Predigt: Matthäus 2,1-12 – Weihnachten 2021

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Wo ist der neugeborene König der Juden?

„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten“

(Matthäusevangelium 2,2)

Weihnachten ist ein Fest, das bis heute von den meisten Menschen gefeiert wird, nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen der Welt. Aber warum feiern wir Weihnachten? Viele mögen natürlich die festliche Stimmung, das Zusammensein mit geliebten Menschen, das besondere Essen und natürlich Geschenke zu machen und zu bekommen. Aber das ist nicht alles. Weihnachten ist für viele deshalb besonders, weil sie damit tiefe Sehnsüchte verbinden, vor allem die Sehnsucht nach einer großen Freude. Aber die meisten sind nach Weihnachten irgendwie enttäuscht, weil sie die ersehnte Freude nicht erlebt haben, trotz schöner Gemeinschaft, Geschenken und gutem Essen. In unserem heutigen Text erfahren wir aber von einigen Menschen, die um die Weihnachtszeit eine ganz große Freude hatten, obwohl sie von ihren Familien getrennt waren, eine lange entbehrungsreiche Reise hinter sich hatten und von niemandem Geschenke bekamen. Sie wurden von riesiger, heiliger Freude erfüllt, als sie den neugeborenen König der Juden fanden und ihn anbeteten. Der Verfasser Matthäus fand ihre Begegnung mit dem neugeborenen König Jesus so wichtig, dass er sie detailliert geschildert hat, obwohl wir weder ihre genaue Herkunft noch ihre Namen kennen und sie auch sonst in der Bibel nicht mehr erwähnt werden. Warum? Weil ihre Anbetung viel über den König sagt, den sie angebetet haben, und weil ihre Anbetung ein Beispiel für alle Gläubigen ist. Lasst uns heute neu erkennen, wer Jesus ist und warum er würdig ist, auch von uns angebetet zu werden, und selbst auch große Freude zu erfahren!

I. Wo ist der neugeborene König der Juden? (1-5)
Unser Text beginnt mit den Worten: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes …“ Hier bezeugt der Verfasser Jesu Geburt als eine Tatsache, indem er auch den Geburtsort und die Zeit angibt. Matthäus verzichtet darauf, die Umstände von Geburt Jesu zu beschreiben; wir erfahren nichts von der Krippe, von den Hirten auf dem Feld oder dem Heer der Engel, die „Gloria“ sangen. Stattdessen berichtet er von Weisen aus dem Morgenland, die nach Jerusalem kamen und fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten“ (2). Das griechische Wort für „Weise“, „magoi“, bezeichnete Mitglieder einer persischen Priesterkaste, die sich mit Sternkunde und Astrologie befassten, später auch allgemein babylonische und sonstige Astrologen. Manche haben vielleicht gewisse Skepsis, wenn sie hören, dass sie auch Astrologen waren, aber damals war die Erforschung der Sterne untrennbar mit der Sterndeutung verbunden. Sie waren Wissenschaftler der damaligen Zeit, die die Bewegung der Himmelskörper beobachteten und versuchten, ihre Bedeutung zu verstehen. Möglicherweise waren sie damit auch Ratgeber ihres Königs. Jede Nacht beobachteten sie fleißig den Himmel, um alle Sterne und ihre Bewegung zu erforschen. Sie waren Menschen, die nach der Wahrheit suchten. Eines Nachts machten sie eine besondere Entdeckung: sie sahen einen ganz besonderen Stern im Osten aufgehen, durch den sie erkannten, dass der König der Juden geboren war.

Man hat viel gerätselt und geforscht, was für einen Stern die Weisen damals gesehen haben und wie sie dadurch erkannten, dass der König der Juden geboren wurde. Vor über fünfzehn Jahren war ich in einem Vortrag zum Thema „Der Stern von Bethlehem“ vom Planetarium Mannheim, das mit dem astronomischen Institut der Uni Heidelberg zusammenarbeitet. Dort wurde erklärt, dass die Astronomie in Babylonien sehr weit entwickelt war – allgemein gilt das Zweistromland als Wiege der Astronomie. Sie kannten enorm viele Sternbilder und ordneten den ihnen bekannten Ländern jeweils ein bestimmtes Sternbild zu. Wenn ein Stern besonders hell aufleuchtete, galt das als Zeichen dafür, dass in dem Land, das dem aktuellen Sternbild zugeordnet war, gerade ein wichtiges Ereignis passierte – und als wichtigstes Ereignis galt die Geburt eines neuen Königs. Außerdem wurde in dem Vortrag ausführlich erklärt, dass in einem regelmäßigen Intervall von knapp 500 Jahren zwei Planeten, Jupiter und Saturn, von der Erde aus gesehen nebeneinander erscheinen und ein sehr helles Licht bewirken. Danach bewegen sie sich für einige Wochen auseinander und erscheinen dann nochmal nebeneinander als helles Licht, bevor sie sich voneinander entfernen und erst wieder nach knapp 500 Jahren zusammenkommen. Nach astronomischen Berechnungen ist dieses Ereignis im Jahr 7 v. Chr. passiert – also in dem Jahr, in dem nach heutigem Stand der Forschung Jesus geboren ist. Diese Erklärung wird auch von anderen Forschern geteilt. Es ist sehr interessant, dass das beschriebene Phänomen den Ereignissen im heutigen Text genau entspricht: Die Weisen haben in ihrer Heimat einen besonderen Stern aufgehen gesehen, den sie noch nie gesehen hatten (da es nur alle 500 Jahre passiert) und folgten ihm; später haben sie den Stern offenbar nicht mehr gesehen, sodass sie in Judäa etwas orientierungslos in die Hauptstadt gingen und im Königspalast fragten, wo der neugeborene König ist. Danach haben sie den Stern wieder gesehen und sich sehr gefreut, weil es der Stern war, den sie zuerst im Morgenland gesehen hatten. Auch wenn wir trotzdem nicht sicher wissen, ob der Stern, den sie sahen, das Licht von Jupiter und Saturn war oder ob Gott in seiner Allmacht ihnen auf eine andere Weise ein helles Licht am Himmel gezeigt hat – jedenfalls hat Gott sie am Himmel erkennen lassen, dass der König von Juda geboren ist.

Aber woher wussten die Weisen, dass dieser König so bedeutsam war, sodass sie kommen und ihn anbeten sollten? Viele Bibelforscher nehmen an, dass sie auch Fragmente des Alten Testaments kannten, die die Juden in ihrer Gefangenschaft in Babylon hinterlassen hatten. Das ist ziemlich plausibel, weil die Juden 70 Jahre lang dort lebten und danach auch nur ein Teil von ihnen zurückging. Dass die Weisen als wahrheitssuchende Menschen und Forscher von diesen Fragmenten wussten und darin gelesen hatten, ist sehr gut vorstellbar. Vielleicht kannten sie die Stelle aus dem 4. Buch Mose, in der es heißt: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von Nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen …“ (4. Mose 24,17). In diesem Wort hatte Gott durch den Propheten das Kommen des neuen Königs in Israel angekündigt und ihn mit einem aufgehenden Stern verglichen. Die Juden haben aufgrund dieser Verheißung auf den neuen König gewartet. Als sie wegen ihrer fortwährenden Sünde schließlich von den Babyloniern erobert und nach Babylon verschleppt wurden und für sich keine Hoffnung mehr fanden, haben sie sich an diese Verheißung geklammert und darauf gehofft, dass eines Tages der wahre König wie ein heller Stern aufkommen und seine gute Herrschaft aufrichten würde. Es ist gut möglich, dass die Weisen diese Stelle gekannt haben und diesen König erwartet haben und deshalb auch verstanden, warum seine Geburt so bedeutsam war. Jedenfalls hat Gott ihnen offenbart, dass der neue König geboren ist und dass er es wert ist, angebetet zu werden.

Und wie reagierten sie auf Gottes Offenbarung? Jerusalem war von der Stadt Babylon über 1000 Kilometer weit entfernt. Zu Fuß dauerte der Weg nach Google Maps 230 Stunden; d.h. wenn sie jeden Tag acht Stunden wanderten, brauchten sie für einen Weg einen Monat (auf dem Kamel zu reiten war auch nicht viel schneller). Damals war Reisen wirklich gefährlich, weil es viele Räuber gab, die regelmäßig solche Reisegruppen überfielen. Dazu mussten sie in der Nacht reisen, damit sie den Stern sahen. Außerdem hatten die Weisen in ihrer Heimat Aufgaben als Sternforscher zu erfüllen, vielleicht auch als Berater des Königs. Es war sicher nicht leicht für sie, mehrere Monate Sonderurlaub zu bekommen. Zudem mussten sie auch ihre Frauen von ihrem Vorhaben überzeugen und sich von ihrer Familie für mehrere Monate trennen. Aber sie überwanden alle Schwierigkeiten und machten sich auf die weite und gefährliche Reise, um den wahren König zu finden. Auch während der beschwerlichen Reise hätten sie an irgendeinem Punkt aufgeben und sagen können: Wir würden ja gern den König aufsuchen, aber es ist zu anstrengend und zu gefährlich. Aber sie wollten unbedingt den neugeborenen König der Juden anbeten. Nach vielen Wochen kamen sie schließlich in Jerusalem an. Sie gingen in den Palast des Königs Herodes und fragten erwartungsvoll: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Dass sie tatsächlich in Jerusalem ankamen und dort nach dem neugeborenen König fragten, zeigt ihre Haltung gegenüber der Wahrheit. Es zeigt, wie sehr sie Gott suchten und seinen König anbeten wollten.

Wie reagierte Herodes auf ihre Frage nach dem neuen König? Die Verse 3 und 4 sagen: „Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.“ Herodes freute sich gar nicht über die Geburt des neuen Königs, obwohl er erkannte, dass es sich um den Christus handeln musste. Er erschrak, weil er seinen Thron über alles liebte und in dem neugeborenen König eine Gefahr für seine Herrschaft sah. Er rief die Hohenpriester und Schriftgelehrten, um von ihnen zu erfahren, wo der Christus geboren werden sollte. Es ist interessant, dass Herodes die Frage, wo der Christus geboren werden sollte, durch die Bibelexperten beantworten ließ. Er wusste also, dass in der Bibel die Wahrheit steht. Aber er war nicht bereit, sich ihr unterzuordnen. Er bat die Weisen zu erforschen, wo das Kind war, und es ihm zu sagen, damit er es auch anbeten könnte. Aber er hatte vor, das Kind Jesus zu töten (13). Herodes hörte zwar die frohe Botschaft von der Geburt des neuen Königs, aber er hatte keinen Raum für Jesus im Herzen, weil er sich selbst und seine Macht mehr liebte als Gott und von der Angst, sie zu verlieren, erfüllt war. Viele Menschen sind wie Herodes. Auch wenn sie keinen Königsthron haben, wollen sie in ihrem Leben König sein. Sie haben Angst davor, etwas für Jesus zu verlieren, und haben keinen Raum für ihn.

Der Text erwähnt die Reaktion von zwei weiteren Gruppen von Menschen auf die Botschaft von der Geburt des neuen Königs. Zum einen die Bevölkerung von Jerusalem. Es heißt, dass als Herodes erschrak, auch ganz Jerusalem erschrak. Sie erschraken, weil sie befürchteten, dass Herodes nun wieder ein Unheil anrichten würde. Das zeigt zum einen, wie elend und abhängig sie von Herodes waren, der kein guter König war. Dass sie erschraken, ist aber auch ein Hinweis darauf, dass sie selbst auch nicht bereit waren, den neuen König anzunehmen. Als Juden kannten sie Gottes Verheißung, ihnen den Christus als wahren König und Retter zu schicken. Aber sie hatten keinen Wunsch, ihn zu erkennen und anzubeten. Sie waren nur mit ihrer täglichen Arbeit und ihren Alltagssorgen beschäftigt und damit zufrieden, wenn sie ihre Religion praktizieren und am Sabbat ein bisschen ausruhen konnten. Sie lebten in einer geistlichen Lethargie und reagierten deshalb nicht auf die frohe Botschaft von Jesu Geburt.

Schließlich waren da die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Sie kannten viele Bibelstellen, sodass sie die Frage, wo der Christus geboren werden sollte, sofort beantworten konnten. Ihre Bibelkenntnisse hätten ihnen eigentlich helfen sollen, in der Erwartung des Christus zu leben und ihn als Erste willkommen zu heißen. Aber auch sie hatten offenbar auch keinen Wunsch, dem von Gott verheißenen Christus zu begegnen und ihn anzubeten. Auf die Frage nach dem Geburtsort des Christus antworteten sie zwar richtig, aber so, als ob das für sie gar keine Bedeutung hätte. Ihre Bibelkenntnisse waren nur Theorie; ihnen fehlte der Glaube an Gott und der Wunsch, seinen Christus anzubeten. Sie sind ein abschreckendes Beispiel dafür, wie Religion lebendigen Glauben an Gott ersetzen kann.

Wenn wir die Reaktion von Herodes, vom Volk und von den religiösen Leitern, mit der der Weisen vergleichen, erkennen wir, wie anders die Weisen waren. Während Herodes vor allem den Erhalt seiner Macht suchte, das Volk ein einfaches, bequemes Leben und die Schriftgelehrten die Anerkennung der Menschen für ihr religiöses Leben, suchten die Weisen nach der Wahrheit, die ihrem Leben Sinn gab. Obwohl sie als Heiden Gott nicht kannten, hatten sie den Wunsch, Gott zu finden und ihn anzubeten. Gott sah ihren geistlichen Wunsch und ließ für sie extra einen Stern aufgehen, damit sie erkennen konnten, dass der wahre König geboren war. Die Tatsache, dass sie sich daraufhin auf den Weg machten und ihn suchten, bis sie ihn fanden und anbeteten, zeigt, wie ernsthaft ihr geistlicher Wunsch war. Natürlich war es Gott, der ihnen den Stern zeigte und ihnen half, Jesus tatsächlich zu finden. Aber Gott konnte das tun, weil er sah, dass sie Gott suchten und im Herzen den Wunsch hatten, ihn anzubeten.

Was wir im Leben suchen, ist wirklich wichtig, denn es bestimmt letztlich die Richtung und das Ziel unseres Lebens und damit auch, wo wir ankommen werden. Früher suchte ich durch verschiedene Dinge nach Erfüllung, aber am meisten suchte ich nach dem Sinn des Lebens. Ich litt sehr darunter, dass ich trotz meines Besuchs einer Kirche Gott nicht erkennen und in meinem Leben keinen Sinn sehen konnte. Aber Gott hat mich schließlich Jesus finden lassen und hat durch ihn mein Verlangen gestillt. Das war für mich das entscheidende Ereignis und die Wende in meinem Leben; aber Gott hat sich von unzähligen Menschen finden lassen. Der Kirchenvater Augustinus konnte als junger Mann durch sein vergnügungsorientiertes Leben keine Erfüllung finden, sondern litt unter der Unruhe und Leere in seinem Herzen. Nach seiner Bekehrung bekannte er später: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht, o Gott, in Dir.“ (Andere Übersetzung: Unser Herz findet keine Ruhe, bis es Dich, Gott, findet). Auch heute suchen die meisten Menschen ständig nach etwas, das sie erfüllen kann, oft nach Erfolg, Geld, nach Anerkennung und Liebe oder nach allen möglichen Vergnügungen; aber sie werden nie wirklich zufrieden, weil sie den wahren Gegenstand ihrer Suche nicht finden. Aber die Weisen erfuhren große Freude und tiefe Zufriedenheit, als sie Jesus fanden und ihn anbeteten. Jesus ist der von Gott verheißene König, den alle Menschen brauchen. Nur wenn wir Jesus finden und ihn als unseren König anbeten, findet unser Leben wahren Sinn und unser Herz wird mit Ruhe und mit Freude erfüllt.

II. Jesus ist der Fürst, der uns weidet (6-8)
Was sagte die Verheißung, die die Schriftgelehrten zitierten, über den kommenden König? Vers 6 lautet: „Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.“ Hier hat Gott durch den Propheten Micha vorausgesagt, in welcher Stadt der Christus geboren werden sollte. Bethlehem war nur ein größeres Dorf oder kleines Städtchen, viel kleiner als die Hauptstadt Jerusalem. Aber es war die Stadt, aus der der König David stammte, dem Gott den Christus als Nachkommen verheißen hatte. Dass Jesus in Bethlehem und nicht in Jerusalem geboren wurde, zeigt seine Demut.
In der Verheißung wird aber noch mehr über ihn gesagt. Gott nennt ihn den Fürsten, der sein Volk Israel weiden soll. Ein Fürst, besonders ein König, regiert sein Volk. Es spielt für die Menschen eine wichtige Rolle, von wem sie regiert werden. Wir haben seit kurzem eine neue Regierung, deshalb merken wir vielleicht auch noch keinen großen Unterschied. Wie wichtig es ist, wer das Volk regiert, können wir besser verstehen, wenn wir Länder, deren Regierung sich um das Wohl des Volks bemüht, mit Ländern vergleichen, die von einem skrupellosen Diktator regiert werden. Jesus will wirklich das Wohl von uns Menschen. Seine Herrschaft befreit uns von der Macht der Sünde und des Satans, die unser Leben zerstören wollen. Jesus ist der von Gott verheißene König, der seine gute Herrschaft in unserem Leben etablieren will und auch in unseren Mitmenschen und in unserer Gesellschaft.
Denn Jesus ist ein König, der wie ein Hirte sein Volk weiden will. In der Welt finden wir keinen solchen König oder Regierungschef. Das liegt allein schon daran, dass kein Mensch dazu in der Lage ist, die Bedürfnisse aller Menschen in ihrem Volk zu verstehen, geschweige denn sie zu stillen. Es ist ja sogar schwierig, die Bedürfnisse der eigenen Kinder zu verstehen, die sehr unterschiedlich sind und oft wechseln, und unmöglich, sie alle zu stillen. Aber Jesus kennt alle unsere Bedürfnisse, noch bevor wir sie ihm sagen. Und er hat den Willen und die Macht, unsere Bedürfnisse zu stillen, gleich welcher Natur sie sind. Jesus hat alle Arten von Kranken geheilt, die Schwachen gestärkt und die Verzagten ermutigt. Jesus kann und will die schwersten Probleme in unserem Leben lösen. Und er will mehr als nur unsere Probleme lösen. Er ist gekommen, um uns das Leben und volle Genüge zu geben. Er will unser Leben mit Sinn, Freude und Hoffnung erfüllen, sodass wir ihn jeden Tag vertrauensvoll anbeten können. Wir sind immer noch wie Schafe und sehen oft auf das, was vor unserer Nase ist. Aber Jesus zeigt uns das Ziel unseres Lebens und führt uns als guter Hirte den besten Weg, durch den wir ihn mehr erkennen und schließlich in sein herrliches ewiges Reich gelangen. Danken wir Jesus, der unser wahrer König und unser guter Hirte ist!

III. Sie beteten es an (9-12)
Betrachten wir die Verse 9 und 10: „Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut“. Die Weisen sahen vor Herodes und Bosheit und List zu naiv aus, sodass sie leicht von ihm für seine böse Absicht hätten missbraucht werden können. Aber sie fielen ihm nicht zum Opfer, weil Gott selbst sie führte. Als sie den Palast verließen, sahen sie wieder den Stern, den sie hatten aufgehen sehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Das griechische Wort hier drückte eine sehr, sehr großer Freude aus! Sie freuten sich riesig, weil sie wussten, dass sie sicher bald dem neugeborenen König von Gott begegnen würden und ihn anbeten konnten. Der Stern ging vor ihnen her, bis er über dem Haus stand, in dem Jesus war. Gott selbst führte sie zu Jesus.

Der Vers 11 beschreibt, wie sie Jesus anbeteten: „und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ Äußerlich gesehen sahen sie nur ein kleines Kind mit seiner Mutter. Aber sie hatten durch Gottes Wort und Zeichen die Gewissheit, dass sie vor dem von Gott verheißenen König standen. Sie waren gestandene Männer, wegen ihrer Erfahrung vielleicht schon in fortgeschrittenem Alter. Aber sie fielen vor Jesus nieder und beteten ihn an. Dadurch drückt sie aus, dass sie Jesus als den wahren König achteten und ihn liebten und bewunderten. Es zeigt, dass ihn als Herrn über ihr Leben anerkannten und ihm dienen wollten. Sie freuten sich, dass sie den wahren König gefunden hatten, der ihre Anbetung und Hingabe verdiente. Danach taten sie ihre Schätze auf und schenkten sie Jesus. Gold war damals das wertvollste Material und das angemessene Geschenk für einen König. Weihrauch wurde von Priestern für ihren Dienst gebraucht, aber auch für Könige, damit sie einen Wohlgeruch verbreiteten. Myrrhe wurde für wohlriechende Salben verwendet. Ihre Geschenke waren bedeutungsvoll und weisen darauf hin, wer Jesus ist und was er tun würde. Jesus ist der wahre König, der in Herrlichkeit und Macht regiert. Er ist der Priester, der uns sündige Menschen mit dem heiligen Gott versöhnt. Dazu musste er am Kreuz sterben und wurde danach von zwei Jüngern mit hundert Pfund Salbe aus Myrrhe und Aloe einbalsamiert. Danach erstand Jesus von den Toten auf, um auf ewig zu regieren.

Was können wir durch die Anbetung der Weisen lernen? Wir können lernen, dass Anbetung nicht einfach ein Ritual oder eine Formsache ist. Anbetung entspringt dem Herzen, wenn es erkennt, wer Jesu wirklich ist, und dazu bereit ist, ihn als den Herrn und König anzuerkennen. Wir lernen auch, dass Anbetung vom Charakter her kein Nehmen, sondern Geben ist. Die Weisen kamen zu Jesus und beteten ihn an und gaben ihm ihre Geschenke. Danach gingen sie wieder in ihr Land zurück. Sie wollten nicht irgendetwas von Jesus bekommen, sondern wollten ihn anbeten und ihm die Ehre erweisen, die ihm gebührt. Das zeigt ihr reines Motiv. Anbetung ist möglich, wenn wir so eine Herzenshaltung haben.

Weiter können wir lernen, dass Anbetung nie kostenlos ist. Die Weisen hatten eine lange, mühevolle Reise auf sich genommen und Jesus gesucht, bis sie ihn wirklich anbeten konnten. Anbetung erfordert, dass wir Jesus wirklich suchen, immer neu und ihn vor unseren Augen halten. Es bedeutet, dass wir ihn in unserem Herzen heiligen und ihn auch im praktischen Leben als Herrn und König achten. Wenn wir Jesus auf diese Weise als unseren König anbeten, bekommen wir eine große Freude, weil wir den Sinn unseres Lebens erfüllen.
Schließlich können wir lernen, dass Anbetung uns Menschen verändert. Die Weisen waren suchende Menschen. Aber als sie Jesus angebetet hatten, zogen sie zufrieden in ihr Land zurück. All ihr Suchen und Verlangen, das sie im Herzen gehegt hatten, waren erfüllt. Als sie Jesus fanden und ihn anbeteten, konnten sie erkennen, dass Gott der wahre Gott ist, der seine Zeichen und seine Verheißungen erfüllt. Dadurch konnten sie anders in die Zukunft schauen. Sie wussten, dass Gott auch in Zukunft seine Verheißungen erfüllen wird. So konnten sie ihr weiteres Leben voller Erwartung und Hoffnung auf Gottes König führen. Möge Gott jedem von uns helfen, Jesus zu suchen und ihn jeden Tag anzubeten. Möge Gott uns dadurch mit wahrer Freude erfüllen! Wenn wir so leben, ist jeden Tag Weihnachten.

 

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Fragebogen: Matthäus 2,1-12 – Weihnachten 2021

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Wir sind gekommen, ihn anzubeten

„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten“

(Matthäusevangelium 2,2)

  1. Warum meinst du, hat Matthäus erwähnt, wann und wo Jesus geboren war? Wer waren die Weisen, die in dieser Zeit nach Jerusalem kamen? Denke darüber nach, warum sie so einen weiten Weg nach Jerusalem gekommen waren (1.2).
  2. Wie reagierte der König Herodes auf ihre Frage? Wie wirkte sich das auf die ganze Stadt aus, und was sagt das über Herodes‘ Herrschaft? Was sagt die Schrift darüber, wo der Christus geboren werden sollte (4-6)?
  3. Worum bat Herodes die Weisen und welches Motiv gab er dabei vor (7-8)? Wie half Gott ihnen, den richtigen Ort zu finden, und wie froh waren sie (9.10)?
  4. Was taten sie, als sie in dem Haus das Baby Jesus fanden (11)? Welche Bedeutung haben ihre Geschenke? Was kannst du von ihnen über Anbetung lernen?
  5. Wie bewahrte Gott sie davor, von Herodes für seine böse Absicht ausgenutzt zu werden (12)? Was denkst du, warum Matthäus über die Anbetung Jesu durch die Weisen berichtet hat? Wie kannst du (neu) zu Jesus kommen und ihn anbeten?

 

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Predigt: Matthäus 1,18-25 – Weihnachten 2021

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Gott rettet

„Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

(Matthäusevangelium 1,23)

Der erste Verkündiger und Überbringer vom heutigen Text war ein Engel im Traum. Die meisten von uns sind mit der Weihnachtsgeschichte vertraut. Deshalb nur sehr kurz: Maria war schwanger ohne Zutun von irgendeinem Menschen. Die Tatsache, dass Maria als Jungfrau vom Heiligen Geist schwanger war, ist seit jeher Gegenstand von vielen unanständigen Witzen. Ich hatte einen bekennenden Atheisten als Zoologie-Professor, der sich mehrfach über die Jungfrauengeburt lustig gemacht hatte. Es gab aber eine Person, die das überhaupt nicht lustig fand. Und das war Josef. Historisch uninformierte Menschen denken immer wieder, dass die Leute damals viel leichtgläubiger waren als wir, weil wir ja so aufgeklärt, zivilisiert und technologisiert sind. Fakt ist, die Menschen damals wussten genauso wie wir, woher Babys kommen. Und sie wussten, was passieren musste, damit Babys entstehen.
Vers 19 sagt, dass Josef gerecht war; es bedeutet, dass er rechtschaffen war, mehr als nur anständig. Er wollte sie nicht bloßstellen, und er beschließt sich, sie zu verlassen. Sein Plan war, den Anschein zu erwecken, als ob er sich an ihr vergangen hätte; er sollte ihre vermeintliche Schuld auf sich nehmen.
Dann erscheint ihm der Engel im Traum und sagt ihm: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“ Der Engel erklärt weiter: „Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Der Name Jesus kann verschiedene verwandte Bedeutungen haben, wie z.B. „Der Herr ist die Rettung“, „der Herr ist die Hilfe“ oder „Gott rettet“. In Bezug auf die Rettung sagt uns der Text drei Dinge.
1. Wovon uns Jesus?
2. Wie rettet Jesus?
3. Wozu rettet Jesus?

1. Wovon uns Jesus?
Vers 21 sagt: „ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Der Text sagt, dass Jesus sein Volk von seinen Sünden erlöst. Jesus rettet uns von unseren Sünden. Und ich weiß, dass das für viele Menschen ein schwieriges Konzept ist. Was ist Sünde überhaupt? Ich habe diesen Text mehrfach zur Advents- und zur Weihnachtszeit gepredigt und finde das Thema immer noch schwierig. Zum einen ist es so, dass viele Christen einschließlich meiner selbst ein limitiertes Verständnis von Sünde haben. Viele Christen denken, dass Sünde bedeutet, dass man die Regeln bricht. Oder schlimmer noch: Gott hat alles verboten, was Spaß macht; und Sünde ist, wenn man es trotzdem macht. Und das ist ziemlich daneben; es geht so ziemlich an allem vorbei, was die Bibel unter Sünde versteht. Zum anderen ist es natürlich so, dass Nicht-Christen das Wort Sünde kaum mehr verwenden. Und wenn man in unserer Gesellschaft eine Umfrage machen würde, was das Hauptproblem in dieser Welt ist, würde wohl niemand sagen, dass es die Sünde ist.
Wenn sich Gelegenheiten zu tieferen Gesprächen ergeben, dann stelle ich meinen nicht gläubigen Gesprächspartnern gerne die Frage: „Menschen: sind sie gut oder böse?“ Diese Frage klingt vielleicht etwas naiv und unschuldig, aber ist alles andere als das. Es ist die e2-e4 Eröffnung des Schachspiels: Der Königsbauer zieht zwei Schritte nach vorne. Danach kann sich das Gespräch wirklich in alle möglichen Richtungen entwickeln: gibt es überhaupt so etwas wie Gut und Böse aus einer moralischen Perspektive? Ist Gut und Böse objektiv und absolut? Wenn ja, wie ist das definiert?
Im Prinzip glauben die allermeisten Menschen daran, dass es so etwas wie Gut und Böse gibt. Nicht nur das, die meisten Menschen glauben, dass Gut und Böse nicht relativ sind, sondern absolut; und wenn sie sagen, dass sie nicht daran glauben, verhalten sie sich tagtäglich so, als ob es das gibt. Und die allermeisten Menschen sind damit einverstanden, dass wir in einer Welt leben, in der viele, wenn nicht die meisten Probleme etwas damit zu tun haben, dass Menschen nicht gut sind. Es ist einfach überall und unübersehbar, wenn wir Nachrichten lesen oder schauen. Erst gestern war im Spiegel ein Artikel über Bewohnerinnen aus Frauenhäusern in Italien: Frauen, die von ihnen nahestehenden Menschen brutal misshandelt wurden.
Viele schlaue Menschen haben sich über die Natur des Menschen Gedanken gemacht. Immanuel Kant sagte z.B., dass der Mensch radikal böse ist. Das Wort „radikal“ stammt aus dem Lateinischen radix, Wurzel. Und damit meinte er, dass der Mensch von Natur aus, die Anlage und Neigung dazu hat, das Falsche zu tun, gegen das moralische Gesetz zu handeln. Der Mensch ist bereits in seiner Wurzel verdorben und korrupt. Böse ist untrennbar mit uns verbunden. Ich hatte eine Kollegin, die fest davon überzeugt ist, dass Menschen gut sind. Sie meinte zu mir: „Alle Menschen sind gut. Außer der Maximilian [Hinweis: Name geändert]. Der ist böse.“
Einer der intellektuell anspruchsvollsten Filme, die ich letztens gesehen hatte, unterstreicht diesen Punkt, dass der Mensch in sich eine Neigung zum Bösen hat. In dem Film Wonder Woman versucht die Heldin Ares, den Gott des Krieges, zu töten. Sie denkt sich, dass wenn der Kriegsgott tot ist, der Krieg vorbei ist, und die Menschen aufhören können, sich zu bekämpfen. Auf dem dramatischen Höhepunkt des Films schafft sie es, den Schurken zu erledigen (der sich später aber nicht als Ares herausstellt). Nachdem er tot ist, kann sie aber ihren Augen nicht trauen: Die Soldaten sind immer noch dabei, Giftgas auf einen Flieger zu laden. Der Krieg geht ungehindert weiter. Sie fragt sich, warum der Krieg weitergeht: „Aber Ares ist tot. Sie können jetzt aufhören zu kämpfen. Warum kämpfen sie immer noch?“ Ihr Freund Steve antwortet: „Vielleicht …, vielleicht sind die Menschen nicht immer gut. Ares hin oder her. Vielleicht ist es einfach ein Teil ihrer Natur.“ Diana: „Meine Mutter hatte recht: Die Menschen haben dich nicht verdient.“ Steve sagt: „Sie verdienen es nicht, dass wir ihnen helfen. Vielleicht tun wir es nicht. … Denkst du nicht, dass ich wünschte, dass ich dir diesen einen nennen kann, der an allem schuld ist? So ist es nicht! Wir sind alle schuld.“ Wonder Woman sagt dann: „Ich nicht.“ Steve: „Aber ich bin es vielleicht.“ In diesen wenigen Sätzen hat Steve die ganze Misere der Menschheit ziemlich gut beschrieben. Wir Menschen sind nicht immer gut. Es ist Teil unserer Natur. Wir verdienen es nicht, gerettet zu werden. Wir sind alle schuld.
Jahrhunderte nach Immanuel Kant kam Hannah Arendt, eine Studentin und Geliebte von dem Philosophen Martin Heidegger. Hanna Arendt hatte sich ebenfalls viele Gedanken über die Bosheit des Menschen gemacht, vor allem anhand eines konkreten Verbrechens gegen die Menschheit, dem Holocaust. Arendt war eine Reporterin für den New Yorker und schrieb eine Reihe von Essays über den Prozess gegen den SS-Anführer Adolf Eichmann. Eichmann war einer der Hauptorganisatoren von der Verfolgung und Deportation der Juden und daher mitverantwortlich am Mord von Millionen von Juden. Frage: ist Eichmann ein böser Mensch? Ja, natürlich ist er das. Aber gleichzeitig war die enttäuschende Feststellung, dass er auch einfach nur ein Mensch war. Er war kein Monster, kein Finsterling wie der Joker oder Lord Voldemort oder Es oder Thanos. Er war auch nicht groß. Manche hatten sogar gemutmaßt, ob sie vielleicht den falschen Mann festgenommen hatten. Arendt beschreibt ihn als Hanswurst, gedankenlos, realitätsfern, ohne Fantasie, dem man beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen kann. Mit anderen Worten, Eichmann ist so wie jeder andere beliebige Mensch. Er ist jemand wie du und ich, so anstößig das auch klingen mag.
In ihrem Buch über den Eichmann-Prozess hat Hanna Arendt den Begriff „Banalität des Bösen“ geprägt. Am Ende des Prozesses folgerte sie: „In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“ Man muss jetzt dazu sagen, dass Arendt für ihr Buch und für diesen Ausdruck massiv kritisiert wurde. Gleichzeitig muss man sagen, dass sie da vermutlich auch missverstanden wurde.
Frage ist dann doch nach wie vor: wenn das Böse so harmlos und so banal daherkommt, wie kann man dann erklären, dass dieses Böse sich in solch einem Hass und Zerstörung und Verbrechen äußert. Wie kann man diese beiden Elemente vereinen? Vicco von Bülow, bekannter unter dem Namen Loriot, hat den Ring der Nibelungen sehr witzig, ironisch und liebevoll zusammengefasst. Für diejenigen, die den Ring nicht kennen: es sind insgesamt vier Opern von Richard Wagner, die, wenn man sie ohne Pause aufführen würde, fast 16 Stunden dauern würden. Loriot beginnt seine Erzählung mit den Worten: „Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosem Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt. Zum Glück gibt es dergleichen ja nur auf der Opernbühne.“ Loriot sagt nicht, dass deren Problem ist, dass sie Geld und Macht wollten. Ihr Problem war, dass sie mehr haben wollten, als sie sich leisten können und mehr Macht haben wollten, als ihnen zusteht.
Die Bibel sagt, dass die Essenz der Sünde folgende zwei Elemente sind: Wir haben uns auf den Thron gesetzt, der Gott zu steht; wir wollen selbstbestimmt und autonom sein; wir wollen unsere eigenen Herren und Meister sein. Das andere Element ist, dass wir uns anderen Dingen zuwenden und mehr wollen als Gott selbst. Wir Menschen haben Gott mit etwas ersetzt haben, was nicht Gott ist. In seinem Buch „Counterfeit gods“ schreibt Tim Keller: „Was ist ein Ersatzgott? Es ist alles, was dir wichtiger ist als Gott, alles, was dein Herz und deine Vorstellungskraft mehr in Anspruch nimmt als Gott, alles, dem du dich zuwendest, um das zu bekommen, was nur Gott dir geben kann. Ein Ersatzgott ist etwas, das so zentral und wesentlich für dein Leben ist, dass du dein Leben kaum noch als lebenswert empfindest, wenn du es verlierst.“
Habt ihr Momente erlebt, wo ihr dachtet: „ich kenne diese Person schon seit so vielen Jahren. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass sie so etwas tut?“ Weißt du was? Wir alle sind diese Person. Du bist diese Person. In einem jeden von uns schlummert das Potential zu viel Gutem und zu abscheulichem Bösen. Was ist in deinem Herzen? Jeder von uns hat die Neigung, sein eigener König sein zu wollen. Jeder von uns hat Ersatzgötter im Leben. Jeder von uns gibt Personen oder Dingen einen absoluten Stellenwert, der nur Gott allein gehören sollte. Es kann alles und jeder sein: Karriere, Geld, Ehre, Anerkennung, Familie, Partnerschaft. Unser Hunger nach Geltung, Glück und Gewinn führt dazu, dass wir egoistisch und rücksichtslos handeln, dass wir unmoralische Dinge tun, lügen und betrügen, andere ausnutzen und ausbeuten, fremdgehen und letztendlich uns selbst zugrunde richten. Immanuel Kant und Wonder Woman haben recht: Das Böse ist in uns; Hannah Arendt und Loriot haben recht: das Böse kommt banal daher und hat trotzdem die Macht, uns und die ganze Welt zu zerstören. Und so lange du dich nicht retten lässt, wird dein Suchen und Trachten nach dem, was nicht Gott ist, dich auffressen und deine Umgebung. Das ist es, was wir tagtäglich in den Nachrichten sehen.
Und das ist die Sünde, von der Jesus uns rettet.

2. Wie rettet Jesus?
In Vers 23 zitiert der Engel das AT: „Siehe: Die Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären / und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ Hier ist der erste Teil der Antwort. Jesus ist die Inkarnation Gottes. Er ist Gott, der kommt, um mit uns Menschen zu sein. Den anderen Teil der Antwort finden wir etwas versteckt und doch ist es am Ende offensichtlich. Ich weiß nicht, ob es euch aufgefallen ist. Aber Engel hat eine interessante Art und Weise Josef anzusprechen. Er sagt: „Josef, Sohn Davids …“ Und natürlich war David nicht sein Vater. Im Stammbaum lesen wir, dass Jakob der Vater von Josef war. Warum redet der Engel Josef auf diese Weise an? Und im Kontext des ganzen Evangeliums wird es deutlich: Jesus kommt als König. Ein König braucht natürlich einen Stammbaum. Also fängt Matthäus mit dem Stammbaum Jesu an und zeigt, dass er Nachkomme Davids ist. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Schon im zweiten Kapitel fragen die Weisen aus dem Morgenland: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Immer und immer wieder wird im Evangelium verkündigt, dass Jesus der rechtmäßige König der Juden ist; und nicht nur das, der König der ganzen Welt und der König des Universums.
Das ist ja alles schön und gut. Und gleichzeitig zeigt Matthäus, dass Jesus ein König wie kein anderer ist. Die meisten Könige waren machtgierige Tyrannen. Aber Jesus regiert mit Liebe. Matthäus sagt über Jesus, dass er nicht streitet und nicht schreit. Er zerbricht das geknickte Rohr nicht. Den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Jesus sagt über sich selbst: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.“ Nicht nur das, er ist der König, der sich nicht bedienen lässt, sondern selbst die Schürze umbindet, um uns zu dienen. Nicht nur das, Jesus sagt, dass es die Bestimmung des Königs der Juden ist, für sein Volk zu sterben. Jesus ist der König, der für uns gestorben ist. Er steht nicht über unseren Leiden und Schmerzen. Er leidet mit uns. Und er ist der König, der den Tod überwunden hat.
Die Essenz der Sünde ist, dass wir uns anmaßen, dass wir unsere eigenen Herren sind. Die Essenz der Rettung ist, dass der König zu uns kommt, um uns zu dienen. Wir haben Privilegien in Anspruch genommen, die uns nicht zustehen; Jesus gibt die Privilegien, die ihm zustehen, auf. Unser ganzes Sein ist ein Suchen nach dem wahren Leben; Jesus, der das wahre Leben hat und der selbst das wahre Leben ist, gibt es auf, damit wir leben können.
Das ist die Art und Weise, wie Jesus uns rettet.

3. Wozu rettet Jesus?
Wenn wir noch einmal den Vers 23 betrachten: „Siehe: Die Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären / und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ Wir haben gesagt, dass die Art und Weise, wie Gott uns rettet, darin besteht, dass er in diese Welt kommt, um mit uns zu sein. Und zum Schluss möchte ich argumentieren, dass das nicht nur der Weg ist, wie Gott uns erlöst; es ist auch das Ziel, zu dem er uns erlöst: Gott rettet uns, weil er mit uns sein will. Gott rettet uns, damit wir für immer mit ihm vereint sein können. Und gerade an dieser Tatsache können wir erkennen, ob wir Gottes Rettung wirklich verstanden haben oder nicht.
Eliot, unser zweieinhalb Jahre altes Kind, ist meistens ein ganz lieber und netter Junge. Aber wenn es ans Zähneputzen geht, treibt er uns manchmal in den Wahnsinn. Eliot und ich haben eine Abmachung: wenn er mich ohne Theater seine Zähne putzen lässt, dann darf er eine kurze Folge Pororo schauen (eine koreanische animierte Serie, die für Erwachsene fast genauso unterhaltsam ist wie für Kinder). Gestern hat er sich nicht an die Abmachung gehalten. Und ich habe ihm deshalb gesagt, dass es keine Serie zum Schauen gibt. Daraufhin hat er angefangen zu weinen. Ich habe ihm dann gesagt, dass er sich entschuldigen soll. Es ist nicht ganz einfach, einem Kind in diesem Alter dieses Konzept zu erklären.
Hier ist eine Illustration von John Piper, die ich extrem hilfreich finde. Stellen wir uns vor, ein Ehepartner baut Mist (meistens sind es die Ehemänner): Ehemann versündigt sich an Ehefrau. Und jetzt denkt sich der Ehemann: Ich werde mich bei meiner Frau entschuldigen und versuchen mich mit ihr zu versöhnen. Natürlich ist das eine gute Sache. Frage ist: warum? Warum sollte er sich entschuldigen? Und was sollte die Motivation sein, die ihn dazu antreibt? Sollte er sich bei ihr entschuldigen, damit seine Frau ihm morgens wieder Omelett macht? Oder damit er nachts nicht mehr im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen muss? Oder damit er vor seinen Kindern nicht mehr wie ein Trottel aussieht? Sollte er sich versöhnen, damit die Beziehung wiederhergestellt werden kann, weil diese Beziehung an sich einen unermesslichen Wert hat; weil er die Gemeinschaft mit seiner Ehefrau liebt, weil er seine Ehefrau liebt? Was diese Illustration sehr eindrücklich zeigt, ist, dass es gute und noble Motive gibt, sich mit jemanden zu versöhnen; und es gibt auch völlig selbstsüchtige und selbstzentrierte Motive, es zu tun.
Die gute Nachricht von Weihnachten ist, dass Gott in Jesus Christus als König in diese Welt gekommen ist: nicht als Oberherr oder Oberlehrmeister, schon gar nicht als Diktator oder Despot, auch nicht als Aufräumer oder Aktivist. König Jesus kommt zu uns als Vater, um uns zu adoptieren; als Freund in unserer Einsamkeit, als Bruder, der uns versteht. Jesus ist gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu finden; um das Kranke zu heilen und wieder ganz zu machen; um die Toten zu erwecken, als ob sie nur schlafen; um mit uns zu sein, inmitten unserer Leiden und in unserem Chaos.
In Jesus Christus macht Gott uns das einzigartige Angebot, dass wir im Hier und Jetzt bereits anfangen können, mit ihm und unter seiner Herrschaft zu leben. Auf eine vorher nie dagewesene Art und Weise ist Gott uns nah. Jesus ist Immanuel, Gott mit uns. Die Frage ist, ob wir das wollen. Die Frage ist, ob wir in der Gemeinschaft mit Gott einen Wert sehen. Nicht deshalb, weil Gott uns segnet, obwohl er das tut; nicht deshalb, um geheilt zu werden, obwohl er uns versprochen hat, dass er es tun wird; nicht deshalb, um nicht in die Hölle zu kommen. Jemand hatte mal gemeint: Ich wäre lieber mit Gott in der Hölle als ohne Gott im Himmel. Da ist etwas Wahres dran. Und doch macht das nur teilweise Sinn. Der Himmel ist der Himmel, weil Gott dort ist. Erst durch Gottes Gegenwart und seine ungehinderte Gemeinschaft mit uns wird der Himmel zum Himmel. Frage ist, ob wir Gott wollen, um seiner selbst willen; weil er es wert ist; weil er würdig ist; weil wir ihn lieben und weil wir ihn haben wollen mehr als das, was er gibt.

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Fragebogen: Matthäus 1,18-25 – Weihnachten 2021

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Gott mit uns

„Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

(Matthäusevangelium 1,23)

1. Aus welcher Perspektive schreibt Matthäus seinen Bericht über Jesu Geburt? Was passierte, bevor Josef und Maria zusammenkamen? Inwiefern war das eine schwierige Situation für beide?

2. Was erfahren wir in Vers 19 über Josef? Welche Entscheidung traf er und warum?

3. Wie half Gott Josef? Was bedeutet es, dass Jesus vom Heiligen Geist ist (vgl. 1.Mose 3,15; Lk 1,31-33; Hebr 2,17.18; 4,15)?

4. Welchen Namen sollte Josef dem Kind geben? Was besagt das über das Hauptwerk Jesu (21)?

5. Welche Prophezeiung wurde durch Jesu Geburt erfüllt (22.23)? Was lehrt uns das über das weitere Ziel von Jesu Kommen? Was bedeutet das für dein Leben zurzeit?

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