{"id":10635,"date":"2022-06-26T11:00:12","date_gmt":"2022-06-26T09:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/?p=10635"},"modified":"2022-11-18T12:11:07","modified_gmt":"2022-11-18T11:11:07","slug":"predigt-lukas-612-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/predigt-lukas-612-16\/","title":{"rendered":"Predigt: Lukas 6,12-16"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/2022-Lukas-L.-7b_6-1216-P.doc\"><strong>Download<\/strong><\/a><\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"center\">Der K\u00f6nig und die Zw\u00f6lf<\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u201eAls es Tag wurde, rief er seine J\u00fcnger zu sich und w\u00e4hlte zw\u00f6lf aus; sie nannte er auch Apostel.\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\">(Lukasevangelium 6,13)<\/p>\n<p>Das Ereignis, um das es geht, ist extrem schnell nacherz\u00e4hlt. Die Konflikte zwischen Jesus und den religi\u00f6sen Leitern hatten sich in den letzten Tagen und Wochen versch\u00e4rft. Jesus ging auf einen Berg und verbrachte die ganze Nacht auf dem Berg im Gebet. Nach diesem Gebetsmarathon w\u00e4hlt Jesus unter seinen J\u00fcngern 12 M\u00e4nner aus, die er Apostel nennt. Und das war\u2019s. Dieses Ereignis wird in allen drei synoptischen Evangelien erw\u00e4hnt. Ohne Zweifel war es ein sehr wichtiges Ereignis. Frage ist dann nat\u00fcrlich: Was genau war daran wichtig? Und warum?<br \/>\nIch finde, dass dieses Ereignis aus mindestens drei Gr\u00fcnden wichtig ist. Wir k\u00f6nnen diese Gr\u00fcnde mit folgenden Worten zusammenfassen: Erf\u00fcllung, Offenbarung und Auswirkungen. Mit dem Einsetzen der zw\u00f6lf Apostel erf\u00fcllt sich hier etwas; gleichzeitig offenbart es auch etwas, und es hat Auswirkungen bis in unsere Zeit. Und das sind die drei Punkte, \u00fcber die wir nachdenken wollen.<\/p>\n<p><strong>1. Die Erf\u00fcllung<\/strong><br \/>\nViele Menschen, die diesen Text lesen, betrachten es als eine wichtige Z\u00e4sur in Jesu Leben. Manche betrachten es als den Anfang von Jesu J\u00fcngerschaft. Vielleicht haben manche oder viele von uns den Text so \u00e4hnlich gelesen. In unserer Gemeinde sehen wir es als unsere Aufgabe an, Jesus nachzuahmen und ebenfalls J\u00fcnger zu machen, genauso wie Jesus es getan hatte. Jesus betete die ganze Nacht hindurch: vielleicht sollten wir dann ebenfalls wesentlich mehr Zeit im Gebet verbringen. Das hat alles seine Richtigkeit. Es ist absolut rechtens, dass wir uns dieses Anliegen zu Herzen nehmen und daf\u00fcr beten.<br \/>\nEs ist nur so, dass ich nicht glaube, dass dieser Text heute davon handelt. Zum einen ist es so, dass Jesus zus\u00e4tzlich zu den 12 Aposteln noch andere J\u00fcnger hatte. Fakt ist, dass Jesus ganz viele Nachfolger hatte, die nicht zu den Zw\u00f6lfen dazu geh\u00f6rten. In Lukas 10 ist von 72 J\u00fcngern die Rede, die Jesus aussendet. Apostelgeschichte 1 spricht von einer Gemeinschaft von 120 Menschen, und das waren nur diejenigen, die sich nach Jesu Tod und Auferstehung in Jerusalem aufgehalten hatten. 1. Korinther 15 spricht von 500 Br\u00fcdern. Und das waren nat\u00fcrlich nur die M\u00e4nner. Es gab auch zahlreiche Frauen, die Jesus nachgefolgt sind. Jesus hatte also wesentlich mehr J\u00fcnger als die Zw\u00f6lf.<br \/>\nIch w\u00fcrde sogar einen Schritt weitergehen und argumentieren, dass die zw\u00f6lf Apostel noch nicht einmal die wichtigsten J\u00fcnger waren. Von Jakobus, den Sohn des Alph\u00e4us, Judas, den Sohn des Jakobus, Bartholom\u00e4us wissen wir praktisch gar nichts au\u00dfer ihren Namen. Auf der anderen Seite bekehrte sich sp\u00e4ter Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus, und wurde zu einer f\u00fchrenden Person in der fr\u00fchen Kirche. Es gab also durchaus andere J\u00fcnger, die prominenter waren als etliche von den Zw\u00f6lfen. Die Zw\u00f6lf waren also nicht der Anfang der J\u00fcngerschaft und sie waren schon gar nicht die einzigen J\u00fcnger.<br \/>\nNoch eine interessante Beobachtung: zus\u00e4tzlich zu den zw\u00f6lf Aposteln gab es eine ganze Reihe von weiteren Menschen, die ebenfalls das Amt eines Apostels hatten. Paulus ist nat\u00fcrlich der Bekannteste von ihnen. Aber es gab noch viel mehr. In R\u00f6mer 16,7 hei\u00dft es z.B.: \u201eGr\u00fc\u00dft Andronikus und Junia, die zu meinem Volk geh\u00f6ren und mit mir zusammen im Gef\u00e4ngnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.\u201c Unter vielen Aposteln waren Andronikus und Junia besondere, herausragende Apostel. (\u00dcbrigens, Junia war eine Frau. D.h., auch Frauen hatten in der fr\u00fchen Gemeinde wichtige leitende Funktionen inne). Aber hier in diesem Fall ging es Jesus nicht einfach um irgendwelche Apostel. Es ging Jesus um DIE Apostel. Und die Apostel waren nur zw\u00f6lf an der Zahl. Warum zw\u00f6lf?<br \/>\nN.T. Wright gebrauchte folgende Illustration. Stellen wir uns vor, wir gehen auf einen Bolzplatz, wo eine Horde von Teenagern gerade kicken. Und stellen wir uns vor, ein Trainer wie J\u00fcrgen Klopp taucht pl\u00f6tzlich auf. Er w\u00e4hlt unter den Jugendlichen elf Sportler aus. Jeder von uns w\u00fcrde verstehen, was das zu bedeuten hat. Ganz klar, er stellt eine Fu\u00dfball-Mannschaft zusammen. Und genauso klar musste f\u00fcr die Menschen damals glasklar gewesen sein, was Jesus hier tut. Die zw\u00f6lf J\u00fcnger entsprechen den zw\u00f6lf St\u00e4mmen vom Volk Israel. Mit anderen Worten, Jesus ist dabei, ein neues Volk Israel aufzustellen. Nichts weniger als das.<br \/>\nVielleicht fallen uns dann auch die Parallelen auf. Frage: wann war die Geburtsstunde vom Volk Israel? Man kann nat\u00fcrlich verschiedene Antworten darauf geben: das erste Passa, als sie aus \u00c4gypten ausgezogen waren, der Durchzug durch das Rote Meer. Aber was ein Volk auszeichnet, ist eine gemeinsame Identit\u00e4t. Und das geschieht eigentlich erst in Exodus 19 und 20. Mose steigt auf den Berg Horeb. Niemand sonst kann ihm folgen. Mose verbringt Zeit alleine mit Gott. Dort auf dem Berg empf\u00e4ngt Mose die Zehn Gebote. Dort am Berg schlie\u00dft Gott einen Bund mit dem Volk Israel. Und dort am Berg wurde aus einem Haufen von weggelaufenen Ex-Sklaven das Volk Israel.<br \/>\nHier im Text ist wieder von einem Berg die Rede. Und hier ist ein anderer Mose, der auf den Berg steigt und alleine Zeit mit Gott verbringt. Jesu Gebet auf dem Berg war nat\u00fcrlich ein Musterbeispiel f\u00fcr geistliche Disziplin. Aber es war gleichzeitig auch mehr als das. Es war die Erf\u00fcllung von Prophetie aus dem AT. In 5. Mose 18,15.16 hei\u00dft es: \u201eEinen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Br\u00fcdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr h\u00f6ren. Der HERR wird ihn als Erf\u00fcllung von allem erstehen lassen, worum du am Horeb, am Tag der Versammlung, den HERRN, deinen Gott, gebeten hast, als du sagtest: Ich kann die donnernde Stimme des HERRN, meines Gottes, nicht noch einmal h\u00f6ren und dieses gro\u00dfe Feuer nicht noch einmal sehen, ohne dass ich sterbe.\u201c Jesus erf\u00fcllt diese Prophezeiung. Er ist der Prophet aus der Mitte der Br\u00fcder. Er ist der neue Mose und gleichzeitig der wahre Mose. Der alte Mose ist ein Schatten von Jesus.<br \/>\nEinige von den gewaltigen Implikationen: Die Einsetzung von den Zw\u00f6lfen best\u00e4tigt Jesu Anspr\u00fcche als K\u00f6nig. Earl Ellis hat die Beobachtung gemacht, dass Lukas ab Kapitel 6,12 seine Aufmerksamkeit auf das Reich Gottes lenkt. Das Wort \u201eReich\u201c kam vorher in Lukas nur einmal vor (Lukas 4,43). In den n\u00e4chsten Abschnitten kommt es siebenmal vor. D.h. Jesus gr\u00fcndet nicht nur ein neues Israel. Er erhebt den Anspruch, dass er der wahre K\u00f6nig Israels ist.<br \/>\nNoch eine Konsequenz: in 2. Mose 19,5 sagt Gott dem Volk Israel, dass sie ein K\u00f6nigreich von Priestern und ein heiliges Volk sein sollten. K\u00f6nigreich von Priestern bedeutet nicht, dass jeder im Volk ein Priester ist. Es gab den amtierenden Hohepriester, weitere Priester und die Leviten. Es bedeutet, dass Gott der K\u00f6nig von Israel ist und dass das Priestertum ein zentraler Bestandteil ihrer nationalen Identit\u00e4t ist. Aber in Jesu Reich sieht es anders aus. Jesus ist K\u00f6nig und Priester zugleich. Und wir haben Teil an seinem Priestertum und werden von ihm als Priesterschaft mit eingesetzt. 1. Petrus 2,9 sagt: \u201eIhr aber seid ein auserw\u00e4hltes Geschlecht, eine k\u00f6nigliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die gro\u00dfen Taten dessen verk\u00fcndet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.\u201c<br \/>\nFrage war, was sich erf\u00fcllt hat? Die Antwort ist, durch die Einsetzung der Zw\u00f6lf hat Jesus ein neues Israel eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>2. Die Offenbarung<\/strong><br \/>\nDie Berufung der Zw\u00f6lf offenbart das Wesen von Gottes K\u00f6nigreich, vor allem die Gnade. Gnade ist Gottes unverdiente G\u00fcte, die er uns erweist. Diese unverdiente G\u00fcte sehen wir praktisch an jeder Stelle.<br \/>\nWir sehen die Gnade an der Tatsache, wen Jesus f\u00fcr die Aufgabe berief. Es waren die absoluten Nobodys. Es ist das genaue Gegenteil von dem, was wir tun w\u00fcrden. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Sport-Team zusammenstellen. Vielleicht haben manche von uns d\u00fcstere Erinnerungen an die Schulzeit. Die Team-Captains w\u00e4hlen nacheinander die sportlichsten, ausdauerndsten Kinder; danach die mittelguten. Zur\u00fcck bleiben zwei Arten von Kindern: die mit der dicksten Brille oder die mit dem dicksten Bauch.<br \/>\nOder ein anderes Beispiel: eine der Erfindungen, die das Verhalten von Milliarden von Menschen ver\u00e4ndert hat, war das Smartphone. Vor einigen Jahren war in der NY Times ein hervorragender Artikel mit dem Titel: \u201eUnd Steve sprach: Es werde ein iPhone.\u201c In diesem Artikel wird auf sehr lebhafte Weise beschrieben, wie Apple das iPhone entwickelte. Es geschah unter gr\u00f6\u00dfter Geheimhaltung, so dass selbst die Mitarbeiter des Unternehmens, die nicht daran arbeiteten, praktisch nichts davon wussten. Vor allen Dingen bestand Steve Jobs darauf, dass niemand von au\u00dferhalb daf\u00fcr eingestellt werden durfte. Auf der anderen Seite durften die entsprechenden Abteilungsleiter intern die besten und talentiertesten Mitarbeiter daf\u00fcr rekrutieren. Nach und nach wurden diejenigen, die intern als \u201eRockstars\u201c bekannt waren, daf\u00fcr eingezogen. Wenn wir die Welt ver\u00e4ndern wollen, dann suchen wir uns nat\u00fcrlich die Rockstars.<br \/>\nAber Jesus scheint geradezu das Gegenteil zu machen. Jesus w\u00e4hlt M\u00e4nner, die wirklich nichts auf dem Lebenslauf stehen hatten. Er suchte sich diejenigen, die nach dem Schulabbruch eine Lehre gemacht hatten. Eine Stelle, die uns das nochmals vor Augen f\u00fchrt, ist Apostelgeschichte 4,13: \u201eAls sie den Freimut des Petrus und des Johannes sahen und merkten, dass es ungebildete und einfache Leute waren, wunderten sie sich.\u201c Woran hatten die religi\u00f6sen Leiter gemerkt, dass die J\u00fcnger ungebildete, einfache Leute waren? Ihrem Akzent? Weil sie in ihre Rede mit den Worten \u201eEy Digga\u201c begannen? In der Liste der Zw\u00f6lf war praktisch niemand dabei, der sich mit Ruhm bekleckert hatte. Die Tatsache, dass sie zu den bekanntesten Pers\u00f6nlichkeiten der Menschheitsgeschichte wurden, war nichts anderes als Gnade.<br \/>\nWir sehen die Gnade Gottes auch in der Vielfalt der J\u00fcnger. Der krasseste Kontrast bilden Matth\u00e4us, der ehemalige Z\u00f6llner und Simon, der ehemalige Terrorist. Wir k\u00f6nnen den Konflikt kaum \u00fcberbetonen. Z\u00f6llner waren die Rechtsradikalen, die nicht davor zur\u00fcckschreckten, ihr eigenes Volk auszunehmen. Zeloten waren die Linksradikalen, die bevorzugt Z\u00f6llner umbrachten. Beide wurden J\u00fcnger Jesu. Frage ist: wie k\u00f6nnen so radikal unterschiedliche Menschen trotzdem zusammenkommen und Freunde und Br\u00fcder werden? Die Antwort ist Gnade.<br \/>\nHier ist das, was ich meine: wir alle bauen eine Identit\u00e4t. Jeder von uns tut das, und meistens sind wir uns dessen nicht bewusst. Teil der Identit\u00e4t ist sehr h\u00e4ufig auch, wo wir uns auf dem politischen Meinungsspektrum befinden; welcher Gemeinde wir angeh\u00f6ren; mit welchem theologischen Lager wir sympathisieren. Jesu Gnade sagt uns nicht, dass diese Differenzen unwichtig sind. Themen wie Abtreibung, Rassismus, soziale Gerechtigkeit, Politik, Wissenschaft, Gesundheitsthemen sind wichtig. Aber sie sind nicht mehr essenziell. Nehmen wir nur ein Beispiel: Corona-Impfungen. Ich verstehe, dass das vor allem vergangenes Jahr ein extrem kontroverses Thema war. Vielleicht wird das wieder im Herbst und Winter dieses Jahr relevant. Es ist ein Thema, das Relevanz f\u00fcr unser Wohlergehen und unsere Gesundheit hat. In vielen F\u00e4llen hatte das sogar Auswirkungen auf Leben und Tod. Leben und Tod: in diesem Fall fragt man sich, was wichtiger sein k\u00f6nnte. So wichtig dieses Thema ist, es ist nicht essenziell. Was mehr z\u00e4hlt, ist die Herrschaft Jesu; die Tatsache, dass er regiert und dass er der K\u00f6nig ist. Unsere Identit\u00e4t beruht nicht darauf, ob wir geimpft sind oder nicht. Unsere Identit\u00e4t baut darauf auf, was Jesus f\u00fcr uns getan: sein Tod am Kreuz f\u00fcr uns und seine Auferstehung. Und das ist alles Gnade. Eine Gemeinde, die in dieser Gnade steht, hat Platz f\u00fcr die diversesten Menschen.<br \/>\nDas dritte Beispiel f\u00fcr die Gnade Jesus ist die Tatsache, dass sich unter den J\u00fcngern ein Mann namens Judas Iskariot befindet. Vers 16 sagt: \u201eJudas Iskariot, der zum Verr\u00e4ter wurde.\u201c Der Name Judas ist geradezu ein Sinnbild und Synonym eines Verr\u00e4ters geworden. Keine christlichen Eltern w\u00fcrden auf die Idee kommen, ihr Kind Judas zu nennen, genauso wie kein vern\u00fcnftiger Deutscher sein Kind Adolf nennen w\u00fcrde. Und doch war Judas einer der zw\u00f6lf Apostel. Wenn jemand die fiese Frage stellen w\u00fcrde: warum hat Jesus, der doch alle Dinge wissen musste, so jemand wie Judas als J\u00fcnger berufen? Das ist eine wirklich schwierige Frage.<br \/>\nEs gibt unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Um ehrlich zu sein, hat keine von den Antworten mich v\u00f6llig \u00fcberzeugt. Manche argumentieren, dass Jesus Judas erw\u00e4hlt hat, damit Judas das tun kann, wozu er vorherbestimmt war, n\u00e4mlich Jesus zu verraten und Jesu gewaltsamen Tod in die Wege zu leiten; oder dass Judas als ein warnendes Beispiel mit aufgenommen wurde. Es w\u00fcrde bedeuten, dass Judas nichts weiter als eine Marionette war und dass sein freier Wille nichts z\u00e4hlte. Und es klingt nicht besonders liebevoll, dass Jesus eine Person nur deshalb auserw\u00e4hlt, um dadurch seine menschliche Bosheit und das Gericht zu offenbaren.<br \/>\nHier ist das, was ich pers\u00f6nlich glaube. Ich glaube, dass Jesus Judas gew\u00e4hlt hatte, weil Jesus ihn liebte. Ich glaube daran, dass die Gnade Jesu so stark war, dass er inmitten von Judas vielen S\u00fcnden doch einen Menschen sehen konnte, der Gottes Bild in sich trug und deshalb W\u00fcrde hatte. Ich glaube, dass Jesus sich auch \u00fcber ihn gefreut hat und dass er die dreij\u00e4hrige Gemeinschaft mit Judas genossen hat. Und ich glaube Folgendes: dass Jesus zeigen wollte, dass es keine Verschwendung ist, auch die Menschen zu lieben und ihnen Gutes zu tun, die absolut hoffnungslos verloren scheinen; oder anders gesagt, dass seine Liebe so verschwenderisch gro\u00df ist, dass sie wirklich alle Menschen erfasst, ob sie sich von ihm retten lassen oder nicht; und dass Jesus uns keine Ausreden erlaubt, nicht liebevoll zu sein. Ich glaube deshalb, dass auch die Wahl von Judas Jesu Gnade offenbart.<\/p>\n<p><strong>3. Die Auswirkungen<\/strong><br \/>\nDie Auswirkungen waren damals absolut unvorstellbar. Jesus fing eine Bewegung an, welche die Welt so radikal ver\u00e4nderte, dass die Folgen dessen 2.000 Jahre immer noch anhalten. Nicht nur das, jeden Tag w\u00e4chst das neue Israel, das Jesus initiiert hat. Die Bewegung hat nicht aufgeh\u00f6rt. Das einzige Bild, das mir dazu einf\u00e4llt, ist der Urknall. Ein christlicher Physiker hat herausgefunden, dass wir in einem Universum leben, das seit dem Urknall expandiert. Das interessante ist, dass sich die Expansion des Universums nicht verlangsamt. Das Gegenteil ist der Fall. Es expandiert immer schneller. Die Einsetzung der Zw\u00f6lf, und die Gr\u00fcndung des neuen Israels, war wie ein Big Bang. Und Jesu Reich w\u00e4chst immer schneller. Im letzten Jahrhundert sind mehr Menschen zum Glauben an Jesus gekommen als in allen Jahrhunderten zuvor. So w\u00e4chst das Reich Jesu. Das ist eine der Auswirkungen.<br \/>\nWas bedeutet es dann f\u00fcr uns? Es gibt ein Gemeindemotto, das, wie ich finde, die Einsetzung der Zw\u00f6lf sehr gut versinnbildlicht. Es lautet: Jeder ist willkommen; niemand ist perfekt; alles ist m\u00f6glich. In den letzten Minuten dieser Predigt m\u00f6chte ich dar\u00fcber sprechen.<br \/>\nWir haben die Gnade Jesu gesehen, die bei der Berufung der Zw\u00f6lf offenbar wird. Und eine Konsequenz und Folge dessen ist ganz klar, dass alle willkommen sind. Jeder, der will, darf Teil sein, von Jesu neuer Welt und seinem K\u00f6nigreich. Und nicht nur das: du bist eingeladen. Jeder von uns ist eingeladen. Jesus hei\u00dft dich willkommen. Du darfst kommen, so wie du bist. Das bringt uns zum n\u00e4chsten Punkt.<br \/>\nAls zweitens, niemand ist vollkommen. Die Zw\u00f6lf waren alles andere als perfekt. Fast auf jeder Seite in den Evangelien kommen sie als eine Gruppe von Chaoten her\u00fcber: schwer von Begriff, unf\u00e4hig, streitlustig, \u00e4ngstlich, illoyal usw. Sie waren bei Jesus, nicht deshalb, weil Jesus sie brauchte, sondern weil sie Jesus brauchten. Das Reich Gottes ist allen offen. Und doch braucht es eine Sache: die Erkenntnis, dass wir es brauchen. Jesus ist voller Gnade und Barmherzigkeit. Zu ihm zu kommen, setzt voraus, dass wir sein Geschenk wirklich brauchen. Jesus ist der Arzt. Zu ihm zu kommen, braucht die Einsicht, dass wir krank sind. Jesus ist der Retter. Zu ihm zu kommen, braucht die Einsicht, dass wir verloren sind. In 1. Petrus 5,5b hei\u00dft es: \u201eAlle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt Stolzen entgegen, Dem\u00fctigen aber schenkt er seine Gnade.\u201c Frage: Was sind deine Unvollkommenheiten? Wo sind deine wunden Punkte? Welche Bereiche in deinem Leben und in deinem Herzen hast du, wo du Heilung brauchst? F\u00fcr was brauchst du Vergebung? Niemand ist vollkommen.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich, alles ist m\u00f6glich. Wenn wir uns der Bewegung Jesu anschlie\u00dfen, dann ist alles m\u00f6glich. Das, was wir heute f\u00fcr Jesus tun, mag Kreise ziehen, deren Folgen bis in die Ewigkeit anhalten. Es gibt eine Kurzgeschichte von Tolkien, die das illustriert. (Die meisten von uns wissen, dass Tolkien ein christlicher Autor war, der unter anderem \u00bbDer Herr der Ringe\u00ab geschrieben hat). In der Kurzgeschichte geht um einen K\u00fcnstler namens Niggle. Er sieht in Gedanken einen Baum, und er ist besessen von diesem Baum und der ganzen Landschaft dahinter. Er beginnt diesen Baum zu malen und f\u00e4ngt mit einem einzigen Blatt an, das von einem Wind erfasst wird. Diese Gem\u00e4lde wird immer gr\u00f6\u00dfer, und er wei\u00df, dass das sein Lebenswerk wird. Aber das Problem war, dass er dieses Bild niemals beenden konnte, weil er immer und immer wieder verhindert wurde. Eigentlich war es nur ein Blatt von dem Baum, das wirklich im Detail fertig wurde.<br \/>\nDer K\u00fcnstler Niggle geht schlie\u00dflich auf eine Reise, zu der er gezwungen wird. In Wirklichkeit wird er gefangen genommen und lange Zeit zu Zwangsarbeit verurteilt. Das Gem\u00e4lde, an dem er gemalt hat, wird zerst\u00f6ren bis auf ein einziges Blatt, das in ein Museum kommt. Aber dann brennt das Museum ab. Als Niggle sp\u00e4ter entlassen wird, macht er eine Zugfahrt. Er steigt aus dem Zug aus und sieht ein Fahrrad mit seinem Namen darauf. Er nimmt das Fahrrad und f\u00e4hrt in die Landschaft. Diese Landschaft kommt ihm sehr bekannt vor. Tolkien schreibt: \u201e[der Grasweg] war gr\u00fcn und dicht, und doch konnte er jeden Halm deutlich sehen. Er schien sich daran zu erinnern, dass er diese Grasfl\u00e4che schon einmal gesehen oder getr\u00e4umt hatte. Die Kurven des Landes waren ihm irgendwie vertraut. Ja, der Boden wurde eben, genau wie er es sollte, und jetzt begann er sich selbstverst\u00e4ndlich wieder zu erheben. Ein gro\u00dfer gr\u00fcner Schatten kam zwischen ihn und die Sonne. Niggle blickte auf und fiel von seinem Fahrrad.<br \/>\nVor ihm stand der Baum, sein Baum, fertig. Fertig: wenn man das von einem Baum sagen konnte, der lebte, dessen Bl\u00e4tter sich \u00f6ffneten, dessen \u00c4ste wuchsen und sich im Wind bogen, den Niggle so oft gef\u00fchlt oder geahnt hatte und den er so oft nicht erwischt hatte. Er starrte den Baum an, und langsam hob er seine Arme und \u00f6ffnete sie weit.\u201c Sp\u00e4ter erf\u00e4hrt er dann, wo er sich befindet. Das ganze Land hei\u00dft Niggle\u2019s Land. Es ist die Landschaft von seinem Gem\u00e4lde.<br \/>\nEine wundervolle Kurzgeschichte, inspiriert vom Reich Gottes. Vielleicht f\u00fchlst du dich \u00e4hnlich: Du folgst Jesus nach, siehst aber keine Frucht, scheinst in deinem Leben so wenig bewegt zu haben. Vielleicht ist es so, dass dein ganzes Lebenswerk nicht mehr scheint als ein einziges Blatt eines Baumes. Aber wenn du Jesus und seinem Reich angeh\u00f6rst, dann darfst du wissen, dass eines Tages der ganze fertige Baum auf dich wartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Download Der K\u00f6nig und die Zw\u00f6lf \u201eAls es Tag wurde, rief er seine J\u00fcnger zu sich und w\u00e4hlte zw\u00f6lf aus; sie nannte er auch Apostel.\u201c (Lukasevangelium 6,13) Das Ereignis, um das es geht, ist extrem schnell nacherz\u00e4hlt. Die Konflikte zwischen Jesus und den religi\u00f6sen Leitern hatten sich in den letzten Tagen und Wochen versch\u00e4rft. 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