Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 1 – Matthäus 9,35-38

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Die Ernte

Der Text heute ist Matthäus 9,35-38.

Stelle dir vor, du gehst durch ein weites Feld, das reif ist zur Ernte (mit deinem Lieblingsobst oder -gemüse oder -getreide). Würdest du zum Besitzer laufen und ihn inständig bitten: „Die Ernte ist groß! Bitte schicke Arbeiter in die Ernte!“ Etwas seltsam?
Und doch ist es das, was Jesus von seinen Jüngern verlangt. Weshalb?

Wir gehen einen Schritt zurück. In Vers 36 heißt es, dass Jesus Mitleid mit den Menschen hatte, weil sie wie zerstreute Schafe waren, die keinen Hirten haben. Welche Not sah also Jesus? Welche Not siehst du?

Wir gehen noch einen Vers zurück. Betrachte genau, was Jesus in Vers 35 tat. Inwiefern könnte das die Antwort auf die Not der Menschen sein?
Wenn du das dann mit Vers 38 verbindest, was bedeutet der Text für unsere Gemeinde? Und was könnte dieser Text für dich persönlich bedeuten?

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 6 – Matthäus 18,21-35

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Gemeinschaft der Vergebung

„Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.”

Matthäus 18,35

Seit einigen Wochen beschäftigen wir uns mit dem großen Thema, was für eine Gemeinde Jesus unter uns bauen will. Und die Antwort heute auf diese Frage lautet: eine Gemeinschaft der Vergebung. Vergebung ist ein schwieriges Thema: nicht schwer zu verstehen, worum es geht, aber sehr schwierig es umzusetzen. Als ob das Thema nicht schwer genug ist, haben wir einen Text, der auch nicht so einfach ist. Wir wollen uns genau ansehen, wie und warum der Text schwierig ist.
Über drei große Fragen wollen wir nachdenken: Was bedeutet Vergebung? Warum ist Vergeben essenziell? Wie können wir vergeben? Die drei Teile der Predigt lauten entsprechend: erstens, eine Definition von Vergebung; zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung; drittens, die Befähigung zur Vergebung.

Erstens, eine Definition von Vergebung
Vergebung geschieht in mindestens drei Schritten. Und wir finden alle diese Schritte im Text. In den Versen 23 und 24 lesen wir: „Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.“ Ein König macht Abrechnung und entdeckt eine offene Rechnung. Nicht nur, dass es eine unbeglichene Rechnung war, die Rechnung war absurd hoch. Ein Talent war der höchste Währungsbetrag, den es damals gab. Und die Zahl Zehntausend war die höchste Zahl, für die es in der griechischen Sprache ein Wort gab. (Wenn man noch größere Zahlen wollte, musste man anfangen entsprechend zu multiplizieren). Die Frage ist, wie groß die Schuld wäre, wenn man das auf unsere heutige Zeit übertragen würde. Und die Antwort ist, dass wir das nicht genau sagen können. Talente konnten entweder aus Silber oder aus Gold bestehen. Aber es müssen entweder hunderte Millionen Euro gewesen sein oder bis hin zu einer Billion Euro. Egal ob wir das untere oder das obere Ende ansetzen: es handelt sich um einen unvorstellbar hohen Betrag. Die allermeisten Menschen können mit so einer Summe nichts anfangen, weil es zu groß für eine einzelne Person ist (1 Billion entspricht grob dem Bruttoinlandsprodukt von ganz Spanien).

Was ist also der erste Schritt? Man muss feststellen, dass etwas ganz grob falsch gelaufen ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Unrecht geschehen ist. Das klingt vielleicht völlig banal. Aber viel zu oft tun wir das nicht oder nicht richtig. Während meiner Doktorarbeit wurde mir mein Fahrrad geklaut. Es war ein sehr schönes Fahrrad, das ich von einem Freund zu einem unschlagbar günstigen Preis erhalten hatte. Ich habe das Fahrrad geliebt. Wer immer mir das Fahrrad geklaut hatte, hatte es vermutlich schon länger darauf abgesehen. Beim ersten Klauversuch war das Fahrradschloss so lädiert, dass ich es nicht mit meinem Schlüssel aufschließen konnte. Ich musste das Schloss aufsägen. Ich hätte danach in ein richtig gutes Schloss investieren sollen. Hatte ich aber nicht. Ein oder zwei Tage nachdem das günstige Schloss dran war, war das Fahrrad weg. Das Schloss war mit einem Bolzenschneider aufgemacht worden. Damals hatte ich dann gesagt: „Der HERR hat es gegeben, der HERR hat es genommen, gepriesen sei der HERR. Mir geht es gut.“ Aber mir ging es überhaupt nicht gut.

Ich hatte früher ein ziemlich verkehrtes Verständnis von Vergebung. Ich dachte, dass Vergebung bedeutet: „Schwamm drüber, lass uns nicht mehr darüber reden.“ Ich dachte fälschlicherweise, dass Vergebung bedeutet, eben keine Abrechnung zu machen; sich erst gar keine Gedanken darüber zu machen, was falsch gelaufen ist. Der Grund weshalb ich so dachte war, dass wenn ich noch wütend auf etwas bin oder noch wegen einer Sache verletzt bin, ich ganz klar nicht vergeben hatte. Und das wäre ja unchristlich. Aber genau das ist der Punkt: Man muss zuerst verstehen, was passiert ist. Das kann ziemlich heftige Gefühle hervorrufen: Frustration, Schmerzen, Verletzung, Wut auf andere und vielleicht auch Wut auf sich selbst. Und diese Gefühle soll man nicht unterdrücken. Es erfordert eine gewisse Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Und es erfordert ein sich verletzlich machen, weil man eben nicht drüber steht, weil man ein Opfer geworden ist, weil man gedemütigt wurde. Das zuzugeben ist nicht einfach. Das ist also der erste Schritt: Du kannst nicht vergeben, wenn du nicht einsiehst, dass dir Unrecht angetan wurde.

Kommen wir dann zu den nächsten zwei Schritten. Der zweite und dritte Schritt gehen untrennbar miteinander einher. Vers 27: „Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.“ Der König lässt den Knecht in Frieden gehen. D. h., Vergebung bedeutet, dass wir die Person, die uns Unrecht angetan hat, in Frieden gehen lassen. Es bedeutet, dass man nicht einfordert, was man meint, dass es einem zusteht. Es bedeutet, dass wir keine Rache nehmen; dass wir es völlig sein lassen, es der anderen Person irgendwie heimzuzahlen. Es bedeutet auch, dass wir frei sind von dem Wunsch, dem anderen irgendein Unglück oder irgendetwas Schlechtes zu wünschen. Es bedeutet, dass wir in der Lage sind, die andere Person von ganzem Herzen zu segnen und nicht zu verfluchen. Ist das einfach? Je nachdem, was uns angetan wurde, kann das richtig schwer sein.

Der dritte Schritt ist der Grund dafür: wir bezahlen für die Schuld des anderen. Hier ist ein banales Beispiel, das ich schon einmal verwendet habe. Stellen wir uns vor, mein Bruder leiht mir sein 2.000 Euro teures Laptop aus. Aber dann kommen die Kinder: das erste Kind schmeißt es versehentlich auf den Boden, sodass es eine richtig hässliche Delle hat; das zweite Kind kommt und verschüttet versehentlich Apfelschorle auf die Tastatur. Das dritte Kind tritt beim Rennen so ungeschickt auf das Laptop, dass der Bildschirm abbricht. Jetzt gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist, dass ich tief in den Geldbeutel greife und meinem Bruder 2.000 Euro gebe; oder dass ich ihm ein neues Laptop kaufe. Die andere Möglichkeit ist: Er vergibt mir.

Kennt ihr Leute, die fragen: „Kannst du nicht einfach vergeben?“ Und die Antwort auf diese Frage lautet: Nein, man nicht einfach so vergeben. Der König im Gleichnis konnte nicht einfach so vergeben. Noch nicht einmal Gott kann einfach so vergeben. Vergeben bedeutet, dass wir die Schuld bezahlen. Der König im Gleichnis konnte vergeben, weil er dafür bezahlt hat. Und weil er bei dem offenen Betrag einen Staatsbankrott in Kauf genommen hat. Irgend jemand muss bezahlen. Ohne Bezahlung gibt es keine echte Vergebung.

Oftmals haben wir es aber nicht mit materiellen Schulden zu tun. Wenn jemand uns durch Worte und Taten verletzt, dann geht es nicht um einen offenen Geldbetrag. Es geht um unsere verletzte Würde als Mensch. Oder es geht um unsere Ehre. Oder es geht vielleicht um unseren Ruf. Der Schaden, der uns zugefügt wird, ist häufig seelischer Natur. Zu vergeben bedeutet, dass wir bereit sind, den ganzen Schmerz zu absorbieren. Wir lassen den Übeltäter frei, indem wir den ganzen Schmerz auf uns selbst nehmen. Viele haben deshalb gesagt, dass sich Vergeben wie Sterben anfühlt.

Das sind also die drei Schritte der Vergebung: erstens, wir erkennen ehrlich an, dass uns Unrecht angetan wurde; zweitens, wir lassen den anderen trotzdem in Frieden und mit Segen gehen, weil wir drittens, die Schuld auf uns nehmen und selbst bereit sind, für die Schuld des anderen zu bezahlen.

Bevor wir fortfahren, noch ein paar ganz kurze Punkte, die mir sehr wichtig sind. Vergebung ist kein stoisches Ertragen von Misshandlung und Unrecht. Vergebung bedeutet nicht, dass wir uns zum Schuhabtreter machen oder dass wir uns freiwillig misshandeln lassen. D. h. auch, wenn du dich in einer toxischen Beziehung befindest, in der du missbraucht und misshandelt wirst, ist es das Beste, Hilfe zu holen und aus dieser Beziehung herauszukommen. Vergebung ist kein Deckmantel für Missbrauch. Das sollte hoffentlich klar sein.

Vergebung ist nicht dasselbe wie Versöhnung. Vergebung ist die Voraussetzung für echte Versöhnung, aber die beiden sind nicht dasselbe. Vergebung heißt daher auch nicht, dass die Beziehung wiederhergestellt ist, aber es kann der erste Schritt dazu werden.

Zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung
Das Gleichnis, das Jesus erzählt, hat kein Happyend. Der Knecht dem vergeben wurde, ist nicht in der Lage seinem Mitknecht zu vergeben. Der König macht die Vergebung rückgängig. Der Knecht wird gefoltert, bis er seine ganze Schuld bezahlt hat. In Vers 35 sagt Jesus dann: „Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.“ Das ist ein Vers, den wir mit sehr viel Ehrfurcht lesen sollten. Ganz offensichtlich hat es schlimme Konsequenzen, wenn wir anderen nicht vergeben können. Aber was genau hat Jesus hier gemeint?
Es könnte den Eindruck erwecken, dass Gottes Vergebung eine konditionale Vergebung ist: Seine Vergebung ist davon abhängig ist, wie wir uns verhalten. Es würde bedeuten, dass uns nur auf Bewährung vergeben ist. Sobald wir gegen unsere Bewährungsauflagen verstoßen, würde Gott all seine Vergebung rückgängig machen. Ich denke nicht, dass Jesus das damit gemeint hat. Ich denke, dass eine solche Interpretation dieses Verses aus drei Gründen problematisch ist.
Zum einen, Vergebung ist eigentlich etwas, was nicht reversibel ist. Wenn wir im Restaurant zum Mittagessen eingeladen sind, und jemand hat für alle bezahlt, dann ist die Schuld beglichen. Wir haben vorhin gesagt, dass zu vergeben bedeutet, dass jemand bezahlt hat. Die Rechnung ist bereits beglichen. Wenn man das jetzt rückgängig macht, dann ist das keine richtige Vergebung.
Der zweite Grund ist, dass es dem unmittelbaren Kontext zu widersprechen scheint. Zu Beginn von unserem Text fragt Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“ Er dachte sich, dass sieben eine ziemlich großzügige Zahl ist. Einer Nervensäge siebenmal zu vergeben, erfordert auch schon ziemlich viel Geduld. Und Jesus sagt dann: „Ich sage dir nicht: bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ Damit ist nicht gemeint, dass man über die Jahre bis 490 zählen soll. Sondern Jesus meinte: „Denk noch nicht einmal im Traum daran, zu zählen. Deine Berufung ist es, immer und zu jederzeit zu vergeben, ohne Unterlass.“ Um diesen Punkt zu illustrieren, erzählt Jesus das Gleichnis. Ohne Unterlass zu vergeben ist aber genau das, was der König aber nicht tut. Er vergibt eine immense Schuld. Aber bei der nächsten Verfehlung ist es vorbei. Was ich hier sagen will, ist Folgendes: Wenn Jesus uns dazu auffordern will, ohne Unterlass zu vergeben, dann ist es etwas seltsam, dass er für Gott, den Vater, eine Illustration verwendet, die gerade das nicht tut. Das ist, als ob Jesus zu uns sagen würde: „Tut nur das, was ich sage, nicht das, was ich tue.“
Der dritte Grund ist, dass es dem größeren Kontext der Bibel zu widersprechen scheint. Um nur eine Textstelle zu nennen, in Jesaja 43,25 sagt Gott: „Ich, ich bin es, der deine Vergehen wegwischt um meinetwillen, / deiner Sünden gedenke ich nicht mehr.“ Wenn Gott vergibt, dann vergibt er richtig. Das ist es, was die Bibel an vielen Stellen sagt. Und trotzdem sagt Jesus in Matthäus 6,14.15: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Die Frage ist dann natürlich, wie wir diesen scheinbaren Widerspruch zusammenbringen. Ich habe zwei Erklärungen gefunden, die ich hilfreich fand.
Hier ist die eine Erklärung: Die Tatsache, dass Gott uns vergeben hat, bedeutet nicht gleichzeitig, dass wir daher von allen Konsequenzen einer Missetat gerettet sind. Zum Beispiel, wenn du ein Kettenraucher bist und Gott um Vergebung bittest, wird er dir sicherlich vergeben. Aber die Tatsache, dass dir vergeben wurde, bedeutet nicht, dass du nicht trotzdem Lungenkrebs bekommen könntest. Es gibt Vergehen, die intrinsisch selbstzerstörerisch sind. Wenn du unwillig und unfähig bist, anderen von Herzen zu vergeben, dann wird es dich selbst zerstören, und zwar sprichwörtlich.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die anderen vergeben, nicht nur psychisch gesünder sind, sondern auch physisch. Der „Business Insider“ schreibt: „Mediziner gehen aber davon aus, dass verletzte Gefühle und Enttäuschungen als enorme körperliche Belastungen empfunden werden. Andauernde Wut, Frustration und Rachegedanken können sich nämlich negativ auf die Herzfrequenz, den Blutdruck und das Immunsystem auswirken. Diese Veränderungen erhöhen das Risiko für Erkrankungen wie Depressionen, Herzerkrankungen und Diabetes. Vergebung ist also gut für Körper und Seele. Aber nur, wenn sie kein reines Lippenbekenntnis ist, sondern ein aktiver Prozess, in dem ihr euch bewusst entscheidet, euch von euren negativen Gefühlen zu trennen.“ Wenn wir noch einmal den Text betrachten, dann sehen wir in Vers 34, dass von Folterknechten die Rede ist. Und ich denke, dass das der Punkt ist. Gott kann und will dich, von der Sünde freisprechen. Aber wenn wir nicht vergeben, dann begeben wir uns in unser eigenes Folterverlies. Wir fügen uns selbst unnötiges Leid hinzu, indem wir es zulassen, dass uns die Rachegelüste zerfressen und zerstören.

Die andere Erklärung hängt eng damit zusammen. N.T. Wright hat folgende sehr hilfreiche Illustration verwendet: „Vergebung ist nicht wie ein Weihnachtsgeschenk, das ein lieber Großvater einem stinkigen Enkelkind geben kann, auch wenn besagtes Kind kein einziges Geschenk für andere gekauft hat. Vergebung ist nicht wie das Essen, das zu Hause auf einen wartet, auch wenn man es versäumt hat, dem hungrigen Bettler ein Sandwich und eine Tasse Tee zu kaufen. Es ist eine völlig andere Sache. Vergebung ist eher wie die Luft in der Lunge. Du kannst deinen nächsten Luftzug nur dann einatmen, wenn du den vorherigen ausgeatmet hast. Wenn du darauf bestehst, deinen Atem anzuhalten, dich weigerst, jemand anderem den Kuss des Lebens zu geben, den sie dringend brauchen, wirst du selbst nicht mehr in der Lage sein, einzuatmen, und du wirst ersticken.“

Ich finde das sehr anschaulich und sehr gut erklärt. Um das, was N.T. Wright bildlich erklärt hat, konkret zu machen: Das Evangelium sagt, dass wir aus Gnade gerettet sind. Gnade impliziert, dass wir auf der einen Seite schlimmer sind, als wir jemals gedacht haben, und gleichzeitig mehr geliebt sind als wir jemals hätten hoffen können. Das christliche Leben steht und fällt mit der Gnade Gottes. Wenn wir in dieser Gnade stehen, dann fangen wir erst richtig an zu leben. Der Punkt ist: Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann verlassen wir das Land der Gnade. Der kroatische Theologe Miroslav Volf sagte: „Vergebung scheitert daran, dass ich den Feind aus der Gemeinschaft der Menschen ausschließe, so wie ich mich selbst aus der Gemeinschaft der Sünder ausschließe.“ Stellen wir uns vor, jemand betrügt dich auf übelste Art und Weise: Dir gegenüber gibt er sich als besten Freund; aber hinter deinem Rücken lästert er über dich. Wie reagierst du darauf? Unsere erste Reaktion ist häufig: „So ein Scheusal! So ein hinterhältiger Mistkerl!“ Wir reduzieren die Person auf ihre Missetat. Wir sehen die Person eindimensional als Bösewicht. Wir nehmen die Person aus dem Kreis der Mitmenschen heraus. Und auch wenn wir das nicht laut sagen, ist unsere implizite Annahme: „Ich würde so etwas nie tun.“ Und damit nehmen wir uns aus dem Kreis der Sünder heraus.

Um das noch etwas zu vertiefen: wir haben gesagt, dass das Evangelium die frohe Botschaft ist, dass Jesus Christus der König ist. Die frohe Botschaft anzunehmen, bedeutet, Jesus als König anzunehmen. Wer unter diesem König lebt, der hat Frieden und Freude. Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann erheben wir uns zum Richter über andere. Wir üben Selbstjustiz. Wir entscheiden über das Strafmaß. Wir setzen uns auf den Thron, der eigentlich Jesus gehört.

Warum ist Vergebung notwendig? Nur in dem wir selbst vergebende Menschen sind, leben wir im Evangelium, werden wir selbst frei und heil. Nur wenn wir vergeben, atmen wir wirklich die Liebe Gottes.

Drittens, die Befähigung zur Vergebung

München im Jahre 1947: Ernste Gesichter starren mir entgegen. Ich habe gerade in einer Kirche gepredigt und über meine Zeit im Konzentrationslager gesprochen. Jetzt ist alles vorbei. Die Menschen verlassen wortlos den Raum. Ein Mann kommt mir entgegen. Er arbeitet sich gegen die Menge zu mir nach vorne.

In diesem Moment sehe ich den Mantel, den braunen Filzhut, dann die blaue Uniform und ein Barett mit Totenschädel und gekreuzten Knochen. Ich sehe den großen Raum, in dem wir uns nackt ausziehen mussten. Die Schuhe und die Kleider am Boden. Wir mussten nackt an ihm vorbeigehen. Ich erinnere mich an die Scham, ich erinnere mich an meine ausgemergelte Schwester, deren Rippen deutlich unter der pergamentartigen Haut hervortraten.

Wir waren ins KZ gekommen, weil wir Juden in unserem Haus versteckt hatten. Meine Schwester überlebte das Konzentrationslager nicht. Ich erinnerte mich an diesen Mann und an seine Jagdpeitsche, die in seinem Gürtel steckte. Jetzt stand ich zum ersten Mal einem meiner Häscher gegenüber. Mein Blut schien zu gefrieren. Er sagte: «Sie sprachen von Ravensbrück. Ich war Wächter dort.» Er fuhr fort: «Ich bin Christ geworden.» Er steckte mir seine Hand entgegen und fragte: «Werden Sie mir vergeben?»

Sekunden stand ich wie gelähmt vor diesem Mann, doch es kam mir vor als wären es Stunden. Ich kämpfte in meinem Inneren: Meine Schwester war schließlich im Konzentrationslager Ravensbrück elend und langsam gestorben. Doch dann erinnerte ich mich an eine Bibelstelle: «Wenn ihr den Menschen ihre Sünden nicht vergebt, dann wird der himmlische Vater im Himmel auch euch nicht vergeben» (Matthäus 6,15).

Ich stand immer noch vor dem Mann. Kälte umklammerte mein Herz. … Ich betete und hob die Hand. Ich betete darum, dass Gott mir das Gefühl der Vergebung schenken möge. Mit einer mechanischen Bewegung legte ich meine Hand in die Hand, die sich mir entgegenstreckte.

Dann geschah etwas Unglaubliches! Ein heißer Strom entsprang in meiner Schulter. Er lief meinen Arm entlang und sprang über in unsere beiden Hände. Mein ganzes Sein wurde von dieser heilenden Wärme durchflutet. Ich hatte plötzlich Tränen in den Augen und konnte sagen: «Ich vergebe dir! Ich vergebe dir von ganzem Herzen.»

Das ist die Geschichte, die Corrie ten Boom erzählt. Die Frage ist, wie können wir Menschen der Vergebung werden? Wie werden wir befähigt zu vergeben? Vor ein paar Jahren hatte mein Chef mich zum Bahnhof gefahren. Unterwegs hatten wir kurz über den Glauben gesprochen. Er sagte zu mir, dass er an nichts glaubt. Und dann sagte er: „Die ganzen Religionen sind doch eh alle gleich.“ Ich habe ihm sofort widersprochen und habe ihm erklärt: „Im Zentrum des christlichen Glaubens ist der Sohn Gottes, der am Kreuz für seine Feinde stirbt. In welcher anderen Religion finden wir das?“

Jesus, der ans Kreuz gehängt wurde, ist das ultimative, das größte Unrecht schlechthin, das in unserer Menschheitsgeschichte geschehen ist. Nie hat es eine größere Ungerechtigkeit gegeben, weil Jesus wirklich unschuldig war; weil er es als Sohn Gottes verdient hätte, mit höchsten Ehren überschüttet zu werden. Wir leben in einer von Kriegen und Konflikten zerrütteten Welt. Der Grund ist: A verletzt B; B rächt sich an A und richtet noch größeren Schaden an, eine Spirale der Gewalt beginnt. Aber als Jesus misshandelt wurde, als er beschimpft wurde, als er geschlagen wurde, ist gar nichts passiert. Sünde stoppte, als Jesus die Worte sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist der Ursprung, der Urquell aller Vergebung. Dieses Gebet Jesu ist das Zentrum der Schwerkraft der Vergebung. Wenn du davon angezogen bist, kannst du anfangen, ein Leben der Liebe und der Vergebung zu führen.

 

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 6 – Matthäus 18,21-35

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Gemeinschaft der Vergebung

Heute lesen wir Matthäus 18,21-35.

Betrachte Vers 35. Um es gleich vorne wegzunehmen: Dieses Gleichnis könnte den Eindruck erwecken, dass Gott uns so behandelt wie der König und dass er uns nicht vergibt, wenn wir unseren Geschwistern nicht vergeben. Aus folgenden Gründen denke ich, dass das NICHT die richtige Art und Weise ist, dieses Gleichnis zu verstehen.

  1. Es würde dem Konzept der Vergebung widersprechen: Wenn Gott so vergeben würde, wie der König im Gleichnis, wäre Gottes Vergebung nur eine vorbehaltliche Vergebung.
  2. Der unmittelbare Kontext vom Gleichnis ist, dass Jesus seine Jünger lehren will, dass sie praktisch unendlich oft vergeben sollen (Verse 21 und 22). Ein Gleichnis, das mutmaßlich lehrt, dass Gott gerade das nicht tut, würde keinen Sinn ergeben.
  3. Ein solches Verständnis widerspricht der Bibel an anderen Stellen, wie z.B. Psalm 103,12 oder 2. Korinther 5,17.18 und viele andere.

Hier ist die Frage dann: Wie verstehst du das Gleichnis, das Jesus erzählt hat? Und vor allem, wie verstehst du die Bedeutung von Vers 35? (Hinweise: Es ist ein Gleichnis / Illustration; vielleicht hilft es darüber hinaus, über die „legalen“ und die „natürlichen“ Konsequenzen der Sünde nachzudenken).

Die christliche Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft, in der wir einander vergeben sollen. Denke über die Herausforderungen nach, die das mit sich bringt.

Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du vergeben solltest? Was hindert dich daran, es zu tun? Wie können wir eine Gemeinschaft der Vergebung werden?

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 3 – Matthäus 9,9-13

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Jeder ist willkommen

„Geht aber hin und lernt, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“

(Matthäus 9,13)

Zur dritten Lektion zum Thema „Eine Gemeinde, wie Jesus sie sich wünscht“, mit dem Aspekt Gemeinschaft, wollen wir heute Matthäus 9,9-13 betrachten. Unsere Frage ist: Wie können wir eine Gemeinde sein, in der sich jeder wirklich angenommen weiß, wie er oder sie ist, und in der sich jeder, der neu dazu kommt, wirklich willkommen fühlt? Im heutigen Text wird deutlich, dass Jesus eine Art hatte, durch die sich alle möglichen Leute willkommen gefühlt haben, selbst die, die sonst nirgends willkommen waren. Wir können heute lernen, was die Grundlage dieser Gemeinschaft war und was ihren Charakter prägt. Lasst uns heute den wichtigsten Punkt lernen, wie wir eine Gemeinde werden können, in der sich jeder wirklich angenommen fühlt!

In diesem Text berichtet Matthäus darüber, wie Jesus ihn berufen hat; es handelt sich also um ein kurzes Stück Autobiografie bzw. Lebenszeugnis. Jesus ging aus der Stadt Kapernaum und sah Matthäus an der Zollstation sitzen. Wie die meisten von uns wissen, trieben Zöllner für die römische Besatzungsmacht von ihren Landsleuten verschiedene Zölle ein, weshalb sie als Verräter galten. Sie standen unter dem Schutz der Römer, wurden von diesen aber nicht kontrolliert, solange sie die vereinbarte Zollsumme ablieferten. Das führte dazu, dass fast alle Zöllner ihren Landsleuten willkürlich mehr Geld abgeknöpft haben, als vorgeschrieben war, und sich dadurch bereicherten. Wegen ihres geldgierigen, selbstsüchtigen Verhalten wurden die Zöllner in der jüdischen Gesellschaft von allen verachtet und gemieden, weil sie die Gebote verachteten und ihr eigenes Volk ausbeuteten. „Zöllner“ war ein Inbegriff für Sünder.

Matthäus berichtet nicht darüber, wie er ein Zöllner geworden war. Aber niemand wurde dazu gezwungen, Zöllner zu werden. Man musste sich um diese Posten bewerben; und nur, wer die Römer überzeugte, bekam die Stelle. Matthäus hatte sich also um den Posten als Zöllner bemüht, auch wenn er wusste, dass er von seinen Mitmenschen verachtet würde. Er muss geglaubt haben, dass er nur glücklich werden kann, wenn er viel Geld besitzt und sich ein schönes Haus, schicke Kleider und teures Essen leisten konnte, auch wenn seine Beziehungen zu andern darunter leiden würden. Er wurde offenbar reich, hatte ein eigenes Haus und konnte ohne Probleme eine große Zahl von Leuten zum Essen einladen. Aber es gab kaum jemanden, der zu ihm kommen wollte, außer einigen Zöllnerkollegen und stadtbekannten Sündern. Als Zöllner wurde er von allen gemieden und als ein verachtenswerter Mensch stigmatisiert. Die Einsamkeit und Verachtung müssen an ihm genagt haben. Noch schlimmer war, dass Matthäus als Jude gewusst haben muss, dass seine egoistische, geldgierige Lebensweise nicht im Einklang mit Gottes Willen stand und er keine Hoffnung auf Gottes Güte in der Zukunft hegen konnte. Matthäus war ein richtiger Sünder. Und er war offensichtlich nicht glücklich.

Matthäus sagt das nicht im Einzelnen, er überließ es uns, das zu schlussfolgern. Aber er schreibt klar, dass Jesus ihn sah. Er hat wohl nie vergessen, wie Jesus ihn ansah. Jesus sah ihn nicht wie die anderen an, die nur sein Verhalten sahen und ihn verurteilten. Jesus sah ihn nicht mit strengem, richtendem Blick, sondern mit Liebe und Verständnis. Jesus sah nicht nur sein verkehrtes Verhalten, sondern sah, wie es dazu gekommen war. Mehr noch, Jesus sah, wie Gott ihn eigentlich gedacht hatte und zu was für ein Mensch er werden konnte, wenn er von der Sünde befreit würde. Jesus sah auch, dass er sich nicht selbst verändern konnte, weil er in seiner Sünde wie gefangen war. Jesus sah ihn also mit Liebe, Verständnis und Hoffnung an. Dann sprach er zu ihm: „Folge mir!“ Jesus lud ihn dazu ein, sein Leben mit ihm zu führen. Dadurch drückte Jesus aus, dass er ihn annahm, wie er war, und ihm seine Sünde vergab. Jesus lud ihn ein, ihn kennenzulernen und in der Gemeinschaft mit ihm ein anderes, neues Leben zu führen, das Gott ehrt. Jesus war also bereit, seine Selbstsucht und die daraus resultierenden schlechten Gewohnheiten zu ertragen und ihm zu helfen, bis er ganz verändert wäre. Jesu lud ihn ein, weil er glaubte, dass Matthäus dadurch ein Mann Gottes und ein authentischer und einflussreicher Zeuge des Evangeliums würde. Jesus wollte ihn sein Leben lang leiten und als seinen Zeugen gebrauchen und ihn schließlich in sein ewiges Reich führen.

Wie Matthäus auf Jesu Einladung reagiert hat, beschreibt er kurz und schlicht: „Und er stand auf und folgte ihm“ (9b). Jesu Aufforderung war eigentlich eine riesige Herausforderung. Er sollte seine alte Lebensweise und seinen Reichtum aufgeben und sein ganzes Vertrauen auf Jesus setzen. Aber die bedingungslose Liebe, mit der Jesus ihn einlud, muss ihn bewegt haben. Er verstand, dass Jesu Einladung eine Einladung vom Himmel war und dass dies seine Chance, sein Leben vor Gott in Ordnung zu bringen. Deshalb traf er ohne zu zögern die Entscheidung, die sein ganzes Leben verändern sollte, stand auf und folgte ihm.

Und unser Text beschreibt, wie sein neues Leben mit Jesus anfing. Aus Dankbarkeit und Freude über sein neues Leben lud Matthäus Jesus zum Essen ein. Jesus nahm diese Einladung wie selbstverständlich an und saß bei ihm zu Hause am Tisch. Viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit Jesus und seinen Jüngern. Warum der Verfasser das ausdrücklich erwähnt, verstehen wir erst, wenn wir bedenken, dass die Juden Gemeinschaft mit Menschen, die offensichtlich in Sünde lebten, streng vermieden. Wir erkennen das klar an der Kritik, die die Pharisäer übten, als sie diese Essensgemeinschaft sahen. Sie fragten seine Jünger: „Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ (11) Das war keine Wissensfrage, durch die sie Jesu Verhalten verstehen wollten, sondern eine offene Kritik an Jesus und seinem Verhalten.

Ihre vorwurfsvolle Frage verrät, dass sie die Zöllner und Sünder als verwerfliche Menschen betrachteten und längst als hoffnungslose Fälle abgeschrieben hatten. Mit solchen Leuten Gemeinschaft zu haben, war für sie völlig inakzeptabel, weil sie keine Hoffnung für sie hatten und meinten, sich durch die Gemeinschaft mit ihnen unrein zu machen. Dadurch, dass sie die Zöllner und stadtbekannten Sünder öffentlich stigmatisierten, wollten sie umso deutlicher zeigen, dass sie selbst gerecht waren. In ihrer Selbstgerechtigkeit verurteilten sie nicht nur die Menschen, die ihre Sünde nicht wie sie verbergen konnten, sondern verurteilten auch Jesus.

Wie reagierte Jesus auf ihre Kritik? Jesu Antwort besteht aus drei Teilen. Vers 12 sagt: „Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“ Jesus machte klar, dass sie ein völlig falsches Konzept von ihm und von sich selbst hatten. Sie hielten sich selbst für gerecht und verurteilten aus dieser Gesinnung heraus die anderen. Aber Jesus, der einzig Gerechte, verurteilt die Menschen nicht, weil er der wahre Arzt ist, der alle von ihrer Sündenkrankheit heilen will. So wie ein guter Arzt seine Patienten nicht beschuldigt, sondern sich ganz dafür einsetzt, ihre Krankheit richtig zu behandeln, so hat auch Jesus alles dafür getan, um uns Menschen von der Sünde zu heilen. Matthäus war an seinem verkorksten Leben nicht unschuldig, er hatte es selbst gewählt, ein Zöllner zu werden, und nachher unter den Folgen davon gelitten. Aber Jesus hat ihm keine Vorwürfe gemacht, sondern hat ihn freundlich eingeladen: „Folge mir!“, weil er ihn dadurch gesund und heil machen wollte. So nahm Jesus alle an, die zu ihm kamen und die bereit waren, seinen Ruf zu hören und ihre Sünde vor ihm zuzugeben und zu lassen. Weil es kein anderes Heilmittel gegen die Sünden gab, hat Jesus schließlich unsere Sünde auf sich genommen und hat sie ans Kreuz getragen und dort die Strafe dafür bezahlt. Der Apostel Petrus hat das so beschrieben: „Der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden“ (1. Petr. 2,24). Jesus ist der Arzt, zu dem jeder ohne Angst kommen kann und soll, weil er jeden, der zu ihm kommt, heil macht.

Als Nächstes lehrt Jesus, dass Gott Barmherzigkeit will. Er sagt: „Geht aber hin und lernt, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ (13a). Jesus zitiert hier ein Wort aus Hosea 6,6 (dieses Wort hat er übrigens wenige Kapitel später nochmals zitiert). Das Wort für „Barmherzigkeit“ kann auch mit Liebe, Gnade oder Güte übersetzt werden. Die Pharisäer waren stolz auf ihre Bemühungen, das Gesetz zu halten und die vorgeschriebenen Opfer zu bringen, aber sie hatten keine Liebe zu ihren Mitmenschen. Aber Gott will Barmherzigkeit. Er will nicht, dass wir versuchen, uns durch Opfer vor ihm angenehm zu machen, sondern dass wir seine Liebe zu uns erkennen, sie annehmen und erwidern, indem wir ihn lieben und unseren Mitmenschen mit Liebe und Barmherzigkeit begegnen.

Schließlich geht Jesus noch einen Schritt weiter, indem er sagt: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (13b). Jesus verkündigt hier, dass er für Gerechte gar nicht gekommen ist, sondern nur für Sünder. Dadurch fordert er die Pharisäer heraus, sich selbst als Sünder zu erkennen und zu ihm zu kommen – andernfalls können sie von ihm nichts erwarten; denn wer sich für einen Gerechten hält, dem kann er nicht helfen. Dass Jesus für Sünder gekommen ist, ist eine gute Nachricht für all, für alle, die bereit sind, anzuerkennen, dass sie vor Gott Sünder sind. Jesus ist für sie gekommen, er ruft sie und lädt sie freundlich ein, ihm zu folgen und im Vertrauen auf ihn zu leben. Alle, die auf ihn hören, nimmt er als seine Kinder an und heilt sie von ihrer Sünde und führt sie Schritt für Schritt in sein Reich. Sie können jeden Tag neu seine Liebe erfahren und in der Gemeinschaft mit ihm leben und auch in Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen leben.

Wahrscheinlich haben sich manche von euch schon gefragt, was das mit unserem Thema zu tun hat: eine Gemeinde, wie Jesus sie sich wünscht, die zur Gemeinschaft berufen ist. Die Antwort ist: sehr viel! Unser heutiger Text lehrt uns die Grundlage und den Charakter von Jesu Gemeinschaft mit seinen Jüngern; und diese ist ein Vorbild für christliche Gemeinschaft bis heute. Die Gemeinschaft von Jesus mit seinen Jüngern und deren Gemeinschaft basiert auf der Grundlage, dass Jesus die Sünder annimmt. Wenn wir an die Jünger denken, denken wir leicht an die heiligen Apostel, die das Evangelium in der Welt verbreitet haben. Aber der heutige Text erinnert uns daran, dass die Jünger echte Sünder waren, die sehr verkehrt dachten und lebten, die Jesus aber bedingungslos angenommen und ihnen die Sünden vergeben hat. Durch diese einseitige Liebe Jesu konnten sie in der Gemeinschaft mit ihm leben. Dadurch wurden sie von ihren Sünden geheilt und dazu befähigt, ein Leben zu führen, das Gott verherrlicht und das bis heute unzählige Menschen auf Jesus hinweist und sie zu ihm einlädt. All das ist nur durch die einseitige Liebe Jesu möglich geworden, durch die er sie bedingungslos angenommen und getragen und verändert hat. Diese Liebe Jesu zu den Sündern war auch die Grundlage für die Gemeinschaft der Jünger in der ersten Gemeinde, und sie ist auch die Grundlage der Gemeinschaft von Christen bis heute.

Wie können wir also eine Gemeinschaft sein, in der sich jeder angenommen fühlt, wie er ist, und in der jeder, der neu kommt, sich wirklich willkommen fühlt? Das ist eine wichtige Frage, über die wir uns viele Gedanken machen sollten. Aber im heutigen Text finden wir eine grundlegende Antwort. Jesus hat gesagt: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (13). Wir sollen uns dessen bewusst bleiben, dass Jesus nicht für Gerechte, sondern für Sünder gekommen ist, dass wir selber Sünder sind, die nur durch Jesu einseitige Liebe angenommen und Gottes Kinder geworden sind. Wir sollen in dieser Liebe Jesu bleiben, indem wir ihm jeden Tag dafür danken und unsere Sünden vor ihm bekennen und seine Vergebung annehmen. Wenn wir Gott jeden Tag für seine rettende Liebe zu uns danken und in Dankbarkeit dafür leben, dann können wir jeden in der Gemeinde annehmen und lieben, wie er ist, mit seinen Ecken und Kanten und Schwächen. Dann haben wir viel Raum und Interesse an den anderen und möchten sie gerne besser kennen und verstehen und uns offen mit ihnen austauschen, ohne dabei Erwartungen an sie zu haben. Wenn wir festhalten, dass Jesus für uns Sünder gekommen ist, können wir auch denen, die uns irgendwann durch ihre Worte oder ihr Verhalten verletzt haben, vergeben und einen neuen Anfang machen. Denn wir wollen die Liebe von Jesus gerne an die andern weitergeben. Weil Jesus für jeden von uns gekommen ist, können wir auch die von Herzen annehmen, die von ihrer Herkunft oder ihrem Charakter anders sind. So auch die, die bestimmte Dinge anders sehen, zum Beispiel bezüglich der Kindererziehung, der Politik oder wie man sich bezüglich Corona verhalten soll. Es gibt viele verschiedene Meinungen. Es gibt so viele Dinge, derentwegen wir uns von anderen distanzieren können. Aber wenn wir Jesu Liebe im Herzen haben, dann werden diese Dinge zweitrangig oder irrelevant, dann bleibt nichts, was uns trennt, wie es in dem berühmten Lied von Manfred Siebald (1973) heißt: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise; und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. … Wo Gottes große Liebe in einem Menschen brennt, da wird die Welt vom Licht erhellt; da bleibt nichts, was uns trennt.“

Wenn Gottes große Liebe zu Sündern in uns brennt, dann können wir auch jeden, der neu in die Gemeinde kommt, von Herzen annehmen. Wir können für ihn ein Freund werden, weil wir im Herzen den Wunsch haben, dass auch er oder sie die rettende Liebe Jesu erfährt. Das gilt unabhängig davon, ob er oder sie ein Schüler, Azubi, Student, Angestellter oder eine Hausfrau und Mutter ist oder kein davon; auch unabhängig davon, ob er oder sie freundlich und offen ist oder eher verschlossen und wir uns geduldig bemühen müssen, ihn oder sie zu verstehen. Und wenn wir das tun und erleben, dass auch verschiedenartigste Menschen sich angenommen fühlen und Jesu Liebe erfahren können, dann werden wir dankbar erkennen, dass Gott uns zu einer Gemeinde gemacht hat, in der sich jeder angenommen und geliebt fühlt; und das wird ihn ehren und freuen. Möge Gott uns helfen, dankbar im Bewusstsein zu behalten, dass Jesus für uns Sünder gekommen isst und uns als solche geliebt hat, und mit dieser Liebe die anderen bedingungslos anzunehmen! Möge Gott uns helfen, so eine Gemeinde zu werden, in der sich jeder angenommen und geliebt weiß!

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