildlich auch Paulus Mission war, ohne die Wirksamkeit Gottes wäre kein einziger zum Glauben gekommen.
Was lernen wir daraus? Wir sind, was den Erfolg der Mission angeht, von Gottes Wirksamkeit abhängig. Es ist daher wichtig, in der Mission sein Vertrauen auf Gott, anstelle auf etwas anderes zu setzen. Wir haben bestimmte Methoden, wie wir Menschen erreichen. Das ist auch an sich nicht schlecht (sofern sie biblisch sind). Aber wenn man meint, Mission gehe nur so, zeigt das, dass man sein Vertrauen weniger auf Gottes Wirksamkeit als auf die eigenen Methoden setzt. Dasselbe gilt auch für den Eifer. Es ist gut, für die Mission allen Eifer einzusetzen. Aber wer meint, der Erfolg der Mission steht und fällt mit dem eigenen Eifer, drückt indirekt damit aus, dass er sein Vertrauen mehr auf sich als auf die Wirksamkeit Gottes setzt. Wie groß der Eifer auch sein mag, wie gut auch die Methoden sein mögen, wir sind und bleiben von Gottes Wirksamkeit abhängig. Wir drücken diese Abhängigkeit durchs Gebet aus. Mission sollte daher auch immer von viel Gebet für nicht errettete Menschen begleitet werden.

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1 DE BOOR, W. (1973): Die Dritte Missionsreise. 3. Das Wirken des Paulus in Ephesus. In:
Wuppertaler Studienbibel, S. 344 – 353. SCMR. Brockhaus.

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 2 – Apostelgeschichte 17,16-34

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Intellektuell relevante Mission

„Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen.“

Apostelgeschichte 17,30

Frage: Wer von euch hatte etwas mit guten Intentionen gemacht, und es ging völlig nach hinten los? Ihr wolltet zum Beispiel eurem Ehepartner nur helfen. Und anstatt dass der Ehepartner sich geholfen fühlt, ist er einfach nur genervt. Wem von euch so etwas schon mal passiert? Im Englischen gibt es ein Sprichwort: „Impact trumps intent.“ Und es bedeutet so viel wie: Die Auswirkung von deinen Taten wiegt schwerer als deine Absichten. Anders gesagt, du kannst die besten Absichten gehabt haben. Wenn es trotzdem unpassend ist oder falsch ankommt, hast du es trotzdem vermasselt. Das Schlimme ist, dass uns das nicht nur in unseren persönlichen Beziehungen passieren kann, sondern auch in unserem Zeugnis für Jesus.

Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen möchte, ist eine Gemeinde, die im tief im Evangelium verwurzelt ist, berufen zur Gemeinschaft ist und zur Mission gesendet ist. Letzte Woche haben wir mit dem letzten Thema angefangen: Wir werden von Jesus in die Welt gesendet zur Mission. Beim Bibelstudium hatten wir eine etwas kontroverse Diskussion darüber, ob und wie sich die Gesellschaft verändert hat, im Bezug auf ihre Offenheit gegenüber dem Christentum. Meine These war, dass die Methode, fremde Menschen anzusprechen, heute noch unfruchtbarer ist, als es vor 30 oder 40 Jahren der Fall gewesen ist. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren damit nicht einverstanden. Sie sehen das Problem hauptsächlich darin, dass der Eifer zur Mission abgenommen hat. Die Argumentation lautet: wenn wir heute den gleichen Geist und den gleichen Einsatz zeigen würden, dann würden wir heute die Menschen praktisch genauso gut erreichen wie damals in den 80-er Jahren. Ich bin damit einverstanden, dass es grundsätzlich immer gut ist, Herz und Eifer zu haben.

Gleichzeitig denke ich aber, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten wirklich gewandelt hat. Und ich denke, dass es heute grundsätzlich wesentlich herausfordernder ist, Menschen für Jesus zu erreichen. Hier sind ein paar Fakten zu meinem zugegebenermaßen sehr subjektivem Gefühl. Vor vier Jahren schrieb der Tagesspiegel: „Schleichend, aber schnell hat im 20. Jahrhundert in der christlichen Welt ein dramatischer Wandel stattgefunden, der sich mit einem epochalen Ereignis wie der Reformation durchaus vergleichen lässt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist das Christentum eine universale, sehr rasch wachsende Religion geworden. Dieser Christianisierungsschub umfasst sowohl die evangelische als auch die katholische Glaubensrichtung. Es dominiert der globale Süden, die abendländische europäische Kernregion verliert stetig an Einfluss und Bedeutung.“

Um das Ganze mit Zahlen zu untermauern: vor hundert Jahren lebten mehr als 80 Prozent aller Christen in Europa und Nordamerika, heute wohnen von 2,2 Milliarden Christen weltweit zwei Drittel in Asien, Afrika und Lateinamerika. Laut Statistik der „World Christian Encyclopedia“ wird das Christentum im globalen Süden im Jahr 2025 auf 1,7 Milliarden Menschen anwachsen, während es in Nordamerika bei rund 270 Millionen stagniert und in Europa auf 514 Millionen schrumpft.

Wie schaut es in Deutschland aus? Wie macht es sich hier bemerkbar? Auf Statista hatte ich mir die Anzahl der Mitglieder in der evangelischen Landeskirche angeschaut. Von 2003 bis 2020 ist die Zahl der Mitglieder von 25,8 auf 20 Millionen gesunken. Das ist ein Schwund von mehr als 20 % in weniger als 20 Jahren. Das ist enorm. Meine Familie wohnt im selben Straßenblock, in dem sich die Lutherkirche befindet. Die Lutherkirche ist so zusammengeschrumpft, dass sie 2019 mit der Markus- und der Christus-Gemeinde zusammengelegt werden musste. Das ist eine der traurigen Konsequenzen einer Kirche auf dem absteigenden Ast.

Hier ist noch eine subjektive Beobachtung, die ich gerne teilen möchte im Bezug auf unseren eigenen Gemeindeverbund. Praktisch alle UBF Gemeinden, die in den 70er und Anfang der 80er Jahren in Deutschland gegründet wurden, konnten kritische Masse aufbauen, sowohl in Köln, Bonn, Stuttgart, Bochum, Stuttgart und Heidelberg. In praktisch allen Städten, die später z. B. in den 90er Jahren missioniert wurden, war das nicht mehr möglich. Die meisten von diesen Gemeinden haben nach Jahrzehnten der Mission immer noch Hausgemeinde-Status. Das lässt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland beobachten (ganz grob vereinfacht gesprochen). Ich denke nicht, dass mangelnder Eifer die Erklärung dafür ist.

Woran liegt das? Ich weiß es nicht genau. Aber die Gesellschaft ist auf jeden Fall dramatisch im Wandel. Und die jungen Menschen vor 30 oder 40 Jahren waren anders als die Menschen heute. Tim Keller hatte im Bezug auf Mission Markus 9: wir haben es mit einem Dämon zu tun, den wir nicht mit Schema F austreiben können. Ich denke, dass unsere 08/15 Methoden nicht mehr so funktionieren wie es vor Jahrzehnten der Fall war. Die alten Mittel haben nicht mehr die gleiche Wirkung.

Vielleicht denkt ihr an dieser Stelle: „Wenn du so schlau bist, dann mach es doch besser, du Klugschwätzer.“ Ich fühle mich definitiv unqualifiziert, um über das Thema zu sprechen. Aber ich möchte gerne einen Vorschlag machen. Tim Keller, der vielleicht mehr Ahnung als jeder andere Mensch davon hat, wie man auch heute im Westen erfolgreich missionieren kann, meinte, dass das Geheimnis in der Urgemeinde zu finden ist. Entgegen allen Wahrscheinlichkeiten hat die frühe Gemeinde die ganze damals bekannte Welt für das Christentum gewonnen. Heute und in den nächsten Wochen wollen wir uns mit der frühen Gemeinde beschäftigen. Genauer gesagt, wollen wir uns darüber Gedanken machen, wie genau Paulus die Menschen damals evangelisiert hat. Wir wollen uns nicht nur anschauen, was er gesagt und gemacht hat, sondern auch, was er in Athen anders gemacht hat als in anderen Städten; was er in Ephesus anders gemacht hat etc. Ich glaube, dass es eine sehr lohnende Erfahrung sein kann.

Im heutigen Text sehen wir Apostel Paulus in der Stadt Athen. Paulus evangelisiert eine Stadt, die damals das intellektuelle Zentrum der Antike war. Das ist, wie wenn Paulus heute vor der versammelten Fakultät von Harvard und Yale stehen würde. Vers 17 sagt, dass Paulus mit den Menschen auf dem Markt diskutierte. Das griechische Wort, das für Diskutieren verwendet wird, ist dielegeto. Es ist mit unserem Wort „Dialog“ verwandt. D. h. Paulus hielt ihnen keinen Monolog. Es war eine Konversation, die auf gegenseitigem Zuhören beruhte.

Wir sehen im heutigen Text, dass es noch etwas anderes gab, was Paulus nicht tat. Er kritisierte ihre Weltanschauung nicht aus der Sicht des Christentums. Die Sicht der anderen zu kritisieren, ist nicht schwer. Wir haben die Tendenz, schnell andere Ansichten zu kritisieren. Aber Paulus tat das nicht. Er tat etwas ganz anderes. In Vers 22 sehen wir, dass wie Paulus die Athener anredet: „Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm.“ Und Paulus erzählt von einem Altar, der einem unbekannten Gott gewidmet war. Wer immer diesen Altar errichtet hatte, hatte mit ganz großer Sicherheit damit nicht den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gemeint; er hatte mit Sicherheit nicht den dreieinigen Gott der Bibel gemeint. Trotzdem verwendet Paulus das Ganze als Sprungbrett, um ihnen vom wahren Gott zu erzählen.

Im weiteren Verlauf vom Diskurs sehen wir, wie Paulus gewisse Ansichten von ihnen bejaht. Verse 28 und 29: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht. Da wir also von Gottes Geschlecht sind…“ Paulus zitiert sogar ihre eigenen Dichter. Was tut er hier also? Paulus dringt in ihre eigene Weltanschauung ein. Stellen wir uns vor, wir wollen einen Felsen in die Luft jagen. Es bringt nicht viel, wenn wir den Sprengstoff vor den Felsen anlegen. Eigentlich würde das rein gar nichts bringen. Um den Felsen zu sprengen, müssen wir in den Felsen hinein. Es muss ein Loch gebohrt werden. Wenn wir das Dynamit dann tief in den Felsen hineinbringen, dann haben wir eine Chance, den Felsen zu zerstören. Und genau das tut Paulus. Er zeigt ihnen, dass unter der Annahme ihrer eigenen Prämissen, ihre eigene Weltanschauung widersprüchlich ist und nicht funktioniert. Das zu tun erfordert mehr als Bibelwissen.

Paulus hatte mehr als „nur“ Bibelwissen. Er war ein Mann jüdischer Abstammung, der gleichzeitig ein römischer Bürger war und in einer griechischen Stadt aufgewachsen war. Er war außerdem ein exzellent ausgebildeter Mensch. Er wurde nicht nur zum größten Apostel, sondern zu einem der intellektuellsten Menschen aller Zeiten. Man muss nicht Absolvent einer Elite-Uni sein, um von Gott gebraucht werden zu können. Beileibe nicht. Aber ich glaube, dass Gott es gebrauchen kann, wenn wir neben Herz und Liebe auch intellektuelle Neugier mitbringen.

Um noch ein wenig mehr darauf einzugehen: Michael Luo schrieb für den New Yorker einen ziemlich kritischen Artikel über die evangelikalen Christen in den USA. Als am 6. Januar diesen Jahres Trump-Anhänger das US-Kapitol gestürmt hatten, waren unter ihnen auch selbsterklärte Christen. Nachdem sie gewaltsam in das Kapitol eingedrungen waren, hatten sie im Kapitel eine Gebetsversammlung abgehalten. Hier ist das, was Michael Luo schreibt: „Die Daten deuten darauf hin, dass sich innerhalb der Republikanischen Partei eine glaubensbasierte Realitätskluft herausbildet: Fast drei Viertel der weißen evangelikalen Republikaner glauben, dass bei den Wahlen 2020 ein weit verbreiteter Wählerbetrug stattgefunden hat, verglichen mit vierundfünfzig Prozent der nicht-evangelikalen Republikaner; sechzig Prozent der weißen evangelikalen Republikaner glauben, dass die Antifa, die antifaschistische Gruppe, hauptsächlich für die Gewalt bei den Unruhen im Kapitol verantwortlich war, verglichen mit zweiundvierzig Prozent der nicht-evangelikalen Republikaner. Andere Umfragen haben ergeben, dass weiße Evangelikale dem Covid-19-Impfstoff sehr viel skeptischer gegenüberstehen und sich seltener als andere Amerikaner impfen lassen, was die Erholung des Landes von der Pandemie in Frage stellen könnte.“ Das was Michael Luo kritisiert, ist eine christliche Strömung im Land, die faktenresistent, realitätsfern und anti-intellektuell ist. Das ist jetzt in den USA. Das hat natürlich nur bedingt etwas mit uns zu tun. Aber ich glaube, dass wir Christen in Deutschland besser daran täten, diese Kritik trotzdem ernst zu nehmen.

Auf der Arbeit habe ich es hauptsächlich mit hochgebildeten, promovierten Wissenschaftlern zu tun. Viele von ihnen wurden weltweit in den besten akademischen Institutionen ausgebildet. Ich brauche keine Umfrage unter ihnen durchzuführen, um zu wissen, dass sie vermutlich durch wenige Dinge so sehr abgeschreckt werden, wie von Christen, die an eine 6-Tage-Schöpfung vor 6000 Jahren glauben. Wenn ich damit bei ihnen aufkreuzen würde, hätte ich sofort jede Glaubwürdigkeit verloren. Und völlig zurecht. Viele von uns beten dafür, dass wir Studenten missionieren können. Inwiefern ist uns bewusst, dass wir es mit der angehenden, intellektuellen Schicht unserer Gesellschaft zu tun haben? Einige von ihnen sind die zukünftigen Athener. Sie zu erreichen wird beides brauchen: Liebe zu ihnen und ein Verständnis davon, wie relevant Gott für ihr Leben ist, auch wenn er nicht mit ihrer Anschauung kompatibel zu sein scheint.

Um zusammenzufassen, ich glaube, dass wir mit dem Rückgang des Christentums in der westlichen Welt ein Phänomen von historischem Ausmaß haben. Das Ganze spielt sich direkt vor unseren Augen ab zu unseren Lebzeiten. Gleichzeitig sehen wir ein Christentum, das nicht wirklich gewappnet zu sein scheint, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Eine dieser Herausforderungen könnte sein, die gängigen Weltanschauungen der heutigen Zeit wirklich zu verstehen und zu erfassen; und so gut zu erfassen, dass wir wie Paulus diese Weltanschauungen durchdringen können und innerhalb der eigenen Prämissen zeigen können, dass sie inkonsistent sind. Ich persönlich sehe eine große Not und ein Bedarf an christlichen Denkern, die exzellent ausgebildet sind, mitten in der Gesellschaft stehen und die Menschen geistlich und geistig ansprechen können.

Frage ist, sind wir für diese Herausforderung gerüstet? Und falls nicht, was können wir dann tun?

Zum Text an sich: die Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt immer noch daran, dass es einen Gott gibt … oder irgendein höheres Wesen. Aber im Bezug auf diesen Glauben gibt es mindestens drei Probleme. Paulus macht uns in seiner Predigt darauf aufmerksam. Die Probleme sind, dass dieser Gott meistens viel zu klein ist, um auf die Probleme unserer Zeit eine Antwort zu haben; dass dieser Gott zu weit weg ist, als dass er etwas mit uns zu tun haben könnte; und dass dieser Gott zu irrelevant ist. Paulus zeigt den Zuhörern: erstens, Gott ist größer als zu denkst; zweitens, Gott ist näher als zu denkst; drittens, Gott ist relevanter als du denkst.

Erstens, Gott ist größer

Verse 24 und 25: „Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt.“ Paulus sagt, dass der wahre Gott der Schöpfer von allen Dingen ist. Er regiert über Himmel und Erde. Daher braucht er keine Tempel (wir können uns vorstellen, wie Paulus mit seinem Arm auf die Tempel zeigt), und er braucht keinen Dienst von Menschen (und dabei zeigte er vielleicht auf die vielen Altäre). Gott ist größer.

Wenn wir Menschen irgendetwas konstruieren oder bauen, dann tun wir es meistens deshalb, weil wir das Geschaffene brauchen, damit es für uns etwas tut: ein Werkzeug, eine Maschine, ein Computer-Programm, das uns einen Nutzen bringen soll. Aber wenn Gott etwas erschafft, dann besteht ein kategorischer Unterschied: Er erschafft nicht, um daraus einen Nutzen für sich zu haben oder weil er etwas brauchen würde. Gott braucht uns nicht. Er hat diese Welt aus seinem überfließenden Reichtum erschaffen, um seinen Reichtum mit uns zu teilen. Gott ist größer.

Vielleicht hatten wir schon mal Gedanken gehabt wie: „Gott kann ja nicht zufrieden mit mir sein. Ich diene ihm nicht genug. Gott kann mich nicht segnen, weil ich ihm nicht genug gehorche. Ich kann nicht glauben, dass Gott sich über mich freuen kann, weil ich zu wenig für ihn tue.“ Und das ist eigentlich nie das Problem. Er braucht dich nicht. Er braucht uns nicht. Das Problem ist, dass dein Gott zu klein ist. Das Problem ist, dass wir nicht verstanden haben, dass er derjenige ist, der uns alles gibt. Die Größe deines Gottes hängt direkt proportional damit zusammen, wie radikal die Gnade Gottes ist, aus der du lebest; wie sehr wir anerkennen können, dass alles Gottes einseitiges Geschenk ist; dass jeder Gehorsam und jedes Opfer unsererseits nichts als eine kleine Reflexion seiner unerschöpflichen Hingabe an uns ist. Gott ist größer.

Zweitens, Gott ist näher

Vers 27 sagt Paulus: „Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.“ Hier ist ein weiteres Problem. Wir beten im Vater Unser: „Unser Vater im Himmel…“ Und unbewusst stellen wir uns den Himmel unerreichbar weit weg vor: geografisch weit weg in der Ferne und zeitlich weit weg in der Zukunft. Und diese Vorstellung ist so daneben. In den Chroniken von Narnia gibt es einen alten Kleiderschrank, der in eine ganz andere Welt führt. Und so müssen wir uns den Himmel vorstellen. Der Himmel ist so nah wie die Tür zu unserem Kleiderschrank. Gott ist näher als du denkst. Viel näher!

Drittens, Gott ist relevanter

In Vers 31 sagt Paulus schließlich: „Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte.“ Paulus verkündet einen Gott, der nicht nur der Schöpfer ist, der sich nicht nur von uns finden lassen kann. Er verkündet einen Gott, der am Ende Gericht halten wird. Und der Richter ist ein Mann, der von den Toten auferstanden ist.

Pfarrer Wilhelm Busch erzählte davon, wie er als junger Pfarrer in Essen einen Bergarbeiterstreik miterlebt hatte. Einer der Bergarbeiter sprach von hungrigen Kindern, Ausbeuterlöhnen und Arbeitslosigkeit. Er sieht dann Wilhelm Busch und brüllt dann: „Ha, da ist ja der Pfaffe! Komm mal her!“. Buch meinte: „Nun, einer freundlichen Einladung folge ich meistens.“ Und so steht er beim Redner vor hundert Bergleuten. Kein theologisches Seminar bereitet jemanden auf solche Situationen vor. Der Redner schreit dann: „Wenn’s einen Gott gibt, […] dann will ich, wenn ich gestorben bin […] zu ihm sagen: Warum hast du zugelassen, dass Menschen auf Schlachtfeldern zerfetzt wurden?! Warum hast du zugelassen, dass Kinder verhungert sind und andere das Essen wegschütten, weil sie zu viel hatten?! Warum hast du zugelassen, dass Menschen an Krebs elend dahingesiecht sind?! Warum? Warum? Du, Gott, tritt ab! Weg mit dir! Hau ab!“

Zu seiner großen Überraschung, fängt Pfarrer Busch ebenfalls an zu schreien: „Ganz richtig! Weg mit diesem Gott! Weg mit diesem Gott!“ Auf einmal ist alles still. Der Redner ist völlig verdutzt und sagt: „Moment mal! Sie sind doch Pfarrer! Da dürfen Sie doch nicht schreien: Weg mit diesem Gott!“ Busch erklärt: „Hör mal zu! Den Gott, vor den du so trittst, vor dem du deinen Mund aufreißen kannst, der sich so zur Rechenschaft ziehen lässt, dass du als Richter vor ihm stehst und er dein Angeklagter ist – den gibt es nur in deiner Einbildung. Zu dem kann ich auch nur sagen: Hinweg mit diesem Gott! […] Aber ich will dir was sagen: Es gibt einen anderen wirklichen Gott. […] es gibt einen heiligen, lebendigen, wirklichen Gott, der zu uns einmal sagen könnte: Hinweg mit dir!“

Wer ist dieser Gott? Es ist der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Es gab eine legendäre Debatte zwischen dem christlichen Mathematik-Professor John Lennox und dem notorischen Atheisten Richard Dawkins. Im Schluss-Plädoyer sagte Lennox dann folgendes: „Und die Auferstehung Jesu Christi, ein Wunder, etwas Übernatürliches, ist für mich der zentrale Beweis, auf den ich meinen Glauben stütze, nicht nur, dass der Atheismus eine Täuschung ist, sondern dass die Gerechtigkeit real ist und unser Sinn für Moral uns nicht verhöhnt, denn wenn es keine Auferstehung gibt, wenn es nichts nach dem Tod gibt, dann haben die Terroristen und Fanatiker am Ende gewonnen.“

Richard Dawkins machte sich in seiner Antwort darüber lustig, in dem er sagte: „Und dann sind wir plötzlich bei der Auferstehung Jesu angelangt. Es ist so unbedeutend, es ist so trivial, es ist so regional, es ist so erdgebunden, es ist so unwürdig für das Universum.“ In gewisser Hinsicht hat Dawkins recht. Es ist regional und erdgebunden. Und gleichzeitig irrt er so gewaltig. Auf welche Art sonst hätte Gott sich uns Menschen offenbaren können? Auf welche andere Weise hätte Gott zeigen können, dass er uns liebt? Dass er kein entfernter Gott der Deisten ist? Es ist genau aus dem Grund, dass die Auferstehung Jesu einmal in Raum und Zeit geschehen ist, dass es Relevanz für uns alle hat; dass Jesu Tod und seine Auferstehung uns etwas angehen; dass sie mit unserem Leben zu tun haben.

Und das sind die drei Punkte: Gott ist größer, näher und relevanter. Und wenn du willst, kann er dein Gott werden und du sein Kind.

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 7 – Sprüche 17,17 u.a, Johannes 15,12-15

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Echte Freundschaft

Und es geschah, als er aufgehört hatte mit Saul zu reden, da verband sich die Seele Jonathans mit der Seele Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele

(1. Samuel 18,1)

Zurzeit als ich studiert hatte, war studivz sehr beliebt gewesen. Kennt das noch jemand von euch? Ist so ähnlich wie facebook oder Instagram. Als ich mich auf dieser Plattform angemeldet hatte, bekam ich erst einmal die Mitteilung: „Du hast 0 Freunde“. Das hörte sich nicht nett an. Aber schon bald danach bekam man eine Freundschaftseinladung nach der anderen, und bald hatte man dann auf einmal Hunderte von Freunden. Aber waren das alle wirklich Freunde gewesen? Sagen wir mal, dir geht es so richtig schlecht. Wer von diesen Freunden würde dich besuchen? Oder wer von denen würde dich anrufen? Wem von denen würdest du überhaupt erzählen, wie es dir geht? Was auf diesen sozialen Plattformen mit „Freunden“ gemeint ist, sind eigentlich nicht „Freunde“, sondern „Bekannte“. Das sind Leute, die du kennst. Aber Freunde sind noch mal etwas anderes. Heutzutage, im Zeitalter der Social Media, wird das Wort „Freund“ zunehmend oberflächlich benutzt. Was aber eine echte Freundschaft ist, erfahren wir in der Bibel. In der Bibel erfahren wir auch, dass echte Freundschaft etwas Besonderes ist, etwas besonders Schönes. Zum Beispiel heißt es in Psalm 133: „Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder in Eintracht beisammen sind! Wie das feine Öl auf dem Haupt, das herabfließt in den Bart, den Bart Aarons, das herabfließt bis zum Saum seiner Kleider usw.“ David sagte über die Freundschaft mit Jonathan: „Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe!“ (2. Sam. 1,26)
Jeder von uns wünscht sich echte Freundschaft. Gleichzeitig fällt es uns selbst schwer, für andere ein echter Freund zu sein. Und eben das ist das Dilemma: Wer anderen kein echter Freund ist, hat oft auch selbst keine. Denn der Grund warum man keine echten Freunde hat, liegt daran, dass man es selbst anderen nicht ist. Echte Freundschaften sind nicht nur der Wunsch von einem jeden von uns, sondern auch unentbehrlich für eine lebendige und liebevolle Gemeinschaft in der Gemeinde, unentbehrlich für das gesunde Wachstum einer Gemeinde. Daher ist es gut, dass wir uns mit dem Thema der Freundschaft auseinandersetzen. Wir werden es anhand von drei Fragen tun:

1. Was ist die Voraussetzung für echte Freundschaft?
2. Was sind die Kennzeichen echter Freundschaft?
3. Wie können wir unter uns echte Freundschaft haben?

1. die Voraussetzung echter Freundschaft (1. Samuel 18,1-4)

Damit wir anderen ein echter Freund sein können, müssen wir verstehen, was die Voraussetzung zur Entstehung von echter Freundschaft ist. Eine Antwort hierauf erfahren wir durch die Freundschaft von Jonathan mit David. Hierzu sollten wir uns in Erinnerung rufen, wer noch mal Jonathan war. Jonathan war der, der sich zu zweit mit 20 Philistern angelegt hatte. Sein Argument war: „es ist dem HERRN nicht schwer, durch viele oder durch wenige zu retten!“ (1. Sam 14,6) Jonathan war ein Mann des Glaubens. David war nicht anders. David sagte zu Goliath:

Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Kurzschwert. Ich aber komme zu dir mit dem Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast. Heute wird der HERR dich in meine Hand ausliefern, und ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Und die Leichen des Heeres der Philister werde ich heute noch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren der Erde geben. Und die ganze Erde soll erkennen, dass Israel einen Gott hat. Und diese ganze Versammlung soll erkennen, dass der HERR nicht durch Schwert oder Speer rettet. Denn des HERRN ist der Kampf, und er wird euch in unsere Hand geben! (1. Sam 17,45-47)

In dem Kampf gegen Goliath bewies David vor der Öffentlichkeit Israels klaren Glauben und Eifer für Gott. Jonathan muss das alles mitbekommen haben. Und was war das Resultat davon? In 1. Samuel 18,1 heißt es: „Und es geschah, als er aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich die Seele Jonatans mit der Seele Davids; und Jonatan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele“ Das Resultat war echte Freundschaft. Aber warum? Warum fing Jonathan auf einmal an, David wie seine eigene Seele zu lieben? Durch die Begebenheit mit Saul erkannte Jonathan: „David brennt für dieselbe Sache wie ich, nämlich für Gott!“ Jonathan erkannte: „David denkt genauso wie ich: er glaubt auch, dass Gott auch durch wenig helfen kann. David findet das wichtig, was mir auch wichtig ist: die Ehre Gottes.“ Der Grund dafür, dass sich Jonathans Herz mit Davids Herz verband, war, dass beide für dieselbe Sache brannten, dass beide das Herz für dieselbe Sache hatten und folglich ähnlich dachten und glaubten. Dies ist die Voraussetzung zur Entstehung echter Freundschaft.
Übrigens gilt das nicht nur für die Freundschaft unter Gläubigen. Sicherlich entstanden auch unter Nazis und Kommunisten tiefe Freundschaften – eben weil sie für dasselbe, nämlich für dieselbe Ideologie brannten. Der Unterschied zur Freundschaft unter Gläubigen ist, dass sie für die richtige Sache brennen, nämlich für Jesus, für das Kommen seines Reiches. Wer echte brüderliche Freundschaft möchte, sollte für Jesus und sein Reich brennen. Dann werden sich um ihn auch solche versammeln, die dasselbe Anliegen haben.
In der Predigt habe ich immer wieder das Wort „echt“ benutzt. Was bedeutet aber „echt“ im Kontext von Freundschaft? Was macht denn eine echte Freundschaft aus? Lasst uns das im zweiten Teil der Predigt betrachten.

2. Kennzeichen echter Freundschaft (Spr. 17,17; 18,24; 27,5-6; 9-10)

Bemerkenswert ist, dass das Buch der Sprüche sehr viel über wahre Freundschaft spricht. Warum? Das Buch der Sprüche ist ja von Salomo geschrieben. Salomo hatte viele Frauen gehabt – sage und schreibe 1000. Sicherlich hatte Salomo deswegen viele Kinder gehabt. Daher ist es kein Zufall, dass das Buch der Sprüche viele Themen aufgreift, die Jugendliche betreffen, wie etwa das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bzw. Cliquenbildung; sexuelle Beziehungen, Erziehung, Faulheit und eben auch das Thema „Freundschaft“. Immer wieder heißt es im Buch der Sprüche: „Mein Sohn“. Als Salomo dieses Buch schrieb, hatte er sicherlich seine Kinder im Blick. Es gibt so manche Trickfilmserien, die schauen sich sowohl Kinder als auch Erwachsene gerne an. Das Buch der Sprüche ist so ein Buch, das zwar in erster Linie für Jugendliche geschrieben wurde, aber gleichzeitig auch für Erwachsene hochrelevant ist.
Wir wollen daher einige Verse aus dem Buch Sprüche zu dem Thema „Freundschaft“ betrachten. Der erste Vers ist aus Spr. 17,17: „Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren.“ Ein Freund liebt allezeit – ein wahrer Freund liebt nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten Zeiten. Jemandem auch in schlechten Zeiten ein Freund zu sein, ist alles andere als selbstverständlich. Freundschaften werden oft geknüpft, weil man sich einen Nutzen davon erhofft. Kommt der Freund aber in Not, kann es sein, dass dieser Nutzen wegfällt. Zum Beispiel kennen wir Geschichten von reichen Leuten, die alle ihre Freunde verloren, als sie verarmten. Aber bei Freundschaften geht es nicht nur immer um Geld und Güter. Den Nutzen, den man sich erhofft, kann auch immaterieller Natur sein, z.B. dass man sich durch die Gemeinschaft mit dem Freund fun und action wünscht. Wir kennen das ja auch aus unserem Leben: Wenn wir fröhlich und happy sind, dann haben die Leute gerne Gemeinschaft mit uns. Was ist aber, wenn wir down sind? Klar, das heißt nicht, dass auf einmal niemand mehr was mit uns zu tun haben will. Wir werden sicherlich von dem einen und anderen die Frage hören: „Was ist mit dir?“, „Kann ich dir helfen?“. Aber wenn sich die down-Phase über eine längere Zeit hinzieht, wird man die Erfahrung machen, dass sich immer weniger Leute bei einem melden. Mal Hand aufs Herz: Wer von uns, hat schon gerne mit depressiven Leuten zu tun? Intuitiv meidet man solche Leute eher. Jonathan liebte David nicht nur, als David im Hof Sauls diente. Jonathan liebte David nicht nur, als er vom Volk als Held gefeiert wurde. Im Gegenteil, er liebte Jonathan auch dann, als er vom eigenen Vater als Staatsfeind Nr. 1 erklärt wurde. In Spr. 18,24b heißt es: „es gibt Freunde, die hangen fester an als ein Bruder.“ Ein Kennzeichen wahrer Freundschaft ist also Beständigkeit. Beständigkeit setzt aber voraus, dass die Freundschaft nicht auf einen gewissen Nutzen gegründet ist.
Jonathan erhoffte sich durch die Freundschaft mit David keinen Nutzen. Im Gegenteil – vielmehr gab Jonathan für David die wertvollsten Dinge hin – seine fürstliche Kleidung, seine Waffenausrüstung sowie sein Anspruch auf das Königtum. Jonathan riskierte für David seine Beziehung zu seinem Vater – er riskierte für David sogar sein Leben. Anders war es in der Beziehung mit Saul. Über Saul heißt es zuerst: „Und ⟨Saul⟩ gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein Waffenträger“ (1. Sam 16,21). Saul hatte David lieb, sogar sehr lieb. Aber später wollte er ihn umbringen. Wie kann das sein, dass sich seine Einstellung zu David so sehr ins Gegenteil verkehrte? Sauls Beziehung zu David gründete auf ein Nutzen, das er in David sah. Als aber Saul meinte, David sei ihm mehr Schaden als Nutzen, wurde aus der Freundschaft eine Feindschaft.
Ein weiteres Kennzeichen echter Freundschaft erfahren wir in Spr. 27,5: „Besser Zurechtweisung, die aufdeckt, als Liebe, die verheimlicht. Treu gemeint sind die Schläge des Freundes, aber reichlich sind die Küsse des Hassers.“ Die Verse 5 und 6 sind parallel aufgebaut. Das ist ein rhetorisches Stilmittel, um eine Aussage zu verdeutlichen. Im Vers 5 ist von Zurechtweisung die Rede, die Fehlverhalten aufdeckt. Vers 6 spricht von Schlägen des Freundes. Diese sind ein Bild für Worte, die schmerzlich sind, aber die der Freund braucht und unbedingt hören muss. Es sind eben Worte der Zurechtweisung. Diese Worte kommen nicht vom Feind, sondern vom Freund. David erfuhr vom Propheten Nathan Zurechtweisung, als er zu ihm sagte: „Du bist der Mann“ (2. Sam. 12,7). Es muss für David sehr hart gewesen sein, diese Worte zu hören. Aber im Psalm 141,5 sagte er: „Der Gerechte schlage mich, das ist Gnade; und er züchtige mich, das ist Öl für mein Haupt, und mein Haupt soll sich nicht dagegen sträuben, wenn es auch wiederholt geschieht.“ Ein weiteres Kennzeichen echter Freundschaft ist also Aufrichtigkeit. Eine echte Freundschaft gibt einander die Freiheit, dem anderen die Wahrheit sagen zu können.
Was ist das Gegenteil von so einer Freundschaft? Im Vers 5 ist von einer Liebe die Rede, die verheimlicht. Was ist damit gemeint? Manche Menschen sagen: „Ich liebe diese Person zu sehr, als dass ich ihm die Wahrheit sagen könnte. Ich will ihm nicht wehtun.“ Das ist eine Liebe, die verheimlicht. Aber womit ist so eine Liebe vergleichbar? Vers 6 macht es deutlich: Solch eine Liebe sind genauso wie die Küsse des Hassers, also in Wirklichkeit gar keine Liebe, sondern Hass. Weil es mir unangenehm ist, dem Freund schmerzvolle Worte zu sagen, lasse ich ihn lieber ins Verderben laufen. Wie kann das Liebe sein? In Wirklichkeit liebe ich nicht den Freund zu sehr, sondern mich. Nicht Freunde, sondern Leute, die einen hassen, lassen einen ins Verderben laufen. Wenn mich jemand in meinem Fehlverhalten bestätigt und mir sagt: „Du hast recht“, dann ist das sehr angenehm, ebenso angenehm wie ein Kuss. Er fühlt sich an wie Liebe zu mir, aber in Wirklichkeit ist es Hass mir gegenüber. Denn es ist dem anderen nicht so wichtig, ob ich ins Verderben laufe oder nicht. Er treibt ihn sogar dorthin. In Sprüche 29,5 heißt es: „Wer seinem Nächsten schmeichelt, der stellt seinen Füßen ein Netz.“ Man könnte einwenden: Ist es nicht zu übertrieben, von Hass zu sprechen? Aber nach der Bibel gibt es nur „Liebe“ oder „Hass“. Deswegen fängt Hass bereits damit an, wenn mir das Wohlergehen meines Nächsten gleichgültig oder nicht so wichtig ist.
Das dritte Kennzeichen einer wahren Freundschaft lesen wir in Sprüche 27,9: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, so auch die süße Rede eines Freundes aus dem Rat seiner Seele.“ Um diesen Vers gut zu verstehen, ist es hilfreich weitere Übersetzungen heranzuziehen: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, und die Süße seines Freundes die bekümmerte Seele.“ Oder: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, aber von Betrübnis zerreißt sich die Seele.“ Dieses Wort zeigt auf, wie wohltuend der Rat eines Freundes für einen ist, der bekümmert ist. Es ist regelrecht ein Medikament für den Betrübten.
Die letzte Übersetzung macht die schreckliche Alternative deutlich: Man wird von Betrübnis zerrissen. Das kann eben dann passieren, wenn man sein Leid für sich behält bzw. sich nicht den Rat des Freundes einholt. Ein Seelsorger sagte einmal, dass es Leute gibt, die mit vielen abhängen und zu tun haben, aber sich doch einsam fühlen. Er erklärte, dass es daran läge, dass sie niemanden haben, dem sie sich mitteilen können oder wollen. Sich jemand anders mitzuteilen ist von der Befürchtung begleitet, dass man den anderen enttäuscht und von ihm abgelehnt wird. Man macht sich verletzlich. Daher ist es nicht so leicht, sich jemandem mitzuteilen. Aber das Wort aus Sprüche 27,9 ermutigt dazu, sein Leid dem Freund mitzuteilen, anstelle es für sich zu behalten. Bemerkenswert ist, dass Jesus selbst Vertrautheit in Verbindung mit Freundschaft bringt. In Joh. 15,15b heißt es: „Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.“ Jesus Worte zeigen, dass gerade Offenheit ein Kennzeichen von Freundschaft ist. Auch andere Stellen machen deutlich, dass Jesus seinen Jüngern immer wieder sein Herz mitgeteilt hat, zum Beispiel sprach Jesus ganz offen über seine Ängste vor dem Kreuzestod. In Lk. 12,49 und 50 sagte er: „49 Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, es wäre schon angezündet! 50 Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollbracht ist!“ Im Garten Gethsemane sagte er zu seinen Jüngern: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod“ (Mk. 14,34). Ein weiteres Kennzeichen wahrer Freundschaft ist also Offenheit bzw. dass man sich einander transparent macht. Erst dadurch kann man einander hilfreichen Rat, Trost und Ermutigung geben.
Aus der Johannes 15-Stelle lässt sich noch ein weiteres Kennzeichen wahrer Freundschaft ableiten. Jesus spricht davon, dass niemand größere Liebe hat, als dass er sein Leben hingibt für seine Freunde. Echte Freundschaft hat „mit Leben lassen“ zu tun. Dieses Leben lassen kommt nicht immer dadurch zum Ausdruck, dass man für den anderen stirbt. Es kann sich auch darin zeigen, dass man bereit ist, für den Freund Verzicht auf sich zu nehmen, und zwar selbst auf Dinge, die einem sehr wichtig sind. Wie bereits erwähnt, sehen wir dies sehr gut in der Freundschaft von Jonathan mit David. Echte Freundschaft opfert für den anderen – nicht nur materielle Dinge, sondern auch Zeit. Sich für einen Freund, der in Not ist, Zeit zu nehmen, obwohl man selber keine Zeit hat, ist ebenfalls ein Ausdruck davon, sein Leben zu lassen. Das Gedeihen einer Freundschaft erfordert auf jeden Fall auch Zeit.
Beständigkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit und „Leben lassen“ sind Voraussetzungen für echte Freundschaft – alles Dinge, die gar nicht so leicht sind. Wie können wir anderen ein echter Freund sein? Betrachten wir dies im dritten Teil der Predigt.

3. Jesu Freundschaft mit uns (Joh. 15,12-16)

Um in der Gemeinde einander ein echter Freund sein zu können, müssen wir verstehen, was die Grundlage dieser Freundschaft ist. Wie erfahren sie in Joh. 15. Im Vers 12 erfahren wir: Jesu Liebe zu uns ist die Grundlage der Liebe untereinander. Oder mit anderen Worten: Jesu Freundschaft zu uns ist die Grundlage der Freundschaft untereinander. Und was ist die Grundlage von Jesu Freundschaft zu uns? Im Vers 13 steht, dass Jesus Sein Leben für uns gegeben hat. Als Jesus sein Leben für uns gab, waren wir ja Feinde Gottes. Jesu behandelte seine Feinde wie Freunde, indem er sein Leben ließ für uns. Daher basiert die Freundschaft Jesu zu uns nicht auf irgendetwas Gutes von uns. Sie basiert auf das Kreuz. Jeder, der diese Liebestat Jesu am Kreuz für sein Leben in Anspruch nimmt, wird von einem Feind zum Freund Jesu. Vers 14 ist nicht so gemeint, dass wir dadurch Freunde Jesu werden, indem wir seine Gebote halten. Wäre das so, wäre Jesu Verständnis von Freundschaft wie das von kleinen Kindern. Sobald der Freund nicht das macht, was einem gefällt, heißt es: „Jetzt bist du nicht mehr mein Freund.“ Vielmehr will Jesus sagen: „Dass ihr wirklich meine Freunde seid, zeigt sich daran, dass ihr meine Gebote haltet.“ Diese neue Beziehung, die jeder Gläubige hat, ist ja nicht sichtbar. Dass wir wirklich Freunde Jesu geworden sind, zeigt sich darin, dass man das tut, was Jesus sagt. Vers 16 bestätigt, dass nicht etwas Gutes von uns die Grundlage für die Freundschaft mit Jesus ist, sondern Jesu Erwählung.
Wenn ich verstanden habe, dass meine Freundschaft zu anderen auf die Freundschaft mit Jesus basiert, wird es einfacher, anderen ein echter Freund zu sein. Hierzu einige Beispiele:
Manchen fällt es schwer anderen ein echter Freund zu sein, zumal man zu sehr um sich selbst besorgt ist. Wenn man aber im Herzen verstanden hat, dass Jesus sich um einen kümmert, weil er sein Freund ist, kann man mehr für andere da sein. Manchen fällt es schwer anderen ein wahrer Freund zu sein, weil es erfordert, dass man sich persönliche Dinge anvertrauen. Man macht sich dadurch verletzlich. Aber wenn man verstanden hat, dass man in Jesus einen Freund hat, von dem man immer angenommen ist, braucht man die Ablehnung nicht mehr zu fürchten. Manchen fällt es schwer, anderen ein Freund zu sein, weil man befürchtet, dass andere das Vertrauen missbrauchen und über einem die Kontrolle bekommen können. Aber wenn man verstanden hat, dass man in Jesus einen Freund hat, der alles unter Kontrolle hat, alles zu seinem Besten gebraucht und man bei ihm sicher ist, kann man sich mehr auf andere einlassen. Manchen fällt es schwer, anderen ein wahrer Freund zu sein, da die Fehler anderer bei ihnen schnell Anstoß erregen. Aber wenn ich verstanden habe, dass ich in Jesus einen Freund habe, der ich über alles liebt, kann ich auch andere mehr lieben. Spurgeon sagte einmal: „Fehler sind immer dick, wo die Liebe dünn ist.“ Erst durch die Freundschaft mit Jesus kann ich selber ein wahrer Freund für andere sein.

Aber warum kann es sein, dass man im Alltag zu wenig von der Freundschaft mit Jesus spürt? Manchmal könnte man meinen, diese Freundschaft wäre nur Theorie. Liegt das an Jesus? Ist Jesus etwa ein schlechter Freund? Natürlich nicht – es gibt ja keinen besseren Freund als der, der sein Leben für seinen Freund lässt. Es liegt eher daran, dass die Freundschaft mit Jesus oft zu wenig ausgelebt, also dass diese Freundschaft mit Jesus zu wenig in Anspruch genommen wird. Wenn wir diese Freundschaft im Alltag in Anspruch nehmen, wird diese Freundschaft im Alltag mehr und mehr zur Realität. Was bedeutet es aber Jesu Freundschaft in Anspruch zu nehmen? Ich möchte mit dem bekannten Lied „Welch ein Freund ist unser Jesus“ antworten:

1) Welch ein Freund ist unser Jesus, o wie hoch ist Er erhöht!
Er hat uns mit Gott versöhnet und vertritt uns im Gebet.
Wer mag sagen und ermessen, wie viel Heil verloren geht,
wenn wir nicht zu Ihm uns wenden und Ihn suchen im Gebet!
2) Wenn des Feindes Macht uns drohet und manch Sturm rings um uns weht,
brauchen wir uns nicht zu fürchten, stehn wir gläubig im Gebet.
Da erweist sich Jesu Treue, wie Er uns zur Seite steht
als ein mächtiger Erretter, der erhört ein ernst Gebet.
3) Sind mit Sorgen wir beladen, sei es frühe oder spät,
hilft uns sicher unser Jesus, fliehn zu Ihm wir im Gebet.
Sind von Freunden wir verlassen und wir gehen ins Gebet,
o, so ist uns Jesus alles: König, Priester und Prophet.

Ein wichtiger Aspekt davon, wie wir die Freundschaft mit Jesus ausleben können, ist, dass wir mit ihm im Alltag über alles sprechen und besprechen. Nicht ohne Grund heißt es: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thess. 5,17).
Als Jesus am Kreuz starb, wurde er vom Vater verlassen, damit Gott mit uns sein kann – in Jesus ist Gott unser Freund, unser Immanuel (Mt. 1,23). Ein großes Geschenk, das wir im Alltag ausleben, das wir im Alltag immer wieder in Anspruch nehmen sollten.

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 6 – Matthäus 18,21-35

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Gemeinschaft der Vergebung

„Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.”

Matthäus 18,35

Seit einigen Wochen beschäftigen wir uns mit dem großen Thema, was für eine Gemeinde Jesus unter uns bauen will. Und die Antwort heute auf diese Frage lautet: eine Gemeinschaft der Vergebung. Vergebung ist ein schwieriges Thema: nicht schwer zu verstehen, worum es geht, aber sehr schwierig es umzusetzen. Als ob das Thema nicht schwer genug ist, haben wir einen Text, der auch nicht so einfach ist. Wir wollen uns genau ansehen, wie und warum der Text schwierig ist.
Über drei große Fragen wollen wir nachdenken: Was bedeutet Vergebung? Warum ist Vergeben essenziell? Wie können wir vergeben? Die drei Teile der Predigt lauten entsprechend: erstens, eine Definition von Vergebung; zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung; drittens, die Befähigung zur Vergebung.

Erstens, eine Definition von Vergebung
Vergebung geschieht in mindestens drei Schritten. Und wir finden alle diese Schritte im Text. In den Versen 23 und 24 lesen wir: „Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.“ Ein König macht Abrechnung und entdeckt eine offene Rechnung. Nicht nur, dass es eine unbeglichene Rechnung war, die Rechnung war absurd hoch. Ein Talent war der höchste Währungsbetrag, den es damals gab. Und die Zahl Zehntausend war die höchste Zahl, für die es in der griechischen Sprache ein Wort gab. (Wenn man noch größere Zahlen wollte, musste man anfangen entsprechend zu multiplizieren). Die Frage ist, wie groß die Schuld wäre, wenn man das auf unsere heutige Zeit übertragen würde. Und die Antwort ist, dass wir das nicht genau sagen können. Talente konnten entweder aus Silber oder aus Gold bestehen. Aber es müssen entweder hunderte Millionen Euro gewesen sein oder bis hin zu einer Billion Euro. Egal ob wir das untere oder das obere Ende ansetzen: es handelt sich um einen unvorstellbar hohen Betrag. Die allermeisten Menschen können mit so einer Summe nichts anfangen, weil es zu groß für eine einzelne Person ist (1 Billion entspricht grob dem Bruttoinlandsprodukt von ganz Spanien).

Was ist also der erste Schritt? Man muss feststellen, dass etwas ganz grob falsch gelaufen ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Unrecht geschehen ist. Das klingt vielleicht völlig banal. Aber viel zu oft tun wir das nicht oder nicht richtig. Während meiner Doktorarbeit wurde mir mein Fahrrad geklaut. Es war ein sehr schönes Fahrrad, das ich von einem Freund zu einem unschlagbar günstigen Preis erhalten hatte. Ich habe das Fahrrad geliebt. Wer immer mir das Fahrrad geklaut hatte, hatte es vermutlich schon länger darauf abgesehen. Beim ersten Klauversuch war das Fahrradschloss so lädiert, dass ich es nicht mit meinem Schlüssel aufschließen konnte. Ich musste das Schloss aufsägen. Ich hätte danach in ein richtig gutes Schloss investieren sollen. Hatte ich aber nicht. Ein oder zwei Tage nachdem das günstige Schloss dran war, war das Fahrrad weg. Das Schloss war mit einem Bolzenschneider aufgemacht worden. Damals hatte ich dann gesagt: „Der HERR hat es gegeben, der HERR hat es genommen, gepriesen sei der HERR. Mir geht es gut.“ Aber mir ging es überhaupt nicht gut.

Ich hatte früher ein ziemlich verkehrtes Verständnis von Vergebung. Ich dachte, dass Vergebung bedeutet: „Schwamm drüber, lass uns nicht mehr darüber reden.“ Ich dachte fälschlicherweise, dass Vergebung bedeutet, eben keine Abrechnung zu machen; sich erst gar keine Gedanken darüber zu machen, was falsch gelaufen ist. Der Grund weshalb ich so dachte war, dass wenn ich noch wütend auf etwas bin oder noch wegen einer Sache verletzt bin, ich ganz klar nicht vergeben hatte. Und das wäre ja unchristlich. Aber genau das ist der Punkt: Man muss zuerst verstehen, was passiert ist. Das kann ziemlich heftige Gefühle hervorrufen: Frustration, Schmerzen, Verletzung, Wut auf andere und vielleicht auch Wut auf sich selbst. Und diese Gefühle soll man nicht unterdrücken. Es erfordert eine gewisse Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Und es erfordert ein sich verletzlich machen, weil man eben nicht drüber steht, weil man ein Opfer geworden ist, weil man gedemütigt wurde. Das zuzugeben ist nicht einfach. Das ist also der erste Schritt: Du kannst nicht vergeben, wenn du nicht einsiehst, dass dir Unrecht angetan wurde.

Kommen wir dann zu den nächsten zwei Schritten. Der zweite und dritte Schritt gehen untrennbar miteinander einher. Vers 27: „Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.“ Der König lässt den Knecht in Frieden gehen. D. h., Vergebung bedeutet, dass wir die Person, die uns Unrecht angetan hat, in Frieden gehen lassen. Es bedeutet, dass man nicht einfordert, was man meint, dass es einem zusteht. Es bedeutet, dass wir keine Rache nehmen; dass wir es völlig sein lassen, es der anderen Person irgendwie heimzuzahlen. Es bedeutet auch, dass wir frei sind von dem Wunsch, dem anderen irgendein Unglück oder irgendetwas Schlechtes zu wünschen. Es bedeutet, dass wir in der Lage sind, die andere Person von ganzem Herzen zu segnen und nicht zu verfluchen. Ist das einfach? Je nachdem, was uns angetan wurde, kann das richtig schwer sein.

Der dritte Schritt ist der Grund dafür: wir bezahlen für die Schuld des anderen. Hier ist ein banales Beispiel, das ich schon einmal verwendet habe. Stellen wir uns vor, mein Bruder leiht mir sein 2.000 Euro teures Laptop aus. Aber dann kommen die Kinder: das erste Kind schmeißt es versehentlich auf den Boden, sodass es eine richtig hässliche Delle hat; das zweite Kind kommt und verschüttet versehentlich Apfelschorle auf die Tastatur. Das dritte Kind tritt beim Rennen so ungeschickt auf das Laptop, dass der Bildschirm abbricht. Jetzt gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist, dass ich tief in den Geldbeutel greife und meinem Bruder 2.000 Euro gebe; oder dass ich ihm ein neues Laptop kaufe. Die andere Möglichkeit ist: Er vergibt mir.

Kennt ihr Leute, die fragen: „Kannst du nicht einfach vergeben?“ Und die Antwort auf diese Frage lautet: Nein, man nicht einfach so vergeben. Der König im Gleichnis konnte nicht einfach so vergeben. Noch nicht einmal Gott kann einfach so vergeben. Vergeben bedeutet, dass wir die Schuld bezahlen. Der König im Gleichnis konnte vergeben, weil er dafür bezahlt hat. Und weil er bei dem offenen Betrag einen Staatsbankrott in Kauf genommen hat. Irgend jemand muss bezahlen. Ohne Bezahlung gibt es keine echte Vergebung.

Oftmals haben wir es aber nicht mit materiellen Schulden zu tun. Wenn jemand uns durch Worte und Taten verletzt, dann geht es nicht um einen offenen Geldbetrag. Es geht um unsere verletzte Würde als Mensch. Oder es geht um unsere Ehre. Oder es geht vielleicht um unseren Ruf. Der Schaden, der uns zugefügt wird, ist häufig seelischer Natur. Zu vergeben bedeutet, dass wir bereit sind, den ganzen Schmerz zu absorbieren. Wir lassen den Übeltäter frei, indem wir den ganzen Schmerz auf uns selbst nehmen. Viele haben deshalb gesagt, dass sich Vergeben wie Sterben anfühlt.

Das sind also die drei Schritte der Vergebung: erstens, wir erkennen ehrlich an, dass uns Unrecht angetan wurde; zweitens, wir lassen den anderen trotzdem in Frieden und mit Segen gehen, weil wir drittens, die Schuld auf uns nehmen und selbst bereit sind, für die Schuld des anderen zu bezahlen.

Bevor wir fortfahren, noch ein paar ganz kurze Punkte, die mir sehr wichtig sind. Vergebung ist kein stoisches Ertragen von Misshandlung und Unrecht. Vergebung bedeutet nicht, dass wir uns zum Schuhabtreter machen oder dass wir uns freiwillig misshandeln lassen. D. h. auch, wenn du dich in einer toxischen Beziehung befindest, in der du missbraucht und misshandelt wirst, ist es das Beste, Hilfe zu holen und aus dieser Beziehung herauszukommen. Vergebung ist kein Deckmantel für Missbrauch. Das sollte hoffentlich klar sein.

Vergebung ist nicht dasselbe wie Versöhnung. Vergebung ist die Voraussetzung für echte Versöhnung, aber die beiden sind nicht dasselbe. Vergebung heißt daher auch nicht, dass die Beziehung wiederhergestellt ist, aber es kann der erste Schritt dazu werden.

Zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung
Das Gleichnis, das Jesus erzählt, hat kein Happyend. Der Knecht dem vergeben wurde, ist nicht in der Lage seinem Mitknecht zu vergeben. Der König macht die Vergebung rückgängig. Der Knecht wird gefoltert, bis er seine ganze Schuld bezahlt hat. In Vers 35 sagt Jesus dann: „Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.“ Das ist ein Vers, den wir mit sehr viel Ehrfurcht lesen sollten. Ganz offensichtlich hat es schlimme Konsequenzen, wenn wir anderen nicht vergeben können. Aber was genau hat Jesus hier gemeint?
Es könnte den Eindruck erwecken, dass Gottes Vergebung eine konditionale Vergebung ist: Seine Vergebung ist davon abhängig ist, wie wir uns verhalten. Es würde bedeuten, dass uns nur auf Bewährung vergeben ist. Sobald wir gegen unsere Bewährungsauflagen verstoßen, würde Gott all seine Vergebung rückgängig machen. Ich denke nicht, dass Jesus das damit gemeint hat. Ich denke, dass eine solche Interpretation dieses Verses aus drei Gründen problematisch ist.
Zum einen, Vergebung ist eigentlich etwas, was nicht reversibel ist. Wenn wir im Restaurant zum Mittagessen eingeladen sind, und jemand hat für alle bezahlt, dann ist die Schuld beglichen. Wir haben vorhin gesagt, dass zu vergeben bedeutet, dass jemand bezahlt hat. Die Rechnung ist bereits beglichen. Wenn man das jetzt rückgängig macht, dann ist das keine richtige Vergebung.
Der zweite Grund ist, dass es dem unmittelbaren Kontext zu widersprechen scheint. Zu Beginn von unserem Text fragt Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“ Er dachte sich, dass sieben eine ziemlich großzügige Zahl ist. Einer Nervensäge siebenmal zu vergeben, erfordert auch schon ziemlich viel Geduld. Und Jesus sagt dann: „Ich sage dir nicht: bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ Damit ist nicht gemeint, dass man über die Jahre bis 490 zählen soll. Sondern Jesus meinte: „Denk noch nicht einmal im Traum daran, zu zählen. Deine Berufung ist es, immer und zu jederzeit zu vergeben, ohne Unterlass.“ Um diesen Punkt zu illustrieren, erzählt Jesus das Gleichnis. Ohne Unterlass zu vergeben ist aber genau das, was der König aber nicht tut. Er vergibt eine immense Schuld. Aber bei der nächsten Verfehlung ist es vorbei. Was ich hier sagen will, ist Folgendes: Wenn Jesus uns dazu auffordern will, ohne Unterlass zu vergeben, dann ist es etwas seltsam, dass er für Gott, den Vater, eine Illustration verwendet, die gerade das nicht tut. Das ist, als ob Jesus zu uns sagen würde: „Tut nur das, was ich sage, nicht das, was ich tue.“
Der dritte Grund ist, dass es dem größeren Kontext der Bibel zu widersprechen scheint. Um nur eine Textstelle zu nennen, in Jesaja 43,25 sagt Gott: „Ich, ich bin es, der deine Vergehen wegwischt um meinetwillen, / deiner Sünden gedenke ich nicht mehr.“ Wenn Gott vergibt, dann vergibt er richtig. Das ist es, was die Bibel an vielen Stellen sagt. Und trotzdem sagt Jesus in Matthäus 6,14.15: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Die Frage ist dann natürlich, wie wir diesen scheinbaren Widerspruch zusammenbringen. Ich habe zwei Erklärungen gefunden, die ich hilfreich fand.
Hier ist die eine Erklärung: Die Tatsache, dass Gott uns vergeben hat, bedeutet nicht gleichzeitig, dass wir daher von allen Konsequenzen einer Missetat gerettet sind. Zum Beispiel, wenn du ein Kettenraucher bist und Gott um Vergebung bittest, wird er dir sicherlich vergeben. Aber die Tatsache, dass dir vergeben wurde, bedeutet nicht, dass du nicht trotzdem Lungenkrebs bekommen könntest. Es gibt Vergehen, die intrinsisch selbstzerstörerisch sind. Wenn du unwillig und unfähig bist, anderen von Herzen zu vergeben, dann wird es dich selbst zerstören, und zwar sprichwörtlich.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die anderen vergeben, nicht nur psychisch gesünder sind, sondern auch physisch. Der „Business Insider“ schreibt: „Mediziner gehen aber davon aus, dass verletzte Gefühle und Enttäuschungen als enorme körperliche Belastungen empfunden werden. Andauernde Wut, Frustration und Rachegedanken können sich nämlich negativ auf die Herzfrequenz, den Blutdruck und das Immunsystem auswirken. Diese Veränderungen erhöhen das Risiko für Erkrankungen wie Depressionen, Herzerkrankungen und Diabetes. Vergebung ist also gut für Körper und Seele. Aber nur, wenn sie kein reines Lippenbekenntnis ist, sondern ein aktiver Prozess, in dem ihr euch bewusst entscheidet, euch von euren negativen Gefühlen zu trennen.“ Wenn wir noch einmal den Text betrachten, dann sehen wir in Vers 34, dass von Folterknechten die Rede ist. Und ich denke, dass das der Punkt ist. Gott kann und will dich, von der Sünde freisprechen. Aber wenn wir nicht vergeben, dann begeben wir uns in unser eigenes Folterverlies. Wir fügen uns selbst unnötiges Leid hinzu, indem wir es zulassen, dass uns die Rachegelüste zerfressen und zerstören.

Die andere Erklärung hängt eng damit zusammen. N.T. Wright hat folgende sehr hilfreiche Illustration verwendet: „Vergebung ist nicht wie ein Weihnachtsgeschenk, das ein lieber Großvater einem stinkigen Enkelkind geben kann, auch wenn besagtes Kind kein einziges Geschenk für andere gekauft hat. Vergebung ist nicht wie das Essen, das zu Hause auf einen wartet, auch wenn man es versäumt hat, dem hungrigen Bettler ein Sandwich und eine Tasse Tee zu kaufen. Es ist eine völlig andere Sache. Vergebung ist eher wie die Luft in der Lunge. Du kannst deinen nächsten Luftzug nur dann einatmen, wenn du den vorherigen ausgeatmet hast. Wenn du darauf bestehst, deinen Atem anzuhalten, dich weigerst, jemand anderem den Kuss des Lebens zu geben, den sie dringend brauchen, wirst du selbst nicht mehr in der Lage sein, einzuatmen, und du wirst ersticken.“

Ich finde das sehr anschaulich und sehr gut erklärt. Um das, was N.T. Wright bildlich erklärt hat, konkret zu machen: Das Evangelium sagt, dass wir aus Gnade gerettet sind. Gnade impliziert, dass wir auf der einen Seite schlimmer sind, als wir jemals gedacht haben, und gleichzeitig mehr geliebt sind als wir jemals hätten hoffen können. Das christliche Leben steht und fällt mit der Gnade Gottes. Wenn wir in dieser Gnade stehen, dann fangen wir erst richtig an zu leben. Der Punkt ist: Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann verlassen wir das Land der Gnade. Der kroatische Theologe Miroslav Volf sagte: „Vergebung scheitert daran, dass ich den Feind aus der Gemeinschaft der Menschen ausschließe, so wie ich mich selbst aus der Gemeinschaft der Sünder ausschließe.“ Stellen wir uns vor, jemand betrügt dich auf übelste Art und Weise: Dir gegenüber gibt er sich als besten Freund; aber hinter deinem Rücken lästert er über dich. Wie reagierst du darauf? Unsere erste Reaktion ist häufig: „So ein Scheusal! So ein hinterhältiger Mistkerl!“ Wir reduzieren die Person auf ihre Missetat. Wir sehen die Person eindimensional als Bösewicht. Wir nehmen die Person aus dem Kreis der Mitmenschen heraus. Und auch wenn wir das nicht laut sagen, ist unsere implizite Annahme: „Ich würde so etwas nie tun.“ Und damit nehmen wir uns aus dem Kreis der Sünder heraus.

Um das noch etwas zu vertiefen: wir haben gesagt, dass das Evangelium die frohe Botschaft ist, dass Jesus Christus der König ist. Die frohe Botschaft anzunehmen, bedeutet, Jesus als König anzunehmen. Wer unter diesem König lebt, der hat Frieden und Freude. Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann erheben wir uns zum Richter über andere. Wir üben Selbstjustiz. Wir entscheiden über das Strafmaß. Wir setzen uns auf den Thron, der eigentlich Jesus gehört.

Warum ist Vergebung notwendig? Nur in dem wir selbst vergebende Menschen sind, leben wir im Evangelium, werden wir selbst frei und heil. Nur wenn wir vergeben, atmen wir wirklich die Liebe Gottes.

Drittens, die Befähigung zur Vergebung

München im Jahre 1947: Ernste Gesichter starren mir entgegen. Ich habe gerade in einer Kirche gepredigt und über meine Zeit im Konzentrationslager gesprochen. Jetzt ist alles vorbei. Die Menschen verlassen wortlos den Raum. Ein Mann kommt mir entgegen. Er arbeitet sich gegen die Menge zu mir nach vorne.

In diesem Moment sehe ich den Mantel, den braunen Filzhut, dann die blaue Uniform und ein Barett mit Totenschädel und gekreuzten Knochen. Ich sehe den großen Raum, in dem wir uns nackt ausziehen mussten. Die Schuhe und die Kleider am Boden. Wir mussten nackt an ihm vorbeigehen. Ich erinnere mich an die Scham, ich erinnere mich an meine ausgemergelte Schwester, deren Rippen deutlich unter der pergamentartigen Haut hervortraten.

Wir waren ins KZ gekommen, weil wir Juden in unserem Haus versteckt hatten. Meine Schwester überlebte das Konzentrationslager nicht. Ich erinnerte mich an diesen Mann und an seine Jagdpeitsche, die in seinem Gürtel steckte. Jetzt stand ich zum ersten Mal einem meiner Häscher gegenüber. Mein Blut schien zu gefrieren. Er sagte: «Sie sprachen von Ravensbrück. Ich war Wächter dort.» Er fuhr fort: «Ich bin Christ geworden.» Er steckte mir seine Hand entgegen und fragte: «Werden Sie mir vergeben?»

Sekunden stand ich wie gelähmt vor diesem Mann, doch es kam mir vor als wären es Stunden. Ich kämpfte in meinem Inneren: Meine Schwester war schließlich im Konzentrationslager Ravensbrück elend und langsam gestorben. Doch dann erinnerte ich mich an eine Bibelstelle: «Wenn ihr den Menschen ihre Sünden nicht vergebt, dann wird der himmlische Vater im Himmel auch euch nicht vergeben» (Matthäus 6,15).

Ich stand immer noch vor dem Mann. Kälte umklammerte mein Herz. … Ich betete und hob die Hand. Ich betete darum, dass Gott mir das Gefühl der Vergebung schenken möge. Mit einer mechanischen Bewegung legte ich meine Hand in die Hand, die sich mir entgegenstreckte.

Dann geschah etwas Unglaubliches! Ein heißer Strom entsprang in meiner Schulter. Er lief meinen Arm entlang und sprang über in unsere beiden Hände. Mein ganzes Sein wurde von dieser heilenden Wärme durchflutet. Ich hatte plötzlich Tränen in den Augen und konnte sagen: «Ich vergebe dir! Ich vergebe dir von ganzem Herzen.»

Das ist die Geschichte, die Corrie ten Boom erzählt. Die Frage ist, wie können wir Menschen der Vergebung werden? Wie werden wir befähigt zu vergeben? Vor ein paar Jahren hatte mein Chef mich zum Bahnhof gefahren. Unterwegs hatten wir kurz über den Glauben gesprochen. Er sagte zu mir, dass er an nichts glaubt. Und dann sagte er: „Die ganzen Religionen sind doch eh alle gleich.“ Ich habe ihm sofort widersprochen und habe ihm erklärt: „Im Zentrum des christlichen Glaubens ist der Sohn Gottes, der am Kreuz für seine Feinde stirbt. In welcher anderen Religion finden wir das?“

Jesus, der ans Kreuz gehängt wurde, ist das ultimative, das größte Unrecht schlechthin, das in unserer Menschheitsgeschichte geschehen ist. Nie hat es eine größere Ungerechtigkeit gegeben, weil Jesus wirklich unschuldig war; weil er es als Sohn Gottes verdient hätte, mit höchsten Ehren überschüttet zu werden. Wir leben in einer von Kriegen und Konflikten zerrütteten Welt. Der Grund ist: A verletzt B; B rächt sich an A und richtet noch größeren Schaden an, eine Spirale der Gewalt beginnt. Aber als Jesus misshandelt wurde, als er beschimpft wurde, als er geschlagen wurde, ist gar nichts passiert. Sünde stoppte, als Jesus die Worte sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist der Ursprung, der Urquell aller Vergebung. Dieses Gebet Jesu ist das Zentrum der Schwerkraft der Vergebung. Wenn du davon angezogen bist, kannst du anfangen, ein Leben der Liebe und der Vergebung zu führen.

 

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