{"id":13313,"date":"2025-07-06T11:00:55","date_gmt":"2025-07-06T09:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/?p=13313"},"modified":"2025-12-02T19:12:09","modified_gmt":"2025-12-02T18:12:09","slug":"predigt-1-mose-371-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/predigt-1-mose-371-36\/","title":{"rendered":"Predigt: 1. Mose 37,1-36"},"content":{"rendered":"<p><strong>Download [<a href=\"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Genesis-371-36-P.odt\">ODT<\/a>]&nbsp; [<a href=\"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Genesis-371-36-P.pdf\">PDF<\/a>]<\/strong> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.schlachterbibel.de\/de\/bibel\/1_mose\/37\/\"><strong>Bibeltext<\/strong><\/a><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Josef wird nach \u00c4gypten verkauft<\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u201eDie Midianiter aber verkauften Josef nach \u00c4gypten an Potifar, einen Hofbeamten des Pharao, den Obersten der Leibwache.\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\">(1. Mose 37,36 [E\u00dc])<\/p>\n<p>Die Genesis erz\u00e4hlt die Geschichte, wie wir Menschen durch die S\u00fcnde das Paradies, unser wahres Zuhause verloren haben. Und sie erz\u00e4hlt davon, wie Gott einen v\u00f6llig neuen Anfang gemacht hat, um den Weg ins Paradies wiederherzustellen. Gott begann mit einer Person, mit einer Familie und mit den unmittelbaren Nachkommen: Abraham, Isaak und Jakob. Wir sind jetzt in der vierten Generation angekommen: die zw\u00f6lf S\u00f6hne von Jakob. Es wird zunehmend chaotisch.<br \/>\nDer heutige Text handelt davon, wie Josef, der zweitj\u00fcngste Sohn, von seinen eigenen Br\u00fcdern als Sklave nach \u00c4gypten verkauft wurde. Wir finden in dieser Geschichte im Wesentlichen vier Protagonisten, die wir alle kurz behandeln wollen (und wollen von ihnen lernen). Wir haben hier: erstens, einen problematischen Vater; zweitens, einen unreifen und verw\u00f6hnten Bengel; drittens eifers\u00fcchtige und gewaltbereite Br\u00fcder; und viertens, einen souver\u00e4nen und gn\u00e4digen Gott.<\/p>\n<p><strong>1. Ein problematischer Vater<\/strong><br \/>\nWenn eine Familie richtige Probleme hat, fangen die Probleme nicht selten beim Haupt der Familie an. Das war zweifellos bei Jakobs Familie der Fall. Vers 3a sagt: \u201eIsrael liebte Josef mehr als alle seine S\u00f6hne, weil er ihm in hohem Alter geboren worden war.\u201c Jakob liebte Josef mehr als alle seine anderen S\u00f6hne. Man muss nicht in Psychologie promoviert haben, um zu verstehen, dass diese Ungleichbehandlung f\u00fcr Kinder extrem belastend sein kann und dass es toxisch f\u00fcr die Familie sein kann.<br \/>\nDie Frage ist hier aber nat\u00fcrlich, wie offensichtlich das Ganze war. War das so eine subtile Sache, bei der man zwischen den Zeilen lesen musste oder war es etwas offensichtlicher? Und die andere Frage war nat\u00fcrlich, wie stark die Bevorzugung von Josef bei Jakob ausgepr\u00e4gt war. Vers 3b sagt weiter: \u201eEr lie\u00df ihm einen bunten Rock machen.\u201c Jakob lie\u00df f\u00fcr Josef einen ma\u00dfgeschneiderten Anzug machen. Die \u00dcbersetzer streiten sich ein wenig dar\u00fcber, was das Wort \u201ebunt\u201c bedeutet. Sehr wahrscheinlich bedeutet es, dass das Gewand von Josef sehr reich und sehr aufwendig verziert war. Dieses Gewand musste ein Verm\u00f6gen gekostet haben. Das ist, wie wenn die Br\u00fcder zu ihrem 18. Geburtstag nichts bekommen hatten und Josef daf\u00fcr den Porsche. Mit anderen Worten: Jakobs Bevorzugung von Josef war extrem stark ausgepr\u00e4gt und absolut offensichtlich. Da war gar nichts subtil. Es war eine Ohrfeige im Gesicht seiner \u00e4lteren Br\u00fcder.<br \/>\nJetzt k\u00f6nnte man sich hier nat\u00fcrlich die Frage stellen: \u201eDieser Jakob\u2026 er rafft es mal wieder nicht. Wie kann man nur? Ist es nicht offensichtlich, dass er dadurch seiner eigenen Familie schadete?\u201c Wie konnte also Jakob nur? Was wir verstehen m\u00fcssen, ist die Tatsache, dass Jakob selbst aus einer Familie kam, in welcher sein Vater seinen Bruder mehr liebte als ihn. Esau war der Sportliche, Esau war der Gro\u00dfe und Starke, Esau war der J\u00e4ger, Esau war ein richtiger Kerl der ein ganzes Lamm essen und ein ganzes Fass Bier trinken konnte. Jakob hingegen war derjenige, der gut in der Schule war. Isaak liebte Esau. Jakob hatte bei Isaak immer das Nachsehen. (Warum liebte Isaak den Esau? Vielleicht lag es daran, dass Isaak sich immer wie ein Schw\u00e4chling f\u00fchlte und stolz darauf war, einen starken Sohn zu haben, der sich durchsetzen konnte).<br \/>\nVielleicht war das einer der Gr\u00fcnde, weshalb Jakob die fehlende Liebe seines Vaters zu kompensieren versuchte. Als er auf Rahel traf, dachte er sich: \u201eRahel ist die sch\u00f6nste Frau, die ich jemals gesehen habe. Wenn ich Rahel heiraten kann, dann werde ich endlich gl\u00fccklich sein.\u201c Jakob heiratete Rahel, die Frau seiner Tr\u00e4ume. Aber so wirklich gl\u00fccklich hatte ihn das nicht gemacht. Vor allem aber verstarb seine gro\u00dfe Liebe viel zu fr\u00fch. Als Rahel starb, nahm Josef in seinem Herzen die Stelle ein, die vorher Rahel geh\u00f6rt hatte. Jakob liebte Josef nicht nur als Sohn. Josef war sein ganzer Schatz, von dem er sich Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung erhoffte. Josef wurde zu Jakobs G\u00f6tze.<\/p>\n<p><strong>2. Ein unreifer und verw\u00f6hnter Bengel<\/strong><br \/>\nWenn wir von Josef in der Genesis reden, dann tun wir das normalerweise in den h\u00f6chsten T\u00f6nen. Im Verlauf der Geschichte sehen wir, dass Josef zu einem wirklich vorbildlichen Mann Gottes heranreift. Aber das ist nicht der Josef, den wir hier im Text sehen. In Vers 2 lesen wir: \u201eAls Josef siebzehn Jahre z\u00e4hlte, weidete er mit seinen Br\u00fcdern die Schafe und Ziegen. Er war Hirtenjunge bei den S\u00f6hnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters. Josef hinterbrachte ihrem Vater ihre \u00fcble Nachrede.\u201c Wenn Dan, Naftali, Gad oder Ascher Unsinn machten, dann war Josef derjenige, der es seinem Vater zutrugt. Und sehr wahrscheinlich war das durchaus verdient. Es gibt nat\u00fcrlich Momente, in denen Probleme beim Namen genannt werden m\u00fcssen. Aber es gibt auch die vielen Momente, in denen es vielleicht besser ist, den Mantel des Schweigens dar\u00fcber zu breiten. Josef war eine Petzliese.<br \/>\nDann hatte Josef auch noch Tr\u00e4ume. Das erste Mal tr\u00e4umte Josef davon, dass Josef und seine Br\u00fcder Garben banden. Dann wurde die Garbe von Josef lebendig. Sie richtete sich auf und blieb stehen. Und die anderen Garben wurden auch lebendig, umringten Josefs Garbe und beugten sich nieder. Dieser Traum ist nicht so schwer zu deuten. Das andere Mal tr\u00e4umte Josef, dass Sonne, Mond und elf Sterne sich vor Josef niederbeugten. Jeder von uns tr\u00e4umt. Auch Josef hatte bestimmt viele Tr\u00e4ume gehabt. Aber diese beiden Tr\u00e4ume waren besonders. Josef verstand, dass sie g\u00f6ttlich inspiriert waren. (Funfact: bei allen weiteren prophetischen Tr\u00e4umen in der Genesis treten Tr\u00e4ume als Paar auf).<br \/>\nVielleicht eine kurze Exkursion bevor wir fortfahren: Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, ist, ob Gott auch heute noch durch Tr\u00e4ume zu uns kommuniziert. Manche Christen sind der Ansicht, dass Gott es nicht mehr tut, weil wir heute die ganze Schrift haben. Ich denke nicht, dass es biblische Hinweise darauf gibt, dass Gott heute nicht mehr durch Tr\u00e4ume spricht. Interessanterweise gibt es in muslimischen L\u00e4ndern unz\u00e4hlige Berichte, dass Menschen einen Traum von Jesus hatten. Ein katholischer Theologe hatte von einem Freund von \u00c4gypten erz\u00e4hlt, der das sogar zu einer Art Missionsstrategie gemacht hat. Er geht in Caf\u00e9s und sagt den Menschen, dass er ein Traumdeuter ist. Und dann sagt er: \u201eDen einzigen Traum, den ich deuten kann, ist, wenn ihr einen Mann gesehen habt, der strahlend wei\u00df ist, und der von sich sagt, dass er der Weg und Wahrheit und das Leben ist.\u201c Er behauptete, dass fast jedes Mal 10-20% der Menschen auf ihn zukommen und ihm erz\u00e4hlen, genau diesen Traum gehabt zu haben.<br \/>\nZur\u00fcck zu Josefs Tr\u00e4umen. Was macht man mit Tr\u00e4umen, deren Inhalt als anst\u00f6\u00dfig gesehen werden k\u00f6nnte? Ein Prediger aus charismatischen Kreisen hatte einmal davon erz\u00e4hlt, wie jemand eine prophetische Eingebung hatte. Ein Mann betrat den Raum und er sah \u00fcber den Kopf dieses Mannes pl\u00f6tzlich das Wort \u201eGeiz\u201c. Wie w\u00fcrden wir reagieren, wenn wir eine solche prophetische Eingebung h\u00e4tten? Vielleicht auf diesen Menschen zugehen und ihn zur Umkehr f\u00fcr seine Habgier auffordern? Er sagte gar nichts. Stattdessen fragte er Gott, was er denn mit dieser Eingebung machen sollte. Er bekam eine weitere Eingebung: \u201eGeh zu diesem Menschen und sage ihm folgendes: Hier ist ein gro\u00dfz\u00fcgiger Spender vor dem Herrn!\u201c Ich finde, dass dieses Beispiel so sch\u00f6n zeigt, dass prophetische Einsicht und Weisheit wie man das kommuniziert zwei Paar Schuhe sind.<br \/>\nWas tat Josef? Er tat das Ung\u00fcnstigste, was man in seiner Situation tun konnte. Er sprach ganz offen und ungeniert \u00fcber diese Tr\u00e4ume; er tat es auch noch mit den betreffenden Personen. Das war nicht besonders schlau. Es war entweder jugendliche Unreife oder schlimmer noch Angeberei. Josef war entweder extrem unweise oder er war richtig arrogant. Sehr wahrscheinlich war es eine Mischung von beidem. Wir finden ein Indiz in der Art und Weise, wie Josef erz\u00e4hlt. Robert Alter macht auf das hebr\u00e4ische Wort <em>hineh<\/em> aufmerksam. Es bedeutet \u201esiehe\u201c oder \u201eschaut mal\u201c. Das kann man sicherlich einmal zu Beginn einer Rede verwenden. Aber Josef sagt sprichw\u00f6rtlich: \u201eHorcht doch mal, diesem Traum, den ich getr\u00e4umt habe. Und schaut mal, wir banden Garben auf dem Feld, und schaut mal, meine Garbe erhob sich und stand tats\u00e4chlich aufrecht, und schaut mal, eure Garben versammelten sich um meine Garbe und verneigten sich vor ihr.\u201c Kann man sich eine nervigere und unausstehlichere Weise vorstellen, wie man diesen Traum vortragen k\u00f6nnte? Das war Josef.<\/p>\n<p><strong>3. Eifers\u00fcchtige und gewaltbereite Br\u00fcder<\/strong><br \/>\nAuf der einen Seite k\u00f6nnen wir sicherlich den \u00c4rger der Br\u00fcder nachvollziehen. Auf der anderen Seite, sind sie unbestritten niedertr\u00e4chtig. In Vers 4 lesen wir: \u201eAls seine Br\u00fcder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Br\u00fcder, hassten sie ihn und konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden.\u201c Die Br\u00fcder hassten Josef. Es fing damit an, dass sie ihm kein freundliches Wort mehr sagen konnten. Aber schlimmer geht leider immer. Vers 5: \u201eEinst hatte Josef einen Traum. Als er ihn seinen Br\u00fcdern erz\u00e4hlte, hassten sie ihn noch mehr.\u201c Vers 11 sagt schlie\u00dflich: \u201eSeine Br\u00fcder waren eifers\u00fcchtig auf ihn.\u201c Es blieb nicht dabei.<br \/>\nJakob schickt Josef zu seinen Br\u00fcdern, um nach ihnen zu schauen. Die Br\u00fcder sehen Josef von weitem. Vielleicht war es der besondere Mantel, der so auff\u00e4llig war. In den Versen 19 und 20 geht ihr Hass so weit, dass sie einen Plan schmieden, ihn umzubringen. In den Versen 23 und 24 lesen wir: \u201eAls Josef bei seinen Br\u00fcdern angekommen war, zogen sie ihm seinen bunten Rock aus, den \u00c4rmelrock, den er anhatte, packten ihn und warfen ihn in die Zisterne.\u201c Tim Keller macht an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass die Wortwahl zeigt, wie gewaltt\u00e4tig die Br\u00fcder waren. Das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr \u201eausziehen\u201c wird in dieser Form noch einmal verwendet, als die Philister dem toten Saul die R\u00fcstung abziehen. Das Wort wurde auch gebraucht, wenn man bei einem Tier das Fell abzogen hat. Wahrscheinlich warfen sie Josef nackt in die Zisterne. Und das Wort f\u00fcr \u201ewerfen\u201c, wurde verwendet, wenn man etwas weggeworfen hat.<br \/>\nVers 25 sagt, dass die Br\u00fcder danach extrem kaltherzig und gleichg\u00fcltig zum Essen \u00fcbergingen. Der Text hier schweigt dar\u00fcber, aber einige Kapitel sp\u00e4ter (Gen 42,21) erfahren wir es, dass Josef in der Zisterne geschrien hatte. Er musste seine Br\u00fcder angebettelt und angefleht haben, ihn aus dem Loch rauszuholen. Josefs Klagen und Geschrei lie\u00df sie in diesem Moment v\u00f6llig kalt; und gleichzeitig brannte es sich in ihr Gewissen ein, so dass sie Jahre sp\u00e4ter noch von diesem Ereignis heimgesucht wurden. Das n\u00e4chste Mal, wenn sie in Josefs Gegenwart essen w\u00fcrden, w\u00fcrde in \u00c4gypten sein.<br \/>\nUnter den Br\u00fcdern selbst gab es unterschiedliche Stimmen. Ruben war z.B. der Moderate. Als \u00e4ltester Bruder konnte er durchsetzen, dass Josef nicht sofort umgebracht wird. Und gleichzeitig konnte er nicht durchsetzen, Josef heil zu seinem Vater zur\u00fcckzubringen. Stattdessen ergreift Juda das Wort (26.27): \u201eWas haben wir davon, wenn wir unseren Bruder erschlagen und sein Blut zudecken? Kommt, verkaufen wir ihn den Ismaelitern. Wir wollen aber nicht Hand an ihn legen, denn er ist doch unser Bruder und unser Fleisch.\u201c Diese Rede ist voller Ironie. Juda erkennt an, dass Josef sein Bruder ist, sein Fleisch. Und der Ratschlag, Josef nicht umzubringen, ist reiner Bequemlichkeit und Opportunismus geschuldet (\u201ees bringt uns doch nichts\u201c). Die \u201eL\u00f6sung\u201c: den gekidnappten Jungen als Sklaven verkaufen.<br \/>\nSo herzlos und hasserf\u00fcllt waren die Br\u00fcder. Sp\u00e4ter entschlie\u00dfen sich die Br\u00fcder, ihren Vater zu t\u00e4uschen, indem sie Josefs Gewand in das Blut von einem Ziegenbock tauchten. Die T\u00e4uschung ist erfolgreich. Und so schlie\u00dft sich der Kreis, denn Jahre zuvor hatte Jakob mit einem Gewand und mit einem geschlachteten Ziegenbock erfolgreich seinen Vater betrogen. Und alles das, der problematische Vater, der seine Probleme 1:1 an die n\u00e4chste Generation weitergab, der verzogene Bengel Josef, der es darauf anlegte, sich \u00fcber seine Br\u00fcder zu erheben, die hasserf\u00fcllten Br\u00fcder, die zu jeder Gewalttat bereit waren, das zusammengenommen zeigt, wie dysfunktional, wie kaputt die Familie war. Diese Familie ist kein Vorbild; sie ist ein einziges Desaster. Und das ist die Familie, durch welche Gott Rettung in diese Welt bringen wollte. Jeder einzelne in dieser Familie brauchte selbst Gottes Rettung.<br \/>\nEine Anwendung: Jeder von uns kommt aus einer dysfunktionalen Familie. Bei manchen Familien ist es offensichtlicher, bei anderen etwas weniger. Ein gro\u00dfer Teil der Verbrechen, die \u00fcberhaupt begangen werden, geschehen innerhalb von Familien in Form von h\u00e4uslicher Gewalt und Missbrauch. Und wenn du das Gl\u00fcck hast, dass deine Familie eher friedlicher Natur ist, dann ist das Dysfunktionale vielleicht eher subtil, in Form von Manipulation, nicht gel\u00f6sten Konflikten, Ausgrenzung, Vernachl\u00e4ssigung; oder wie im heutigen Text eine ungesunde Bevorzugung von einem Kind auf Kosten seiner Mitgeschwister. John Ortberg hatte ein Buch mit dem Titel geschrieben: \u201eJeder ist normal. Bis man sich kennenlernt.\u201c Wir alle tragen die Sch\u00e4den, die Narben und vielleicht die offenen Wunden herum, die das Resultat von mehr oder weniger dysfunktionalen Familien sind.<br \/>\nJakob und seine S\u00f6hne sind hier keine Glaubensvorbilder. Sie sind Objekte der Gnade Gottes. Wenn Gott in und durch Jakobs Familie wirken kann, dann kann er es auch durch uns tun.<br \/>\nDas bringt uns zum letzten Punkt.<\/p>\n<p><strong>4. Der souver\u00e4ne und gn\u00e4dige Gott<\/strong><br \/>\nIst euch aufgefallen, dass in diesem ganzen Kapitel Gott kein einziges Mal erw\u00e4hnt wird? Gott f\u00e4llt hier in diesem Text vor allem durch seine scheinbare Abwesenheit auf. Der Ort des Verbrechens ist Dotan. Diesem Ort begegnen wir im Alten Testament noch einmal und zwar im Buch 2. K\u00f6nige Kapitel 6. Der Prophet Elisa befand sich in Dotan, als eines Nachts die ganze Stadt von aram\u00e4ischen Streitkr\u00e4ften umzingelt wurde. Elisas Diener bekommt Panik und fragt: \u201eWas sollen wir tun?\u201c Elisa verstand, dass es keinen Grund gab sich zu f\u00fcrchten. Er betete, und Gott \u00f6ffnete seinem Diener die Augen. Der Diener sah Scharen von Engel mit feurigen Pferden und Wagen. Die Aram\u00e4er wurden von Engeln vor\u00fcbergehend mit Blindheit geschlagen. Josef musste gebetet haben, aber bekam keine Antwort Gottes. Elisa betete und eine riesige Armee von Engeln befreit die Stadt von den l\u00e4stigen Angreifern. Der gleiche Ort und doch zwei v\u00f6llig unterschiedliche Ereignisse.<br \/>\nTim Keller hatte folgendes Gedankenexperiment vorgeschlagen. H\u00e4tte Gott die Familie von Jakob nicht auch durch einen Engel retten k\u00f6nnen? Stellen wir uns vor, wie ganz kurz vor dem gro\u00dfen Konflikt ein Engel Gottes auftaucht, der mit allen Familienmitgliedern Tacheles redet: \u201eJakob, du hast au\u00dfer Josef noch 11 andere S\u00f6hne (und eine Tochter). K\u00fcmmere dich um sie. Sofort! Josef, du bist gerade dabei, ein v\u00f6llig arroganter Schn\u00f6sel zu werden. Rei\u00df dich zusammen. Ihr Br\u00fcder von Josef, das war das letzte Mal, dass ihr gewaltt\u00e4tig seid. Ihr tut jetzt sofort Bu\u00dfe f\u00fcr eure Aggressionen.\u201c Und dann h\u00e4tten Jakob und seine Familie gesagt: \u201eDer Engel hat Recht.\u201c Und sie h\u00e4tten alle angefangen zu weinen und Bu\u00dfe zu tun. Anschlie\u00dfend h\u00e4tten sie sich alle umarmt. The End.<br \/>\nH\u00e4tte das so funktioniert? Nat\u00fcrlich nicht. Hier ist der Grund, weshalb das nicht funktioniert h\u00e4tte. Die Frage war, warum Gott dem Elisa auf sein Gebet hin eine Armee von tausenden Engeln offenbart, w\u00e4hrend Josef in der Zisterne nicht einen einzigen Engel zu sehen bekam. Die Antwort ist wahrscheinlich, dass es etwas mit den Problemen zu tun hat, die es zu adressieren galt. Bei Elisa war es \u201elediglich\u201c eine feindliche Armee. Aber bei Jakob und seiner Familie war es ein geistliches Problem; die bitteren Wurzeln von zerst\u00f6rten Beziehungen gingen tief in ihre Herzen. Das Problem war ihre S\u00fcnde. Und das war ein viel tiefer gehendes Problem.<br \/>\nWie ging Gott dieses Problem dann an? Gott ist scheinbar abwesend. Und gleichzeitig ist der Text voller scheinbarer \u201eZuf\u00e4lle\u201c: die Br\u00fcder zogen von Sichem nach Dotan, so dass Josef sie nicht finden konnte. Aber Josef traf in Sichem \u201ezuf\u00e4llig\u201c auf einen Mann, der ihm helfen wollte. Dieser Mann hatte nicht nur \u201ezuf\u00e4llig\u201c seine Br\u00fcder gesehen. Er war nah genug an den Br\u00fcdern, um zu \u00fcberh\u00f6ren, dass sie nach Dotan ziehen wollten. Als die Br\u00fcder Josef an den Kragen wollten, war Ruben \u201ezuf\u00e4llig\u201c da, um zu intervenieren; aber er war nicht da, um den Verkauf zu verhindern. Und auch die Tatsache, dass die Karawane mit den Kaufleuten vorbeizog, war etwas, was sich am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt ereignete, um Josef nach \u00c4gypten zu bringen. Fakt ist, Josef musste nach \u00c4gypten verkauft werden, damit seine ganze Familie gerettet werden konnte. Rettung von der drohenden Hungersnot und noch viel wichtiger, Rettung von der Bosheit, welche die ganze Familie zu zerst\u00f6ren drohte. Und die Schlussfolgerung ist: Vielleicht war Gott gar nicht so abwesend. Gott war im Verborgenen, aber er war nicht abwesend.<br \/>\nWenn wir auf Gott vertrauen und wenn wir Jesus nachfolgen, dann bekommen wir Wunder zu sehen. Wir erfahren Gebetserh\u00f6rungen. Wir erleben wunderbare Dinge. Und gleichzeitig werden wir alle auch durch den einen oder anderen Josef-Moment gehen: Wir f\u00fchlen uns gefangen, wir f\u00fchlen uns, wie als ob jemand uns in eine Zisterne geworfen h\u00e4tte, aus der es kein Entkommen gibt. Wir erfahren, wie Gott scheinbar nicht antwortet; wie Gott sein Angesicht verborgen h\u00e4lt; wie unser Schreien und unser Klagen anscheinend unerh\u00f6rt bleiben. Und wir verstehen nicht warum. Woher wissen wir, dass Gott da ist? Woher wissen wir, dass Gottes Verborgenheit nicht Abwesenheit ist, dass sein Schweigen nicht Gleichg\u00fcltigkeit ist? Woher wissen wir, dass Gott gerade dabei ist, ein wunderbares Ende zu orchestrieren?<br \/>\nUnser Text ist voller Parallelen zu einem anderen geliebten Sohn, der von seinen \u201eBr\u00fcdern\u201c (die Menschen, die ihm nahestanden, sein eigenes Volk) verraten wurde. Jesus wurde ebenfalls f\u00fcr eine Handvoll Silberst\u00fccke verkauft. Jesus wurde ebenfalls sein Gewand genommen. Jesaja sagte, dass Jesus seinen Mund nicht auftat, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gef\u00fchrt wird. Aber in einem entscheidenden Moment schrie Jesus: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Die Parallelen zwischen Josef und Jesus sind da und sie sind offensichtlich. Aber seht ihr auch den fundamentalen Unterschied? Gott war da, als die Br\u00fcder Josef misshandelten; Josef war immer in Gottes gn\u00e4diger Hand. Aber Gott war nicht da, als Jesus am Kreuz starb. Der geliebte Sohn wurde sprichw\u00f6rtlich von seinem Vater verlassen. Jesus wurde im Stich gelassen. Er starb in der absoluten Finsternis der Gottverlassenheit. Das war der Preis, der bezahlt werden musste, um Rettung zu bewirken. Nicht nur die Rettung in Hungersnot, nicht nur die Rettung von einer Familie. Die Rettung der ganzen Menschheit.<br \/>\nIn Jesus Christus hat Gott uns alles gegeben, was er uns hatte geben k\u00f6nnen. Wenn wir auf Jesus am Kreuz blicken, sehen wir einen Gott, der absolut, kompromisslos, uneingeschr\u00e4nkt auf unserer Seite steht. In R\u00f6mer 8 stellt Paulus die rhetorische Frage: \u201eWas kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedr\u00e4ngnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder K\u00e4lte, Gefahr oder Schwert?\u201c Und er antwortet auf diese Frage: \u201eWeder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges noch Gewalten, weder H\u00f6he oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur k\u00f6nnen uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.\u201c Auch eine zutiefst dysfunktionale Familie kann es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Download [ODT]&nbsp; [PDF] &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bibeltext Josef wird nach \u00c4gypten verkauft \u201eDie Midianiter aber verkauften Josef nach \u00c4gypten an Potifar, einen Hofbeamten des Pharao, den Obersten der Leibwache.\u201c (1. 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