Predigt: 1.Mose 22,1 – 19

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Die Prüfung

„Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.“

(1.Mose 22,14)

In Vers 1 (Elberfelder Übersetzung) heißt es: „Und es geschah nach diesen Dingen, da prüfte Gott den Abraham.“ Einheitsübersetzung schreibt, dass Gott den Abraham auf die Probe stellte. Es geht um eine Prüfung, ein Test. Und das ist das Thema, mit dem wir uns heute beschäftigen. Über drei Fragen wollen wir nachdenken: erstens, was wurde in der Prüfung verlangt? Zweitens, worum ging es in der Prüfung? Drittens, worauf weist die Prüfung hin?

Erstens, was wurde in der Prüfung verlangt?
In Vers 2 hören wir, was Gott zu Abraham spricht: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“ Was hier hervorsticht, ist, wie der Autor Gottes Worte hier wiedergibt. Die Einheitsübersetzung hat diesen Vers gut übersetzt. Gott verwendet vier verschiedene Ausdrücke, um Isaak zu benennen. Der Hebräisch-Experte Robert Alter berichtet von einer klassischen Midrasch, eine rabbinische Auslegung von diesem Vers. Die Auslegung geht folgendermaßen: „deinen Sohn.“ Abraham sagt: „Ich habe zwei Söhne.“ „Deinen einzigen Sohn.“ Abraham: „dieser Sohn ist der einzige seiner Mutter. Jener Sohn ist der einzige der anderen Mutter.“ „Den du liebst.“ Abraham: „Ich liebe beide.“ „Isaak“. Diesen Isaak, sein Sohn, sein einziger Sohn, der Sohn, den er über alles liebhatte, sollte er nun auf einem Berg zum Brandopfer bringen. Wer von uns kann sich vorstellen, wie grausam dieser Befehl ist?
Anfang des Jahres hatten wir eine Beerdigung in Karlsruhe gefeiert. Auf dem Weg zum Begräbnis bin ich an einem Grab vorbeigegangen, das von einem Ehepaar gepflegt wurde. In diesem Grab lag ihre Tochter, die mit 18 Jahren gestorben war. Ich will mir nicht vorstellen, durch welches Trauertal die Eltern hindurchgegangen sein müssen. Man sagt, dass für Eltern kaum etwas so schmerzhaft ist, wie die eigenen Kinder beerdigen zu müssen. Aber das, was von Abraham gefordert wurde, war ungleich schlimmer. Abraham sollte derjenige sein, der seinen eigenen Sohn schlachtet und ihn verbrennt und opfert. Es war eine unmögliche Forderung.
Wir lesen, dass Abraham am nächsten Morgen früh aufstand. Vermutlich hatte er ohnehin nicht geschlafen. Er sattelt seinen Esel, er nimmt zwei Knechte mit sich, seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer. Am dritten Tag der Reise sieht Abraham den Berg, den Gott ihn zeigen wollte. (Das Wort „sehen“ ist ein Schlüsselwort im Text). Vers 6: „Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Das Messer in Abrahams Hand war kein Schweizer Taschenmesser. Es war auch kein spitzer Dolch, wie man das in vielen Darstellungen sieht, sondern eher ein Hackbeil oder eine Machete. Gerhard von Rad kommentierte, dass Abraham die gefährlichen Dinge trug: das Messer und das Feuer, damit sich der Junge nicht damit verletzen würde. Isaak trug das Holz, auf dem er geopfert werden sollte.
In den Versen 7 und 8 ist der einzige Dialog zwischen Abraham und Isaak überliefert. Isaak sagt: „Mein Vater!“ (Robert Alter sagt, dass es eine sehr vertrauliche Anrede ist, wie das Wort „Abba“, also „Papa“). Abraham antwortete: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Isaak: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Abrahams Antwort: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Und wie ein Refrain wiederholt der Text, dass die beiden weitergingen. Fast alle Kommentatoren merken hier an, wie sich der Erzählstil verlangsamt. Wir fühlen uns fast, als ob wir die beiden mit auf den Berg begleiten.
Es wird noch dramatischer. Als sie angekommen sind, baut Abraham den Altar, legt das Holz darauf, bindet seinen Sohn, legt ihn auf den Altar oben auf das Holz. Der nächste Moment ist praktisch in Zeitlupe beschrieben: „Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.“ Unerhört dramatisch. Der Verfasser lässt uns praktisch mitzittern. Er lässt uns mitfühlen, wie krass die Forderung Gottes war; wie unaussprechlich der Schmerz von Abraham gewesen sein musste, als er sich auf diese Reise machte und wie unmöglich die Forderung Gottes war. Wie konnte Gott Abraham so etwas antun? Wie konnte Gott so etwas von ihm fordern?
Vielen Christen ist ein wenig die Sensibilität abhanden gekommen, wie schlimm Gottes Worte waren. Eine Freundin von mir hat folgendes über die Geschichte gesagt: „sie erinnert mich an die Prüfungen, die man ablegen musste, um einer Mafia beizutreten. Zeig mir, dass du für die Sache töten kannst. Wie passt das mit all den Prinzipien zusammen, dass wir nicht töten sollen, die anderen lieben sollen etc.? Und was beweist es, wenn du bereit bist zu töten, außer, dass du ganz in der Sache bist? [Und] außer dass du vermutlich ein Extremist bist und ins Gefängnis gehörst?“
Der notorische Atheist Richard Dawkins schreibt: „Gott beauftragte Abraham, aus seinem lange ersehnten Sohn ein Brandopfer zu machen. Abraham baute den Altar, legte Feuerholz darauf und bündelte Isaak auf den Altar. Sein mörderisches Messer war bereits in seiner Hand, als der Angel dramatisch intervenierte mit der Nachricht, dass es eine spontane Änderung im Plan gab: Gott hatte nur Spaß gemacht und war dabei Abraham zu versuchen und seinen Glauben zu testen. Ein moderner Moralist kann nicht anders als sich zu fragen, wie ein Kind sich jemals von solch einem psychologischen Trauma erholen könnte. Nach den Standards moderner Moralvorstellungen ist diese abscheuliche Geschichte ein Beispiel für Kindesmissbrauch, Schikane in zwei asymmetrisch veranlagten Machtverhältnissen und der erste aufgezeichnete Gebrauch der Nürnberger Ausrede: ‚Ich habe nur den Befehlen gehorcht.’ Und trotzdem ist diese Legende eine der grundlegenden Mythen aller drei monotheistischen Religionen.“
Beide haben irgendwo Recht. Die Empörung ist angebracht. Es ist ein sehr schwieriger Text, der uns alle zumindest mal nachdenklich stimmen sollte.

Zweitens, worum ging es in der Prüfung?
Eine Prüfung ist dazu da, etwas zu offenbaren, was mehr oder weniger verborgen ist. Zum Beispiel, wenn wir die praktische Führerscheinprüfung machen, wird uns der Prüfer sagen: „Fahren Sie die nächste Straße rechts. Fahren sie die nächste Ausfahrt von der Autobahn herunter. Parken Sie hier ein.“ Das ist der Inhalt der Prüfung. Was die Prüfung zeigen soll, ist, ob wir Auto fahren können und zwar nach der Straßenverkehrsordnung. Wir haben uns darüber Gedanken macht, was Abraham in seiner Prüfung machen musste. Aber was genau sollte die Prüfung zeigen? Was genau sollte die Prüfung demonstrieren?
In Vers 12 spricht Gott: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“ Die Prüfung offenbart, dass Abraham Gott fürchtet. Egal, was Gott von Abraham verlangt, Abraham wäre bereit, es zu tun, selbst wenn es das Leben seines einzigen, geliebten Sohnes kosten würde. Oder anders gesagt, die Prüfung offenbart, dass Abraham Gott mehr liebt als alles andere. Frage: ist es das, worum es in der Prüfung wirklich ging?
Und hier ist gleich noch ein weiteres Problem: Gott musste Gott Abraham überhaupt testen? Weiß Gott nicht alle Dinge? Warum musste Gott dann etwas von Abraham fordern, was absolut unmoralisch und verwerflich zu sein scheint? Schon der Kirchenvater Augustinus hatte sich mit der Frage beschäftigt. Und er kam zum Schluss, dass durch Abrahams Tat die Welt von seinem Glauben erfuhr nicht Gott. C.S. Lewis schreibt: „was immer Gott wusste, Abraham wusste auf jeden Fall nicht, dass sein Gehorsam einen solchen Befahl ertragen konnte, bis das Ereignis es ihm zeigte. … Die Realität von Abrahams Gehorsam war die Tat selbst; und was Gott wusste, in dem Wissen, dass Abraham ihm gehorchen würde, war Abrahams tatsächlicher Gehorsam auf der Spitze des Berges in jenem Moment. Wenn man sagt, dass Gott keine Experimente brauchte, ist das gleichbedeutend damit, zu sagen, dass weil Gott etwas weiß, das, was Gott weiß, nicht zu existieren braucht.“ Mit anderen Worten, damit der Gehorsam Abrahams zur Geltung kam und damit sich sein Gehorsam entfaltete, brauchte es diese Versuchung und diesen Test.
Traditionell ist das die Art und Weise, wie der Text gedeutet wird: es ging vor allem um Abrahams Gehorsam und die Frage, ob in Abrahams Herzen Gott an erster Stelle stand. Und wie Richard Dawkins bereits angemerkt hatte, ist diese Geschichte in den wichtigsten monotheistischen Religionen vertreten, also auch im Judentum und im Islam. Und eine traditionelle Auslegung ist, dass wir Gott unseren Gehorsam schulden, ganz egal wie abstrus und wie unverständlich und wie wahnsinnig Gottes Befehl auch erscheinen mag. Ich will gar nicht absprechen, dass es hier um Abrahams Gehorsam und Liebe zu Gott ging. Aber die Frage ist: ist das alles?
Hier sind ein paar Überlegungen. Ich hatte vorhin eine Bekannte von mir zitiert, die sagte, dass dieser Text im Widerspruch zu stehen scheint zu den Zehn Geboten: „Du sollst nicht töten.“ Oder in Jeremia 19,5 beklagt Gott den grausamen Götzenkult bei den Israeliten: „Sie haben dem Baal Kulthöhen gebaut, um ihre Kinder als Brandopfer für den Baal im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen oder angeordnet habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“ Gott ist entsetzt über die Kinderopfer. So etwas wäre ihm nie in den Sinn gekommen! In Frankreich hatte vor kurzem ein islamistischer Anschlag auf einen Lehrer stattgefunden: der Lehrer Samuel Paty hatte im Unterricht Karikaturen vom Propheten Mohammed gezeigt. Daraufhin hatte ein 18-jähriger den Lehrer enthauptet. Ganz Frankreich trauert um den ermordeten Lehrer. Es ist vor allem die barbarische Gewalt und Brutalität dieses Anschlags, die das Land erschüttert hat. Der Gewaltverbrecher meint, im Namen Allahs gehandelt zu haben. Frage ist, inwiefern unterscheidet sich das Verhalten Abrahams? Ist Abrahams Verhalten wirklich so viel nobler als die eines radikalen, islamistischen Attentäters?
Jetzt könnten manche natürlich einwenden und sagen: Abraham hat ja seinen Sohn letzten Endes nicht umgebracht, weil Gott im letzten Moment eingegriffen hatte. D.h., man könnte spitzfindig argumentieren, dass Gott ja bereits wusste, dass er Abraham hindern würde, den letzten Schritt zu gehen. Aber das macht die Geschichte nicht unbedingt viel besser. Der Punkt ist, dass Abraham seinen Sohn umgebracht hätte. Jeder heutige Rechtsstaat hätte Abraham für versuchten Mordes verurteilt.
Persönlich glaube ich, dass ein Großteil unserer Schwierigkeiten mit dem Text etwas damit zu hat, dass wir etwas nicht verstehen, was Abraham aber verstanden hat. Abraham scheint etwas gewusst zu haben, was wir die Leser nicht wissen. Und weil dem so ist, haben wir Probleme, sein Verhalten ganz nachzuvollziehen. Und das, was Abraham kannte, aber wir nicht kennen, ist, die Bedeutung des Erstgeborenen. Tim Keller zeigt in seiner Predigt ein Musterbeispiel dafür, wie man diesen Text exegetisch angehen sollte. Zu Abrahams Zeit gab es das sogenannte Erstgeburtsrecht. (Wir sehen vor allem in der Geschichte von Jakob und Esau, was das bedeutet). Es war das ungeschriebene Gesetz, dass der Erstgeborene nicht nur der erste Erbe war; er war der einzige Erbe, ganz egal wie viele zusätzliche Geschwister es gab. Der Grund war folgender: angenommen eine Familie besitzt einen Weinberg. Wenn man diesen Weinberg auf mehrere Geschwister verteilen würde, dann würde sich die Größe des Eigentums mit jeder Generation verkleinern. Deshalb wurde der ganze Besitz nur dem Erstgeborenen gegeben; die Geschwister waren darauf angewiesen, dass der Erstgeborene sie gut behandeln würde und sie versorgen würde.
Was bedeutete dann der Erstgeborene in Abrahams Zeit und Kultur? Der Erstgeborene war die ganze Hoffnung der Familie. Der Erstgeborene war nicht einfach irgendein Individuum innerhalb der Familie. Er stand repräsentativ für die Stärke der ganzen Familie. Gott verwendet genau dieses Verständnis vom Erstgeborenen, um Abraham zu testen. Übrigens, Gott verwendet nicht nur kulturelle Aspekte, um zu kommunizieren. Gott verändert sie auch. Im ganzen Buch Genesis sehen wir, wie Gott das Erstgeburtsrecht unterwandert und auf den Kopf stellt: der jüngere Abel wird dem älteren Kain vorgezogen; Isaak vor Ismael; Jakob vor Esau; Ephraim vor Manasse usw.
Weil es das Erstgeburtsrecht damals gab, machen Textstellen Sinn, wie Exodus 22,28b-29: „Deinen ersten Sohn sollst du mir geben. So sollst du auch tun mit deinem Stier und deinem Kleinvieh.“ Und Exodus 34,19: „Alle Erstgeburt ist mein, alle männliche Erstgeburt von deinem Vieh, es sei Stier oder Schaf.“ Und im darauffolgenden Vers: „Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen.“ Als Gott Gericht über Ägypten hielt, schlug Gott die Erstgeburt der Ägypter. Und damit schlug Gott nicht einfach nur Individuen; jedes der Erstgeborenen repräsentierte die ganze Familie, die ganze Sippe. Und daher war es ein Gericht über ganz Ägypten. Israel entging diesem Gericht nur, wenn sie das Blut des Lammes an der Tür hatten. Mit anderen Worten, die Israeliten waren nicht frommer oder besser als ihre ägyptischen Nachbarn. Sie verdienten Gottes Gericht nicht weniger. Das Einzige, was sie von den Ägyptern unterschied, war, dass ein Opfertier stellvertretend für sie gestorben war.
Gott sagte Abraham nicht, dass er Isaak ermorden sollte. Gott sagte Abraham nicht, dass er irgendjemanden umbringen sollte. Gott gibt ihm den Befehl, Isaak auf dem Brandopferaltar darzubringen. Und das bedeutet etwas völlig anderes. Als Gott von Abraham Isaak einforderte, wusste Abraham, dass es Gottes absolutes Recht war, das zu tun, weil Abraham ein gefallener Sünder war. Gott hatte das Recht, Isaak als Brandopfer einzufordern, weil Isaak stellvertretend für eine Familie stand, die nicht so war wie sie hätte sein sollen; die Gottes Ansprüchen und Forderungen nicht gerecht wurde; die vor dem heiligen Maßstab Gottes nicht bestehen konnte.
Wenn wir dieses Wissen zugrunde liegen, dann machen manche Aspekte, die vorher wenig Sinn machten, plötzlich sehr viel Sinn. Zum Beispiel, auf die Frage von Isaak: „wo ist das Schaf zum Brandopfer?“ antwortet Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ „Gott wird sich darum kümmern, mein Sohn. Ich glaube daran, dass Gott ein Opfer bereithält.“ Abraham wusste: wie immer die Geschichte ausgehen wird, es muss ein stellvertretendes Opfer dargebracht werden. Und später in Vers 13 hebt Abraham seine Augen auf und sieht einen Widder. Und Vers 13 sagt explizit: „und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.“ Der Berg heißt Jahwe-Jireh. Und das wird übersetzt mit dem Satz: „Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.“ Oder andere Übersetzungen schreiben: „Auf dem Berg lässt Gott sehen“ oder „Auf dem Berg versorgt Gott.“
Wir haben die Frage immer noch nicht beantwortet, worum es in der Prüfung wirklich ging. Hebräer 11,17-18 sagt: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben.“ Isaak war der Sohn der Verheißung. Isaak stand für die ganzen guten Zusagen Gottes. Isaak stand für den Plan Gottes, die ganze Welt durch Abrahams Nachkommen zu segnen und zu retten. Isaak stand für die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Worum ging es dann also in dem Test? Was sollte die Prüfung offenbaren? Glaubte Abraham daran, dass Gott seine Zusagen auch dann erfüllen würde, wenn Gott Isaak als Brandopfer forderte? Glaubte Abraham daran, dass Gott gnädig und barmherzig ist, auch dann oder besser gerade weil Abraham ein Sünder war? Glaubte Abraham daran, dass Gott liebend ist, obwohl er heilig ist? Glaubte Abraham daran, dass Gott vergebend ist, obwohl Gott absolut gerecht ist? Glaubte Abraham daran, dass Gott treu ist, obwohl er selbst untreu war? Oder anders gesagt: Konnte Abraham daran glauben, dass Gott gut ist und es gut mit ihm meint, obwohl alles dagegen zu sprechen schien?
Tim Keller hat die Frage gestellt: was trieb Abraham auf diesen Berg? Was denkt ihr? War es ein zähneknirschendes: „Ich bin gehorsam, weil ich Gott mehr als alles andere liebe; weil ich es schaffen kann; weil ich diszipliniert bin.“ Oder war es ein: „Ich bin gehorsam, weil Gott mich mehr liebt als ich es mir vorstellen kann; weil Gott mich versorgen wird; weil Gott seine Verheißungen an mir erfüllen wird.“ Und genau das war der Test.

Drittens, worauf weist die Prüfung hin?
Der Ausgang der Geschichte ist nicht ganz befriedigend. Genau wie Isaaks Opferung kein adäquates stellvertretendes Opfer für Abrahams Familie gewesen wäre, wissen wir auch, dass der Widder kein adäquates stellvertretendes Opfer für Isaak war. Diese Geschichte ist aber ein massiver Hinweis, auf das, was noch folgen würde. Der Name Morija kommt nur ein weiteres Mal in der Bibel vor. 2. Chronik 3,1: „Und Salomo fing an das Haus des HERRN zu bauen in Jerusalem, auf dem Berg Morija, wo der HERR seinem Vater David erschienen war, an dem Ort, den David bestimmt hatte, auf der Tenne Ornans, des Jebusiters.“ Die Stadt Jerusalem entstand an den Bergen von Morija. Unweit von der Stelle wo Abraham fast Isaak opferte, baute Salomo später den Tempel.
An einem der Ausläufer von den Bergen von Morija würde später ein anderer Sohn das Holz auf dem Rücken tragen, an dem er geopfert werden sollte. Derek Kidner kommentierte die Parallele zu Johannes-Evangelium, wo es heißt, dass Jesus sein eigenes Kreuz tragen musste. Aber es gab einen entscheidenden Unterschied: als der Sohn auf das Holz gelegt wurde, gab es keinen Engel vom Himmel, der eingriff; keine Stimme vom Himmel; keine überraschende Wendung. Edmund Clowney sagte: „Als der geliebte Sohn rief: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘, bezahlte Gott den Preis mit seinem Schweigen.“ Jesus ist der wahre Isaak. Er ist der wahre Sohn, der wahre einzige Sohn, der wahre geliebte Sohn des Vaters. Jesus ist das wahre stellvertretende Lamm Gottes, der alle andere Opfertiere obsolet macht. Jesu Tod war das wahre Opfer, das alle anderen Sünd- und Brandopfer ein- für allemal beendete.

Hier ist eine Anwendung von uns. Auf unserem Glaubensweg werden wir es immer wieder mit diversen Bergen zu tun haben: Berge, die richtige Krisen in unserem Leben repräsentieren; Berge, auf denen uns das genommen wird, was uns lieb und kostbar ist; Berge, auf denen wir das verlieren, worin wir alle unsere Hoffnung gesetzt hatten; Berge, auf denen es um unsere Existenzgrundlage zu gehen scheint. Wenn wir mit solchen Prüfungen konfrontiert sind, wie können wir dann bestehen?
Um ein letztes Mal Tim Keller zu erwähnen: wenn Abraham gesehen hätte, was Jesus, der wahre geliebte Sohn, für ihn am Kreuz vollbracht hat, er hätte die Worte von Vers 12 umgedreht und gesagt: „Jetzt weiß ich, jetzt weiß ich, dass Gott mich liebt; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen nicht vorenthalten.“ Wenn diese frohe Botschaft des Evangeliums in unserem Herzen wohnt, dann haben wir eine Chance, die Prüfungen unseres Lebens bestehen. Und wir erfahren wie aus jedem Berg Morija der Berg Jahwe-Jireh wird: Auf dem Berg lässt Gott uns sehen. Auf dem Berg versorgt uns Gott. „Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.“d

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Predigt: 1.Mose 18,1 – 19,38

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Eine dreifaches Handeln Gottes

„Und der HERR erschien ihm bei den Terebinthen Mamres, während er am Eingang seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und er erhob seine Augen und schaute, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber.“

(1.Mose 18,1.2a)

In dem heutigen Text erschien Gott Abraham in einer besonderen Weise. In einer Weise, die im gesamten AT einzigartig ist. Gott erschien Abraham in der Gestalt von drei Männern. Die Dreiheit der Besucher wurde häufig als Hinweis auf die Trinität Gottes gedeutet. Dies mag sein, doch im Kontext der Begebenheiten im heutigen Text will die Dreiheit der Besucher noch etwas anderes aussagen. Sie bezieht sich auf ein dreifaches Handeln Gottes, das wir in dem heutigen Text sehen können: 1. Verheißung; 2. Gericht und 3. Rettung. Wir wollen jedes dieser Punkte in jeweils einem Teil der Predigt betrachten.

Teil 1: Gottes Verheißung (V. 1 – 19)
Gott hatte Abraham großartige Verheißungen gegeben. Gott hatte für seine Verheißungen keine Gegenleistungen von Abraham erwartet. Aber es gab eine Voraussetzung für die Erfüllung dieser Verheißung. Und das war der Glaube. Ohne Glaube keine Verheißung. Daher hatte Gott immer wieder an den Zweifeln oder besser gesagt an den Glauben von Abraham gearbeitet. Das haben wir in den vorherigen Kapiteln immer wieder gesehen. Wie stand es nun mittlerweile mit dem Glauben von Abraham? Noch das vorherige Kapitel berichtet davon, dass Abraham lachte und Gott Widerrede leistete, als Gott von seinen Verheißungen sprach. Aber was tut Abraham in dem heutigen Text? Schaue in Vers 10. Abraham tut nix. Er leistet keine Widerrede mehr. Offenbar war Abraham nun so weit, Gottes Verheißung einfach im Glauben anzunehmen.
Seinen Glauben an die Verheißung Gottes sehen wir auch in den Versen 2 bis 8. Wer diesen Abschnitt in einem Stück liest, dem fällt auf, dass sich Abraham äußerst gastfreundlich verhielt. Ein Satz nach dem anderen bezeugt seine Gastfreundschaft, zum Beispiel: V. 4: Man soll ein wenig Wasser bringen, und wascht eure Füße; V. 5: so will ich einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz stärkt; danach mögt ihr weiterziehen; V. 6: Und Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Nimm rasch drei Maß Feinmehl, knete sie und backe Brotfladen!;
V. 7: Abraham aber lief zu den Rindern und holte ein zartes und gutes Kalb und gab es dem Knecht; der eilte und bereitete es zu. Für Abrahams Gastfreundschaft mögen sicherlich auch kulturelle Gründe eine Rolle gespielt haben, wie etwa dass Gastfreundschaft für nahöstliche Kulturen typisch war. Allerdings sind die kulturellen Gründe keine ausreichende Erklärung für Abrahams Gastfreundschaft. Die Gäste höflich zu empfangen, ist eine Sache, aber sich vor den Gästen zu verneigen ist eine andere Sache. Den Gästen etwas zu essen anzubieten ist eine Sache, aber für die Gäste kurzfristig ein gutes Kalb zu schlachten ist eine andere Sache. Dass der Schreiber des Textes sieben Verse gebraucht, um die Gastfreundschaft von Abraham zu beschreiben, macht ebenfalls deutlich, dass Abrahams Gastfreundschaft nicht einfach etwas kulturell Gewöhnliches gewesen ist. Abraham verhielt sich den drei Männern so, als ob er gerade Ehrengäste empfangen würde. Abraham wusste es zwar nicht, dass es Gott bzw. Engeln waren, die ihm begegnet waren, aber Abraham schloss es nicht aus. Das sehen wir v.a. in Vers 3: Abraham verneigte sich und sagte: „Mein Herr, habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so geh doch nicht vorüber an deinem Knecht!“ Diese Worte machen deutlich, dass Abraham damit rechnete, dass Gott ihm erneut begegnen würde. Aber auch wenn es nicht so wäre, so war er doch bereit, diese Fremde so zu dienen als ob es Ehrengäste wären. Abrahams Verhalten zeigt Beides: Sowohl seine Bereitschaft, Gott zu dienen, als auch Menschen zu dienen. Abraham war frei, andere zu dienen. Es war ihm regelrecht eine große Freude. Sein Verhalten zeigt seine Liebe zu Gott und zu Menschen.
Eigentlich war Abrahams Situation nicht besonders aussichtsreich gewesen. Mittlerweile waren nun schon mehr als 20 Jahre vergangen, als Gott Abraham seine Verheißung zum ersten Mal gegeben hatte. Seitdem hatte sich kaum etwas von der Verheißung erfüllt gehabt. Abraham hatte immer noch kein Kind, war mittlerweile fast schon 100 Jahre alt und lebte mit seiner Frau in einem fremden Land. In einer solchen Situation ist man eher mit sich selbst beschäftigt, beklagt sich bei Gott usw. Man ist eigentlich nicht frei, andere zu dienen. Woher kam diese Dienstbereitschaft? Offenbar aus dem Glauben an die Verheißungen. Er bewirkt Liebe und Bereitschaft, Gott und den Menschen zu dienen.
Abrahams Verhalten in dem heutigen Text zeigt, dass Gott Abrahams Zweifel wirksam behandelt hatte. Er war geistlich bereit, Gottes Verheißung in Empfang zu nehmen. Wie stand es aber mit Sara? Es ist bemerkenswert, dass Gott gleich zu Beginn des Gesprächs die Frage stellt: „Wo ist deine Frau Sara?“ (V.9). Gottes erstes Interesse war diesmal nicht Abraham, sondern Sara. Warum? Vers 12 berichtet darüber, dass Sara bei sich selbst lachte, als sie davon hörte, dass Gott Abraham versprach, dass Sara in einem Jahr ein Kind bekommen sollte. Mit den Worten: „Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren…“ zog Sara Gottes Versprechen regelrecht ins Lächerliche. Sara lachte, weil sie Gottes Versprechen für lächerlich hielt, geradezu für einen schlechten Witz. Als Oma noch ein Kind bekommen? Hat es denn jemals eine schwangere Oma gegeben? In der Tat aus menschlicher Perspektive war Gottes Versprechen geradezu lächerlich. Aber gerade das war Saras Problem. Sie rechnete nicht mit den Möglichkeiten Gottes. Sie hatte ein Glaubensproblem. Das war ein Grund dafür, warum Gott Abraham erneut erschienen war.
Wie Gott das Glaubensproblem von Sara löste, sehen wir in den nachfolgenden Versen 13 bis 14. Sara hatte Gottes Worte in Frage gestellt? Nun stellt Gott Saras Worte und Lachen in Frage: „Warum lacht Sara und spricht: „Sollte ich wirklich noch gebären, so alt ich bin?“ Man liest über diese Frage leicht hinweg. Aber diese Frage ist wirklich krass. Warum? Ich glaube, die meisten von uns würden lachen, wenn wir an der Stelle von Sara wären. Eine schwangere Oma? Das ist doch lächerlich! Zudem hatte Sara viele Jahre an Lebenserfahrungen hinter sich. Sie hatte schon Vieles erlebt, aber eine schwangere Oma, neee! Aber anstelle zu sagen: „Ja, es ist verständlich, dass Sara lacht“, fragte Gott: „Warum lacht Sara und spricht: „Sollte ich wirklich noch gebären, so alt ich bin?“ Das Krasse an dieser Frage ist also, dass sie zu einer gewaltigen Einfalt gegenüber dem Wort Gottes herausfordert. Ungefähr dasselbe Maß an Einfalt, wie an die Jungfrauengeburt zu glauben. Die steinalte Sara sollte gegenüber dem Wort Gottes eine kindliche Einfalt einnehmen. Wie konnte Sara solch eine Einfalt gegenüber dem Wort Gottes einnehmen? Gott sagte zu ihr: „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Gott lenkte Saras Blick auf die Allmacht Gottes. Von der Perspektive der Allmacht Gottes her scheint eine schwangere Oma nicht mehr lächerlich zu sein. Durch den Blick auf Gottes Allmacht konnte sie gegenüber dem Wort Gottes einfältig sein. Was machte Gott dann? Im Vers 14 erfahren wir, dass Gott seine Verheißung wiederholte: „Zur bestimmten Zeit will ich wieder zu dir kommen im nächsten Jahr, und Sara wird einen Sohn haben!“ Sara hatte Gott regelrecht ausgelacht, aber Gott lässt sich nicht beirren. Er wiederholte einfach seine Verheißung. Gott weiß, was er sagt und verspricht. Nicht seine Worte, sondern ihre Worte sollte Sara hinterfragen. Nachdem Sara leugnete, gelacht zu haben, antwortete Gott: „Es ist nicht so, du hast gelacht“ (V. 15). Der Vers 15 lässt den Anschein erregen, dass die gesamte Glaubenshilfe Gottes an Sara nichts gebracht hatte. Aber in Hebr. 11,11 heißt es: „Durch Glauben erhielt auch Sara selbst die Kraft, schwanger zu werden, und sie gebar, obwohl sie über das geeignete Alter hinaus war, weil sie den für treu achtete, der es verheißen hatte.“ Gottes Glaubenshilfe an Sara hatte sich also im Nachhinein als sehr wirksam erwiesen.
Gott hatte Abraham und Sara nicht allein großartige Verheißungen gegeben. Er half ihnen auch, an diese Verheißungen zu glauben. Gottes Glaubenshilfe an Sara und Abraham zeigt, wie sehr Gott gewillt war, beide zu segnen. Gott wollte seine Verheißung an Abraham und Sara unbedingt erfüllen. Er ist ein Gott der Verheißungen. Dies zeigt sich auch in den nachfolgenden Versen 17 bis 19. Gott geht hier mit Abraham um wie mit einem Freund, genauer gesagt wie mit einem Vertrauten, vor dem man keine Geheimnisse hat. Denn Vers 19 kann man auch so übersetzen: „Denn ich habe mich mit ihm vertraut gemacht…“ Gott hatte Abraham in ein Vertrauensverhältnis gesetzt. Es ist bemerkenswert, welche Gründe Gott für dieses Vertrauensverhältnis anführt. Gott sagte nicht: „Weil Abraham dies und das für mich getan hat“. Die Gründe, die Gott nennt, sind: V.18: „Abraham soll doch gewiss zu einem großen und starken Volk werden“ und „und alle Völker der Erde sollen in ihm gesegnet werden“; V. 19: „Denn ich habe ihn ersehen“ usw. Die Gründe, die Gott hier also nennt, wurzeln in dem Bund bzw. in Gottes Verheißungen an Abraham.
Gott hatte sich im gesamten Leben von Abraham als den Gott der Verheißungen offenbart. Es war aber nun auch an der Zeit, dass Abraham auch andere Offenbarungen Gottes kennenlernt. Lasst uns diese in den nächsten Teilen der Predigt betrachten.

Teil 2: Gottes Gericht (V.16-21)
Im Vers 17 erfahren wir, dass Gott Abraham seine Absichten bzgl. Sodom und Gomorra offenbaren wollte. Wir haben bereits einen Grund kennengelernt, warum Gott Abraham seine Absichten offenbaren wollte. Vers 19 verrät uns noch einen zweiten Grund. Aus Abraham sollte ein großes und starkes Volk werden. Dieses Volk sollte darin erzogen werden, den Weg des HERRN zu bewahren und Recht und Gerechtigkeit zu üben. Abraham sollte es seinen Kindern lehren, und diese wiederum an ihre Kinder, also von einer Generation zur andren. Als ein heiliges Volk sollte Israel zum Segen für die ganze Welt werden. Wie sich Gott das vorgestellt hat, sehen wir in 5. Mose 4,6-8: So bewahrt sie nun und tut sie; denn darin besteht eure Weisheit und euer Verstand vor den Augen der Völker. Wenn sie alle diese Gebote hören, werden sie sagen: Wie ist doch dieses große Volk ein so weises und verständiges Volk! Denn wo ist ein so großes Volk, zu dem sich die Götter so nahen, wie der HERR, unser Gott, es tut, so oft wir ihn anrufen? Und wo ist ein so großes Volk, das so gerechte Satzungen und Rechtsbestimmungen hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege? Was hatte nun der Erziehungsauftrag an Abraham mit der Sache von Sodom und Gomorra zu tun? 1. Kor 10,11 macht eine Funktion der Geschichte deutlich: Alle diese Dinge aber, die jenen widerfuhren, sind Vorbilder, und sie wurden zur Warnung für uns aufgeschrieben, auf die das Ende der Weltzeiten gekommen ist. Aus biblischer Sicht besteht eine Funktion der Geschichte darin, sie als Warnung zu nehmen. Die nachfolgenden Generationen sollten verstehen, dass Gott zu fürchten ist. Gott gibt Verheißungen, aber er hält auch Gericht. Gott ist gütig, aber auch zu fürchten. Das Gericht über Sodom und Gomorra sollte als Ermahnung zur Gottesfurcht dienen.
In 19,24-26 erfahren wir, wie Gott dieses Gericht auch tatsächlich ausgeführt hatte: „Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen auf Sodom und Gomorra, vom HERRN, vom Himmel herab, 25 und er zerstörte die Städte und die ganze Umgebung und alle Einwohner der Städte und was auf dem Erdboden gewachsen war. 26 Und [Lots] Frau schaute zurück hinter seinem Rücken; da wurde sie zu einer Salzsäule.“ Man achte auf die Worte: „ganze Umgebung“; „alle Einwohner“, „alles, was auf dem Erdboden gewachsen war“. Wie das Gericht der Sintflut war auch das Gericht über Sodom und Gomorra radikal. Es machte nicht einmal vor Lots Frau Halt, die ja eigentlich zu den Geretteten zählte. Wie beim Gericht der Sintflut hatte Gott auch beim Gericht über Sodom und Gomorra keine leeren Worte gemacht. Sei es eine Verheißung oder ein Gericht, was Gott ankündigt, das tut er auch. Abraham konnte dieses schreckliche Gericht Gottes aus der Ferne miterleben. In 19,27-28 lesen wir:  Abraham aber begab sich früh am Morgen zu dem Ort, wo er vor dem HERRN gestanden hatte. Und er blickte hinab auf Sodom und Gomorra und auf das ganze Land jener Gegend und sah sich um, und siehe, ein Rauch ging auf von dem Land, wie der Rauch eines Schmelzofens. So hatte Abraham Gott bisher noch nicht erfahren. Sicherlich wusste Abraham auch von dem Gericht der Sintflut. Aber das Gericht von Sodom und Gomorra war ein Gericht, dass er selbst miterlebt hatte. Das hatte sicherlich auf ihn und auf die nachfolgenden Generationen noch einmal einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen.

In diesem Zusammenhang ist natürlich die Frage wichtig, warum Gott solch ein schreckliches Gericht über Sodom und Gomorra ergehen ließ? Betrachten wir hierzu einige Verse aus Kapitel 19. Was die Verse 4-5 berichten ist wirklich krass. Männer aus Sodom umringten das Haus von Lot. Sie forderten Lot auf, seine beiden Gäste herauszugeben. Wozu? Einzig und allein dazu, um sie zu vergewaltigen. Allein das ist schon krass. Aber noch krasser wird´s, wenn wir die Einzelheiten betrachten. Es waren nicht nur einige Männer aus Sodom, nicht ein paar Kriminelle halt. Nein, es heißt: „Jung und Alt, das ganze Volk aus allen Enden“. Die ganze Stadt hatte sich um das Haus von Lot versammelt, einzig und allein, um seine Gäste zu vergewaltigen. Zudem heißt es: „ehe sie sich hinlegten, umringten die Männer der Stadt das Haus“. Binnen einiger Stunden hatte sich die ganze Stadt um das Haus von Lot versammelt. Die sexuelle Gier nach diesen beiden Männern war so groß, dass sie nicht einen Tag warten wollten. Als Lot sich weigerte, seine beiden Gäste herauszugeben, drangen sie auf Lot heftig ein (V.9) und wollten in sein Haus einbrechen. Nichts und niemand durfte der Befriedigung ihrer sexuellen Lust im Wege stehen. Wer es doch tat, dem wurde Gewalt angetan. Sehen wir, wie abgrundtief verdorben Sodom und Gomorra waren? Gott hatte Abraham versprochen, dass er Sodom und Gomorra nicht vernichten würde, wenn sich darin 10 „Gerechte“ befinden würden (18,32). Aber diese Gegend war so verdorben, dass sich nicht einmal 10 fromme Menschen darin befanden. In 18,20 sagt Gott über Sodom und Gomorra: „Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, wahrlich, es ist groß, und ihre Sünde, wahrlich, sie ist sehr schwer.“ Das Geschrei von dem Gott hier spricht, war das Geschrei der Vergewaltigten. In Sodom und Gomorra geschah buchstäblich eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Gottes Gericht über Sodom und Gomorra war daher ein Ausdruck von purer Gerechtigkeit.
Wie schrecklich das Gericht über Sodom und Gomorra auch war, erwies Gott doch auch inmitten des Gerichts große Gnade. Wir wollen dies im letzten Teil der Predigt betrachten.

Teil 3: Gottes Rettung (19,1-38)
Gott wollte Lot und seine Angehörigen retten. Warum eigentlich? War es Lots Verdienst gewesen, gerettet zu werden? Abgesehen davon, dass Lot den beiden Männern große Gastfreundschaft erwiesen hatte, erfahren wir in diesem Abschnitt nichts Gutes über Lot. Im Vers 7 macht Lot den Männern von Sodom das Angebot, ihnen seine beiden Töchter zur Vergewaltigung herauszugeben. In den Versen 15 und 16 erfahren wir, dass Lot zögerte, die Stadt zu verlassen. Obwohl das Gericht schon vor der Tür stand, war Lot mit seinen Leuten noch bis zum nächsten Morgen in der Stadt geblieben. Die beiden Engel mussten ihn zur Eile drängen. Aber auch dann zögerte Lot noch, die Stadt zu verlassen. Den beiden Engeln blieb keine andere Wahl, als ihn mit Gewalt aus der Stadt zu bringen. Die beiden Engel ließen Lot erst draußen vor der Stadt wieder los. Offenbar rechneten sie damit, dass Lot auch noch während der Flucht zögern könnte. In den Versen 18 bis 20 fängt Lot allen Ernstes damit an, mit den Engeln darüber zu diskutieren, wohin er fliehen solle. Die Engel hatten Lot geboten, ins Gebirge zu fliehen. Aber Lot passte das nicht. Es war ihm zu gefährlich, ins Gebirge zu fliehen. Stattdessen machte er einen Gegenvorschlag. Er hielt es für sicherer, nach Zoar, in eine nahegelegene Kleinstadt zu ziehen. Lot meinte also, er wisse es besser als Gott, wo er sicherer sei. Umso erstaunlicher ist es, wie Gott Lot antwortete. Anstelle ihn zu tadeln, begegnete er Lot äußerst gütig. Gott sagte zu Lot: „Siehe, ich habe dich auch in dieser Sache erhört, dass ich die Stadt nicht zerstöre, von der du geredet hast. Eile, rette dich dorthin; denn ich kann nichts tun, bis du hineingekommen bist!“ (V. 21b – 22a) Dass sich Gott auf Lots Gegenvorschlag einließ, heißt übrigens nicht, dass Lot Recht hatte. Im Vers 30 heißt es nämlich: Und Lot ging von Zoar hinauf und blieb mit seinen beiden Töchtern auf dem Bergland; denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben; und er wohnte mit seinen Töchtern in einer Höhle. Später stellte sich also doch heraus, dass Lot im Gebirge sicherer war als in der Stadt Zoar. Je mehr wir also das Verhalten Lots betrachten, desto mehr leuchtet also Gottes Gnade auf, die Lot errettete. Wie groß Gottes Gnade an Lot gewesen ist, erkannte auch Lot selbst. Er sagte: Siehe doch, dein Knecht hat vor deinen Augen Gnade gefunden, und du hast mir große Barmherzigkeit erwiesen, dass du meine Seele am Leben erhalten hast (19,19). Der Grund, warum Gott Lot errettete, sehen wir in Vers 29. Gott hatte Lot um Abrahams willen errettet. Zwar konnten Sodom und Gomorra nicht vor dem Gericht bewahrt werden, weil sich darin nicht einmal eine kleine Gruppe von frommen Menschen befand. Aber Gott hatte Abrahams Fürbitte insofern erhört, als dass er Lot und einige seiner Angehörigen rettete.
An Abraham war eine dreifache Botschaft Gottes ergangen: Die erste war die Verheißung – sie galt für Abraham und Sara; die zweite war das Gericht – sie galt für Sodom und Gomorra und die dritte Botschaft war Gottes Bereitschaft zu vergeben und zu retten. Sie galt Lot und einigen seiner Angehörigen. Was bedeutet diese dreifache Botschaft Gottes für uns? Erstens, in Christus haben wir die Zusage Gottes aller Verheißungen Gottes. Sie wurzelt in den Bund, den Christus in seinem Blut versiegelt hat. Aufgrund dieses Bundes, sind wir wie Abraham dazu eingeladen, in einem Freundschaftsverhältnis mit Gott zu leben. Wie bei Abraham und Sara ist es Gott auch bei uns ein Anliegen, dass wir im Glauben an diese Verheißungen leben. Sie sollen im Alltag zu einer gelebten Realität werden. Hierzu erfordert es Einfalt gegenüber dem Wort Gottes. Vor allem Christen mit einem akademischen Hintergrund kann es schwerfallen, dem Wort Gottes mit Einfalt zu begegnen. Zudem stehen wir europäische Christen in der Tradition der Aufklärung. Lieber neigt man dazu, auf sein Denken und Erfahrungen zu vertrauen.
Warum ist es so wichtig, dass wir im Glauben an die Verheißungen zu leben? Ein Grund ist der, dass wir nur dadurch zum Segen für andere werden können. Nicht nur Abraham, auch uns hat Gott dazu berufen, zum Segen für andere zu werden. Dies ist vor allem deshalb wichtig, weil die Welt wie Sodom und Gomorra unter dem Gericht Gottes steht. Auch unsere Gesellschaft wird zunehmend verdorbener. Sie ist auf dem direkten Weg dahin, wie Sodom und Gomorra zu werden. Wir können das daran erkennen, dass der Ausübung sexueller Begierden kaum noch Grenzen gesetzt werden. Während voreheliche Beziehungen noch vor einigen wenigen Generationen verpönt waren, sind sie heutzutage Normalität. Es ist noch gar nicht so lange her, da kamen Homosexuelle ins Gefängnis. Heute ist es aber so, dass man sich eher fürchten muss, ins Gefängnis zu kommen, wenn man Homosexualität als Sünde nennt. Seit etwa drei Jahren ist nun auch die Homoehe in Deutschland erlaubt. Aber noch krasser ist, dass mittlerweile die Gender-Ideologie in unserer Gesellschaft immer mehr Einzug erhält. Selbst in den Bildungsplänen von Ba-Wü hat diese Ideologie ihren Platz bekommen. Lehrer müssen den Kindern diese Ideologie lehren. Man nennt das „die Freiheit von sozialen Zwängen“. Gerade diese Überzeugung wird unsere Gesellschaft immer mehr dahin bringen, zu Sodom und Gomorra zu werden.
Was sollen wir dagegen tun? Was tat Abraham? Abraham legte Fürbitte für Sodom ab (18,16-33). Lasst uns für unser Land und für unsere Stadt beten. Lasst uns auch dafür beten, dass Gott uns Möglichkeiten zeigt, wie wir als Gemeinde konkret ein Segen für diese Stadt sein können. Wir sollten nicht erst damit anfangen, Fürbitte zu leisten, wenn es nicht einmal mehr 10 „Gerechte“ in unserer Stadt gibt. Christus sagt: „Ihr seid das Salz der Erde.“ (Mt. 5,13). Der Apostel Paulus zog aus dem bevorstehenden Gericht Gottes über die Ungläubigen die richtige Schlussfolgerung. In seinem Brief an die Korinther schrieb er: „ In dem Bewusstsein, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir daher die Menschen zu überzeugen“ (2. Kor 5,11).
Wie wirkungsvoll unsere Fürbitte sein kann, sehen wir an der Rettung von Lot. Wie wir in dieser Geschichte sehen konnten, hatte Lot die Rettung keineswegs verdient gehabt. Es lag allein an der Fürbitte Abrahams. Auch unsere Fürbitte möchte Gott zur Rettung anderer gebrauchen. Weil wir im Namen Christi beten, können wir eine viel größere Zuversicht auf Gebetserhörung haben als Abraham. Abraham verhandelte sozusagen mit Gott bis auf 10 Gerechte. Die Zahl 10 steht für einer Gruppe. Bei weniger als 10 sprach man von Einzelnen. Abraham betete also, dass Gott die Stadt verschont, wenn auch nur die kleinste Gruppe von Gerechten in ihr wären. Aber in Christus haben wir eine viel größere Zuversicht auf Gebetserhörung. Christus ist der einzig wahre Gerechte. Er ist der eine Gerechte, um dessentwillen der ganzen Welt vergeben werden könnte. Denn er ist das Lamm Gottes, dass die Sünde von der ganzen Welt trägt (Joh 1,29). Dass wir in Christus weitaus mehr Zuversicht und weitaus kühner beten können, zeigt sich auch in den Worten Jesu über Kapernaum: „Denn wenn in Sodom die Wundertaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, es würde noch heutzutage stehen.“ (Mt. 11,23b). Man muss sich das einmal vorstellen: Die Leute von Sodom, die so verdorben waren, hätten Buße getan, wenn sie Christus erlebt hätten.
Von Abraham können wir auch lernen, wie wir Fürbitte leisten können. Seine Fürbitte charakterisiert zwei wichtige Punkte: Erstens Demut, zweitens Kühnheit. Die Demut zeigt sich darin, dass Abraham überhaupt nicht im Vertrauen auf seine Gerechtigkeit vor Gott erschien (vgl. Dan 9,18). Obwohl Gott ihn wie ein Freund behandelte, sagte er: „Ach siehe, ich habe es gewagt, mit dem Herrn zu reden, obwohl ich nur Staub und Asche bin!“ (1. Mo 18,27b). Seine Kühnheit zeigt sich eben darin, dass er regelrecht mit Gott verhandelte. Er konnte dies tun, weil er ein tiefes Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit gefunden hatte. Im Vertrauen auf die eigene Gerechtigkeit können wir nicht kühn bitten. Man kann dann leicht denken: „Warum sollte mich Gott erhören. Ich bin ja nicht besser als die anderen.“ Doch im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes in Christus können wir sehr kühn bitten. Daher ist es so wichtig, dass wir den Verheißungen Gottes mit aller Einfalt Glauben schenken.

Abschließend noch eine Sache, die wir bzgl. der Fürbitte für die Welt wissen sollten. Wann immer wir für unsere Stadt Fürbitte leisten, sollten wir auch für unsere Kinder beten, die in dieser verkehrten Welt aufwachsen. Am Ende von Kapitel 19 erfahren wir, dass die Töchter von Lot auf eine schreckliche Idee gekommen waren. Dass sie mit ihrem eigenen Vater schliefen, zeigt, wie sehr die verdorbene Umgebung von Sodom und Gomorra auf die Kinder von Lot abgefärbt hatte. Unsere Kinder wachsen in einer verdorbenen Gesellschaft auf. Fünf Tage die Woche sind sie meistens mehr als 5 Stunden in der Schule, wo sie unter ungläubigen Kindern und Lehrern sind. Wie sehr die Kinder dadurch geprägt werden, sollte nicht unterschätzt werden.
Lasst uns unsere Vorrechte in Christus nutzen und im Glauben für unsere Stadt und unsere Kinder Fürbitte leisten.

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Predigt: 1. Mose 17,1 – 27

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Der erneuerte Bund

„Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin.“

(1.Mose 17,7)

In der Fernsehserie „How i met you mother“ gibt es zum Ende hin eine ganz rührende Szene. Eric Marshall und Lilly Aldrin sind ein schon seit mehreren Jahren miteinander verheiratetes Ehepaar. Während ihrer Trauung hatten sie sich gegenseitig nicht nur die Treue versprochen, sondern (wie man es als naives junges Paar so macht) anhaltende Romantik. Im Lauf ihrer Beziehung stellen sie dann fest, dass ihre Beziehung diesem Anspruch nicht standhält. Fast jedes Versprechen, das sie sich gemacht haben, hatten sich nicht halten können. Beide kommen aber zur richtigen Schlussfolgerung. Der Bund, den sie geschlossen hatten, war ein guter Bund. Aber einige der Versprechen, die sie sich anfangs gemacht hatten, mussten revidiert werden. Und sie stellen fest, dass sie den Bund, den sie geschlossen haben, erneuern müssen. Sie tun das, indem sie sich neue Versprechen machen. Zum Schluss sagt Eric folgendes: „Ich verspreche, dass ich die Versprechen im Lauf unserer Ehe updaten werde. Denn eine Serie von Versprechen kann nicht in der Lage sein, ein lebenslanges Zusammenwachsen abzudecken, die gemeinsamen Veränderungen, das Großziehen von Kindern, und sich jeden Tag immer mehr in dich zu verlieben, was ich dir für den Rest meines Lebens versprechen werde.“
Und genau darum geht es im heutigen Text: eine Erneuerung des Bundes zwischen Abram und Gott. Mehr als 12 Mal wird das Wort Bund im heutigen Text erwähnt. Vor zwei Wochen hatten wir gesehen, dass Gott mit Abram einen feierlichen Bund eingegangen war. Wir wissen nicht genau, wie alt Abram zu diesem Zeitpunkt war. Aber wir wissen, dass seither mindestens 14-15 Jahre vergangen waren. Wir haben letzte Woche von Reiner gehört, dass Abram mittlerweile Vater eines Jungen war, den er mit der Sklavin von Sarai gezeugt hatte. Keiner der Protagonisten in dieser Geschichte hatte sich hier mit Ruhm bekleckert. Es kann gut sein, dass Abram Gott und seine Verheißungen in diesen Jahren vergessen hatte: nicht völlig vergessen natürlich, nur nicht so präsent wie damals. Aber Gott hatte Abram nicht vergessen. Und für Gott war die Zeit gekommen, dass der Bund mit Abram erneuert werden sollte.
Wie wird der Bund erneuert? Ich würde argumentieren durch mindestens drei Elemente: erstens, ein neuer Anspruch; zweitens, ein neuer Name; drittens, ein neues Ritual.

Erstens, ein neuer Anspruch
In Vers 1 spricht Gott zu Abram: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm.“ Abram sollte vor Gott wandeln und untadelig sein. Was bedeutet das genau? Wir finden hier zwei Aufforderungen. Beide Aufforderungen haben so viel Tiefe in ihren Implikationen, dass wir uns stundenlang darüber unterhalten könnten. Wir wollen ein klein wenig darüber nachdenken, was es bedeutet.
Die erste Aufforderung ist, dass Abram vor Gott wandeln sollte. Robert Alter, ein Experte für die hebräische Sprache, übersetzt an dieser Stelle: „wandle in meiner Gegenwart.“ Vor Gott zu wandeln ist gleichbedeutend mit einem Leben in der Gegenwart Gottes. Bruce Waltke kommentiert: „Vor Gott zu wandeln bedeutet, sein ganzes Leben hin zu Gottes Gegenwart, Verheißungen und Forderungen zu orientieren. Gott gibt Abraham, der jetzt Israel repräsentiert, die Order, sein Leben auf solche Art und Weise vor Gott zu leben, dass jeder einzelne Schritt im Bezug auf Ihn gemacht wird und jeder Tag Gottes unmittelbare Nähe erfährt.“ Anders gesagt, Abram sollte jeden Moment seines Lebens im Bewusstsein dessen leben, dass Gott direkt mit ihm ist. Eine direkte Folge davon ist, dass man versteht, dass man zu jedem Augenblick von Gott gesehen wird.
Jeder Mensch verhält sich anders, wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Ein paar von den kleinen peinlichen Dingen, die vermutlich jeder erfahren hat: wir haben ein halbes Hähnchen vor uns, das wir am liebsten in unsere Finger nehmen würden. Oder schlimmer noch: die Nase pfeift, weil ein großes Stück Popel die Atemwege versperrt, und man möchte das gerne am liebsten mit dem Finger entfernen. Oder noch etwas peinlicher: der Po juckt, und man möchte sich gerne am Hintern kratzen. Wie gehen wir mit solchen Problemchen um, wenn wir in Gesellschaft sind? Und wie gehen wir damit um, wenn wir allein sind?
Oder ein anderes Beispiel: wir alle arbeiten ganz anders, wenn wir wissen, dass wir direkt vom Chef beobachtet werden. Stellen wir uns vor, wir arbeiten in einem Unternehmen mit Tausenden von Angestellten. Und stellen wir uns vor, der CEO der Firma kommt zu uns und sagt uns: „Ich würde gerne Ihre Arbeit kennenlernen. Kann ich Sie einen ganzen Arbeitstag begleiten und Ihnen bei Ihrer Arbeit zusehen? Ich werde nichts sagen, einfach im Hintergrund bleiben und nicht weiter stören.“ Vermutlich würden an dem Tag unsere Kaffeepausen wesentlich kürzer ausfallen als sonst. Vermutlich würden wir der Versuchung widerstehen, private Emails während der Arbeitszeit zu schreiben oder mal eben kurz im Internet die Nachrichten zu lesen. Vielleicht würden wir den produktivsten Tag unserer Karriere erleben. Wir verhalten uns einfach anders, wenn wir wissen, dass wir beobachtet werden; und vor allen Dingen verhalten wir uns anders, wenn wir meinen, von jemanden beobachtet zu werden, der wichtig ist.
Hier ist das, was wir von Gottes Wort folgern können: der CEO des Universums ist da. Er ist unausweichlich, unaufhörlich präsent in unserem Leben. Er interessiert sich für dein Leben, von der ersten Sekunde an, wenn wir wach sind, bis wir uns schlafen legen und darüber hinaus. Er sieht nicht nur wie wir arbeiten; er sieht und hört alle unsere Gespräche. Er sieht uns im öffentlichen Raum, und er sieht uns zu Hause im Privaten. Er sieht uns auch dann, wenn wir meinen, dass wir unbeobachtet sind. Gott sieht uns nicht nur, er liest jeden unserer Gedanken. Er kennt jedes Wort, bevor wir es ausgesprochen haben. Es gibt nichts, was wir vor diesem omnipräsenten, allgegenwärtigen Gott verbergen könnten.
Wenn wir diese Worte hören, dann könnten wir an Big Brother denken: ein tyrannisches Regime, das seine Bürger ausspioniert, um sie besser und effizienter kontrollieren zu können. Und nichts könnte weiter von der Wahrheit sein. Letzte Woche haben wir gehört, was Hagar über Gott gesprochen hatte: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Als Hagar bekannte, dass Gott sie sieht, war es kein: „er kontrolliert mich; er späht mich aus.“ Es war ein: „Gott sieht mich in meinem Elend; Gott kennt meine Situation; Gott versteht mich.“ Gott sieht uns, und dahinter ist ein unendlich weites Vaterherz, das für uns schlägt. Gott sieht uns, und er hat eine noch größere Freude an uns wie wir an einem einjährigen Baby haben könnten. Gott sieht uns, und er hat Verlangen nach uns, ein Herz, das sich vor Liebe nach uns verzehrt. Weil er unser Gott sein will, wünscht er sich von uns, dass wir in seiner Gegenwart leben: in ständiger, ununterbrochener Gemeinschaft mit ihm; in dem Bewusstsein, dass er mit uns ist als unser Freund und Gefährte. Das ist der erste Teil der Aufforderung: wir sollen vor Gott leben.
Der zweite Teil der Aufforderung ist, dass wir fromm sein sollen. Andere Übersetzungen schreiben, dass wir untadelig sein sollen. Untadelig zu sein klingt nach Perfektion. Natürlich wünscht sich Gott von Abram, dass er vollkommen ist. Aber die Untadeligkeit von Abram steht in einem klaren Kontext. Und der Kontext ist, dass Abram eine Abkürzung genommen hatte, die so nicht vorgesehen war. Gott hatte Abram versprochen, dass er ihm einen leiblichen Nachkommen geben würde. Und jetzt hatte er tatsächlich einen leiblichen Nachkommen. Aber war dieser Nachkomme Ismael, kein Isaak; seine Mutter war Hagar, nicht Sarah; seine Empfängnis und Geburt waren natürlich, nicht übernatürlich; er war das Produkt menschlicher Ideen und nicht göttlicher Verheißung. Jetzt könnte man natürlich sagen: „Armer Ismael. Er kann doch gar nichts dafür.“ Und es geht überhaupt nicht darum, in irgendeiner Form zu sagen, dass Ismael ein schlechterer Mensch war als Isaak. Ismael war nicht weniger würdig oder weniger wert. Er war nur nicht der Sohn, den Gott vorgesehen und erwählt hatte.
Abram hatte sich in den letzten Jahren mit Ismael prima arrangiert. Er war glücklich mit ihm. Und er hatte kein Bedürfnis nach einem weiteren Nachkommen. In Vers 18 sagt Abram daher: „Ach, dass Ismael möchte leben bleiben vor dir!“ Und hier spricht Gott dann: „Nein.“ Die vollständige Antwort: „Nein, Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak nennen, und ich will meinen Bund mir ihm aufrichten als einen ewigen Bund für seine Nachkommen.“ Noch einmal, Gottes Aufforderung an Abram, fromm zu sein, bedeutet natürlich untadelig und vollkommen zu sein. Aber aus dem Kontext können wir schließen, dass es Gott vor allen Dingen um eines ging: Abram sollte sich der Tatsache unterordnen, dass Gott derjenige ist, der Abram auf seine Art und Weise segnen will. Gott tut sein Werk, zu seiner Zeit auf seine Art und Weise. Und Gott wollte keine Abkürzungen und keine Kompromisse. Abrams Frömmigkeit bedeutet in diesem Kontext, sich auf Gottes Plan einzulassen, ohne zu versuchen, eigenhändig nachzubessern. Und das ist der neue Anspruch an Abram.
Bevor wir fortfahren, vielleicht noch ein bis zwei Gedanken dazu, was das für uns bedeuten könnte. Hier ist ein Punkt, über den ich mir Gedanken machen musste. Gott tut sein Werk durch Menschen. D.h., auf der einen Seite geht es darum, dass wir etwas tun sollen. Wir sollen anpacken, ans Werk gehen, aktiv werden, hingehen, einladen, lieben, hingeben, opfern. Auf der anderen Seite ist es Gott, der tut. Und was wir von der Geschichte von Abram lernen können, ist, dass wir vielleicht manchmal in der Absicht, etwas Gutes für Gott zu tun, etwas machen, was nicht gut ist. Frage ist dann: wie können wir auf der sicheren Seite stehen? Wie können wir auf der einen Seite aktiv für Gott sein und auf der anderen Seite nicht unnötig Gott dabei „helfen wollen“, dass sich seine Verheißungen erfüllen? Wie können wir sicher sein, dass das Haus, das wir bauen, auch das Haus ist, das Gott mit uns und durch uns baut?
Während meiner Zeit bei ConnAction war eine unserer Hauptaufgaben, jedes Jahr ein kleines Team von studentischen Leitern zu berufen, die bereit waren, die Hochschultage zu organisieren. Für diejenigen, die die Hochschultage nicht kennen: das war eine intensive, vollgepackte Woche mit Gebet und Evangelisation, Abendveranstaltungen, Aktionen der Liebe usw. Was ich in dem Zusammenhang von meinen Mitleitern bei ConnAction lernen konnte, war folgendes: obwohl die Hochschultage immer eine riesige Sache waren und häufig sehr gesegnet waren, war ihre Haltung jedes Jahr aufs Neue: „Wir wissen nicht, ob es nächstes Jahr diese Hochschultage geben soll. Nur deshalb, weil es dieses Jahr dran war, heißt es nicht, dass es nächstes Jahr wieder dran ist. Lasst uns beten und Gott fragen.“ Und auf diese Weise haben wir sehr viel Zeit im Gebet verbracht, immer mit der Frage verbunden, was Gott als Nächstes tun möchte. Das war eine Haltung, von der ich wirklich sehr viel lernen konnte.
Hudson Taylor, der große China-Inlandsmissionar sagte: „Gottes Werk, das auf Gottes Art und Weise getan wird, wird es niemals an Gottes Ressourcen fehlen.“ Wenn dem so ist, dann folgt daraus eine essentielle Frage: wie sehr sind wir bereit, auf den Geist Gottes zu hören? Machen wir immer einfach nur unser eigenes Ding, weil wir denken, dass es der Wille Gottes ist, weil wir es schon immer so gemacht haben und verpassen wir dabei vielleicht Gottes tatsächliche Führung? Oder haben wir die Bereitschaft, immer offen dafür zu sein, wie Gott führt; und eventuell auch offen dafür zu sein, wenn Gott uns eine andere Idee oder Marschrichtung vorgibt?
Noch eine Anwendung, bevor wir wirklich fortfahren: wir haben gesehen, dass Abram mit Ismael glücklich war. Und das war ein Problem. Es war insofern ein Problem, weil Gott Abram eigentlich etwas Besseres und Schöneres geben wollte; aber Abram war mit weniger als dem zufrieden, was Gott für ihn vorgesehen hatte. C.S. Lewis hatte in einer Predigt gesagt: „Es scheint, dass unser Herr unsere Sehnsüchte nicht zu stark, sondern zu schwach findet. Wir sind halbherzige Kreaturen, die sich mit Trank und Sex und Ehrgeiz herumtreiben, während uns unendliche Freude angeboten wird, wie ein ignorantes Kind, das im Elendsviertel Matschkuchen machen will, weil es sich nicht vorstellen kann, was mit dem Angebot gemeint ist, die Ferien am Meer zu verbringen. Wir sind viel zu einfach zufrieden zu stellen.“ Hier ist die Frage dann an uns: sind wir manchmal zufrieden mit weniger als dem, was Gott uns geben möchte?
Womit geben wir uns zufrieden? Inmitten dieser verrückten Coronavirus-Pandemie wünschen sich viele Menschen, dass es wieder so wird wie vor einem Jahr: dass man eine Hochzeit mit mehr als 25 Menschen feiern kann; dass wir wieder Gottesdienst mit allen feiern können, die zur Gemeinde gehören; dass wir Freunde ohne Bedenken umarmen können; dass wir ohne Beschränkungen reisen können. Viele sehnen sich nach dieser Art von Normalität. Als ich im Zug darüber nachgedacht hatte, ist mir eingefallen, dass es eine andere Form von Normalität gibt, nach der ich mich noch viel mehr sehnen sollte. Gott hat eine kommende Welt verheißen, in der es keine Krankheiten mehr gibt; kein Leid, kein Geschrei; keine Ungerechtigkeit; keine Tränen. Gott hat eine Welt versprochen, in welcher es normal ist, dass es allen, die darin leben, gut geht; dass jeder zu jederzeit mit unendlicher Freude und unendlichem Glück erfüllt ist. Meine Sehnsucht nach einer Post-Corona-Normalität ist zu wenig. Wonach ich mich sehnen sollte ist die Rückkehr von König Jesus, wenn er alles neu macht, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Wonach ich mich sehnen sollte, ist die Auferstehung von den Toten, wenn Gottes Reich im Hier und Jetzt vollständig angebrochen ist.

Zweitens, ein neuer Name
Der zweite Punkt, den wir bei der Erneuerung des Bundes sehen, sind neue Namen. In den Versen 4 und 5 spricht Gott: „Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden. Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker.“ Die meisten von uns wissen, dass Abram „erhabener Vater“ bedeutet. Und Abraham wiederum bedeutet sehr wahrscheinlich „Vater vieler Völker“.
Die Besonderheit ist, dass nicht nur Abraham einen neuen Namen erhält. Über Sarai spricht Gott: „Du sollst Sarai, deine Frau, nicht mehr Sarai nennen, sondern Sara soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und auch von ihr will dir einen Sohn geben; ich will sie segnen, und Völker sollen aus ihr werden und Könige über viele Völker.“ Sowohl Sarai als auch Sara bedeuten „Prinzessin“ im Sinne von Königstochter. Was ist dann der Unterschied? Es gibt kaum einen Unterschied, bzw. nur einen sehr subtilen Unterschied. Sarai bedeutet wahrscheinlich „meine Sara“ oder „meine Prinzessin“. D.h., sie war vielleicht vor allen Dingen Abrahams Prinzessin. Aber jetzt gehörte sie nicht nur Abram und seiner Familie. Sie war jetzt Gottes Prinzessin und Königstochter für das Volk Israel und weit darüber hinaus.
Ein Punkt, der hier auffällt, ist, wie subtil die Änderung der Namen ist. In beiden Fällen beruht die Änderung ihres Namens im Hebräischen auf einen einzigen Buchstaben. Die Änderung von Saulus zu Paulus ist ebenfalls nur ein einziger Buchstabe. Und doch ist danach alles anders. Was lernen wir hieraus? Hinter unserem Namen verbirgt sich unsere einzigartige Identität. Jeden einzelnen von uns gibt es nur ein einziges Mal. Gott wischt die einzigartige Identität eine Abrams, einer Sarai, eines Saulus nicht weg. Er gibt ihnen eine neue Identität, die auf einer ganz subtilen Anpassung beruht. Es ging Gott niemals darum, unsere Identität auszulöschen. Es geht Gott darum, uns unser wahres Ich zu schenken; uns zu helfen, zu den Menschen zu werden, die wir eigentlich sein sollten.
In den Screwtape Letter von C.S. Lewis schreibt ein Oberdämon an seinen Schützling folgendes: „Man muss der Tatsache ins Auge sehen, dass das ganze Gerede von Gottes Liebe zum Menschen, und dass Sein Dienst völlige Freiheit bedeutet, nicht (wie man es gerne glauben würde), einfach nur Propaganda ist, sondern eine schreckliche Wahrheit. Er will das Universum tatsächlich mit vielen, widerlichen Replikaten von sich selbst füllen: Kreaturen, deren Leben auf einer Miniaturskala qualitativ so sind wie Seines, nicht weil er sie absorbiert hat, sondern weil ihre Willen sich freiwillig ihm unterordnen. Wir wollen Viecher, die am Ende unser Fressen werden; er will Diener, die am Ende Söhne werden. Wir wollen in uns aufsaugen, Er will austeilen. Wir sind leer und würden gefüllt werden; Er ist voll und fließt über. Unser Ziel in diesem Krieg ist eine Welt, in welcher der Vater Unten alles in sich hineingezogen hat: der Feind will eine Welt mit Wesen, die mit ihm verbunden sind, und doch distinkt sind.“
Und genau das ist, es, was wir in Abrahams Leben sehen. Gott gibt Abraham und Sara einen neuen Namen, eine neue Identität. Und gleichzeitig hilft Gott ihnen einfach nur sie selbst zu sein: ein erhabener Vater, eine Königstochter, nicht länger für sich selbst, sondern für die ganze Welt.

Drittens, ein neues Ritual
Das dritte, was Gott tut, ist Abraham ein neues Ritual zu schenken. Verse 10 und 11: „Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinen Nachkommen: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.“ Vielleicht denken manche von euch, dass Beschneidung Gottes Erfindung war. Dem ist nicht so. Es gab Beschneidung auch schon vor Abrahams Zeiten. Historisch gesehen war die Beschneidung an sich nichts Neues.
Das Neue ist, dass Gott einen existierenden Brauch nimmt, und ihm eine neue Bedeutung gibt: als Zeichen zwischen den Bund zwischen Abraham und Gott. Beschneidung war – vor allem in Abrahams Fall – ein schmerzhafter Einschnitt und eine Erinnerung am eigenen Körper, dass er mit Gott im Bund war. Vielleicht wäre das heutige Äquivalent, wenn man sich für Gott tätowieren lassen würde.
In Jesus Christus, hat Gott uns einen anderen Bund geschenkt: ein neuer Bund, der gegründet ist auf Jesu Blut. Innerhalb des Neuen Bundes haben wir ebenfalls ein Ritual: es ist das gebrochene Brot und der Weinkelch. Jedes Mal, wenn wir das Abendmahl halten, ist es genau das: eine Erneuerung des Bundes. Wir erinnern uns an die Bedingungen des Bundes; und vor allem erinnern wir uns daran, was Jesus für uns getan hat, um uns diesen Bund ermöglichen zu können.
Zu Beginn der Predigt habe ich gesagt, dass es Gott darum ging, den Bund, den er mit Abraham hatte, wiederaufzufrischen. Wir haben drei Dinge gesehen, wie Gott das tut: ein neuer Anspruch, ein neuer Name (eigentlich sind es zwei neue Namen), und ein neues Ritual. Gott ist der Initiator des Bundes. Er ist der Gott, der immer mit offenen Armen auf uns wartet. Und er ist der Gott, der seinen Bund mit uns erneuert: jeden Tag aufs Neue.

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Predigt: 1. Mose 15,1 – 15,21

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Der Bund

„Die Sonne war untergangen und es war dunkel geworden. Und siehe, ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel waren da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch.“

(1.Mose 15,17)

Im Leben vom Abraham gab es einige wichtige Momente. Praktisch jedes Kapitel, das uns in Genesis von Abraham berichtet wird, ist ein wichtiges, prägendes Ereignis. Und weil jedes Kapitel wichtig ist, muss man gut begründen, weshalb ausgerechnet das heutige Kapitel besonders wichtig ist. Hier ist die Begründung: Die Autoren des NT fanden dieses Kapitel wichtig. Paulus fand das heutige Kapitel so wichtig, dass er sowohl im Römerbrief als auch im Galaterbrief auf unseren Text Bezug nahm. Auch im Jakobusbrief wird auf unseren Text Bezug genommen. Die NT Autoren haben in diesem Text einen Schlüsselmoment in Abrahams Leben gesehen. Was ist dieser Schlüsselmoment? Gott schließt einen feierlichen, zeremoniellen Bund mit Abraham.
Drei Dinge können wir im Text dann sehen: erstens, die Prophetie; zweitens, die Reaktion; drittens, die Versicherung.

Erstens, die Prophetie
In Vers 1a lesen wir: „Nach diesen Ereignissen erging das Wort des HERRN in einer Vision an Abram.“ Beim schnellen Lesen könnten wir denken, dass Gott hier einfach nur mit Abram spricht, was sicherlich schon außergewöhnlich genug ist. Diejenigen Leser, die sich mit der Hebräischen Sprache auskennen, haben alle hier angemerkt, dass der Autor einen sehr außergewöhnlichen Ausdruck verwendet. Dass das Wort des HERRN an jemanden ergeht lesen wir sonst nicht mehr in Genesis. Es ist ein Ausdruck, den wir von den Propheten kennen, aber nicht von den Patriarchen. Das Wort „Vision“ finden wir außerdem im gesamten Pentateuch nur hier und einmal mehr im 4. Buch Mose. In 4. Mose ist es Bileam, der Visionen sieht. D.h., Gott spricht nicht einfach nur zu Abram. Abram bekam eine Prophetie von Gott. Abram hört nicht einfach nur Gottes Stimme. Er sieht das, was Gott ihm offenbart. Anders gesagt, das Wort, das Abram hier empfängt, ist von einer Klarheit und Deutlichkeit, wie vermutlich kaum ein anderer Mensch vor oder nach ihm in Genesis Gott gehört hat. Abram wird später in Genesis 20 ein Prophet genannt. Und der Autor macht an dieser Stelle ganz deutlich, dass Abram das von Gott erfährt, was sonst nur die Propheten zu sehen und zu hören bekamen.
Was ist es, was Gott Abram in der Prophetie mitteilt? Das, was Abram hört, ist – wie ich finde – eine der schönsten Verheißungen und Zusagen, die es überhaupt in der Bibel gibt. Gott spricht: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Die Kreisleiter hatten sich dazu entschlossen Kapitel 14 zu überspringen, was ich etwas schade finde. In Kapitel 14 hätten wir gesehen, dass Abram sich in einen militärischen Konflikt verwickelt hatte. Das hatte er freiwillig getan, um seinen Neffen Lot aus der Patsche zu helfen. Und in Kapiteln 13 und 14 hatten wir gesehen, dass Abram ein außerordentlich großzügiger Mensch war: er gab seinem Neffen den Vorzug, sich das Land auszusuchen, was eigentlich unerhört war. Und er lehnte die Kriegsbeute ab, die ihm eigentlich rechtmäßig zugestanden hatte. Das war der Kontext. Und das war die Situation, in der Abram sich befand: er hatte guten Grund sich zu fürchten und Sorgen zu machen; und er hatte guten Grund, Verlustgefühle zu haben.
In diese Situation spricht Gott dann: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Schild ist natürlich ein Bild für Bewahrung und Schutz. Der sehr große Lohn ist selbsterklärend. Das Erstaunliche an Gottes Aussage ist folgendes: Gott sagte, dass er genau das für Abram ist. Gott sagte nicht: „ich gebe dir Schutz“, sondern: „ich bin dein Beschützer“; und Gott sagte auch nicht: „ich gebe dir eine große Belohnung“, sondern „ich bin deine große Belohnung“. Abram würde sein ein und alles in Gott finden. Gott selbst für ihm alles und mehr als genug sein. Das war das prophetische Wort, das Abram zu hören bekam. Es war genau das Wort, das er in seiner Situation gebraucht hatte. Und es ist das prophetische Wort an uns: Gott will unser Gott sein. Er ist unser Schild und unser sehr großer Lohn.

Zweitens, die Reaktion
Wir sehen im Großen und Ganzen zwei Reaktionen von Abram. Beide Reaktionen sind auf dem ersten Blick grundverschieden. Und trotzdem gehören sie eigentlich zusammen wie Licht und Schatten.
Abrams erste Reaktion ist vielleicht nicht ganz, was wir erwarten würden. Noch einmal, Gott erscheint in einer Vision und spricht mit großer Klarheit und Deutlichkeit davon, dass Abram keinen Grund hatte, sich zu fürchten, weil Gott sein Schild und sein sehr großer Lohn war. Abram hätte an dieser Stelle „Dankeschön“ sagen können und dann anfangen können, für Gott Anbetungslieder zu singen. Aber genau das tut Abram nicht. Er sagt stattdessen: „Herr HERR [im Urtext steht einmal „adonai“, gefolgt von „Jahwe“], was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Elieser von Damaskus wird mein Haus besitzen.“ Abram war noch nicht fertig. Weiter sagte er: „Siehe, du hast mir keine Nachkommen gegeben; so wird mich mein Haussklave beerben.“ Abram sagte: „Gott, du hast mir Nachkommen versprochen. Wo sind diese Nachkommen? Ich kann sie nicht sehen.“ Diese Reaktion ist umso erstaunlicher, weil es die ersten Worte sind, die wir aus Abrams Mund hören und die wirklich an Gott adressiert sind. Vorher haben wir nur gelesen, wie Gott einfach in Stille gehorchte. Was ist das für eine Reaktion? Abram sagte nicht „Ja und Amen!“. Abrams Antwort war ein: „Aber…“ Abrams Reaktion war kein „ich kann es kaum erwarten, Herr“. Es war ein: „Im Ernst jetzt?“ Abram ist sichtlich frustriert. Er klagt. Er äußert seine Zweifel.
Bevor wir fortfahren, sollten wir uns ein wenig Gedanken darüber machen. Wie wir alle wissen, befand sich Abram auf einer Reise des Glaubens. Er hatte alles hinter sich gelassen: sein Zuhause, seine Verwandtschaft, seine vertraute Umgebung; er hatte sich auf das Abenteuer seines Lebens eingelassen. In der Bibel ist Abram der Mann des Glaubens par excellence. Und trotzdem wurde er von Zweifeln geplagt. Was folgern wir daraus? Wenn ein Mann des Glaubens wie Abram Zweifel hatte, warum sollte es uns besser ergehen? Wie könnten wir erwarten, dass wir keine Zweifel haben werden? Natürlich werden wir Zweifel haben. Zweifel sind unvermeidlich.
Die Bibel berichtet von so vielen Menschen, die Zweifel hatten. Wir denken an den Vater eines besessenen Jungen, der Jesus um Heilung; und wo Jesus sagte: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ Und wir hören diesen Schrei der Verzweiflung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das sind Zweifel. Oder wir denken an Johannes den Täufer, der furchtlos ein ganzes Volk dazu herausfordern konnte, Buße zu tun. Er hatte keine Hemmungen, Herodes zu konfrontieren, was ihn sprichwörtlich den Kopf gekostet hat. Er hatte Jesus getauft und ihn als den Messias verkündigt. Aber dann saß er bei Herodes im Gefängnis und wartete auf seine Hinrichtung. Und er hat Zweifel und lässt Jesus fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Wenn Jesus der Messias ist, warum geht es mir dann so dreckig? Wenn Jesus der Heiland ist, warum heilt er mich nicht von den Schmerzen, unter dem ich jetzt gerade leide? Wenn Jesus der Erretter ist, warum rettet er mich nicht aus dieser verfahrenen Lage? Warum ist die Welt dann in diesem Chaos?
Ein guter Freund von mir hatte erzählt, wie er einen älteren gläubigen Menschen beim Sterben begleitet hatte. Der Sterbende war ein leid-geprüfter Christ, der schon so viele Krisen gemeistert hatte; der standhaft im Glauben gewesen war; ein Mann des Glaubens. Als er im Sterben lag, sagte er nicht: „ich freue mich, bald beim Vater zu sein; ich weiß, dass der Tod nicht über mich triumphieren kann; Jesus ist bei mir.“ Das waren nicht seine Worte. Er sieht die Finsternis des Todes wie sie über ihn hereinbricht und sagte er dann folgendes: „Das ist schwerer als ich dachte.“ Das sind Worte des Zweifels inmitten der letzten Krise seines Lebens.
Hier ist eine interessante Beobachtung. In christlichen Kreisen gibt es vor allem zwei Art und Weisen, wie mit Zweifeln umgegangen wird. In eher konservativen Kreisen sind Zweifel nicht willkommen. Zweifel werden als Unfähigkeit angesehen, zu glauben. Wer Zweifel hat, der hat halt einfach ein Problem. Manche christlichen Gemeinden haben wenig Geduld, Verständnis und Mitgefühl für Zweifler, weil Zweifel einfach etwas ist, wofür man halt Buße tun muss und gut ist. Vielleicht auch deswegen, weil man Furcht davor hat, dass man durch die Zweifel die anderen ansteckt. Auf der anderen Seite gibt es dann eher etwas liberale Kreise. Und dort heißt es dann, dass Zweifel völlig in Ordnung sind; Zweifel sind überhaupt kein Problem. Vielleicht ist da auch Furcht im Spiel: die Furcht davor zu dogmatisch zu sein. Weder der eine Ansatz noch der andere Ansatz sind aber wirklich biblisch. Das sehen wir daran, wie Gott auf Abram eingeht.
Gott schimpft nicht wegen Abrams Zweifel. Er hört Abram zu und nimmt ihn an. Gleichzeitig adressiert Gott Abrams Zweifel direkt. Er verspricht ihm einen leiblichen Nachkommen als Erben, keinen adoptierten Haussklaven. Gott lässt Abram aus dem Zelt herrausgehen, zeigt ihm den Himmel: „Sieh doch zum Himmel hinaus und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ In Kapitel 13 war es Staub auf Erden, von dem man im Nahen Osten zu jederzeit mehr davon hat als einem lieb ist. Hier sind es dieses Mal die Sterne am Himmel, deren Anblick absolut atemberaubend gewesen sein muss. D.h., Gott tut beides: auf der einen Seite nimmt Gott uns in unseren Zweifeln an; auf der anderen Seite tut er etwas, um unseren Zweifel abzubauen.
Zweifel ist also die eine Reaktion von Abram. Die andere Reaktion sehen wir in Vers 6: „Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Abram zweifelte und glaubte. Pastor Uwe Schäfer sagte, dass Zweifel der kleine Bruder vom Glauben ist. Und ich denke, dass er absolut Recht hat. Zweifel und Unglauben sind nicht dasselbe. Unglauben ist die Ablehnung zu glauben, auch wenn es eigentlich guten Grund gibt zu glauben; oder weil man nicht bereit ist, sich mit den Indizien auseinanderzusetzen. Es ist eine bewusste und willentliche Ablehnung. Zweifel sind die Unsicherheiten der Menschen, die Glauben haben.
Was sollen wir tun, wenn wir Zweifel haben? Wir dürfen zwei Dinge tun. Das erste ist, wirklich ehrlich mit unseren Zweifeln zu sein. C.S. Lewis hat zwei Bücher über das Leid geschrieben. Das erste Buch ist länger und etwas philosophisch und sehr durchdacht. Das zweite Buch ist wesentlich kürzer und ist eigentlich vor allem eine Aufarbeitung von seinem Schmerz, als seine geliebte Ehefrau gestorben war. Es ist voll von Zweifel. Aber die rohen Emotionen und die Ehrlichkeit, mit der er schreibt, macht dieses Buch fast zu einer Art Psalm. Man entdeckt sich darin wieder. Und es ist die Aufrichtigkeit, durch welche viele Menschen Trost gefunden haben.
Das zweite, das wir tun dürfen, ist, unsere Zweifel zu beten. Es ist okay, wenn wir unsere Zweifel anderen Menschen mitteilen; aber auch das braucht Weisheit, weil es nicht immer ermutigend ist. Die meisten von uns wissen aus eigener Erfahrung, wie destruktiv es sein kann, wenn man sich in der Gegenwart von Menschen befindet, die nur jammern und sich beschweren. Es gibt kaum etwas Anstrengenderes als mit Menschen zusammen zu sein, die sich in einer Negativspirale befinden. Zweifel, Skepsis, Frust, Enttäuschung und Wut können ihre eigene Dynamik entwickeln; aus Klagen kann schnell Murren werden; es kann sich so leicht eine Negativität entwickeln, die einen selbst und alle Menschen in der Umgebung mit in den Abgrund hinunterziehen.
Aber es gibt ein offenes Ohr, das nicht müde wird, uns zuzuhören. Es gibt ein unendlich großes Herz, das sich nicht durch uns entmutigen lässt. Es gibt die ewigen Arme Gottes, die immer bereit sind, uns zu empfangen. Hier ist der Punkt: Männer und Frauen des Glaubens haben gezweifelt, aber sie haben ihre Zweifel immer wieder vor Gott gebracht. Männer und Frauen des Glaubens haben viel geklagt, aber diese Klage richtete sich direkt an Gott. Männer und Frauen des Glaubens haben auch ihrem Frust und ihrer Wut Ausdruck verliehen, aber sie taten es vor allen Dingen im Gebet; im direkten Gespräch mit Gott. Das macht den ganzen Unterschied.

Drittens, die Versicherung
Abram glaubte Gott. Aber das hielt ihn nicht davon ab, wieder zweifelnde Fragen zu stellen. In Vers 7 verheißt Gott, dass er Abram das Land geben würde. Das Problem war nur, dass das Land schon zu Abrams Zeiten bewohnt war. Verschiedene kanaanitische Stämme hatten sich schon niedergelassen. Insgesamt werden in den Versen 19-21 zehn verschiedene Stämme erwähnt. Abrams fragte: „Herr HERR [Abram gebraucht die gleiche Anrede wie vorher], woran soll ich merken, dass ich es besitzen werden?“ Gott hätte an dieser Stelle sagen können: „Abram, ist es nicht genug, dass ich dir das versprochen habe? Was soll ich denn noch tun?“ Aber das ist es nicht, was Gott sagt. Gott tut das genaue Gegenteil.
Er lässt Abram ein Rind, eine Ziege, ein Widder und zwei Tauben bringen. Vers 10 sagt, dass Abram Gott diese Tiere nicht nur brachte. Er fing sofort damit an, sie zu zerschneiden. Es erweckt den Eindruck, dass Abram nicht nur wusste, was zu tun ist. Er hatte auf Anhieb verstanden, worum es Gott ging. Diese Tiere waren keine Opfertiere. Es handelt sich hier um ein anderes Ritual. In Vers 18 lesen wir, dass Gott mit Abram an diesem Tag einen Bund schloss. D.h., das Zerteilen der Tiere war Teil dieses Bundes. Wir haben so etwas Ähnliches bei uns im Alltag. Wenn wir in eine Wohnung einziehen, dann unterschreiben wir einen Mietvertrag. In diesem Vertrag sind die Rechte und Pflichten der Vertragspartner festgehalten. Dieser Vertrag ist fast immer schriftlich. Und wenn sich einer der Partner nicht daran hält, dann kann der andere Partner aufgrund dieses Vertrags Schadensersatz verlangen, klagen oder kündigen etc.
Hier in Genesis 15 schließt Gott mit Abram einen Vertrag ab. Und damals waren die Verträge nicht schriftlich. Sie waren zeremoniell. D.h., die Vertragspartner haben in einem Schauspiel das nachgespielt, was einem passieren sollte, wenn man sich nicht an den Vertrag hält. Man hat einen assyrischen Vertragstext aus dem 8. Jahrhundert vor Christus gefunden, wo das verbürgt ist. In diesem Fall wurde ein Lamm zerteilt. Und dann heißt es: „Dieses Haupt ist nicht das Haupt des Lammes, es ist das Haupt des Mati’lu [die Person, die den Vertrag abgeschlossen hat]. Wenn Mati’lu gegen diesen Vertrag sündigt, so möge, genau wie diesem jungen Lamm das Haupt abgerissen wurde, das Haupt von Mati’lu und seiner Söhne abgerissen werden.“ .
Die Tatsache, dass Gott so einen Bund mit Abram abschließt, ist erstaunlich. Wir lesen diesen Text mit unserer kulturellen Brille und mögen denken: „Tiere zerteilen: was für eine primitive Kultur!“ Und vielleicht ist es das auch. Ich denke, dass es ein großer Fortschritt ist, dass wir einen schriftlichen Mitvertrag haben und keine Ziege mehr zerteilen müssen. Aber Gott nutzt die archaischen Mittel von Abrams Zeit, um ihm etwas zu zeigen. Gott spricht ganz gezielt in seine Zeit hinein auf eine Art und Weise wie Abram es verstehen kann. Wenn Gott mit einem 8-jährigen Kind aus unserer Zeit einen Bund geschlossen, vielleicht hätte Gott dann einen „Pinky swear“ gemacht? Es zeigt, wie sehr sich der allmächtige, ewige Gott erniedrigt, um mit uns auf solche Art und Weise zu kommunizieren, dass wir es nachvollziehen und verstehen können und damit es für uns Bedeutung hat.
Aber hier ist noch viel mehr. Im Text passieren seltsame, mysteriöse Dinge. Vers 12: „Bei Sonnenuntergang fiel auf Abram ein tiefer Schlaf. Und siehe, Angst und großes Dunkel fielen auf ihn.“ Auf einmal ist eine tiefe Finsternis. Es ist aber nicht einfach nur physische Dunkelheit; es ist eine Finsternis der Seele voller Angst und Horror. Vers 17: „Die Sonne war untergegangen und es war dunkel geworden. Und siehe, ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel waren da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch.“ Inmitten der Finsternis sehen wir einen rauchenden Ofen und eine brennende Fackel. Wir begegnen dem rauchenden Ofen und der brennenden Fackel in Exodus, auf dem Berg Sinai. Sie repräsentieren die Gegenwart Gottes. Was tut Gott? Gott geht inmitten der zerteilten Tiere hindurch.
Was bedeutet das dann? Gott willigt als Bundespartner ein, dass ihm das widerfahren soll, was den Tieren passiert, wenn er sich nicht an den Bund halten sollte. Und das scheint noch unvorstellbarer. Tim Keller kommentierte, dass das was Gott hier Abram zusagte, folgendes war: „Möge meine Unsterblichkeit sterblich werden; möge meine Unveränderlichkeit veränderlich werden; möge meine Unendlichkeit endlich werden; möge das Unmöglich möglich werden; möge ich zerteilt werden; möge ich zerschnitten werden; möge ich verworfen werden.“ Das an sich ist bereits einzigartig. Auf der anderen Seite, machen wir uns wirklich Sorgen darum, dass es an Gott scheitern sollte? Gott ist Gott: er ist treu; er hält sich an seine Abmachungen; er steht zu seinen Verheißungen; er macht keine leeren Versprechungen. Wenn Gott einen Bund mit uns schließt, dann liegt es nicht an Gott, dass der Bund scheitert.
Abram musste verstanden haben, dass er der Wackelkandidat ist. Er muss sich gefragt haben: „Gott ist treu. Aber was ist, wenn ich untreu werde? Was ist, wenn ich in meinem Glaubensleben versage? Was ist, wenn ich wieder aufgrund einer Hungernot nach Ägypten gehe? Was ist, wenn ich aus Furcht schon wieder krumme Dinge mache und meine Frau als meine Schwester ausgebe? Was ist, wenn ich versage?“ Um den Text richtig zu erfassen, müssen wir nicht nur verstehen, wer durch die zerteilten Tiere ging: das war Gott selbst. Wir müssen auch verstehen, wer nicht hindurchging: und das war Abram.
Wenn ein König damals mit einem Untertanen einen Bund geschlossen hatte, war es üblich, dass der Untertan alleine zwischen die zerteilten Tiere ging. Warum sollte der König sich das auch antun? Er war ja derjenige, der Macht über seine Untertanen hatte. In Ausnahmefällen, wenn der König besonders großzügig war, ging der König gemeinsam mit seinem Untertanen hindurch. Aber hier ist es Gott alleine und nicht Abram. Gott verspricht, dass er die Strafe auch dann noch auf sich nimmt, wenn es Abram ist und nicht Gott, der den Bund verletzt. Der Bund, den Gott mit Abram schließt, ist ein Bund der Gnade. Gott bezahlt für Abram. Gott bürgt für Abram. Gott hält seinen Kopf für Abram hin. Gott verspricht, dass er sein Leben dafür gibt, wenn Abram versagt.
Wie hat sich dieser Text erfüllt? In Matthäus 27,45 lesen wir: „Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde.“ Wieder begegnet uns eine unnatürliche Finsternis, die schlimmer ist als jede Nacht. Wieder haben wir es mit einer Finsternis voller Horror und Schrecken zu tun. Es ist die Finsternis der Abwesenheit Gottes. Und Jesus schrie in unvorstellbarem Schmerz und Leid: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus starb am Kreuz in sprichwörtlicher Gottverlassenheit. Gott wurde Gewalt angetan. Gott wurde von Gott verlassen. Gott wurde zerteilt. Seine ewige Gemeinschaft wurde auseinandergerissen. Er nahm den Fluch auf sich. Er nahm die Strafe auf sich.
Wir haben die Prophetie gesehen: Gott ist unser Schild und unser sehr großer Lohn. Wir haben unsere Reaktion gesehen: wir haben Zweifel, ob dem wirklich so sein kann. Und wir haben die Versicherung gesehen: Gott hat in Jesus Christus unseren Fluch auf sich geladen, damit Er uns segnen kann. Wenn wir Jesus für uns verlassen am Kreuz sehen, dann wissen wir, wie ernst Gott es mit uns meint. Wenn wir Jesus am Kreuz für uns sterben sehen, dann schwinden die Zweifel. Und wenn wir an diesen Jesus glauben, dann wird das für uns wahr, was in Vers 6 geschrieben steht: „Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“

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