Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 7 – Offenbarung 5

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Das höchste Ziel von allem: Anbetung

„Sie riefen mit lauter Stimme:
Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, /
Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, /
Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit.“

Offenbarung 5,12

Offenbarung 5 ist eines dieser Texte, die man eigentlich nicht predigen sollte. Eigentlich sollte er einfach nur vorgelesen werden. Und danach sollten wir diesen Text auf uns einwirken lassen, bis wir veränderte Menschen sind.
Es geht heute um nichts weniger als den Sinn des Lebens. Aus christlicher Perspektive hat der Sinn des Lebens mit ekstatischer Freude und Begeisterung zu tun. Wir Christen verwenden in diesem Zusammenhang das Wort „Anbetung“. Der Text ist voller Anbetung. Wir wollen anhand des Textes über drei Fragen nachdenken:
1. Was ist Anbetung? 2. Warum sollten wir anbeten? 3. Wie können wir anbeten?

1. Was ist Anbetung?
Im Text sehen wir verschiedene Elemente, die alle zur Anbetung dazu gehören. Zum einen sehen wir, dass Anbetung mit unserem Körper geschieht. In Vers 8 lesen wir: „Als es das Buch empfangen hatte, fielen die vier Lebewesen und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nieder.“ Und in Vers 14 lesen wir: „Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an.“ Die meisten Ausleger gehen davon aus, dass die 24 Ältesten im Prinzip Engel sind. Und wir lesen zweimal, dass die Geschöpfe im Himmel vor dem Lamm niederfallen. Sie gehen auf die Knie und fallen auf ihr Angesicht. Anbetung hat etwas Körperliches an sich.
Viele von uns sind jetzt nicht so diejenigen, die viel mit dem Körper ausdrücken wollen. Ich weiß gar nicht, wer von uns gerne tanzt. Wenn wir bei uns Lieder singen, und das Lobpreisteam bittet uns, aufzustehen, tun wir das manchmal mit einer gewissen Behäbigkeit. Aber gehen wir mal von einem anderen Szenario aus: das Fußball-Stadion während einem Champions-League-Spiel; oder während einem Länderspiel bei der Weltmeisterschaft. Was sehen wir da? Wir sehen 50,000 oder noch mehr Fans vor Begeisterung springen, tanzen, gestikulieren, Farbe bekennen, Schals präsentieren, Krach machen. Wofür? Wegen 22 Spielern in der Mitte, die einem Ball hinterherlaufen. Kleines Gedankenexperiment: stellen wir uns vor, Außerirdische kommen unseren Planeten besuchen. Und das Erste, was sie zu sehen bekommen ist, ist ein Bundesligaspiel: BVB gegen München. Sie würden vermutlich denken, dass wir Menschen völlig verrückt sind. Ich sage nicht, dass Fußball Anbetung ist; obwohl das auf manche Fans durchaus zutrifft. Aber Fußball hat auf jeden Fall Elemente von Anbetung: ein Ausdrücken von Begeisterung mithilfe unseres ganzen Körpers. Wir sitzen nicht still da.
Zum Niederfallen gibt es noch einen weiteren Punkt zu sagen: Es drückt Unterordnung aus; es drückt Hingabe aus. Es ist das, was Diener vor ihrem König und Herrn tun mussten. Anbetung ist ein Dienst: Man erkennt an, dass es etwas Höheres und Größeres gibt; und man gibt zu erkennen, dass man sich unter diese Herrschaft begibt. Ich kann mir vorstellen, dass das vielen modernen Menschen überhaupt nicht gefällt. Ich werde in ein paar Minuten etwas mehr dazu sagen.
Der nächste Aspekt ist, Anbetung hat auch etwas Rationales an sich. In den Versen 9 und 10 hören wir, wie die Ältesten Jesus preisen. Das Entscheidende ist: sie preisen nicht nur. Sie sagen auch wofür und weshalb genau: „Würdig bist du, / das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du wurdest geschlachtet / und hast mit deinem Blut / Menschen für Gott erworben / aus allen Stämmen und Sprachen, / aus allen Nationen und Völkern und du hast sie für unseren Gott / zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; / und sie werden auf der Erde herrschen.“ Das ist eine ziemlich ausführliche Begründung, weshalb sie ihn preisen. Und das ist dann auch der Unterschied zu Fußball. Natürlich kann Fußball aufregend sein; aber am Ende des Tages geht es um einen Ball, der auf ein Tor geschossen wird. Per Definition kann es nicht wichtig sein.
Die Begeisterung im Himmel ist kategorisch eine völlig andere, weil die Ekstase sehr rational begründet ist. Und das steht so ziemlich genau im Gegensatz zu allem, was viele Menschen über den Glauben denken. Der Tagesspiegel hatte vor ein paar Jahren verschiedene Professoren zu dem Thema befragt, ob Glauben und Vernunft vereinbar sind. Die große Mehrheit sagte eindeutig nein. Soziologie-Professorin Nina Degele aus Freiburg sagte z.B.: „Glaube hat so viel mit Vernunft zu tun wie ein Fisch mit einem Fahrrad, nämlich herzliche wenig.“
Die Bibel spricht eine ganze andere Sprache. Anbetung ist eben nicht einfach nur Emotion, Gefühle, Ekstase. Anbetung beruht immer auf rationalen Begründungen. Die Bibel sagt nicht einfach: „Freut euch! Einfach deshalb, weil es schön, sich zu freuen.“ Sie sagt: „Freut euch in dem HERRN.“ Die Bibel sagt nicht einfach „Preist den HERRN.“ Sie sagt: „Preist den HERRN, denn seine Güte währt ewiglich.“ D.h., sie spricht den Verstand des Menschen an, genauso wie sein Herz. Man kann sich natürlich immer noch darüber streiten, ob das, was die Bibel wahr ist oder nicht. Aber der Punkt, der sich nicht leugnen lässt, ist der, dass die Bibel den Anspruch erhebt, Wahrheiten zu vermitteln, die von unserem Verstand erfasst, geprüft, verstanden und verdaut werden sollen. Anbetung findet niemals in einem Vernunftsvakuum statt.
Noch ein Punkt: Anbetung ist immer ein Ausstrecken nach dem Unendlichen. Der Preis in Offenbarung 5 ist unbeschreiblich und gigantisch: Es beginnt mit den Ältesten, und den vier Lebewesen, die sich direkt am Thron befinden. In Vers 11 stimmen unzählige Engel ein: „Ich sah und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend.“ Und das ist immer noch nicht alles. In Vers 13 heißt es: „Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was darin ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm / gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit.“ Die Anbetung breitet sich in immer größeren Wellen aus. Es ist, wie wenn man ein Stein ins Wasser wirft: ausgehend von der Einwurfstelle gehen kreisförmige Wellen aus. Der Unterschied ist: im Wasser werden die Wellen nach und nach kleiner werden, je weiter sie sich entfernen. Aber hier ist das Gegenteil der Fall. Die Wellen werden größer und türmen sich immer weiter auf. Das macht etwas mit uns.
Die meisten von uns lieben Musik. Ganz offensichtlich nicht die gleiche Art von Musik. Aber praktisch jeder Mensch liebt irgendeine Form von Musik. Der berühmte Dirigent Zubin Mehta erzählte, wie er als junger Student die Wiener Philharmoniker unter dem Altmeister Karl Böhm gehört hatte. Er war von diesem Klang zutiefst fasziniert. Und er sagte, dass seither jedes Konzert, das er selbst dirigiert, der Versuch ist, diesen Klang zu rekonstruieren. Ich glaube, ich verstehe ziemlich genau, was er meint. Ohne anmaßend sein zu wollen, glaube ich nicht, dass Zubin Mehta meinte, dass er auf der Suche nach dem Klang der Wiener Philharmoniker der 50er Jahre ist. Ich denke, dass er etwas anderes meinte. Es ist die Suche nach einer Schönheit, die unendlich ist, die nicht von dieser Welt ist, sondern eigentlich himmlisch ist. Jeder Mensch ist in irgendeiner Form auf der Suche nach dieser Schönheit. Wir wollen nicht nur das Schöne finden und genießen; wir wollen in dem Schönen baden und mit dem Schönen vereint sein.
Um noch einen Musiker zu zieren: für Leonard Bernstein war Beethoven der größte Komponist aller Zeiten. Bernstein sagte: „Beethoven brach alle Regeln und schuf Werke von atemberaubender Richtigkeit. Richtigkeit – das ist das Wort! Wenn du das Gefühl hast, dass jede Note, die auf die letzte folgt, die einzig mögliche Note ist, die in diesem Moment, in diesem Kontext, richtig sein kann, dann hörst du wahrscheinlich Beethoven. … Unser Junge hat das echte Zeugs, den Stoff vom Himmel, die Kraft, dich am Ende spüren zu lassen: Etwas stimmt in der Welt. Es gibt etwas, das durchgängig regiert, das konsequent seinem eigenen Gesetz folgt: etwas, dem wir vertrauen können, das uns nie im Stich lässt.“ Hier ist das, was Bernstein damit meinte: Beethovens Musik ist ein Hinweis darauf, dass es so etwas gibt, was objektiv wahr und schön ist. Anbetung ist ein Ausstrecken nach dem Unendlichen: nach etwas, was objektiv herrlich ist, objektiv schön ist, objektiv wahrhaftig ist, objektiv gut und gütig ist.
Offenbarung 5 sagt, dass Gott diese Person ist: unendlich gut und unendlich wunderbar. Er ist das Zentrum und das Objekt der Anbetung. Um zusammenzufassen, Anbetung ist die bewundernde Verehrung Gottes, die durch unser ganzes Sein zum Ausdruck kommt, durch unseren Körper, unser Intellekt, unsere Emotionen und unseren Willen.

2. Warum sollten wir anbeten?
N.T. Wright, der große NT-Theologe, hat Offenbarung 5 mit einer Bühne verglichen, auf der ein unglaubliches Schauspiel stattfindet. Die Musik beginnt. Sie ist grandios und großartig. Aber die Frage ist dann: wo bleiben die Schauspieler? Und plötzlich merkt man als Zuschauer: „Moment einmal, … wir alle sind heute die Akteure. Ich bin Teil von der Aufführung.“ Und genau das ist der Fall. Ich habe zu Beginn gesagt, dass dieser Text eine offene Einladung an dich ist, ein Anbeter zu werden. Und falls du jetzt denkst: „Warum sollte ich das? Das passt nicht nur mir“, möchte ich dir gerne sagen: jeder Mensch, ohne Ausnahme ist ein Anbeter.
Tim Keller hat am Freitag folgendes auf Twitter geschrieben: „Zwei Behauptungen: Erstens, dass alle Menschen ihr Leben auf Glauben gründen – auf empirisch nicht belegbare Glaubensannahmen. Zweitens, dass alle Menschen anbeten – ihre letzte Liebe und Hoffnung auf etwas richten. Ich denke, diese Behauptungen haben ihren Wert, aber ich sehe auch, wie sehr sie Atheisten/Agnostiker verärgern. Diskutiert mal schön.“
Vorhin habe ich gesagt, dass Anbetung das Ausstrecken nach dem Unendlichen ist. Ich denke, dass praktisch alle Menschen das auf die ein oder andere Weise tun, aber es vielleicht nicht so nennen. Hier sind zwei Beispiele, die ich aus Filmen aufgegriffen haben, und mit denen sich viele Menschen identifizieren können.
In dem Marvel Film Doctor Strange (den ich durchaus empfehlen kann, nicht unbedingt wegen der Qualität des Films, sondern wegen vieler guter Zitate), gibt es einen unglaublich ehrgeizigen und egozentrischen Arzt, der seine Karriere über alles stellt. Er trifft in dem Film auf eine Zauberin, die von den anderen die Älteste genannt wird, die ihn unter ihre Fittiche nimmt. Nach einem Kampf, in dem Doctor Strange jemand töten musste, beklagt sich Dr. Strange: „Als ich Arzt wurde, hatte ich geschworen, dass ich niemanden schaden werde. Und ich habe gerade einen Mann umgebracht. Ich bin Arzt geworden, um Leben zu retten, nicht Leben zu nehmen.“ Die Älteste antwortet darauf: „Du bist Arzt geworden, um ein Leben vor allen anderen zu retten. Dein eigenes.“ Dr. Strange sagt dann: „Du durchschaust mich also immer noch?“ Ihre Antwort: „Ich sehe das, was ich immer gesehen habe: dein aufgeblasenes Ego.“ Die Älteste hat recht: Jeder von uns versucht sein eigenes Leben zu retten. Und wir wenden uns etwas oder jemanden zu, um diese Rettung zu suchen: es kann Geld sein, Anerkennung und Status, oder die Romanze des Lebens, der oder die Partnerin fürs Leben.
Hier ist ein anderes Beispiel. Es gibt auf Youtube einen kurzen, sehr schön gemachten Dokumentarfilm über einen sympathischen Ramen Koch namens Kunimoto. Als Restaurant-Besitzer arbeitet er unglaublich hart. Wenn man die Stunden aufsummiert, in denen er arbeitet, kommt man auf 80 Wochenstunden fast ununterbrochener, physischer, anstrengender Arbeit. Der Filmer, der die Geschichte erzählt, sagt dazu: „Wenn du gedenkst, der Eigentümer von einem Geschäft zu sein, denkst du, dass du der Chef von allen bist. Und sicher, das bist du irgendwie auch… Aber was du vielleicht nicht weißt, ist, dass das Geschäft dich besitzt. Und anstelle eines Chefs hast du alle deine Kunden, die du zufrieden stellen musst. Wenn du denkst, dass du die schmutzigen Aufgaben loswirst, wirst du vielleicht enttäuscht sein, festzustellen, dass du sie trotzdem alle erledigen musst. … Kunimoto ist der Erste, der kommt, und der Letzte, der geht.“ Ich finde den Satz so erstaunlich: „Nicht du besitzt das Geschäft. Das Geschäft besitzt dich.“
Frage: Was ist es, was dich nachts wach hält? Um was machst du dir Sorgen? Sorgen sind Gedanken, die wie Geier um ein Problem herumkreisen. Um was kreisen sich deine Gedanken? Und was sind die ersten Gedanken, die dir spontan in den Sinn kommen, wenn du dein Smartphone nicht in der Hand hast? Die Wahrscheinlich ist groß, dass es genau das ist, was du anbetest. Es ist das, wovon du dir Rettung erhoffst: wovon du hoffst, dass es dein Leben mit Sinn erfüllt. Vorhin haben wir gesehen, dass Anbetung mit Unterordnung zu tun hat. Und vielleicht denken wir, dass wir unsere eigenen Chefs sind; dass niemand uns Vorschriften macht; dass wir autonom entscheiden, was wir für unser Leben wollen. Aber es ist nur eine Illusion. Fakt ist, dass wir alle jemanden dienen: häufig ist es unsere Arbeit und unsere Karriere. Oder es können die Kinder sein, für die man sich pausenlos aufreibt, weil man ihnen das Leben ermöglichen will, das man selbst nicht haben konnte, weil man sein eigenes ich durch sie verwirklichen will. Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han sprach davon, dass wir vielleicht keine Sklaventreiber mehr über uns haben; aber wir beuten uns selbst leidenschaftlich aus.
Du bist bereits ein Anbeter. Solange du Gott nicht anbetest, wirst du die Erfahrung machen, dass das, was du anbetest, nicht halten können wird, was es verspricht. Wie oft hattest du in deinem Leben bereits das Gefühl: „Ich bin so froh darüber, dass ich befördert wurde und mehr Geld bekomme. Aber es hält nicht, was es versprochen hat.“ Oder: „Der Urlaub war schön. Aber eigentlich hatte ich es mir besser vorgestellt.“ Oder: „Die Flitterwochen mit meinem Traumpartner waren wunderbar; aber wenn ich ganz ehrlich bin, hat irgendetwas gefehlt.“
Oder aber, du wirst die Erfahrung machen, dass das, was du anbetest, wirklich hart und unnachgiebig ist. Ich kannte eine Studentin, die Musikwissenschaft studiert hatte. Aber Musikwissenschaft war nicht das, was sie eigentlich wollte. Eigentlicher war ihr Lebenstraum, eine Pianistin zu werden. Dieser Traum ist wie eine Seifenblase zerbrochen, als die Musik-Professoren ihr mitteilen mussten, dass ihre Hände dafür zu klein sind. Unsere Gesellschaft ist ja voll von irgendwelchen Heldengeschichten, in denen Menschen bekennen: „Mir wurde gesagt, das packst du nie!“ Aber wenn man nur an sich glaubt und hart arbeitet, dann kann man alles erreichen. Und wisst ihr was? Das sind die Ausnahmen, die die Regeln bestätigen. Was macht das mit einem, wenn man sich etwas mehr als alles andere wünscht, und man erfährt: „Du bist ungeeignet. Du bist unzureichend.“ Als sie diese Geschichte erzählte, musste sie weinen. Viel später erst habe ich verstanden, dass da ganz klar eine Verletzung war, die nicht ausgeheilt war. Ihr Objekt der Anbetung war, eine Pianistin von Weltrang zu werden. Das war es, was sie anbetete. Und dieser Ersatzgott hatte ihr nicht vergeben. Wenn das, was du anbetest, nicht Gott ist, wirst du entweder enttäuscht werden, weil es nicht hält, was es verspricht oder es wird dich niedermachen.
Aber in Gott selbst findest du ein Objekt der Anbetung, das groß genug ist, um deinen größten Erwartungen standzuhalten. Gott ist herrlich und schön, um uns für immer zu begeistern; er wird uns nicht enttäuschen. Und gleichzeitig finden wir einen Herrn, der gnädig und gütig ist, uns alle unsere Vergehen und Versagen zu vergeben.

3. Wie können wir anbeten?
Man könnte hier so viel aus dem Text herausziehen, z.B. was es bedeutet, dass sie ein neues Lied singen. Aber ich möchte zum Schluss nur einen Punkt erwähnen, der uns hoffentlich Anstoß gibt, mehr und mehr zu Menschen zu werden, die ein Leben der Anbetung führen.
Es braucht eine kontinuierliche Beschäftigung mit der frohen Botschaft von Jesus, dem Evangelium. Was ist der Grund für die unbeschreibliche Anbetung im Text? Das Lamm empfängt das Buch. Das ist der Grund. Vers 9: „Und sie sangen ein neues Lied und sprachen: Würdig bist du, / das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen;“ Vielleicht fragt ihr euch: Was hat das zu bedeuten? Was hat es mit dem Buch auf sich? Warum das ganze Drama wegen des Buchs?
Lasst mich ganz kurz ausholen. In Kapitel 5,1 ist von einer Buchrolle die Rede, die außen und innen beschrieben ist. Die Tatsache, dass sie außen und innen beschrieben ist, ist außergewöhnlich. Es bedeutet, dass der Inhalt des Buches reichhaltig und überfließend ist. Im weiteren Verlauf von Offenbarung erfahren wir, was der Inhalt von diesem Buch ist. Das Buch handelt von Gottes großartigen Plänen für unsere Welt. Gott erschuf die Welt. Seine Intention war es, das Projekt Welt mit uns Menschen gemeinsam zu gestalten. Aber wir Menschen haben uns sofort disqualifiziert, als wir in Sünde und Ungehorsam gefallen sind. Dann war Gottes Plan, sich eine Person zu erwählen und durch deren Nachkommen diese gefallene Welt wiederherzustellen. Israel heißt der Plan. Aber das AT dokumentiert das kontinuierliche Versagen von Israel. Wir Menschen sind unwürdig und Israel hat es vermasselt. Und weil dem so ist, findet sich niemand im Himmel und auf der Erde, der das Buch öffnen kann und Gottes Pläne ausführen kann. Vers 4 sagt: „Da weinte ich sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und hineinzusehen.“ Es scheint niemand da zu sein, der das Böse besiegen und diese Welt zu einem guten Ende bringen würde.
Johannes wird getröstet. Vers 5: „Da sagte einer von den Ältesten zu mir: Weine nicht! Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids; er kann das Buch und seine Siegel öffnen.“ Hier ist das Besondere: Der Engel sagt, dass es eine Person gibt, die Mensch ist und stellvertretend alle Menschen repräsentiert; und dass diese Person der Nachkomme Davids ist, also auch für Israel steht. Wir erwarten den Auftritt des Löwen: der siegreiche König, der die Finsternis besiegt und das Böse überwunden hat. Wer ist dieser Held?
In einem der wunderbarsten Wendepunkte der ganzen Bibel lesen wir dann: „Und ich sah: zwischen dem Thron und den vier Lebewesen und mitten unter den Ältesten stand ein Lamm; es sah aus wie geschlachtet und hatte sieben Hörner und sieben Augen…“ Wir erwarten einen starken, mächtigen, brüllenden Löwen. Aber der Löwe ist ein Lamm. Jesus hat das Böse besiegt. Aber nicht durch politische Raffinesse, nicht durch militärische Gewalt, nicht durch Unterdrückung. Er hat das Böse besiegt, indem er geschlachtet wurde; er hat gewonnen, indem er für alle gestorben ist und auferstanden ist. Es war die einzige Möglichkeit, Sünde zu vernichten, ohne uns zu vernichten; es war die einzige Möglichkeit, die Finsternis zu vertreiben, ohne uns zu vertreiben; es war die einzige Möglichkeit, Bosheit zu richten, ohne uns zu richten. Das ist das Evangelium. Das ist die frohe Botschaft von Jesus Christus.
Jesus ist der Löwe, der das Lamm ist, das geschlachtet ist. Jesus ist stark, und er ist sanftmütig; er ist mächtig, und er ist freundlich; er ist gefährlich und er ist verletzlich; er ist König, und er ist Diener; er ist Priester, und er ist das Opfer; er ist hoch erhöht, und er hat sich ganz erniedrigt. Er überwindet alle Gegensätze, und er vereint, was vorher unvereinbar scheint.
Er ist für dich gestorben. Was hätte er noch tun können, um dich zu gewinnen? Wenn du das verstanden hast, dann beginnt dein Herz zu singen. Anbetung.

 

 

 

 

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 6 – Matthäus 25,31-46

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Barmherzigkeit

„Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

(Matthäus 25,40)

Wir hören heute die vorletzte Predigt zum Thema „Mission“. Bisher haben wir betrachtet, wie Jesus seinen Jüngern die Vision von der großen Ernte für das Evangelium gegeben und sie aufgefordert hat, Gott zu bitten, dass er Arbeiter in seine Ernte sende (Mt 9,35-38). Wir haben erfahren, wie Paulus in verschiedenen Städten das Evangelium auf unterschiedliche Weise verkündigt und dabei jeweils den kulturellen und religiösen Hintergrund seiner Zuhörer berücksichtigt hat. Heute betrachten wir Jesu letzte Predigt im Matthäusevangelium vor seiner Gefangennahme. Davor hatte er nach dem Einzug in Jerusalem den Jüngern die Rede über die Endzeit gehalten. Danach hatte er ihnen durch drei Gleichnisse gesagt, wie sie bis zu seiner Wiederkunft leben sollten, und dabei erklärt, wer ins Himmelreich kommt und wer nicht (Gleichnis vom treuen und vom bösen Knecht (24,45-51); von den klugen und törichten Jungfrauen (25,1-13); von den anvertrauten Talenten (14-30)). Mit dem heutigen Text schließt Jesus seine Rede an sie ab. Jesus kündigt darin konkret an, dass er als König wiederkommen wird und alle Menschen vor ihm versammelt, und dass die einen ins Himmelreich eingehen werden, die anderen aber ins ewige Feuer gehen müssen. Es ist also eine konkrete Prophezeiung, bei der Jesus ein Bild gebraucht (Trennung von Schafen und Böcken). Durch das Gespräch des Königs mit den beiden Gruppen veranschaulicht er den Grund, warum die einen gerettet und die anderen verflucht werden. Lasst uns heute lernen, was Jesus von uns Gläubigen unbedingt erwartet.

Wie beginnt Jesus seine Rede? Er sagt in den Versen 31 und 32a: „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden.“ Jesus sagt seine Wiederkunft nicht gleichnishaft, sondern klar und deutlich voraus. Dabei wiederholt er das Wort Herrlichkeit. Als Jesus zuerst auf die Erde kam, kam er als ein Baby in einem Stall in Niedrigkeit. Aber hier betont Jesus, dass er in Herrlichkeit kommen wird. Wenn auf ein König oder Staatspräsident eines anderen Lands Deutschland einen offiziellen Staatsbesuch abstattet, dann stehen am Flughafen vielleicht zwanzig oder dreißig Soldaten Spalier, um ihm Ehre zu erweisen. Letzte Woche hat zum Beispiel die Königin von Dänemark einen Staatsbesuch in Deutschland gemacht und wurde am Flughafen von einem hohen Beamten und einigen Soldaten der Bundeswehr empfangen. Das gilt als eine große Ehre, die nur wenigen Menschen zuteil wird. Aber wenn der König Jesus wiederkommt, wird es mit nichts auf der Welt zu vergleichen sein. Alle Engel werden mit ihm sein, um ihm Ehre zu erweisen; nach der Offenbarung gibt es viele Millionen Engel. Jesus wird sich nicht auf einen Stuhl aus Holz setzen, sondern auf den Thron seiner Herrlichkeit. Jesus wird herrlich sein, auch wenn er richtet.

Alle Völker werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Hier verwendet Jesus ein Bild, das den Menschen damals sehr vertraut war. Damals war es üblich, dass man Schafe und Ziegen zusammen weiden ließ. Am Abend trieb man alle Tiere zusammen und trennte die Schafe von den Ziegen, weil man sie in unterschiedliche Ställe bzw. Unterstände brachte. Dazu trieb man die Tiere in eine Art Gang, der so schmal war, dass am Ende jedes Tier einzeln vor dem Hirten stand. Der machte dann je nachdem, ob es ein Schaf oder eine Ziege war, auf der rechten oder auf der linken Seite das Gatter auf, sodass die Tiere genau getrennt wurden.

Durch dieses Bild macht Jesus anschaulich, dass nach seiner Wiederkunft jeder einzeln vor ihm stehen wird. Heute denken die meisten, dass sie ihre Religion oder Weltanschauung beliebig wählen könnten und dass es nur darum ginge, ob sie selbst damit im Leben „zurechtkommen“. Immer mehr Menschen denken, dass es gar keine Wahrheit gäbe, die über ihnen steht, und sie lehnen Gott und sein Wort und seinen Sohn leichtfertig ab oder erkennen ihn nur formal und oberflächlich an. Diejenigen, die an Jesus glauben und ihm in ihrem Leben ernsthaft nachfolgen, sehen für viele wie Narren oder wie Fanatiker aus, weil sie auf Gott ihre Hoffnung setzen, den sie nicht sehen und deshalb nicht für real halten. Aber wenn Jesus wiederkommen wird in seiner Herrlichkeit, werden alle Menschen vor ihn gebracht und jeder wird einzeln vor ihm stehen. Niemand kann sich dann vor ihm verstecken. Niemand kann sich auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, zum Beispiel einer gläubigen Familie oder einer bestimmten Gemeinde, berufen; jeder wird einzeln vor dem König stehen und von ihm beurteilt werden. Der König wird jeden entweder zu seiner Rechten oder zu seiner Linken stellen. In dieser Welt scheint es viele mögliche Wege zu geben, und jeder hat die Neigung, seinen eigenen Weg für richtig zu halten. Immer mehr Menschen behaupten, dass jeder Weg richtig sei, wenn man sich dabei gut fühlt und anderen keinen Schaden zufügt. Aber wenn Jesus wiederkommt in seiner Herrlichkeit, wird es nur zwei Möglichkeiten geben.

Welche sind das? Vers 34 sagt: „Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“ Er wird denen zu seiner Rechten das Reich seines Vaters geben, das herrlich und ewig ist. Gott hat es für sie schon vorbereitet, als er diese Welt schuf. Gott hat schon von da an vorgehabt, ihnen das Reich zu geben, in dem es kein Leiden, keine Schmerzen, keine Tränen und keinen Tod mehr geben wird, sondern seine Leben in Herrlichkeit in Ewigkeit.

Wer sind die, die diese Herrlichkeit erlangen? Jesus sagt in den Versen 35 und 36: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Jesus sagt, dass sie ihm mit Barmherzigkeit begegnet waren, als er bedürftig war. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass sie sich das Reich durch ihre Werke verdient hätten. Aber das ist sicher nicht, was Jesus damit sagen will. Im Vers 34 heißt es, dass sie das Reich ererben sollen. Erben bedeutet gerade nicht, dass man sich etwas erarbeitet oder verdient, sondern man erbt gewöhnlich wegen der Beziehung, zum Beispiel weil man der Sohn oder die Tochter des Gestorbenen war. Im Vers 37 werden sie außerdem „die Gerechten“ genannt. Die Bibel sagt klar, dass kein Mensch durch seine Werke gerecht wird. Sie sind also nicht Gerechte, weil sie so viele Werke der Liebe getan haben, sondern umgekehrt: Sie haben so viele Werke der Liebe getan, weil sie vom König gerecht gemacht worden sind und seine Liebe, die sie empfangen haben, im Herzen tragen.

Die Gerechten wissen nicht, wann sie dem König so gedient haben, und fragen: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“ (37-39) Ihnen war gar nicht bewusst, dass sie dem König gedient haben. Sie haben den Brüdern, die in Not waren, wie selbstverständlich gegeben, was sie brauchten, weil sie im Herzen barmherzig waren. „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (40). Aber Jesus bewertet ihre Tat so, dass sie das für ihn getan haben. Wir wollen darauf gleich nochmal eingehen, aber davor den Text bis zum Ende betrachten.

Jesus sagt weiter: „Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht“ (41-43). Jesus nennt sie Verfluchte. Der Grund dafür ist, dass sie ihm keine Barmherzigkeit erwiesen haben, als er in Not war. Auch sie fragen ihn, wann sie ihn denn bedürftig gesehen und ihm nicht gedient haben. Seine Antwortet darauf ist: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ Die „Begegnung fürs Leben“-Übersetzung sagt hier: „Ich versichere euch: Was ihr bei einem der Geringsten meiner Brüder und Schwestern unterlassen habt, das habt ihr an mir unterlassen!“ Sie waren unbarmherzig gegenüber den Geringen und haben ihre Bedürfnisse ignoriert, weil es ihnen an Liebe fehlte. Ihnen fehlte die Liebe, weil sie den König und seine wahre Liebe abgelehnt haben. Deshalb liebten sie ihn nicht und hatten keine Beziehung zu ihm. Dafür haben sie keine Entschuldigung. Daher sagt Jesus abschließend: „Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben“ (46). Ihre gute bzw. fehlende Beziehung zu Jesus und die vorhandene oder fehlende Liebe zu den Geringen macht den Unterschied.

Hier stellen sich einige Fragen, durch die wir einige wichtige Punkte lernen können. Zum einen hat sich bestimmt schon jemand gefragt: Wenn wir dadurch gerecht werden, dass wir Jesu Liebe zu uns im Glauben annehmen, warum hat Jesus in den Versen 35 und 36 ihre Werke der Liebe als Grund für ihre Rettung genannt? Auf diese Frage habe ich in einer Studienbibel eine gute Antwort gelesen: „Das Echtheitssiegel unseres Glaubens ist die Art, wie wir handeln.“ (Begegnung fürs Leben, S. 1575, SCM). Wir werden also durch den Glauben an Jesus gerecht; aber durch unsere Lebensweise zeigt es sich, ob unser Glaube echt ist. Wir selbst können es daran erkennen; und Gott will dieses Erkennungsmerkmal für unseren Glauben sehen. Zurecht, denn wenn wir Jesu Liebe wirklich für uns angenommen haben, werden wir von seiner Liebe erfüllt und werden unseren Mitmenschen lieben und den Bedürftigen helfen. Interessanterweise nennt Jesus hier lauter Werke, die jeder jeden Tag tun kann. Jemandem zu essen, zu trinken oder Kleider zu geben oder einen Kranken oder Einsamen im Gefängnis zu besuchen, erfordert weder Reichtum noch besondere Fähigkeiten oder Intelligenz. Jesus will, dass wir unseren Nächsten, die bedürftig oder in Not sind, mit Liebe dienen, so gut wir es können, und nicht denken: Das ist nicht meine Aufgabe. Es gibt keine Entschuldigung dafür, wenn wir Mitmenschen vernachlässigen, die in goßer Not sind. Die Liebe zu den Bedürftigen ist eine entscheidende Eigenschaft unseres Glaubens, die Gott sehr wichtig ist. Paulus schrieb daher in seinem Brief an die Christen in Galatien: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“ (Galater 5,6). Echter gesunder Glaube macht uns aktiv und treibt uns zu vielen Werke der Liebe an.

Wem gegenüber sollen wir auf diese Weise barmherzig sein? Wen hat Jesus mit seinen geringsten Brüdern genau gemeint? Über diese Frage ist viel diskutiert worden. Manche meinen, dass es sich auf die Juden bezieht, andere, dass es sich auf alle Christen bezieht, wieder andere, dass damit alle leidenden Menschen in der Welt gemeint sind. Ich glaube, dass Jesus hier vor allem seine Jünger, die an ihn glauben, gemeint hat. Vieles spricht dafür. In Matthäus 10,42 sagt Jesus: „Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ Das griechische Wort für „Kleinen“ ist zwar anders als das Wort für „Geringsten“, aber der Sinn der Aussagen ist ähnlich, und Jesus bezieht sich hier eindeutig auf Jünger. Außerdem hat Jesus nach dem Johannesevangelium am selben Abend seinen Jüngern das neue Gebot gegeben und gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebt habt“ (Joh 13,34). Jesus will eindeutig, dass wir die Glaubensgeschwister lieben, wie sie sind, und denen, die auf die eine oder andere Weise Mangel haben und Hilfe brauchen, mit Liebe dienen.

Dabei sollen wir unsere Barmherzigkeit aber nicht auf die Glaubensgeschwister beschränken. Wenn wir einen Nachbarn oder Fremden sehen, der dringend Hilfe braucht, sollten wir ihm helfen, ganz unabhängig davon, ob er auch an Jesus glaubt; alles andere wäre gegen den Sinn der Liebe. Jesus liebt alle Menschen und will alle retten. Unsere Barmherzigkeit kann für sie ein gutes Zeugnis von Jesu Liebe sein. Apostel Paulus schrieb in seinem Brief an die Christen in Galatien: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal 6,10). Wir sollen also jedem mit Barmherzigkeit begegnen und dienen, am meisten den Glaubensgeschwistern. Wenn wir die Geschwister aber nicht so lieben können, ist das ein Hinweis darauf, dass unsere Liebesbeziehung zu Jesus nicht mehr in Ordnung ist. Dann sollen wir zu Jesus kommen und für unsere mangelnde Liebe Buße tun und seine Liebe in unserem eigenen Herzen neu annehmen und sollen neu anfangen, sie an anderen auszuüben.

Dabei kann es uns helfen, wenn wir uns bewusst machen, dass Jesus sich mit seinen hilfsbedürftigen Brüdern identifiziert. Betrachten wir noch einmal Vers 40: „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Jesus sagt hier nicht nur lobend, dass sich die Gerechten um bedürftige Geschwister gekümmert hatten. Er sagt viel mehr: „das habt ihr mir getan.“ Damit identifiziert er sich mit den Gläubigen, die Hilfe brauchen. Wie ein Vater sich freut, wenn Freunde oder Nachbarn seinem Kind etwas Gutes tun, zum Beispiel es in ihre Wohnung aufnehmen, wenn niemand zu Hause ist und es draußen kalt ist und regnet, so freut sich der König Jesus sehr, wenn wir seinen Brüdern Gutes tun, selbst wenn sie die „Geringsten“ sind, was bedeutet, dass sie vielleicht materiell bedürftig sind oder noch klein oder unreif im Glauben sind. Jesus bewertet allen Dienst, den wir für sie tun, so, als ob wir es direkt für ihn getan hätten.

Was bedeutet das für uns? Zuerst bedeutet es, dass wir Jesu Herz verstehen sollen, wie sehr er auch den Geringsten seiner Brüder liebt, auch den, der verschiedene Probleme oder einen nicht so einfachen Charakter hat, und sich wünscht, dass es ihm gut geht. Die Frage ist: betrachten wir die Glaubensgeschwister mit diesem Bewusstsein? Wir sollen beten, dass wir die Geschwister nicht auf gewöhnliche Weise sehen, wie sie uns halt vorkommen, oder gar mit dem Gedanken an irgendwelche alten Erfahrungen mit ihnen, sondern mit den Augen Jesu, voller Liebe und Barmherzigkeit. Wir sollen für unsere Geschwister beten, bis wir hinter ihnen Jesus sehen, der sie so liebt und für sie gestorben ist und sich sehnlichst wünscht, dass ihr Mangel gestillt und ihr Leben gut wird. Wir sollen uns immer wieder klarmachen, dass wir, wenn wir ihnen dienen, in Wirklichkeit Jesus dienen. Wenn uns das bewusst ist, haben wir immer eine große Motivation und Bereitschaft, wahrzunehmen, was sie brauchen, und es ihnen zu geben – sei es ein Gespräch, ein Wort der Ermutigung, praktische Hilfe oder materielle Unterstützung. Jede Not eines Bruders oder einer Schwester ist für uns eine gute Gelegenheit, unsere Liebe zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Und Jesus hat gesagt, dass er es als unsere Liebe zu ihm annimmt.

Der Hauptpunkt dieser Predigt Jesu ist also die Liebe und Barmherzigkeit, die jeder Christ haben und im täglichen Leben an seinen Geschwistern und Nächsten praktizieren soll, auch jeder von uns. Jesus will daran die Echtheit unseres Glaubens an ihn sehen. Seine Liebe befähigt uns, unsere Nächsten anzunehmen, wie sie sind, und auf ihre Bedürfnisse und Nöte mit Barmherzigkeit zu antworten, seien sie praktischer oder seelischer oder geistlicher Art. Die Form unseres Dienens kann dementsprechend anders sein, zum Beispiel eine praktische Hilfe oder Besuch, Zuhören, Rat, Seelsorge oder Hilfe durch gemeinsames Bibellesen und Beten und Fürbitte. Wenn wir Jesu Liebe im Herzen haben, dann befähigt uns seine Liebe dazu, die Bedürfnisse des anderen richtig wahrzunehmen und zu verstehen, wenn wir für die Person beten und die Hilfe des Heiligen Geistes erbitten. Wenn wir einem Menschen aus Jesu Liebe helfen wollen und deshalb mit ihm die Bibel studieren, wollen wir immer den ganzen Menschen vor Augen haben und auch auf sein praktisches Leben achten, um ihm in Jesu Sinn ganzheitlich zu helfen. Natürlich werden wir, wenn derjenige unsere praktische Hilfe braucht, nach Möglichkeit helfen, was wäre das sonst für Liebe! Und andererseits, wenn wir einem Bruder oder einem Bekannten zum Beispiel beim Umzug helfen, werden wir auch an seine geistliche Lage denken und für sein geistliches Heil beten, weil uns Jesu Liebe dazu treibt.

So wie Jesus das Gleichnis erzählt hat, geht es hier vor allem um die Liebe jedes Einzelnen und die Barmherzigkeit, mit der jeder den anderen begegnet. Aber es hat nicht nur eine persönliche Ebene, sondern betrifft auch die Gemeinde. Es gibt auch Barmherzigkeit, die man nur oder zumindest besser gemeinsam praktizieren kann. Vor Corona haben zum Beispiel einige Gemeinden in Heidelberg in der Adventszeit Obdachlosen Frühstück angeboten; da reicht nicht einer, sondern es braucht das Mitwirken Vieler. Manche Gemeinden unterstützen bestimmte Hilfswerke oder einzelne Missionare im Ausland finanziell, da braucht es auch viele, die mitmachen. In der Geschichte haben die Christen wohl schon immer Barmherzigkeit einzeln praktiziert, aber zum Teil auch gemeinsam. Sie haben sich um einzelne Hilfsbedürftige innerhalb und außerhalb der Gemeinde gekümmert, manche haben aber auch gemeinsam Schulen, Waisenheime oder Krankenhäuser gebaut. Es ist wichtig, dass jede Gemeinde Gottes Willen für sich findet, wie er sie gebrauchen will, und einen gewissen Konsens darin hat.

Jesus will, dass auch von uns, dass wir barmherzig sind und Menschen in unterschiedlichen Nöten mit der Liebe Jesu helfen. Wir haben bisher am meisten dafür gebetet, dass wir jungen Menschen in ihrer geistlichen Not mit dem Wort Gottes helfen können, zu Jesus zu kommen und seine Jünger und geistlich heil zu werden. Das erfordert nicht nur jahrelange Mühe und Gebet, sondern vor allem viel Barmherzigkeit. Wir sollen diese Barmherzigkeit weiter haben und ausüben und mit Jesu Liebe für die verlorenen jungen Menschen beten und ihnen dienen. Natürlich soll sich unsere Barmherzigkeit nicht darauf beschränken. Bisher haben wir auch eine christliche Hochschule in einem verschlossenen Land unterstützt und für ein von Missionaren betriebenes Krankenhaus in Uganda (Bethesda) gespendet. Unser Weihnachtsopfer wird jedes Jahr weltweit gesammelt und sorgfältig für Nöte innerhalb der Gemeinde und für Hilfswerke verwendet, die Menschen nach Naturkatastrophen oder Kriegen helfen. Während ich das erwähne, ist mir bewusst, dass das wie nichts ist gemessen an der Hingabe und Liebe, die wir von Jesus empfangen haben. Lasst uns dafür beten, dass wir uns Jesu großer Liebe noch viel mehr bewusst werden und dass wir mit seiner Liebe im Herzen und offenen Augen sowohl als Einzelne als auch als Gemeinde noch viel mehr Gelegenheiten finden und nutzen, um unsere Liebe zu ihm an anderen auszudrücken. Amen!

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 5 – Apostelgeschichte 16,11-40

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Gute Nachricht in Philippi

„Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.”

(Apostelgeschichte 16,34)

Wir betrachten heute vorerst zum letzten Mal Texte aus der Apostelgeschichte, um etwas besser zu verstehen, wie sich das Christentum in den ersten Jahrzehnten geradezu explosionsartig ausbreiten konnte. Im heutigen Text wird die Stadt Philippi missioniert. Der Geschichtsschreiber Lukas sagt uns dazu, dass es eine führende Stadt in Mazedonien war und eine römische Kolonie. Die Stadt war nach Philipp von Mazedonien benannt. Im Jahr 42 vor Christus fand bei Philippi eine wichtige Schlacht statt, bei der Antonius und Octavian die beiden Attentäter (Brutus und Cassius) von Julius Cäsar besiegten. Nach dieser Schlacht ließen sich viele römische Soldaten in dieser Stadt nieder. Einige Jahre später besiegte Octavian Marcus Antonius und Kleopatra (31 v. Chr.) bei Actium. Die römische Republik wurde danach zum römischen Imperium, und Octavian wurde danach zum ersten römischen Kaiser Augustus. Nach dieser Schlacht ließen sich noch mehr ehemalige römische Soldaten in Philippi nieder. Philippi war eine durch und durch römische Stadt. Das ist etwas, was wir verstehen müssen.
Der Text zeigt uns drei Dinge, die dazu geführt haben, dass in Philippi eine Gemeinde entstehen konnte: erstens, das Evangelium ist für jedermann; zweitens, das Evangelium beschenkt mit unaussprechlicher Freude; drittens, das Evangelium macht alles anders.

Erstens, das Evangelium ist für jeden
In der Stadt Philippi begegnen uns drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste Person ist Lydia. Vers 14 sagt: „Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ Für diejenigen, die nicht wissen, was Purpur war: Es war ein äußerst teurer Farbstoff. Er war so exklusiv und so wertvoll, dass zunächst nur der Kaiser in Rom Purpur getragen hatte; die römischen Senatoren, die nach dem Kaiser die höchste und erlesenste Gesellschaftsklasse war, trugen einen purpurnen Streifen. Obwohl Purpur dem Kaiser und den Senatoren vorbehalten, gab es reiche Privatleute, die es sich nicht nehmen lassen wollten, sich ebenfalls in Purpur einzukleiden.
Was machte den Farbstoff so unglaublich teuer? Er wurde aus Purpurschnecken gewonnen. Die Tiere wurden getötet und dann wurde eine kleine Drüse entfernt. Die wurde dann drei Tage in Salz eingelegt. Das Ganze wurde dann in Wasser erhitzt und gereinigt. Damit wurde die Wolle oder die Seide dann gefärbt. Unter Licht und Sauerstoff ergab sich daraus eine intensive Violett-Farbe. Um ein Gramm von dem reinen Farbstoff herzustellen, brauchte man 8 bis 12.000 Schnecken. Es war ein ungemein aufwendiger Prozess. Lydia war nun eine Frau, die damit Handel machte. Ihr Beruf war Geschäftsfrau für einen der begehrtesten Luxusgüter der Antike.
Die zweite Person, die uns begegnet, befindet sich in etwas anderen Umständen. Vers 16: „Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte.“ Magd ist ein etwas freundlicher klingendes Wort für Sklavin. Der Text sagt, dass sie von einem Geist besessen war. In heutiger Zeit wäre sie vielleicht als geisteskrank eingestuft worden. Ihren Besitzern war es nur recht: Was immer diese arme Frau von sich gab, konnte als Wahrsagerei verkauft werden. Was immer ihr Zustand war, für Paulus entwickelte sich diese Frau zu einer regelrechten Nervensäge. In Vers 18 sehen wir, dass Paulus schließlich die Hutschnur riss. Der trieb den Geist aus, und die Sklavin war sofort geheilt.
Die dritte Person, der wir begegnen, ist wieder von einem ganz anderen Schlag. Die Beamten gehen davon aus, dass Paulus und Silas zum einen vagabundierende Ausländer waren und zum anderen Unruhestifter waren. Entsprechend werden sie in Philippi ziemlich brutal behandelt. Verse 22 und 23 berichten davon, dass sie von der Polizei vor Ort mit Ruten geschlagen wurden. Blutend werden sie letztendlich ins Gefängnis geworfen. Der Gefängniswärter wird beauftragt, sie sicher zu verwahren. In Vers 24 heißt es dann: „Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.“
Wir erfahren hier einiges über den Kerkermeister. Vermutlich war er ein ehemaliger römischer Soldat. Er gehörte definitiv zur Klasse der einfachen Arbeiter, der seinem Job nachging. Auf der einen Seite war er sehr pflichtbewusst. Auf der anderen Seite war er auch übermotiviert. Was bedeutet es, dass er Paulus und Silas Beine in den Block legte? Es war eine Foltermethode. Die Beine der Gefangenen wurden dabei gespreizt, so dass es fürchterliche Krämpfe und Schmerzen verursachte. Niemand hatte ihm aufgetragen, seinen „Gästen“ weitere Leiden zuzufügen. Das war alles er selbst. Und es zeigt eine Gleichgültigkeit und Brutalität in ihm.
Drei Charaktere begegnen uns hier also. Falls wir versuchen würden, diese drei Typen in die heutige Zeit zu übertragen: Lydia wäre vielleicht die Besitzerin einer Louis Vuitton oder Tiffany Boutique an der Champs-Elysées; die Sklavin wäre vielleicht eine drogenabhängige Prostituierte im Frankfurter Rotlichtviertel, die von ihren Zuhältern missbraucht wird; der Gefängnisaufseher wäre vielleicht ein Ex-Bundeswehrsoldat, der als Justizvollzugsbeamter arbeitet.
Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Um mit dem Offensichtlichen anfangen: es waren zwei Frauen und ein Mann. Es waren Personen aus allen Gesellschaftsschichten: Lydia gehörte zur Oberklasse, der Gefängniswärter war Mittelklasse, die Sklavin war Unterklasse. Finanziell gesehen war Lydia wohlhabend, der Gefängniswärter lebte in einfachen Verhältnissen, die Sklavin war mittellos. Was den Glauben angeht, war Lydia religiös, der Wärter war irreligiös, die Sklavin war anti-religiös. Selbst vom Temperament her, könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Lydia war warmherzig, der Gefängniswärter war kaltherzig, die Sklavin war herzlos. Was die Umgangsformen angeht, war Lydia angenehm, der Gefängniswärter war brutal, die Sklavin war nervig. Diese drei Individuen stehen für die Vielfalt der Gesellschaft damals. Ich kann mich nur wiederholen: noch gegensätzlicher geht es kaum.
Bevor wir fortfahren, wollen wir ganz kurz festhalten, was es für uns bedeutet. Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen heutzutage nicht an Gott glauben. Eine ehemalige Kollegin von mir ist noch zu DDR-Zeiten aufgewachsen in einem nicht-christlichen Haushalt. Sie meinte, dass Gott einfach kein Thema bei ihnen in der Familie war und sie es auch nie vermisst hat. Vielleicht denken manche von euch: „Glaube ist etwas für die Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und brauche so etwas nicht.“ Oder vielleicht denken manche, dass das Christentum eher für Menschen schlichten Gemüts ist. Karl Marx hatte vom Opium fürs Volk gesprochen. Oder vielleicht denkst du: „Ich bin halt nicht so der Typ dafür.“
Hier ist der Punkt: Es gibt keinen christlichen Typ! Es gibt praktisch nichts, was dich geeigneter oder ungeeigneter für den christlichen Glauben machen könnte. Es ist völlig irrelevant in welcher Lage du dich befindest, ganz oben oder ganz unten in der Gesellschaft, reich oder arm, angenommen oder ausgestoßen, jung oder alt, gebildet oder ungebildet, gesund oder krank. Das Evangelium ist für alle Menschen, aller Zeiten; das Evangelium ist für dich.

Zweitens, das Evangelium bringt unaussprechlichen Frieden und Freude
Paulus und Silas waren brutal zusammengeschlagen im tiefsten Verlies. Soweit nichts Außergewöhnliches. Aber dann lesen wir in Vers 25: „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihn zu.“ Hier ist das absolut Unerhörte. So etwas hatte es im Gefängnis noch nie gegeben. Inmitten von Leid und Folter, im Angesicht des Todes, fangen Paulus und Silas an, zu singen. Der Text erwähnt, dass die Gefangen ihn zuhörten. So etwas hatten sie noch nie gehört. Normal wäre gewesen, dass Gefangene fluchen und schreien und klagen. Aber Paulus und Silas tun das absolute Gegenteil davon. Sie loben und sie preisen Gott.
Pfarrer Wilhelm Busch ist der Frage nachgegangen, warum der Gesang erst um Mitternacht beginnt. Was machten die beiden zwischen 19 Uhr und Mitternacht? Busch hatte selbst die Erfahrung machen müssen, wegen seines Glaubens eingesperrt zu werden. Er war in den berüchtigten Gefängnissen der Gestapo. Seine Vermutung war, dass Paulus und Silas einige Stunden brauchten, bis sie das Licht sahen. Sie müssen mit der Frage gehadert haben, warum Gott das alles zugelassen hatte. Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie so brutal misshandelt wurden, dass sie bluteten, dass sie gebrochene Rippen hatten? Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie im Gefängnis noch weiter leiden mussten? Selbst ein Glaubensheld wie Paulus hatte vielleicht Zweifel. Vielleicht brauchte auch er etwas Zeit, um diese bittere Pille zu schlucken. Aber dann beteten sie und in ihre Herzen wurden mit Lobgesang erfüllt. Sie hatten einen Frieden, den die Welt nicht kannte und den ihnen nichts und niemand wegnehmen konnte.
Wir sehen den Frieden noch an anderer Stelle. Es kommt ein gewaltiges, übernatürliches Erdbeben, das dazu führt, dass die Türen des Gefängnisses sich öffnen. Der Kerkermeister sieht die Türen des Gefängnisses offen, und denkt, dass die Gefangenen alle geflohen sind. Er zieht das Schwert, um sich umzubringen. Der Grund dafür ist, dass er ohnehin exekutiert worden wäre, wenn die Gefangenen weg wären. Das wollte er sich ersparen, indem er sich selbst das Leben nahm. Paulus ruft laut: „Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.“ Das ist wiederum unerhört. Paulus und Silas hätten fliehen können. Sie waren völlig zu Unrecht im Gefängnis. Es wäre nur recht und billig gewesen. Es wäre außerdem die perfekte Art gewesen, es dem Wärter heimzuzahlen. Aber ihr Friede ließ es nicht zu. Das Erstaunliche ist, dass nicht nur Paulus und Silas nicht getürmt waren. Sie hatten einen solchen Einfluss und eine solche Autorität, dass alle Mitgefangenen ebenfalls geblieben waren. Alle waren noch da.
Und das brachte diesen hartgesottenen Mann zitternd auf die Knie vor Paulus und Silas. Er fragt: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Viele traditionelle Christen interpretieren diese Frage als ein: „Was muss ich tun, um nicht in die Hölle zu kommen, wenn ich sterbe?“ Aber ich glaube nicht, dass er das damit meinte. Seine Frage war ein: „Was muss ich tun, um aus meinem Schlamassel herauszukommen?“ In Paulus und Silas sieht er zwei Menschen, die ganz eindeutig ihr Leben gemeistert haben. Sie haben etwas, was ihm fehlt: einen Frieden und eine Freude, die nicht von dieser Welt sind. Sie hatten eine Wahrheit, von welcher er nichts wusste. Sie glaubten an einen Gott, den er noch nicht kannte.
Paulus und Silas verkündigen ihm die frohe Botschaft. Was ist das Resultat? Verse 33 und 34: „Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“ Im Haus des Gefängniswärters beginnt mitten in der Nacht ein Riesen-Freudenfest. Er lässt sich mit allen seinen Angehörigen taufen. Und dann wird aufgetischt; sie essen und das ganze Haus ist mit einer tiefen Freude erfüllt. Das ist es, was das Evangelium tut. Überall dort, wo das Evangelium wirkt, werden Menschen mit einem übernatürlichen Frieden und mit unaussprechlicher Freude erfüllt. Nichts und niemand kann das aufhalten.
Wir beten seit einigen Wochen für Darren, der an Krebs erkrankt ist. Er hat vor kurzem die letzte Runde Chemo-Radiotherapie abgeschlossen. Die Behandlung ist wirklich hart, und er hat erzählt, dass die Nebenwirkungen ihn wirklich mitgenommen haben. Darren hat uns vor kurzem geschrieben, dass es vor allem einen Vers gibt, der ihn die ganzen letzten Wochen hindurchgetragen hat: „Nachdem er sich mit dem Volk beraten hatte, ernannte der König Sänger, die in heiligem Schmuck dem Heer vorangehen und dem HERRN singen und seine Herrlichkeit preisen sollten. Sie sangen: Dankt dem Herrn; denn seine Gnade bleibt ewig bestehen!“ Der Kontext von diesem Vers ist, dass Israel von einem riesigen Heer angegriffen wurde; genauer gesagt bestand das riesige Heer aus drei Armeen; genug um das ganze Land zu überrollen. Der König Joschafat antwortet auf diese Bedrohung mit meinem Worship-Team. Das ist es, was Darren während diesen Wochen getan hat: Er hat uns alle dazu aufgefordert, gemeinsam Gott zu preisen.
Er schreibt: „Während dieser Zeit habe ich gesehen, wie meine Eltern näher zu Gott gekommen sind; mein ältester Freund Austin (der nicht gläubig ist), möchte mit mir die Bibel lesen, wenn das alles vorbei ist; betet für einen Mann namens Dave, dem ich im Krankenhaus Zeugnis gegeben habe, und der durch die gleiche Behandlung geht. … Ich war in der Lage, mit Uber-Fahrern zu beten und ihnen von Gottes Güte zu erzählen. Es gab wunderbare Zeiten.“ Und genau das ist es, was ich meine. Es gibt keine Fesseln, keine Gefängnismauern, keine Krankheit, keine Umstände, welche die Freude des Evangeliums aufhalten können.
Egal ob du an Jesus glaubst oder nicht oder wie stark und ausgeprägt dein Glaube ist, ohne diese Freude bist du verloren. Der Kerkermeister hatte es nicht, aber er wollte es und am Ende bekam er es.

Drittens, das Evangelium verändert alles
Der Text lässt ein Rätsel offen. Die Beamten der Stadt gaben den Befehl, dass man Paulus und Silas freilassen sollte. Sie hatten sich wahrscheinlich gedacht: „So wie wir die beiden Vagabunden behandelt haben, werden wir uns keine Sorgen mehr um sie machen müssen. Die werden sich hier nie wieder blicken lassen.“ Zu ihrer großen Überraschung sagte Paulus aber: „Nein, wir gehen nicht.“ Vers 37: „Sie haben uns ohne Urteil öffentlich auspeitschen lassen, obgleich wir römische Bürger sind, und haben uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt möchten sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen.“
In der Apostelgeschichte gibt es eine andere Begebenheit, in der Paulus sich wieder in römischer Gefangenschaft befindet. Wieder wird der Befehl gegeben, dass man ihn auspeitschen soll. Aber dieses Mal sagt er von vornherein, dass er römische Bürger ist. Und Paulus wird mit sofortiger Wirkung losgebunden. Römische Bürger besaßen besondere Rechte. Sie durften ohne Gerichtsurteil nicht geschlagen werden. Vers 38 erwähnt, dass die obersten Beamten erschraken, als sie das hörten. Sie wussten, dass sie richtigen Ärger bekommen könnten, wenn das an die große Glocke gehängt werden würde. Die Angelegenheit war ihnen so wichtig, dass sie persönlich zu Paulus und Silas kamen, sich entschuldigten und sie baten, die Stadt zu verlassen. Hier ist das Rätsel: warum hatte Paulus in Philippi seine Trumpfkarte nicht vorher ausgespielt?
John Ortberg hat sich mit der römischen Gesellschaft damals beschäftigt. Und er erklärt: „Ein männlicher, römischer Bürger durfte ab 14 die sogenannte toga virilis tragen. Ironischerweise war die Toga „ein bemerkenswert unbequemes Kleidungsstück“. Im Winter zog es, im Sommer war es brütend heiß, eine Hand blieb bedeckt und unbrauchbar, sie war schwer zu ordnen (die Reichen beschäftigten Sklaven, die speziell für das Anlegen der Toga ausgebildet waren) und hatte nur einen einzigen Wert: die Verkündigung des Status.“ Zum Glück gibt es das heute nicht mehr, dass man Kleidung als Statussymbol verwendet, oder etwa doch?
Wie wichtig ist dir Status? Bei meinem Vorstellungsgespräch hatte ich gefragt, wie die Stelle einzuordnen ist: es gibt Associate Scientist, Scientist, Senior Scientist, Principal Scientist. Was ist gewichtiger, was ist höher? Und die Managerin sagte zu mir: „Ach wissen Sie, es gibt bei uns Mitarbeiter, die so in ihren Titel verliebt sind. Wichtiger ist jedoch, welche Tätigkeit man hat.“ Ich arbeite jetzt seit dreieinhalb Jahren mit dieser Managerin zusammen. Und ich konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass sie auch eine der Personen ist, die in ihren eigenen Titel verliebt ist.
Status war in der römischen Gesellschaft unglaublich wichtig. In einem Artikel habe ich gelesen: „Zu jedem Zeitpunkt der römischen Geschichte wussten die einzelnen Römer mit Sicherheit, dass sie einer bestimmten sozialen Klasse angehörten: Senator, Ritterstand, Patrizier, Plebejer, Freie, Sklaven. In einigen Fällen wurden sie in diese Klasse hineingeboren. In anderen Fällen sicherte ihnen ihr Reichtum oder der Reichtum ihrer Familie die Zugehörigkeit. […] Zu keinem Zeitpunkt bestand Zweifel darüber, welche Römer zu welcher Klasse gehörten.“
Das war die Gesellschaft, in der eine christliche Gemeinde hineingeboren wurde. Zu dieser Gemeinde gehörten Lydia, die Sklavin und der Gefängniswärter. Jahre später schrieb Paulus an diese Gemeinde einen Brief. Der Brief enthält einige Verse, bei denen viele Ausleger und Theologen davon ausgehen, dass es sich um eines der frühesten christlichen Lieder handelte. Paulus schreibt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: [und hier folgt jetzt das Lied.] Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.“ Natürlich gab es in der griechischen Mythologie Geschichten von Zeus und anderen Göttern, die sich temporär als Menschen ausgaben. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Gott wird Mensch. Nicht nur das: Gott wird Sklave. Nicht nur das: Gott stirbt. Nicht nur das: Gott stirbt am Kreuz. Gott ging zu Boden, damit wir Menschen nachtreten konnten. Tiefer geht es nicht. Im Zentrum des christlichen Glaubens ist Gott, der bereit ist, sich aufs Äußerste zu degradieren. Und er tut es für dich und für mich. Er tut es, weil es keine andere Möglichkeit gab, um uns zu retten. Nur diese eine Möglichkeit. Es gibt keine andere Religion, keinen anderen Glauben, der uns das bieten kann.
Noch einmal die Frage: warum haben Paulus und Silas damit gewartet, sich als römische Bürger zu outen? Warum haben sie sich misshandeln lassen und ihr Leben riskiert? Hier ist eine mögliche Antwort darauf: Weil sie einem Herrn und König folgten, der sich so erniedrigte. Sie brauchten das Statusspiel nicht mehr mitzuspielen. Sie haben sich mit den Armen, den Klassenlosen, den Rechtelosen identifiziert. Sie ließen sich so behandeln wie Sklaven. Sie sagten: „Mein Wert hängt nicht von meinem Status ab. Meine Identität ist unabhängig davon, welcher Klasse ich angehöre.“ Auf ganz subtile und unscheinbare Art stellten sie die Gesellschaft auf den Kopf. Das ist es, was ich damit meine: Das Evangelium macht alles anders.
Was in dem Brief an die Philipper Gemeinde ebenfalls besonders ist, ist die Art und Weise, wie Paulus sich vorstellt. In allen anderen Briefen an andere Gemeinden stellt Paulus sich als Apostel vor. Das war sein offizielles Amt, das ihm auch eine gewisse Autorität verliehen hat. In 1. Korinther lesen wir: „Paulus, berufen zum Apostel Christi durch den Willen Gottes…“ An die Kolosser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ An die Epheser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ Die Galater waren Paulus’ Sorgenkinder. An die Galater schreibt er deshalb: „Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater…“ Aber den Brief an die Gemeinde in Philippi beginnt Paulus folgendermaßen: „Paulus und Timotheus, Sklaven von Jesus Christus…“
Hier ist das Erstaunliche: Das römische Reich ist nicht mehr. Die Kaiser, die Senatoren, die Ritter, die Bürger und die Sklaven sind nicht mehr. Sie sind eine Randnotiz der Geschichte. Aber das Evangelium hat alles überdauert. Die Gemeinde Jesu ist heute noch da. Jesus wird heute noch gelobt und gepriesen, 2000 Jahre später.
Hier sind die drei Punkte: das Evangelium ist für jeden. Und weil das Evangelium für jedermann ist, ist es auch für dich, ganz egal wo im Leben du dich gerade befindet. Das Evangelium beschenkt mit übernatürlichem Frieden und mit Freude. Weil das Evangelium mit unaussprechlicher Freude erfüllt, ist es etwas, was du dir zumindest wünschen solltest, auch wenn du vielleicht (noch) nicht daran glauben kannst. Drittens, das Evangelium macht alles anders. Weil das Evangelium alles anders macht, ist das Evangelium unglaublich relevant: Es verändert dein Leben, er hat die Kraft, die Gesellschaft zu verändern und die ganze Welt und die ganze Geschichte.

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 4 – Apostelgeschichte 19,23-41

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Spirituell relevante Mission (2)

„Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über den Weg.“

Apg 19,23

Letzte Woche haben wir betrachtet, wie Paulus in der Stadt Ephesus gewirkt hat. Ephesus war die Hauptstadt der römischen Provinz Asia und eine Hochburg des Artemiskults. Anders als in anderen Städten lehrte Paulus dort zwei Jahre lang täglich in der Schule des Tyrannus. Die Mission in Ephesus war außergewöhnlich fruchtbar. Alle, die in der Provinz Asia wohnten, hörten das Wort des Herrn. Zahlreiche Menschen kamen zum Glauben an Jesus und begannen ein neues Leben. Gott unterstützte Paulus‘ Lehre des Evangeliums durch viele Wunder, die er durch seine Hände geschehen ließ. Vers 20 sagt zusammenfassend: „So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig.“

Der heutige Text zeigt eine andere Auswirkung von Paulus‘ Wirken in Ephesus. Wir erfahren von einem Aufruhr und großen Tumulten, die sich um diese Zeit ereigneten und bei denen das Leben von Paulus und seinen Mitarbeitern in Gefahr geriet. Wie kam es dazu? Und warum berichtet der Verfasser so detailliert über diesen Aufruhr? Lasst uns heute mindestens zwei wichtige Punkte von Paulus‘ Mission lernen!

I. Der Aufstand des Demetrius (23-29)

Unser Text beginnt mit den Worten: „Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über den Weg“ (23). Die Worte „eine nicht geringe Unruhe“ sind eine dezente Umschreibung für einen richtigen Aufruhr und chaotische Tumulte, zu denen es in Ephesus kam. Wie kam es dazu? Ein Silberschmied namens Demetrius machte silberne Tempel der Artemis und verschaffte den Handwerkern dadurch nicht geringen Gewinn. Wie Toni letzten Sonntag zum Teil schon erklärt hat, war dieser Tempel sehr groß und prächtig und galt als einer der sieben Weltwunder. Er war nach Vorgaben von Alexander dem Großen in über 220 Jahre prachtvoll gebaut worden. Er hatte über 120 Säulen aus Marmor, die jeweils etwa 17 Meter hoch und oben mit Figuren verziert waren. Im Innern befand sich das Bild einer Göttin, die die Naturkraft verkörperte und die die Griechen mit der Göttin Artemis gleichsetzten. Diese „Göttin“ wurde nicht nur von den Menschen in Ephesus verehrt, sondern aus der ganzen Provinz Asia und sogar aus dem ganzen römischen Reich kamen Pilger, um diese Göttin zu verehren oder zumindest den prächtigen Tempel zu bewundern. Die silbernen Nachbildungen des Tempels waren klein genug, dass man sie als Amulette am Körper tragen konnte. Sie müssen großen Absatz gefunden haben, weil es damals üblich war, solche Amulette auf Reisen mitzunehmen und sie sonst in seinem Haus aufzustellen, um dadurch Schutz für die Bewohner zu erlangen. Insbesondere war die Artemis der Epheser ein allgemein verehrtes Objekt der Anbetung.

Die Kunsthandwerker und deren Zuarbeiter machten ein gutes Geschäft mit der Herstellung der silbernen Tempel. Demetrius machte in seiner Rede keinen Hehl daraus, dass es ihm darum ging, dieses Geschäft zu erhalten. Er befürchtete, dass ihr Gewerbe zugrundegehen würde, wenn sie Paulus weiterhin gewähren ließen. Er hatte verstanden, dass Paulus‘ Predigt vom Schöpfer Gott und seinem Sohn Jesus Christus in der Konsequenz bedeutete, dass das, was mit Händen gemacht ist, keine Götter sind. Er wusste auch, dass Paulus in der ganzen Provinz viel Volk davon überzeugte, daran zu glauben. Demetrius selbst war aber nicht bereit, die Wahrheit anzunehmen, sondern hatte nur im Sinn, durch den weiteren Verkauf von kleinen silbernen Götzentempeln seinen Wohlstand zu erhalten.

Um auch die anderen Kunsthandwerker und die Zuarbeiter für sein Anliegen zu gewinnen, verband er sein materielles Ziel geschickt mit ihrer kulturellen Identität und mit ihrem religiösen Gefühl, indem er sagte: „Aber es droht nicht nur unser Gewerbe in Verruf zu geraten, sondern auch der Tempel der großen Göttin Artemis wird für nichts geachtet werden; und sie selbst, die verehrt wird in der ganzen Provinz Asia, ja auf dem ganzen Erdkreis, wird ihrer Hoheit beraubt.“ Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Bei der Vorstellung, dass ihr weltberühmter Tempel verachtet und ihre große Göttin ihrer Hoheit beraubt würde, gingen bei ihnen die roten Lampen an. Sie wurden von Zorn erfüllt und schrien: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (28) Ihre Wut auf Paulus steckte auch die anderen Menschen in Ephesus an. Vers 29 sagt, dass die ganze Stadt in Aufruhr geriet. Sie stürmten einmütig zum Theater und ergriffen zwei Mitarbeiter von Paulus, nämlich Gaius aus Derbe und Aristarch aus Makedonien. Der wilde Aufruhr und die aufgeheizte wütende Stimmung bedeuteten für Paulus und seine Mitarbeiter echte Lebensgefahr. Blinder Eifer und Fanatismus für eine falsche Religion führt oft zu so einem aggressiven Verhalten. Dagegen führt der Eifer von Christen für Jesus dazu, dass sie nüchtern werden und bereit, auf ihre Ehre und ihre Rechte zu verzichten und um seinetwillen Leiden auf sich zu nehmen.

Warum berichtet die Apostelgeschichte aber so ausführlich über diesen Aufruhr? Aus Mitleid mit den Silberschmieden, deren Verkauf von silbernen Götzentempeln zurückging, sicher nicht. Der Bericht macht vielmehr nochmal von einer anderen Seite her deutlich, wie mächtig Gott in Ephesus und in der ganzen Provinz wirkte, als Paulus zwei Jahre lang intensiv das Evangelium lehrte. Ephesus war eine Hochburg des Götzendiensts, die meisten Einwohner waren leidenschaftliche Anhänger des Artemiskults. Als Paulus anfing, dort zu predigen, sah es fraglich aus, ob die Menschen wirklich bereit wären, das Evangelium anzunehmen. Außerdem erfuhr Paulus in Ephesus auch heftigen Widerstand vonseiten der Juden. Einige widersprachen und lästerten so heftig, dass Paulus überlegt haben muss, ob seine Missionstätigkeit dort überhaupt noch Sinn machte. Aber anstatt aufzugeben, suchte er einen anderen Weg, wie er doch Gottes Evangeliumswerk dienen konnte. Er trennte sich von den verstockten Menschen, sonderte auch die Jünger ab, die schon zum Glauben gekommen waren, und redete täglich in der Schule des Tyrannus. Das griechische Wort für „redete“ besagt nicht, dass Paulus dort predigte, sondern dass er mit ihnen in Dialogform redete. Dass Paulus sich täglich mit einigen Menschen in einem Schulraum über das Evangelium unterhielt, sah in einer Großstadt wie Ephesus eigentlich unbedeutend aus. Aber als er einigen Menschen täglich das Evangelium persönlich intensiv erklärte, wirkte Gott dadurch mächtig! Gottes Wort veränderte die, die ihm zuhörten, sodass sie an Gott und seinen Sohn Jesus glaubten und seine Jünger wurden. Durch das tägliche Bibelstudium mit Paulus wurden sie von Jesus so überzeugt und begeistert, dass sie ihren Freunden und Nachbarn in Ephesus und auch den Leuten in den Städten und Dörfern in der Provinz Asia von Jesus weitersagten, sodass alle, die in der Provinz Asia wohnten, das Wort des Herrn hörten, und zwar Juden und Griechen (10). Das Wort Gottes überwand die Hindernisse und Grenzen von Religion und Kultur. Viele erkannten, dass das, was mit Händen gemacht ist, keine Götter sind, sodass sie aufhörten, das Bild der Artemis zu verehren und silberne Abbilder ihres Tempels zu kaufen, sodass die Absatzzahlen der Silberschmiede einbrachen. In zahlreichen Städten entstanden christliche Gemeinden, unter anderem in den sieben Städten, die im Buch Offenbarung erwähnt werden. Der Aufruhr des Demetrius war auch eine Folge dieser Wirksamkeit Gottes, nämlich der Widerstand derer, die das Evangelium nicht annehmen wollten. Es war sozusagen die Kehrseite der Medaille. Der Verfasser hat darüber so ausführlich berichtet, weil dadurch auch von der anderen Seite her sichtbar wird, wie mächtig Gott gewirkt hat.

Und was heißt das für uns? Das Evangelium wirkt mächtig, wenn wir es Menschen mit Geduld und intensiv bezeugen. Viele Menschen haben aufgrund ihrer Weltanschauung, ihrer Religion oder ihrer ganz persönlichen Gedanken und Erfahrungen Hindernisse, an das Evangelium zu glauben. Aber das Evangelium hat in sich Kraft, zu wirken und alle gedanklichen, religiösen und kulturellen Hindernisse zu überwinden, wenn es klar bezeugt und geglaubt wird. Natürlich sind wir nicht wie Paulus und können uns in der geistlichen Weisheit und Kraft nicht mit ihm vergleichen. Aber das bedeutet nicht, dass Gott nicht wirken könnte, wenn wir das Evangelium weitergeben. Auch wenn wir schwach sind, hat das Evangelium Kraft. Wenn wir mit Menschen in der Bibel lesen und ihnen das Evangelium von Herzen bezeugen, wird das Evangelium in ihnen wirken. Sie werden erkennen, dass keine Götter der Welt vertrauenswürdig sind, und werden ermutigt, auf Jesus und seine Liebe zu vertrauen. Natürlich werden nicht alle auf das Evangelium positiv reagieren. Wenn das Evangelium bezeugt wird, bewirkt es bei denen, die offen sind, Glauben, und bei anderen Widerspruch. Aber wir sollen darauf vertrauen, dass Gott sein Werk nach seiner Weisheit und seinem Zeitplan tut, und dafür dankbar sein, dass er uns für sein Werk gebraucht. Möge Gott uns helfen, das Evangelium einigen Menschen geduldig zu bezeugen und seine Wirksamkeit in ihnen zu erfahren!

II. Der Kanzler half Paulus und seinen Mitarbeitern (30-40)

Die Verse 30-40 beschreiben den weiteren Verlauf der Ereignisse und die Rede des Kanzlers, der das Volk beruhigte. Dadurch können wir etwas Wichtiges von Paulus Weisheit lernen. Zunächst berichtet der Vers 30, dass Paulus unter das Volk gehen wollte, die Jünger es ihm aber nicht zuließen. Paulus war immer bereit, zu den Menschen zu gehen, ohne Angst vor Gefahren zu haben. Aber in dieser Situation ließen es seine Mitarbeiter nicht zu, weil die Gefahr, dass er von der aufgebrachten Menge gelyncht würde, zu groß war. Gerade in Ausnahmesituationen ist es gut, wenn wir Mitarbeiter haben, die uns mit ihrer Weisheit einen Rat geben, wenn unsere eigene Meinung vielleicht nicht angemessen ist. Paulus war demütig genug, auf den Rat seiner Mitarbeiter zu hören. Auch einige der Oberen der Provinz Asien, die ihm freundlich gesinnt waren, sandten Boten zu ihm und ermahnten ihn, sich nicht zum Theater zu begeben. Dort schrien die einen dies und die andern das, und die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten gar nicht, warum sie zusammengekommen waren (32). Ein Mann namens Alexander wollte eine Erklärung vor der Menge abgeben, der von den Juden vorgeschickt wurde (und deshalb vermutlich ein Jude war und kein Judenchrist). Als die Menge aber erkannte, dass er ein Jude war, schrie alles wie aus einem Munde fast zwei Stunden lang: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (34) Ihr fanatischer Zorn richtete sich also nicht nur gegen die Christen, sondern auch gegen die Juden.

In den Versen 35-40 wird die Rede des Kanzlers wiedergegeben. Wie gelang es ihm, das Volk zu beruhigen und die Versammlung aufzulösen? Zunächst wartete er ab, bis die Menge sich müde geschrien hatte. Danach machte er zwei Feststellungen, um sie zu beruhigen. Die eine war, dass doch jeder Mensch wisse, dass die Stadt Ephesus eine Hüterin der großen Artemis und ihres Bildes sei, das vom Himmel gefallen sei. Dadurch wollte er ihren angekratzten Stolz besänftigen und ihre Zuversicht auf ihre Identität stärken (35.36).

Als Zweites sagte er, dass Paulus und seine Mitarbeiter weder Tempelräuber noch Lästerer ihrer Göttin waren. Damit stellte er klar, dass sie sich keines schweren Vergehens schuldig gemacht hatten. Wenn Demetrius und die Handwerker Ansprüche gegen sie hatten, sollten sie sich an die Gerichte oder Statthalter wenden, die dafür zuständig waren. Falls die Menge etwas anderes wollte, sollte das in einer ordentlichen Versammlung geklärt werden, die regelmäßig stattfand. Im Vers 40 sagte er abschließend: „Denn wir stehen in Gefahr, wegen der heutigen Empörung verklagt zu werden, ohne dass ein Grund vorhanden ist, mit dem wir diesen Aufruhr entschuldigen könnten. Und als er dies gesagt hatte, ließ er die Versammlung gehen.“ Die Sorge, dass die Stadt wegen dieses Aufruhrs von Rom angeklagt würde, war nicht unberechtigt, weil Unruhen in den Provinzen das Letzte waren, was die Römer mochten. Wenn die Stadt wegen des Aufruhrs angeklagt worden wäre, geht man davon aus, dass die leitenden Beamten ihre Stellen verloren hätten und die Stadt einen Teil ihrer Privilegien. Insofern erfolgten die Bemühungen des Kanzlers um eine Beruhigung der Lage auch im eigenen Interesse.

Trotzdem ist auffallend, dass er in seiner Rede die christlichen Missionare verteidigte. Im Vers 37 sagte er: „Ihr habt diese Menschen hergeführt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind.“ Warum sagte er das? Er sagte das, weil es offensichtlich wahr war. Wenn es nicht gestimmt hätte, hätte er das vor der wütenden Menge nicht einfach behaupten können.

Das lässt uns einen zweiten wichtigen Punkt über Paulus Mission erkennen. Paulus war bei seiner Mission sensitiv für die Kultur und die Religion der Menschen und ging mit Fingerspitzengefühl damit um. Das tat er wohl aus tiefem Respekt und Verständnis gegenüber den Menschen. Er verkündigte in Ephesus das Evangelium von Jesus als dem wahren König und Retter klar; aber er vermied es offensichtlich, dabei ihre Religion als verkehrt zu kritisieren und über ihre Göttin zu lästern, auch wenn er den Götzenkult selbstverständlich für Sünde hielt. Das war weise, weil eine Kritik an ihrer Religion sofort dazu geführt hätte, dass sie ihr Herz gegenüber dem Evangelium verschließen. Paulus vertraute darauf, dass das Evangelium selbst in ihnen wirken und sie zur geistlichen Einsicht führen würde. Seine respektvolle Haltung und sein weiser Umgang mit schwierigen Themen kommt in den schützenden Worten des Kanzlers über Paulus und seine Mitarbeiter indirekt zum Ausdruck. Dieses Verhalten von Paulus erklärt auch, warum einige der Oberen der Provinz Asia Paulus gegenüber freundlich gesinnt waren (Vers 31).

Was können wir davon lernen? Wir können von Paulus lernen, den Menschen, denen wir geistlich helfen wollen, mit Respekt zu begegnen und mit schwierigen Themen sensibel umzugehen. Auch wenn ihre Vorstellungen in vielem verkehrt sein mögen, sollten wir ihre Überzeugungen nicht kritisieren oder ihren Glauben schlechtreden, wenn sie einer anderen Religion anhängen. Vielen Menschen sind heute bestimmte Themen wie die Evolution, Abtreibung, Homosexualität oder Coronaimpfungen wichtig und so etwas wie neuralgische Punkte bei der Beurteilung ihres Gesprächspartners. Es wäre nicht weise, wenn wir sie voreilig mit Ansichten dazu konfrontieren würden, die sie vielleicht nicht verstehen und annehmen können und durch die sie ihr Bereitschaft verlieren, von uns das Evangelium zu hören. Wir können von Paulus auch sein Bemühen lernen, sein ganzes Leben so zu führen, dass die Menschen nicht an seinem Verhalten Anstoß nehmen konnten, sondern wenn dann nur am Evangelium selbst.

Lasst uns von Paulus lernen, der viele Menschen für Gottes Reich gewann, indem er zwei Jahre lang täglich in einem Schulraum einigen lernwilligen Menschen das Evangelium bezeugte, bis es in ihnen mächtig wirkte und sie zu neuen Menschen und zu Zeugen des Evangeliums veränderte! Möge Gott auch uns neue Zuversicht auf die verändernde Kraft des Evangeliums geben und uns helfen, es einigen Menschen geduldig und weise zu erklären, bis sie davon verändert werden und selbst auch hingehen und es anderen bezeugen können!

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