Predigt: Johannes 1,1-13 – Weihnachten 2021

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Wort, Licht und Leben

„In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“

(Johannesevangelium 1,4)

Wir feiern heute den 1. Advent, weil wir uns an die Ankunft des Herrn Jesus auf dieser Erde erinnern und darüber freuen wollen. Wir freuen uns darüber, weil Jesu Menschwerdung viel Gnade erbracht hat, wie etwa Sündenvergebung und Ewiges Leben. Über diese Gnade können wir uns umso mehr freuen, sie umso mehr in Anspruch nehmen, wenn wir wissen, wer Jesus eigentlich ist. Jesus sagte einmal: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest und ⟨wüsstest⟩ wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken!, so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Zu wissen, wer Jesus ist, hilft uns, seine Gnade umso mehr in Anspruch zu nehmen. Hierzu ein Bild, um das zu verstehen: Wenn ein Kind mir sagen würde, dass es mir 1000 € schenken will, so würde ich es ihm nicht glauben und es nicht einmal darum bitten. Wenn ich aber über dieses Kind wüsste, dass es der Sohn von einem der reichsten und großzügigsten Scheiche der Welt wäre, so würde ich sagen: „Klar, gib her“. Wir wollen daher heute darüber nachdenken, wer Jesus ist, damit wir umso mehr das in Anspruch nehmen, was er uns gerne geben will. Der heutige Text aus Johannes Kapitel 1 spricht sehr viel über das Wesen und Person Jesu. Wir wollen uns mit ihm anhand von drei Fragen auseinandersetzen:
1. Wer ist Jesus? Wer ist Jesus nicht?
2. Was gibt uns Jesus?

1. Teil: Das Wesen Jesu (V. 1 – 5)

Eines der überzeugendsten Beweise dafür, dass die Heilige Schrift von Gott kommt, ist, dass sie Dinge schreibt, auf die der Mensch von sich aus gar nicht kommen würde – so z.B. über die Person Jesu: Kein Mensch würde wohl von sich aus darauf kommen, Jesus mit den Begriffen „Wort“, „Leben“ und „Licht“ zu bezeichnen. Auf solche Begriffe kommt man nicht von selbst – Johannes hat es so von Gott offenbart bekommen.

Erstens, Jesus ist das Wort
Beginnen wir mit „Wort“. Welche Aussagen über das Wort werden getroffen? Betrachten wir hierzu die Verse 1 und 2.
1. Eigenschaft: das Wort war im Anfang. Wie die meisten wissen, ist dieses Wort eine Anlehnung zu 1. Mose 1,1: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ Durch die Anlehnung an 1. Mo 1,1 macht Johannes deutlich, dass das Wort schon da war, bevor Himmel und Erde erschaffen wurden. Als noch nichts von der Welt existierte, war das Wort bereits schon da. Was zeigt das? Das zeigt, dass das Wort von Ewigkeit her ist und zweitens nicht mit dem Geschaffenen gleichzusetzen ist. Vers 3 bestätigt das: Das Wort ist nicht Geschöpf, sondern Schöpfer – alles, nicht nur die Menschen, sondern die ganze Erde, und nicht nur die ganze Erde, sondern das gesamte Universum, und nicht nur das gesamte Universum, sondern auch die himmlische Welt, also das gesamte himmlische Heer, unzählige Engeln, alles wurde durch das Wort erschaffen! Ohne das Wort wurde auch nicht eines, was geworden ist, heißt es am Ende von Vers 3.
2. Eigenschaft: das Wort war bei Gott. Das Wörtchen „bei“ meint nicht nur die räumliche Nähe zu Gott, sondern bedeutet auch „zu hin“. Das Wort ist zu Gott hingewandt, auf Ihn ausgerichtet, Gott zugeneigt, eben ganz bei Gott. Warum ist das so?
Dies hängt mit der 3. Eigenschaft vom Wort zusammen: „Gott selbst ist das Wort.“ Gottes Person und Gottes Wort stehen in einem unzertrennbaren Zusammenhang. Dies kennen wir auch zum Teil aus unserem Leben: Unsere Worte sagen über uns mehr aus, als wir vielleicht denken. Die Menge der Worte über ein Thema, die Art und Weise, wie wir etwas sagen – in welcher Lautstärke, in welcher Tonhöhe, mit Überzeugung oder Unsicherheit, die Art und Weise der Betonung, die Art und Weise der Atmung und wie wir etwas formulieren – all das sagt Vieles über unsere Person aus. Das, was wir sagen, fällt ja nicht einfach vom Himmel. Es steht in direkter Verbindung zu unserer Person. Unsere Worte sind ein Ausdruck unserer Person. Das umso mehr bei Gott. Alle Wesenszüge Gottes spiegeln sich in seinem Wort wider: So wie Gott ist auch das Wort heilig, so wie Gott ist auch das Wort wahrhaftig, so wie Gott ist das Wort mächtig usw. Alles, was Gott tut und tat, geschieht ja gerade durch sein Wort: „Sein Schaffen, Regieren, Richten, Leiten und Beschenken geschieht immer wieder durch sein ‚Sprechen‘, eben durch Sein Wort. (vgl. DE BOOR 1968: 351)“ Alle diese Aussagen über das Wort Gottes finden ihre Zuspitzung in Vers 14: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Das Wort ist Jesus selbst. Alle genannten Eigenschaften des Wortes treffen auf Jesus zu: Er ist vor allem Erschaffenen, durch Ihn wurde alles erschaffen, er war vor der Erschaffung der Welt bei Gott, er ist Gott zugewandt und er ist Gott höchstpersönlich. Wie schon eben erwähnt, sind unsere Worte ein gewisser Ausdruck unserer Person. Gleichzeitig kommen wir mit unseren Worten aber auch schnell an unsere Grenzen – wir schaffen es oft nicht, es ganz so auszudrücken, wie wir es meinen. Bei Gott ist es aber anders. Gott hat sich in Jesus, also dem Wort Gottes, vollkommen ausgesprochen, sein ganzes Herz, sein ganzes Wesen, sein ganzer Wille ist in der Person Jesu ausgesprochen. In Hebr. 1,1-2 heißt es: „Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn.“ Im Gleichnis von den bösen Weingärtnern sprach der Eigentümer des Weinbergs zuletzt durch seinen Sohn zu ihnen. Nachdem sie alle Knechte umgebracht hatten, hatte Gott die Hoffnung gehabt: „Sie werden sich vor meinen Sohn scheuen.“ Warum? Weil Gott in dem Sohn so klar und deutlich redet, hatte er die Hoffnung, dass die Weingärtner wenigstens durch ihn Buße tun. Wenn nicht durch ihn, durch wen dann?
Wenn jemand etwas genauso sieht, wie wir es sehen, oder meint, wie wir es meinen, benutzen wir Redewendungen wie: „Meine Rede“ oder: „Du sprichst mir aus dem Herzen“. Alles, was Jesus ist und tut, spricht Gott aus dem Herzen. Einmal schaute Gott vom Himmel zu seinem Sohn und sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Wenn Gott, der Vater, auf den Sohn schaut, freut er sich. Warum? Weil Jesus genauso ist wie Gott. In Kolosser 1,15 heißt es: „Dieser ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“
Im Vers 14 erfahren wir eine krasse Aussage über den Herrn: Das Wort wurde Fleisch. Jesus in seiner überragenden Größe als das Wort Gottes wurde Fleisch. Mit Fleisch meint die Bibel nicht einfach nur Körper, sondern den Menschen in seiner Schwachheit, Hinfälligkeit, Vergänglichkeit und Todverfallenheit. In der Menschwerdung Jesu ist beides miteinander vereint: Die überragende, göttliche Größe des Wortes Gottes verbunden mit der menschlichen Schwachheit. Er kann mit seiner göttlichen Kraft auch in unserer Schwachheit hineinwirken. Obgleich Jesus so groß ist, heißt das nicht, dass er uns fern ist. Es heißt nicht, dass das Wort das Fleisch angezogen hatte, sondern Fleisch wurde. Das macht deutlich: Gott wurde wahrhaft unseresgleichen in voller Solidarität (vgl. ebd., S. 52). In Jesus hat Gott an unserem Menschsein völlig teilgenommen. Jesus versteht uns in all unseren Anfechtungen.

Zweitens, Jesus ist das Leben
In Vers 4 erfahren wir, dass Jesus nicht nur das Wort, sondern in ihm auch das Leben ist. Jesus bezeichnet sich selbst auch als das Leben. Aber was ist mit Leben eigentlich gemeint? Im Biologieunterricht haben wir die Merkmale von Lebewesen durchgenommen (wie etwa Wachstum, Stoffwechsel, Bewegung, Reaktion auf Reize usw.). So gesehen sind auch Pflanzen Lebewesen. Aber ist das ein Leben, von dem Johannes hier spricht? Es geht ja beim Leben nicht einfach nur darum, zu existieren. Johannes spricht von einem echten, erfüllten Leben. Das ist vergleichbar damit, wie man bei einer Veranstaltung anwesend ist. Manche Schüler machen richtig aktiv am Unterricht mit, sie sind wirklich anwesend. Andere sind zwar da, aber sie sind innerlich abwesend. Genauso leben viele Menschen, aber nicht wirklich. Der Sündenfall brachte den Tod in die Welt. Seitdem existieren viele Menschen, aber leben nicht wirklich. Seit Jesu Auferstehung können Menschen wieder zu dem wahren, ewigen Leben gelangen. Viele Menschen suchen das Leben außerhalb von Jesus. Sie wenden sich weltlichen Freuden und Vergnügungen hin – aber diese Dinge stillen nur kurzzeitig den Durst nach Leben. Seitdem Corona da ist, sind viele diese weltlichen Freuden eingeschränkt. Leute verlieren die Freude am Leben, werden depressiv. Sie wissen nicht, wo das Leben eigentlich zu finden sind, haben keine Alternative. Weil alles durch Jesus, und nichts ohne Jesus erschaffen wurde, war es schon immer so gewesen, dass in Jesus das Leben ist. Ein echtes Leben außerhalb von Jesus gibt es gar nicht. Das Leben außerhalb Jesus zu suchen widerspricht der eigenen Natur, dem eigenen Wesen. Wir sind nicht so gebaut, dass wir woanders als bei Jesus das Leben finden. Jesus Christus spricht: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ Wo suchen wir, du und ich, das Leben? Wo suchen wir die Erfüllung?

Drittens, Jesus ist das Licht
Wir gebrauchen Begriffe wie „Todesnacht“, weil wir mit dem Tod Dunkelheit und Finsternis verbinden. Umgekehrt verhält es sich mit dem Leben. Am Ende von Vers 4 heißt es: Und das Leben war das Licht der Menschen. Das Leben steht in Verbindung mit Licht. Weil Jesus das Leben ist, ist er auch das Licht der Menschen. Was bedeutet das? Das Licht steht in der Bibel für Wahrheit, genauer gesagt die Wahrheit über Gott (vgl. Joh. 1,18). Diese Wahrheit über Gott ist nirgendwo deutlicher zu sehen als in der Person Jesu. Deswegen ist Jesus das Licht der Welt. Durch Jesus sehen Menschen Gott als den Vater. Diese Wahrheit verändert ihr Leben. Es bringt Freude und Zuversicht in ihr Leben hinein, auch dann, wenn die Umstände das Gegenteil sprechen. Wenn wir hingegen die Dinge nicht so sehen, wie Gott sie sieht, machen sich in unserem Leben Ängste, Hoffnungslosigkeit, Sorgen, Verzweiflung etc. breit. Sie machen unser Leben finster. Doch im Vers 5 erfahren wir, dass das Licht Jesu in unsere Finsternis hineinscheinen und alle Finsternis vertreiben kann. Da wo Licht ist, kann es keine Finsternis geben. Ebenso ist es auch mit dem Licht Jesu. Da wo das helle Licht Jesu scheint, also da, wo die Wahrheit über Gott in den Herzen von Menschen aufgeht, wird die Finsternis aus ihrem Leben vertrieben. Licht kann Finsternis vertreiben, aber die Finsternis kann das Licht nicht vertreiben. Ebenso ist auch das Licht Jesu stärker als unsere Finsternis, wenn wir es in unserem Leben hineinleuchten lassen. Es gibt eigentlich nur eine Voraussetzung dafür, dass das Licht Jesu in unser Leben scheinen kann. Diese erfahren wir in Joh. 3,19-21: Dies aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden; wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Wahrheit liebhaben.
Wir haben bisher betrachtet, wer Jesus ist. In den nachfolgenden Versen geht es darum, wer Jesus nicht ist. Ab Vers 6 ist auf einmal von Johannes, dem Täufer, die Rede. Warum? Johannes, der Täufer, hatte in der jüdischen Gesellschaft solch eine große Anerkennung gefunden, dass manche sich fragten, ob er nicht der Messias sei. Deswegen ist der Apostel Johannes darum bemüht, dies richtigzustellen. Bemerkenswert ist, wie die Person des Täufers eingeleitet wird: „Da war ein Mensch, von Gott gesandt …“ Anders als das Wort war Johannes nur ein Mensch. Johannes war von Gott gesandt, aber nicht Gott gleich. Johannes zeugte vom Licht, aber er war nicht das Licht. Das ist ein großer Unterschied. Es gab und gibt zu allen Zeiten große Männer und Frauen Gottes. Doch wie einflussreich sie auch waren und sind, sie selbst sind nicht das Licht und Leben. Sie können uns helfen zum Licht zu kommen. Sie können uns helfen, das ewige Leben zu bekommen und gedeihen zu lassen, aber sie selber können unser Leben nicht hell machen, sie können es nicht verbessern. Manche oder viele Menschen bauen ihre Hoffnung auf Menschen, weil sie meinen, durch sie kann die Finsternis aus ihrem Licht vertrieben werden. Allerdings werden sie darin enttäuscht. Warum? Ganz einfach, sie sind nicht das Licht, allenfalls können sie zeugen vom Licht. Man muss selber zu Jesus kommen, selber eine Beziehung mit ihm haben. Dies können uns andere Christen nicht abnehmen, wie geistlich auch sie sein mögen.
Weil Jesu Person so überragend groß ist, kann er uns auch große Dinge geben. Hiervon sprechen die Verse 9 bis 13.

Teil 2: Die Gnade in Jesu (V. 9 – 13)

Betrachten wir Vers 9. Weil Jesus das Licht der Welt ist, kann Jesus jeden Menschen erleuchten. Jeder kann erleuchtet werden! Was ist mit Erleuchtung gemeint? Ungläubige haben ein verkehrtes Gottesbild in ihrem Kopf. Wenn man mit ihnen redet, hat man den Eindruck, dass sich die einen Gott als einen blutrünstigen, die anderen als eine gleichgültige Person und wiederum andere als einen lieben Opa vorstellen. Ihr Verstand ist verfinstert. Doch in Jesus können sie Gott so begegnen, wie er wirklich ist, nämlich als den Vater. Jesus sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Gott so erkennen, wie er wirklich ist, ist die Erleuchtung. Dies geschieht allein durch Jesus. Deswegen heißt es im Vers 18: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der einziggeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ⟨ihn⟩ bekannt gemacht.“ Heutzutage glauben immer mehr Menschen, dass man nicht wissen kann, ob es einen Gott gibt oder nicht. Aber das ist nicht wahr. Jesus, das Licht der Welt, kann jedermann erleuchten. Jeder kann die Wahrheit über Gott erkennen. Wenn ein Halogenstrahler auf meine Augen leuchtet, ich aber meine Augen mit meinen Händen verdecke, kann ich nichts vom Licht vernehmen. Ebenso ist es mich dem Licht Jesu – man muss dessen Erleuchtung zulassen!
Aber auch uns Gläubigen kann es passieren, dass sich in uns mit der Zeit ein verkehrtes Gottesbild einschleicht. Daher müssen auch wir immer wieder durch die Begegnung mit Jesus aufs Neue erleuchtet werden. In Römer 12,2 heißt es: „Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes“.
Im Vers 12 erfahren wir etwas Weiteres, was wir durch Jesus erhalten – es ist die Macht, ein Kind Gottes zu werden. Es kann aber auch heißen: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Warum Macht? Die natürliche Geburt geschieht durch den Willen von Menschen, aber die geistliche Geburt allein durch den Willen Gottes. Man kann die geistliche Wiedergeburt nicht erzwingen. Wie sehr man sie auch wollte, sie geschieht doch nur dann, wenn es Gott auch will. Ein passendes Beispiel dafür ist die Glaubensgeschichte von Whitefield, der alles Mögliche versuchte, Askese bis zum Rande des Zusammenbruchs betrieb, um wiedergeboren zu werden:
Gott zeigte mir, dass ich von neuem geboren werden oder verdammt werden müsse. Ich erfuhr hier, dass man in die Kirche gehen, Gebete aufsagen, das Sakrament empfangen kann, ohne ein Christ zu sein. Wie brachte das mein Herz in Wallung! (…)
Als erstes verschärfte er seine Askese, was ihm wachsende Feindschaft seiner Verwandten in Gloucester und Unverstand bei seinen Mitbrüdern im Heiligen Club einbrachte (…)
Der geplagte Jüngling trieb seine Askese noch weiter, aß keine Früchte mehr, sondern gab das auf diese Weise gesparte Geld den Armen. Er nahm nur das kümmerlichste Essen zu sich, trug einen geflickten Rock und schmutzige Schuhe. Dann stürzte er sich in einen extremen Quietismus (…) so dass er, statt wenig zu reden, gar nicht mehr redete, und aus dem Rat, vor Gott stille zu sein, den Schluss zog, gar nicht mehr zu beten. Er saß ganze Abende stumm vor sich hinstarrend unter seinen Freunden im Heiligen Club (…)
Noch immer brannte die ungestillte Sehnsucht in seiner Seele, und er steigerte seine asketischen Strapazen abermals. Er meinte, er müsse es dem Herrn gleichtun, der in der Wildnis versucht worden war. Ganze Nächte verharrte er auf den Feldern kniend oder bäuchlings ausgestreckt im Gebet (…)
Schließlich befand er sich am Rande des vollständigen Zusammenbruchs. In der Fastenzeit des Frühlings 1735 aß er während sechs Wochen nichts als ein wenig Schwarzbrot und trank dazu Salbeitee. Er war körperlich schon so geschwächt, dass er nicht mehr arbeiten und nur noch Tag und Nacht zu Gott flüstern konnte. Meine in die Länge gezogene Enthaltsamkeit und die inneren Kämpfe zehrten mich schließlich so auf, dass ich in der Osterwoche fast nicht mehr die Treppe hinaufgehen konnte (…)
Sein Zustand war nun so ernst, dass man befürchten musste, Whitefield werde vom gleichen Schicksal getroffen, wie zwei Jahre vor ihm ein anderes Mitglied des Heiligen Clubs. William Morgan war damals über seiner maßlosen Askese gestorben.2

Es gehört dazu wirklich Macht bzw. Vollmacht, um ein Kind Gottes zu werden. Diese Macht hat Jesus. Jesus hat diese Macht, weil er das Wort Gottes ist. Das Wort Gottes kann neues Leben schaffen. Jesus gibt jedem die Macht, ein Kind Gottes zu werden, der an seinen Namen glaubt. Vers 12 macht deutlich, dass das Glauben an Jesu Namen gleichbedeutend damit ist, Jesus in sein Herz aufzunehmen. Manchen oder vielen fällt es schwer, Jesus in ihr Herz aufzunehmen, weil ihnen etwas an Jesus stört. Zum Beispiel erkennen viele Jesus als einen guten und vorbildlichen Menschen an, haben aber ein Problem damit, ihn als den einzigen Weg zu Gott anzuerkennen. Jesus möchte so aufgenommen werden, wie er tatsächlich ist, ohne Abstriche, mit all seinen Ansprüchen über die Größe seiner Person.
Das gilt natürlich auch für uns Gläubigen. Im Laufe unseres Glaubenslebens möchte sich Jesus uns mehr und mehr offenbaren. Dabei kann es sein, dass wir mit Dingen von Jesu Personen konfrontiert werden, die uns stören. Zum Beispiel hat das Petrus erlebt, als Jesus ihm den Kreuzesweg offenbarte (Mt. 16,22). Johannes der Täufer ärgerte sich an Jesus, weil Jesus nicht so handelte, wie er erwartet hatte, als er im Gefängnis war (Mt. 11,2-6). Wenn wir ihn so annehmen, wie Er ist, kann das neue Leben in uns gedeihen und wir Christus ähnlicher werden.
Es kann aber auch heißen: „So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden.“ Wenn von „Recht“ die Rede ist, dann zeigt das, dass die Kindschaft Gottes ein Privileg ist. Was gibt es für ein größeres Privileg, als ein Kind Gottes zu sein? Hiervon spricht auch dieses Wort: Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! (Röm 8,15).
Möge das Licht Jesu in unserem Leben mehr und mehr scheinen und alle Finsternis aus unserem Leben vertreiben. Lasst uns beten.

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1 DE BOOR, W. (1968): Das Evangelium des Johannes. Erklärt von Werner der Boor. R. Brockhaus Verlag Wuppertal.
2 PETERS, B. (20032): George Whitefield. Der Erwecker Englands und Amerikas, S. 25-27. CLV.

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Fragebogen: Johannes 1,1-13 – Weihnachten 2021

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Das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet

„Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“

(Johannesevangelium 1,9)

1. Was sagen die Verse 1 und 2 über „das Wort“ und über seine Beziehung zu Gott? Was bedeutet es, dass alle Dinge durch das Wort gemacht sind (3)? Wofür steht das Wort (vgl. Vers 14)?

2. Was bedeutet es, dass in ihm das Leben war? Und dass das Leben das Licht der Menschen war (4)? Was sagt Vers 5 über das Licht?

3. Was sagen die Verse 6-8 über die Aufgabe von Johannes dem Täufer? Was sagt Vers 9 über das wahre Licht und was bedeutet das?

4. Wie haben die Menschen darauf reagiert (10.11)? Was gibt er all denen, die ihn aufnehmen (12)? Was bedeutet es für dich, dass Jesus das wahre Licht für alle Menschen ist?

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 7 – Sprüche 17,17 u.a, Johannes 15,12-15

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Echte Freundschaft

Und es geschah, als er aufgehört hatte mit Saul zu reden, da verband sich die Seele Jonathans mit der Seele Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele

(1. Samuel 18,1)

Zurzeit als ich studiert hatte, war studivz sehr beliebt gewesen. Kennt das noch jemand von euch? Ist so ähnlich wie facebook oder Instagram. Als ich mich auf dieser Plattform angemeldet hatte, bekam ich erst einmal die Mitteilung: „Du hast 0 Freunde“. Das hörte sich nicht nett an. Aber schon bald danach bekam man eine Freundschaftseinladung nach der anderen, und bald hatte man dann auf einmal Hunderte von Freunden. Aber waren das alle wirklich Freunde gewesen? Sagen wir mal, dir geht es so richtig schlecht. Wer von diesen Freunden würde dich besuchen? Oder wer von denen würde dich anrufen? Wem von denen würdest du überhaupt erzählen, wie es dir geht? Was auf diesen sozialen Plattformen mit „Freunden“ gemeint ist, sind eigentlich nicht „Freunde“, sondern „Bekannte“. Das sind Leute, die du kennst. Aber Freunde sind noch mal etwas anderes. Heutzutage, im Zeitalter der Social Media, wird das Wort „Freund“ zunehmend oberflächlich benutzt. Was aber eine echte Freundschaft ist, erfahren wir in der Bibel. In der Bibel erfahren wir auch, dass echte Freundschaft etwas Besonderes ist, etwas besonders Schönes. Zum Beispiel heißt es in Psalm 133: „Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder in Eintracht beisammen sind! Wie das feine Öl auf dem Haupt, das herabfließt in den Bart, den Bart Aarons, das herabfließt bis zum Saum seiner Kleider usw.“ David sagte über die Freundschaft mit Jonathan: „Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe!“ (2. Sam. 1,26)
Jeder von uns wünscht sich echte Freundschaft. Gleichzeitig fällt es uns selbst schwer, für andere ein echter Freund zu sein. Und eben das ist das Dilemma: Wer anderen kein echter Freund ist, hat oft auch selbst keine. Denn der Grund warum man keine echten Freunde hat, liegt daran, dass man es selbst anderen nicht ist. Echte Freundschaften sind nicht nur der Wunsch von einem jeden von uns, sondern auch unentbehrlich für eine lebendige und liebevolle Gemeinschaft in der Gemeinde, unentbehrlich für das gesunde Wachstum einer Gemeinde. Daher ist es gut, dass wir uns mit dem Thema der Freundschaft auseinandersetzen. Wir werden es anhand von drei Fragen tun:

1. Was ist die Voraussetzung für echte Freundschaft?
2. Was sind die Kennzeichen echter Freundschaft?
3. Wie können wir unter uns echte Freundschaft haben?

1. die Voraussetzung echter Freundschaft (1. Samuel 18,1-4)

Damit wir anderen ein echter Freund sein können, müssen wir verstehen, was die Voraussetzung zur Entstehung von echter Freundschaft ist. Eine Antwort hierauf erfahren wir durch die Freundschaft von Jonathan mit David. Hierzu sollten wir uns in Erinnerung rufen, wer noch mal Jonathan war. Jonathan war der, der sich zu zweit mit 20 Philistern angelegt hatte. Sein Argument war: „es ist dem HERRN nicht schwer, durch viele oder durch wenige zu retten!“ (1. Sam 14,6) Jonathan war ein Mann des Glaubens. David war nicht anders. David sagte zu Goliath:

Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Kurzschwert. Ich aber komme zu dir mit dem Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast. Heute wird der HERR dich in meine Hand ausliefern, und ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Und die Leichen des Heeres der Philister werde ich heute noch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren der Erde geben. Und die ganze Erde soll erkennen, dass Israel einen Gott hat. Und diese ganze Versammlung soll erkennen, dass der HERR nicht durch Schwert oder Speer rettet. Denn des HERRN ist der Kampf, und er wird euch in unsere Hand geben! (1. Sam 17,45-47)

In dem Kampf gegen Goliath bewies David vor der Öffentlichkeit Israels klaren Glauben und Eifer für Gott. Jonathan muss das alles mitbekommen haben. Und was war das Resultat davon? In 1. Samuel 18,1 heißt es: „Und es geschah, als er aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich die Seele Jonatans mit der Seele Davids; und Jonatan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele“ Das Resultat war echte Freundschaft. Aber warum? Warum fing Jonathan auf einmal an, David wie seine eigene Seele zu lieben? Durch die Begebenheit mit Saul erkannte Jonathan: „David brennt für dieselbe Sache wie ich, nämlich für Gott!“ Jonathan erkannte: „David denkt genauso wie ich: er glaubt auch, dass Gott auch durch wenig helfen kann. David findet das wichtig, was mir auch wichtig ist: die Ehre Gottes.“ Der Grund dafür, dass sich Jonathans Herz mit Davids Herz verband, war, dass beide für dieselbe Sache brannten, dass beide das Herz für dieselbe Sache hatten und folglich ähnlich dachten und glaubten. Dies ist die Voraussetzung zur Entstehung echter Freundschaft.
Übrigens gilt das nicht nur für die Freundschaft unter Gläubigen. Sicherlich entstanden auch unter Nazis und Kommunisten tiefe Freundschaften – eben weil sie für dasselbe, nämlich für dieselbe Ideologie brannten. Der Unterschied zur Freundschaft unter Gläubigen ist, dass sie für die richtige Sache brennen, nämlich für Jesus, für das Kommen seines Reiches. Wer echte brüderliche Freundschaft möchte, sollte für Jesus und sein Reich brennen. Dann werden sich um ihn auch solche versammeln, die dasselbe Anliegen haben.
In der Predigt habe ich immer wieder das Wort „echt“ benutzt. Was bedeutet aber „echt“ im Kontext von Freundschaft? Was macht denn eine echte Freundschaft aus? Lasst uns das im zweiten Teil der Predigt betrachten.

2. Kennzeichen echter Freundschaft (Spr. 17,17; 18,24; 27,5-6; 9-10)

Bemerkenswert ist, dass das Buch der Sprüche sehr viel über wahre Freundschaft spricht. Warum? Das Buch der Sprüche ist ja von Salomo geschrieben. Salomo hatte viele Frauen gehabt – sage und schreibe 1000. Sicherlich hatte Salomo deswegen viele Kinder gehabt. Daher ist es kein Zufall, dass das Buch der Sprüche viele Themen aufgreift, die Jugendliche betreffen, wie etwa das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bzw. Cliquenbildung; sexuelle Beziehungen, Erziehung, Faulheit und eben auch das Thema „Freundschaft“. Immer wieder heißt es im Buch der Sprüche: „Mein Sohn“. Als Salomo dieses Buch schrieb, hatte er sicherlich seine Kinder im Blick. Es gibt so manche Trickfilmserien, die schauen sich sowohl Kinder als auch Erwachsene gerne an. Das Buch der Sprüche ist so ein Buch, das zwar in erster Linie für Jugendliche geschrieben wurde, aber gleichzeitig auch für Erwachsene hochrelevant ist.
Wir wollen daher einige Verse aus dem Buch Sprüche zu dem Thema „Freundschaft“ betrachten. Der erste Vers ist aus Spr. 17,17: „Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren.“ Ein Freund liebt allezeit – ein wahrer Freund liebt nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten Zeiten. Jemandem auch in schlechten Zeiten ein Freund zu sein, ist alles andere als selbstverständlich. Freundschaften werden oft geknüpft, weil man sich einen Nutzen davon erhofft. Kommt der Freund aber in Not, kann es sein, dass dieser Nutzen wegfällt. Zum Beispiel kennen wir Geschichten von reichen Leuten, die alle ihre Freunde verloren, als sie verarmten. Aber bei Freundschaften geht es nicht nur immer um Geld und Güter. Den Nutzen, den man sich erhofft, kann auch immaterieller Natur sein, z.B. dass man sich durch die Gemeinschaft mit dem Freund fun und action wünscht. Wir kennen das ja auch aus unserem Leben: Wenn wir fröhlich und happy sind, dann haben die Leute gerne Gemeinschaft mit uns. Was ist aber, wenn wir down sind? Klar, das heißt nicht, dass auf einmal niemand mehr was mit uns zu tun haben will. Wir werden sicherlich von dem einen und anderen die Frage hören: „Was ist mit dir?“, „Kann ich dir helfen?“. Aber wenn sich die down-Phase über eine längere Zeit hinzieht, wird man die Erfahrung machen, dass sich immer weniger Leute bei einem melden. Mal Hand aufs Herz: Wer von uns, hat schon gerne mit depressiven Leuten zu tun? Intuitiv meidet man solche Leute eher. Jonathan liebte David nicht nur, als David im Hof Sauls diente. Jonathan liebte David nicht nur, als er vom Volk als Held gefeiert wurde. Im Gegenteil, er liebte Jonathan auch dann, als er vom eigenen Vater als Staatsfeind Nr. 1 erklärt wurde. In Spr. 18,24b heißt es: „es gibt Freunde, die hangen fester an als ein Bruder.“ Ein Kennzeichen wahrer Freundschaft ist also Beständigkeit. Beständigkeit setzt aber voraus, dass die Freundschaft nicht auf einen gewissen Nutzen gegründet ist.
Jonathan erhoffte sich durch die Freundschaft mit David keinen Nutzen. Im Gegenteil – vielmehr gab Jonathan für David die wertvollsten Dinge hin – seine fürstliche Kleidung, seine Waffenausrüstung sowie sein Anspruch auf das Königtum. Jonathan riskierte für David seine Beziehung zu seinem Vater – er riskierte für David sogar sein Leben. Anders war es in der Beziehung mit Saul. Über Saul heißt es zuerst: „Und ⟨Saul⟩ gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein Waffenträger“ (1. Sam 16,21). Saul hatte David lieb, sogar sehr lieb. Aber später wollte er ihn umbringen. Wie kann das sein, dass sich seine Einstellung zu David so sehr ins Gegenteil verkehrte? Sauls Beziehung zu David gründete auf ein Nutzen, das er in David sah. Als aber Saul meinte, David sei ihm mehr Schaden als Nutzen, wurde aus der Freundschaft eine Feindschaft.
Ein weiteres Kennzeichen echter Freundschaft erfahren wir in Spr. 27,5: „Besser Zurechtweisung, die aufdeckt, als Liebe, die verheimlicht. Treu gemeint sind die Schläge des Freundes, aber reichlich sind die Küsse des Hassers.“ Die Verse 5 und 6 sind parallel aufgebaut. Das ist ein rhetorisches Stilmittel, um eine Aussage zu verdeutlichen. Im Vers 5 ist von Zurechtweisung die Rede, die Fehlverhalten aufdeckt. Vers 6 spricht von Schlägen des Freundes. Diese sind ein Bild für Worte, die schmerzlich sind, aber die der Freund braucht und unbedingt hören muss. Es sind eben Worte der Zurechtweisung. Diese Worte kommen nicht vom Feind, sondern vom Freund. David erfuhr vom Propheten Nathan Zurechtweisung, als er zu ihm sagte: „Du bist der Mann“ (2. Sam. 12,7). Es muss für David sehr hart gewesen sein, diese Worte zu hören. Aber im Psalm 141,5 sagte er: „Der Gerechte schlage mich, das ist Gnade; und er züchtige mich, das ist Öl für mein Haupt, und mein Haupt soll sich nicht dagegen sträuben, wenn es auch wiederholt geschieht.“ Ein weiteres Kennzeichen echter Freundschaft ist also Aufrichtigkeit. Eine echte Freundschaft gibt einander die Freiheit, dem anderen die Wahrheit sagen zu können.
Was ist das Gegenteil von so einer Freundschaft? Im Vers 5 ist von einer Liebe die Rede, die verheimlicht. Was ist damit gemeint? Manche Menschen sagen: „Ich liebe diese Person zu sehr, als dass ich ihm die Wahrheit sagen könnte. Ich will ihm nicht wehtun.“ Das ist eine Liebe, die verheimlicht. Aber womit ist so eine Liebe vergleichbar? Vers 6 macht es deutlich: Solch eine Liebe sind genauso wie die Küsse des Hassers, also in Wirklichkeit gar keine Liebe, sondern Hass. Weil es mir unangenehm ist, dem Freund schmerzvolle Worte zu sagen, lasse ich ihn lieber ins Verderben laufen. Wie kann das Liebe sein? In Wirklichkeit liebe ich nicht den Freund zu sehr, sondern mich. Nicht Freunde, sondern Leute, die einen hassen, lassen einen ins Verderben laufen. Wenn mich jemand in meinem Fehlverhalten bestätigt und mir sagt: „Du hast recht“, dann ist das sehr angenehm, ebenso angenehm wie ein Kuss. Er fühlt sich an wie Liebe zu mir, aber in Wirklichkeit ist es Hass mir gegenüber. Denn es ist dem anderen nicht so wichtig, ob ich ins Verderben laufe oder nicht. Er treibt ihn sogar dorthin. In Sprüche 29,5 heißt es: „Wer seinem Nächsten schmeichelt, der stellt seinen Füßen ein Netz.“ Man könnte einwenden: Ist es nicht zu übertrieben, von Hass zu sprechen? Aber nach der Bibel gibt es nur „Liebe“ oder „Hass“. Deswegen fängt Hass bereits damit an, wenn mir das Wohlergehen meines Nächsten gleichgültig oder nicht so wichtig ist.
Das dritte Kennzeichen einer wahren Freundschaft lesen wir in Sprüche 27,9: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, so auch die süße Rede eines Freundes aus dem Rat seiner Seele.“ Um diesen Vers gut zu verstehen, ist es hilfreich weitere Übersetzungen heranzuziehen: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, und die Süße seines Freundes die bekümmerte Seele.“ Oder: „Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, aber von Betrübnis zerreißt sich die Seele.“ Dieses Wort zeigt auf, wie wohltuend der Rat eines Freundes für einen ist, der bekümmert ist. Es ist regelrecht ein Medikament für den Betrübten.
Die letzte Übersetzung macht die schreckliche Alternative deutlich: Man wird von Betrübnis zerrissen. Das kann eben dann passieren, wenn man sein Leid für sich behält bzw. sich nicht den Rat des Freundes einholt. Ein Seelsorger sagte einmal, dass es Leute gibt, die mit vielen abhängen und zu tun haben, aber sich doch einsam fühlen. Er erklärte, dass es daran läge, dass sie niemanden haben, dem sie sich mitteilen können oder wollen. Sich jemand anders mitzuteilen ist von der Befürchtung begleitet, dass man den anderen enttäuscht und von ihm abgelehnt wird. Man macht sich verletzlich. Daher ist es nicht so leicht, sich jemandem mitzuteilen. Aber das Wort aus Sprüche 27,9 ermutigt dazu, sein Leid dem Freund mitzuteilen, anstelle es für sich zu behalten. Bemerkenswert ist, dass Jesus selbst Vertrautheit in Verbindung mit Freundschaft bringt. In Joh. 15,15b heißt es: „Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.“ Jesus Worte zeigen, dass gerade Offenheit ein Kennzeichen von Freundschaft ist. Auch andere Stellen machen deutlich, dass Jesus seinen Jüngern immer wieder sein Herz mitgeteilt hat, zum Beispiel sprach Jesus ganz offen über seine Ängste vor dem Kreuzestod. In Lk. 12,49 und 50 sagte er: „49 Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, es wäre schon angezündet! 50 Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollbracht ist!“ Im Garten Gethsemane sagte er zu seinen Jüngern: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod“ (Mk. 14,34). Ein weiteres Kennzeichen wahrer Freundschaft ist also Offenheit bzw. dass man sich einander transparent macht. Erst dadurch kann man einander hilfreichen Rat, Trost und Ermutigung geben.
Aus der Johannes 15-Stelle lässt sich noch ein weiteres Kennzeichen wahrer Freundschaft ableiten. Jesus spricht davon, dass niemand größere Liebe hat, als dass er sein Leben hingibt für seine Freunde. Echte Freundschaft hat „mit Leben lassen“ zu tun. Dieses Leben lassen kommt nicht immer dadurch zum Ausdruck, dass man für den anderen stirbt. Es kann sich auch darin zeigen, dass man bereit ist, für den Freund Verzicht auf sich zu nehmen, und zwar selbst auf Dinge, die einem sehr wichtig sind. Wie bereits erwähnt, sehen wir dies sehr gut in der Freundschaft von Jonathan mit David. Echte Freundschaft opfert für den anderen – nicht nur materielle Dinge, sondern auch Zeit. Sich für einen Freund, der in Not ist, Zeit zu nehmen, obwohl man selber keine Zeit hat, ist ebenfalls ein Ausdruck davon, sein Leben zu lassen. Das Gedeihen einer Freundschaft erfordert auf jeden Fall auch Zeit.
Beständigkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit und „Leben lassen“ sind Voraussetzungen für echte Freundschaft – alles Dinge, die gar nicht so leicht sind. Wie können wir anderen ein echter Freund sein? Betrachten wir dies im dritten Teil der Predigt.

3. Jesu Freundschaft mit uns (Joh. 15,12-16)

Um in der Gemeinde einander ein echter Freund sein zu können, müssen wir verstehen, was die Grundlage dieser Freundschaft ist. Wie erfahren sie in Joh. 15. Im Vers 12 erfahren wir: Jesu Liebe zu uns ist die Grundlage der Liebe untereinander. Oder mit anderen Worten: Jesu Freundschaft zu uns ist die Grundlage der Freundschaft untereinander. Und was ist die Grundlage von Jesu Freundschaft zu uns? Im Vers 13 steht, dass Jesus Sein Leben für uns gegeben hat. Als Jesus sein Leben für uns gab, waren wir ja Feinde Gottes. Jesu behandelte seine Feinde wie Freunde, indem er sein Leben ließ für uns. Daher basiert die Freundschaft Jesu zu uns nicht auf irgendetwas Gutes von uns. Sie basiert auf das Kreuz. Jeder, der diese Liebestat Jesu am Kreuz für sein Leben in Anspruch nimmt, wird von einem Feind zum Freund Jesu. Vers 14 ist nicht so gemeint, dass wir dadurch Freunde Jesu werden, indem wir seine Gebote halten. Wäre das so, wäre Jesu Verständnis von Freundschaft wie das von kleinen Kindern. Sobald der Freund nicht das macht, was einem gefällt, heißt es: „Jetzt bist du nicht mehr mein Freund.“ Vielmehr will Jesus sagen: „Dass ihr wirklich meine Freunde seid, zeigt sich daran, dass ihr meine Gebote haltet.“ Diese neue Beziehung, die jeder Gläubige hat, ist ja nicht sichtbar. Dass wir wirklich Freunde Jesu geworden sind, zeigt sich darin, dass man das tut, was Jesus sagt. Vers 16 bestätigt, dass nicht etwas Gutes von uns die Grundlage für die Freundschaft mit Jesus ist, sondern Jesu Erwählung.
Wenn ich verstanden habe, dass meine Freundschaft zu anderen auf die Freundschaft mit Jesus basiert, wird es einfacher, anderen ein echter Freund zu sein. Hierzu einige Beispiele:
Manchen fällt es schwer anderen ein echter Freund zu sein, zumal man zu sehr um sich selbst besorgt ist. Wenn man aber im Herzen verstanden hat, dass Jesus sich um einen kümmert, weil er sein Freund ist, kann man mehr für andere da sein. Manchen fällt es schwer anderen ein wahrer Freund zu sein, weil es erfordert, dass man sich persönliche Dinge anvertrauen. Man macht sich dadurch verletzlich. Aber wenn man verstanden hat, dass man in Jesus einen Freund hat, von dem man immer angenommen ist, braucht man die Ablehnung nicht mehr zu fürchten. Manchen fällt es schwer, anderen ein Freund zu sein, weil man befürchtet, dass andere das Vertrauen missbrauchen und über einem die Kontrolle bekommen können. Aber wenn man verstanden hat, dass man in Jesus einen Freund hat, der alles unter Kontrolle hat, alles zu seinem Besten gebraucht und man bei ihm sicher ist, kann man sich mehr auf andere einlassen. Manchen fällt es schwer, anderen ein wahrer Freund zu sein, da die Fehler anderer bei ihnen schnell Anstoß erregen. Aber wenn ich verstanden habe, dass ich in Jesus einen Freund habe, der ich über alles liebt, kann ich auch andere mehr lieben. Spurgeon sagte einmal: „Fehler sind immer dick, wo die Liebe dünn ist.“ Erst durch die Freundschaft mit Jesus kann ich selber ein wahrer Freund für andere sein.

Aber warum kann es sein, dass man im Alltag zu wenig von der Freundschaft mit Jesus spürt? Manchmal könnte man meinen, diese Freundschaft wäre nur Theorie. Liegt das an Jesus? Ist Jesus etwa ein schlechter Freund? Natürlich nicht – es gibt ja keinen besseren Freund als der, der sein Leben für seinen Freund lässt. Es liegt eher daran, dass die Freundschaft mit Jesus oft zu wenig ausgelebt, also dass diese Freundschaft mit Jesus zu wenig in Anspruch genommen wird. Wenn wir diese Freundschaft im Alltag in Anspruch nehmen, wird diese Freundschaft im Alltag mehr und mehr zur Realität. Was bedeutet es aber Jesu Freundschaft in Anspruch zu nehmen? Ich möchte mit dem bekannten Lied „Welch ein Freund ist unser Jesus“ antworten:

1) Welch ein Freund ist unser Jesus, o wie hoch ist Er erhöht!
Er hat uns mit Gott versöhnet und vertritt uns im Gebet.
Wer mag sagen und ermessen, wie viel Heil verloren geht,
wenn wir nicht zu Ihm uns wenden und Ihn suchen im Gebet!
2) Wenn des Feindes Macht uns drohet und manch Sturm rings um uns weht,
brauchen wir uns nicht zu fürchten, stehn wir gläubig im Gebet.
Da erweist sich Jesu Treue, wie Er uns zur Seite steht
als ein mächtiger Erretter, der erhört ein ernst Gebet.
3) Sind mit Sorgen wir beladen, sei es frühe oder spät,
hilft uns sicher unser Jesus, fliehn zu Ihm wir im Gebet.
Sind von Freunden wir verlassen und wir gehen ins Gebet,
o, so ist uns Jesus alles: König, Priester und Prophet.

Ein wichtiger Aspekt davon, wie wir die Freundschaft mit Jesus ausleben können, ist, dass wir mit ihm im Alltag über alles sprechen und besprechen. Nicht ohne Grund heißt es: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thess. 5,17).
Als Jesus am Kreuz starb, wurde er vom Vater verlassen, damit Gott mit uns sein kann – in Jesus ist Gott unser Freund, unser Immanuel (Mt. 1,23). Ein großes Geschenk, das wir im Alltag ausleben, das wir im Alltag immer wieder in Anspruch nehmen sollten.

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Berufen zur Gemeinschaft 7 – Sprüche 17,17 u.a, Joh 15,12-15

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Freundschaft

Dies ist die letzte Lektion zum Thema „Gemeinschaft“. Wir haben heute wieder ein thematisches Bibelstudium. Die Texte (aus EHÜ) sind:

Spr 17,17: „Der Freund erweist zu jeder Zeit Liebe, / der Bruder ist für die Not geboren.“
Spr 18,24: „Ein Mann mit vielen Bekannten kann scheitern, / ein guter Freund ist anhänglicher als ein Bruder.“
Spr 22,24-25: „Befreunde dich nicht mit dem Jähzornigen, / verkehre nicht mit einem Hitzkopf, damit du dich nicht an seine Pfade gewöhnst / und dir eine Schlinge legst für dein Leben!“
Spr 27,5-6: „Besser offener Tadel / als Liebe, die sich nicht zeigt. Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, / zahlreich die Küsse eines Feindes.“
Spr 27,9-10: „Salböl und Räucherwerk erfreuen das Herz – / so auch die Herzlichkeit eines Freundes aus innerer Überzeugung. Deinen Freund und deines Vaters Freund gib nicht auf, / geh nicht in das Haus deines Bruders, wenn du in Not bist! / Besser ein Nachbar in der Nähe / als ein Bruder in der Ferne.“
Spr 27,17: „Eisen wird an Eisen geschliffen; / so schleift einer den Charakter des andern.“
Joh 15,12-15: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“

Betrachte zunächst die Verse aus den Sprüchen. Welche Eigenschaften (einschließlich charakterliche) hat ein idealer Freund? Weshalb? Welche Hinweise finden wir in den Versen zur Wichtigkeit von Freundschaften?
Betrachte als nächstes die Textstelle aus Johannes. Jesus definiert die Beziehungen zu seinen Jüngern als Freundschaft. Warum ist das revolutionär und was folgt daraus für die Beziehungen unter den Jüngern?

Wen würdest du als einen sehr guten Freund bezeichnen (in und/oder außerhalb der Gemeinde)? Weshalb?
Wer würde dich als einen sehr guten Freund bezeichnen?

Wie kann die Gemeinde zu einem Ort für Freundschaften werden? Was kannst du dafür tun? Inwiefern ist Jesu vergebende Liebe und Gnade dafür absolut essenziell?

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