Predigt: Hebräer 12,1-13 (Sonderlektion 6a)

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Marathon

„und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.“

(Hebräer 12,2 nach EÜ)

Der Hebräerbrief wurde an Judenchristen geschrieben, die unter erheblichen Verfolgungen litten. Die ersten Leser hatten eine brennende Frage: „Lohnt es sich überhaupt noch, Christ zu sein? In Anbetracht der ganzen Leiden, die man hat, der Verfolgungen, Konflikte, ist es nicht besser, den christlichen Glauben, über Bord zu werfen?“ Die Antwort lautet: natürlich nicht. In Kapitel 11 hatten wir gesehen, dass der Autor von Hebräer eine ganze Reihe von bekannten Persönlichkeiten aus dem AT vorstellt, die alle aus Glauben gelebt hatten. Und die Botschaft an die Empfänger des Briefes war: „Das könnt ihr auch. Gebt euren Glauben nicht auf.“
Der Text heute erklärt, wie die Leiden im christlichen Leben zu verstehen sind. Mindestens drei Punkte kann man im heutigen Text dazu lernen: erstens, wozu wir berufen sind; zweitens, was wir dafür benötigen; drittens, worauf wir schauen müssen.

Erstens, wozu wir berufen sind
Die Frage war, warum das Leben der ersten Christen so schmerzhaft war. Und die erste Antwort darauf ist, dass das christliche Leben ein Lauf ist. Vers 1: „Darum wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und die Sünde abwerfen, die uns so leicht umstrickt. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt…“ Der Autor von Hebräerbrief ist nicht der einzige Schreiber, der das christliche Leben mit einem Lauf vergleicht. An die Galater schrieb Paulus: „Ihr lieft so gut!“ Das ist zu verstehen als ein: ihr habt euer Leben so vorbildlich gelebt! Oder in Jakobus 1,12 heißt es: „Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben.“ Siegeskranz ist ein Bild, das wir nicht so häufig in unserem Sprachgebrauch verwenden. Aber es ist trotzdem offensichtlich, was damit gemeint ist: am Ende des Laufs gibt es eine Siegerehrung. Und um noch einmal Paulus zu zitieren, am Ende seines Lebens schrieb er an Timotheus: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.“ Immer und immer wieder wird im NT unser Leben mit einem Lauf verglichen. Warum?
Ich glaube, dass die Autoren des NT ein grundsätzliches Prinzip des menschlichen Lebens verstanden hatten: wir Menschen wurden dazu gemacht zu laufen. Unser Körperbau, unsre Physis, unsere Veranlagung sprechen allesamt dafür. Wenn wir uns in einem langen Lauf befinden, tun unsere Körper nichts anderes als das, wofür sie bestimmt sind. Tobias Hürter schrieb für die Zeit einen Artikel mit dem Titel „Laufen Sie den Ultramarathon“. Er macht einige sehr interessante Beobachtungen, wie ich finde. „Verglichen mit anderen Tieren, sind wir nur mittelmäßige Athleten. Wir schwimmen nicht schnell, tauchen nicht tief, springen nicht weit und sind nicht sonderlich stark. Wir sind miserable Sprinter. … Menschen brauchen ihr ganzes erstes Lebensjahr, um überhaupt erst gehen zu lernen, und ihr ganzes erstes Lebensjahrzehnt, bis sie richtig rennen können. Und selbst dann sprintet uns noch jeder übergewichtige Stadthund davon. Die schnellsten Menschen laufen die 100 Meter in zehn Sekunden. Ein Gepard schafft sie in fünf Sekunden. Pferde und Windhunde halten minutenlang die doppelte Höchstgeschwindigkeit menschlicher Läufer. Aber dann geht ihnen die Puste aus. Auf die Dauer können wir sie alle wieder einholen. Im Langstreckenlauf sind Menschen Weltklasse.“
Aber hier ist noch mehr: „Darum wollen auch wir, dir wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben…“ Der Verfasser sagt, dass eine Menge von Zeugen um uns herum ist, wie eine Wolke. Ich habe vor viereinhalb Jahren angefangen mit dem Laufen. Mein Bruder macht sich öfters lustig darüber, dass ich so langsam laufe. Außer dass es mich verletzt, macht das nichts, weil ich meistens alleine laufe. Aber 2019 habe ich mit Kollegen und Freunden zum ersten Mal bei öffentlichen 10 Kilometer Läufen mitgemacht. Das ist eine komplett andere Erfahrung. Es bedeutet nicht, dass der Lauf nicht anstrengend ist. Es bedeutet auch nicht, dass der Lauf nicht wehtut. Und trotzdem ist alles anders. Man wird ein wenig von der Menge mitgetragen. Das Bild, das Hebräer 12 zu zeichnen scheint, sind die letzten Kilometer nach einem langen Lauf. Links und rechts stehen hunderte und dann tausende von Zuschauer. Sie jubeln uns zu. Es sind die Helden des Glaubens, die den Lauf bereits vor uns gemacht haben. Sie haben das Ziel bereits erreicht und warten auf uns. Das ist die Gemeinschaft, in der wir laufen.
Noch ein wichtiger Gedanke: wir haben gesehen, dass der Lauf, zu dem wir berufen sind, ein Langstreckenlauf ist. Vers 1 sagt: „Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt.“ Es braucht Ausdauer. Beim Thema Sport fühlen sich häufig Männer etwas mehr angesprochen als die Frauen. Und gerade deshalb ist die nächste Beobachtung sehr interessant und relevant für die Damen unter uns: beim Langlauf sitzen Frauen und Männer im gleichen Boot. Beim 100 Meter Lauf würde man Frauen und Männer in der Regel nicht direkt gegeneinander antreten lassen. Der Weltrekord bei den Frauen liegt bei 10,49 Sekunden. Bei Männern liegt er bei 9,58 Sekunden (dank Usain Bolt muss man hierzu sagen). In der Welt des Sprints sind das Lichtjahre. Anders gesagt: eine Frauen-Weltrekordzeit zu laufen, würde für Männer noch nicht einmal ausreichen, um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Aber je mehr sich die Laufdistanzen verlängern, desto unerheblicher werden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Der Grund ist einfach: die kurzen Distanzen werden vor allem durch Kraft entschieden. Und da sind Männer den Frauen überlegen. Aber je länger die Distanzen werden, desto unerheblicher wird die Kraft und desto mehr wird der Lauf durch Ausdauer entschieden; und durch die Fähigkeit, schmerzresistent zu sein. D.h., Frauen sind im Prinzip genau so gute Langstreckenläufer wie Männer.
Unser Leben im Glauben ist kein Sprint. Es ist ein Marathon. Es geht nicht darum der Schnellste zu sein. Es geht darum, ans Ziel zu kommen. Es geht nicht darum, wie viele wir unterwegs überholen. Es geht darum, ob wir überhaupt bis zum Ende laufen und kämpfen und durchhalten. Johannes Hartl berichtet von einer Statistik, in der Christen, die schon lange gläubig sind, zu ihrem geistlichen Leben befragt wurden. Es wurden folgende drei Fragen gestellt: „Ich erlebe, dass mich der Gottesdienst aufbaut. Ich erlebe, welche verwandelnden Auswirkungen der Glaube auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche hat. Zeiten des Gebets sind für mich eine inspirierende Erfahrung.“ Manche von den Befragten waren eine Jahr gläubig, andere 5 Jahre, 10-19 Jahre oder mehr als 20 Jahre. Erschreckenderweise wurde folgendes Phänomen festgestellt: je länger die Leute gläubig sind, desto negativer die Bewertung: Gottesdienst wird unwichtiger, das Gebet wird weniger hilfreich, der Glaube verliert an Kraft, je länger die Personen in einer Beziehung mit Gott leben.
Das ist eine deprimierende Statistik. Wie ist es bei uns? Wie ist es bei dir? Für mich persönlich kann ich sagen, dass es leider zutrifft; dass ich mir wünschen würde, dass meine Beziehung jedes Jahr mehr an Tiefe gewinnt. Wenn es euch ähnlich gehen sollte, vielleicht liegt es daran, dass wir das christliche Glaubensleben wie ein Sprint angegangen sind. Vielleicht liegt es daran, dass wir Hals über Kopf losgerannt bis wir an einem Punkt angekommen sind, an dem uns die Puste ausgegangen ist. Vielleicht gibt es unter uns einige, die sich innerlich leer fühlen. Vielleicht sind manche von uns müde, erschöpft und auch ausgebrannt.
Wenn es dir so ergehen sollte, dann gibt uns dieser Text Hoffnung. Der Lauf geht weiter. Und wir dürfen jetzt lernen, uns die Dinge anzugewöhnen, die uns helfen können, den Lauf erfolgreich zu beenden. Es geht hier nicht um das, was wir tun, damit es uns kurzfristig besser geht; damit wir kurzfristig wieder mehr Benzin im Tank haben; damit wir kurzfristig wieder etwas „on fire“ sind. Kennt ihr das: man hat gerade ein neues Diätprogramm angefangen; am Anfang geht man dreimal am Tag auf die Waage, um zu schauen, ob man auch wirklich abnimmt. Das Problem ist, dass unser Körpergewicht natürlichen Schwankungen unterworfen ist. D.h., das Abnehmen sieht man nicht sofort. Man sieht es erst später in der Summe nach einigen Wochen oder Monaten. Im geistlichen Leben machen wir das vielleicht auch so: dreimal am Tag auf die Waage, um zu sehen, ob es uns schon besser geht. Und darum geht es nicht. Die Frage ist, was wir tun können, um nachhaltig etwas zu verändern. Was können wir tun, damit wir längerfristig tiefer in Gott verwurzelt sind; damit längerfristig unsere Freude am Herrn wächst; damit längerfristig unser Gebetsleben Kraft und Dynamik entwickelt? Das Ermutigende ist: Ausdauer lässt sich lernen. Es gibt kleine Schritte, die wir unternehmen können: kleine Schritte, die am Anfang nach gar nichts aussehen; aber die über ein Jahr gesehen oder ein ganzes Leben gesehen einen riesigen Unterschied ausmachen können.
Und das bringt uns zum nächsten Punkt.

Zweitens, was wir dazu benötigen
Was ist es, was wir brauchen? Die Antwort finden wir in den Versen 4-11. Die Schlussfolgerung finden wir in Vers 11: „Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Leid; später aber gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens.“ Die Verse 4-11 scheinen auf der einen Seite das Thema abrupt zu wechseln. Aber es geht immer noch um die Frage, wie wir Leiden und Schmerzen mit dem christlichen Leben in Einklang bringen. Die erste Antwort darauf war, dass das christliche Leben ein langer Lauf ist, der entsprechend schmerzhaft ist. Und die andere Antwort ist, dass die Leiden, die wir erfahren, Gottes Züchtigung sind. Wie hängt das mit dem Laufen zusammen? Der Verfasser verwendet in Vers 11 ein interessantes Wort gymnazo. Es bedeutet üben, trainieren, schulen. Direkt danach folgt dann in den Versen 12 und 13 die Ermutigung: „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark und schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden!“ D.h., es geht hier um unser Training, unsere Stärkung, unsere Befähigung für unser christliches Leben (der Lauf).
Leiden sind Gottes Züchtigung und Erziehung für uns. Und das ist auf jeden Fall ein Gedanke, mit dem wir uns näher auseinandersetzen müssen. Wir sind es überhaupt nicht gewöhnt, in diesen Kategorien über Leiden nachzudenken. Stellen wir uns vor, dass uns etwas Schlimmes passiert: wir haben einen Unfall; wir erwischen unsere Kinder dabei, wie sie etwas Blödes tun, wie Drogen zu nehmen; wir erfahren Krankheit und Schmerzen; ein enger Bekannter oder Freund verstirbt plötzlich. Unser erster Gedanke ist nicht: ich sehe schon, Gott will mich gerade wieder erziehen. Das ist mit Sicherheit das Letzte, was wir denken. Aber der Verfasser von Hebräer 12 pocht darauf. Er sagt, dass es haargenau das ist, was uns widerfährt. Vers 7: „Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müsst. Wie mit Kindern geht Gott mit euch um. Denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“ Es erweckt den Anschein, als ob die schlechten Dinge, die uns passieren, intrinsisch gut sind.
Bevor wir fortfahren, müssen wir uns über zwei Dinge im Klaren sein. Das eine ist, Gott ist nicht für das Böse verantwortlich. Wisst ihr, es lässt sich einfach sagen: „Immer wenn du gerade leidest, denke dran: Gott tut das nur zu deinem Besten, um dich zu erziehen. Also mach nicht so ein Gesicht.“ Wir haben in Hebräer 10 gesehen, was für Leiden die Leser des Briefes hatten. Kapitel 10,32 spricht von einem harten Leidenskampf. Verse 33 und 34: „da ihr durch Beschimpfungen und Bedrängnisse öffentlich zur Schau gestellt wurdet oder mitgetroffen gewesen seid vom Geschick derer, denen es so erging; denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und auch den Raub eures Vermögens mit Freuden hingenommen…“ Die Christen wurden an den Pranger gestellt; sie wurden öffentlich gedemütigt und beschimpft; sie wurden ins Gefängnis geworfen; ihr Hab und Gut wurde geplündert. Und wenn wie das Glück hatten, all das nicht am persönlichen Leib erfahren zu haben, dann kannten sie zumindest andere Christen in ihrem unmittelbaren Bekannten- und Verwandtenkreis, denen genau das zugestoßen war. Aus der Geschichte wissen wir, dass das erst der Anfang der Leiden war, und dass unter den ersten Christen sehr viele als Märtyrer starben.
Frage: war das, was diesen Christen angetan wurde, Bosheit? War es niederträchtig? War es ungerecht? Und die Antwort ist: absolut ja! Das, was ihnen angetan wurde, war schrecklich. Es war nicht gut. Und genau deshalb ist es so wichtig zu differenzieren. Es war nicht Gott, der ihnen das angetan hatte. Es waren ihre Mitmenschen. Es waren die Mächtigen, die Amts- und Würdenträger ihrer Zeit, die dafür verantwortlich waren. D.h., wenn wir lesen, dass Gott uns züchtigt, sollen wir das nicht missverstehen als ob Gott derjenige wäre, der diese Bosheit initiiert hat. Wenn wir mit schlimmen und tragischen Ereignissen konfrontiert werden, ist es erst einmal nicht Gott, der uns das antut. Gott ist nicht für das Böse verantwortlich.
Was bedeutet es dann, dass Gott uns züchtigt? Einer der aufschlussreichsten und wichtigsten Verse dazu ist Genesis 50,20. Josef spricht zu seinen Brüdern: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten.“ Die Brüder von Josef hatten mit Sicherheit nichts Gutes im Sinn gehabt, als sie Josef in die Grube geworfen und ihn als Sklaven verkauft hatten. Aber Gott hat diese böse Tat so gebraucht, dass maximal viel Gutes dadurch entstanden ist: die Rettung von vielen Menschenleben, die Veränderung von Josef zu einer großartigen Persönlichkeit und die Umkehr von seinen Brüdern. Hier ist das, was Gott also tut: Gott nimmt das Kaputte dieser Welt, und wendet es auf das Kaputte in unserem Leben an; Gott nimmt das Zerbrochene dieser Welt und wendet es auf das an, was in unserem Leben zerbrochen ist; Gott nimmt die Sünde in der Welt und wendet sie so auf uns an, dass unsere Sünde konfrontiert und behandelt wird. Er tut es mit der Präzision eines Chirurgen, so dass es uns nicht zerstört. Und er tut es mit der Liebe eines Vaters, so dass es in uns das Beste hervorbringt.
Das ist es, was Vers 11 sagt: „Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Leid; später aber gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens.“ Leiden sind Gottes Schule und Gottes Training, um uns heiliger zu machen. Er erzieht uns dadurch zu besseren Menschen.
Um kurz zusammen zu fassen: das Leben ist ein Marathonlauf; natürlich ist es schmerzhaft, ihn zu laufen. Aber Gott wendet die Leiden so auf unser Leben an, dass es uns nicht zerstört, sondern dass wir dadurch geheiligt werden.

Drittens, worauf wir schauen
Leiden können in Menschen entweder Positives oder Negatives hervorbringen. Leiden führen entweder dazu, dass Menschen verbittern und zynisch werden. Oder aber, Leiden führen dazu, dass wir reife, großartige Menschen werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass tragische Ereignisse, Unglück, Unrecht uns kaputt machen können. Es kann auf zwei unterschiedliche Dinge geschehen: wir denken entweder, dass wir das Leid nicht verdient haben oder wir denken, dass uns das Leid als Strafe geschehen ist, weil wir es verdient haben.
Wenn wir denken, dass wir die schlechten Dinge nicht verdient haben, dann tun wir das, weil wir selbstgerecht sind. Und dann führen Tragödien dazu, dass wir uns empören, dass wir zornig werden auf Gott und auf die Welt: „wie konntest du mir das antun? Wie konntest du nur so etwas in meinem Leben zulassen? Was habe ich getan, um so etwas zu verdienen?“ Häufig ist die Reaktion dann, dass wir zynisch werden. Wir werden aggressiv. Wir werden unfähig, mit anderen Menschen eine echte Beziehung einzugehen, weil Bitterkeit und Zorn ein Teil von uns sind.
Auf der anderen Seite: wenn wir unter dem Gedanken leiden, dass wir das Böse verdient haben, dann liegt das oftmals daran, dass wir uns selbst verdammen. Wenn wir von Tragödien heimgesucht werden, denken wir: „Das ist ja klar, dass das wieder mir passiert. Ich habe es ja nicht anders verdient, weil ich so schlecht bin. Wer sollte dann auch etwas Gutes für mich übrig haben.“ Und das wirklich Tragische ist, dass es von Gedanken begleitet wird wie: „Gott bestraft mich. Gott liebt mich nicht.“ Und das wiederum macht uns zu deprimierten, niedergeschlagenen Menschen. Es macht uns zu traurigen Früchtchen, die sich einfach nur selbst bemitleiden und sich selbst geißeln.
Leiden können uns wirklich kaputt machen, wenn wir auf uns selbst fokussiert sind. Beide Haltungen sind eine Form von Selbstzentriertheit. Was sollen wir stattdessen tun? Vers 2 sagt: „und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.“ Natürlich lautet die Antwort: auf Jesus blicken. Wenn wir auf Jesus blicken, was sehen wir dann? Wir sehen Jesus, den Urheber und Vollender des Glaubens, der die schlimmsten Leiden und den Tod selbst auf sich genommen hat. Er ist das absolute und vollkommene Vorbild. Wir treten in seine Fußstapfen.
Jesus ist aber nicht einfach nur unser Vorbild. Er ist soviel mehr als das. Die Lutherbibel ist die einzige Übersetzung, die an dieser Stelle ein „obwohl“ setzt: „obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete…“ Alle anderen Übersetzungen schreiben hier „wegen“. Elberfelder Übersetzung sagt hier: „indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen, die Schande nicht achtete…“ Oder etwas freier die Neue Genfer Übersetzung: „Weil Jesus wusste, welche Freude auf ihn wartete, nahm er den Tod am Kreuz auf sich.“ Warum litt Jesus? Jesu litt nicht mit Zähneknirschen und Widerwillen. Jesus litt wegen der Freude, die auf ihn wartete.
Welche Freude erwartete auf Jesus? War es die Rückkehr zum Vater? War es die Herrlichkeit des Himmels? Was hat Jesus durch das Kreuz gewonnen, was er nicht vorher schon hatte? Die Antwort ist: wir. Jesus hat uns durch seinen Tod gewonnen. Wir sind die Freude Jesu. Jesus sah auf die Leiden und das Kreuz auf der einen Seite. Und er sah die Freude über unsere Rettung. Die Freude, uns zu haben überwog jedes Leid. Jesus litt, weil er sich darüber freute, uns zu haben. Jesus freut sich über dich. Das ist es, worauf wir schauen sollen, wenn wir leiden.
Wenn wir auf diesen Jesus sehen, dann verstehen wir zwei Dinge: zum einen, wir haben jedes Leid der Welt verdient; und zum anderen dürfen wir gleichzeitig wissen, dass kein Leid, das uns widerfährt, eine Strafe Gottes ist. Jesus, der Urheber und Vollender des Glaubens, hat unsere Strafe getragen. Am Kreuz hat der Vater seinen Sohn im Stich gelassen, um uns für alle Zeiten ein Vater zu werden. Ein guter Vater bestraft seine Kinder nicht. Ein guter Vater diszipliniert seine Kinder. Strafe bedeutet Vergeltung. Strafe ist der Versuch, Gerechtigkeit herzustellen: „du hast mir weh getan, also tue ich dir weh“. Disziplinierung hingegen bedeutet Zurechtweisung. Wir finden im ganzen NT keine einzige Stelle, die im Zusammenhang von Gott und seinen Kindern von Strafe spricht. Gott erzieht uns und diszipliniert uns; aber er wird uns nie, niemals bestrafen. Der Grund ist, weil Jesus am Kreuz die Strafe empfangen hat, die wir verdient hätten.
Schau auf Jesus. Jesus ist nicht nur unser Vorbild und unsere Inspiration. Er ist so viel mehr als das. Jesus ist derjenige, der unsere müden Herzen stärkt. Er ist derjenige, der uns ermutigt, wenn wir am Boden sind. Er ist derjenige, der unser Leid in Freude verwandelt. Er ist derjenige, der uns aufhilft, den Lauf zu Ende zu laufen, Schritt für Schritt.

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Predigt: Apostelgeschichte 2,1 – 21 (Pfingsten 2021)

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Das Kommen des Heiligen Geistes

„Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“

(Apostelgeschichte 2,4)

Pünktlich zu Pfingsten schreibt der Spiegel Online folgendes: „Kein Pfingstwunder, nirgends. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Was es mit dem auf sich hat, ist so leicht nicht zu verstehen. Dies aber ist theologische Absicht. Hier geht es ja um überirdische Mächte, die aus sich heraus geheimnisvoll sein sollen. Grob zusammengefasst lässt sich sagen, dass dieser Geist, wenn er denn über einen kommt, neue Kraft bewirkt. Der Besuch des Heiligen Geistes gilt als Pfingstwunder.“ So weit der Spiegel. Der skeptische Unterton ist halt Spiegel. Der negative Unterton liegt daran, dass es um die Kirche nicht so gut bestellt ist. Die Spiegel Titelgeschichte diese Woche handelt davon, dass in Deutschland scharenweise Christen aus der katholischen Kirche austreten. Die Menschen sind desillusioniert und enttäuscht von der Kirche. Was die Kirche braucht, und das, was wir alle brauchen, ist eine Erfüllung mit dem Heiligen Geist.
Apostelgeschichte 2 handelt vom Kommen des Heiligen Geistes. Eine ganz kurze Erklärung, was dieser Text nicht ist: dieser Text ist keine Anleitung, wie man den Heiligen Geist empfängt. Wir finden hier keinen 5-Punkteplan, der, wenn man ihn befolgt, zum Erfolg führt. Dieser Text ist auch kein Musterbeispiel dafür, wie Erfüllung mit dem Heiligen Geist aussehen muss, im Sinne von: genau so muss das Kommen des Geistes aussehen und nicht anders. Wir können hier keine Prinzipien ableiten, welche Zeichen und Manifestationen mit dem Heiligen Geist einhergehen müssen. Wenn der Text also keine Punkt-für-Punkt Anleitung und auch nicht das Beispiel schlechthin ist, wie sollten wir den Text lesen? Wie sollten wir den Text verstehen? Apostelgeschichte ist in erster Linie eben genau das: eine Geschichte. Es ist ein Bericht. Und genau so wollen wir das heute lesen. Wir lesen Apostelgeschichte 2 als einen Tatsachenbericht von einem einzigartigen Ereignis: das Pfingstwunder.
Der Text zeigt uns, wie der Heilige Geist kam. Wir erfahren hier erstens, die Umstände, zweitens, die Erscheinung und drittens die Auswirkung des Kommens vom Heiligen Geist.

Erstens, die Umstände
Der Heilige Geist kam nicht irgendwann. Er kam nicht an einem willkürlichen, zufälligen Tag in der Geschichte. Vers 1 sagt: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.“ Er kam zum Pfingstfest. Wie die meisten von euch wissen, war Pfingsten auch vorher schon ein wichtiger Feiertag. Pfingsten war zunächst eine Art Erntedankfest. Das Volk Israel brachte zu diesem Fest die ersten Früchte der Ernte dar. Es war sowohl ein Dankfest; und vermutlich war es auch ein Gebet, dass der Rest der Ernte gut ausfallen möge.
Aber Pfingsten war noch mehr als das. Das wichtige Jahresfest vor Pfingsten war das Passafest. Beim Passa wurde der Exodus gefeiert: das Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, aus dem Land ihrer Knechtschaft und Sklaverei. Pfingsten fand 50 Tage nach dem Passafest statt. Das Volk Israel befand sich zu diesem Zeitpunkt am Berg Sinai. An diesem Berg erscheint die Herrlichkeit Gottes. Gott schließt mit seinem Volk einen Bund. Israel empfängt das Gesetz. Und was bedeutet das Empfangen von Gottes Geboten? Die Gebote (und das ist wichtig, dass wir das verstehen) wurden im Kontext eines Bundes gegeben, den Gott mit den Israeliten am Berg getroffen hatte. Das Gesetz ist in erster Linie für sie. Für uns hat es erst einmal keine moralisch bindende Relevanz, weil wir nicht Teil dieses Bundes sind. Israel bekommt das Gesetz als Ausdruck ihres neuen Lebens. Das Gesetz bestimmt fortan, wie sie ihr Leben führen sollen.
Die Ereignisse bei der Erscheinung des Heiligen Geistes reflektieren diese Feste des AT. Und gleichzeitig bekommen die Feste des AT eine völlig neue Bedeutung. Sieben Wochen vorher hatte Jesus mit seinen Jüngern Passa gefeiert. Es war ein Passafest wie so viele hunderte Passafeste vorher. Und doch war alles ganz anders. Jesus wird das wahre Passalamm: er wurde für uns geschlachtet; er ist für uns gestorben. Und das wiederum führte zu einem ganz anderen Exodus. Jesus führt uns aus der wahren Knechtschaft und Sklaverei heraus. Er macht uns frei von unseren wahren Feinden: nicht von Menschen, sondern von Sünde und Tod. Genau wie Mose die Israeliten zum Berg geführt hat, führt Jesus uns zu einem Berg. Es ist nicht mehr der Berg Sinai, der mit Feuer brennt und wo alle Menschen, die sich unrechtmäßig diesem Berg nahen, sterben. Hebräer 12,22 sagt: „Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung.“ Das ist unser Berg.
Was bedeutet das? Das NT löst das AT ab. Der alte Bund wird vom neuen Bund überholt. Im alten Bund ging es um das, was wir tun; es ging um unseren Gehorsam und um unser Tun. Im neuen Bund geht es in erster Linie um Jesu Gehorsam und um das, was Jesus für uns getan hat. Im alten Bund ging es vor allem um äußere Performance und sichtbare Leistungen. Im neuen Bund geht es erst einmal um unsere Innerlichkeit, um das, was unsichtbar in unseren Herzen ist. Der Heilige Geist kommt im Kontext des neuen Bundes. Er zeigt uns, wer Jesus ist, was er für uns getan hat. Er schreibt Jesu Liebe und Jesu Gebote in unsere Herzen. Er verändert unser Inneres. Genauso wie das Gesetz Moses den Israeliten einen neuen Lebensstil auferlegt, steht das Kommen des Geistes für das neue Leben, das wir mit Jesus führen dürfen.
Wir sehen noch einen weiteren wichtigen Umstand. Es ist ein Aspekt, der mir erst vor wenigen Jahren aufgefallen ist. Das Kommen des Heiligen Geistes steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Reich Gottes. Vielleicht ist das eines der wichtigsten Aspekte, um Apostelgeschichte richtig zu lesen. Am Anfang des Buches lesen wir, dass Jesus in den letzten Tagen, in denen er physisch mit seinen Jüngern zusammen war, zwei Dinge tat: er zeigte ihnen, dass er wirklich auferstanden ist und lebt; und er redete mit ihnen vom Reich Gottes. Vierzig Tage lang redet Jesus mit ihnen von Gottes Königreich. In Vers 6 fragen die Jünger: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ Früher dachte ich, dass die Jünger Jesus missverstanden hatten. Aber es geht Jesus um das Reich für Israel. Am Ende von Apostelgeschichte schließt sich der Kreis. Paulus sagt: „Denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Fesseln.“ Und das Buch endet mit den Worten: Paulus „verkündete das Reich Gottes und lehrte über Jesus Christus, den Herrn – mit allem Freimut, ungehindert.“ Als Petrus am Pfingsttag die Predigt hält, ist die Schlussfolgerung seiner Rede: „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ Die Botschaft von Petrus lautete: Jesus ist König und Herr; Jesus regiert. Durch König Jesus ist Gottes Herrschaft hier auf Erden angebrochen. Das Kommen des Heiligen Geistes ist die Manifestation dessen. Es geht um das Reich Gottes.
Zwei Gründe, warum das wirklich wichtig für uns ist. Viele vor allem evangelikale Christen haben eine etwas zu einfache Vorstellung, worum es im christlichen Glauben geht. Manche denken, dass es einfach nur darauf ankommt, gerettet zu werden, damit man nicht in die Hölle kommt, und in den Himmel gehen kann, wenn man stirbt. Viele evangelikale Christen denken, dass die frohe Botschaft die minimalen Voraussetzungen sind, die man glauben oder erfüllen muss, um es gerade so in den Himmel zu schaffen. Aber das ist nicht das Evangelium, das Jesus verkündigt hat. Ich habe schon öfters erwähnt, dass die Hoffnung der ersten Christen nicht darin bestand, in den Himmel zu gehen, wenn sie sterben. Ihre Hoffnung war die Auferstehung von den Toten. Ihre Hoffnung war das Reich Gottes: nicht als ein Ort zu dem man hingeht, wenn man stirbt; sondern als der Bereich der Herrschaft Gottes, der im Hier und Jetzt zu erfahren ist. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Jesus der König ist. Im Vater Unser hat Jesus uns gelehrt, dass wir dafür beten sollen, dass sein Reich komme. Gottes Willen soll auf Erden geschehen, so wie er im Himmel geschieht. Mit anderen Worten, Christen beten und leben dafür, dass der Himmel herabkommt im Hier und Jetzt.
Zum anderen, eine Königreichperspektive hilft uns, eine ausgewogene Theologie zu haben, was Rettung angeht. Um eine ganz stark vereinfachte Zusammenfassung vom Problem zu geben: auf der einen Seite haben wir die eher liberalen Christen, die quasi aufgehört haben, Sünde und Vergebung zu predigen und nur noch wohltätige Projekte machen. Und das sage nicht nur ich; selbst die Zeit schrieb: „Die evangelische Kirche scheut das klare Wort, vor allem wenn es um Glaubensinhalte geht. Doch wer niemanden erschrecken will, hat es auch schwer zu überzeugen.“ Auf der anderen Seite sind die eher konservativen Freikirchen, die als Gegenbewegung dazu vor allem Umkehr von den Sünden predigen. Aber wohltätige Aktivitäten, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz haben eine geringe Priorität. Kurze Frage an uns: wo befinden wir uns auf dieser Skala? Es gibt leider nicht so viele christliche Gemeinden, die beides tun.
Die ersten Christen sind aber weder links noch rechts vom Pferd gefallen. Für sie gab es kein Entweder Oder. Sie waren beidem hingegeben: sie hatten sowohl ein Herz für Sünder als auch ein Herz für die Armen; sie haben sowohl Menschen zu Jesus bekehrt als auch die Armen versorgt; sie haben sowohl Gemeinde gebaut als auch soziale Gerechtigkeit gefördert. Sie haben sowohl evangelisiert und missioniert, als auch ihre Stadt zu einem besseren Ort für alle gemacht. Warum? Weil es das ist, was im Reich Gottes geschieht. Es ist das, was König Jesus tut. Jesus predigte das Reich Gottes und heilte Menschen und trieb böse Geister aus und gab ihnen zu essen. Und das ist es, was der Heilige Geist tut. Er ist der Geist Christi. Er selbst ist die Gegenwart von König Jesus unter uns.

Zweitens, die Erscheinung
Das Kommen des Heiligen Geistes ist ein übernatürliches Wunder. Wir lesen in Vers 2: „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ In Vers 3 ist die Rede von Zungen wie von Feuer. Auf der einen Seite verwendet Lukas zwei Bilder, die den Juden im ersten Jahrhundert sehr geläufig sein mussten: Wind und Feuer. Es gibt im AT mehrere Erscheinungen Gottes, die mit Wind und Feuer verbunden sind. Das heißt Wind und Feuer machen durchaus Sinn. Das Problem ist hier aber, dass der Text das nicht sagt. Es gab ein Brausen. Aber der Text sagt „wie ein heftiger Sturm“. Vermutlich war es kein Sturm. Und die Zungen, die sich niederlassen waren wie Feuer. Aber es war kein Feuer. Mit anderen Worten, eigentlich wissen wir gar nicht, was da passiert ist. Das einzige, was wir auf jeden Fall festhalten können, ist, dass es kraftvoll und herrlich und übernatürlich war. Es fehlen uns die Worte, es richtig zu beschreiben.
Wir sehen als nächstes, dass das Kommen des Heiligen Geistes ein individuelles Ereignis war. Wir sehen das in den Versen 3 und 4: „Und er erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.“ Der Heilige Geist erfüllt jetzt nicht nur einige von ihnen, wie z.B. nur die 12 Apostel. Der Heilige Geist kam nicht nur auf die Männer herab. Der Text sagt, dass alle erfüllt wurden. Jeder der anwesenden Geschwister machten diese Erfahrung. Jeder erfuhr subjektiv, wie es ist, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu werden. Jeder für sich genommen erfuhr die Kraft Gottes. Für jeden von ihnen war es eine persönliche Begegnung zwischen Gott und ihnen.
C.S. Lewis erlebte die Gegenwart des Heiligen Geistes, als er ein Student in Oxford war. Er sagte folgendes: „Christus begegnet Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise. Wenn ich versuche, die damalige Erfahrung zu beschreiben, verwende ich die Bildersprache der Grals-Vision. So kam es mir vor. Es gab aber keine wahrnehmbare Vision. Da war nur der Raum mit seinen schäbigen Möbeln und dem Feuer, das im Rost brannte, und der rot schattierten Lampe auf dem Tisch. Aber der Raum war erfüllt von einer Gegenwart, die auf seltsame Weise sowohl um mich herum als auch in mir war wie ein Licht oder eine Wärme. Ich war überwältigend besessen von jemandem, der nicht ich selbst war. Und doch fühlte ich mich mehr ich selbst als je zuvor. Ich war erfüllt von intensivem Glück und fast unerträglicher Freude, wie ich sie noch nie zuvor oder seither gekannt hatte. Und insgesamt war da ein tiefes Gefühl von Frieden und Sicherheit und Gewissheit.“ Das war Pfingsten für C.S. Lewis. Erfüllung mit dem Heiligen Geist ist also eine sehr persönliche, individuelle Angelegenheit.
Auf der anderen Seite, war das erste Pfingsten definitiv eine gemeinschaftliche Erfahrung. Der Heilige Geist kam, als alle zusammen waren. Wer war zusammen? Wir sehen in Kapitel 1, dass es vor Pfingsten eine Gemeinschaft von Christen gab, die 120 Menschen umfasste. Viele sagen ja, dass Pfingsten der Geburtstag der Gemeinde war. Das mag in gewisser Weise auch stimmen. Aber ganz korrekt ist das nicht. Das griechische Wort für Gemeinde ist ja ekklesia; die aus der Welt Herausgerufenen. Die 120 Männer und Frauen waren die aus der Welt Herausgerufenen. Sie waren die Gemeinde Jesu. Sie wurden jetzt alle gemeinsam vom Geist erfüllt. D.h., der Geist Gottes erfüllte ein Gefäß, das bereits vorhanden war, die Gemeinschaft der ersten Christen.
Wir fassen zusammen: der Heilige Geist kam mit einer übernatürlichen, geheimnisvollen Kraft; die Erfüllung mit dem Heiligen Geist war persönlich; und gleichzeitig war sein Kommen eine gemeinschaftliche Erfahrung.

Drittens, die Auswirkung
Wir sehen die Auswirkungen in den Versen 6 und folgende: „Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Wir wissen nicht genau, wo sich die Jünger Jesu befanden, als der Heilige Geist kam. Wo immer sie auch waren, verlassen die geisterfüllten Jünger das Haus. Eine große Menschenmenge versammelt sich um sie herum. Und jeder ist verwundert, weil jeder sie in seiner Sprache reden hört. Das Kommen des Heiligen Geistes bedeutet, dass das Evangelium nicht mehr nur für ein einziges Volk ist. Die frohe Botschaft ist für alle Menschen in allen Nationen in allen Kulturen in allen Gesellschaften zu allen Zeiten. Und diese frohe Botschaft sollte in allen Sprachen dieser Welt gepredigt werden.
Was sind die Konsequenzen dessen? Was bedeutet das? Mini-Exkurs: vor einigen Jahren hatte ich mit meinem ehemaligen Chef ein Gespräch über den Glauben. Er sagte etwas flapsig: „Die Religionen sind doch alle gleich.“ Nein, das sind sie natürlich nicht. (Ich hatte daraufhin erklärt, dass im Christentum eine Person im Zentrum steht, der für seine Feinde am Kreuz stirbt und beim Sterben dafür betet, dass Gott den Menschen, die ihm das angetan haben, vergeben möge. So etwas gibt es in keiner anderen Religion). Ein wesentlicher Unterschied ist die Tatsache, dass das Christentum keine originale Sprache und Kultur hat. Zum Beispiel, ein ehemaliger Muslim hat das Christentum mit dem Islam verglichen. Und er kommt zu dem Schluss, dass Allah ein arabischer Gott ist. Er spricht arabisch. Der Koran ist arabisch, und nur der arabische Koran ist der originale Koran. Ihrer Tradition nach wurde der Koran durch den Engel Gabriel dem Propheten Mohammed Wort für Wort diktiert. Arabisch ist die Originalsprache. Alle Übersetzungen sind vielleicht nützliche Erklärungen und Hilfestellungen. Aber die Übersetzungen sind nicht das Wort Allahs.
Im Christentum hingegen gibt es das nicht. Die Autoren der Bibel hatten noch nicht einmal eine einheitliche Originalsprache. Das NT wurde in Alt-Griechisch geschrieben. Der größte Teil des AT wurde auf Hebräisch geschrieben. Daniel und Esra wurden auch noch in aramäisch geschrieben. D.h., es gibt nicht das „originale Wort Gottes“. Die Bibel hat schon immer in Übersetzungen zu den Menschen gesprochen. Wir alle lesen Übersetzungen der Bibel, und können in den meisten Fällen recht gut verstehen, was damit gemeint ist. Warum ist das so?
Hier ist eine andere Beobachtung. Es gibt keine Religion auf der Welt, die kulturell so vielfältig und vielseitig ist, wie das Christentum. Beispiel: wenn ich die Predigt vorbereite, haben meine Predigten meistens drei Teile. Davon abgesehen, mache ich mir über drei Dinge Gedanken: Was sagt der Text? Was bedeutet das, was der Text sagt? Und was bedeutet es für uns? Und für die Bedeutung des Textes und die Bedeutung für uns mache ich mir Gedanken, was es für unsere Zeit und für unsere Gesellschaft bedeutet. Ich versuche das in Dialog zu setzen, mit dem, was wichtige Denker und Autoren schreiben. Ich versuche das in Zusammenhang zu bringen, mit dem was aktuell in den Medien ist. Ich versuche einen minimalen intellektuellen Anspruch zu erfüllen. Der Grund weshalb ich das tue, ist nicht, weil ich euch quälen möchte, sondern weil ich persönlich der Ansicht bin, dass es das ist, was hoffentlich junge Menschen und vielleicht auch Studenten ansprechen könnte, hier in Deutschland.
Ganz wichtig: wenn wir in manchen Teilen von Afrika oder Asien oder Südamerika wären, dann wäre das vermutlich ein völlig verkehrter Ansatz. Oder wir brauchen noch nicht einmal so weit zu gehen: wenn man für Kinder predigt, müsste man das ganz anders aufziehen. In vermutlich keiner anderen Religion in der gesamten Geschichte der Menschheit hat es einen Glauben gegeben, der so vielfältig und so multikulturell gepredigt, gelehrt und gelebt wird wie das Christentum.

Hier sind ein paar Anwendungen für uns. Das Kommen des Heiligen Geistes lehrt uns Demut und Sensitivität im Bezug auf unsere eigene Kultur. Kurze Frage an euch: wer von euch hatte schon mal Gedanken wie: „unsere Gemeinde ist bibeltreuer als andere; in unserer Gemeinde wird mehr Wert auf Jüngerschaft gelegt als in anderen Gemeinden; wir haben besser verstanden, was die Bibel sagt, als andere?“ Wer von uns hatte jemals solche Gedanken? Ich hatte solche Gedanken. Ständig. Und ich muss extrem aufpassen, dass ich nicht zurückrutschen in solche Vorstellungen. Oder Musik: vielleicht gibt es manche unter uns, die sagen: wie kann man nur diese alten verstaubten Lieder aus dem 19. Jahrhundert gut finden? Die haben keinen Beat, sie reißen nicht mit, sie haben keine eingängigen Texte, sie sind leblos und langweilig. Auf der anderen Seite mag es Leute geben, die sagen: diese modernen Worship-Lieder sind so primitiv und oberflächlich und laut; und dann sind sie ja auch noch alle auf Englisch, das spricht doch keiner hier in Deutschland. Die meisten von diesen Gedanken sind unterbewusst. Wir merken das noch nicht einmal, weil wir uns keine Gedanken darüber machen, weshalb wir so fühlen und denken. Aber der Grund weshalb wir so fühlen und denken ist, dass jeder von uns gewisse kulturelle Vorprägungen und Präferenzen hat. Und das Problem dabei ist, dass man die eigenen kulturellen Vorstellungen und seine kulturellen Werte auf das Christentum überstülpt. Es ist eine Form von Überheblichkeit. Und der Heilige Geist tut das nicht.
Es gibt noch so viele Anwendungen, über die wir reden könnten. Eine Letzte zum Abschluss: der Text ermutigt uns dazu, Kommunikation zu einem Herzensanliegen zu machen. Ein älterer Freund von mir hatte mir erzählt, wie seine Frau einmal geweint hatte und zu ihm gesagt hatte: „Du versteht mich nicht.“ Und er sagte dann zu ihr: „Ich glaube, ich weiß was du meinst. Ich glaube ich verstehe ein wenig wie du dich fühlst!“ Und sie sagte dann: „NEIN!!!“ Und er sagte dann: „Und weißt du, sie hatte recht. Ich hatte sie gar nicht verstanden.“ Oder Tim Keller erzählte einmal, wie seine Frau zu ihm sagte: „Wir haben ein Kommunikationsproblem.“ Er antwortete daraufhin: „Das sehe ich nicht so.“ Und sie sagte dann: „Wenn ich sage, dass wir ein Kommunikationsproblem haben, dann haben wir ein Kommunikationsproblem, okay?“ Und Tim Keller sagte: sie hatte recht. Wenn eine von zwei Parteien sich nicht gehört und nicht verstanden fühlt, dann gibt es Kommunikationsproblem ganz egal, was die andere Person denkt. Wir könnten eine ganze Predigt nur darüber halten. Kommunikation ist unglaublich schwierig. Selbst zwischen zwei Personen, die sich nahestehen, ist Kommunikation unglaublich hart und herausfordernd. Wir sprechen alle eine unterschiedliche Sprache.
Das Wunder von Pfingsten war es, dass jeder Mensch die frohe Botschaft in seiner Sprache hören konnte. Das war das Wirken des Heiligen Geistes. Und mindestens genauso war es das Wirken des Heiligen Geistes, als Luther in mehr als 12 Jahren Arbeit die Bibel ins Deutsche übersetzte. Genauso war es das Wirken des Heiligen Geistes, dass die vollständige Bibel heute in 694 Sprachen gelesen werden kann; das NT kann in mehr als 1500 zusätzlichen Sprachen gelesen werden. Es gibt das Wunder des Geistes, der in einer Sekunde alle Sprachbarrieren beseitigt. Und es gibt das Wunder des Geistes, das in jahrelanger, geduldiger, strapaziöser, stiller Arbeit Ausdruck findet, um zu übersetzen, zuzuhören, sich zu verständigen. Beides ist das Tun des Geistes.
Der Text sagt, dass alle, die beisammen waren, mit dem Geist erfüllt wurden. Unser Gebet heute sollte sein, dass das einmal mehr bei uns der Fall sein wird.

 

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Predigt: Hebräer 11,23 – 28 (Sonderlektion 4)

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Der Glaube von Mose

„Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter des Pharao zu heißen. Er zog es vor, mit dem Volk Gottes Bedrängnis zu erleiden, anstatt den vergänglichen Genuss der Sünde zu haben, da er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze, die in Ägypten waren; denn er sah die Belohnung an. “

(Hebräer 11,24-26)

Heute wollen wir den Glauben von Moses Eltern und von Mose betrachten. Der Hebräerbrief wurde für Juden geschrieben. Für die Juden ist Mose von großer Bedeutung. Mose war ein großer Anführer Israels. Darüber hinaus war er eine der wichtigsten Personen im Alten Testament, weil er den Bund Gottes für die Israeliten bekommen hat. Dadurch vermittelte er den Israeliten das Gesetz Gottes, damit sie Gottes Volk werden konnten. Der Verfasser wollte durch den heutigen Abschnitt lehren, wie Mose durch den Glauben gelebt hatte.

Teil 1: Der Glaube von Moses Eltern (Vers 23)
Kapitel 1 von 2. Moses beschrieb, in welcher Zeit Mose geboren wurde. Als Josef als Vertreter für den Pharao eingesetzt worden war, kamen Jakob und seine Familie nach Ägypten. Gott hatte für die Israeliten den wunderbaren Plan, sie in Ägypten zu einem großen Volk zu machen. Die Nachkommen Jakobs vermehrten sich, wie Gott wollte. Aber dann kam ein neuer König, der Josef nicht kannte. Er hatte Angst davor, dass sich die Israeliten so schnell vermehrten und sich gegen die Ägypter stellen könnten. Um sie zu unterdrücken, befahl er ihnen, harte Arbeit zu leisten. Obwohl die Israeliten unter dem Frondienst litten, war Gott bei ihnen, sodass sie sich vermehren konnten. Als die Unterdrückung nicht gelang, befahl der Pharao, neugeborenen Jungs zu töten. Die Israeliten gerieten in die Gefahr, als Volk unterzugehen. Sie schienen keine Hoffnung mehr zu haben. In dieser dunklen Zeit wurde Mose geboren. Wie konnte Mose überleben, obwohl er angesichts eines so traurigen Schicksals geboren wurde? Hier nun spielten die Eltern von Mose eine große Rolle.
Betrachten wir den Vers 23: „Durch den Glauben wurde Mose, als er geboren war, drei Monate verborgen von seinen Eltern, weil sie sahen, dass er ein schönes Kind war; und sie fürchteten sich nicht vor des Königs Gebot.“ Dieser Vers sagt einfach, dass die Eltern von Mose durch den Glauben das Kind verbargen und sich drei Monate lang um das Kind kümmerten. Eigentlich war es nicht leicht, so eine Entscheidung zu treffen. Wenn das Kind laut weinte, bestand die Gefahr, entdeckt zu werden. Jeden Tag mussten die Eltern unter dieser Gefahr leben und mussten besonders vorsichtig und sorgfältig auf das Kind aufpassen. Zudem konnten sie nicht nur auf das Kind aufzupassen, sondern sie mussten auch hart arbeiten, wie der König es befohlen hatte. Wie konnten sie das Baby verstecken, obwohl sie dabei ihr Leben riskierten? Wir können von ihnen zwei wichtige Punkte lernen:
1. Moses Eltern hatte den Glauben an Gottes Fügung.
Sie dachten nicht daran, was für ein trauriges Schicksal sie hatten, sondern sahen das Kind aus Gottes Sicht. Sie sahen, dass Mose ein schönes Kind war. Als Eltern hätten sie das Kind aus ihrem menschlichen Gefühl heraus besonders schön finden können. Aber hier geht es nicht um äußere Schönheit, sondern um geistliche Schönheit. Sie glaubten, dass es doch eine Bedeutung hatte, dass Gott ihnen dieses Kind gerade in so einer dunklen Zeit gegeben hatte. Wie konnten sie solche geistlichen Augen haben? Sie müssen die Geschichte von ihren Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob gehört haben. Als sie mehrmals davon gehört hatten, dachten sie gründlich darüber nach und erkannten, warum sie in Ägypten waren. Sie glaubten an den Gott, der ihre Vorfahren nach Ägypten geführt hatten, und warteten nun auf die Erfüllung der Verheißung, die Gott ihren Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte. Sie betrachten es nicht als eine vergangene Verheißung ihrer Vorfahren oder als eine Märchengeschichte an, sondern als die Verheißung, die Gott ihnen gegeben hatte. Daher vertrauten sie auf Gott, der das Kind nach seinem Plan führen würde.
Wir müssen uns auch prüfen, ob wir die Bibel nur lesen, ohne uns gründliche Gedanken zu machen. Wenn man die Bibel einfach nur liest, kann sie wie eine Märchengeschichte klingen und man kann die Gnade in Gottes Worten nicht für sich persönlich erkennen. Beim Lesen der Bibel muss uns klar werden, was Gott sagt, warum er es sagt und welche Bedeutung es in unserer Zeit und für uns persönlich hat. Ich hoffe und bete, dass wir über die gelesenen Bibelabschnitte ausreichend nachdenken und dadurch Gott persönlich begegnen können.
2. Sie fürchteten sich nicht vor dem Befehl des Königs.
Der Pharao war damals der Weltherrscher und hatte absolute Macht. In heutiger Zeit können wir Ägypten mit den USA vergleichen. Und der Pharao war nicht der Bundespräsident, sondern der Diktator, der die Welt beherrscht. Mit einem Wort konnte er über Leben und Tod entscheiden. Glaubt ihr wirklich, dass Moses Eltern keine Angst vor dem Pharao hatte? Ich glaube nicht. Sie fürchteten sich sogar sehr vor dem Pharao und davor, dass ihr Kind entdeckt werden könnte. Wenn sie nur einen ägyptischen Soldaten auf der Straße sahen, machten sie sich Sorgen, ob er eine Hausdurchsuchung machen und das Kind finden würde. Wenn sie bei der Arbeit die Nachricht hörten, dass die Soldaten wieder ein Kind in den Nil geworfen hatten, konnten sie innerlich nicht ruhig sein, wegen der Sorge um Mose. Aber warum sagt die Bibel dann, dass sie keine Furcht vor dem Pharao hatten, sondern ihre Furcht überwanden? Der Verfasser sagt hier wiederum „durch dem Glauben“. Was heißt es dann hier, durch den Glauben zu leben? Durch den Glauben zu leben, bedeutet nicht, dass wir unsere Bestes geben, um unsere menschliche Furcht abzuschalten, sondern dass wir auf Gott schauen und beten, wenn wir Angst oder Furcht haben. Moses Eltern schauten jedes mal auf Gott, wenn sie Angst vor dem Pharao bekamen. Jedes Mal, wenn sie sich vor dem Gebot des Pharao fürchteten, dann kamen sie immer zu Gott und beteten dafür, dass Gott ihre Angst wegnimmt. Ich weiß nicht, wie oft sie zu Gott beteten, aber wahrscheinlich war ihr Leben erfüllt vom Gebet ihre Furcht vor dem Gebot des Pharaos zu überwinden.
In Lukas 12,4-5 sagt Jesus: „Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der, nachdem er getötet hat, Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, den sollt ihr fürchten.“ Moses Eltern fürchteten sich mehr vor Gott als vor dem Gebot des Pharaos, weil Gott nicht nur zum Tod in der Welt, sondern auch zur ewigen Verdammnis verurteilen kann. Wir sollen wissen, dass der Pharao im Vergleich zu unserem Gott ganz klein ist. Deswegen sollen wir nicht auf den Pharao, sondern auf den mächtigen Gott schauen, der bereit ist, uns aus der Not zu helfen.
Der Verfasser betonte in Vers 23 den Glauben von Moses Eltern. Sie hatten den Glauben an Gott und Gottesfurcht. Was sie gemacht haben, war nicht mehr, als dass sie ihr Kind drei Monate lang versteckt hielten, und später auf Mose im Palast aufgepasst haben. Aber in Gottes Augen war ihr Glaube doch kostbar. Gott segnete ihren Glauben, sodass Mose weiter am Leben bleiben und sogar der Sohn der Tochter des Pharaos werden konnte. Als Eltern hätten sie einfach darauf hoffen können, dass Mose als Sohn der Tochter des Pharao ein glückliches Leben ohne Mangel führen würde. Die Eltern wollen ihren Kindern das beste geben und sie glücklich machen. Aber Moses Eltern lehrten ihn nicht, dass er allein gutes Essen und Luxus im Palast genießen sollte, sondern sie halfen ihm geistlich, sodass er Gott persönlich kannte und auf Gott schaute. Was für uns wichtig ist, ist diese Lehre von Moses Eltern. Ich habe selber keine Kinder, aber Eltern sollen ihre Kinder lehren, wer Gott ist und wie groß der Schöpfer Gott ist. Vielleicht können wir wegen fehlender Fähigkeiten unseren Kindern nicht das Beste in der Welt anbieten. Aber wir haben doch das beste Angebot für ihr Leben, und zwar unseren Glauben an Gott. Ich hoffe, dass unsere Kinder Gott persönlich begegnen und lebenslang auf Gott schauen können.

Teil 2: Moses Identität als Teil des Volkes Gottes und seine Wertanschauung (Verse 24 bis 26)
Sehen wir uns die Verse 24 und 25 an. „Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten, sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden als eine Zeit lang den Genuss der Sünde haben“. Obwohl Mose unter schicksalhaften Umständen geboren war, wurde er ein Sohn der Tochter des Pharao. Es ist sehr erstaunlich, dass ein Sklave, der eigentlich gleich nach der Geburt sterben musste, ein Prinz wurde. Das können wir uns nicht anders, als durch Gottes Führung erklären. Moses Leben änderte sich um 180 Grad. Als Prinz konnte er verschiedene Vorteile und Privilegien der Welt genießen. Welche Privilegien hatte er als der Sohn der Tochter des Pharaos?
Ich möchte darüber nicht viel erzählen. Er konnte einfach alles genießen und haben, was er wollte. Das beste Essen, die beste Lehrer von den weisesten Gelehrten in Ägypten, beste Kleidung, beste Instrumente, Luxus im Palast, viele Diener in seiner Umgebung, Anerkennung der Menschen, viel Geld usw.
Als Mose groß geworden war, stand er vor der Entscheidung, ob er weiter als Prinz in Ägypten leben oder mit dem Volk Gottes zusammen leiden sollte. Die Entscheidung, die Mose traf, war sehr beeindruckend. Mose gab alle die Möglichkeiten die er als Prinz in Ägypten hatte auf und entschied sich, als Teil des Volkes Gottes zu leben. Es war für ihn bestimmt nicht leicht, all seinen Reichtum aufzugeben. Deswegen könnte hier vielleicht jemand fragen, ob er nicht sowohl als Prinz in Ägypten als auch als Teil von Gottes Volk leben konnte. Er konnte nicht beides gleichzeitig sein, weil die beiden Lebensweisen ganz unterschiedlichen Charakter haben. Als Sohn der Tochter des Pharao gehörte er zur „Welt“. Als Prinz konnte er ein herrliches und bequemes Leben in nach der Weise dieser Welt führen. Er konnte die Lust genießen, die die Welt bietet. Aber die Folgen eines solchen Lebens sind lauter Früchte der Sünde. Die weltliche Lust kann uns nur eine kurze Zeit zufriedenstellen. Danach gibt es nur ein Gefühl von Leere. Aber als Volk Gottes zu leben, ist vom Wesen her ganz anders. Als einer von Gottes Volk zu leben bedeutet, dass man zu Gott gehört, Gott liebt und nach Gottes Ehre sucht. Es ist ein Leben, in dem man sich selbst verleugnet und sein Kreuz auf sich nimmt. Es ist ein Leben mit Leiden und geistlichem Kampf gegen unsere sündhaften Neigungen. Deswegen kann man nicht beides gleichzeitig haben. Anders gesagt kann niemand die Anforderungen der Welt und die der Jüngerschaft Jesu gleichzeitig erfüllen.
Jesus sagte auch in Mattäus 6,24 dazu: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Nicht nur Mose, sondern viele Menschen stehen in einer solchen Situation in der sie eine Entscheidung treffen müssen, ob sie weiter in der Welt oder als Teil von Gottes Volk leben wollen, ob sie für die weltliche Ehre oder für die Ehre Gottes leben. Wie konnte Mose alles aufgeben und sich für ein Leben nach dem Glauben entscheiden?
Der Vers 26 erklärt das. Dort heißt es: „und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.“ Die Schmach bedeutet Leiden und Schande. Wenn jemand sagt: „Ich liebe die Schmach mehr als die Schätze“, dann ist er normalerweise psychisch krank. Aber wenn man sagt: „Ich liebe die Schmach Christi und die himmlische Belohnung mehr als die Schätze in der Welt“, dann muss man überlegen, was noch wertvoller ist. Mose hielt die himmlische Belohnung für wertvoller als alle Schätze Ägyptens. Der Verfasser setzte Moses Leiden in Bezug zu der Schmach Jesu Christi. Jesus hat selbst sehr viel gelitten und ist den Leidensweg gegangen. Obwohl Mose vor Jesus gelebt hat, hat er im geistlichen Sinn an seinem Leiden teilgenommen. Moses Leben war auch hart und beinhaltete viel Leiden. Dem Volk Israel zu dienen, war eine schwere Aufgabe. Die Israeliten waren geistlich faul und murrten immer wieder gegen Mose und Gott. Wenn sie vor Schwierigkeiten standen, wollten sie Mose mehr als einmal steinigen. Häufig behaupteten sie, dass sie in Ägypten gut gelebt hätten und wieder zurück nach Ägypten ziehen wollten. Eigentlich waren sie nur Sklaven in Ägypten und lebten unter der Unterdrückung durch den Pharao. Sie wurden so schnell undankbar und vergaßen die Wunder Gottes angesichts neuer Probleme. Statt auf Gott zu schauen und um die Hilfe Gottes zu bitten, murrten sie immer wieder. Manchmal wurde Mose erschöpft, wenn er auf das Volk Israel schaute, und beklagte sich vor Gott, dass er überfordert war und lieber sterben wollte. Aber er schaute immer wieder erneut auf Gott, der die himmlische Belohnung schenkt, mit der nichts, was die Welt anbieten kann, auch nur vergleichbar ist. Mose hoffte auf die himmlische Belohnung und erduldete alle Leiden und Schmerzen. Mose litt nicht für sich selbst, sondern für das Volk Gottes. Mose half über zwei Millionen Menschen geistlich, damit sie vor Gott leben und dem Wort Gottes gehorchen konnten. Wir sollen auch vergleichen und überlegen, was wertvoller ist, die himmlische Belohnung oder die Schätze in der Welt? Der wichtigste Maßstab für den Wert einer Sache ist die Beständigkeit. Die Güter dieser Welt kann man nur sein Leben lang genießen. Nach dem Tod sind diese Schätze, die zurück gelassen sind, einfach bedeutungslos. Im Gegensatz dazu ist die Beständigkeit der himmlische Belohnung ewig. Deswegen nahm Mose alle damit verbunden Leiden und Schmerzen auf sich, weil er wusste, dass die Leiden nicht lange dauern und die Herrlichkeit der himmlische Belohnung ewig besteht.

Teil 3: Moses Werke durch den Glauben.
Die Verse 27 und 28 sagen uns, was Mose gemacht hat, nachdem er seine Glaubensentscheidung getroffen hatte: „Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. Durch den Glauben hielt er das Passa und das Besprengen mit Blut, damit der Verderber ihre Erstgeburten nicht anrühre.“ Hier können wir zwei Werke finden, die Mose aus dem Glauben tat.
1. Durch den Glauben verließ Mose Ägypten. Nachdem er aus der Wüste nach Ägypten zurückkam, trat er mutig vor den Pharao. Eigentlich war er geflohen, weil er sich vor dem Pharao gefürchtet hatte. Aber als er Gott persönlich in der Wüste begegnet war, wurde er ermutigt. Gott befahl Mose, dem Pharao das Wort Gottes zu verkündigen, dass er das Volk Israel ziehen lassen sollte. Wie ich vorhin schon erwähnt habe, war der Pharao damals der Weltherrscher. Wer ihm widerstand, konnte nicht lange am Leben bleiben. Mit einem einzigen Wort aus dem Mund des Pharao konnte er getötet werden. Aber als Mose Gott erkannte und an Gott glaubte, konnte er dem Pharao mutig das Wort Gottes verkündigen und das Volk schließlich aus Ägypten führen. Wenn Mose auf die Macht und die Größe des Pharaos geschaut hätte, hätte er das nicht tun können. Aber er schaute auf Gott, der allmächtig ist und ihm beisteht. Als Mose auf den unsichtbaren Gott sah, sah er, wie klein der Pharao verglichen zu dem allmächtigen Gott ist. Daraus fürchtete sich Mose nicht vor Pharao, weil er nicht auf Pharao, sondern auf Gott schaute und so konnte er das Volk Israeliten aus Ägypten herausführen.
2. Durch den Glauben hielt er das Passa. Gott sagte zu Mose, dass er und die Israeliten das Passa halten sollten, damit die Plage mit dem Tod der Erstgeborenen sie nicht treffen würde. Um das Passa zu halten, mussten sie das Passalamm schlachten und das Blut des Lammes an die Pfosten ihrer Tür streichen. So wurde das Blut des unschuldigen Passalamms vergossen statt Menschenblut. Diese Passa symbolisiert Gottes Rettung aus seinem Gericht. Das Blut des Lammes symbolisiert das Blut Christi, das für unsere Sünde zu unserer Errettung vergossen wurde. Obwohl wir vor Gott gesündigt haben, ließ Gott alle unsere Schuld auf Jesus übergehen, damit wir das ewige Leben erhalten können. Woran glauben wir eigentlich? Glauben wir an Gott, weil er uns die Kraft schenkt, sodass wir große Werke in der Welt tun können? Ja, das stimmt teilweise. Aber der wichtigste Grund, warum wir an Gott glauben, ist es, dass Gott unser Schöpfer und Retter ist und dass Gott uns das ewige Leben schenkt. Mose lehrte die Israeliten durch das Passa die Bedeutung des Blutes. Durch den Glauben konnte Mose sehen, welche Rettung er und die Israeliten erfahren konnten. Wenn Mose und die Israeliten nicht an das Wort geglaubt hätten, hätten sie mit den Ägyptern das Gericht Gottes erfahren. Aber durch den Glauben konnten sie die rettende Hand Gottes erfahren.
Heute haben wir den Glauben von Mose kennen gelernt. Mose weigerte sich, als Sohn der Tochter des Pharao zu leben. Er wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen leiden, als die Lust der Sünde zu genießen. Durch den Glauben hat Mose an der Schmach Jesu Christi teilgenommen und das Passa gehalten. Was wollte der Verfasser durch diese Geschichte erzählen? Er wollte durch die Geschichte von Mose und seinen Eltern die Christen ermutigen, auf Gott zu schauen. Die Judenchristen erfuhren damals Verfolgung und Leiden. Obwohl sie am Anfang alles durch den Glauben angenommen und erduldet hatten, hatten sie nun Zweifel. Was sie brauchten, war, dass sie auf den unsichtbaren Gott sehen und unter der Wirklichkeit Gottes leben. Wie Moses Eltern wegen ihres Glaubens an Gott ihr Leben riskiert haben, wie Mose alle Lust und Privileg der Welt aufgegeben hat, um als Gottes Volk zu leben, sollen auch wir durch den Glauben leben, obwohl es vielleicht Schwierigkeiten und Leiden bedeutet. Aber wenn wir wirlich mit dem Glauben leben, wirkt Gott unter uns und schenkt uns innere Freude und die himmlische Belohnung. Äußerlich können wir viele Leiden haben. Aber es dauert nicht lange und das Ende des Leidens kommt. Ich bete dafür, dass wir uns nicht auf die irdische Welt fixieren, sondern auf Gott schauen können.

 

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Predigt: Hebräer 11,8 – 22 (Sonderlektion 3)

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Warten auf die Stadt Gottes

„Er wartete auf die Stadt, die auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist.“

(Hebräer 11,10)

Die Empfänger des Hebräerbriefes waren Judenchristen. Der Brief macht deutlich, dass seine Empfänger unter Verfolgung litten. Sie hatten Freunde und Angehörige, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis saßen. Einige von ihnen hatten Raub und Plünderung erfahren. Wir haben gesehen, dass der Brief eine Ermutigung für sie sein soll, ihren Glauben nicht über Bord zu werfen. Jemand meinte einmal, dass man den Hebräerbrief ganz grob in drei Teile gliedern kann: Kapitel 1-4: durch Jesus, dem wahren Hohenpriester, finden wir unsere wahre Ruhe; Kapitel 5-10: durch Jesus, das wahre Opfer finden wir Zugang zur Gegenwart Gottes; Kapitel 10-13: durch Jesus, dem wahren König gehen wir ein in die Stadt Gottes.
Die Aufforderung zu Glauben steht in diesem Kontext. Was können wir von dem Glauben von Abraham und seiner Familie lernen? Abraham wartete auf die Stadt Gottes. In dieser Predigt möchte ich versuchen auf drei Fragen einzugehen. Erstens, was bedeutet das? Zweitens, warum ist das so herausfordernd? Und drittens, wie können wir so leben?

Erstens, was bedeutet es auf die Stadt Gottes zu warten?
In Vers 8 lesen wir, dass Abraham durch den Glauben dem Ruf Gottes gehorchte. Er verließ seine Heimat und seine Familie und ging in die Ferne. Er zog in ein Land, das er erben sollte. Als Abraham dann im Land der Verheißung ankommt, folgt eine dicke Überraschung. Das Land ist ja gar nicht leer. Da wohnten schon Leute. Wenn Abraham diesen Menschen mitgeteilt hätte, dass das sein Land ist, das Gott ihm als Erbe versprochen hatte, dann hätten sie ihn vermutlich zuerst ausgelacht und danach rausgeschmissen. In der Rede von Stephanus in Apostelgeschichte lesen wir, dass Abraham in dem Land der Verheißung keinen Fußbreit besaß. Das einzige Stück Land, das er dann tatsächlich besaß, hatte er dann käuflich erworben. Es wurde zu dem Ort, wo er zunächst seine Frau beerdigte, bevor er selbst dann dort begraben wurde.
Vers 9 sagt: „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.“ Abraham und seine Familie waren Fremde. Sie lebten als Ausländer. Das Land der Verheißung war daher niemals ihr richtiges Zuhause. Bis zu ihrem Tod blieb es für sie ein fremdes Land. Sie wurden auch als Fremde wahrgenommen. Vor einiger Zeit hatte ich einen Artikel gelesen über einen Deutschen, der längere Zeit in China gelebt hatte. Er konnte irgendwann perfekt chinesisch sprechen; er hatte jeden Tag mit Chinesen zu tun. Irgendwann hatte er die Hoffnung, dass er wirklich in dieser Gesellschaft angekommen war und dass sie ihn als Seinesgleichen akzeptieren würden. Eines Tages holte er seine Wäsche bei der Reinigung ab. An seiner Kleidung befand sich noch der Pin, die in der Wäscherei angebracht worden war. (Normalerweise würden sie da den Namen des Kunden draufschreiben). Darauf stand: „der Ausländer.“ Das war der Moment, an dem feststellte, dass egal wie sehr er sich auch bemühte, er niemals voll und ganz als Einheimischer angesehen werden würde. Das war das Leben von Abrahams Familie. Sie waren die Ausländer.
Aber da ist noch mehr. Sara bekam die Kraft, als alte, betagte Frau, ein Kind zu zeugen. Vers 11 sagt, dass sie den für treu hielt, der es verheißen hatte. Vers 12 sagt. „So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.“ So weit so gut. Aber dann lesen wir: „Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind.“ Sie alle haben die Verheißungen Gottes geglaubt. Aber sie haben das Verheißene am Ende nicht erlangt. Sie haben es nur von ferne gesehen. Und sie haben ihr ganzes Leben als Pilger geführt, als Fremde und als Gäste auf Erden.
Ein paar Gedanken dazu, bevor wir fortfahren. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach einem Zuhause. In dem Film „Der Hobbit“ zieht Bilbo Beutlin aus, um mit dem Zauberer Gandalf und mit einer Gruppe von Zwergen ganz viele Abenteuer zu erleben. Der König der Zwerge Thorin Eichenschild hat aber Zweifel an Bilbo. Er traut Bilbos Charakter und Motivation nicht. An einer Stelle fragt er ihn, weshalb er nicht einfach nach Hause geht. In einer rührenden Szene sagt der Hobbit dann: „Ich vermisse meine Bücher und meinen Sessel und meinen Garten. Das ist der Ort wohin ich gehöre. Das ist mein Zuhause. Und deshalb bin ich hier: ihr habt kein Zuhause; es wurde euch weggenommen. Aber ich werde euch helfen, es zurück zu gewinnen, wenn ich kann.“ Wir können uns damit identifizieren. Jeder von uns hat ein Bedürfnis nach einem Zuhause.
Und trotzdem ist es so, dass wir uns eigentlich hier auf dieser Welt nie wirklich zu Hause fühlen. Egal wie gut wir integriert sind, eigentlich bleibt das Gefühl, dass wir uns in der Fremde befinden. Egal wie wohl wir uns fühlen, es bleibt das Gefühl, dass etwas zu unserem Zuhause fehlt, etwas, was essentiell ist. Martin Heidegger, einer der größten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts, prägte einen interessanten Begriff, um das zu beschreiben. Er schrieb davon, dass Menschen eine existentielle Angst haben: „In der Angst ist einem unheimlich. Darin kommt zunächst die eigentümliche Unbestimmtheit dessen, wobei sich das Dasein in der Angst befindet, zum Ausdruck: das Nichts und Nirgends. Unheimlichkeit meint aber dabei zugleich das Nichtzuhause-sein.“ Jeder Mensch hat eine existentielle Angst, die daher rührt, dass wir kein wahres Zuhause haben; und daher das Wort „Unheimlichkeit“. Wir alle befinden uns in einem Exil.
C.S. Lewis drückte es folgendermaßen aus: „Die meisten Menschen, vorausgesetzt sie haben wirklich gelernt, in ihr eigenes Herz zu schauen, würden wissen, dass sie etwas wollen, und zwar schmerzlich wollen, was in dieser Welt nicht zu haben ist. Es gibt alle möglichen Dinge in dieser Welt, die einem vorgeben, es zu bieten, aber sie halten ihr Versprechen nie vollständig. Die Sehnsüchte, die in uns aufsteigen, wenn wir uns zum ersten Mal verlieben, wenn wir zum ersten Mal an ein fremdes Land denken oder wenn wir uns zum ersten Mal mit einem anregenden Thema beschäftigen, sind Sehnsüchte, die keine Ehe, keine Reise, kein Studium wirklich befriedigen kann. Ich spreche jetzt nicht von dem, was man gemeinhin als misslungene Ehen oder Urlaube oder erlernte Berufe bezeichnen würde. Ich spreche von den bestmöglichen. In diesem ersten Moment der Sehnsucht haben wir nach irgendetwas gegriffen, das in der Realität einfach verblasst. Ich denke, jeder weiß, was ich meine. Die Ehefrau mag ein guter Ehepartner sein, und die Hotels und die Landschaft mögen ausgezeichnet gewesen sein, und Chemie mag ein sehr interessanter Beruf sein: aber irgendetwas ist uns entgangen.“
Hier ist das, was C.S. Lewis impliziert. Wir alle haben eine Sehnsucht in unserem Herzen, die keine Erfahrung hier auf Erden wirklich zufriedenstellen kann. Und die rhetorische Frage, die sich daher stellt, ist: vielleicht wurden wir für andere Welt geschaffen? Vielleicht wurden wir für ein anderes Zuhause gemacht? Oder anders gesagt, vielleicht ist diese Sehnsucht darauf zurückzuführen, dass in jedem Menschen die Erinnerung an den Garten Eden vorhanden ist als unser ursprüngliches Zuhause: als eine ganz verblasste Erinnerung, ein Echo, eine Hintergrundstrahlung. Wir waren nie dort, und trotzdem erinnern wir uns daran. Tim Keller hat es so formuliert: wir haben Sehnsucht nach einer Musik, die wir noch nie gehört haben und an die wir uns trotzdem erinnern können. Wir haben Sehnsucht nach einer Umarmung, die wir noch nie erfahren haben und trotzdem können wir uns daran erinnern. Unsere Suche nach einem Zuhause geht darauf zurück, dass wir eigentlich zurück in den Garten Eden wollen.
Abraham und seine Nachfahren hatten Reichtum, Segen, Anerkennung von den Menschen, Familie. Aber sie hatten kein Zuhause. Vers 16 sagt: „nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ Ihr Zuhause war im Himmel. Ihr Zuhause war die Stadt Gottes. Was bedeutet es also, auf die Stadt Gottes zu warten? Es bedeutet anzuerkennen, dass diese Welt nicht unser zu Hause ist. Es bedeutet zu verstehen, dass unsere wahre Heimat bei Gott ist, in der Stadt, die Gott für uns baut. Es bedeutet, dass wir unser Leben als Pilger und Fremdlinge leben; in Zelten auf Wanderschaft zu unserem wahren Ziel und unserem wahren Zuhause hin.

Zweitens, warum ist das so herausfordernd?
Es hat mindestens zwei Gründe oder zwei massive Spannungsfelder, die sich auftun. Das erste Spannungsfeld hat damit zu tun, dass Christen in der Welt aber nicht von der Welt sind. Schauen wir uns noch einmal das Leben von Abraham an. Vers 8: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.“ Stellen wir uns vor, wir wären ein Bekannter von Abraham. Abraham erzählt uns davon, dass er gerade von Gott berufen wurde, alles zu verlassen. Wie würden wir reagieren? Wir hätten ihn gefragt: „Wie alles verlassen? Deine Freunde sind doch hier. Deine Familie ist hier.“ Abraham: „Gott hat mir gesagt, dass ich das alles hinter mich lassen soll.“ Wir würden ihn fragen: „Und wohin wirst du gehen?“ Abraham: „Keine Ahnung. Gott hat gesagt, dass er es mir zeigen wird.“ „Er wird es dir zeigen? Wann überhaupt? Und warum lässt du dich auf so etwas Verrücktes ein?“ Abraham: „Gott hat mir Nachkommen versprochen und dass ich zu einem großen Volk werde, durch das alle Menschen auf der Welt gesegnet werden sollen.“ Spätestens an diesem Punkt hätten wir gesagt: „Ähm… schon klar. Ich glaube du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Und das ist der Punkt von dem Gedankenexperiment. Aus Sicht der Welt war Abraham ein Verrückter.
Auf die Stadt Gottes zu warten, bedeutet nicht, dass Christen nur Touristen oder Besucher sind hier auf Erden sind. Christen sind Ausländer in der Welt mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. D.h., als Christen in Deutschland gehören wir zur deutschen Gesellschaft. Viele von uns haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Wir sind nicht einfach Besucher oder Touristen hier. Wir wohnen hier; wir leben hier; wir arbeiten hier; wir zahlen hier unsere Steuern. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, obwohl dieses Land nicht unser wahres Zuhause ist.
Die Bürger von Gottes Stadt sind beauftragt, gute Nachbarn zu sein; rücksichtsvoll miteinander umzugehen; schonend mit den Ressourcen umzugehen, die ihnen anvertraut sind; grundsätzlich die Gesetze dieses Landes zu respektieren und einzuhalten. Die Bürger von Gottes Stadt in Deutschland beteiligen sich an den demokratischen Prozessen dieses Landes, weil es zum Leben dazu gehört (und sie wählen keine fremdenfeindlichen Parteien) und beten für die gewählten Politiker des Landes. Die Bürger von Gottes Stadt beteiligen sich nicht an der Verbreitung von Verschwörungstheorien, was sich derzeit leider viele Christen ankreiden lassen müssen. Die Bürger von Gottes Stadt würden sich als fürsorgliche Menschen dieses Landes gegen Corona impfen lassen, wenn sie an der Reihe sind: nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern um die Menschen zu schützen, die um sie herum sind. Die Bürger von Gottes Stadt sind nicht von der Welt, aber sie sind für die Welt. Sie haben das auf dem Herzen, was dieser Welt zum Guten dient.
Und gleichzeitig werden die Bürger von Gottes Stadt anecken. Christen halten Positionen, die in dieser Gesellschaft als hoffnungslos rückständig und veraltet angesehen werden. (In anderen Gesellschaften werden christliche Positionen als zu liberal und progressiv angesehen). Die Bürger von Gottes Stadt sind für die Erhaltung des Lebens: sie sind daher für den Schutz des ungeborenen Lebens und gegen Abtreibung; und gleichzeitig sind sie für den Umweltschutz. Die Bürger von Gottes Stadt sehen Sexualität als ein Geschenk Gottes an. D.h., sie sind viel weniger prüde als manche von uns sind, viel sex-positiver als manche von uns sind; und gleichzeitig leben sie Sexualität ausschließlich in der Ehe, im Kontext einer lebenslangen, exklusiven Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Die Bürger von Gottes Stadt glauben, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist; und dass er der einzige Weg zum Vater ist. Dieser Glaube gilt als intolerant, engstirnig und diskriminierend. Ein konsequent ausgelebter Glaube wird natürlich anecken.
Egal in welcher menschlichen Gesellschaft wir uns befinden und zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte, Christen wurden immer schief angeschaut, belächelt oder verfolgt. Das ist das eine Spannungsfeld: in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt zu sein und gleichzeitig für die Welt zu sein.
Das andere Spannungsfeld sehen wir in Vers 13: „Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt…“ Es hat etwas mit dem Konflikt zwischen unserer Zukunft und dem Hier und Jetzt zu tun. Gott verspricht uns eine großartige Zukunft. Aber wir sehen noch nicht viel davon in unserem jetzigen Leben realisiert. Hier sind zwei Illustrationen, die das vielleicht veranschaulichen können. Im zweiten Weltkrieg gab es den sogenannten D-Day: am 6. Juni 1944 landeten alliierte Truppen an einem Strand in der Normandie. Mit dieser Militäraktion wurde Deutschland auch vom Westen angegriffen. Historiker sehen diesen Tag als einen der entscheidenden Wendepunkte des Krieges. Nach diesem Tag war eigentlich allen Menschen klar, dass der Krieg entschieden war. Es gab für Deutschland keine realistische Chance mehr, den Krieg zu gewinnen. Aber es dauerte noch 11 weitere Monate, bis der Krieg zu Ende war. Elf Monate, in denen viel Blut vergossen wurde, und viele Menschen ums Leben gekommen sind.
Oder etwas aktueller: am Mittwoch, den 18. November 2020 hatten Pfizer und Biontech angekündigt, dass die Phase 3 Studie ihrer Corona-Vakzine erfolgreich war mit einer Effektivität von 95%. Mit dieser Nachricht war klar, dass die Corona-Pandemie ein Ende haben wird. Danach dauerte es Wochen, bis die Vakzine von den regulatorischen Behörden freigegeben wurde. Ende Dezember wurden die ersten Menschen in Deutschland geimpft. Mehr als vier Monate sind vergangen. Immer noch sind weniger als 10% vollständig geimpft. Allein in Deutschland sind seither mehr als 40,000 Menschen gestorben. Es wird immer noch Monate dauern, bis wir geimpft werden können und unsere Kinder. Und diese Tage fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Wir können es nicht abwarten. Wir wollen, dass es sofort vorbei ist; dass wir uns wieder treffen können, dass wir wieder verreisen können, dass wir wieder essen und trinken gehen können.
Und in einer ähnlichen Spannung befinden sich die Bürger von Gottes Stadt. Gottes Verheißungen liegen zu einem großen Teil noch in der Zukunft. Gottes D-Day war schon. Der Sieg ist bereits errungen. Das Reich Gottes wird kommen. Sünde und Tod werden besiegt werden. Himmel und Erde werden eins werden. Gottes neue Schöpfung wird anbrechen. Aber es ist anscheinend noch eine Weile hin. Gottes Kinder warten darauf. Und es kann sehr gut sein, dass sie im Glauben sterben werden und das Verheißene nicht erlangen werden.
Aber das sind die Spannungsfelder, in denen die Bürger von Gottes Stadt leben: der Gegensatz zwischen dem Reich der Welt und Gottes Stadt; und der gelebte Konflikt zwischen einer Zukunft, die garantiert ist und dem Hier und Jetzt, das im krassen Widerspruch dazu zu stehen scheint.

Drittens, wie können wir so leben?
Die Antwort darauf lautet: nur durch die Gnade Gottes. In den Versen 17 und folgende lesen wir, wie Abraham Isaak opferte. Vers 19 sagt, dass Abraham davon überzeugt war, dass Gott Isaak auch von den Toten auferwecken kann. Und dann lesen wir: „darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ Isaak ist nicht gestorben. Aber als Abraham Isaak zurückbekam, war es für Abraham wie als ob sein Sohn von den Toten zurückgekommen wäre. So absolut und so entschieden war das Opfer in seinem Herzen. Und gleichzeitig ist diese ganze Geschichte ein Sinnbild für so viel mehr.
Das Opfer Isaaks weist auf das wahre Opfer hin. Es ist ein Hinweis auf den wahren Isaak, der geopfert wurde. Aber als Jesus mit dem Holz auf dem Rücken auf den Hügel geführt wurde, gab es keinen Engel, der im letzten Moment eingriff. Es war keine Stimme vom Himmel zu hören, die Einhalt gebot. Der Himmel schwieg. Warum? In Hebräer 13 wird Jesu Tod mit dem Opfer von Tieren verglichen, die außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Der Autor schreibt: „Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten.“ Hier ist der Punkt: wir dürfen Bürger von Gottes Stadt werden, weil Jesus, der wahre Bürger, der Königssohn, der Prinz ausgestoßen wurde. Wir können eingebürgert werden, weil Jesus für uns ausgebürgert wurde. Der Himmel wird zu unserem Zuhause, weil Jesus dieses Zuhause für uns verlassen hat. Wir dürfen einziehen, weil Jesus für uns ins Exil gegangen ist. Jesus ist für uns in die Fremde gegangen; Jesus ist für uns Gastarbeiter auf Erden geworden; Jesus ist für uns Asylant geworden.
Wenn wir merken, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten, dass wir nicht so großzügig sind, nicht so liebevoll, nicht so geduldig, nicht so mutig, nicht so hoffnungsvoll, nicht so hingebungsvoll: die Antwort darauf lautet nicht, dass wir uns mehr zusammenreißen, dass wir uns mehr Mühe geben, dass wir uns mehr anstrengen. Martin Lloyd-Jones hatte mal gesagt: wenn er jemanden fragt, ob er ein Christ ist, und die Person antwortete darauf: „ich versuche es.“ Dann war es ein sicheres Indiz, dass diese Person kein Christ ist, weil die Essenz des Evangeliums nicht verstanden wurde. Wir werden nicht durch eigene Anstrengung und Mühe Bürger des Himmels, sondern aus Gnade. Die gleiche Gnade ist das, was uns verändert. Die gleiche Gnade macht uns mehr und mehr zu würdigen Stadtmenschen.
Im 2. Jahrhundert gab es einen Brief an einen Mann namens Diognetus. Wie beim Hebräer-Brief wissen wir nicht wer der Autor ist. Aber der Autor schreibt über die Christen im römischen Reich: „Sie teilen einen gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Bett. Sie leben im Fleisch, aber sie leben nicht nach ihrem Fleisch. Sie verbringen ihre Tage auf der Erde, aber sie sind Bürger des Himmels. Sie gehorchen den vorgeschriebenen Gesetzen, aber sie übertreffen die Gesetze durch ihr Leben. Sie lieben alle Menschen und werden von allen verfolgt. … Sie werden zum Tode verurteilt und wieder zum Leben erweckt. Sie sind arm und machen doch viele reich. Es fehlt ihnen an allem, und haben doch Überfluss in allem. Sie werden entehrt, und doch werden sie gerade in ihrer Entehrung verherrlicht; sie werden schlecht geredet und doch gerechtfertigt; sie werden geschmäht und segnen doch; sie werden beleidigt und vergelten die Beleidigung mit Ehre; … Um alles in einem Wort zusammenzufassen: Was die Seele im Körper ist, das sind die Christen in der Welt. Wie die Seele über alle Teile des Leibes verstreut ist, so sind die Christen über alle Städte der Welt verstreut. Die Seele lebt im Leib, ist aber nicht vom Leib; die Christen leben in der Welt, sind aber nicht von der Welt.“
Tim Keller sagte dazu: was für eine Herausforderung! Was für ein Leben! Was für ein Abenteuer!

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