Fragebogen: 1. Mose 16,1 – 13

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Du bist ein Gott, der mich sieht

„Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss habe ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“

(1.Mose 16,13)

  1. Wie dachte Sarai über ihre Situation und über Gott und warum (1.2a)? Was hatte Gott verheißen und wieviel Zeit war seitdem vergangen (3; 12,2)?
  2. Welchen Vorschlag machte sie Abram (2b)? Wie reagierte Abram darauf, und weshalb war das problematisch? Was zeigt dies über seine geistliche Lage?
  3. Wie verhielt sich Hagar, nachdem sie schwanger geworden war (4)? Wie sehr litt Sarai darunter und was tat sie (5.6b)? Wie ging Abram damit um (6a)? Wie hatte ihr eigenmächtiges Handeln ihre Familie in eine Krise gestürzt?
  4. Wer erschien Hagar in der Wüste und welche zwei Fragen stellte er ihr (7.8a)? Wozu forderte er sie auf und welche Verheißung und Prophezeiung gab er ihr (9-12)? Was bekannte Hagar schließlich (13.14)?
  5. Welche Konsequenzen ergaben sich durch Abrams eigenmächtiges Handeln? Was können wir über Gott lernen, der Abram half?

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Predigt: 1. Mose 15,1 – 15,21

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Der Bund

„Die Sonne war untergangen und es war dunkel geworden. Und siehe, ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel waren da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch.“

(1.Mose 15,17)

Im Leben vom Abraham gab es einige wichtige Momente. Praktisch jedes Kapitel, das uns in Genesis von Abraham berichtet wird, ist ein wichtiges, prägendes Ereignis. Und weil jedes Kapitel wichtig ist, muss man gut begründen, weshalb ausgerechnet das heutige Kapitel besonders wichtig ist. Hier ist die Begründung: Die Autoren des NT fanden dieses Kapitel wichtig. Paulus fand das heutige Kapitel so wichtig, dass er sowohl im Römerbrief als auch im Galaterbrief auf unseren Text Bezug nahm. Auch im Jakobusbrief wird auf unseren Text Bezug genommen. Die NT Autoren haben in diesem Text einen Schlüsselmoment in Abrahams Leben gesehen. Was ist dieser Schlüsselmoment? Gott schließt einen feierlichen, zeremoniellen Bund mit Abraham.
Drei Dinge können wir im Text dann sehen: erstens, die Prophetie; zweitens, die Reaktion; drittens, die Versicherung.

Erstens, die Prophetie
In Vers 1a lesen wir: „Nach diesen Ereignissen erging das Wort des HERRN in einer Vision an Abram.“ Beim schnellen Lesen könnten wir denken, dass Gott hier einfach nur mit Abram spricht, was sicherlich schon außergewöhnlich genug ist. Diejenigen Leser, die sich mit der Hebräischen Sprache auskennen, haben alle hier angemerkt, dass der Autor einen sehr außergewöhnlichen Ausdruck verwendet. Dass das Wort des HERRN an jemanden ergeht lesen wir sonst nicht mehr in Genesis. Es ist ein Ausdruck, den wir von den Propheten kennen, aber nicht von den Patriarchen. Das Wort „Vision“ finden wir außerdem im gesamten Pentateuch nur hier und einmal mehr im 4. Buch Mose. In 4. Mose ist es Bileam, der Visionen sieht. D.h., Gott spricht nicht einfach nur zu Abram. Abram bekam eine Prophetie von Gott. Abram hört nicht einfach nur Gottes Stimme. Er sieht das, was Gott ihm offenbart. Anders gesagt, das Wort, das Abram hier empfängt, ist von einer Klarheit und Deutlichkeit, wie vermutlich kaum ein anderer Mensch vor oder nach ihm in Genesis Gott gehört hat. Abram wird später in Genesis 20 ein Prophet genannt. Und der Autor macht an dieser Stelle ganz deutlich, dass Abram das von Gott erfährt, was sonst nur die Propheten zu sehen und zu hören bekamen.
Was ist es, was Gott Abram in der Prophetie mitteilt? Das, was Abram hört, ist – wie ich finde – eine der schönsten Verheißungen und Zusagen, die es überhaupt in der Bibel gibt. Gott spricht: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Die Kreisleiter hatten sich dazu entschlossen Kapitel 14 zu überspringen, was ich etwas schade finde. In Kapitel 14 hätten wir gesehen, dass Abram sich in einen militärischen Konflikt verwickelt hatte. Das hatte er freiwillig getan, um seinen Neffen Lot aus der Patsche zu helfen. Und in Kapiteln 13 und 14 hatten wir gesehen, dass Abram ein außerordentlich großzügiger Mensch war: er gab seinem Neffen den Vorzug, sich das Land auszusuchen, was eigentlich unerhört war. Und er lehnte die Kriegsbeute ab, die ihm eigentlich rechtmäßig zugestanden hatte. Das war der Kontext. Und das war die Situation, in der Abram sich befand: er hatte guten Grund sich zu fürchten und Sorgen zu machen; und er hatte guten Grund, Verlustgefühle zu haben.
In diese Situation spricht Gott dann: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Schild ist natürlich ein Bild für Bewahrung und Schutz. Der sehr große Lohn ist selbsterklärend. Das Erstaunliche an Gottes Aussage ist folgendes: Gott sagte, dass er genau das für Abram ist. Gott sagte nicht: „ich gebe dir Schutz“, sondern: „ich bin dein Beschützer“; und Gott sagte auch nicht: „ich gebe dir eine große Belohnung“, sondern „ich bin deine große Belohnung“. Abram würde sein ein und alles in Gott finden. Gott selbst für ihm alles und mehr als genug sein. Das war das prophetische Wort, das Abram zu hören bekam. Es war genau das Wort, das er in seiner Situation gebraucht hatte. Und es ist das prophetische Wort an uns: Gott will unser Gott sein. Er ist unser Schild und unser sehr großer Lohn.

Zweitens, die Reaktion
Wir sehen im Großen und Ganzen zwei Reaktionen von Abram. Beide Reaktionen sind auf dem ersten Blick grundverschieden. Und trotzdem gehören sie eigentlich zusammen wie Licht und Schatten.
Abrams erste Reaktion ist vielleicht nicht ganz, was wir erwarten würden. Noch einmal, Gott erscheint in einer Vision und spricht mit großer Klarheit und Deutlichkeit davon, dass Abram keinen Grund hatte, sich zu fürchten, weil Gott sein Schild und sein sehr großer Lohn war. Abram hätte an dieser Stelle „Dankeschön“ sagen können und dann anfangen können, für Gott Anbetungslieder zu singen. Aber genau das tut Abram nicht. Er sagt stattdessen: „Herr HERR [im Urtext steht einmal „adonai“, gefolgt von „Jahwe“], was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Elieser von Damaskus wird mein Haus besitzen.“ Abram war noch nicht fertig. Weiter sagte er: „Siehe, du hast mir keine Nachkommen gegeben; so wird mich mein Haussklave beerben.“ Abram sagte: „Gott, du hast mir Nachkommen versprochen. Wo sind diese Nachkommen? Ich kann sie nicht sehen.“ Diese Reaktion ist umso erstaunlicher, weil es die ersten Worte sind, die wir aus Abrams Mund hören und die wirklich an Gott adressiert sind. Vorher haben wir nur gelesen, wie Gott einfach in Stille gehorchte. Was ist das für eine Reaktion? Abram sagte nicht „Ja und Amen!“. Abrams Antwort war ein: „Aber…“ Abrams Reaktion war kein „ich kann es kaum erwarten, Herr“. Es war ein: „Im Ernst jetzt?“ Abram ist sichtlich frustriert. Er klagt. Er äußert seine Zweifel.
Bevor wir fortfahren, sollten wir uns ein wenig Gedanken darüber machen. Wie wir alle wissen, befand sich Abram auf einer Reise des Glaubens. Er hatte alles hinter sich gelassen: sein Zuhause, seine Verwandtschaft, seine vertraute Umgebung; er hatte sich auf das Abenteuer seines Lebens eingelassen. In der Bibel ist Abram der Mann des Glaubens par excellence. Und trotzdem wurde er von Zweifeln geplagt. Was folgern wir daraus? Wenn ein Mann des Glaubens wie Abram Zweifel hatte, warum sollte es uns besser ergehen? Wie könnten wir erwarten, dass wir keine Zweifel haben werden? Natürlich werden wir Zweifel haben. Zweifel sind unvermeidlich.
Die Bibel berichtet von so vielen Menschen, die Zweifel hatten. Wir denken an den Vater eines besessenen Jungen, der Jesus um Heilung; und wo Jesus sagte: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ Und wir hören diesen Schrei der Verzweiflung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das sind Zweifel. Oder wir denken an Johannes den Täufer, der furchtlos ein ganzes Volk dazu herausfordern konnte, Buße zu tun. Er hatte keine Hemmungen, Herodes zu konfrontieren, was ihn sprichwörtlich den Kopf gekostet hat. Er hatte Jesus getauft und ihn als den Messias verkündigt. Aber dann saß er bei Herodes im Gefängnis und wartete auf seine Hinrichtung. Und er hat Zweifel und lässt Jesus fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Wenn Jesus der Messias ist, warum geht es mir dann so dreckig? Wenn Jesus der Heiland ist, warum heilt er mich nicht von den Schmerzen, unter dem ich jetzt gerade leide? Wenn Jesus der Erretter ist, warum rettet er mich nicht aus dieser verfahrenen Lage? Warum ist die Welt dann in diesem Chaos?
Ein guter Freund von mir hatte erzählt, wie er einen älteren gläubigen Menschen beim Sterben begleitet hatte. Der Sterbende war ein leid-geprüfter Christ, der schon so viele Krisen gemeistert hatte; der standhaft im Glauben gewesen war; ein Mann des Glaubens. Als er im Sterben lag, sagte er nicht: „ich freue mich, bald beim Vater zu sein; ich weiß, dass der Tod nicht über mich triumphieren kann; Jesus ist bei mir.“ Das waren nicht seine Worte. Er sieht die Finsternis des Todes wie sie über ihn hereinbricht und sagte er dann folgendes: „Das ist schwerer als ich dachte.“ Das sind Worte des Zweifels inmitten der letzten Krise seines Lebens.
Hier ist eine interessante Beobachtung. In christlichen Kreisen gibt es vor allem zwei Art und Weisen, wie mit Zweifeln umgegangen wird. In eher konservativen Kreisen sind Zweifel nicht willkommen. Zweifel werden als Unfähigkeit angesehen, zu glauben. Wer Zweifel hat, der hat halt einfach ein Problem. Manche christlichen Gemeinden haben wenig Geduld, Verständnis und Mitgefühl für Zweifler, weil Zweifel einfach etwas ist, wofür man halt Buße tun muss und gut ist. Vielleicht auch deswegen, weil man Furcht davor hat, dass man durch die Zweifel die anderen ansteckt. Auf der anderen Seite gibt es dann eher etwas liberale Kreise. Und dort heißt es dann, dass Zweifel völlig in Ordnung sind; Zweifel sind überhaupt kein Problem. Vielleicht ist da auch Furcht im Spiel: die Furcht davor zu dogmatisch zu sein. Weder der eine Ansatz noch der andere Ansatz sind aber wirklich biblisch. Das sehen wir daran, wie Gott auf Abram eingeht.
Gott schimpft nicht wegen Abrams Zweifel. Er hört Abram zu und nimmt ihn an. Gleichzeitig adressiert Gott Abrams Zweifel direkt. Er verspricht ihm einen leiblichen Nachkommen als Erben, keinen adoptierten Haussklaven. Gott lässt Abram aus dem Zelt herrausgehen, zeigt ihm den Himmel: „Sieh doch zum Himmel hinaus und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ In Kapitel 13 war es Staub auf Erden, von dem man im Nahen Osten zu jederzeit mehr davon hat als einem lieb ist. Hier sind es dieses Mal die Sterne am Himmel, deren Anblick absolut atemberaubend gewesen sein muss. D.h., Gott tut beides: auf der einen Seite nimmt Gott uns in unseren Zweifeln an; auf der anderen Seite tut er etwas, um unseren Zweifel abzubauen.
Zweifel ist also die eine Reaktion von Abram. Die andere Reaktion sehen wir in Vers 6: „Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Abram zweifelte und glaubte. Pastor Uwe Schäfer sagte, dass Zweifel der kleine Bruder vom Glauben ist. Und ich denke, dass er absolut Recht hat. Zweifel und Unglauben sind nicht dasselbe. Unglauben ist die Ablehnung zu glauben, auch wenn es eigentlich guten Grund gibt zu glauben; oder weil man nicht bereit ist, sich mit den Indizien auseinanderzusetzen. Es ist eine bewusste und willentliche Ablehnung. Zweifel sind die Unsicherheiten der Menschen, die Glauben haben.
Was sollen wir tun, wenn wir Zweifel haben? Wir dürfen zwei Dinge tun. Das erste ist, wirklich ehrlich mit unseren Zweifeln zu sein. C.S. Lewis hat zwei Bücher über das Leid geschrieben. Das erste Buch ist länger und etwas philosophisch und sehr durchdacht. Das zweite Buch ist wesentlich kürzer und ist eigentlich vor allem eine Aufarbeitung von seinem Schmerz, als seine geliebte Ehefrau gestorben war. Es ist voll von Zweifel. Aber die rohen Emotionen und die Ehrlichkeit, mit der er schreibt, macht dieses Buch fast zu einer Art Psalm. Man entdeckt sich darin wieder. Und es ist die Aufrichtigkeit, durch welche viele Menschen Trost gefunden haben.
Das zweite, das wir tun dürfen, ist, unsere Zweifel zu beten. Es ist okay, wenn wir unsere Zweifel anderen Menschen mitteilen; aber auch das braucht Weisheit, weil es nicht immer ermutigend ist. Die meisten von uns wissen aus eigener Erfahrung, wie destruktiv es sein kann, wenn man sich in der Gegenwart von Menschen befindet, die nur jammern und sich beschweren. Es gibt kaum etwas Anstrengenderes als mit Menschen zusammen zu sein, die sich in einer Negativspirale befinden. Zweifel, Skepsis, Frust, Enttäuschung und Wut können ihre eigene Dynamik entwickeln; aus Klagen kann schnell Murren werden; es kann sich so leicht eine Negativität entwickeln, die einen selbst und alle Menschen in der Umgebung mit in den Abgrund hinunterziehen.
Aber es gibt ein offenes Ohr, das nicht müde wird, uns zuzuhören. Es gibt ein unendlich großes Herz, das sich nicht durch uns entmutigen lässt. Es gibt die ewigen Arme Gottes, die immer bereit sind, uns zu empfangen. Hier ist der Punkt: Männer und Frauen des Glaubens haben gezweifelt, aber sie haben ihre Zweifel immer wieder vor Gott gebracht. Männer und Frauen des Glaubens haben viel geklagt, aber diese Klage richtete sich direkt an Gott. Männer und Frauen des Glaubens haben auch ihrem Frust und ihrer Wut Ausdruck verliehen, aber sie taten es vor allen Dingen im Gebet; im direkten Gespräch mit Gott. Das macht den ganzen Unterschied.

Drittens, die Versicherung
Abram glaubte Gott. Aber das hielt ihn nicht davon ab, wieder zweifelnde Fragen zu stellen. In Vers 7 verheißt Gott, dass er Abram das Land geben würde. Das Problem war nur, dass das Land schon zu Abrams Zeiten bewohnt war. Verschiedene kanaanitische Stämme hatten sich schon niedergelassen. Insgesamt werden in den Versen 19-21 zehn verschiedene Stämme erwähnt. Abrams fragte: „Herr HERR [Abram gebraucht die gleiche Anrede wie vorher], woran soll ich merken, dass ich es besitzen werden?“ Gott hätte an dieser Stelle sagen können: „Abram, ist es nicht genug, dass ich dir das versprochen habe? Was soll ich denn noch tun?“ Aber das ist es nicht, was Gott sagt. Gott tut das genaue Gegenteil.
Er lässt Abram ein Rind, eine Ziege, ein Widder und zwei Tauben bringen. Vers 10 sagt, dass Abram Gott diese Tiere nicht nur brachte. Er fing sofort damit an, sie zu zerschneiden. Es erweckt den Eindruck, dass Abram nicht nur wusste, was zu tun ist. Er hatte auf Anhieb verstanden, worum es Gott ging. Diese Tiere waren keine Opfertiere. Es handelt sich hier um ein anderes Ritual. In Vers 18 lesen wir, dass Gott mit Abram an diesem Tag einen Bund schloss. D.h., das Zerteilen der Tiere war Teil dieses Bundes. Wir haben so etwas Ähnliches bei uns im Alltag. Wenn wir in eine Wohnung einziehen, dann unterschreiben wir einen Mietvertrag. In diesem Vertrag sind die Rechte und Pflichten der Vertragspartner festgehalten. Dieser Vertrag ist fast immer schriftlich. Und wenn sich einer der Partner nicht daran hält, dann kann der andere Partner aufgrund dieses Vertrags Schadensersatz verlangen, klagen oder kündigen etc.
Hier in Genesis 15 schließt Gott mit Abram einen Vertrag ab. Und damals waren die Verträge nicht schriftlich. Sie waren zeremoniell. D.h., die Vertragspartner haben in einem Schauspiel das nachgespielt, was einem passieren sollte, wenn man sich nicht an den Vertrag hält. Man hat einen assyrischen Vertragstext aus dem 8. Jahrhundert vor Christus gefunden, wo das verbürgt ist. In diesem Fall wurde ein Lamm zerteilt. Und dann heißt es: „Dieses Haupt ist nicht das Haupt des Lammes, es ist das Haupt des Mati’lu [die Person, die den Vertrag abgeschlossen hat]. Wenn Mati’lu gegen diesen Vertrag sündigt, so möge, genau wie diesem jungen Lamm das Haupt abgerissen wurde, das Haupt von Mati’lu und seiner Söhne abgerissen werden.“ .
Die Tatsache, dass Gott so einen Bund mit Abram abschließt, ist erstaunlich. Wir lesen diesen Text mit unserer kulturellen Brille und mögen denken: „Tiere zerteilen: was für eine primitive Kultur!“ Und vielleicht ist es das auch. Ich denke, dass es ein großer Fortschritt ist, dass wir einen schriftlichen Mitvertrag haben und keine Ziege mehr zerteilen müssen. Aber Gott nutzt die archaischen Mittel von Abrams Zeit, um ihm etwas zu zeigen. Gott spricht ganz gezielt in seine Zeit hinein auf eine Art und Weise wie Abram es verstehen kann. Wenn Gott mit einem 8-jährigen Kind aus unserer Zeit einen Bund geschlossen, vielleicht hätte Gott dann einen „Pinky swear“ gemacht? Es zeigt, wie sehr sich der allmächtige, ewige Gott erniedrigt, um mit uns auf solche Art und Weise zu kommunizieren, dass wir es nachvollziehen und verstehen können und damit es für uns Bedeutung hat.
Aber hier ist noch viel mehr. Im Text passieren seltsame, mysteriöse Dinge. Vers 12: „Bei Sonnenuntergang fiel auf Abram ein tiefer Schlaf. Und siehe, Angst und großes Dunkel fielen auf ihn.“ Auf einmal ist eine tiefe Finsternis. Es ist aber nicht einfach nur physische Dunkelheit; es ist eine Finsternis der Seele voller Angst und Horror. Vers 17: „Die Sonne war untergegangen und es war dunkel geworden. Und siehe, ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel waren da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch.“ Inmitten der Finsternis sehen wir einen rauchenden Ofen und eine brennende Fackel. Wir begegnen dem rauchenden Ofen und der brennenden Fackel in Exodus, auf dem Berg Sinai. Sie repräsentieren die Gegenwart Gottes. Was tut Gott? Gott geht inmitten der zerteilten Tiere hindurch.
Was bedeutet das dann? Gott willigt als Bundespartner ein, dass ihm das widerfahren soll, was den Tieren passiert, wenn er sich nicht an den Bund halten sollte. Und das scheint noch unvorstellbarer. Tim Keller kommentierte, dass das was Gott hier Abram zusagte, folgendes war: „Möge meine Unsterblichkeit sterblich werden; möge meine Unveränderlichkeit veränderlich werden; möge meine Unendlichkeit endlich werden; möge das Unmöglich möglich werden; möge ich zerteilt werden; möge ich zerschnitten werden; möge ich verworfen werden.“ Das an sich ist bereits einzigartig. Auf der anderen Seite, machen wir uns wirklich Sorgen darum, dass es an Gott scheitern sollte? Gott ist Gott: er ist treu; er hält sich an seine Abmachungen; er steht zu seinen Verheißungen; er macht keine leeren Versprechungen. Wenn Gott einen Bund mit uns schließt, dann liegt es nicht an Gott, dass der Bund scheitert.
Abram musste verstanden haben, dass er der Wackelkandidat ist. Er muss sich gefragt haben: „Gott ist treu. Aber was ist, wenn ich untreu werde? Was ist, wenn ich in meinem Glaubensleben versage? Was ist, wenn ich wieder aufgrund einer Hungernot nach Ägypten gehe? Was ist, wenn ich aus Furcht schon wieder krumme Dinge mache und meine Frau als meine Schwester ausgebe? Was ist, wenn ich versage?“ Um den Text richtig zu erfassen, müssen wir nicht nur verstehen, wer durch die zerteilten Tiere ging: das war Gott selbst. Wir müssen auch verstehen, wer nicht hindurchging: und das war Abram.
Wenn ein König damals mit einem Untertanen einen Bund geschlossen hatte, war es üblich, dass der Untertan alleine zwischen die zerteilten Tiere ging. Warum sollte der König sich das auch antun? Er war ja derjenige, der Macht über seine Untertanen hatte. In Ausnahmefällen, wenn der König besonders großzügig war, ging der König gemeinsam mit seinem Untertanen hindurch. Aber hier ist es Gott alleine und nicht Abram. Gott verspricht, dass er die Strafe auch dann noch auf sich nimmt, wenn es Abram ist und nicht Gott, der den Bund verletzt. Der Bund, den Gott mit Abram schließt, ist ein Bund der Gnade. Gott bezahlt für Abram. Gott bürgt für Abram. Gott hält seinen Kopf für Abram hin. Gott verspricht, dass er sein Leben dafür gibt, wenn Abram versagt.
Wie hat sich dieser Text erfüllt? In Matthäus 27,45 lesen wir: „Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde.“ Wieder begegnet uns eine unnatürliche Finsternis, die schlimmer ist als jede Nacht. Wieder haben wir es mit einer Finsternis voller Horror und Schrecken zu tun. Es ist die Finsternis der Abwesenheit Gottes. Und Jesus schrie in unvorstellbarem Schmerz und Leid: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus starb am Kreuz in sprichwörtlicher Gottverlassenheit. Gott wurde Gewalt angetan. Gott wurde von Gott verlassen. Gott wurde zerteilt. Seine ewige Gemeinschaft wurde auseinandergerissen. Er nahm den Fluch auf sich. Er nahm die Strafe auf sich.
Wir haben die Prophetie gesehen: Gott ist unser Schild und unser sehr großer Lohn. Wir haben unsere Reaktion gesehen: wir haben Zweifel, ob dem wirklich so sein kann. Und wir haben die Versicherung gesehen: Gott hat in Jesus Christus unseren Fluch auf sich geladen, damit Er uns segnen kann. Wenn wir Jesus für uns verlassen am Kreuz sehen, dann wissen wir, wie ernst Gott es mit uns meint. Wenn wir Jesus am Kreuz für uns sterben sehen, dann schwinden die Zweifel. Und wenn wir an diesen Jesus glauben, dann wird das für uns wahr, was in Vers 6 geschrieben steht: „Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“

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Fragebogen: 1. Mose 14,1 – 15,21

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Gottes Bund mit Abram

„Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“

(1.Mose 15,6)

  1. Was für ein Krieg wird in den Versen 1-12 beschrieben und wie wurde Abram darin verwickelt? Was war das Ergebnis von Abrams Einsatz (13-16)? Welche geistliche Hilfe bekam Abram, und was zeigt seine Reaktion über ihn (17-24)?
  2. Welches Wort Gottes kam danach zu Abram in einer Erscheinung (15,1)? Was zeigt es über Abrams innere Lage und über Gottes Verständnis für ihn?
  3. Welche Probleme brachte Abram daraufhin Gott gegenüber vor (2.3)? Wie anders war aber Gottes Hoffnung für ihn (4.5)? Denke darüber nach, wie anders Gottes Plan für ihn war und wie „unglaublich“ er in Abrams Situation aussah. Wie konnte Abram trotzdem daran glauben (6a; vgl. Röm 4,17-21)?
  4. Was bedeutet es, dass Gott ihm das zur Gerechtigkeit rechnete? Was sagt das über die Beziehung zwischen Gott und Abram?
  5. Welche Verheißung gab Gott ihm daraufhin erneut (7)? Inwiefern können wir Abrams Bitte um ein Zeichen positiv verstehen (8)?
  6. Betrachte den feierlichen Bundesschluss, den Gott daraufhin mit Abram vollzog. Welche weitere Verheißung gab Gott ihm dabei (18-21)? Vergleiche ihn mit Abrams praktischer Lebenssituation (12,6; 20,1; 23,3-20)?

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Predigt: 1. Mose 12,10 – 13,18

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Abrams Angst und Gottes Verheißung

„Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du bist, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir geben und deinen Nachkommen ewiglich “

(1. Mose 13,14b-15)

Letzte Woche haben wir mit der Betrachtung der Geschichte von Abram begonnen. Seine vorbildliche Entscheidung des Glaubens haben wir bereits kennengelernt. Darüber hinaus erscheint Abram an vielen Stellen der Bibel als Vorbild des Glaubens. Es gibt unzählige Predigten über den Glauben Abrams. Bis heute schöpfen viele Gläubige aus seiner Geschichte Ermutigung zum Glauben an Gott. Umso bemerkenswerter ist, dass die Bibel, obwohl sie so sehr den Glauben Abrams hervorhebt, doch ohne Abstriche über seine Fehler und Ängste berichtet. Sie geht damit ganz offen um. Würde die Bibel das verschweigen, so bekämen wir ein verzerrtes Bild von Abram. Man könnte leicht denken: „Nur solche ganz besonderen Menschen wie Abram schaffen es, Gott zu glauben.“ Aber so ist es nicht. Abram steht uns näher als wir vielleicht meinen. Wie wir hatte auch Abram mit Ängsten zu kämpfen. Auch er hatte Momente in seinem Leben, in denen er geistlich versagte. Daher ist es umso ermutigender zu sehen, wie Gott Abram trotz seiner Ängste und Versagen ihn mehr und mehr zu einem Mann des Glaubens veränderte. Dasselbe kann Gott auch mit uns machen. Möge Gott hierfür die Betrachtung des heutigen Textes gebrauchen. Wir wollen uns mit ihm anhand von drei Fragestellungen auseinandersetzen:
1. Was bewirkte die Angst in Abrams Leben?
2. Welche geistliche Hilfe gab Gott Abram? und
3. Wie wurde Abram dadurch verändert?

Teil 1: Abrams Angst (V. 10 – 13)
Wenn wir die Verse 10 bis 13 in einem Stück lesen, bekommen wir den Eindruck, dass Gott in den Überlegungen von Abram überhaupt keinen Platz hatte. Offenbar interessierte sich Abram in dem Moment nicht die Bohne für Gottes Willen. Was ihn gerade interessierte, war jemand ganz anderes: Nicht Gott, nicht Sarai, nicht Lot, sondern Abram. Seine Worte an Sarai machen das deutlich: „mich umbringen“, „auf dass mir´s wohlgehe“ und „ich am Leben bleibe“. Alles drehte sich auf einmal nur noch um die eigene Haut. Aber nicht nur das: Das Drehen um das eigene Wohlergehen ging auf Kosten von jemand anders, nämlich auf die eigene Ehefrau, Sarai. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sarai die Frau von jemand anders wird, ist natürlich viel größer, wenn sich Abram als Bruder ausgibt, als wenn bekannt wird, dass sie bereits vergeben ist. Abram wollte es also eher riskieren, dass seine Frau einem fremden Mann vergeben wird, als sein Leben zu verlieren. Lieber wollte Abram es in Kauf nehmen, dass Sarai das Lustobjekt eines gottlosen Mannes wird, als dass er ums Leben kommt. Auch wenn es hier um Leben und Tod ging, waren Abrams Überlegungen egoistisch. Was wir also in den Versen 11 bis 13 über Abram erfahren ist meinem Empfinden nach erschreckend: Egoismus, Lüge, Anstiftung anderer zum Lügen und Kleingläubigkeit.
Vor diesem Hintergrund drängt sich einem natürlich die Frage auf: Warum? Wie kann das sein, dass sich ausgerechnet Abram, der doch noch vor Kurzem vorbildlichen Glauben bewies, sich so verhielt? Und die Antwort hierauf ist klar: Angst. Abram hatte Angst. In den Versen 11 bis 13 sehen wir typische Kennzeichen der Angst: Typisch für die Angst ist, dass sie mit Gottes Eingreifen nicht rechnet. Stattdessen geht sie fest vom Eintreten bestimmter Schicksalsschläge aus. Das sehen wir auch bei Abram. Abram redete wie einer, der die Zukunft voraussagt. Er sagt nicht: „Wenn dich nun die Ägypter sehen, so könnten sie sagen“, sondern: „so werden sie sagen“ (V.12). Er sagt auch nicht: „und sie könnten mich umbringen“, sondern: „und werden mich umbringen“ (V.12). Typisch für Angst ist auch, dass sie egoistisch und kleingläubig macht, was wir eben schon bei Abram gesehen haben.
Es gibt noch eine Sache, die typisch für Angst ist. Und ich glaube, dass diese Sache in Gottes Augen besonders gravierend ist. Wenn wir die Verse 10 bis 13 in einem Stück lesen, fällt auf, dass Abram in diesen Versen einen Rettungsplan aufbaut: Schritt 1: nach Ägypten ziehen; Schritt 2: Sarai als Schwester ausgeben; Schritt 3: zulassen, dass Sarai Frau eines anderen Mann wird – Resultat: ich bleibe am Leben. Abram spielt hier seinen eigenen Erretter. Und warum ist das so gravierend? Indem Abram seinen eigenen Erretter spielte, lehnte er Gott als seinen Erretter ab. Wir erinnern uns: Gott hatte ihm versprochen: Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen (1. Mo 12,3). Lieber sich mit Abram verbünden, als sich mit ihm anlegen. Wer sich mit Abram anlegte, der hatte es mit Gott zu tun. Mit diesen Worten hatte sich Gott ganz klar auf Abrams Seite gestellt. Abram hätte wissen können, dass Gott eingreifen würde. Gott hatte Abram sozusagen versprochen, Sein Retter zu sein. Indem aber Abram seinen eigenen Rettungsplan aufbaute, lehnte er in diesem Moment Gott als seinen Retter ab. Und das war das eigentlich Schlimme an seiner Angst.
In den Versen 14 bis 16 sehen wir das Resultat von Abrams Rettungsplan: Sarai kam in das Haus des Pharaos. Mit anderen Worten: sie kam in seinem Harem und sollte im Grunde genommen als Sexsklavin dienen. Abram hatte zwar sein Leben behalten dürfen und viel Vieh bekommen, aber dafür seine Frau verloren. Ich glaube nicht, dass Abram mit dieser Situation wirklich glücklich war. Sicherlich hatte er Sarai sehr lieb. Und Sarai war ja nicht irgendeine Frau, sondern eine Frau, auf die eine große Verheißung ruhte. Abram durfte zwar sein Leben behalten, aber was hatte sein Leben ohne diese Verheißung noch für einen Sinn? Abrams Rettungsplan hatte keine wahre Lösung herbeigeführt, nur eine Scheinlösung. Aus geistlicher Perspektive hatte sich die Situation von Abram sogar verschlimmert.
Die Situation schien ausweglos zu sein, aber Gott griff ein. Lasst uns das im zweiten Teil der Predigt betrachten.

Teil 2: Gott rettet Abram (V.17-20)
In dem gesamten bisherigen Abschnitt wird Gott nicht ein einziges Mal erwähnt. Doch Vers 17 leitet mit dem Wort „Aber der HERR“ ein. Gott greift nun ein und leitet einen Wendepunkt ein. Gott schlug den Pharao und sein ganzes Haus um Sarais willen mit großen Plagen. Wir wissen nicht, wie der Pharao dazu kam, die Plagen mit Sarai in Verbindung zu bringen. Fact ist jedoch, dass der Pharao Gott ganz klar und unmissverständlich verstanden hatte. Seine Fragen an Abram machen deutlich, dass er verstanden hatte, dass er sich an eine verheiratete Frau vergriffen hatte. Ohne Wenn und Aber gab er Abram seine Frau wieder zurück. Die Plagen hatten den Pharao so sehr in Schrecken versetzt, dass er Abram und seine Gefolge aus seinem Land haben wollte. Hierfür bestellte er extra Leute, die sie nach draußen begleiteten …
Abram hatte so gehandelt, als ob es Gott nicht gäbe. Aber Gott hatte Abram nicht vergessen. Obgleich Abram schuldig geworden war, griff Gott ein, um Sarai zu retten (vgl. BRÄUMER: 68)1. Und die Frage ist, warum? Wie schon erwähnt, hatte Gott Abram eine Verheißung gegeben: Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen (1. Mo 12,3). In dieser Geschichte sehen wir, wie Gott ganz gemäß dieser Verheißung gehandelt hat. Denn gerade weil der Pharao Abram geschadet hatte, hatte sich der Pharao den Fluch Gottes zugezogen. Abram hatte dieser Verheißung schon geglaubt, sonst wäre er ja nicht hinausgezogen. Aber so wie sich Abram in Ägypten verhielt, zeigt, dass Abram die Bedeutung dieser Verheißung noch nicht tiefgreifend verstanden hatte. Die logische Schlussfolgerung aus dieser Verheißung wäre ja: „Ich brauche in Ägypten keine Angst haben. Gott wird nicht zulassen, dass mich jemand ermordet.“ In 1. Mo 20,13 erfahren wir sogar, dass Abram schon von Anfang an die Entscheidung getroffen hatte, Sarai als seine Ehefrau zu verschweigen. Abram sagte zu Abimelech: Als mich Gott aus meines Vaters Hause ins Ungewisse wandern hieß, sprach ich zu ihr: Tu mir diese Liebe, dass, wo wir hinkommen, du von mir sagst, ich sei dein Bruder. Abram hatte die Verheißung Gottes noch nicht in ihrer letzten Konsequenz begriffen. Durch Gottes rettendes Eingreifen in Ägypten durfte Abram erfahren: „die Verheißung, die Gott mir gegeben hatte, ist nicht einfach nur eine schöne Theologie, sondern Realität.“ Er durfte erfahren, was diese Verheißung konkret im Alltag bedeutet. Er bekam die Gelegenheit, die Verheißung nicht nur im Kopf, sondern im Herzen zu begreifen.
Wie hatte diese Erfahrung mit Gott Abram verändert? Lasst uns das im dritten Teil der Predigt betrachten.

Teil 3: Abram vertraut Gott (13,1-18)
In den ersten vier Versen erfahren wir Abrams Rückkehr ins verheißene Land. Dabei zog er nicht irgendwo hin, sondern an dem Ort zurück, der einer der ersten Orte war, in denen er sein Zelt aufgeschlagen und wo er einst einen Altar gebaut hatte. Sicherlich hatte sich Abram dabei was gedacht, dass er ausgerechnet an diese Stelle wieder zog. Anfangs haben wir gesehen, wie Abram Gott in seinen Überlegungen bzgl. der Hungernot überhaupt nicht einbezog. Abram ließ sich ganz von seinen Ängsten leiten. Aber nun hatte Abram offenbar den Wunsch gehabt, geistlich wieder dahin zu kommen, wo er einst mit Gott angefangen hatte. Wir können uns das so vorstellen wie bei kleinen Kindern: Wenn sie eine Weile ohne Eltern gespielt haben, suchen sie wieder ihre Eltern auf, um deren Zuwendung zu bekommen. Abram wollte wieder in der Gegenwart Gottes leben. Abrams Reiserückkehr war nicht nur eine äußere Rückkehr, sondern auch eine geistliche Rückkehr bzw. Umkehr zu Gott. Mit seinem Opfer drückte Abram Dank und Anbetung aus.
Abrams Veränderung sehen wir auch in den Versen 5-9, wo es um einen Konflikt zwischen Abram und Lot ging. Ursache für den Konflikt war, dass es nicht genügend Lebens- und Weideraum für beide Sippen von Abram und Lot gab. Abram schlug daher vor, sich voneinander zu trennen. Diese Trennung war zum einen sehr sinnvoll, zum anderen hatte sie für Abram mehrere Nachteile: Erstens weniger Sicherheit. Zwei Sippen können sich natürlich besser wehren als nur eine Sippe. So etwas wie eine Rechtsstaatlichkeit gab es ja damals nicht. Fremdlinge hatten keine Rechte. Daher war Abrams Sippe eigentlich besonders auf Sicherheit angewiesen. Zweitens hatte Abram bis dahin immer noch keinen Sohn. D.h. derjenige, der zu der Zeit als Abrams Erbe am ehesten in Frage kam, war Lot. Abram war nun in besonderer Weise auf die Erfüllung der Verheißung Gottes angewiesen. Er konnte sich jetzt nicht mehr so einfach selbst aushelfen. Drittens, indem Abram Lot die freie Wahl ließ, nahm Abram in Kauf, dass Lot sich das beste Land nehmen würde. Das war bei Lot gar nicht so abwegig. Tatsächlich dachte Lot bei diesem Angebot nur an seinen Vorteil. Lot wählte sich die wassereiche Gegend am Jordan aus. Im Vers 11 heißt es sogar, dass er sich die ganze Gegend erwählte. Er ließ sozusagen für Abram nichts übrig. Abrams Entscheidung, sich von Lot zu trennen, zeigt, dass Abram sein Vertrauen auf Gott setzte. Anstelle sich von Angst leiten zu lassen, handelte Abram diesmal aus Vertrauen an Gottes Verheißung. Die Angst hatte bewirkt, dass sich Abram egoistisch gegenüber Sarai verhielt. Sein Vertrauen auf Gott bzw. auf die Verheißung bewirkte, dass sich Abram selbstlos gegenüber Lot verhielt.

Vers 14 beginnt mit den Worten: „Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der Herr…“ Mit diesen Worten wird deutlich, dass die Trennung von Lot nötig war, damit Gott seine Verheißung an Abram erfüllen konnte. Aus Lot sollte ein eigenes Volk werden. Das verheißene Land Kanaan aber galt nur Abrams Nachkommen. Deswegen war es ganz im Sinne der Verheißung, dass sich Abram von Lot getrennt hatte.
Abram hatte sein Vertrauen voll und ganz auf den Herrn gesetzt. Aber gerade in solchen Zeiten, wo man sich voll und ganz auf den Herrn verlässt, ist man gefährdet, doch wieder in Angst zurückzufallen (vgl. Mt. 14, 28 – 32). Abram brauchte Ermutigung und Bestätigung seines Vertrauens auf Gott. In den Versen 14 bis 16 sehen wir, wie Gott das Vertrauen Abrams stärkt. Zuerst sagte Gott zu Abram: „Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du bist, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen.“ Diese Worte an Abram klingen fast wie eine Ironie zu den Worten in Vers 10. Auch über Lot heißt es: „Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan.“ Lot schaute mit einem menschlichen Blick übers Land und traf eine menschliche Entscheidung. Obwohl Sodom sehr sündig gewesen war, zog Lot bis nach Sodom. Er sah nur den Profit, nicht die geistliche Gefahr, die von Sodom ausging. Auch Abram sollte übers Land schauen. Doch nicht wie Lot, sondern im Glauben schauen. Gott sagte zu Abram: „Denn all das Land, das du siehst, will ich dir geben und deinen Nachkommen ewiglich“ (V.15). Gott setzte Abram sozusagen eine Brille auf, mit der er übers Land schauen sollte. Diese Brille war die Brille der Verheißung. Für Lot war das Land nicht so attraktiv wie andere Gegenden. Aber mit der Brille der Verheißung sah das Land Kanaan ganz anders aus. Abrams Nachkommen würden es erben.
Gott hatte ein großes Anliegen, Abram in seinem Glauben an die Verheißungen zu ermutigen. Daher wiederholt Gott im Vers 16 seine Verheißung an Abram. Schon einmal hatte Gott Abram versprochen, ihn zu einem großen Volk zu machen (1. Mo 12,2). Aber „groß“ ist relativ. Was meinte Gott mit „groß“? Weil Gott ein großes Anliegen hatte, Abram im Glauben zu ermutigen, macht er das Wort „groß“ nun anschaulich. Gott sagte zu Abram: „Wie der Staub auf Erden“. Abrams Nachkommen würden unzählbar sein!
Gott beließ es nicht einfach nur dabei, Abram seine Verheißung zu bekräftigen. Im Vers 17 sehen wir, dass Gott Abram beauftragt, das verheißene Land vom einem zum anderen Ende zu durchziehen. Wenn man damals ein Grundstück in Länge und Breite überschritt, brachte man dadurch zum Ausdruck, dass man dieses Grundstück in Besitz genommen hatte. Abram sollte seinen Glauben an die Verheißung ganz praktisch zum Ausdruck bringen. Das würde ihn in seinem Glauben stärken.
Gott hatte Abram eine wichtige Stärkung und Ermutigung seines Glaubens an die Verheißung gegeben. Was war das Resultat davon? Vers 18 berichtet davon, dass Abram weiterzog und Gott einen weiteren Altar baute. Abram reagierte also mit Glauben, Gehorsam und Anbetung. Seine Reaktion macht deutlich, dass er sich von Gottes Verheißung ansprechen ließ. Sie ging nicht einfach an ihm vorbei, sondern er nahm sie zu Herzen, fasste neuen Glaubensmut und wurde mit Dankbarkeit erfüllt.
Was können wir aus den beiden Geschichten in 1. Mo 12 und 13 lernen? Wie Abram kennen es auch wir, Ängste zu haben. Jeder von uns hat bestimmte Ängste. Lässt man sich von seinen Ängsten leiten, so machen sie uns egoistisch, können dazu führen, dass wir andere belügen und für unsere Zwecke manipulieren. Sie lassen uns Gott völlig vergessen. Ängste sind daher nicht nur unangenehm, sondern auch in geistlicher Hinsicht problematisch.
Wie können wir gegen unsere Ängste angehen? Gott behandelte das Problem der Angst bei Abram dadurch, dass er Abrams Vertrauen auf seine Verheißungen stärkte. Gläubige stehen im Segen von der ein- und derselben Verheißung. Denn Christus ist die Erfüllung der Verheißung an Abraham: Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden (1. Mo 12,2f). In 2. Kor 1,20 heißt es: „Denn auf alle Gottes­ver­heiß­ungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.“ In Christus haben wir die Zusage auf alle Verheißungen, die in der Bibel stehen! Wie Abram haben auch wir die Verheißung, das Land Kanaan, das himmlische Kanaan zu erben. Auch wir haben die Verheißung, ein Segen für andere zu werden und dass durch uns andere gesegnet werden sollen. Auch uns verheißt Gott, uns einen Namen zu machen. In Off 2,17 heißt es: „Wer überwindet, dem will ich geben von dem verborgenen Manna und will ihm geben einen weißen Stein; und auf den Stein ist ein neuer Name geschrieben, den niemand kennt als der, der ihn empfängt.“ Gottes Anliegen ist es, dass wir in diesen Verheißungen stark verwurzelt sind. Die Verwurzelung in Gottes Verheißung verändert unser Verhalten: Anstelle andere für unsere Zwecke zu manipulieren, werden wir andere lieben und dienen. Angst macht uns egoistisch, aber das Ruhen in Gottes Liebe, die sich in den Verheißungen an uns niederschlägt, macht uns selbstlos und frei für andere. Von Abram können wir lernen, dass wir uns von den Verheißungen Gottes immer wieder neu ansprechen lassen und darauf mit Dank und Anbetung reagieren sollen.
Die Hungersnot, von der 1. Mo 12,10 berichtet, war kein Zufall. Gott hatte Abram absichtlich in die Lage der Hungersnot hineingeführt. Ein Grund hierfür war sicherlich der, dass Gott Abram helfen wollte, noch tiefer auf seine Verheißungen zu vertrauen. In dieser Notsituation konnte sich Gott Abram als seinen Retter offenbaren. Abram sollte aufhören, sein eigener Retter zu sein. Auch uns kann es passieren, dass Gott uns absichtlich in Nöte hineinführt. Er möchte diese Nöte dazu gebrauchen, sich als unseren Retter zu offenbaren. Solche Situationen werden dazu dienen, dass wir die Verheißungen des Evangeliums nicht nur theoretisch verstehen, sondern sie tief im Herzen begreifen. Gottes Anliegen ist es, dass wir die Wahrheit: „Christus ist unser Retter“ nicht nur im theologischen Sinne verstehen. Der Glaube an Christus als unseren Retter soll sich in unseren normalen Alltag niederschlagen und Anwendung finden. In jeder Angstsituation möchte Christus unser Retter sein. Lasst uns daher unsere eigenen Rettungspläne, die wir bewusst oder unbewusst aufgebaut haben, verlassen und voll und ganz auf Christus als unseren Retter vertrauen! Das Beispiel Abram zeigt, dass unsere eigene Rettungspläne keine wahren Lösungen herbeiführen, sogar noch die Situation verschlimmern können.
Wie schon erwähnt, hatte Abram nicht erst in Ägypten, schon von Anfang an den Entschluss gefasst, Sarai als seine Ehefrau zu leugnen. Wie Abram haben auch wir die Neigung, bei jedem Vertrauensschritt uns im Hinterkopf doch noch irgendwie abzusichern. Gottes Anliegen ist es jedoch, uns von solchen Absicherungen zu reinigen.
Abram hatte mit einer Angst zu kämpfen, mit der auch wir zu kämpfen haben. Als Abram etwa 20 Jahre später denselben Fehler erneut beging, sagte er zu Abimelech: Als mich Gott aus meines Vaters Hause ins Ungewisse wandern hieß, sprach ich zu ihr: Tu mir diese Liebe, dass, wo wir hinkommen, du von mir sagst, ich sei dein Bruder (1. Mo 20,13). Abrams Angst war die Angst vor dem Ungewissen. Auch wir kennen es, diese Angst zu haben. Immer wenn Gott uns zu einem Glaubensschritt herausfordert, der uns schwerfällt, haben wir es mit der Angst vor dem Ungewissen zu tun. Wir wissen nicht genau, wie alles sein wird und wie wir uns das vorstellen können. Daher fällt es uns oft schwer, Schritte im Glauben zu tun. Wir können diese Angst überwinden, indem wir voll und ganz auf Christus als unseren Erretter vertrauen. Am Kreuz sehen wir den besten und klarsten Beweis dafür, dass Christus unser wahrer Retter ist.
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1 BRÄUMER, H.: Das erste Buch Mose. Erklärt von Hansjörg Bräumer. In: Wuppertaler Studienbibel, S. 68. SCM R. Brockhaus.

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