Predigt: Kolosser 3,16.17 (Jahresanfang 2021)

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Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen

„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit. Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Kolosser 3,16

Im ersten Teil von Kapitel 3 hat Paulus gelehrt, dass wir als Christen nach dem suchen sollen, was droben ist, wo Christus ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist. Wir sollen tief annehmen und verinnerlichen, dass Jesus für uns gestorben ist und wir mit ihm, und aus diesem Glauben die Glieder unserer alten irdischen Natur, die zum Teil noch an uns hängen, wie Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und Habsucht, töten, d.h. uns für immer davon trennen. Auch Zorn, Wut, Bosheit, lästernde und schandbare Worte sollen wir ablegen und stattdessen die Eigenschaften des neuen Menschen anziehen, nämlich herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld, und anderen vergeben. Vor allem sollten wir die Liebe anziehen, die uns trotz unserer Unterschied vollkommen miteinander verbindet. Alle diese Aufforderungen bedeuten eine gravierende Veränderungen unserer Gesinnung und Innerlichkeit. Wir sehen ein, dass sie richtig und nötig sind, und wünschen sie uns, aber wir wissen auch, dass wir sie nicht aus eigener Kraft vollbringen können. Wir haben verstanden, dass es so ja auch nicht gemeint ist, sondern dass Gott all dies letztlich selbst in uns bewirken will. Wie will er uns dafür die Motivation und die Kraft geben? Das Wort im Vers 16 gibt uns einen entscheidenden Hinweis darauf, wie das alles möglich ist. Paulus fordert die Gläubigen dazu auf, dass sie das Wort Christi reichlich unter sich wohnen lassen sollen. Damit fordert er nicht nur zu einer christlichen Tugend auf, sondern nennt ihnen und uns den Schlüssel zu einem gesunden geistlichen Leben mit Wachstum, das Gott für alle Gläubigen vorgesehen hat. Lasst uns heute lernen, was wir dafür tun können, dass das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, und was für einen großartigen Segen wir dadurch erwarten können!

Betrachten wir nochmal den Vers 16: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit. Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Das Wort Christi steht im engeren Sinn für die Worte, die Jesus Christus gesprochen hat. Im weiteren Sinn steht es für das Evangelium, das Jesus durch all sein Reden und Wirken im Leben und durch seinen Tod am Kreuz bezeugt hat. Das Wort Christi erinnert uns an das, was er für uns getan hat, und lehrt uns die tiefe Bedeutung davon. Das Wort Christi sind nicht nur seine Anweisungen für das Leben seiner Nachfolger. Es eröffnet uns die tiefe geistliche Wirklichkeit, vor allem lehrt es uns die Größe und die Tiefe von Gottes Liebe zu uns, seinen heiligen Willen für uns und das herrliche Ziel, zu dem er uns bringen will. Wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, werden wir vom Wort selbst gereinigt und verändert und durch einen neuen Sinn im täglichen Leben geleitet. Wenn das Wort Christi unter uns wohnt, können wir einander reichlich ermutigen.

Die Christen in Kolossä hatten eigentlich guten Glauben an das Evangelium. Aber sie wurden von den Irrlehren angegriffen und hatten es nötig, geistlich weiter zu wachsen. Sie sollten die Glieder auf Erden, die übrig gebliebenen Eigenschaften ihrer alten sündigen Natur, töten und die Eigenschaften des neuen Menschen anziehen. Um das zu tun, sollten sie das Wort Christi reichlich unter sich wohnen lassen. Was bedeutet das?

Das besagt zum einen, dass das Evangelium reichlich, also im Überfluss bei ihnen vorhanden sein sollte. Das Evangelium ist etwas von dem wir nie zu viel haben können. Zum anderen sollte es unter ihnen wohnen. Es sollte nicht nur ab und zu gepredigt und bedacht werden, sondern es sollte unter ihnen wohnen, also dauerhaft bei ihnen sein, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Dazu sollten sie nicht nur einmal in der Woche davon hören, sondern sollten einander lehren und ermahnen, und zwar in aller Weisheit. Wenn das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnt, haben sie die geistliche Kraft, die verkehrten Lehren als solche zu identifizieren und sich von ihnen klar zu trennen. Wenn das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnt, werden sie zur Heiligung angespornt und können den alten Menschen vollends ablegen und den neuen anziehen. Dann können alle geistlich wachsen und ihre Gemeinschaft wird immer erbaulicher. Wenn das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnt, können sie mit geistlichen Liedern Gott dankbar in ihren Herzen singen, statt sich mit den Irrlehren herumzuschlagen. Weil Paulus wusste, dass das Wort Christi bzw. das Evangelium alle diese elementar wichtigen, guten Dinge unter ihnen bewirken kann, hat er sie am Ende des Abschnitts 3,1-17 aufgefordert, dass sie das Wort Christi reichlich unter sich wohnen lassen sollten. Dabei verzichtete er darauf, zu erläutern, wie sie das tun könnten, da es viele Möglichkeiten dafür gibt und es ihre Verantwortung war, wie sie das erreichen wollten. Nur sagte er, dass sie einander lehren und ermahnen sollten mit aller Weisheit. Das heißt, dass nicht allein die begabten Lehrer oder Prediger dafür verantwortlich waren, sondern dass jeder mit dazu beitragen sollte und konnte.

Welche Relevanz hat diese Aufforderung für uns? Und wie können wir ihr nachkommen? Wie die Umfrage gezeigt hat, lesen die meisten von uns täglich persönlich in der Bibel. Also hören die meisten täglich sein Wort und bemühen sich, damit zu leben. Außerdem machen die meisten von uns einmal in der Woche Bibelstudium und hören sonntags eine Predigt. Das ist an sich gut. Trotzdem müssen wir uns fragen, ob das Wort Christi wirklich reichlich unter uns wohnt. Wohnt das Evangelium so beständig und so fest in unseren Herzen, dass es unsere Gesinnung, unser Reden und Handeln im Alltag bestimmt? Sodass wir von Jesu Geist und seiner Liebe beständig erfüllt sind und einander erbauen, wenn wir einander begegnen oder mit anderen reden zu Hause, mit Freunden oder mit Kollegen am Arbeitsplatz? Wie können wir das Wort Christi reichlich in uns und unter uns haben und davon erfüllt sein?

Ein Pastor sagte, dass manche Christen am Sonntag im Gottesdienst Jesus zuhören und sich danach verabschieden und sinngemäß sagen: Auf Wiedersehen, Jesus, bis nächsten Sonntag. Damit das Wort Christi unter uns wohnen kann, müssen wir einen Weg finden, dass das Wort ständig in uns ist. Dazu ist es ohne Frage wichtig, dass wir jeder persönlich täglich auf sein Wort hören und eine herzliche Gemeinschaft mit ihm haben. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten wie einen Bibelabschnitt mit Hilfe des „Tägliches Brot“-Heft zu lesen und tiefer zu betrachten oder die Bibel fortlaufend zu lesen. Verse oder ganze Texte auswendig zu lernen, ist auch eine hervorragende Möglichkeit, dem Wort besser zuzuhören und es jederzeit bedenken zu können, auch dann, wenn wir keine Bibel lesen oder per Audio hören können.

Dass wir nicht nur alleine, sondern auch zusammen die Bibel studieren, ist eigentlich eine hervorragende Möglichkeit, durch die jeder Einzelne das Wort Christi neu verstehen kann und wir es auch als Gemeinschaft unter uns wohnen lassen können. Wenn wir die Bibel schon seit Jahren oder Jahrzehnten studiert haben, ist es aber eine Herausforderung, die Bibel so zu studieren, dass das Wort Christi uns jede Woche anspricht und lebendig unter uns wohnt und wirkt. Früher habe ich jedes Bibelstudium ausführlich vorbereitet und mit jeder Teilfrage versucht, jeden Vers zu verstehen. Beim Bibelstudium habe ich dann mehrere Seiten mitgeschrieben und in den Tagen danach trotz Zeitmangel darum gerungen, beim Stellungnahme-Schreiben die Bedeutung von Gottes Wort für mich zu begreifen und darauf persönlich zu antworten. Sicherlich war mein Verständnis sehr mangelhaft und mein Glaube kindlich; aber Gott konnte mir durch diese begierige Haltung einige Worte ins Herz pflanzen und mir manches von der geistlichen Wahrheit zeigen. Mir ist klar geworden, dass die geistliche Haltung eine entscheidende Rolle spielt, wie viel das Wort Christi in meinem Herzen wohnen kann, und ich bete, dass ich zu der begierigen Haltung und kindlichem Vertrauen zurückkomme.

Lasst uns alle beten, dass Gott unser Bibelstudium in diesem Jahr belebt und vertieft, sodass dadurch jeder Woche für Woche das Wort Christi empfangen und geistlich wachsen kann. Dazu ist es wichtig, dass wir schon vorher den jeweiligen Text tiefgehend und von Herzen betrachten und finden, was das Wort für uns bedeutet, sodass wir beim Bibelstudium unsere Einsichten und Erfahrungen darüber austauschen können. Unsere Bibelstudien sollten nicht nur vom jeweiligen Leiter abhängen. Die meisten von uns sind Bibellehrer, deshalb wäre es schade, wenn wir einfach kommen, um zu hören, was der Leiter zum Text zu sagen hat. Wenn jeder schon vorher den Text studiert und von Herzen betet und sucht, was das Wort für ihn oder sie bedeutet, werden unsere Bibelstudien interessanter, reichlicher, lebendiger und viel leichter anwendbar für unser reales Leben. Das gilt für alle Bibelstudien, von den Kreisleitern und Predigern, den Kreisen, den Jugendlichen und für Bibelstudien zu zweit. Wie viel wir vom Bibelstudium mitnehmen können, wie tief das Wort Christi in uns kommt und bleibt, hängt wesentlich davon, wie viel wir uns selbst vorher mit dem Wort beschäftigt und und gebetet haben.

Dabei ist es ebenso wichtig, dass wir uns nach dem Bibelstudium mit dem gehörten Wort weiter beschäftigen und dem Heiligen Geist erlauben, es in uns weiter zu erläutern und einzupflanzen. Wenn wir uns jede Woche dafür Zeit nehmen und es betend tun, wird uns das viel helfen, dass das Wort in uns wohnen kann und unsere Gesinnung und unser Leben verändert. Wenn wir die Gnade, die wir dabei empfangen haben, auch einander mitteilen, wird uns das helfen, dass das Wort auch unter uns reichlicher wohnt. Lasst uns beten, dass unsere Bibelstudien eine Quelle werden, aus der das Wort Christi reichlich fließt, sodass alle geistlich erneuert werden! Wenn das Wort Christi in uns selbst wohnt und uns bestimmt, wird es sich auch auf die anderen auswirken, sei es wenn wir austauschen, was wir gelernt haben, oder wenn wir uns zufällig auf der Straße treffen. Lasst uns beten, dass das Wort Christi so reichlich unter uns wohnt, dass es jeden von uns und unsere Gemeinde geistlich erneuert! Beten wir auch, dass Gott den Predigern hilft, das Wort und seine Bedeutung für uns so klar zu verstehen, dass sie es in aller Weisheit predigen können, sodass alle davon erfüllt werden und die, die noch zweifeln, zum Glauben an Christus finden können. Amen!

Wegen der Orientierung aus diesem Vers wollen wir nach unserem Genesis-Bibelstudium wieder verstärkt Bücher aus dem Neuen Testament studieren. Aber die Aufforderung, das Wort Christi reichlich unter uns wohnen zu lassen, gilt nicht nur, wenn wir Texte aus dem Neuen Testament lesen. Auch bei Texten aus dem Alten Testament sollten wir suchen, inwiefern sie auch auf Jesus Christus und auf das Evangelium von Gottes Liebe hinweisen, und sollten sie entdecken, soweit sie darin vorhanden ist – und sie ist viel öfter im Alten Testament vorhanden, als wir es vielleicht meinen. Diese Art von Bibelstudium muss Jesus im Sinn gehabt haben, als er seine Jünger mit dem Wort ermutigte: „Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13,52).

Was für großartige Dinge können wir erwarten, wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnt? Wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, werden wir in unserer Beziehung zu Jesus beständig bleiben und in der Erkenntnis und im Vertrauen auf ihn täglich wachsen. Dann können wir auch in schwierigen Situationen im Alltag und bei großen Problemen weiter aus Glauben denken und beten und seine Hilfe erfahren und im Glauben wachsen, anstatt schwach zu werden oder gar abzufallen. Wenn wir das Wort Christi reichlich in uns haben, können wir alle Versuchungen identifizieren und überwinden.

Wenn wir das Wort Christi reichlich in uns haben, wird auch unsere Gemeinschaft erneuert und gestärkt und für alle erbaulich. Viele haben in der Umfrage ihren Wunsch nach mehr Gemeinschaft ausgedrückt. Dabei denken viele, dass wir zurzeit wegen Corona wenig Möglichkeiten zur Gemeinschaft haben. Das stimmt, zum Beispiel können wir zurzeit nicht alle zusammen im Zentrum Gottesdienst feiern und danach zusammen beten und beim Mittagessen über alles Mögliche austauschen. Aber tatsächlich haben wir einige Möglichkeiten zur Gemeinschaft, zum Beispiel können wir einander jederzeit schreiben, einander anrufen oder im Video Chat miteinander sprechen oder uns zu zweit treffen und spazieren gehen. Ich weiß nicht, wie oft ihr das untereinander macht. Aber wir haben unsere Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Warum? Was uns davon ab, uns öfter auf diese oder jene erlaubte Weise zu treffen und Gemeinschaft zu haben? Liegt es daran, dass wir mit unseren Alltagsaufgaben so beschäftigt sind? Oder an unserer inneren Trägheit? Bestimmt beides. Aber liegt es zum Teil vielleicht auch daran, dass wir uns nicht sicher sind, ob die Gemeinschaft mit dem Bruder oder der Schwester wirklich erbaulich wird – ob das Gespräch oder die Gemeinschaft den anderen wohl wirklich erbauen wird? Und ob es auch für mich erbaulich wird? Und dass wir im Zweifelsfall eben lieber weiter für uns bleiben? Ihr wisst selbst, inwieweit das auf euch zutrifft. Bei mir spielt das eine große Rolle. Aber: wenn das Wort Christi reichlich in uns wohnt, wird unsere Gemeinschaft mit anderen erbaulich, weil das Wort Christi in uns und unter uns wirkt, sei es bei unseren Versammlungen oder privaten Treffen. Jesus hat gesagt: „Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben“ (Joh 6,63). Wenn das Wort Christi in uns ist, werden wir von Liebe und Freude erfüllt und bekommen auch die Weisheit, einander zu verstehen und zu ermutigen. Wir können einander zuhören, mit einander beten und letztlich einander ermutigen, egal in welcher Form wir uns treffen.

Wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, wird unsere Gemeinschaft von seiner Liebe, seiner Freude und seinem Frieden geprägt, sodass diejenigen, die in die Gemeinde kommen, den Wunsch bekommen werden, diesen Jesus kennenzulernen und ihn zu finden.
Wenn wir das Wort Christi reichlich in uns haben, werden wir Gottes Vision für uns persönlich und für unsere Gemeinde einmütig erkennen und annehmen können.

Ich bete, dass in diesem Jahr mehrere Familien ihre Tür öffnen und Hauskreise anbieten, sodass Studenten und junge Leute das Evangelium in einer natürlicheren Weise hören und Jesus begegnen können oder wo bestimmte Gruppen, zum Beispiel Frauen oder berufstätige Männer sich über für sie relevante Themen austauschen können. Ich bete auch, dass wir in Workshops bestimmte geistliche Fragen betrachten und durch das Wort Christi eine richtige Anschauung dazu finden können. Ich bete, dass Gott uns seine Weisheit und Hilfe schenkt, dass wir den Kindern und Jugendlichen das Wort Christi auch in den Corona-Beschränkungen in geeigneter Weise geben und ihnen helfen können, Jesus als ihren wahren Freund und Retter zu erkennen, und dass jeder Jugendliche das Wort Christi persönlich studiert.

Der Vers 16 beinhaltet noch ein andere Aufforderung: „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ In dieser Zeit, wo es ein ständiges gesundheitliches Risiko und viele Einschränkungen gibt und vieles, was selbstverständlich war, nicht möglich ist, sind viele Menschen unzufrieden und klagen. Aber als Christen werden wir hier ermutigt, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern Gott dankbar in unseren Herzen zu singen. Die Aufforderung, dankbar zu sein und Gott zu danken, kommt in den Versen 15-17 dreimal vor. Vers 15 endet mit der Ermahnung: „Und seid dankbar!“ Vers 17 sagt: „Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“ Auch viele andere Stellen in der Bibel fordern uns auf, dankbar zu sein und Gott zu loben und zu danken. Man könnte denken, dass wir Gott automatisch danken werden, wenn wir Grund dazu haben. Aber das stimmt nicht. Dass die Bibel so vielfach zum Danken auffordert, zeigt, dass das Danken etwas ist, das wir Menschen tendenziell vergessen. Die Kolosser waren reife Christen. Dass Paulus sie hier dreimal hintereinander zum Danken auffordert, zeigt, dass sie diese Aufforderung brauchten.

Auch uns kann es leicht passieren, dass wir das Gute, das wir haben, für selbstverständlich halten – selbst wenn wir dafür früher gebetet haben – und dass wir ohne Dankbarkeit leben. Es ist wichtig, dass wir diese Ermahnung in diesem Jahr beherzigen und Gott bewusst danken. Wir sollten nicht versäumen, Gott zu danken, selbst wenn wir ein akutes Problem haben. Wir können, wenn wir morgens aufstehen, immer Gott danken, dass wir aufstehen konnten und einen weiteren Tag mit Gott leben können. Wir können Gott immer danken, dass er uns seinen Sohn gab und ihn für uns dahingab, und dass er uns aus seiner Gnade zum Glauben an ihn geführt und uns zu seinen Kindern gemacht hat. Wir können auch, was die Gemeinde angeht, trotz aller Mängel dankbar sein – dass Gott uns als Gemeinde zusammengefügt und uns hineingefügt hat, für die Glaubensgeschwister, die Gott treu lieben und für uns beten; wir können Gott danken für das, was Gott unter uns getan hat, und für die Möglichkeiten, die wir als Gemeinde haben, um das Evangelium weiter zu erfahren und es auszuleben und es auch anderen zu bezeugen. Wenn das Wort Jesu reichlich unter uns wohnt, können wir immer dankbar sein und Gott danken und ihm Lieder singen. Wenn wir nicht laut singen, können wir Gott doch dankbar in unseren Herzen singen. Wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, werden wir alles, was wir tun, zur Ehre Gottes tun und ihm im Namen Jesu für alles danken. Möge Gott uns helfen, dass das Wort Christi in diesem Jahr reichlich unter uns wohne, und alles, was dafür gut ist, zu tun! Möge Gott uns dadurch reichlich segnen und einzeln und uns als Gemeinde geistlich erneuern! Möge Gott uns helfen, ihm für seine Gnade und seinen Segen immer dankbar zu sein und ihm täglich im Herzen dankbar zu singen!

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Predigt: Kolosser 3,1 – 4 (Jahresanfang 2021)

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Christus, unser Leben

„Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht, was oben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“

Kolosser 3,1

Stellen wir uns vor, wir machen eine kleine Bergwanderung. Wir stehen oben am Berg und blicken herunter, und direkt unter uns ist ein Dorf: es ist das Ziel, das wir erreichen wollen. Im Dort ist unsere Herberge. Dort warten Tee und warmes Essen auf uns. Das Dorf ist Luftlinie so nah, dass wir von oben ein Steinchen ins Dorf werfen könnten. Aber um die Siedlung zu erreichen, müssen wir auf Schlangenwegen herunter. Der Weg hin zum Dorf führt an manchen Stellen weiter weg vom Dorf; oftmals so weit, dass wir die Häuser ganz aus dem Blickfeld verlieren. Aber es ist der einzige Weg, auf dem wir Schritt für Schritt näher zur Herberge kommen, näher zu dem Ort, wo wir uns ausruhen können.
Ich finde diese Illustration passend und hilfreich für den heutigen Text. Der Text handelt vom Evangelium; von der guten Nachricht. Zwei Probleme scheinen viele Christen mit dem Evangelium zu haben. Und vielleicht haben viele von uns die gleichen Probleme. Zum einen scheint es irgendwie zu gut zu sein, um wahr zu sein. Wir haben Schwierigkeit, daran zu glauben. D.h., wir glauben schon daran, in der Theorie. Es ist ein gewisses Kopfwissen. Aber wie das Dorf, das uns auf dem Berg zu Füßen liegt, ist es ganz weit weg entfernt von uns. Ganz nah und doch so fern.
Das andere Problem, das viele Christen haben und das eng damit zusammenhängt. Wie werden wir verändert? Wie werden wir geheiligt? Viele glauben daran, dass Veränderung durch einen „5-Punkte“ Plan geschieht; durch Aktionen; durch Disziplin; durch Gesetze; durch Moral. Das NT hat nichts einzuwenden gegen Aktionen, Disziplin und Moral. Und man sich sicherlich einen biblischen 5-Punkte Plan zusammenzimmern. Aber die Bibel sagt uns vor allen Dingen, dass Veränderung durch folgendes geschieht: durch das Evangelium. Wir werden verändert und geheiligt durch die frohe Botschaft von Jesus. Und auch das scheint ein Umweg zu sein. Sich auf die frohe Botschaft einzulassen, um verändert zu werden, scheint vom Ziel wegzuführen, wie der Weg zum Dorf an manchen Stellen vom Dorf wegführt.
Und doch ist das der Weg. Genau das ist es, was Paulus im Kolosserbrief argumentiert. Drei Dinge mindestens können wir hier über das Evangelium und uns lernen: erstens, das Evangelium erzählt eine Geschichte; zweitens, das Evangelium lässt uns Teil dieser Geschichte sein; drittens, das Evangelium gibt unserem Leben eine völlig neue Ausrichtung.

Erstens, das Evangelium erzählt eine Geschichte
Unser Text ist eine Fortsetzung von Paulus‘ Argument, das in Kapitel 2,20 beginnt: „Wenn ihr nun mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt.“ Paulus setzt das fort in Kapitel 3: „Seid ihr nun mit Christus aufweckt, so sucht, was oben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Und dann Vers 4: „Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“ Vier Dinge erfahren wir hier über Jesus: er ist gestorben, er ist auferstanden, er sitzt zur Rechten Gottes im Himmel, und er wird eines Tages wiederkommen in Herrlichkeit. Ein paar Dinge müssen wir hier verstehen. Zum einen, für Paulus waren diese Ereignisse historische Tatsachen; und zwar sprichwörtliche, geschichtliche Fakten, die niemand bezweifeln konnte. Konservative Theologen gehen davon aus, dass Paulus den Brief in der ersten Hälfte der 60er Jahre geschrieben hatte. Selbst liberale Theologen, die nicht an eine paulinische Autorschaft glauben, gehen davon aus, dass der Brief früh entstanden ist, ca. 70 nach Christus. D.h., Paulus schreibt über Jesu Tod und Auferstehung und Himmelfahrt, wie wir über Ereignisse aus den 80er oder Anfang der 90er Jahren sprechen würden, z.B. der Mauerfall. Paulus hatte mit vielen Menschen gesprochen, die diese Ereignisse mit ihren eigenen Augen gesehen hatten und bereit waren, als Zeuge dafür mit ihrem Blut zu bezahlen. Für Paulus waren Jesu Tod und Auferstehung waren keine mythologischen, verklärten Legenden, sondern Ereignisse. Es waren keine schönen Gute-Nacht-Geschichtchen, sondern harte, belastbare, prüfbare Fakten.
Noch ein Gedanke: diese Fakten, waren nicht nur zusammenhanglose Ereignisse. Es war weit mehr als das. Es war Teil einer Geschichte. Denken wir an unser Leben zurück. Nehmen wir an, jemand würde uns folgende Aufgabe stellen: was waren die 3-4 wichtigsten Ereignisse unseres Lebens, die uns geprägt haben. Was würden wir sagen? Vermutlich müssten wir erst einmal nachdenken, was es war. Vielleicht ein wichtiger Abschluss in deinem Leben? Oder der Tag, an dem zu geheiratet hast? Oder der Tag, an dem wir zum ersten Mal Eltern wurden? Angenommen jemand würde jetzt sagen: erzähle uns von allen vier Ereignissen. Sehr wahrscheinlich würde daraus eine kleine Geschichte über unser Leben entstehen.
Hier ist der Punkt, auf den ich hinaus will. Jesu Tod, seine Auferstehung, sein Sitzen zur Rechten Gottes und seine Wiederkunft sind vergangene, gegenwärtige und zukünftige Ereignisse. Sie sind wie die tragenden Säulen einer Saga, einer Geschichte. Auf diese Säulen ruht eine immense, kosmische Geschichte, deren Erzähler Gott selbst ist. Es ist die große Meta-Narrative der Bibel: dass ein guter Gott eine gute Schöpfung erschaffen hat, in welcher der Mensch, die Krone der Schöpfung ist und der Träger von Gottes Bild. Es ist die Geschichte, wie der Mensch sich über Gott erhoben hat, das Bild Gottes im Menschen zerstört wurde und wie Leid, Korruption und Bosheit Teil dieser Welt geworden sind. Und es ist die Geschichte, wie Gott sein Volk rettete, in dem Jesus, der Prinz in diese Welt kam, um uns zu retten und das Königtum Gottes wieder aufzurichten: nicht durch militärische Eroberung, sondern indem er sich unterordnet, stirbt und aufersteht. Jesus sitzt zur Rechten Gottes; er ist der König des Universums, und eines Tages wird er zurückkehren, um Himmel und Erde zu vereinen.
Das Evangelium erzählt eine Geschichte.

Zweitens, das Evangelium lässt uns Teil von der Geschichte sein
Paulus macht einige sehr erstaunliche Aussagen. In Vers 1 sagt er: „Seid ihr nun mit Christus auferweckt“. In Vers 3 sagt er: „Denn ihr seid gestorben.“ In Vers 4: „Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“ Paulus sagt: „ihr seid gestorben. Ihr seid auferstanden. Ihr werdet offenbar werden.“
Denken wir kurz darüber nach. Diese Aussagen sind merkwürdig. Sie scheinen nicht mit unserer eigenen Erfahrung übereinzustimmen. Inwiefern sind wir gestorben? Inwiefern sind wir auferstanden? Vor allem: gestorben und auferstanden in der Vergangenheitsform? Wann genau soll das gewesen sein? Dorothy Sayer’s schrieb über Jesu Tod und Auferstehung: „Eine Sache ist sicher: wenn er Gott war und nichts weiter, dann hat seine Unsterblichkeit keine weitere Bedeutung für uns; wenn er Mensch war und nichts weiter, dann ist sein Tod nicht wichtiger als dein oder mein Tod. Aber wenn er wirklich Gott und Mensch war, dann starb Gott ebenfalls, als der Mensch Jesus starb; und als Gott Jesus von den Toten auferstand, ist der Mensch ebenfalls auferstanden, weil sie ein und dieselbe Person waren.“ Sie hat absolut Recht.
Paulus geht hier aber noch einen Schritt weiter. Das was Jesus getan hat, hat nicht nur abstrakte Bedeutung für die Menschheit. Es hat eine ganz konkrete Bedeutung für uns. Das Schlüsselwort ist „mit“ und „in“. Wir sind mit Christus auferweckt; wir sind mit Christus gestorben; unser Leben ist mit Christus verborgen in Gott; Christus selbst ist unser Leben. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Gott uns das, was Jesus getan hat, so anrechnet, als ob es getan hätten. Tim Keller hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Gott behandelt dich, als ob du so frei von der Schuld deiner Sünde wärest, wie wenn du am Kreuz gestorben und in Qualen selbst den Preis bezahlt hättest. Warum? Weil du gestorben bist. Warum? Weil er gestorben ist. … Die Essenz der Sünde besteht darin, dass ich mich an die Stelle Gottes gesetzt habe und Dinge getan habe, die nur Gott hätte tun dürfen, nämlich mein Leben zu regieren; die Essenz der Rettung ist, dass Gott sich an meine Stelle setzt und dort wo nur ich es verdient hätte zu sein, nämlich am Kreuz.“
Nicht nur das: die Tatsache, dass wir mit Jesus auferstanden sind, bedeutet, dass wir ein völlig neues Leben anvertraut bekommen haben. Das neue Leben in Christus beginnt nicht erst, wenn wir physisch gestorben sind und im Grab liegen. Es beginnt im Hier und Jetzt. Und es bedeutet, dass wir einen direkten Zugang zu Gott dem Vater haben, so wie Jesus sein Sohn einen direkten Zugang zu ihm hat. Gott steht uns zu jederzeit offen wie es vorher noch nie der Fall war.
Den Implikationen und Anwendungen dessen sind keine Grenzen gesetzt. Eine Anwendung auf uns: wenn wir es zulassen, dann definiert und erzählt das Evangelium unsere Geschichte. Um ganz kurz etwas auszuholen: wir allen haben die Beobachtung gemacht, dass wir Menschen Geschichten lieben. Meine Jungs lieben Geschichten. Und meine Jungs hassen Spaziergänge. Aber weil sie Geschichten mehr lieben als Spaziergänge zu hassen, konnte ich sie praktisch immer damit locken, mit mir auf einen langweiligen Spaziergang zu kommen, wenn ich ihnen im Gegenzug eine Geschichte erzähle.
Ich bin ein Fan von Herr der Ringe und StarWars und Marvel. Was alle diese Filme gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie vor Spezialeffekten nur so strotzen. Die meisten dieser Spezialeffekte wurden am Computer generiert. Aber ganz egal wie visuell beeindruckend die Effekte sind, sie sind kein Ersatz für eine gute Geschichte. Am Ende des Tages muss die Geschichte stimmig sein. Wenn der Film eine schlechte Geschichte erzählt, dann ist der Film ist der Regel durch nichts anderes mehr zu retten. Was tun wir, wenn wir eine gute Geschichte hören? Wir versetzen uns in die Geschichte. Wir erleben die Geschichte selbst mit. Wir identifizieren uns mit den Figuren der Geschichte: wir leiden, wir schmachten, wir fiebern mit. Wir wollen wissen, wie die Geschichte endet. Gibt es ein Happy End? Wird der Held den Drachen besiegen können? Werden Prinz und Prinzessin sich finden?
Warum lieben wir Geschichten? Hier ist ein Grund. Wir lieben Geschichten, weil wir tief im Innersten unseres Herzens wissen, dass wir alle Teil einer Geschichte sind. Wir sind alle eingebettet in einer großen Erzählung. Wir leben unsere Geschichte. Wir tun alles, damit die Geschichte, die unser Leben erzählt, ein glückliches Ende nimmt. Wir befinden uns in einem ständigen Kampf, in einem ständigen Konflikt und in einem ständigen Spannungsfeld deshalb. Jeder Mensch lebt in einer Geschichte, und diese Tatsache ist erst einmal unabhängig davon, was wir glauben. Aber die Frage ist dann natürlich: was für eine Geschichte lebst du?
Wenn du nicht an Gott glaubst, dann ist diese Welt alles, was es gibt. Du lebst in einer Geschichte, in der es eigentlich keinen höheren Sinn gibt, kein größeres Ziel, wofür es sich lohnt, zu leben, keine höhere Moral. Du lebst in einem Universum, von dem niemand weiß, warum oder wozu es existiert; und du lebst auf einem Planeten, der sich um eine Sonne kreist, die in ein paar Milliarden Jahren ein toter Stern sein wird. Und du lebst eine Erzählung, in der mit dem Tod alles vorbei ist. Weil dem so ist, geht es vor allem darum, ein möglichst gutes und bequemes Leben zu haben; möglichst viel Geld zu verdienen und möglichst Beziehungen zu haben, die dich glücklich machen. Hier ist das Tragische, wenn du nicht an Gott glaubst: es gibt kein wirkliches Happy End. Kurz bevor ich meinen Postdoc angetreten hatte, hatte ich ein Gespräch mit einem der Arbeitsgruppenleiter in Hannover. Er fragte mich, was ich vorhatte. Ich erzählte ihm, dass ich in Boston eine Stelle bekommen hatte. Er gratulierte mir. Und danach sagte er mir: „Aber vergiss nicht: danach geht es nur noch bergab.“ Ich war etwas verdutzt und fragte ihn, was er damit meinte. Seine Antwort: „In jeder Hinsicht.“ Und das ist die Narrative ohne Gott.
Aber wenn wir uns auf Jesus einlassen, dann ist alles anders. Vers 4 sagt: „Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“ Die Geschichte, die wir leben, ist, dass Gott uns so sehr und so innig geliebt hat, dass er alles auf sich genommen hat, um uns zu suchen und zu finden und zu retten. Er ist unser Bräutigam, und wir sind seine Braut. Wir leben gerade in einer Zwischenzeit: zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Wir leben auf eine Zukunft hin, in der Jesu Reich endgültig kommen wird und er alles neu machen wird; in der die schlimmsten und traurigsten Dinge dieser Welt nicht mehr sein werden, als Nebelschwaden, die in der aufgehenden Sonne verschwinden. Und wir leben in einer Realität, in der das Beste und Größte und Schönste noch vor uns liegt. Ganz egal wie du aufgewachsen bist, welche Verluste du in deinem erfahren hast, welche Leiden und Schmerzen du eventuell jetzt hast: Jesus ist unser Happy End.

Drittens, das Evangelium gibt unserem Leben eine radikal neue Ausrichtung
Zweimal sagt uns Paulus, dass wir eine völlig neue Ausrichtung in unserem Leben haben sollen. Vers 1: „sucht, was oben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Und in Vers 2 schreibt er: „Trachtet nach dem, was oben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“ Genau diese Worte, dass wir nicht nach dem suchen sollen, was auf Erden ist, macht viele etwas stutzig. Wir wollen kurz darüber nachdenken, was es nicht bedeutet; dann, was es bedeutet und als letztes, wie wir es umsetzen können.
Zu suchen, was oben ist, bedeutet nicht, dass wir in einer geistlichen Blase leben; es bedeutet nicht, dass wir uns abkapseln; und es bedeutet nicht dass wir uns nur noch mit Geistlichem zu tun haben, dass wir keinen Bezug mehr haben zu unserem irdischen Leben. Vor ungefähr einem Jahr gab es einen rassistischen Anschlag in Hanau. Acht Männer und eine Frau, die alle einen Migrationshintergrund hatten, wurden dabei erschossen. Bei der Umfrage im vergangenen Jahr hatte jemand angemerkt, dass unsere Gottesdienste mehr Bezug haben sollten, zu dem, was um uns herum passiert. Und ich persönlich denke, dass diese Person recht hatte, weil das Evangelium relevant ist für alle Bereiche unseres Lebens. Zu suchen, was oben ist, bedeutet nicht, dass wir einen Tunnelblick haben und nicht sehen, was rechts und links von uns ist. Es bedeutet auch nicht, dass uns irdische Dinge unwichtig sind. Vor allem bedeutet es nicht, dass wir als Menschen leben, die keine Bodenhaftung haben. Im Gegenteil, diejenigen Menschen, die den Himmel suchen, können die besseren Bürger hier auf Erden sein.
Was bedeutet es dann, uns nach oben auszurichten? Vers 1 sagt, dass Christus oben zur Rechten Gottes sitzt. Jesus ist König, und er regiert. Zu suchen, was oben ist, heißt dann, dass unser Leben mit der Realität übereinstimmt, dass Jesus König ist. Es bedeutet, dass alle Bereiche unseres Lebens unter seiner Herrschaft stehen. Es bedeutet, dass wir sein Recht und seine Gerechtigkeit in unser Leben und unsere Umgebung importieren. Jesus sagte in Matthäus 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Wir haben vorhin gesagt, dass das Evangelium eine Geschichte erzählt; und wir haben gesagt, dass das Evangelium Gottes Einladung an uns ist, selbst Teil dieser Geschichte zu werden. Zu suchen, was oben ist, bedeutet dann, dass wir so leben, dass unser Leben innerhalb der Erzählung Gottes Sinn ergibt.
Ich gebe zwei Beispiele. Die allermeisten von uns haben einen Job. Frage: ist unsere Arbeit irdische Tätigkeit? Antwort: ja, zu einem großen Teil. Zu suchen, was oben ist, bedeutet nicht, dass unsere Arbeit nicht wichtig ist. Im Gegenteil. Unsere Arbeit ist wichtig. Wir dürfen unsere ganze Arbeit unter die Herrschaft Jesu bringen. D.h., wir arbeiten für den König. Auf der Arbeit verhalten wir uns nicht nur konform mit den Arbeitsgesetzen der Bundesrepublik Deutschland, sondern konform mit der Konstitution des Himmelreichs. Wir behandeln unsere Kollegen mit Jesu Liebe und Respekt. Unsere Arbeit im Kontext von Jesu Reich ist wichtig. Und gleichzeitig wissen wir, dass Arbeit nicht alles ist. Unsere Identität ist nicht abhängig davon. Wir sind immer noch Gottes geliebte Kinder, auch wenn auf der Arbeit der Erfolg oder die Anerkennung oder die Wertschätzung ausbleiben.
Oder ein anderes Beispiel: unsere Gesundheit ist wichtig. Zu suchen, was oben ist, bedeutet, dass wir unsere Gesundheit unter Jesu Reich stellen. Leider gibt es viel zu viele Christen unter den sogenannten Corona-Leugnern. Durch Verbreitung von Falschinformationen setzen sie sowohl ihre Gesundheit als auch die Gesundheit von anderen aufs Spiel. Als Bürger von Gottes Reich ist das nicht die Art wie wir leben sollen. Während der Pandemie wollen wir vorbildlich unsere Masken tragen. Wir halten unseren Mindestabstand. Wir halten uns an die Vorgaben der Regierung, wohlwissend, dass unsere Regierung alles andere als perfekt ist und öfters ungeschickt agiert. Ich hoffe, dass wir uns alle impfen lassen, wenn wir an der Reihe sind. (Papst Franziskus hat verkündigt, dass er sich impfen lassen wird. Er kritisierte in diesem Zusammenhang eine „selbstzerstörerische Verweigerungshaltung“, für die er kein Verständnis hat). Gesundheit ist wichtig. Und gleichzeitig wissen wir, dass Gesundheit nicht alles ist. Wir sind nicht abhängig davon. Unsere Identität ist nicht abhängig davon. Wir sind auch dann noch Gottes geliebte Kinder, wenn es mit unserer Gesundheit unaufhaltsam bergab geht.
Als letztes, wie können wir dann nach oben trachten? Reiner wird uns nächste Woche mehr dazu sagen. Nächste Woche wird der Fokus sein, wie Gottes Wort uns dabei hilft. Ich will daher kurz die andere Seite der Medaille beleuchten. Es braucht Gebet. Es braucht Zeiten, in denen wir in der Stille vor Gott sind. Es braucht viel Gemeinschaft mit Gott. Ich muss mich hier an meine eigene Nase fassen. Ich bin alles andere als ein treuer Beter. Dallas Willard hat folgenden Tipp gegeben, den ich versuche umzusetzen. Sobald er aufwachte, hat er im Bett bereits angefangen, das Vater Unser zu beten und darüber zu meditieren: „Vater Unser, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden…“ Wenn wir diese Worte beten, laden wir Jesu Herrschaft ein in unser Leben in diese Welt. Wir trachten nach oben, wo Jesus zur Rechten Gottes sitzt.

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Predigt: Kolosser 2,1 – 23 (Jahresanfang 2021)

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In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit

„Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“

Kolosser 2,8.9

Wir danken Gott, dass wir den Kolosserbrief betrachten und dadurch am Jahreswechsel auf Jesus schauen können. Letzte Woche haben wir durch die Predigt von T. zu Kap. 1,15 die Verkündigung von Apostel Paulus gehört, dass Jesus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist. Durch diesen und die folgenden Verse hat Paulus den Christen in Kolossä verkündigt, wer Jesus eigentlich ist. Jesus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Jesus ist nicht Teil von Gottes Schöpfung, sondern er ist der Erstgeborene vor aller Schöpfung; in Ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist. Damit hat Paulus Jesus als Gott verkündigt, der schon vor der Schöpfung war und durch den alles geschaffen ist. Jesus ist durch seine Auferstehung auch der Erste in Gottes Rettungswerk und das Haupt seiner Gemeinde. Aber warum verkündigte Paulus das den Christen in Kolossä gleich am Anfang seines Briefs? Im heutigen Text erfahren wir den Grund. Obwohl sie eigentlich das Evangelium angenommen und guten Glauben hatten (1,4-8), waren sie in akuter Gefahr, durch Irrlehren ihren reinen Glauben an Jesus zu verlieren. Interessanterweise versuchte Paulus nicht, die Irrlehren zu analysieren und zu widerlegen; das hielt er nicht für nötig. Stattdessen verkündigte er ihnen weiter Jesus, die Größe seiner Person, sein Werk und seine Überlegenheit über alle Mächte. Dadurch machte er deutlich, wie unnötig und unsinnig es ist, sich anderen Lehren und Mächten zuzuwenden. Möge Gott uns helfen, durch diesen Text mehr zu begreifen, wer Jesus ist, was wir in ihm haben und dass wir außer ihm wirklich nichts anderes brauchen!

Betrachten wir die Verse 1 und 2. Paulus schreibt: „Ich will euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich für euch und für die in Laodizea und für alle führe, die mich nicht von Angesicht gesehen haben, auf dass ihre Herzen gestärkt und verbunden werden in der Liebe und zu allem Reichtum an der Fülle der Einsicht, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist.“ Paulus hatte die Christen in Kolossä nie gesehen, ebensowenig wie die in der Nachbarstadt Laodizea. Trotzdem kämpfte er geistlich für sie, seitdem er von Epaphras von ihrer geistlichen Situation gehört hatte, indem er für sie betete und ihnen diesen Brief schrieb. Er betete dafür, dass ihre Herzen gestärkt und in der Liebe miteinander verbunden werden und sie so eine Fülle an Einsicht erlangen, dass sie das Geheimnis Gottes, nämlich Jesus Christus erkennen können. In Christus konnten sie und können auch wir Gottes Wesen erkennen, das uns eigentlich wie ein Geheimnis verborgen ist. Als Gott Jesus Mensch werden und auf die Erde ließ, hat Gott das Geheimnis über sein Wesen, seinen Willen und sein Werk für uns erkennbar gemacht. Dieses unfassbar großartige Geheimnis können wir nicht einfach mit unserem Verstand erfassen. Wir brauchen Gottes Hilfe, von ihm gestärkte Herzen, damit wir den Reichtumg an Fülle der Einsicht erlangen, um Christus wirklich zu erkennen.

Paulus geht noch weiter und verkündigt in Vers 3, dass in Christus alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen liegen. Hier geht es nicht einfach um menschliche Weisheit oder triviale Erkenntnis, wie man sie zum Beispiel zum Lösen einer Mathe-Aufgabe braucht oder dafür, wie man mit anderen Menschen so umgehen kann, dass man nicht unnötig mit ihnen in Konflikt gerät. Das ist auch eine Art von Weisheit, aber nicht wirklich das, wovon hier die Rede ist. Im Vers 3 spricht Paulus von allen Schätzen der Weisheit und der Erkenntnis. Es geht also um Schätze der Weisheit, um Weisheit, die uns das Ziel unseres Lebens und den Weg dorthin zeigt. Es geht um göttliche Erkenntnis, die alle unsere Fragen beantwortet und unsere Bedürfnisse stillt. Und alle diese Schätze an Weisheit und an Erkenntnis sind in Christus verborgen. Wir finden sie nirgendwo anders. Wir finden sie in Jesus Christus, und zwar in dem Maße, indem wir ihn erkennen. So spornt Paulus die Kolosser und auch uns dazu an, danach zu trachten, Jesus mehr zu erkennen.

Warum er das tut, erklärt er in Vers 4: „Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe.“ Paulus freute sich, wenn sie in festem Glauben an Christus lebten. Aber er wusste von der Gefahr, dass sie durch die verführerischen Reden von Irrlehrern betrogen und vom Glaubensweg abgebracht würden. Wozu ermahnte er sie deshalb?

Betrachten wir die Verse 6 und 7: „Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.“ Dies ist Paulus‘ einzige Aufforderung im heutigen Text (die Ermahnungen in den Versen 8, 16 und 18 sind vom Inhalt her keine Aufforderungen, etwas zu tun, sondern Ermahnungen, sich vor der Verführung zu hüten). Da sie Jesus als ihren Herrn und Christus angenommen hatten, sollten sie auch in ihm leben, und dabei in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben sein. Obwohl diese Aufforderung überraschend grundlegend ist, ist sie doch auch eine Antwort auf ihr Problem. Wenn sie an Jesus nicht nur theoretisch glaubten, sondern wirklich in ihm lebten und ihr Denken und Handeln im alltäglichen Leben auf ihn gründeten, würden sie Jesus neu erleben und ihn dadurch mehr erkennen. Dadurch würden sie ihn Tag für Tag neu erleben und erkennen, dass sie in ihm alles haben und keine zusätzliche Philosophie brauchten. Paulus ergänzte, dass sie auch voller Dankbarkeit sein sollten. Sie konnten unabhängig von ihrer Lage immer dankbar sein, weil Gott sie mit Jesus unendlich reich beschenkt hatte. Paulus fordert die Gläubigen in diesem Brief mindestens noch vier weitere Male zur Dankbarkeit auf (3,15.16.17; 4,2). Wenn Jesus unser Herr und Christus ist, haben wir immer Grund zur Dankbarkeit. Gott zu danken, gebührt nicht nur Gott, sondern es schützt auch unser Herz vor allen möglichen Verführungen (nicht nur durch Irrlehren, sondern auch durch Hochmut, Begierde, Neid, Hass, Traurigkeit usw.).

Im Vers 8 warnt Paulus sie konkreter vor der Verführung: „Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.“ Die Gläubigen in Kolossä waren Irrlehren aus zwei verschiedenen Richtungen ausgesetzt: zum einen durch Philosophie, wovon hier die Rede ist, zum anderen durch judaistische Lehren, die die Einhaltung des Gesetzes und jüdischer Satzungen forderten. Bei dem, was Paulus hier Philosophie nennt, handelte es sich um eine Form von mystischem Polytheismus, der sich später zu der Irrlehre entwickelte, die man mit Gnostizismus bezeichnete. Diese falsche Lehre behauptete, daß es zwischen einem heiligen Gott und der Erde eine Menge von Engeln und anderen spirituellen Wesen gäbe, die eine Art Brücke bildeten, zu denen angeblich auch Christus als ein Glied gehöre. Auf diese Weise wollte man Christus einen Platz geben, der der wahren Gottheit untergeordnet ist, und unterschätzte dadurch Jesus Christus und die Einzigartigkeit und die Vollständigkeit seines Erlösungswerks. Diese Lehre beinhaltet die Anbetung von Engeln (18) und eine falsche Askese (20-22). Die Irrlehrer lehrten in der Gemeinde, dass die Gläubigen nur dann die Fülle der Gottheit erfahren könnten, wenn sie mit Engeln und andere spirituellen Mächten in Verbindung treten. Sie bezogen sich – ebenso wie die judaistischen Irrlehrer – auch auf Jesus, lehrten aber, dass er nur eine begrenzte Bedeutung hätte und sie noch etwas anderes bräuchten. Paulus nennt diese Lehre „leeren Trug“ und stellt klar, dass sie der Überlieferung von Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.

Warum war es verkehrt und absurd, daran zu glauben? Paulus sagt in den Versen 9 und 10: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.“ Jesus ist nicht nur ein Engelswesen, das der Gottheit untergeordnet ist, sondern in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Das Wort „Fülle“ (griechisch pleroma) war gerade das Wort, das die Gnostiker für das ganze Heer der vermittelnden Wesen zwischen Gott und den Menschen gebrauchten. Das Wort „leibhaftig“ betont, dass der fleischgewordene Herr, der gekreuzigt wurde, auferstanden und zum Himmel aufgefahren ist, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist. Er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten. Er ist selbst Gott, in dem alle Fülle wohnt. Mit dieser Verkündigung widerlegte Paulus die falschen Behauptungen der Irrlehrer und bezeugte Jesus als wahren Gott und Herrn über alle Mächte. Er ist der König, der alles regiert und den wir anbeten sollen. In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit. Wenn wir zu Jesus ihm kommen, bekommen wir nicht nur etwas, sondern werden Gott in seiner ganzen Fülle finden. Deshalb sollen wir mit unseren Fragen und unserem Verlangen nach wahrer Erkenntnis und Leben zu Jesus kommen und nicht (auch) woanders suchen.

Woran konnten die Kolosser noch die überragende Größe und Herrlichkeit Jesu erkennen? Paulus schreibt weiter in den Versen 11-15: „In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, durch Ablegen des sterblichen Leibes, in der Beschneidung durch Christus. Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.“ Hier beschreibt Paulus das Werk der Erlösung, das Jesus für sie vollbracht hat. Genauer gesagt beschreibt er die Auswirkungen seines Werkes, die auch für uns gelten, wenn wir es im Glauben angenommen haben. Durch den Glauben an seinen Tod am Kreuz wurden wir einer geistlichen Beschneidung unterzogen, durch die wir von unserem alten Wesen getrennt wurden. Wir sind mit ihm begraben worden in der Taufe und sind mit ihm durch den Glauben aus der Kraft Gottes auferweckt zu einem neuen Leben für seine Ehre. Obwohl wir eigentlich durch und durch unverbesserliche Sünder sind, hat Gott uns alle unsere Sünden vergeben und hat den Schuldbrief, der gegen uns bestand, getilgt und hat ihn an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten, die ein Anrecht auf uns hatten und uns angegriffen hatten, ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus, als er ihn von den Toten auferweckt und zum Himmel aufgehoben hat. Dieses gewaltige Werk kann nur der lebendige Gott durch seinen Christus vollbringen. Philosophien mögen interessant erscheinen. Aber keine Philosophie von Menschen hat die Kraft, um auch nur einen Teil dieser Werke zu vollbringen. Philosophien können Menschen vielleicht eine Orientierung geben und sie dazu ermutigen, sich mit ihrer eigenen Kraft um ein moralisch besseres Leben zu bemühen. Aber sie haben keine Kraft, um uns von unserer sündigen Natur zu befreien; noch weniger können sie unsere Schuld vor dem heiligen Gott tilgen oder uns ewiges Leben geben. Nur Jesus, in dem die Fülle Gottes wohnt, hat diese Werke für uns vollbracht. Ihn sollen wir anbeten und ihm ewig danken!

Im Anschluss geht Paulus auch auf die Lehren der judaistischen Lehrer ein. Im Vers 16 heißt es: „So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines Feiertages, Neumondes oder Sabbats.“ Die judaistischen Lehrer forderten die Gläubigen dazu auf, bestimmte Speisen zu meiden, jüdische Feiertage zu halten und vermutlich auch andere Teile des Gesetzes und der Satzungen der Juden zu halten. Sie behaupteten, dass diese Werke zusätzlich zum Glauben an Jesus nötig wären, um wirklich heilig und Gott wohlgefällig zu sein. Aber Paulus sagte, dass sie sich wegen solchen Dingen von niemandem ein schlechtes Gewissen machen lassen sollten. Vers 17 erklärt: „Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber ist Christus eigen.“ Die Gebote, die Gott dem Volk Israel gab, wie Speisegeboten, Feiertage oder auch Opfergebote, sollten ihnen helfen, Gott zu fürchten und trotz ihrer Sündhaftigkeit eine Form von Gemeinschaft mit Gott zu haben. Letztlich aber sollten sie die Menschen ihre Verlorenheit lehren und auf das Kommen des Christus als Retter und König vorbereiten. Insofern sind sie nur ein Schatten, ein minderwertiges Abbild von Jesus und dem Leben in der Beziehung zu Gott, die Jesus bringen würde. Alle, die an Jesus glauben, sind ein Teil seiner Gemeinde bzw. seines Leibes. Als sein Leib gehören wir nun ganz ihm und sollen ihm gehorchen und stehen nicht mehr unter dem Gesetz.

Paulus warnte sie eindringlich vor denen, die das in Frage stellten: „Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat, und ist ohne Grund aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn und hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken“ (18.19). Die Gläubigen sollten sich von niemandem ihr festes Vertrauen auf Christus nehmen lassen und seine ewige Belohnung riskieren – weder von den gnostizistischen noch von den judaistischen Irrlehrer. Das Charakteristikum der Irrlehrer ist, dass sie sich nicht an Jesus Christus halten und ihre Gedanken ihm nicht unterstellen, obwohl er das Haupt des Leibes ist und den ganzen Leib zusammenhält und wachsen lässt. Es ist wichtig, dass wir uns jeder persönlich und als Gemeinde an Jesus halten und all unser Denken, Tun und Lehren ihm ganz unterstellen. Das wird uns entscheidend helfen, verkehrte Wege zu gehen und verkehrte Lehren zu identifizieren und aus der Gemeinde zu verbannen.

Betrachten wir auch die letzten vier Verse 20-23: „Wenn ihr nun mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt: »Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren« –was doch alles verbraucht und vernichtet werden soll. Es sind menschliche Gebote und Lehren. Diese haben zwar einen Schein von Weisheit durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.“ Zum Schluss erinnert Paulus sie nochmal an ihren neuen geistlichen Status, dass sie mit Christus bereits den Elementen der Welt gestorben waren, und stellt die rhethorische Frage, warum sie sich dann wieder Satzungen auferlegen ließen, die bestimmte Speisen als unrein verboten. Sie brauchten keinen solchen menschlichen Geboten und Lehren mehr zu folgen, die nur einen Schein von Weisheit hatten, aber in Wirklichkeit nichts wert waren. Sie dienten nur dem menschlichen Verlangen, sich selbst und sein Leben zu verbessern, und dem religiösen Bedürfnis, sich vor Gott gerecht zu machen, was doch Christus schon längst für uns getan hat.

Auch in unserer Zeit gibt es verschiedene Philosophien und Lehren, die interessant klingen, von denen einige scheinbar mit dem Glauben an Jesus kompatibel sind. Wohlgemerkt ist hier von Philosophien die Rede, die ihre Wurzel in der Überlieferung von Menschen und Elementen der Welt haben. Es geht hier nicht um christliche Philosophie, die auf dem Evangelium Jesu und der Lehre der Bibel gründet. Ein Beispiel für weltliche Philosophien unserer Zeit, die mit dem Evangelium scheinbar kompatibel sind, ist die Antroposophie von Rudolph Steiner, der auch die Walldorfschulen gegründet hat, und Jesus und Teile des Evangeliums in seine Lehre eingebaut hat. In den letzten 30 Jahren hat sich auch die Esotherik in Europa verbreitet, bei der unterschiedliche mystische Lehren mit Elementen des Evangeliums in verführerischer Weise vermischt sind. Natürlich gibt es noch viele andere menschliche Lehren bzw. Irrlehren, die uns vom reinen Glauben an Jesus abbringen können.

Wir können leicht denken, dass wir hier nicht in Gefahr sind, weil wir ja die Bibel studieren und unseren Glauben daran orientieren. Das ist zwar gut und sicher eine ganz große Hilfe, aber die Gefahr, einer verkehrten Lehre aufzusitzen, ist damit nicht vollautomatisch gebannt. Das Entscheidende ist, wie wir die Bibel studieren, konkret gesagt, wie weit wir dadurch Jesus Christus erkennen.

Jeder Mensch hat eigentlich ein angeborenes Verlangen nach Weisheit und wahrer Erkenntnis. Wir haben in uns einen Wunsch, die Dinge, die uns umgeben oder die in der Welt passieren, zu verstehen. Das beschränkt sich nicht nur auf physikalische Gesetzmäßigkeiten oder Dinge, die für uns unmittelbar von Nutzen sind, sondern auch auf grundlegendere Fragen, wie zum Beispiel, woher wir kommen, was nach dem Tod kommt, was der Sinn unseres Daseins ist und damit auch auf die Frage nach Gott. Die Kolosser hatten durch die Predigt des Evangeliums Jesus Christus als Gottes Sohn und durch seinen Tod am Kreuz Gottes Liebe zu sich erkannt. Ihre Erkenntnis wuchs durch ihr tägliches Glaubensleben allmählich. Aber ihre Erkenntnis war immer noch begrenzt, sie hatten Jesus noch längst nicht in seiner Fülle erkannt. Dementsprechend spürten sie wohl auch einen inneren Mangel an Erkenntnis. Viele Christen denken nach einigen Jahren Glaubensleben, dass sie nun eigentlich alles Wichtige in der Bibel verstanden hätten und Jesus genug kennen gelernt hätten und nicht mehr viel Neues erfahren könnten. Aus diesem Eindruck entsteht in ihnen ein Wunsch, etwas Neuartiges zu erfahren. Dieser Wunsch ist zwar verständlich, aber die Annahme, die ihm zugrundeliegt, dass sie weitgehend schon alles erfahren hätten, was das Evangelium bietet, ist grundverkehrt. Vor allem birgt dieser Wunsch die Gefahr, dass wir uns auf andere Lehren einlassen, die den Glauben an Jesus scheinbar in einer positiven Weise ergänzen, in Wirklichkeit aber unseren Glauben an das Evangelium bedrohen. Genau das passierte bei den Kolosser. Nachdem sie eine Zeitlang im Glauben gelebt hatten, waren sie offen für die Worte der Irrlehrer, die ihnen ein wirklich erfülltes Leben mit voller Gotteserkenntnis versprachen und ihnen dafür eine popluläre Philosophie mit mystischen Elementen anpriesen. Sie waren dafür anfällig, weil sie nicht wirklich wussten, dass in Jesus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt und dass sie in ihm alles finden! Sie waren auch für die Lehren der Judaisten anfällig, dass sie außer an Jesus zu glauben auch das Gesetz und die jüdischen Satzungen halten müssten, um Gott wirklich zu gefallen – weil sie nicht tief genug erfasst hatten, dass sie mit Christus gestorben und auferweckt waren und in ihm Gottes volle Anerkennung erlangt hatten und von ihm selbst geheiligt würden. Lasst uns dafür beten, dass im neuen Jahr das Wort Christi reichlich unter uns wohne, damit wir Jesu Erlösungswerk an uns tiefer und völliger begreifen und jeden Tag und in allen Bereichen aus dem Glauben daran leben können. Lasst uns beten, dass das Wort Christi so reichlich unter uns wohnt, dass wir ihn selbst mehr erfahren, in der geistlichn Erkenntnis wachsen und bei ihm alle Fülle finden. Möge Gott uns dadurch auch vor jeglicher verkehrten Lehre schützen! Amen.

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Predigt: Kolosser 1,15a (Jahresanfang 2021)

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Gott schenkt uns „ein“ Bild von sich

„Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes“

Kolosser 1,15a

Betrachten wir Kolosser 1,15a: „Er ist Bild des unsichtbaren Gottes.“ Diesen Vers verstehen wir umso besser, wenn wir ihn im gesamtbiblischen Kontext betrachten. In diesem Vers ist von „Bild“ die Rede. „Bild“ ist eine der biblischen Kategorien, die im Laufe der biblischen Geschichte immer mehr an Bedeutung gewinnen. Hierzu gehören auch die biblische Kategorien „Bund“ und „Tempel“ – hier ein Beispiel:

„Und Salomo fing an, das Haus des HERRN zu bauen in Jerusalem, auf dem Berg Morija, wo der HERR seinem Vater David erschienen war, an der Stelle, die David bestimmt hatte, auf der Tenne Ornans, des Jebusiters.“ (2. Chr. 3,1)
„Er aber sprach von dem Tempel seines Leibes.“ (Joh 2,21)
„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Kor 6,19)
„Und es wurde mir ein Rohr, gleich einem Stab, gegeben und gesagt: Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die, welche darin anbeten!“ (Off 11,1)

Weil „Bild“ ein Schlüsselwort zum Verständnis von Kol 1,15a ist, habe ich dementsprechend die Predigt gegliedert:

1 Von wem machen wir uns ein Bild?
2 Warum machen wir uns ein Bild?
3 Welches Bild gibt uns Gott?

In meiner Predigt werde ich weit ausholen und schließlich dann auf Kol 1,15a zu sprechen kommen. Beginnen wir nun mit der ersten Frage: Von wem machen wir uns ein Bild?

Wenn im AT von „Bild“ die Rede ist, dann häufig im Zusammenhang mit Götzendienst. Ein Teil des ersten Gebots besteht darin, sich kein Bildnis von etwas zu machen (2. Mo 20,4). Was bedeutet das? Wir denken an Bildnis sogleich an geschnitzte Figuren u.Ä. Aber sich ein Bildnis von etwas zu machen ist auch dann der Fall, wenn man sich eine Vorstellung von etwas, also ein Bild von etwas macht. Wie sehr Vorstellung und Bild miteinander verwandt sind, sehen wir v.a. in der englischen Sprache: „Image“ und „Imagination“. Wenn wir ehrlich zu uns sind, stellen wir fest, dass wir eine große Neigung haben, uns ein Bild von etwas zu machen. Wir machen uns Vielem ein Bild, sei es von unserem Partner, von unserem Job, von unseren Mitmenschen, von unserer Umgebung, von unserer Gemeinde usw. Dass dieses Bild überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmen muss, zeigt sich darin, dass jemand anders von der ein- und derselben Sache oder Person ein völlig anderes Bild haben kann. Nicht ohne Grund werfen wir dem einen vor: „Du siehst alles mit einer rosaroten Brille“, dem anderen aber: „Du bist ein Schwarzmaler“. Oder hier ist ein anderes Beispiel: Ich denke, wir haben das alle schon erlebt: Du redest dir deinen Mund fusselig, weil du jemanden etwas erklären willst. Doch am Ende stellt sich heraus, dass der andere dich überhaupt nicht verstanden hat. Warum? Der andere hat sich ein Bild von dir gemacht und von diesem Bild ausgehend, hört er das, was du sagst. Alles, was du eben gesagt hast, ist durch den Kanal des Bildes, was er von dir hat, gegangen. Ein drittes Beispiel ist ein vertrautes Phänomen aus der Schule: Du hast für deine Aufsätze immer nur eine 2 bekommen – egal wie sehr du dich angestrengt hast, nie war es eine 1. Und warum? Es könnte daran liegen, dass der Lehrer sich ein bestimmtes Bild von dir gemacht hat: „Schüler x ist mittelstarker Schüler.“
Man kann an dieser Stelle natürlich einwenden: „Stopp mal, in dem Gebot: „sich kein Bildnis von etwas zu machen“ geht es um Götzenbilder, nicht allgemein darum, sich von etwas ein Bild zu machen. Anbetung und sich ein Bild von etwas zu machen, sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie manche vielleicht denken. Gerade dann, wenn wir uns ein Bild von etwas machen, ist Anbetung mit im Spiel. Hierzu einige Beispiele dazu:

  1. Warum waren die Pharisäer nicht in der Lage gewesen, an Jesus zu glauben? Sie wollten auf Gedeih und Verderb ihr positives Selbstbild nicht aufgeben, als Jesus sie damit konfrontierte, dass sie Sünder sind. Und warum nicht? Weil sie ihre eigene Gerechtigkeit anbeteten.
  2. Ein alleinerziehender Vater mit 6 oder 7 Kindern sagte einmal: „Ich habe erst nach der Heirat gemerkt, was für eine Frau ich geheiratet habe.“ Wie kann das sein? Es könnte gut sein, dass er mit einem Wunschbild von seiner Frau in die Ehe eingegangen ist.
  3. Manche Eltern haben große Schwierigkeiten damit, wenn ihr Kind nicht die Noten hat, die sie erwartet haben. Warum? Nicht bei allen, aber bei manchen von ihnen liegt es darin, dass sie sich ein festes Bild von ihrem Kind gemacht haben – „mein Kind ist hochbegabt!“ Um dieses Bild von dem Kind nicht aufgeben zu müssen, macht man dann Folgendes: Man macht sich auch ein Bild von dem Lehrer, und zwar ein schlechtes. „Es liegt an dem Lehrer. Er ist ein schlechter Lehrer. Er bringt es meinem Kind nicht richtig bei.“ Und warum macht man das? Um sein gutes Bild vom eigenen Kind weiter rechtfertigen zu können. Man hält an das schlechte Bild vom Lehrer genauso fest wie an das gute Bild von seinem Kind.

In Psalm 116,11 heißt es: „Alle Menschen sind Lügner!“. Wir machen uns ein Bild von etwas, wenn wir die Dinge gerne so sehen wollen, wie wir sie haben möchten. Dieses Bild ist ein Produkt bestimmter Wünsche und Bedürfnisse, die aus dem kommen, was wir gerade anbeten. Das Gegenteil davon ist, dass wir Gott erlauben, uns die Realität zu zeigen. Aber wir tun dies häufig nicht, weil wir die Wahrheit fürchten. Wir tragen dieses Bild solange mit uns, bis es zum Crash mit der ernüchternden Realität kommt. Wie zum Beispiel bei diesem alleinerziehenden Vater: Seine Frau brannte mit jemanden anders durch und landete später in der Psychiatrie. Mit seinem Wunschbild kam es zu einem Crash mit der Realität! Das Bild, das wir uns von etwas machen, kann sich sehr von der Realität unterscheiden!
Was hat das Ganze aber mit Gott zu tun? In Kol 1,15 geht es doch um das Bild von Gott, nicht um Menschen oder Dinge! Nicht nur von Menschen und den Dingen um uns herum, sondern auch von Gott machen sich Menschen sehr gerne ein Bild. Und nicht nur auch, sondern vor allem von Gott machen sich Menschen ein Bild. Denn gerade weil Gott unsichtbar ist, sind wir viel leichter dazu verleitet, uns von ihm ein Bild zu machen, als von den Dingen, die wir sehen. In allen Religionen der Welt gibt es unzählige „Bilder“ von Gott, die gemalten und die geschnitzten und gegossenen und die aus Marmor gehauenen, die aus Gedanken und Begriffen zurechtgemachten, die rohen und die edlen. Aber auch nicht religiöse, sogar atheistische Menschen machen sich ein Bild von Gott. In meiner Vergangenheit lud ich immer mal wieder Studenten zum gemeinsamen Bibellesen ein. Dabei kam ich mit dem einen oder anderen auch in ein längeres Gespräch. Was ich dabei häufig hörte, waren Sätze wie: „Ich denke, dass Gott…“, „Ich glaube nicht, dass Gott…“ Solche Aussagen sind ein Ausdruck davon, dass man sich ein Bild, eine Vorstellung von Gott macht.
Ein anderes Beispiel: Zurzeit mache ich mit einem Christen Seelsorge, dessen Sohn nicht gläubig ist. Es ist erschreckend, wie der Sohn den Glauben des Buddhismus mit biblischen Wahrheiten vermischt und tatsächlich meint, er finde in der Bibel die Bestätigung für seinen Glauben. Er bastelt sich ein Bild von Gott zurecht, wie er ihn haben möchte. Und wie steht es mit uns? Wenn wir ehrlich zu uns sind, tun auch wir Gläubigen es, ich tue es.
Aber warum tun wir es? Damit wären wir auch schon bei der zweiten Frage: Warum eigentlich machen wir uns ein Bild von Gott? Wer einmal die Geschichte über das Goldene Kalb analysiert, der bekommt eine gute Antwort auf diese Frage. Diese Geschichte zeigt, dass unsere Bilder von Gott ein Ausdruck davon sind, wie wir Gott haben wollen. Bewusst oder unbewusst meinen wir, dass unser Bild herrlicher ist als Gott in Wirklichkeit, wie es im Römerbrief heißt: „und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes vom vergänglichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren“ (Röm. 1,23). Indem wir uns ein Bild von Gott machen, versuchen wir Gott unter Kontrolle zu kriegen. Der Gott in meiner Vorstellung stellt meine Lebensweise nicht in Frage, sondern dient dazu, sie zu rechtfertigen. So war es auch beim Volk Israel, als sie das Goldene Kalb angebetet hatten: „So standen sie am folgenden Tag früh auf, opferten Brandopfer und brachten Heilsopfer dar“ (2. Mo 32,6).
Einen anderen Grund, warum sich Menschen ein Bild von Gott machen, finden wir in Joh 14,8. Der Jünger Philippus konfrontierte Jesus mit dem Wunsch: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns“. Das bedeutet so viel wie: „Wenn du mir nur Gott zeigen könntest, dann bin ich voll und ganz zufrieden, alles andere ist nicht so wichtig. Hauptsache ich kann endlich Gott sehen.“ Eine ähnliche Bitte stellte auch Moses, als er Gott bat: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ (2. Mo 33,18) Viele Menschen haben den Wunsch, den unsichtbaren Gott zu sehen. Weil Gott unsichtbar ist, brauchen wir irgendwie eine Vorstellung von ihm. Menschen machen sich also auch deswegen ein Bild von Gott, einfach weil wir eine Vorstellung vom unsichtbaren Gott brauchen. Denn wir brauchen ein Bild von Gott, um zu wissen, wie wir mit ihm eine Beziehung haben können. Wir brauchen ein Bild von Gott, um zu wissen, wie wir vor ihm leben sollen. Wir brauchen ein Bild von Gott, damit er uns nicht verborgen vorkommt. Gott kommt vielen Menschen als verborgen vor, gerade weil er unsichtbar ist. Insbesondere Menschen, die Gott in der Not nicht so erfahren haben, wie sie es erwartet haben, also nicht so wie es ihrem Bild von Gott entsprach, empfinden Gott als verborgen. Letzte Woche nach dem Gottesdienst teilte ein Bruder das Anliegen einer Kollegin mit, für ihren Vater, der am Sterben lag zu beten. Er erzählte uns davon, dass sich die Lage verschlechtert hatte, als er angefangen hatte dafür zu beten. Dann beteten wir zusammen für ihren Vater. Und was geschah am nächsten Tag? Der Vater war tot. Gott war nicht so, wie es sich die Kollegin vielleicht erhofft hatte. Menschen, die solch eine erschütternde Erfahrung mit Gott gemacht haben wie diese Kollegin, wenden sich häufig von Gott ab. Gott ist für sie ein zutiefst verborgener Gott. Wie oft musste sich Gott wohl schon den Vorwurf anhören: „Gott, wo warst du?“ Seit dem Sündenfall ist Gott für den Menschen unsichtbar in tiefstem Sinne geworden. Seitdem haben immer wieder Menschen die Sehnsucht, Gott zu sehen.
Und hier ist das Problem: Einerseits brauchen wir ein Bild von Gott, gerade weil Gott unsichtbar ist. Aber andererseits verbietet Gott es uns, sich ein Bild von ihm zu machen, und das ausgerechnet aus dem Grund, dass Gott unsichtbar ist. In 5. Mo 4, 15-16 heißt es nämlich:
So hütet eure Seelen sehr – denn ihr habt keinerlei Gestalt gesehen an dem Tag, als der HERR am Horeb mitten aus dem Feuer zu euch redete -, 16 dass ihr nicht zu eurem Verderben handelt und euch ein Götterbild macht in Gestalt irgendeines Götzenbildes, das Abbild eines männlichen oder eines weiblichen Wesens
Weil Gott unsichtbar ist, sind wir sind gar nicht imstande, uns ein Bild von Gott zu machen. Wir können es gar nicht! Kein Bild von Gott wird jemals dem gerecht, wie Er wirklich ist. Daher verbietet es Gott ganz klipp und klar

Aber wie gesagt, eben darin besteht das Dilemma: Einerseits brauchen wir ein Bild von Gott, andererseits dürfen und können wir uns kein Bild von Gott machen? Was ist die Lösung für dieses Dilemma? Die Lösung ist, Gott selbst gibt uns ein Bild von Sich. Was dieses Bild ist, erfahren wir in Kol. 1,15 Er [also Christus!] ist das Bild des unsichtbaren Gottes.“ In Christus schenkt uns Gott selbst ein Bild von sich! Oder besser gesagt: Das Bild von sich! (Daher die Anführungsstriche im Titel). Denn in Christus und nirgends wo anders, können wir die einzig wahre Vorstellung davon bekommen, wie Gott wirklich ist. Wie ich eben erwähnt habe, hatte es Gott strengstens verboten, ein Bild von Ihm zu machen. Denn kein von uns gemachtes Bild wird seiner Herrlichkeit gerecht. Selbst das beste Bild von Gott reduziert dessen Herrlichkeit, es presst sozusagen Gottes Herrlichkeit in einen Bilderrahmen hinein. Doch Christus ist das Bild von Gott, dass Gottes Herrlichkeit komplett widerspiegelt. Es ist das Bild, wo Gott sagen kann: „Ja, genau so bin ich.“ In Christus können wir sehen, wie Gott es in Wirklichkeit mit uns meint, nämlich als Vater. Daher lautete Jesu Antwort an Philippus: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9).
Zu Weihnachten senden sich Angehörige gerne Bilder voneinander zu, und sicherlich in diesem Jahr wegen Corona noch mehr als in den anderen Jahren zuvor. Die meisten von ihnen erfreuen uns. Doch es gibt kein Bild, das uns mehr erfreuen könnte, als das Bild, dass der unsichtbare Gott uns von sich schenkt. Wie herrlich dieses Bild ist, bezeugt Johannes mit den Worten: „und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). „Für euch“ lautete die Serie der Weihnachtspredigten, die wir in diesem Jahr haben. Christus ist das Bild von Gott für euch, für dich und für mich.
Unsere Bilder machen Gott zu dem, wie wir ihn gerade haben möchten. Gott aber möchte, dass wir ihn uns so vorstellen, wie Er sich uns in Christus offenbart, nicht wie wir ihn haben wollen. Wie können wir diese Wahrheit in unserem alltäglichen Leben anwenden. Mir fallen hierzu drei Beispiele ein:

  1. Wann immer ich Sorgen, Bitterkeit, Unzufriedenheit, Ungeduld, Angst usw. in mir trage, bin ich in dem Moment von einem falschen Gottesbild getrieben. Bitterkeit kommt zum Beispiel in mir, wenn ich die Gnade Gottes in Christus aus den Augen verloren habe. Sorge macht sich in mir breit, wenn ich vergessen habe, dass Gott in Christus mein fürsorglicher Vater ist. Angst kommt in mir auf, wenn ich vergessen habe, dass Gott in Christus mein Immanuel ist. Das Bild, das Gott uns in Christus gibt, ist unendlich viel herrlicher, als unsere Bilder von Gott. Lasst uns dem glauben. Lasst uns immer wieder aufs Neue das Bild schauen, dass Gott uns gegeben hat, also immer wieder darauf schauen, wie Jesus ist, sodass das Bild Gottes in unsere Herzen nicht verblasst, sondern zunehmend klarer wird.
  2. Wann immer wir denken, Gott lehnt es uns ab, Gott ist chronisch unzufrieden mit uns, Gott verachtet uns, man kann es Gott nicht recht machen, Gott ist mir feindlich gesinnt, tragen wir ein falsches Gottesbild mit uns. In Christus begegnet Gott uns als der Vater, der uns zwar wegen unserer Sünde zurechtweist und auch züchtigt, aber uns stets als Vater und Freund, niemals als Richter gegenübersteht. Es ist wichtig, jenes falsche Gottesbild abzulegen. Denn wer sich Gott so vorstellt, wie oben beschrieben, der wird nie Freude darin haben, Gott zu dienen, dem wird auch seine Sünde nie wirklich leid tun und blockiert sich selbst darin, Gottes Liebe aufzunehmen.
  3. Ein wohl häufiger Grund, warum Christen sich ein Bild von Gott machen, ist der Irrtum, dass sie meinen, sie wissen schon, wie Gott ist. Wer wiedergeboren ist, kennt zwar Gott (1. Joh 4,7), aber längst noch nicht komplett. Selbst Paulus musste bekennen, dass seine Erkenntnis nur Stückwerk ist (1. Kor 13,9). Wenn Christen meinen, sie kennen schon Gott weitgehend, behindern sie sich selbst darin, dass sich Gott ihnen in Christus weiter offenbaren kann.

Ich habe eben dieses Beispiel erwähnt: Du redest dir deinen Mund fusselig, weil du jemanden etwas erklären willst. Doch am Ende stellt sich heraus, dass der andere dich überhaupt nicht verstanden hat. Warum? Der andere hat sich ein Bild von dir gemacht und von diesem Bild ausgehend hört er das, was du sagst. Alles, was du eben gesagt hast, ist durch den Kanal des Bildes, was er von dir hat, durchgegangen. Und genau dasselbe tun wir oft mit Gott. Wir hören aus der Bibel etwas völlig anderes heraus als das, was Gott uns eigentlich sagen möchte. Warum? Weil wir uns ein Bild von Gott gemacht haben und alles durch dieses Bild hindurch hören.
Unsere Bilder von Gott sind ein Hindernis dafür, dass sich Gott uns weiter in Christus offenbaren kann. Gott verbietet es uns, sich ein Bild von ihn zu machen, gerade weil diese Bilder ein Hindernis dafür sind, dass er sich uns weiter und tiefer in Christus offenbaren kann.
Wie schlimm finden wir es, wenn jemand ein falsches Bild von uns hat. Wir setzen allen Eifer darin ein, dass er uns richtig sieht. Wie können wir es dann wagen, uns ein falsches Bild von Gott zu machen? Wie können es wir wagen?! Hören wir vor diesem Hintergrund neu Gottes Wort: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ (2. Mo 20,4) Denn: „Er [also Christus!] ist das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15a).
Wann immer wir die Bibel lesen, lass uns genau hinhören, lass uns dem öffnen, wie sich Gott uns in Christus tiefer offenbaren will, anstatt das Gelesene in unser Bild von Gott zu pressen.

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