Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 7 – Offenbarung 5

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Das höchste Ziel von allem: Anbetung

Der Text heute ist Offenbarung 5. In gewisser Weise soll diese Lektion nicht nur den Abschluss bilden vom Thema „Mission“, sondern die vorherigen 20 Lektionen zusammenfassen.

Kannst du kurz (!) den Kontext von Offenbarung 5 zusammenfassen? Johannes weint, weil niemand würdig ist, die Buchrolle zu öffnen. Warum?
Einer der Ältesten tröstet Johannes und sagt, dass der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids würdig ist, die Siegel zu brechen und das Buch zu öffnen (V5). Der Löwe stellt sich als Lamm heraus. Was bedeutet das?

In Vers 8 beginnt ein gewaltiger Lobpreis. Wofür wird Jesus gelobt?
Beschreibe, wie der Preis in den folgenden Versen Kreise zieht.
Für diese himmlische Szene gibt es eigentlich keine Worte, nicht wahr? An dieser Stelle dürfen wir gerne einen Moment innehalten.

Die große Frage lautet: wie kann dieser Preis, der im Himmel Alltag ist, Teil von deinem Leben im Hier und Jetzt werden?
Wie könnte das aussehen?

John Piper sagte einmal folgendes: „Mission ist nicht das höchste Ziel der Gemeinde. Anbetung ist das höchste Ziel. Der Grund weshalb es Mission gibt, ist der, weil es Anbetung nicht überall gibt. Anbetung ist das Höchste, nicht die Mission, weil Gott der Höchste ist, nicht der Mensch. Wenn dieses Zeitalter vorüber ist und die Millionen Erlösten vor dem Thron Gottes auf ihr Angesicht fallen, wird es Mission nicht mehr geben. Es ist eine vorübergehende Notwendigkeit. Aber Anbetung bleibt in Ewigkeit.“
Bist du mit dieser Aussage einverstanden? Warum oder warum nicht?

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 6 – Matthäus 25,31-46

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Barmherzigkeit

„Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

(Matthäus 25,40)

Wir hören heute die vorletzte Predigt zum Thema „Mission“. Bisher haben wir betrachtet, wie Jesus seinen Jüngern die Vision von der großen Ernte für das Evangelium gegeben und sie aufgefordert hat, Gott zu bitten, dass er Arbeiter in seine Ernte sende (Mt 9,35-38). Wir haben erfahren, wie Paulus in verschiedenen Städten das Evangelium auf unterschiedliche Weise verkündigt und dabei jeweils den kulturellen und religiösen Hintergrund seiner Zuhörer berücksichtigt hat. Heute betrachten wir Jesu letzte Predigt im Matthäusevangelium vor seiner Gefangennahme. Davor hatte er nach dem Einzug in Jerusalem den Jüngern die Rede über die Endzeit gehalten. Danach hatte er ihnen durch drei Gleichnisse gesagt, wie sie bis zu seiner Wiederkunft leben sollten, und dabei erklärt, wer ins Himmelreich kommt und wer nicht (Gleichnis vom treuen und vom bösen Knecht (24,45-51); von den klugen und törichten Jungfrauen (25,1-13); von den anvertrauten Talenten (14-30)). Mit dem heutigen Text schließt Jesus seine Rede an sie ab. Jesus kündigt darin konkret an, dass er als König wiederkommen wird und alle Menschen vor ihm versammelt, und dass die einen ins Himmelreich eingehen werden, die anderen aber ins ewige Feuer gehen müssen. Es ist also eine konkrete Prophezeiung, bei der Jesus ein Bild gebraucht (Trennung von Schafen und Böcken). Durch das Gespräch des Königs mit den beiden Gruppen veranschaulicht er den Grund, warum die einen gerettet und die anderen verflucht werden. Lasst uns heute lernen, was Jesus von uns Gläubigen unbedingt erwartet.

Wie beginnt Jesus seine Rede? Er sagt in den Versen 31 und 32a: „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden.“ Jesus sagt seine Wiederkunft nicht gleichnishaft, sondern klar und deutlich voraus. Dabei wiederholt er das Wort Herrlichkeit. Als Jesus zuerst auf die Erde kam, kam er als ein Baby in einem Stall in Niedrigkeit. Aber hier betont Jesus, dass er in Herrlichkeit kommen wird. Wenn auf ein König oder Staatspräsident eines anderen Lands Deutschland einen offiziellen Staatsbesuch abstattet, dann stehen am Flughafen vielleicht zwanzig oder dreißig Soldaten Spalier, um ihm Ehre zu erweisen. Letzte Woche hat zum Beispiel die Königin von Dänemark einen Staatsbesuch in Deutschland gemacht und wurde am Flughafen von einem hohen Beamten und einigen Soldaten der Bundeswehr empfangen. Das gilt als eine große Ehre, die nur wenigen Menschen zuteil wird. Aber wenn der König Jesus wiederkommt, wird es mit nichts auf der Welt zu vergleichen sein. Alle Engel werden mit ihm sein, um ihm Ehre zu erweisen; nach der Offenbarung gibt es viele Millionen Engel. Jesus wird sich nicht auf einen Stuhl aus Holz setzen, sondern auf den Thron seiner Herrlichkeit. Jesus wird herrlich sein, auch wenn er richtet.

Alle Völker werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Hier verwendet Jesus ein Bild, das den Menschen damals sehr vertraut war. Damals war es üblich, dass man Schafe und Ziegen zusammen weiden ließ. Am Abend trieb man alle Tiere zusammen und trennte die Schafe von den Ziegen, weil man sie in unterschiedliche Ställe bzw. Unterstände brachte. Dazu trieb man die Tiere in eine Art Gang, der so schmal war, dass am Ende jedes Tier einzeln vor dem Hirten stand. Der machte dann je nachdem, ob es ein Schaf oder eine Ziege war, auf der rechten oder auf der linken Seite das Gatter auf, sodass die Tiere genau getrennt wurden.

Durch dieses Bild macht Jesus anschaulich, dass nach seiner Wiederkunft jeder einzeln vor ihm stehen wird. Heute denken die meisten, dass sie ihre Religion oder Weltanschauung beliebig wählen könnten und dass es nur darum ginge, ob sie selbst damit im Leben „zurechtkommen“. Immer mehr Menschen denken, dass es gar keine Wahrheit gäbe, die über ihnen steht, und sie lehnen Gott und sein Wort und seinen Sohn leichtfertig ab oder erkennen ihn nur formal und oberflächlich an. Diejenigen, die an Jesus glauben und ihm in ihrem Leben ernsthaft nachfolgen, sehen für viele wie Narren oder wie Fanatiker aus, weil sie auf Gott ihre Hoffnung setzen, den sie nicht sehen und deshalb nicht für real halten. Aber wenn Jesus wiederkommen wird in seiner Herrlichkeit, werden alle Menschen vor ihn gebracht und jeder wird einzeln vor ihm stehen. Niemand kann sich dann vor ihm verstecken. Niemand kann sich auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, zum Beispiel einer gläubigen Familie oder einer bestimmten Gemeinde, berufen; jeder wird einzeln vor dem König stehen und von ihm beurteilt werden. Der König wird jeden entweder zu seiner Rechten oder zu seiner Linken stellen. In dieser Welt scheint es viele mögliche Wege zu geben, und jeder hat die Neigung, seinen eigenen Weg für richtig zu halten. Immer mehr Menschen behaupten, dass jeder Weg richtig sei, wenn man sich dabei gut fühlt und anderen keinen Schaden zufügt. Aber wenn Jesus wiederkommt in seiner Herrlichkeit, wird es nur zwei Möglichkeiten geben.

Welche sind das? Vers 34 sagt: „Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“ Er wird denen zu seiner Rechten das Reich seines Vaters geben, das herrlich und ewig ist. Gott hat es für sie schon vorbereitet, als er diese Welt schuf. Gott hat schon von da an vorgehabt, ihnen das Reich zu geben, in dem es kein Leiden, keine Schmerzen, keine Tränen und keinen Tod mehr geben wird, sondern seine Leben in Herrlichkeit in Ewigkeit.

Wer sind die, die diese Herrlichkeit erlangen? Jesus sagt in den Versen 35 und 36: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Jesus sagt, dass sie ihm mit Barmherzigkeit begegnet waren, als er bedürftig war. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass sie sich das Reich durch ihre Werke verdient hätten. Aber das ist sicher nicht, was Jesus damit sagen will. Im Vers 34 heißt es, dass sie das Reich ererben sollen. Erben bedeutet gerade nicht, dass man sich etwas erarbeitet oder verdient, sondern man erbt gewöhnlich wegen der Beziehung, zum Beispiel weil man der Sohn oder die Tochter des Gestorbenen war. Im Vers 37 werden sie außerdem „die Gerechten“ genannt. Die Bibel sagt klar, dass kein Mensch durch seine Werke gerecht wird. Sie sind also nicht Gerechte, weil sie so viele Werke der Liebe getan haben, sondern umgekehrt: Sie haben so viele Werke der Liebe getan, weil sie vom König gerecht gemacht worden sind und seine Liebe, die sie empfangen haben, im Herzen tragen.

Die Gerechten wissen nicht, wann sie dem König so gedient haben, und fragen: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“ (37-39) Ihnen war gar nicht bewusst, dass sie dem König gedient haben. Sie haben den Brüdern, die in Not waren, wie selbstverständlich gegeben, was sie brauchten, weil sie im Herzen barmherzig waren. „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (40). Aber Jesus bewertet ihre Tat so, dass sie das für ihn getan haben. Wir wollen darauf gleich nochmal eingehen, aber davor den Text bis zum Ende betrachten.

Jesus sagt weiter: „Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht“ (41-43). Jesus nennt sie Verfluchte. Der Grund dafür ist, dass sie ihm keine Barmherzigkeit erwiesen haben, als er in Not war. Auch sie fragen ihn, wann sie ihn denn bedürftig gesehen und ihm nicht gedient haben. Seine Antwortet darauf ist: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ Die „Begegnung fürs Leben“-Übersetzung sagt hier: „Ich versichere euch: Was ihr bei einem der Geringsten meiner Brüder und Schwestern unterlassen habt, das habt ihr an mir unterlassen!“ Sie waren unbarmherzig gegenüber den Geringen und haben ihre Bedürfnisse ignoriert, weil es ihnen an Liebe fehlte. Ihnen fehlte die Liebe, weil sie den König und seine wahre Liebe abgelehnt haben. Deshalb liebten sie ihn nicht und hatten keine Beziehung zu ihm. Dafür haben sie keine Entschuldigung. Daher sagt Jesus abschließend: „Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben“ (46). Ihre gute bzw. fehlende Beziehung zu Jesus und die vorhandene oder fehlende Liebe zu den Geringen macht den Unterschied.

Hier stellen sich einige Fragen, durch die wir einige wichtige Punkte lernen können. Zum einen hat sich bestimmt schon jemand gefragt: Wenn wir dadurch gerecht werden, dass wir Jesu Liebe zu uns im Glauben annehmen, warum hat Jesus in den Versen 35 und 36 ihre Werke der Liebe als Grund für ihre Rettung genannt? Auf diese Frage habe ich in einer Studienbibel eine gute Antwort gelesen: „Das Echtheitssiegel unseres Glaubens ist die Art, wie wir handeln.“ (Begegnung fürs Leben, S. 1575, SCM). Wir werden also durch den Glauben an Jesus gerecht; aber durch unsere Lebensweise zeigt es sich, ob unser Glaube echt ist. Wir selbst können es daran erkennen; und Gott will dieses Erkennungsmerkmal für unseren Glauben sehen. Zurecht, denn wenn wir Jesu Liebe wirklich für uns angenommen haben, werden wir von seiner Liebe erfüllt und werden unseren Mitmenschen lieben und den Bedürftigen helfen. Interessanterweise nennt Jesus hier lauter Werke, die jeder jeden Tag tun kann. Jemandem zu essen, zu trinken oder Kleider zu geben oder einen Kranken oder Einsamen im Gefängnis zu besuchen, erfordert weder Reichtum noch besondere Fähigkeiten oder Intelligenz. Jesus will, dass wir unseren Nächsten, die bedürftig oder in Not sind, mit Liebe dienen, so gut wir es können, und nicht denken: Das ist nicht meine Aufgabe. Es gibt keine Entschuldigung dafür, wenn wir Mitmenschen vernachlässigen, die in goßer Not sind. Die Liebe zu den Bedürftigen ist eine entscheidende Eigenschaft unseres Glaubens, die Gott sehr wichtig ist. Paulus schrieb daher in seinem Brief an die Christen in Galatien: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“ (Galater 5,6). Echter gesunder Glaube macht uns aktiv und treibt uns zu vielen Werke der Liebe an.

Wem gegenüber sollen wir auf diese Weise barmherzig sein? Wen hat Jesus mit seinen geringsten Brüdern genau gemeint? Über diese Frage ist viel diskutiert worden. Manche meinen, dass es sich auf die Juden bezieht, andere, dass es sich auf alle Christen bezieht, wieder andere, dass damit alle leidenden Menschen in der Welt gemeint sind. Ich glaube, dass Jesus hier vor allem seine Jünger, die an ihn glauben, gemeint hat. Vieles spricht dafür. In Matthäus 10,42 sagt Jesus: „Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ Das griechische Wort für „Kleinen“ ist zwar anders als das Wort für „Geringsten“, aber der Sinn der Aussagen ist ähnlich, und Jesus bezieht sich hier eindeutig auf Jünger. Außerdem hat Jesus nach dem Johannesevangelium am selben Abend seinen Jüngern das neue Gebot gegeben und gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebt habt“ (Joh 13,34). Jesus will eindeutig, dass wir die Glaubensgeschwister lieben, wie sie sind, und denen, die auf die eine oder andere Weise Mangel haben und Hilfe brauchen, mit Liebe dienen.

Dabei sollen wir unsere Barmherzigkeit aber nicht auf die Glaubensgeschwister beschränken. Wenn wir einen Nachbarn oder Fremden sehen, der dringend Hilfe braucht, sollten wir ihm helfen, ganz unabhängig davon, ob er auch an Jesus glaubt; alles andere wäre gegen den Sinn der Liebe. Jesus liebt alle Menschen und will alle retten. Unsere Barmherzigkeit kann für sie ein gutes Zeugnis von Jesu Liebe sein. Apostel Paulus schrieb in seinem Brief an die Christen in Galatien: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal 6,10). Wir sollen also jedem mit Barmherzigkeit begegnen und dienen, am meisten den Glaubensgeschwistern. Wenn wir die Geschwister aber nicht so lieben können, ist das ein Hinweis darauf, dass unsere Liebesbeziehung zu Jesus nicht mehr in Ordnung ist. Dann sollen wir zu Jesus kommen und für unsere mangelnde Liebe Buße tun und seine Liebe in unserem eigenen Herzen neu annehmen und sollen neu anfangen, sie an anderen auszuüben.

Dabei kann es uns helfen, wenn wir uns bewusst machen, dass Jesus sich mit seinen hilfsbedürftigen Brüdern identifiziert. Betrachten wir noch einmal Vers 40: „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Jesus sagt hier nicht nur lobend, dass sich die Gerechten um bedürftige Geschwister gekümmert hatten. Er sagt viel mehr: „das habt ihr mir getan.“ Damit identifiziert er sich mit den Gläubigen, die Hilfe brauchen. Wie ein Vater sich freut, wenn Freunde oder Nachbarn seinem Kind etwas Gutes tun, zum Beispiel es in ihre Wohnung aufnehmen, wenn niemand zu Hause ist und es draußen kalt ist und regnet, so freut sich der König Jesus sehr, wenn wir seinen Brüdern Gutes tun, selbst wenn sie die „Geringsten“ sind, was bedeutet, dass sie vielleicht materiell bedürftig sind oder noch klein oder unreif im Glauben sind. Jesus bewertet allen Dienst, den wir für sie tun, so, als ob wir es direkt für ihn getan hätten.

Was bedeutet das für uns? Zuerst bedeutet es, dass wir Jesu Herz verstehen sollen, wie sehr er auch den Geringsten seiner Brüder liebt, auch den, der verschiedene Probleme oder einen nicht so einfachen Charakter hat, und sich wünscht, dass es ihm gut geht. Die Frage ist: betrachten wir die Glaubensgeschwister mit diesem Bewusstsein? Wir sollen beten, dass wir die Geschwister nicht auf gewöhnliche Weise sehen, wie sie uns halt vorkommen, oder gar mit dem Gedanken an irgendwelche alten Erfahrungen mit ihnen, sondern mit den Augen Jesu, voller Liebe und Barmherzigkeit. Wir sollen für unsere Geschwister beten, bis wir hinter ihnen Jesus sehen, der sie so liebt und für sie gestorben ist und sich sehnlichst wünscht, dass ihr Mangel gestillt und ihr Leben gut wird. Wir sollen uns immer wieder klarmachen, dass wir, wenn wir ihnen dienen, in Wirklichkeit Jesus dienen. Wenn uns das bewusst ist, haben wir immer eine große Motivation und Bereitschaft, wahrzunehmen, was sie brauchen, und es ihnen zu geben – sei es ein Gespräch, ein Wort der Ermutigung, praktische Hilfe oder materielle Unterstützung. Jede Not eines Bruders oder einer Schwester ist für uns eine gute Gelegenheit, unsere Liebe zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Und Jesus hat gesagt, dass er es als unsere Liebe zu ihm annimmt.

Der Hauptpunkt dieser Predigt Jesu ist also die Liebe und Barmherzigkeit, die jeder Christ haben und im täglichen Leben an seinen Geschwistern und Nächsten praktizieren soll, auch jeder von uns. Jesus will daran die Echtheit unseres Glaubens an ihn sehen. Seine Liebe befähigt uns, unsere Nächsten anzunehmen, wie sie sind, und auf ihre Bedürfnisse und Nöte mit Barmherzigkeit zu antworten, seien sie praktischer oder seelischer oder geistlicher Art. Die Form unseres Dienens kann dementsprechend anders sein, zum Beispiel eine praktische Hilfe oder Besuch, Zuhören, Rat, Seelsorge oder Hilfe durch gemeinsames Bibellesen und Beten und Fürbitte. Wenn wir Jesu Liebe im Herzen haben, dann befähigt uns seine Liebe dazu, die Bedürfnisse des anderen richtig wahrzunehmen und zu verstehen, wenn wir für die Person beten und die Hilfe des Heiligen Geistes erbitten. Wenn wir einem Menschen aus Jesu Liebe helfen wollen und deshalb mit ihm die Bibel studieren, wollen wir immer den ganzen Menschen vor Augen haben und auch auf sein praktisches Leben achten, um ihm in Jesu Sinn ganzheitlich zu helfen. Natürlich werden wir, wenn derjenige unsere praktische Hilfe braucht, nach Möglichkeit helfen, was wäre das sonst für Liebe! Und andererseits, wenn wir einem Bruder oder einem Bekannten zum Beispiel beim Umzug helfen, werden wir auch an seine geistliche Lage denken und für sein geistliches Heil beten, weil uns Jesu Liebe dazu treibt.

So wie Jesus das Gleichnis erzählt hat, geht es hier vor allem um die Liebe jedes Einzelnen und die Barmherzigkeit, mit der jeder den anderen begegnet. Aber es hat nicht nur eine persönliche Ebene, sondern betrifft auch die Gemeinde. Es gibt auch Barmherzigkeit, die man nur oder zumindest besser gemeinsam praktizieren kann. Vor Corona haben zum Beispiel einige Gemeinden in Heidelberg in der Adventszeit Obdachlosen Frühstück angeboten; da reicht nicht einer, sondern es braucht das Mitwirken Vieler. Manche Gemeinden unterstützen bestimmte Hilfswerke oder einzelne Missionare im Ausland finanziell, da braucht es auch viele, die mitmachen. In der Geschichte haben die Christen wohl schon immer Barmherzigkeit einzeln praktiziert, aber zum Teil auch gemeinsam. Sie haben sich um einzelne Hilfsbedürftige innerhalb und außerhalb der Gemeinde gekümmert, manche haben aber auch gemeinsam Schulen, Waisenheime oder Krankenhäuser gebaut. Es ist wichtig, dass jede Gemeinde Gottes Willen für sich findet, wie er sie gebrauchen will, und einen gewissen Konsens darin hat.

Jesus will, dass auch von uns, dass wir barmherzig sind und Menschen in unterschiedlichen Nöten mit der Liebe Jesu helfen. Wir haben bisher am meisten dafür gebetet, dass wir jungen Menschen in ihrer geistlichen Not mit dem Wort Gottes helfen können, zu Jesus zu kommen und seine Jünger und geistlich heil zu werden. Das erfordert nicht nur jahrelange Mühe und Gebet, sondern vor allem viel Barmherzigkeit. Wir sollen diese Barmherzigkeit weiter haben und ausüben und mit Jesu Liebe für die verlorenen jungen Menschen beten und ihnen dienen. Natürlich soll sich unsere Barmherzigkeit nicht darauf beschränken. Bisher haben wir auch eine christliche Hochschule in einem verschlossenen Land unterstützt und für ein von Missionaren betriebenes Krankenhaus in Uganda (Bethesda) gespendet. Unser Weihnachtsopfer wird jedes Jahr weltweit gesammelt und sorgfältig für Nöte innerhalb der Gemeinde und für Hilfswerke verwendet, die Menschen nach Naturkatastrophen oder Kriegen helfen. Während ich das erwähne, ist mir bewusst, dass das wie nichts ist gemessen an der Hingabe und Liebe, die wir von Jesus empfangen haben. Lasst uns dafür beten, dass wir uns Jesu großer Liebe noch viel mehr bewusst werden und dass wir mit seiner Liebe im Herzen und offenen Augen sowohl als Einzelne als auch als Gemeinde noch viel mehr Gelegenheiten finden und nutzen, um unsere Liebe zu ihm an anderen auszudrücken. Amen!

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Fragebogen: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 6 – Matthäus 25,31-46

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Barmherzigkeit

Der Text heute ist Matthäus 25,31-46. Dieses Gleichnis ist nicht ganz einfach, aber trotzdem ein sehr bekannter Text. Was ist der Kontext von diesem Gleichnis? Was scheint die Hauptaussage von dem Gleichnis zu sein?

Eine erstaunliche Aussage, die der Text zu machen scheint, ist, dass Jesus sich mit den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken, den Gefangenen identifiziert.
Was bedeutet, dass Jesus sich mit ihnen identifiziert?
Und inwiefern könnte das eine ziemlich erstaunliche Aussage sein?

Dieses Gleichnis scheint sich erst einmal auf unsere christlichen Geschwister zu beziehen, die nicht so gut gestellt sind. Kennst du Texte in der Bibel (sowohl im AT als auch im NT), die dieses Prinzip verallgemeinern (also auf alle Bedürftige ausweitet)?
Wie hat das die frühe Gemeinde gemacht?

Hier ist eine eher provokative Frage zum Nachdenken (nicht notwendigerweise zum „beantworten“): Wo in der Skala der Wichtigkeit sollte sich die Berufung befinden, Barmherzigkeit auszuüben (z.B. im Vergleich zum Zweierbibelstudium)?
Wie wichtig ist dir diese Berufung?
Was kannst du tun, um dieser Berufung nachzugehen?
Was könnte unsere Gemeinde tun?

 

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Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Gesendet zur Mission 5 – Apostelgeschichte 16,11-40

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Gute Nachricht in Philippi

„Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.”

(Apostelgeschichte 16,34)

Wir betrachten heute vorerst zum letzten Mal Texte aus der Apostelgeschichte, um etwas besser zu verstehen, wie sich das Christentum in den ersten Jahrzehnten geradezu explosionsartig ausbreiten konnte. Im heutigen Text wird die Stadt Philippi missioniert. Der Geschichtsschreiber Lukas sagt uns dazu, dass es eine führende Stadt in Mazedonien war und eine römische Kolonie. Die Stadt war nach Philipp von Mazedonien benannt. Im Jahr 42 vor Christus fand bei Philippi eine wichtige Schlacht statt, bei der Antonius und Octavian die beiden Attentäter (Brutus und Cassius) von Julius Cäsar besiegten. Nach dieser Schlacht ließen sich viele römische Soldaten in dieser Stadt nieder. Einige Jahre später besiegte Octavian Marcus Antonius und Kleopatra (31 v. Chr.) bei Actium. Die römische Republik wurde danach zum römischen Imperium, und Octavian wurde danach zum ersten römischen Kaiser Augustus. Nach dieser Schlacht ließen sich noch mehr ehemalige römische Soldaten in Philippi nieder. Philippi war eine durch und durch römische Stadt. Das ist etwas, was wir verstehen müssen.
Der Text zeigt uns drei Dinge, die dazu geführt haben, dass in Philippi eine Gemeinde entstehen konnte: erstens, das Evangelium ist für jedermann; zweitens, das Evangelium beschenkt mit unaussprechlicher Freude; drittens, das Evangelium macht alles anders.

Erstens, das Evangelium ist für jeden
In der Stadt Philippi begegnen uns drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste Person ist Lydia. Vers 14 sagt: „Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ Für diejenigen, die nicht wissen, was Purpur war: Es war ein äußerst teurer Farbstoff. Er war so exklusiv und so wertvoll, dass zunächst nur der Kaiser in Rom Purpur getragen hatte; die römischen Senatoren, die nach dem Kaiser die höchste und erlesenste Gesellschaftsklasse war, trugen einen purpurnen Streifen. Obwohl Purpur dem Kaiser und den Senatoren vorbehalten, gab es reiche Privatleute, die es sich nicht nehmen lassen wollten, sich ebenfalls in Purpur einzukleiden.
Was machte den Farbstoff so unglaublich teuer? Er wurde aus Purpurschnecken gewonnen. Die Tiere wurden getötet und dann wurde eine kleine Drüse entfernt. Die wurde dann drei Tage in Salz eingelegt. Das Ganze wurde dann in Wasser erhitzt und gereinigt. Damit wurde die Wolle oder die Seide dann gefärbt. Unter Licht und Sauerstoff ergab sich daraus eine intensive Violett-Farbe. Um ein Gramm von dem reinen Farbstoff herzustellen, brauchte man 8 bis 12.000 Schnecken. Es war ein ungemein aufwendiger Prozess. Lydia war nun eine Frau, die damit Handel machte. Ihr Beruf war Geschäftsfrau für einen der begehrtesten Luxusgüter der Antike.
Die zweite Person, die uns begegnet, befindet sich in etwas anderen Umständen. Vers 16: „Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte.“ Magd ist ein etwas freundlicher klingendes Wort für Sklavin. Der Text sagt, dass sie von einem Geist besessen war. In heutiger Zeit wäre sie vielleicht als geisteskrank eingestuft worden. Ihren Besitzern war es nur recht: Was immer diese arme Frau von sich gab, konnte als Wahrsagerei verkauft werden. Was immer ihr Zustand war, für Paulus entwickelte sich diese Frau zu einer regelrechten Nervensäge. In Vers 18 sehen wir, dass Paulus schließlich die Hutschnur riss. Der trieb den Geist aus, und die Sklavin war sofort geheilt.
Die dritte Person, der wir begegnen, ist wieder von einem ganz anderen Schlag. Die Beamten gehen davon aus, dass Paulus und Silas zum einen vagabundierende Ausländer waren und zum anderen Unruhestifter waren. Entsprechend werden sie in Philippi ziemlich brutal behandelt. Verse 22 und 23 berichten davon, dass sie von der Polizei vor Ort mit Ruten geschlagen wurden. Blutend werden sie letztendlich ins Gefängnis geworfen. Der Gefängniswärter wird beauftragt, sie sicher zu verwahren. In Vers 24 heißt es dann: „Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.“
Wir erfahren hier einiges über den Kerkermeister. Vermutlich war er ein ehemaliger römischer Soldat. Er gehörte definitiv zur Klasse der einfachen Arbeiter, der seinem Job nachging. Auf der einen Seite war er sehr pflichtbewusst. Auf der anderen Seite war er auch übermotiviert. Was bedeutet es, dass er Paulus und Silas Beine in den Block legte? Es war eine Foltermethode. Die Beine der Gefangenen wurden dabei gespreizt, so dass es fürchterliche Krämpfe und Schmerzen verursachte. Niemand hatte ihm aufgetragen, seinen „Gästen“ weitere Leiden zuzufügen. Das war alles er selbst. Und es zeigt eine Gleichgültigkeit und Brutalität in ihm.
Drei Charaktere begegnen uns hier also. Falls wir versuchen würden, diese drei Typen in die heutige Zeit zu übertragen: Lydia wäre vielleicht die Besitzerin einer Louis Vuitton oder Tiffany Boutique an der Champs-Elysées; die Sklavin wäre vielleicht eine drogenabhängige Prostituierte im Frankfurter Rotlichtviertel, die von ihren Zuhältern missbraucht wird; der Gefängnisaufseher wäre vielleicht ein Ex-Bundeswehrsoldat, der als Justizvollzugsbeamter arbeitet.
Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Um mit dem Offensichtlichen anfangen: es waren zwei Frauen und ein Mann. Es waren Personen aus allen Gesellschaftsschichten: Lydia gehörte zur Oberklasse, der Gefängniswärter war Mittelklasse, die Sklavin war Unterklasse. Finanziell gesehen war Lydia wohlhabend, der Gefängniswärter lebte in einfachen Verhältnissen, die Sklavin war mittellos. Was den Glauben angeht, war Lydia religiös, der Wärter war irreligiös, die Sklavin war anti-religiös. Selbst vom Temperament her, könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Lydia war warmherzig, der Gefängniswärter war kaltherzig, die Sklavin war herzlos. Was die Umgangsformen angeht, war Lydia angenehm, der Gefängniswärter war brutal, die Sklavin war nervig. Diese drei Individuen stehen für die Vielfalt der Gesellschaft damals. Ich kann mich nur wiederholen: noch gegensätzlicher geht es kaum.
Bevor wir fortfahren, wollen wir ganz kurz festhalten, was es für uns bedeutet. Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen heutzutage nicht an Gott glauben. Eine ehemalige Kollegin von mir ist noch zu DDR-Zeiten aufgewachsen in einem nicht-christlichen Haushalt. Sie meinte, dass Gott einfach kein Thema bei ihnen in der Familie war und sie es auch nie vermisst hat. Vielleicht denken manche von euch: „Glaube ist etwas für die Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und brauche so etwas nicht.“ Oder vielleicht denken manche, dass das Christentum eher für Menschen schlichten Gemüts ist. Karl Marx hatte vom Opium fürs Volk gesprochen. Oder vielleicht denkst du: „Ich bin halt nicht so der Typ dafür.“
Hier ist der Punkt: Es gibt keinen christlichen Typ! Es gibt praktisch nichts, was dich geeigneter oder ungeeigneter für den christlichen Glauben machen könnte. Es ist völlig irrelevant in welcher Lage du dich befindest, ganz oben oder ganz unten in der Gesellschaft, reich oder arm, angenommen oder ausgestoßen, jung oder alt, gebildet oder ungebildet, gesund oder krank. Das Evangelium ist für alle Menschen, aller Zeiten; das Evangelium ist für dich.

Zweitens, das Evangelium bringt unaussprechlichen Frieden und Freude
Paulus und Silas waren brutal zusammengeschlagen im tiefsten Verlies. Soweit nichts Außergewöhnliches. Aber dann lesen wir in Vers 25: „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihn zu.“ Hier ist das absolut Unerhörte. So etwas hatte es im Gefängnis noch nie gegeben. Inmitten von Leid und Folter, im Angesicht des Todes, fangen Paulus und Silas an, zu singen. Der Text erwähnt, dass die Gefangen ihn zuhörten. So etwas hatten sie noch nie gehört. Normal wäre gewesen, dass Gefangene fluchen und schreien und klagen. Aber Paulus und Silas tun das absolute Gegenteil davon. Sie loben und sie preisen Gott.
Pfarrer Wilhelm Busch ist der Frage nachgegangen, warum der Gesang erst um Mitternacht beginnt. Was machten die beiden zwischen 19 Uhr und Mitternacht? Busch hatte selbst die Erfahrung machen müssen, wegen seines Glaubens eingesperrt zu werden. Er war in den berüchtigten Gefängnissen der Gestapo. Seine Vermutung war, dass Paulus und Silas einige Stunden brauchten, bis sie das Licht sahen. Sie müssen mit der Frage gehadert haben, warum Gott das alles zugelassen hatte. Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie so brutal misshandelt wurden, dass sie bluteten, dass sie gebrochene Rippen hatten? Warum hatte Gott es zugelassen, dass sie im Gefängnis noch weiter leiden mussten? Selbst ein Glaubensheld wie Paulus hatte vielleicht Zweifel. Vielleicht brauchte auch er etwas Zeit, um diese bittere Pille zu schlucken. Aber dann beteten sie und in ihre Herzen wurden mit Lobgesang erfüllt. Sie hatten einen Frieden, den die Welt nicht kannte und den ihnen nichts und niemand wegnehmen konnte.
Wir sehen den Frieden noch an anderer Stelle. Es kommt ein gewaltiges, übernatürliches Erdbeben, das dazu führt, dass die Türen des Gefängnisses sich öffnen. Der Kerkermeister sieht die Türen des Gefängnisses offen, und denkt, dass die Gefangenen alle geflohen sind. Er zieht das Schwert, um sich umzubringen. Der Grund dafür ist, dass er ohnehin exekutiert worden wäre, wenn die Gefangenen weg wären. Das wollte er sich ersparen, indem er sich selbst das Leben nahm. Paulus ruft laut: „Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.“ Das ist wiederum unerhört. Paulus und Silas hätten fliehen können. Sie waren völlig zu Unrecht im Gefängnis. Es wäre nur recht und billig gewesen. Es wäre außerdem die perfekte Art gewesen, es dem Wärter heimzuzahlen. Aber ihr Friede ließ es nicht zu. Das Erstaunliche ist, dass nicht nur Paulus und Silas nicht getürmt waren. Sie hatten einen solchen Einfluss und eine solche Autorität, dass alle Mitgefangenen ebenfalls geblieben waren. Alle waren noch da.
Und das brachte diesen hartgesottenen Mann zitternd auf die Knie vor Paulus und Silas. Er fragt: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Viele traditionelle Christen interpretieren diese Frage als ein: „Was muss ich tun, um nicht in die Hölle zu kommen, wenn ich sterbe?“ Aber ich glaube nicht, dass er das damit meinte. Seine Frage war ein: „Was muss ich tun, um aus meinem Schlamassel herauszukommen?“ In Paulus und Silas sieht er zwei Menschen, die ganz eindeutig ihr Leben gemeistert haben. Sie haben etwas, was ihm fehlt: einen Frieden und eine Freude, die nicht von dieser Welt sind. Sie hatten eine Wahrheit, von welcher er nichts wusste. Sie glaubten an einen Gott, den er noch nicht kannte.
Paulus und Silas verkündigen ihm die frohe Botschaft. Was ist das Resultat? Verse 33 und 34: „Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“ Im Haus des Gefängniswärters beginnt mitten in der Nacht ein Riesen-Freudenfest. Er lässt sich mit allen seinen Angehörigen taufen. Und dann wird aufgetischt; sie essen und das ganze Haus ist mit einer tiefen Freude erfüllt. Das ist es, was das Evangelium tut. Überall dort, wo das Evangelium wirkt, werden Menschen mit einem übernatürlichen Frieden und mit unaussprechlicher Freude erfüllt. Nichts und niemand kann das aufhalten.
Wir beten seit einigen Wochen für Darren, der an Krebs erkrankt ist. Er hat vor kurzem die letzte Runde Chemo-Radiotherapie abgeschlossen. Die Behandlung ist wirklich hart, und er hat erzählt, dass die Nebenwirkungen ihn wirklich mitgenommen haben. Darren hat uns vor kurzem geschrieben, dass es vor allem einen Vers gibt, der ihn die ganzen letzten Wochen hindurchgetragen hat: „Nachdem er sich mit dem Volk beraten hatte, ernannte der König Sänger, die in heiligem Schmuck dem Heer vorangehen und dem HERRN singen und seine Herrlichkeit preisen sollten. Sie sangen: Dankt dem Herrn; denn seine Gnade bleibt ewig bestehen!“ Der Kontext von diesem Vers ist, dass Israel von einem riesigen Heer angegriffen wurde; genauer gesagt bestand das riesige Heer aus drei Armeen; genug um das ganze Land zu überrollen. Der König Joschafat antwortet auf diese Bedrohung mit meinem Worship-Team. Das ist es, was Darren während diesen Wochen getan hat: Er hat uns alle dazu aufgefordert, gemeinsam Gott zu preisen.
Er schreibt: „Während dieser Zeit habe ich gesehen, wie meine Eltern näher zu Gott gekommen sind; mein ältester Freund Austin (der nicht gläubig ist), möchte mit mir die Bibel lesen, wenn das alles vorbei ist; betet für einen Mann namens Dave, dem ich im Krankenhaus Zeugnis gegeben habe, und der durch die gleiche Behandlung geht. … Ich war in der Lage, mit Uber-Fahrern zu beten und ihnen von Gottes Güte zu erzählen. Es gab wunderbare Zeiten.“ Und genau das ist es, was ich meine. Es gibt keine Fesseln, keine Gefängnismauern, keine Krankheit, keine Umstände, welche die Freude des Evangeliums aufhalten können.
Egal ob du an Jesus glaubst oder nicht oder wie stark und ausgeprägt dein Glaube ist, ohne diese Freude bist du verloren. Der Kerkermeister hatte es nicht, aber er wollte es und am Ende bekam er es.

Drittens, das Evangelium verändert alles
Der Text lässt ein Rätsel offen. Die Beamten der Stadt gaben den Befehl, dass man Paulus und Silas freilassen sollte. Sie hatten sich wahrscheinlich gedacht: „So wie wir die beiden Vagabunden behandelt haben, werden wir uns keine Sorgen mehr um sie machen müssen. Die werden sich hier nie wieder blicken lassen.“ Zu ihrer großen Überraschung sagte Paulus aber: „Nein, wir gehen nicht.“ Vers 37: „Sie haben uns ohne Urteil öffentlich auspeitschen lassen, obgleich wir römische Bürger sind, und haben uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt möchten sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen.“
In der Apostelgeschichte gibt es eine andere Begebenheit, in der Paulus sich wieder in römischer Gefangenschaft befindet. Wieder wird der Befehl gegeben, dass man ihn auspeitschen soll. Aber dieses Mal sagt er von vornherein, dass er römische Bürger ist. Und Paulus wird mit sofortiger Wirkung losgebunden. Römische Bürger besaßen besondere Rechte. Sie durften ohne Gerichtsurteil nicht geschlagen werden. Vers 38 erwähnt, dass die obersten Beamten erschraken, als sie das hörten. Sie wussten, dass sie richtigen Ärger bekommen könnten, wenn das an die große Glocke gehängt werden würde. Die Angelegenheit war ihnen so wichtig, dass sie persönlich zu Paulus und Silas kamen, sich entschuldigten und sie baten, die Stadt zu verlassen. Hier ist das Rätsel: warum hatte Paulus in Philippi seine Trumpfkarte nicht vorher ausgespielt?
John Ortberg hat sich mit der römischen Gesellschaft damals beschäftigt. Und er erklärt: „Ein männlicher, römischer Bürger durfte ab 14 die sogenannte toga virilis tragen. Ironischerweise war die Toga „ein bemerkenswert unbequemes Kleidungsstück“. Im Winter zog es, im Sommer war es brütend heiß, eine Hand blieb bedeckt und unbrauchbar, sie war schwer zu ordnen (die Reichen beschäftigten Sklaven, die speziell für das Anlegen der Toga ausgebildet waren) und hatte nur einen einzigen Wert: die Verkündigung des Status.“ Zum Glück gibt es das heute nicht mehr, dass man Kleidung als Statussymbol verwendet, oder etwa doch?
Wie wichtig ist dir Status? Bei meinem Vorstellungsgespräch hatte ich gefragt, wie die Stelle einzuordnen ist: es gibt Associate Scientist, Scientist, Senior Scientist, Principal Scientist. Was ist gewichtiger, was ist höher? Und die Managerin sagte zu mir: „Ach wissen Sie, es gibt bei uns Mitarbeiter, die so in ihren Titel verliebt sind. Wichtiger ist jedoch, welche Tätigkeit man hat.“ Ich arbeite jetzt seit dreieinhalb Jahren mit dieser Managerin zusammen. Und ich konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass sie auch eine der Personen ist, die in ihren eigenen Titel verliebt ist.
Status war in der römischen Gesellschaft unglaublich wichtig. In einem Artikel habe ich gelesen: „Zu jedem Zeitpunkt der römischen Geschichte wussten die einzelnen Römer mit Sicherheit, dass sie einer bestimmten sozialen Klasse angehörten: Senator, Ritterstand, Patrizier, Plebejer, Freie, Sklaven. In einigen Fällen wurden sie in diese Klasse hineingeboren. In anderen Fällen sicherte ihnen ihr Reichtum oder der Reichtum ihrer Familie die Zugehörigkeit. […] Zu keinem Zeitpunkt bestand Zweifel darüber, welche Römer zu welcher Klasse gehörten.“
Das war die Gesellschaft, in der eine christliche Gemeinde hineingeboren wurde. Zu dieser Gemeinde gehörten Lydia, die Sklavin und der Gefängniswärter. Jahre später schrieb Paulus an diese Gemeinde einen Brief. Der Brief enthält einige Verse, bei denen viele Ausleger und Theologen davon ausgehen, dass es sich um eines der frühesten christlichen Lieder handelte. Paulus schreibt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: [und hier folgt jetzt das Lied.] Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.“ Natürlich gab es in der griechischen Mythologie Geschichten von Zeus und anderen Göttern, die sich temporär als Menschen ausgaben. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Gott wird Mensch. Nicht nur das: Gott wird Sklave. Nicht nur das: Gott stirbt. Nicht nur das: Gott stirbt am Kreuz. Gott ging zu Boden, damit wir Menschen nachtreten konnten. Tiefer geht es nicht. Im Zentrum des christlichen Glaubens ist Gott, der bereit ist, sich aufs Äußerste zu degradieren. Und er tut es für dich und für mich. Er tut es, weil es keine andere Möglichkeit gab, um uns zu retten. Nur diese eine Möglichkeit. Es gibt keine andere Religion, keinen anderen Glauben, der uns das bieten kann.
Noch einmal die Frage: warum haben Paulus und Silas damit gewartet, sich als römische Bürger zu outen? Warum haben sie sich misshandeln lassen und ihr Leben riskiert? Hier ist eine mögliche Antwort darauf: Weil sie einem Herrn und König folgten, der sich so erniedrigte. Sie brauchten das Statusspiel nicht mehr mitzuspielen. Sie haben sich mit den Armen, den Klassenlosen, den Rechtelosen identifiziert. Sie ließen sich so behandeln wie Sklaven. Sie sagten: „Mein Wert hängt nicht von meinem Status ab. Meine Identität ist unabhängig davon, welcher Klasse ich angehöre.“ Auf ganz subtile und unscheinbare Art stellten sie die Gesellschaft auf den Kopf. Das ist es, was ich damit meine: Das Evangelium macht alles anders.
Was in dem Brief an die Philipper Gemeinde ebenfalls besonders ist, ist die Art und Weise, wie Paulus sich vorstellt. In allen anderen Briefen an andere Gemeinden stellt Paulus sich als Apostel vor. Das war sein offizielles Amt, das ihm auch eine gewisse Autorität verliehen hat. In 1. Korinther lesen wir: „Paulus, berufen zum Apostel Christi durch den Willen Gottes…“ An die Kolosser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ An die Epheser schreibt er: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“ Die Galater waren Paulus’ Sorgenkinder. An die Galater schreibt er deshalb: „Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater…“ Aber den Brief an die Gemeinde in Philippi beginnt Paulus folgendermaßen: „Paulus und Timotheus, Sklaven von Jesus Christus…“
Hier ist das Erstaunliche: Das römische Reich ist nicht mehr. Die Kaiser, die Senatoren, die Ritter, die Bürger und die Sklaven sind nicht mehr. Sie sind eine Randnotiz der Geschichte. Aber das Evangelium hat alles überdauert. Die Gemeinde Jesu ist heute noch da. Jesus wird heute noch gelobt und gepriesen, 2000 Jahre später.
Hier sind die drei Punkte: das Evangelium ist für jeden. Und weil das Evangelium für jedermann ist, ist es auch für dich, ganz egal wo im Leben du dich gerade befindet. Das Evangelium beschenkt mit übernatürlichem Frieden und mit Freude. Weil das Evangelium mit unaussprechlicher Freude erfüllt, ist es etwas, was du dir zumindest wünschen solltest, auch wenn du vielleicht (noch) nicht daran glauben kannst. Drittens, das Evangelium macht alles anders. Weil das Evangelium alles anders macht, ist das Evangelium unglaublich relevant: Es verändert dein Leben, er hat die Kraft, die Gesellschaft zu verändern und die ganze Welt und die ganze Geschichte.

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