Predigt: 1. Mose 4,17 – 5,32

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Menschlicher Fortschritt und die Suche nach Gott

„Lamech war 182 Jahre alt und zeugte einen Sohn und nannte ihn Noah und sprach: Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“

(1. Mose 5,29)

Der heutige Text könnte auf dem ersten Blick etwas langweilig erscheinen. Wir haben zwei Stammbäume mit vielen Namen, die uns nicht so viel sagen scheinen. Der eine Stammbaum ist von Kain, der – wie wir letzte Woche gesehen haben – ein Brudermörder ist; kein angenehmer Zeitgenosse. Der andere Stammbaum ist von Set, der eher fromm gewesen zu sein scheint. Eine naheliegende Herangehensweise wäre, die beiden Stammbäume miteinander zu vergleichen und zu kontrastieren. Und wenn man so veranlagt ist, würde man vielleicht dazu neigen zu sagen, dass der eine Stammbaum weltlich ist, während der andere geistlich ist; der eine scheint gottlos zu sein, der andere gottesfürchtig; der eine eher negativ, während der andere eher positiv ist. Persönlich glaube ich, dass das zu vereinfacht ist. Der Autor von Genesis scheint wesentlich differenzierter zu sein. In beiden Stammbäumen geht es um Menschen. Und immer, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, dann haben wir es mit Problemen zu tun, weil alle Menschen Probleme haben und problematisch sind. Kein Mensch ist nur gut. Gleichzeitig ist kein Mensch nur schlecht.
Ich würde folgende drei Punkte vorschlagen, über die wir nachdenken können: erstens, was wir erreicht haben; zweitens, worin wir versagt haben; drittens, was Gott für uns tut.

Erstens, was wir erreicht haben
In Kains Stammbaum sehen wir einige erstaunliche Errungenschaften, menschlicher Zivilisation. Wir finden gleich die erste Errungenschaft in Vers 17: „Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.“ Der Fluch auf Kain war, dass er keine Ruhe haben würde. Hier in Vers 17 baut er eine Stadt. Es ist die erste Siedlung, die in Genesis erwähnt wird. Vielleicht ist das ein Ausdruck von Kains Wunsch, Ruhe zu finden. Seit jeher verkörpern Städte das Größte, was menschliche Zivilisation hervorbringen kann. Wenn wir uns mit den größten und besten Errungenschaften unserer Gesellschaft auseinandersetzen wollen, dann müssen wir in eine der Metropolen: Berlin, Hamburg, München, Köln. Dort befinden sich die größten Museen, dort leben die meisten Künstler, dort befinden sich die größten Opern, Theater und Konzertsäle. Die Städte bestimmen, was in ist und was out. Und in den Städten ist das Zentrum politischer Macht, egal ob Paris oder Moskau oder Seoul. Natürlich war die Stadt von Kain nicht vergleichbar mit New York. Kains Stadt war noch nicht einmal vergleichbar mit Heidelberg. Aber wir sehen hier den ersten Keim menschlicher Zivilisation. Wir sehen hier den ersten Spatenstich von New York und Tokyo.
Viele Christen scheinen gewisse Vorbehalte gegen Städte zu haben. Städte sind etwas suspekt. Weil die Stadt das Größte beherbergt, was Menschen hervorbringen können, finden wir sowohl das Beste wie auch das Schlechteste, was Menschen vollbringen können. In den USA hat man das Phänomen, dass die meisten evangelikalen Christen auf dem Land leben, während die Städte fast durchgehend säkular sind. Wir sollten uns aber dessen bewusst sein, dass Städte an und für sich gut sind. Und wir sollten uns darüber im Klaren sind, dass Gott Städte am Herzen liegen. Tim Keller hat das folgendermaßen begründet: Auf dem Land gibt es mehr Tiere als Menschen. Städte hingegen sind Orte, wo es mehr Menschen als Tiere gibt. Weil Gott Menschen mehr liebt als er Tiere liebt, muss Gott Städte mehr lieben als das Land.
Welche weiteren bedeutenden Fortschritte sehen wir? In Vers 19 begegnen wir Lamech. Lamech hatte sich zwei Frauen genommen. Es ist die erste Erwähnung einer Vielehe. (Das ist kein Fortschritt). Beide Frauen hatten Kinder. Alle Kinder von Lamech brachten Erstaunliches hervor. Drei besondere Errungenschaften sehen wir hier: Viehzucht, was wiederum voraussetzt, dass Menschen überhaupt anfingen, wilde Tiere zu isolieren, zu halten und zu domestizieren. Die nächste Errungenschaft sind Musikinstrumente: Zither und Flöten. Falls es bis dahin keine Musik gab, wurde sie erfunden. Falls es vorher Musik gab, fand die Musik ganz neue Ausdrucksformen. Die dritte Errungenschaft ist das Schmiedehandwerk. Das war natürlich die Grundlage für richtiges Werkzeug wie auch für Waffen aller Art. Alle drei gehören mit zu den größten Leistungen der frühen Menschheitsgeschichte.
Interessant ist auch, dass Kains Stammbaum Frauen erwähnt, während der Stammbaum von Set keine einzige Frau erwähnt. In Vers 22 lesen wir: „Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama.“ Wir wissen nicht, weshalb die Schwester von Tubal-Kain erwähnt wird. Vielleicht liegt das an einer gewissen Symmetrie: zwei Kinder von der einen Frau und zwei Kinder der anderen Frau. Vielleicht war Naama auch für irgendwelchen Großtaten bekannt wie der Rest ihrer Familie.
Alle drei Erfindungen, das Domestizieren von Tieren, die Musik und das Schmiedehandwerk sind an und für sich gute Dinge. Die Frage ist, warum alle diese Dinge bei Kains Nachkommen erwähnt werden und keines davon bei den Nachkommen von Set. Ich denke nicht, dass es daran liegt, dass Sets Nachkommen nichts geleistet haben. Aber vielleicht ging es dem Autor der Genesis auch darum zu zeigen, dass Kains Nachkommen zu großen Taten in der Lage waren.
Was können wir daraus mitnehmen? Wir leben in einer Welt, in der wir die Früchte technologischer und wissenschaftlicher Durchbrüche genießen können. Fast jeder von uns hat ein Smartphone in der Tasche. Viele sehen das Smartphone als die größte technische Erfindung des 21. Jahrhunderts. Wenn wir unterwegs sind und uns in der Gegend nicht auskennen, dann benutzen wir Googlemaps mit einem GPS. Es sind für uns Selbstverständlichkeiten, und wir vergessen zu leicht, wie viele technische und wissenschaftliche Durchbrüche dafür notwendig waren. Zum Beispiel könnten wir ohne Einsteins Relativitätstheorie kein GPS benutzen.
Eine wirklich bahnbrechende Entdeckung in der Medizin sind Impfstoffe. Noch vor 150 Jahren war es durchaus normal, dass eine Familie fast die Hälfte der Kinder im Kleinkindalter verloren hat. Wir können uns das kaum vorstellen wie es wäre, wenn bis zur Hälfte der Kinder unserer Gemeinde jetzt im Grab liegen würde. Die hohe Kindersterblichkeit wurde erst durch zwei wichtige Erneuerungen besiegt: Kanalisation und Impfstoffe. Pocken, Polio, Dyphterie sind Krankheiten, an denen früher Millionen von Menschen erkrankt und viele verstorben sind, vor allem Kinder. Heute gilt Pocken als ausgerottet und Polio und Dyphterie als fast besiegt.
Noch einmal, wir genießen die Früchte dieser Anstrengungen. Wir genießen den Komfort oder einfach die Tatsache, dass wir aufgrund mancher von diesen Erfindungen überhaupt am Leben sind. Ich gehe davon aus, dass die meisten Erfinder und Wissenschaftler, die dahinterstanden, keine Christen waren. D.h., in der säkularen Welt sehen wir, wie Menschen immer und immer wieder Großartiges leisten und herausragende Lösungen auf große Probleme finden. Wir sollten dankbar für ihre Errungenschaften sein.
Leider haben wir Christen aber nicht unbedingt den Ruf, offen zu sein für wissenschaftliche Erneuerungen. Hier sind ein paar Beispiele. Ende März hatten die allermeisten westlichen Länder verstanden, dass die Coronavirus-Pandemie ein ernsthaftes Problem ist. Zu diesem Zeitpunkt ist in der New York Times ein Artikel erschienen, in welcher die christliche Rechte für ihre antiwissenschaftliche Haltung kritisiert wurde. Der Titel des Artikels lautete: „die wissenschaftsfeindliche Haltung religiösen Rechten lähmt unsere Antwort auf die Coronakrise.“ In dem Artikel kritisierte die Autorin unter anderem Pastoren, die sich weigerten, den Ernst der Lage anzuerkennen und sich weiterhin persönlich zum Gottesdienst versammelten.
Der Großteil der Christen in Deutschland glaubt, dass Adam und Eva vor weniger als 10.000 Jahren erschaffen wurden. Viele halten die Evolutionstheorie für ideologischen Unfug im Deckmantel der Wissenschaft. Viele Christen glauben auch nicht an den von Menschen verursachten Klimawandel. Wie die meisten von euch wissen, habe ich was diese Themen angeht einen anderen Standpunkt. Ich kann niemanden von euch vom Gegenteil überzeugen. Aber aufgrund vom heutigen Text möchte ich gerne dazu einladen, eine größere Offenheit für das zu haben, was Menschen mit oder ohne Gott vollbringen. Und wir Christen sollten die ersten sein, die eine intellektuelle Neugier haben, den Indizien dorthin zu folgen, wohin sie uns leiten.
Der erste Punkt ist: seit jeher sind Menschen zu großartigen Errungenschaften in der Lage.

Zweitens, worin wir versagt haben
Wir finden einen Hinweis in den Versen 23 und 24 für das völlige Versagen der Menschheit: „Und Lamech sprach zu seinen Frauen:
Ada und Zilla, höret meine Rede,
ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage:
Einen Mann erschlug ich für meine Wunde
und einen Jüngling für meine Beule.
Kain soll siebenmal gerächt werden,
aber Lamech siebenundsiebzigmal.“
Diese Verse sind vermutlich eine Art Lied. Wir sehen hier ein Musterbeispiel für hebräische Poesie (Parallelismen). Diese Verse zeigen uns, dass Lamech vor allen Dingen ein barbarischer und gewalttätiger Mensch war. Aus anscheinend geringen Anlässen hatte er Menschen umgebracht. Nicht nur das, er schreckte nicht davor zurück, Jungen, also Kinder, zu erschlagen. Nicht nur das, er brüstete sich sogar damit. Er war auch noch stolz darauf, ein mehrfacher Mörder zu sein. Es zeigt, wie wenig Wert ein Menschenleben für ihn hatte: im Prinzip keinen Wert.
Das weist auf unser Versagen hin. Inwiefern tut es das? Es zeigt, dass trotz aller großen kulturellen und technischen Errungenschaften die Menschen nicht in der Lage sind, ihre eigene Bosheit in den Griff zu bekommen. Hier ist das Revolutionäre an dem, was der Text sagt: ganz egal wie technologisch entwickelt eine Gesellschaft ist, ganz egal wie reich und wohlhabend ein Land ist, ganz egal wie gebildet und kultiviert eine Gemeinschaft ist, Menschen werden niemals in der Lage sein, das Böse zu besiegen. Denken wir zum Beispiel über Reichtum nach: wir haben den Luxus, in einem der wohlhabendsten Länder in der Geschichte der Menschheit zu leben. Der Reichtum hat sicherlich dazu beigetragen, dass Deutschland eines der sichersten Länder der Welt ist. Und trotzdem gibt es immer noch Verbrechen in unserem Land. Trotzdem gibt es Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Rassismus. Trotzdem ist unser Land nicht so großzügig wie es sein sollte. Wir würden alle diese Formen von Bosheit auch dann noch unter uns sehen, wenn unser Land noch reicher wäre.
Oder man könnte meinen, dass Bildung hilft, die Bosheit zu besiegen. Und in der Tat ist Bildung ein wichtiger Faktor dafür, die Gesellschaft gerechter und besser zu machen. Keine Frage. Und trotzdem liegt unser Versagen nicht darin begründet, dass wir zu wenig Bildung haben oder zu wenig wissen. Unser Versagen liegt nicht darin, dass wir nicht wissen was gut und böse ist. Lamech hatte ein ziemlich klares Verständnis davon, dass Mord böse ist. Lamech wusste, dass es ein moralisches Gebot gab, unter dem Mord verboten war. Es war ihm nur schlichtweg egal.
Was stellen wir dann fest? Städtebau, Viehzucht, Musik und Schmiedehandwerk führten zu großen Veränderungen und Verbesserungen unserer Umgebung. Aber die Umgebung ist nicht das eigentliche Problem des Menschen. Das Problem der Bosheit sind wir selbst. Das Problem der Sünde ist tief in unseren Herzen verwurzelt. Das Problem der Bosheit ist so tief in uns verankert, dass wir selbst dann Verbrechen begehen würden, wenn wir in einer absolut perfekten und heilen Welt leben würden. Als gefallene Menschen würden wir auch dann noch sündigen, wenn wir im absoluten Paradies sind. Und das macht uns zu hoffnungslos widersprüchlichen Wesen. D.A. Carson sagte: „Wir Menschen sind uns selbst ein Rätsel. Wir sind rational und irrational, zivilisiert und grausam, fähig zu tiefer Freundschaft und mörderischer Feindschaft, frei und gefangen, der Höhepunkt der Schöpfung und die größte Gefahr für dieselbe. Wir sind Rembrandt und Hitler, Mozart und Stalin, Antigone und Lady Macbeth, Rut und Isabel. ‚Was für ein Kunstwerk’, sagt Shakespeare über die Menschen. „Wir sind sehr gefährlich“, schreibt Aurthur Miller in Nach dem Sündenfall.“ Und das sind wir.
Die Tatsache, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, das Problem unserer Bosheit in den Griff zu bekommen, weist auf etwas noch Größeres hin. Wir sind nicht in der Lage den Tod zu überwinden. Und vor allem sind wir nicht in der Lage, durch unsere Anstrengungen Gott selbst zu finden. Im Jahr 410 wurde das „ewige und unbesiegbare“ Rom von Alarich I, König der Westgoten, erobert und geplündert. Die Eroberung Roms war ein riesiger Schock. Bald wurden Stimmen laut, die behaupteten, dass Rom nur deshalb gefallen war, weil das Christentum zur Staatsreligion geworden war. Viele wollten zurück zu den römischen Göttern. Als Antwort auf diese Anschuldigung schrieb Augustinus sein größtes Werk: „De Civitate Dei“. Im deutschen wird der Titel übersetzt als „Der Gottesstaat“. Ich finde die Übersetzung „die Stadt Gottes“ besser. Es ist ein Mammutwerk. Augustinus sagt, dass es auf der einen Seite die irdische Stadt gibt und auf der anderen Seite die Stadt Gottes. Stephen Surh hat das ganze Buch gelesen (je nach Ausgabe sind das um die 1,400 Seiten). Seine Zusammenfassung von dem ganzen Werk war folgende: alle menschlichen Leistungen, alle menschlichen Errungenschaften in allen Bereichen, egal ob Politik, Religion, Philosophie etc. sind unzureichend, um Gott zu erfassen. Die Stadt Gottes ist unerreichbar für die irdische Stadt.
Und das ist es, was wir von Kains Stammbaum lernen können. Trotz aller Errungenschaften schaffen wir es nicht, das Böse zu bezwingen und Gott zu finden.

Drittens, was Gott für tut
Wir finden mindestens drei Hinweise auf das, was Gott tut. Am Ende von Kapitel 4,26 lesen wir: „Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.“ Die Menschen damals fingen an zu beten. Allein die Tatsache, dass das hier Erwähnung findet, zeigt, dass die Menschen nicht in den luftleeren Raum hinein gebetet haben. Die Menschen beteten, und Gott ließ sich von den Menschen finden.
Wir finden einen weiteren Hinweis in Kapitel 5,22-24. Diese Verse handeln von meinem Namensgeber. Wenn wir die Stelle über Henoch mit den Versen vorher und nachher vergleichen, stellen wir fest, wie sehr er aus der Reihe tanzt. Über die Ahnen vorher und nachher heißt es: „Person wurde X Jahre alt und zeugte Sohn und lebte danach X Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward X Jahre, und starb.“ Über Henoch heißt es: „Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Metuschelach.“ Jetzt würden wir erwarten, wieviele Jahre er noch lebte. Aber stattdessen lesen wir: „Und Henoch wandelte mit Gott.“ Dann erst folgt die Angabe wie lange er noch lebte und dass er Söhne und Töchter zeugte. Vers 23 sagt: „dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre.“ Hier müsste jetzt eigentlich stehen, dass er starb. Stattdessen heißt es: „Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.“ Danach geht es im Stammbaum weiter wie vorher.
Eine Sonntagsschullehrerin hatte die Geschichte von Henoch folgendermaßen zusammengefasst: jeden Tag machte Henoch mit Gott einen Spaziergang. Wenn der Tag sich neigte und es Zeit war umzukehren, fragte Henoch Gott: „Ich muss zurück nach Hause. Kommst du mit?“ Und Gott antwortete: „Okay.“ Irgendwann nach 365 Jahren waren Henoch und Gott wieder spazieren. Als es Zeit war, umzukehren, fragte Henoch wieder: „Ich muss wieder zurück. Kommst du wieder mit zur mir nach Hause?“ Gott antwortete dann: „Die letzten 365 Jahre hast du mich jedes Mal zu dir nach Hause eingeladen. Möchtest du heute vielleicht zu mir nach Hause?“ Henoch antwortete: „Okay.“ Und seitdem ist Henoch bei Gott zu Hause.
Das Wort „wandeln“ drückt eine richtige Freundschaft aus. Bis auf den heutigen Tag ist das „gemeinsam unterwegs sein“ ein Inbegriff für Freundschaft. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns dazu Erfahrungen hat. Eine sehr amerikanische Erfahrung ist es, Road Trips zu machen: man ist viele Stunden am Tag im Auto eingeschlossen unterwegs auf nicht enden wollenden Landstraßen oder Autobahnen, unterbrochen von irgendwelchen Dinners. Sam und ich hatten über ein Wochenende einen solchen Roadtrip unternommen: sieben Stunden hin und sieben Stunden zurück. Und wir haben uns fast die ganze Fahrt über unterhalten. So etwas schweißt zusammen.
Hier im Text sehen wir etwas ungleich viel Wunderbareres: ein Mensch wandelt mit Gott. Ein Mensch bekommt das Privileg ein Freund Gottes zu werden, und Gott wird der beste Freund dieses Menschen. Wir haben gesehen, dass trotz aller Errungenschaften, der Mensch Gott nicht erfassen kann. Aber hier lässt sich Gott auf den Menschen ein in inniger, tiefer Gemeinschaft.
Einen dritten Hinweis finden wir in den Versen 28 und 29. Wieder begegnet uns ein Lamech, aber dieses Mal ein ganz anderer Lamech. Er hat einen Sohn. Über diesen Sohn sagt er: „Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“ Wie wir nächste Woche sehen war Noah auch jemand, der mit Gott wandelte. Und vielleicht brachte Noah etwas Trost. Aber gleichzeitig war auch Noah jemand, der nicht frei von Sünde war.
Hier ist der Punkt: die Freundschaft zwischen Gott und Henoch und der Trost von Noah sind Hinweise auf das, was Gott später tun würde. Die Beziehung dieser Männer mit Gott war so einzigartig, dass Genesis das hervorhebt. Aber es würde der Tag kommen, an dem Gott diese Freundschaft allen Menschen anbietet. In Johannes 15 sagt Jesus seinen Jüngern: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“ Gott vollbringt das, was kein Mensch erreichen konnte. Er wird Mensch und kommt zu uns. In Jesus Christus bietet Gott uns seine Freundschaft an. Jesus ist die Person, auf die Henoch und Noah hinweisen. Wenn wir uns auf diesen Jesus einlassen, wenn wir an diesen Jesus glauben, dann lässt Gott uns eintreten in den Kreis seiner Freunde. Es ist das Größte und das Höchste, worauf sich ein Mensch einlassen kann.
Mein Gebet und mein Wunsch ist, dass unsere Gemeinde eine Gemeinschaft von Menschen sein kann, die mit Gott wandeln. Mein Gebet und mein Wunsch ist, dass jeder einzelne von uns dadurch eine Quelle des Trostes werden kann.

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Predigt: 1. Mose 4,1 – 16

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Du aber herrsche über sie

„Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor er Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie.“

(1. Mose 4,7)

Letzte Woche haben wir die unmittelbaren Folgen der Sünde der ersten Menschen betrachtet. Als sie Gottes Gebot brachen und von dem verbotenen Baum aßen, wurden sie nicht allwissend wie Gott, sondern von Schamgefühl und Schuld erfüllt. Durch ihre Sünde verloren sie ihre von Liebe und Vertrauen geprägte Beziehung zu Gott und versteckten sich vor ihm aus Angst. Ihre liebevolle Beziehung untereinander wurde durch Scham und Schuldzuweisungen vergiftet. Als Strafe für ihre Sünde wurde Gottes Segen, mühelos Kinder bekommen und als Verwalter des Gartens Gott dienen zu können, beschnitten bzw. zurückgenommen. Sie mussten das Paradies verlassen und ihr Leben lang hart arbeiten, bis sie sterben würden.

Im heutigen Text erfahren wir, wie sich die Sünde weiter ausgewirkt und schon in der nächsten Generation zu Gottlosigkeit, Hass und Mord geführt hat. Der Text enthält aber auch eine gute Botschaft. Lasst uns am Beispiel von Kain die Lage des Menschen unter der Sünde neu begreifen. Lasst uns auch die gute Botschaft im Text entdecken und sie beherzigen!

Betrachten wir den Vers 1: „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn.“ Gott hatte den Segen der Fruchtbarkeit für die Frau eingeschränkt, aber nicht weggenommen. Eva wurde schwanger und gebar einen Sohn und nannte ihn Kain. Ihr Bekenntnis nach der Geburt: „Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn“, zeigen Evas Dankbarkeit gegenüber Gott; Kain bedeutet „bekommen“ oder „gewonnen“. Ihre Dankbarkeit wird noch verständlicher wird, wenn wir bedenken, dass sie als erste Frau in der Geschichte ein Kind zur Welt gebracht hat. Manche Ausleger sehen in Evas Bekenntnis aber auch die Hoffnung angedeutet, dass ihr Sohn der verheißene Nachkomme wäre, der der Schlange den Kopf zertreten und sie von ihrem Schicksal unter der Sünde befreien würde. Aber das war nicht der Fall. Danach gebar Eva einen weiteren Sohn und nannte ihn Abel, was „Hauch“ oder „Nichtigkeit“ bedeutet. Dieser Name drückt ihre Enttäuschung und ihre Verzweiflung über die Nichtigkeit ihres Lebens aus, nachdem sie das Paradies verlassen hatten. Abel wurde ein Schafhirte und Kain ein Ackerbauer.

Was wir von ihrem Leben erfahren, ist ein ganz bestimmtes, tragisches Ereignis. Betrachten wir die Verse 3 und 4a: „Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.“ Kain und Abel brachten Gott Opfer. Wir erfahren nicht, wie sie darauf kamen, Gott ein Opfer zu bringen. Wenn wir den Text weiter betrachten, sehen wir, dass Gott ihre Opfer ernst nahm und darauf antwortete. Daraus können wir schließen, dass Gott selbst den Menschen irgendwie offenbart hatte, dass sie durch Opfer zu ihm kommen konnten. Schon als Adam und Eva sich gegen Gott versündigt hatten, machte Gott ihnen Kleider aus Fellen und zog sie ihnen an. Dafür musste das Blut unschuldiger Tiere vergossen werden. Dadurch müssen wurde das Prinzip sichtbar, dass der Mensch nach dem Sündenfall durch das Blut von Tieren vor Gott stehen konnte.

Wenn wir den den Text genau betrachten, können wir einen Unterschied in der Qualität ihrer Opfer feststellen. Während Kain „von den Früchten des Feldes“ darbrachte, opferte Abel Gott „von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett“. Kain brachte irgendwelche Feldfrüchte. Aber Abel wählte die besten Tiere und opferte sie und das Fett. Außerdem berücksichtigte er bei seinem Opfer, was Gott durch das Töten der Tiere seinen Eltern offenbart hatte.

Wie betrachtete Gott jeden von ihnen und ihre Opfer? Die Verse 4b und 5a sagen: „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“ Gott nahm Abel und sein Opfer an, aber Kain und sein Opfer nicht. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Gott Kain willkürlich diskriminiert hätte. Aber das ist nicht wahr. Hebräer 11,4a sagt: „Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte.“ Abels Opfer war besser als Kains, nicht nur, weil Abel durch das Blut des Opfers zu Gott kam, sondern weil er durch persönlichen Glauben zu Gott kam. Vor dem heiligen Gott sind ausnahmslos alle Menschen Sünder. Auch Kain und Abel konnten ohne Sündenvergebung nicht vor Gott stehen. Als Abel mit seinem Opfer zu Gott kam, glaubte er, dass Gott ihn annehmen und ihm vergeben würde, nicht durch seine Gerechtigkeit, sondern durch das für seine Sünde vergossene Blut. Er vertraute auf Gottes Erbarmen. Deshalb sah Gott ihn und sein Opfer gnädig an und bezeugte, dass Abel durch Gottes Vergebung gerecht war. Gott konnte Kain und sein Opfer nicht gnädig ansehen, weil er bei Kain solchen Glauben offenbar nicht finden konnte.

Wie reagierte Kain? Vers 5b berichtet: „Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“ Die Tatsache, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah, war eigentlich eine Botschaft Gottes an ihn. Es war für Kain eine Gelegenheit, über sich selbst, sein Leben und seine Haltung gegenüber Gott nachzudenken. Dadurch sollte er sich selbst vor Gott erkennen, von seinem von Gott entfernten Leben umkehren und seine Beziehung zu Gott erneuern. Doch stattdessen ergrimmte Kain und senkte finster seinen Blick. Das verrät, dass es in ihm sündige Gefühle wie Neid, Zorn und Hass gab. Anstatt dass er den Fehler bei sich selbst suchte und seine verkehrte Haltung gegenüber Gott erkannte, dachte er offenbar, dass Gott ungerecht sei. Aber Gott ist heilig und gerecht, und er hatte nach seiner absoluten Souveränität gehandelt. Das Problem war, dass Kain es ablehnte, die Souveränität Gottes anzuerkennen. In seiner Haltung war Rebellion und keine Gottesfurcht zu sehen. Gott muss ihn schon seit langem mit Geduld ertragen und ihm schon mehrfach Gelegenheiten zur Umkehr gegeben haben. Als Kain auf Gottes Handeln hin nun ergrimmte und Gottes Souveränität ablehnte, hätte Gott ihn aufgeben und für immer bestrafen können. Aber Gott behandelte sogar diesen Mann weiter mit göttlicher Geduld und Liebe. Gott ging ihm nach und sprach ihn an: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben.“ Gott wollte Kain nicht in seinem dunklen Zustand lassen und ihn in sein Unglück rennen lassen. Gott sprach ihn an, damit er sich selbst prüfen und erkennen konnte, dass er nicht fromm war. Er sollte von seiner stolzen Haltung Gott gegenüber und von seinem Zorn auf seinen Bruder umkehren. Gott forderte ihn indirekt dazu auf, fromm zu sein.

Dabei warnte Gott ihn klar vor der Sünde: „Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ Die Sünde ist hier wie ein brüllender Löwe beschrieben, der seine Beute packen, zerreißen und fressen will. Als Gott sagte: „du aber herrsche über sie“ (7b), gab Gott ihm dafür die entscheidende Anweisung. Kain sollte über die Sünde herrschen, die darauf lauerte, sein Herz zu erobern, sonst würde er selbst von ihr beherrscht werden. Für ihn war es unbedingt nötig, dass er auf Gottes Ermahnung hört.

Wie handelte Kain aber, nachdem er Gottes Wort gehört hatte? Vers 8 berichtet: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Kain ignorierte Gottes Warnung völlig. Er lockte Abel aufs Feld und schlug ihn tot. Kain brachte Abel vorsätzlich und hinterlistig um, obwohl er sein eigener Bruder war. Alles hatte klein angefangen, nämlich mit dem Gefühl von Neid und Zorn. Solche Gefühle müssen einen Menschen nicht zwingend zu einem Mord treiben. Aber weil Kain nicht über sein sündiges Gefühl herrschte, wurde er schnell von von der Sünde beherrscht.

Wie behandelte Gott Kain? Eigentlich hatte Kain mit seinem vorsätzlichen Mord die Todesstrafe verdient. Aber stattdessen kam Gott noch einmal zu ihm. Gott fragte ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (9a) Natürlich wusste Gott, was passiert war. Aber Gott gab ihm mit dieser Frage die Gelegenheit, seine Sünde vor Gott zu bekennen. Das wäre der erste Schritt zur Buße gewesen. Aber Kain antwortete: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (9b) Kains Antwort enthüllt seine freche Haltung gegenüber Gott. Sie zeigt auch seine gleichgültige Haltung gegenüber seinem Bruder. Hier erkennen wir, wie gottlos Kain geworden war! Er weigerte sich Buße zu tun und war nicht einmal bereit, seine Tat vor dem lebendigen Gott zuzugeben.

Aber Gott war keineswegs hilflos. Gott sagte zu Kain: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Gott konfrontierte ihn mit der Wahrheit. Gott hatte alles gesehen. Gott übersieht insbesondere unschuldig vergossenes Blut nicht. Da Kain seinen Bruder ermordet hatte und nicht bereit war, davon umzukehren, bestrafte Gott ihn: „Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden“ (11.22). Gottes Strafe war für so einen Mörder mild. Aber Kain klagte trotzdem über seine Strafe: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet“ (13.14). Das zeigt etwas über Kains Innerlichkeit. Nachdem er seinen Bruder getötet hatte, kam ganz unerwartet in ihm die Angst auf, dass ihn nun jeder, der ihn sieht, umbringen könnten. Seine Seele wurde von Todesangst gequält.
Obwohl Kain wirklich so sehr gegen Gott sündigte, ging Gott auf sein Anliegen ein und sagte: „Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden.“ Gott machte an Kain ein Zeichen, durch das jeder verstehen konnte, dass ihn niemand erschlagen durfte. Gott hasste Kains Sünde, aber Gott liebte Kain und zeigte Mitleid mit ihm. Aber auch das konnte Kain nicht dazu bewegen, zu Gott umzukehren. Vers 16 sagt: „So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ Kain blieb bei seiner Haltung, Gott und ein Leben unter seiner Herrschaft abzulehnen. Er zeigte weder Reue für seinen Mord noch Dankbarkeit für Gottes Erbarmen mit ihm. Es heißt nicht nur, dass er ins Land Nod zog („Wandern“), sondern dass er vom Angesicht des Herrn hinwegging. Das heißt, dass er Gott verließ und Schritte machte, um als Atheist zu leben.

Die Bibel beschreibt uns mit Kain eine Art Prototyp eines Sünders, der Gottes Souveränität über sich ablehnt, der nicht auf Gott hören wollte und dessen ganzes Leben deshalb von der Sünde beherrscht und gezeichnet wurde. Wenn wir nächste Woche auch den nächsten Abschnitt betrachten, sehen wir, dass nicht nur Kain selbst, sondern auch seine Nachkommen auf diese Weise von Gott getrennt – gott-los – lebten. In diesem Sinn ist Kains Geschichte eine traurige und entmutigende Geschichte. Tatsächlich ist Kain aber ein Beispiel für die Mehrheit der modernen Menschen, die Gottes Souveränität über ihr Leben ablehnen und sogar seine Existenz leugnen und nicht bereit sind, auf sein Wort zu hören. Sie basteln sich ein eigenes Lebenskonzept und wandern innerlich ruhelos auf dieser Welt umher, auch wenn sie sich Häuser bauen und so versuchen, ihr Leben irgendwie abzusichern. Ohne Gottes Wort haben sie keine Kraft, um über die sündige Gedanken und Neigungen in ihrem Herzen ausreichend zu herrschen. Auch wenn die meisten durch die Moral krasse Gewalttaten wie Mord in ihrem Leben vermeiden können, leiden viele im Herzen unter Begierden, Neid, Hass und Bitterkeit, und machen gewollt oder ungewollt anderen das Leben schwer. Viele können ihre Aggressionen nicht unterdrücken und zerstören Beziehungen zu ihren Nächsten oder sogar ihr Leben.

Aber in dieser Geschichte gibt es auch eine gute Nachricht: Gott ging Kain nach. Obwohl Gott sah, wie schlimm Kains Herzenshaltung war, wollte Gott ihn nicht einfach in die Sünde laufen lassen. Gott ging ihm nach und sprach ihn mehrmals an, damit er die Gelegenheit bekam, seine Beziehung zu Gott als verkehrt zu erkennen und zu Gott umzukehren. Gott wollte verhindern, dass die Sünde mit ihrer ganzen Wucht in Kains Herz eindringt und sein Leben elend macht. Gott sagte durch den Propheten Hesekiel: „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe“ (Hes 33,11a). Gott geht den sündigen Menschen nach und spricht sie an, um sie zur Umkehr zu bewegen. Das ist eine gute Nachricht.

Gott ist auch uns nachgegangen. Er hat uns angesprochen, als wir in ganz verkehrten Gedanken ganz verkehrt lebten und fern von ihm waren. Er geht uns auch heute noch nach. Er spricht uns an, um uns auf unser geistliches Problem aufmerksam zu machen und uns zu helfen, für unsere Sünde Buße zu tun und unsere Beziehung zu ihm zu erneuern. Auch wenn wir an Jesus glauben, sind wir immer noch anfällig für Sünde. Wir können uns uns immer wieder dabei ertappen, dass wir andere beneiden, dass wir Dinge oder Menschen begehren, oder dass wir sogar so hochmütig und rebellisch sind, dass wir nicht auf Gott hören, zum Beispiel dann, wenn unser Leben gar nicht nach unseren Erwartungen läuft. Gerade in Krisenzeiten oder Anfechtungen zeigt sich, inwieweit es uns wirklich um Gott geht und wie viel immer noch um uns selbst; dann zeigt sich, inwieweit wir in uns immer noch den Wunsch haben, über unser Leben selbst zu bestimmen und so zu leben, wie wir wollen, statt nur nach Gottes Willen und für seinen Namen zu leben. Aber was unsere Lage auch sein mag, was auch gerade droht, unser Herz zu erobern, Neid, Zorn, Wut, Frustration oder Rebellion – Gott geht uns nach und spricht uns an. Gott will verhindern, dass die Sünde unser Herz erobert und es beherrscht und uns von ihm trennt und unser Leben elend macht. Gott will, dass auch wir über die Sünde herrschen, damit wir weiter Gott und seinem Willen folgen können.

Und hier kommt ein großer Unterschied zur Geschichte von Kain. Gott gibt uns nicht nur eine Ermahnung wie dem Kain. Wenn Gott zu uns sagt: „Du aber herrsche über sie“, hat seine Aufforderung eine viel bessere, stärkere Grundlage. Denn Gott hat uns das ganze Evangelium gegeben, das die Kraft hat, das Problem unserer Sünde in unserem Herzen bei der Wurzel zu packen und uns von dem sündigen Verlangen zu reinigen. Denn Gott gab uns seinen Sohn, der all unsere Bosheit und Sünde auf sich genommen und am Kreuz dafür bezahlt hat, um uns von allem falschen und bösen Verlangen in uns zu reinigen und uns zu befähigen, ihm nachzufolgen! Gottes Wort an Kain hatte schon genug Kraft, um ihn davon abzuhalten, aus Neid und Hass seinen Bruder umzubringen, wenn Kain das Wort im Herzen angenommen hätte. Aber Gottes Wort vom Evangelium hat noch viel mehr Kraft. Wenn wir, gerade in Zeiten der Anfechtung, darauf hören und auf Jesus sehen, der unsere Sünde auf sich genommen und am Kreuz bezahlt hat, werden wir von allem sündigen Verlangen frei und bekommen die Kraft, Jesus mit Dankbarkit, Freud und Kraft nachzufolgen. Dazu ist es entscheidend, dass wir auf Gottes Wort hören. Möge Gott uns helfen, immer auf Gottes liebevolle Ermahnung zu hören, unseren Blick auf Jesus am Kreuz zu lenken und ihm zu folgen, damit wir über die Sünde herrschen und Jesus und seine heilsame und rettende Kraft neu und immer tiefer erleben können! Möge Gott uns helfen, anderen die in Not sind, nicht nur mit menschlichen Worten, sondern mit Gottes Wort zu helfen, damit sie in der Krise nicht fallen, sondern Gott und seine tief umgreifende Hilfe erfahren können! Amen!

Lesen wir noch einmal das Leitwort: „Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie.“

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Predigt: 1. Mose 3,8 – 24

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Zerbrochene Beziehungen

„Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.“

1. Mose 3,21

Christen sind sich nicht einig darin, ob unser heutiger Text sprichwörtlich zu verstehen ist oder eher bildlich. Es gibt viele Christen, die unseren Text als historische Tatsache betrachten. Sie lesen den Text als einen historischen Bericht, der sich genau so zugetragen hat: mit einer Frau namens Eva und mit einer sprechenden Schlange. Es gibt viele andere christliche Ausleger, die diesen Text nicht wortwörtlich lesen. Sie sehen den Text eher als ein Bild oder als eine Art Gleichnis. Um das zu veranschaulichen erwähnt der großartige Kommentator Derek Kidner, die Geschichte von Davids Sünde. 2. Samuel 11 ist der historische Tatsachenbericht, also das, was sich tatsächlich zugetragen hat. Aber in 2. Samuel 12 erzählt der Prophet Nathan diese Sünde als ein Gleichnis. So ähnlich könnte es auch in Genesis 3 sein. Wenn dem so ist, dann man findet in unserem Text einen wahren historischen Kern, ohne dass sich historisch alles genau auf diese Weise zugetragen haben muss. Was ist richtig? Beide Seiten haben ihre Argumente, die mal mehr mal weniger überzeugend sind.

Ganz egal welche Sicht man auf diesen Text hat, finde ich, dass dieser Text erstaunlich ist. In wenigen Zeilen werden hier Eigenschaften der Menschen offenbart, wie man sie treffender und präziser kaum formulieren könnte. Die Beschreibung des Menschen trifft genau ins Schwarze.

Was lernen wir im Text also über uns? Drei Dinge sehen wir: erstens, unsere tiefe Bosheit; zweitens, die Folge dessen; und drittens, eine neue Hoffnung.

Erstens, unsere tiefe Bosheit

Der erste Punkt klingt sehr negativ. Und als ich vor vielen Jahren an einem Lichtblick-Gottesdienst in Köln teilgenommen hatte, war da ein junger Mann, mit dem wir uns unterhalten hatten. Ein Freund von mir hatte ihn willkommen geheißen und ihn gefragt, warum er längere Zeit nicht da war. Seine Antwort war: „die Kirche versucht doch nur, uns Schuldgefühle einzuflößen. Und damit haben ich abgeschlossen. Das brauche ich nicht mehr.“ Wenn ich mit Menschen über den Glauben diskutieren will, stelle ich meistens eine einfache Frage: „glaubst du, dass Menschen gut sind oder böse?“ Und aus dieser simplen Frage entstehen meistens richtig tiefgehende Diskussionen. Ich glaube nicht daran, dass alle Menschen nur böse sind. Aber ich glaube, dass der heutige Text uns auf eine tiefe Bosheit aufmerksam macht, die in einen jeden von uns schlummert. Diese Bosheit zeigt sich auf verschiedene Weise in unserem Alltag.

Was hatten Adam und Eva verbrochen? In Vers 11 stellt Gott die Frage: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“ Und genau das war es natürlich, was Adam und Eva getan hatten. Um ganz kurz zu wiederholen, was es damit auf sich hat: Gott hatte Adam und Eva die Erlaubnis gegeben, von allen Bäumen im Garten zu essen. Es gab nur einen einzigen Baum, von dem Gott sagte: „von diesem Baum bitte nicht.“ Das war das einzige Gebot, das Gott den Menschen gegeben hatte. Und die Menschen hatten sich nicht daran gehalten.

Frage ist dann natürlich, was daran so schlimm war. Hier ist das, was Gottes Gebot bedeutete: Adam sollte nicht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, einfach aus dem einen Grund, weil Gott es ihm gesagt hatte. Es lag nicht daran, dass der Baum an sich schlecht war; oder dass die Früchte des Baums giftig oder ungenießbar waren. Der Baum an sich war vielleicht wie jeder andere Baum auch. Gott sagte also praktisch: „Kannst du dich an eine Sache halten, nur aus dem einen Grund, dass ich Gott bin und du nicht? Kannst du nicht von diesem Baum essen, weil ich dich liebe und du mich liebst?“

Und genau dieser eine Punkt macht deutlich, dass in allen unseren guten Taten, die Motivation das A und O ist. Viele Unternehmen haben einen Verhaltens-Codex. Der Verhaltens-Codex beruft sich auf die gesetzlichen Bestimmungen, aber tut häufig noch etwas anderes. Er appelliert an das menschliche Gewissen, sich ethisch und integer zu benehmen. Beruflich leite ich ein Konsortium, in welchem sich verschiedene Pharma- und Unipartner zusammengefunden haben. Als wir unser erstes offizielles Treffen zum Projektstart hatten, hatte mir ein erfahrener Kollege … den Tipp gegeben, ebenfalls ein paar Regeln mit auf den Weg zu geben, auf die sich alle Partner einigen sollten. Andere Menschen mit Respekt zu behandeln ist eine gute Sache. Geistiges Eigentum von anderen anzuerkennen und das nicht zu klauen, ist eine gute Sache. Warum versuchen wir alle dazu zu bewegen, sich daran zu halten? Der Grund ist, weil es uns Menschen hilft, gut miteinander auszukommen. Die Verhaltensregeln sollen helfen, eine Umgebung zu schaffen, in der man produktiv gemeinsam arbeiten kann. Sie sollen helfen, ein Klima zu schaffen, in dem man es überhaupt gut miteinander aushält.

Was sind dann also Gründe, weshalb Menschen Gutes zu tun? Eine der Gründe ist, weil es uns selbst hilft. Wenn wir nicht lügen und nicht betrügen, dann werden wir viel eher von den anderen als vertrauenswürdig wahrgenommen, was uns wiederum gut tut. Wenn wir andere mit Respekt und Freundlichkeit behandeln, dann ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher, dass wir ebenfalls so behandelt werden. Wenn wir ehrlich und transparent sind, stehen die Chancen höher, dass es die anderen auch zu uns sind.

Was sagt das dann über unsere intrinsische Motivation, Gutes zu tun? Zwei Motive stehen dahinter. Das eine ist Furcht. Wir verhalten uns gut, weil wir uns vor den möglichen negativen Konsequenzen fürchten, wenn wir es nicht tun; wir fürchten uns davor, unseren Ruf zu verlieren; oder Karrieremöglichkeiten zu verlieren. Das andere Motiv ist Stolz. Man verhält sich gut, weil man sich als etwas Besseres vorkommt. Man tut das Richtige, weil man nicht so schlecht und schlimm ist wie die anderen unmoralischen, verdorbenen Verlierer. Man tut Gutes, weil man eben diszipliniert und fleißig ist, nicht so wie die anderen, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen. Es ist die Motivation der Pharisäer, die immer auf andere herabgeblickt haben. Das sind die Hauptmotive, die uns häufig antreiben, Gutes zu tun: Furcht vor negativen Konsequenzen oder eitler Stolz. Beides, sowohl Furcht als auch Stolz sind am Ende des Tages selbstzentriert und egoistisch. Man tut das Gute mehr für sich selbst als für andere.

Und genau das war es, was Gott nicht wollte. Gott wollte, dass Adam und Eva nicht von dem einen Baum essen, nicht deshalb, weil es ihnen Vorteile bringt, wenn sie es nicht tun; und auch nicht deshalb, weil davon zu essen für sie direkte Nachteile bringen würde. Gott wollte, dass sie es nicht tun, nicht für sie selbst, sondern für ihn. Gott wollte, dass sie ihm gehorchen, nicht um ihretwillen, sondern um seinetwillen. Und die Tragik der Geschichte ist, dass Adam und Eva das nicht wollten. Ihre Tat war ein Ausdruck dessen, dass sie Gott nicht auf dem Thron ihres Herzens haben wollten.

Was sagt das dann also über die tiefe Bosheit des Menschen? Was sagt das über uns? Wir denken so oft, eigentlich zu oft, dass Sünde lediglich bedeutet, schlechte Dinge zu tun. Und in der Tat, Stehlen, Lügen, Ehebrechen sind Sünde. Hass und Rassismus sind Sünde. Jeder einzelne von uns denkt, sagt und tut Dinge, die schlecht sind. Das ist leider so. Aber der Ungehorsam von Adam und Eva zeigen, dass selbst die guten Werke, die wir vollbringen, viel zu oft aus den falschen Motiven getan werden. Selbst unsere guten Taten haben so oft eine faule Wurzel, weil es uns ständig um uns selbst geht und weniger um Gott und die anderen. Die Tatsache, dass selbst die guten Dinge, die wir tun, häufig aus bösen Motiven geschehen, ist ein Indiz dafür, dass in jedem menschlichen Herzen Bosheit ist: eine Bosheit im Herzen, deren Wurzeln bis in die tiefsten Ecken unserer Herzen herunterreichen.

Zweitens, die Folge dessen

Wir sehen in der Tat eine ganze Lawine von Konsequenzen. Wenn man alles das in einem Wort zusammenfassen wollte, würde ich sagen, dass wir zerbrochene Beziehungen sehen. Das Resultat der Sünde sind zerbrochene Beziehungen. Hier sind ein paar ziemlich klare Indizien, die darauf hinweisen. Vers 8: „Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.“ Adam und Eva versteckten sich vor Gott. Sie wollten nichts mit ihm zu tun haben. In Vers 10 sagt Adam: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Adam und Eva hatten sich geschämt. Wir gehen gleich darauf ein, was das genau bedeutet. Als Gott Adam dann zur Rede stellt bezüglich des Baumes, war Adams Antwort: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Es ist als ob Adam sagen würde: „Gott, hast du nicht gesagt, dass Eva mein Helfer sein sollte? Und jetzt sieh an, was sie angerichtet hat. Ich bin so enttäuscht von ihr und von dir.“ Als Gott die Frau zu Rede stellt, sehen wir wieder eine Schuldzuweisung: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“ Ihre Ausrede war: „Ich wurde betrogen! Ich bin doch nur das Opfer. Ich kann gar nichts dafür.“

Als nächstes sehen wir den Fluch der Sünde. Auf der Arbeit wird ein Fluch liegen: Arbeit wird uns nicht nur anstrengen, sie wird uns kaputtmachen. Jemand sagte einmal, dass unser ganzes Leben ein Kampf gegen Staub ist. Wenn eine Ecke im Haus frei von Staub ist, verstaubt die andere Ecke. Was ist der Lohn für diese Kampf? Wenn wir sterben, werden wir mit 2 Metern Staub bedeckt. Als nächstes sehen wir einen Fluch auf den Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Derek Kidner fasst alles das mit folgenden Worten zusammen: „Drei Arten von Chaos, die einen großen Teil menschlichen Leids abdecken, erscheinen im Keim in diesem Kapitel. Innerhalb persönlicher Beziehungen sehen wir die ersten Anzeichen gegenseitiger Entfremdung und die Brutalisierung sexueller Liebe. Misstrauen und Leidenschaften, die in der Gesellschaft wüten werden, sind hier in ihrer Embryonalform. Auf der geistlichen Ebene befindet sich der Mensch in seinem Selbstwiderspruch zum einen auf der Flucht vor Gott und zum anderen im Kampf gegen das Böse. Auf der physischen Ebene ist sein Leben ein schmerzhafter Kampf die grundlegenden Prozesse zu erneuern und zu erhalten, die zu einem gewissen Maß gestört sind.“ Das ist die Welt nach dem Fall.

Bevor wir fortfahren, wollen wir uns an dieser Stelle Gedanken darüber machen, wie sich die zerbrochenen Beziehungen auf unser persönliches Leben anwenden lassen. Wir könnten dieses Thema stundenlang vertiefen. Ich will nur einen Punkt herauspicken, der in Genesis 3 ziemlich zentral ist: die Scham.

Adam und Eva schämten sich und versuchten ihre Nacktheit zu bedecken. Es gibt eine Reihe von Träumen, die von ganz vielen Menschen geträumt werden. Einer von diesen Träumen, ist, dass man plötzlich vor anderen Menschen nackt ist. Und sehr häufig schämt man sich dafür. Interessanterweise ist Nacktheit und Scham ein relatives Phänomen. Z.B. ist es im Schwimmbad oder am Strand völlig in Ordnung, sich nur in Badehose und Bikini zu zeigen. Aber in fast allen anderen gesellschaftlichen Situationen wäre das nicht angemessen. Und die meisten von uns kennen es, wenn man durch seine Kleidung komplett aus der Rolle fällt. Zum Beispiel wäre es inakzeptabel, wenn ein Bankangestellter in Jeans und T-Shirt zur Arbeit kommen würde. Man kann auch aus der Rolle fallen, indem man völlig overdressed ist. Ich hatte einmal einen Termin mit Kollegen von …, einem etwas konservativen Pharma-Unternehmen. Ich kam ziemlich lässig gekleidet im Polo-Shirt. Mein Chef hatte zumindest noch ein Hemd an. Der dritte Kollege kam in einem richtig schicken Anzug mit Krawatte. Als er mich sah, machte er eine Bemerkung bezüglich meiner legeren Kleidung. Mein Chef sagte nur: „Wir sind Biotech. Wir dürfen das.“ Und sofort hat sich der gut gekleidete Kollege die Krawatte ausgezogen. Nacktheit ist ein relatives Phänomen.

Was genau bedeutet Nacktheit dann? Wer nackt ist, der gibt sich den anderen so zu erkennen, wie er ist. Das gilt sowohl im physischen wie auch im charakterlichen Sinne. Wer sich den anderen so zeigt, wie er ist, der macht sich verletzlich und verwundbar. Ein hässliches Beispiel dafür sind Opfer, die „Bodyshaming“ erfahren, z.B. weil ein unvorteilhaftes Foto von ihnen erschienen ist. Was bedeutet das dann also? Diejenigen, die sehen aber selbst nicht gesehen werden, sind im Vorteil. Diejenigen, die sehen und selbst nicht gesehen werden, sind in einer Position der Macht. Hier ist ein sehr praktisches Beispiel dafür, wie sich das bei uns zeigt: als die COVID-Krise bei uns durchgeschlagen hat, sind wir auf Online-Gottesdienste umgestiegen. Wir haben euch, die Teilnehmer, mehrfach darum gebeten, ihre Webcams einzuschalten (sofern eine vorhanden ist), weil es die Möglichkeiten zur Gemeinschaft drastisch verbessert. Manche sind der Bitte nachgekommen. Aber viele von euch haben das trotz vorhandener technischer Möglichkeiten nicht gemacht. Ich will niemanden Vorwürfe machen. Und ich kann es absolut nachvollziehen. Fakt ist, dass man sich immer besser fühlt, wenn man andere sehen kann, aber selbst nicht von anderen gesehen wird.

Wir alle sind absolute Weltmeister darin, zu kontrollieren, was wir vor anderen Menschen preisgeben. Bewusst oder unterbewusst betreiben wir ununterbrochen ein Selbstimage-Management. Hier sind ein paar Beispiele: Die Männer unter uns: warum ziehen manche von uns den Bierbauch ein, wenn jemand ein Foto von uns machen will? Die Frauen unter uns: warum darf man euch aus manchen Winkeln erst gar nicht fotografieren? Wenn wir uns zu klein fühlen, warum versuchen wir mit Absätzen und vorteilhaften Frisuren zu versuchen, uns größer zu machen? Wenn wir uns zu groß fühlen, warum versuchen wir uns kleiner zu machen? Diejenigen unter uns, die die Tendenz haben, eher unordentlich zu sein: warum räumen wir erst dann und häufig nur dann auf, wenn wir Besuch bekommen? Wenn wir auf ein Date gehen, warum zeigen wir uns nur von unserer absoluten Schokoladenseite, obwohl wir wissen, dass wir eigentlich nicht so sind? Wer von uns war schon mal in einem Gespräch mit Kollegen oder Freunden, die sich über etwas unterhalten haben, wovon man gar keine Ahnung hat; wer von uns hat in solchen Situationen einfach mitgenickt und „uhum“ gesagt, anstatt einfach zuzugeben, dass man keine Ahnung von der Materie hat, weil man nicht zeigen will, wie ignorant man ist? Vielleicht fallen euch noch viele weitere Beispiele ein. Was ist das alles? Das sind Feigenblätter, die wir benutzen, um unsere Nacktheit vor anderen Menschen zu verbergen.

Warum verhalten wir uns so? Und die Antwort ist folgende: seit dem Fall sind wir Menschen davon überzeugt, dass wir entweder gekannt oder geliebt werden können, aber nicht beides gleichzeitig. Da wir denken, dass beides nicht möglich ist, ist es bevorzugen, lieber nicht wirklich gekannt zu werden. Beides ist aber notwendig, um echte Beziehungen führen zu können. John Ortberg hat das auf einem Diagramm sehr anschaulich illustriert. Auf der einen Achse steht: „Angenommen sein“. Auf der anderen Achse steht: „Gekannt werden.“ Nehmen wir an, niemand kennt uns und niemand hat uns angenommen. Dieser traurige Fall würde bedeuten, dass wir überhaupt keine Beziehungen haben. Das wäre Isolation. Angenommen der Fall wir werden gekannt, aber werden nicht angenommen. Wer immer solche Erfahrungen macht, der weiß, wie verletzend das ist. Dieses Phänomen heißt Ablehnung. Auf der anderen Seite, wenn wir nicht gekannt werden aber angenommen sind, dann befinden wir uns in einer oberflächlichen Beziehung. Diese Beziehung nur den Schein echter Gemeinschaft. Wenn wir aber sowohl gekannt werden und gleichzeitig angenommen sind, dann ist das nichts weniger als Liebe.

Wir alle wollen eigentlich diese Art von Liebe erfahren. Wir haben die Vermutung, dass eine solche Liebe uns wieder heil und ganz machen könnte. Und gleichzeitig wissen wir, dass wir nicht so sind, wie wir hätten sein sollen. Wir wissen, dass wir schwach sind, unvollkommen, gefallen, gezeichnet von der tiefen Bosheit in uns. Was ist die Lösung?

Drittens, eine neue Hoffnung

Auffallend im Text ist, dass es Gott ist, der die Initiative ergreift. In Vers 8 lesen wir: „Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.“ Adam und Eva hatten sich vor Gott versteckt wie Verbrecher vor der Polizei. Aber Gott kommt nicht als Polizist oder als Richter. Dasselbe Wort, was hier mit „ging“ übersetzt wird, finden wir später in Genesis, wenn es heißt, dass Henoch oder Noah mit Gott wandelte. Gott wandelte im Garten immer noch als ein Freund, obwohl er von den Menschen betrogen war. Gott kam seine Kinder besuchen.

In Vers 9 ist es Gott, der den Menschen ruft: „Wo bist du?“ Nicht der Mensch macht sich auf die Suche nach Rettung. Gott macht sich auf die Suche nach dem Menschen. Das verlorene Schaf macht sich nicht auf den Weg zum Hirten. Der Hirte kommt und findet das verlorene Schaf.

Und schließlich sehen wir in dem berühmten Vers 15 das sogenannte Protoevangelion: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ Eines Tages würde ein Nachkomme der Frau die Schlange besiegen. Eines Tages würde dieser Nachkomme alles das, was mit dem Fall in die Brüche gegangen ist, reparieren und wiederherstellen.

In unserem reichhaltigen Text finden wir noch einen weiteren Hinweis auf das, was Jesus eines Tages tun würde. In Vers 21 lesen wir: „Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ Adam und Eva hatten Feigenblätter benutzt. Das war kein guter Schutz. Gott bedeckt ihre Scham. Gott ist der Erfinder von Kleidung. Die Kleidung, die Gott ihnen machte, war aus Fellen gemacht. Das impliziert, dass Tiere gestorben waren.

Viele Jahre später sehen wir das Lamm Gottes, das wahre Opfer. Jesus ist der eine, wahre Nachkomme der Frau. Er ist der Mensch, der wir alle hätten sein sollen. Als Jesus hingerichtet wurde, gehörte es zum Schauspiel, dass er nackt ausgezogen wurde. Jesus hing ohne Kleidung am Kreuz. Er wurde ganz entblößt. Jesus wurde maximal gedemütigt. Jesus erduldete die maximale Schande, die absolute Ablehnung, die wir verdient hätten. Das ist der Preis, der bezahlt werden musste, damit unsere Scham bedeckt werden kann. In Jesus Christus bedeckt Gott unsere Nacktheit. Gott legt ein weißes Gewand über unsere Fehler, unsere Bosheit, alle die Dinge, für die wir uns in Grund und Boden schämen oder schämen sollten.

Was bedeutet das dann? In Jesus erfahren wir die wahre Liebe Gottes. Gott sieht uns. Er kennt uns durch und durch. Er sieht unsere tiefe Bosheit. Am Kreuz sehen wir, dass er uns trotzdem angenommen hat. Er liebt uns, obwohl er uns kennt. Wer von dieser Liebe geschmeckt hat, der bekommt die Kapazität von den Wunden und Verletzungen frei zu werden, die uns in der Vergangenheit zugefügt wurden. Wer diese Liebe erfahren hat, der wird befähigt, andere zu lieben. Wer diese bedingungslose Annahme Gottes erfahren hat, der wird selbst den Wunsch haben, eine Gemeinschaft zu bauen, in der andere Menschen das erfahren können.

Wo stehst du in diesem Heilungsprozess? Wo stehen wir als Gemeinde?

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Predigt: 1. Mose 3,1 – 7

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Der Sündenfall

„Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und  zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

1. Mose 3,6

Wir haben in den ersten Kapiteln von Genesis erfahren, wie Gott alles wirklich sehr gut gemacht hat. Im Garten Eden lebten die Menschen und Tiere in Frieden miteinander. Aber heute gibt es viel Streit unter den Menschen. Zwischen den Völkern gibt es hier und da Krieg. Und selbst in den eigenen vier Wänden gibt es oft sehr viel Streit. Mama und Papa schimpfen mit den Kindern. Die Kinder streiten untereinander. Oder Papa streitet mit Mama. In der Schule werden manche Kinder so sehr geärgert, dass sie nicht mehr zur Schule wollen. Wie sieht es in der Tierwelt aus? Früher habe ich mir gerne einige Naturfilme angesehen. Da geht es sehr brutal zu. Zum Beispiel knapperten drei Löwen an einer Giraffe herum. Oder ein Alligator verschlang ein komplettes Reh. In der Wildnis fressen sich Tiere gegenseitig, und zwar bei lebendigem Leibe. Da gibt es keine Gnade. Im Garten Eden gab es keine Leiden und keine Krankheiten. Aber wie ist es heute? Heute gibt es so viele kranke Menschen und Tiere. Es gibt so viel Leiden auf dieser Welt…Hungersnot, Naturkatastrophen, Corona! usw. Im Garten Eden gab es den Tod nicht einmal. Aber jetzt sterben jeden Tag sehr viele Menschen. Darunter sind auch viele, die ermordet werden. Heute ist die Welt irgendwie ganz anders als im Garten Eden. Und der Grund dafür liegt an einem ganz bestimmten Ereignis. Der Sündenfall von Adam und Eva. Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen, war das keine Kleinigkeit. Es war ein Ereignis, dass die Welt bis heute verändert hat und zwar ins Negative. Der Sündenfall von Adam und Eva ist daher die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Der heutige Text aus 1. Mo 3 berichtet darüber, wie es zu dieser großen Katastrophe gekommen war. Drei Fragen sollen uns hierzu helfen:
1. Was waren die Strategien des Teufels?
2. Was war der Fehler von Adam und Eva?
3. Was war die Folge und die Lösung für ihre Sünde?

1. Die Strategien des Teufels (V. 1 – 5)
Gleich zu Beginn des Textes macht uns Vers 1 auf die List des Teufels aufmerksam. Es ist daher ganz im Interesse des Textes, dass wir uns in den nachfolgenden Versen mit den Strategien des Teufels auseinandersetzen. Schon im Vers 1 finden wir eine böse Strategie des Teufels. Es ist eine Frage: „Hat Gott wirklich gesagt.“ Und wie wir wissen, war das keine echte Frage, wo man etwas wissen will. Es war vielmehr ein Hinterfragen von Gottes Wort. Und wozu sollte dieses Hinterfragen von Gottes Wort dienen? Bislang hatten es Adam und Eva als selbstverständlich hingenommen: Das, was Gott sagt, ist richtig. Das, was Gott sagt, muss befolgt werden. Darüber bestand kein Zweifel. Aber mit dieser Frage des Teufels wurde zum ersten Mal Gottes Wort und damit Gott selbst in Frage gestellt. Gott wird angezweifelt, etwa so: „Hat Gott wirklich so Etwas gesagt? Wie kann Gott so etwas sagen? Ist das überhaupt von Gott gesagt worden?“ Mit dieser Frage wurde das, was Gott sagt, beurteilt und in einem kritischen Licht gestellt. Diese Frage ist eine Strategie des Teufels, die er bis heute anwendet: Wenn Menschen an der Bibel zweifeln, stellen sie dieselbe Frage: „Hat Gott wirklich das, was da in der Bibel steht, gesagt? Kann Gott wirklich so etwas gesagt haben? Das ist doch nicht richtig, was da steht – so etwas kann doch Gott gar nicht gesagt haben“ usw. Wir können leicht denken, dass dies eine Strategie ist, auf die Ungläubige hereinfallen. Wir hingegen glauben ja, dass die Bibel 100%tig Gottes Wort ist. So kann man leicht denken. Aber in Wirklichkeit ist das nicht so. Hier ein Beispiel: Wir glauben, dass das Wort aus Mt. 6,33 Gottes Wort ist: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch das alles zufallen“. Aber jedes Mal, wenn man sein Anliegen gegenüber den Anliegen Gottes Priorität gegeben hat, hat man dieses Wort im Grunde genommen in Frage gestellt, etwa so: „Stimmt das wirklich, was da steht? Ist das denn wirklich wahr?“
Wie der Teufel seine Frage fortsetzt, ist auch sehr bemerkenswert. Er sagte: „Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen?“ In Wirklichkeit hatte Gott aber gesagt: „Von jedem Baum des Gartens darfst du essen?“ Der Teufel gibt hier also Gottes Wort falsch wieder, indem er das Wort „nicht“ einbaut. Wozu machte er das? John MacArthur schreibt hierzu: Im Endeffekt sagte Satan: „Stimmt es, dass er euch die Freuden dieses Ortes verboten hat? Er scheint nicht wirklich gut und wohlwollend zu sein. Das muss ein Fehler sein.“ Er flößte ihr Zweifel ein, ob sie den Willen Gottes richtig verstanden hatten, und verstellte sich so als ein Engel des Lichts, der sie angeblich zur wahren Erkenntnis führen würde.“1 Das ist auch eine Strategie des Teufels, die wir sicherlich auch schon erfahren haben. Wir fragen uns, ob wir Gottes Wort richtig gehört haben oder ob Gott es in Wirklichkeit nicht anders gemeint habe. Natürlich sollen wir sorgfältig mit der Anwendung von Gottes Wort sein. Aber hier ging es um eine Sache, in der Gott ganz klar und unmissverständlich seinen Willen bezeugt hat. Wozu dann diese Zweifeln?
Die weitere Vorgehensweise des Teufels sehen wir in den Versen 4 und 5. Die Strategie, die der Teufel hier verwendet, ist offensichtlich. Es ist die Lüge. Was wollte er mit diesen Lügen erreichen? Zuerst sagte der Teufel: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben.“ Mit anderen Worten bedeutet das: „Wenn du Gottes Gebot übertrittst, wird das keine Konsequenzen haben. Sünde ist nicht so schlimm.“ Das ist eine Lüge, der unzählige Menschen und auch Gläubige glauben. Aber in Wahrheit ist es ja so: Jede Übertretung von Gottes Geboten ist Sünde. Wer von seiner Sünde nicht ablässt, den wird die Sünde ins Verderben bringen. Und wie schnell kann eine Sünde zur Gewohnheit werden, sodass man gar nicht so leicht von ihr ablassen kann. Daher ist das Einlassen von Sünde ein Spiel mit dem Feuer. Doch der Teufel versucht die Konsequenzen der Sünde zu verharmlosen.
Was der Teufel mit seiner Lüge noch erreichen wollte, sehen wir im Fortgang des Gesprächs. Er sagte weiter zu Eva: sondern Gott weiß, an dem Tage da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott… Der Teufel setzt hier Gott in ein schlechtes Licht. Was die Schlange Eva sagte, war etwa so: „Gott hat Angst, dass ihr so sein werdet wie Er. Deswegen dürft ihr nicht von diesem Baum essen.“ Sie wollte, dass Eva gegenüber Gott misstrauisch wird. Mit diesen Worten wollte sie die Vertrauensbeziehung zu Gott kaputt machen. Eva sollte daran zweifeln, dass Gott durch und durch gut ist. Und wozu? Wenn sie misstrauisch gegenüber Gott wird, dann wird sie auch daran zweifeln, dass sein Gebot gut für sie ist. Dass Gott gut ist, nur Gutes tut und es gut mit uns meint, ist die Grundlage dafür, mit Gott in einer Vertrauens- und Liebesbeziehung zu leben. Ohne diesen Glauben können wir auch nicht glauben, dass Gottes Gebote gut für uns sind. Wir werden sie eher als Einschränkung und Belastung empfinden. Und die Sünde hingegen als etwas Schönes sehen.
Der Teufel wollte die Sünde nicht nur verharmlosen, sondern sie Eva auch schmackhaft machen. Er machte das, indem er ihr sozusagen eine Verheißung gab. Diese Verheißung war: „Du wirst sein wie Gott.“ Mit der Gottgleichheit stellte der Teufel Eva viele scheinbar reizvolle Dinge in Aussicht: „Du kannst dein eigener Herr sein. Du kannst tun und lassen, was du willst. Du brauchst nicht mehr in Abhängigkeit zu leben. Du hast keine Grenzen. Du kannst jemand Bedeutenderes und Höheres sein, du wirst dein Dasein erweitern, du wirst das sehen und wissen, was eigentlich Gott nur weiß usw.“
Der Teufel hatte sozusagen Werbung für den verbotenen Baum gemacht. Er machte die verbotene Frucht so richtig begehrenswert. Im Vers 6 sehen wir, dass die Werbung des Teufels funktioniert hatte. Eva sah nun die Frucht mit anderen Augen: appetitlich, reizend und verlockend. Das Verlockende an der Frucht war für Eva die Tatsache, sie klug zu machen. Und das bedeutete nicht einfach nur der Wunsch, ein bisschen schlauer zu sein. Dieses klug werden bezieht sich ja auf die Erkenntnis von Gut und Böse. Der Teufel hatte die Erkenntnis von Gut und Böse gleichgesetzt mit dem Versprechen, Gott gleich zu sein: werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse
ist. Es stimmte schon, dass das Essen der verbotenen Frucht zur Erkenntnis von Gut und Böse führen würde. Aber dass diese Erkenntnis dazu führt, dass sie Gott gleich sein werde, war eine
Lüge. Aber gerade diese Lüge machte die verbotene Frucht für Eva so begehrenswert. Mit der Erkenntnis von Gut und Böse könne sie wie Gott sein. Unabhängig von Gott, sein eigener Herr, sein Dasein erweitern, auf eine ganz andere Weise sein Leben meistern usw. Es ist das, was die Sünde in ihrem Wesen beschreibt und es ist auch das, was auch heute noch für so viele Menschen die Sünde so begehrenswert macht.
Als erst einmal dieses Begehren da war, geschah auch ziemlich bald der Rest. Eva nahm von der Frucht und aß. Eva fiel auf den Teufel rein, wie der Fisch auf den Köder an einer Angel. Der Köder ist für den Fisch begehrenswert, aber wenn er erst einmal reingebissen hat, bekommt der Fisch den Haken zu spüren und stirbt. Er bekommt im wahrsten Sinne des Wortes zu spüren, dass die ganze Sache einen Haken hat. Und dieselbe Erfahrung machten auch Adam und Eva mit der Sünde.
Soweit erst einmal zu der List und den Strategien des Teufels. Aber wie listig der Teufel auch gewesen war, machte Gott Eva doch dafür verantwortlich, dass sie von der Frucht gegessen hatte. Sie wurde zwar verführt, war aber trotzdem schuld. Was hatte sie falsch gemacht? Lasst uns das im zweiten Teil der Predigt betrachten.

Evas Fehler (V. 2, 6)
Die Frage danach, was Eva falsch gemacht hatte, drängt sich einem umso mehr auf, wenn man denkt, dass Eva nicht einmal das Böse kannte. Das heißt, sie hätte nicht einmal darauf kommen können, dass der Teufel böse Absichten hatte. Man kann ihr somit nicht einmal vorwerfen, dass sie von der Schlange nicht einfach weggegangen ist. Das, woran Eva gescheitert war, war der Glaube. Sie glaubte den Worten des Teufels mehr als die Worte von Gott. Dass die Frucht auf einmal in ihren Augen begehrenswert war, zeigt, wie sehr sie dem Teufel geglaubt hatte.
Bereits Vers 2 lässt ein mangelhaftes Vertrauen von Eva zu Gott andeuten. Sie hatte Gottes Gebot erweitert, indem sie behauptete, dass Gott es auch verboten hätte, die Frucht zu berühren. Aber das hatte Gott niemals geboten. Es wäre nicht verkehrt gewesen, wenn Eva es aus Vorsicht beschlossen hätte, die Frucht nicht einmal zu berühren. Aber indem sie behauptete, dass Gott auch das geboten hätte, drückte sie quasi damit aus, dass das, was Gott eigentlich gesagt hat, nicht perfekt sei und eine Ergänzung benötige.2
Insgesamt fällt auf, wie schnell Eva eingeknickt war. Der Teufel musste ihr nur ein zweites Mal erwidern. Noch krasser war es bei Adam. Eva reichte ihm die Frucht und er aß. Offenbar gab es hier überhaupt gar keine Widerrede seitens Adam. Adam und Eva hatten in krasser Weise versagt. Mit dem Sündenfall stand es jetzt sozusagen 1:0 für den Satan. Aber als Gott von dem Nachkommen sprach, der der Schlange den Kopf zertreten solle (3. Mo 3,15), kündigte Gott eine Revanche an. Ein paar Tausend Jahre später geschah die „Revanche“. Die Revanche Gottes geschah durch Jesus Christus, als er in der Wüste vom Teufel versucht worden war. Anders als Eva ließ sich Jesus nicht auf eine Diskussion mit dem Teufel ein, sondern sagte immer wieder: Es steht geschrieben (Mt. 4,4.7.10). Im Gegensatz zu Eva konterte Jesus dem Teufel mit einem klaren Glauben auf das Wort Gottes. Nichts anderes hatte sich Gott von Adam und Eva gewünscht. Sie wussten zwar nichts von Gut und Böse, hätten aber dem Teufel mit einem klaren Glauben auf Gottes Wort begegnen können und sollen. Nichts anderes möchte Gott auch von uns. In Epheser 6,17 heißt es: und nehmt auch den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist. Die Art und Weise wie wir den Versuchungen des Teufels begegnen, ist, ihm durch einen festen Glauben an das Wort Gottes zu kontern.
Jesu Sieg gegen den Teufel in der Wüste war eine erste Ankündigung auf den endgültigen Sieg gegen den Teufel am Kreuz. Am Kreuz brachte Christus dem Teufel die endgültige Niederlage ein. In 1. Kor 15,57 heißt es: Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus. Weil Jesus am Kreuz gesiegt hat, ist uns bereits der Sieg gegen den Teufel gegeben. Das Einzige, was der Teufel jetzt noch machen kann, ist, diese Wahrheit durch Lüge zu vertuschen. Unsere Aufgabe ist es, fest an diesen Sieg, der uns in Gottes Wort bezeugt wird, zu glauben. Durch diesen Glauben bekommen wir Zuversicht und Mut, gegen die Anfechtungen des Teufels mit Gottes Wort zu kämpfen.
Dass Adam und Eva das Gebot Gottes übertreten hatten, blieb nicht ohne Folgen. Eine dieser Folgen wollen wir im zweiten Teil der Predigt betrachten.

Teil 3: Die Folge der Sünde (V. 7)
Die unmittelbare Folge ihrer Sünde erfahren wir in Vers 7. Als Adam und Eva von der Frucht aßen, kam die große Ernüchterung. Ihre Augen wurden nicht für überirdische Geheimnisse geöffnet, sondern für ihre eigene Nacktheit. Aber was bedeutet das eigentlich? Wussten sie etwa vorher nicht, dass sie nichts anhaben? Doch sicherlich. Aber es gab einfach nichts zu verbergen. Sie waren rein. Und wenn sie einander ansahen, kamen sie nicht auf böse Gedanken. Sie kannten das Böse ja nicht. Weil es nichts zu verbergen gab, fühlten sie sich auch nicht nackt. Aber mit der Sünde wurde alles anders. Nun gab es was zu verbergen, nämlich die eigene Hässlichkeit und Schande aufgrund der Sünde. Mit der Sünde kam das Bewusstsein, unvollkommen zu sein. Deswegen fühlten sich Adam und Eva auch nackt. Mit anderen Worten: Sie fühlten sich bloßgestellt. Niemand von uns möchte nackt herumlaufen. Und der Grund dafür ist ja der, dass wir uns nicht vor den Menschen bloßstellen wollen.
Adam und Eva machten sich eine Kleidung, um sich zu bedecken. Und das ist, was wir auch bis heute tun. Wir bedecken uns. Das ist auch gut so und von Gott gewollt. Wir bedecken uns aber nicht nur mit Kleidung aus Textil, sondern auch durch unser äußeres Verhalten. Grundsätzlich bemühen sich Menschen darum, gut vor den anderen dazustehen. Dass, was wir wirklich denken, und wie es in uns innerlich vorgeht, soll am besten niemand erfahren. Die innere Hässlichkeit aufgrund der Sünde soll möglichst wenig ans Tageslicht kommen. Und wenn sie in bestimmten Situationen doch rauskommt, dann fühlt man sich bloßgestellt. Und was tut man dann? Man bedeckt sich sogleich wieder. Dafür gibt es verschiedene Strategien: z.B. man rechtfertigt alles; man wird auf einmal übertrieben freundlich oder man fängt an, sich für alles Mögliche zu entschuldigen usw. Warum tut man das? Ein Grund ist der, dass man befürchtet, abgelehnt zu werden. Menschen sind ständig dabei, sich zu bedecken. In der Seelsorge nannten wir es Ausziehen, wenn ein Mensch dem Seelsorger alles von sich erzählt. Die erste Folge der Sünde war also die Scham. Adam und Eva versuchten das Problem zu lösen, indem sie Kleidung selber machten. Diese selbstgemachte Kleidung brachte aber nur begrenzt etwas. Sie half sich voreinander zu bedecken. Aber wie sah es im Verhältnis zu Gott aus? Im Vers 10 sehen wir, dass sich Adam vor Gott versteckte. Er sagte zu Gott: „Denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Das sagte Adam nachdem er sich eine Kleidung aus Feigenblättern gemacht hatte. Wieso sagte Adam das? Als Gott in den Garten kam, merkte Adam, dass seine selbstgemachte Kleidung vor Gottes Gegenwart unwirksam ist. Er fühlte sich vor Gott unbedeckt.
Adam und Eva konnten das Problem der Nacktheit nicht lösen. Die Lösung musste von Gott kommen. Welche Lösung war das? Im Vers 20 erfahren wir, dass Gott Adam und Eva Kleidung aus Fellen machte und sie ihnen anzog. Hierfür mussten Tiere sterben. Dies ist ein Bild auf Christus. Er ist das Lamm Gottes, das sein Leben für uns lassen musste, um uns zu bedecken. Am Kreuz wurde Jesus entblößt, um uns zu bedecken. Seine Gerechtigkeit ist die einzig wahre Bedeckung, die auch vor Gott standhält. Denn wenn wir uns mit Christi Gerechtigkeit identifizieren, können wir uns allezeit von Gott tief angenommen wissen. Selbst in Zeiten, wo wir Ablehnung von Menschen erfahren, oder wo wir unser Gesicht verloren haben oder etwas Hässliches über uns ans Tageslicht gekommen ist. Man kann dann einfach in der Gerechtigkeit Christi ruhen, anstatt irgendwelche Methoden zu entwickeln, um wieder sein Gesicht vor den Menschen herzustellen. Diese Methoden sind genauso unwirksam wie die selbstgemachte Kleidung von Adam und Eva. Übrigens nicht nur vor Gott unwirksam, auf Dauer auch vor den Menschen. Mit der Zeit merken auch die Menschen die Heuchelei dahinter. Jesu Gerechtigkeit ist das Ende aller Bemühungen, sich vor den Menschen als gut darzustellen. Seine Gerechtigkeit ist das Ende der Furcht vor Ablehnung. Denn am Kreuz erfuhr Jesus die Abgründe aller Ablehnungen, damit wir uns von Gott tief angenommen wissen können.
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1 John Mac Arthur: Studienbibel. Schlachter Version 2000. 2. Auflage 2003. S. 53. CLV.
2 Es könnte auch sein, dass Adam Eva das Gebot so gelehrt hatte (Eva wurde erst nach der
Einsetzung des Gebots erschaffen, vgl. 1. Mo 2, 16-18). Dann würde die Erweiterung des
Gebots eher auf ein mangelhaftes Vertrauen von Adam gegenüber Gottes Wort schließen.

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