{"id":10481,"date":"2022-02-06T11:00:57","date_gmt":"2022-02-06T10:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/?p=10481"},"modified":"2022-11-18T12:18:39","modified_gmt":"2022-11-18T11:18:39","slug":"predigt-lukas-181-14-gebet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/predigt-lukas-181-14-gebet\/","title":{"rendered":"Predigt: Lukas 18,1-14   &#8211;   Gebet"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2022-SL-Gebet-5_Lk18-0114-P.doc\"><strong>Download<\/strong><\/a><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Jesus lehrt uns beten (Teil 3)<\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u201eJesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\">(Lukasevangelium 18,1)<\/p>\n<p>Wenn man in einer pers\u00f6nlichen Beziehung mit Jesus lebt, dauert es vermutlich nicht lange, und man erf\u00e4hrt die ersten Antworten auf Gebet. Viele von uns haben bestimmt einige Geschichten zu erz\u00e4hlen, was das angeht. Als wir 2017 als Gemeinde in die Blumenstra\u00dfe 53 eingezogen sind, war das einfach eine riesige Gebetserh\u00f6rung. Gott h\u00f6rt auf unser Gebet.<br \/>\nAber die wirklich schwierige Frage ist, weshalb es so viele Gebete gibt, auf die Gott nicht antwortet. Um nur ein Beispiel zu geben: Viele von uns kennen die verr\u00fcckten Videos von den Real Life Guys. Wie ihr wisst, ist Philipp Mickenberger vergangenes Jahr an Krebs gestorben. Falls ihr seine Lebensgeschichte nicht kennt: als er zum zweiten Mal Krebs bekam, hatte er mit Gott einen Pakt geschlossen: Er wird an Gott glauben, wenn Gott ihn ohne Behandlung vom Krebs heilt, wenn er Feuer vom Himmel regnen l\u00e4sst. Gott heilt ihn ohne Chemotherapie und Gott l\u00e4sst sprichw\u00f6rtlich Feuer vom Himmel regnen. Philipp wird zu einem \u00fcberzeugten Christen. Sp\u00e4ter schrieb er ein Buch \u00fcber seine Erfahrung. An dem Tag, als er das Manuskript beim Verlag abgeben wollte, sieht er zwei Beulen auf seiner Brust, und er wei\u00df, dass der Krebs zur\u00fcck ist. Viele Menschen haben f\u00fcr ihn gebetet, dass Gott das Unm\u00f6gliche tut und ihn heilt. Er selbst muss richtig viel daf\u00fcr gebetet haben. Es scheint, dass alles Gebet nichts gen\u00fctzt hat. Am 9. Juni 2021 ist er an der Krankheit gestorben.<br \/>\nUnsere Vorstellung von Allmacht ist das, was der B\u00f6sewicht Thanos im Film Avengers macht. Er schnippt nur einmal mit seinen Fingern und schon trifft das ein, was er sich w\u00fcnscht. Und dann fragen wir uns: \u201eIst Gott nicht gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker als Thanos? Warum heilt Gott das eine Mal, aber tut es nicht beim zweiten Mal? Warum schnippt Gott nicht einfach einmal mit dem Finger, und alle Konflikte und alle Kriege h\u00f6ren auf? Warum schnippt er nicht einmal, und die Corona-Pandemie, an der mehr als 5 Millionen Menschen weltweit bereits gestorben sind, ist vorbei?\u201c<br \/>\nUnd die Antwort auf die Frage ist: Ich wei\u00df es nicht. Aber wisst ihr was? Es geht nicht darum, zu verstehen, weshalb Gott manchmal auf unsere Gebete h\u00f6rt und manchmal nicht. Es geht darum, dass Gebet sich immer lohnt. Es lohnt sich so sehr, dass Jesus uns Gleichnisse und Geschichten gelehrt hat, die uns helfen sollen, anhaltend zu beten. Vers 1: \u201eJesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.\u201c Das Wort \u201eallezeit\u201c bedeutet nicht, dass wir 24\/7 nur beten sollen und nichts anderes machen sollen. Es bedeutet, dass wir in unserer Ausdauer und Intensit\u00e4t des Gebets nicht nachlassen sollen. Es bedeutet, dass wir unseren t\u00e4glichen Gebetsrhythmus nicht unterbrechen sollen. Es bedeutet, durchzubeten.<br \/>\nWie k\u00f6nnen wir solche Beter werden? Jesus sagt uns, dass wir dazu drei Dinge verstehen m\u00fcssen: erstens, wir m\u00fcssen verstehen, wer Gott ist; zweitens, wir m\u00fcssen verstehen, wer wir sind; drittens, wir m\u00fcssen verstehen, auf welcher Basis wir zu ihm kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>1. Wir m\u00fcssen verstehen, wer Gott ist<\/strong><br \/>\nUm zu illustrieren, wie Gott ist, erz\u00e4hlt Jesus eine Geschichte, in der wieder richtig lebhafte und interessante Charaktere vorkommen. Vers 2: \u201eIn einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht f\u00fcrchtete und auf keinen Menschen R\u00fccksicht nahm.\u201c In 2. Chronik 19 lesen wir, wie der K\u00f6nig Joschafat Richter im Land einsetzte: \u201eEr bestellte Richter im Land f\u00fcr jede einzelne feste Stadt Judas und gab ihnen die Weisung: Seht zu, was ihr tut; denn nicht im Auftrag von Menschen haltet ihr Gericht, sondern im Auftrag des HERRN. Er steht euch in der Rechtsprechung zur Seite. Lasst euch also von der Furcht des HERRN leiten und handelt gewissenhaft; denn beim HERRN, unserem Gott, gibt es keine Ungerechtigkeit, kein Ansehen der Person, keine Bestechlichkeit.\u201c Seit jeher gab es also Richter in den St\u00e4dten in Israel, die sich um die allt\u00e4glichen Rechtsangelegenheiten gek\u00fcmmert hatten. Die Ermahnung, die der K\u00f6nig Joschafat ausgesprochen hatte, war absolut notwendig und angebracht, weil Richter ein Amt war, das geradezu pr\u00e4destiniert war, missbraucht zu werden.<br \/>\nDer Richter im heutigen Text ist also gerade so ein schlechter Richter. Er hatte keine Furcht vor Gott. Jetzt k\u00f6nnte man nat\u00fcrlich meinen: \u201eGott sieht man nicht und deshalb ist es durchaus verst\u00e4ndlich, dass nicht an Gott glaubte\u201c. Aber man k\u00f6nnte zumindest erwarten, dass ihm zumindest sein Ruf wichtig genug war, um einen Rest Anstand walten zu lassen. Aber Vers 2 sagt, dass es ihm v\u00f6llig egal war, was andere von ihm dachten. Er hatte keine Scham, weil die Enzyme daf\u00fcr in seinem Gehirn fehlten. D.h., er war durch und durch ein Mistkerl. Jesu Zuh\u00f6rer, seine J\u00fcnger, konnten das bestimmt richtig gut nachvollziehen, weil sie bestimmt einige von diesen Richtern gesehen hatten. Frage ist dann nat\u00fcrlich: Was macht man, wenn man auf die Hilfe von so einem Richter angewiesen ist? Und die Antwort ist ganz einfach: Man gibt ihm ganz viel Geld, und dann wird das schon.<br \/>\nUnd genau das war das Problem. In Vers 3 stellt Jesus uns eine Witwe vor: \u201eIn der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher.\u201c Diese Witwe war in mehrfacher Hinsicht eine benachteiligte Frau. Sie war benachteiligt, weil Frauen innerhalb dieser Gesellschaft nichts zu melden hatten. Der Richter war in der Regel nicht allein anzutreffen, sondern immer von einem kleinen Hofstaat umgeben: Sekret\u00e4re, Diener und sonstige Personen von Rang und Namen. Eines hatten sie alle gemeinsam: Es war ein M\u00e4nnerverein. Frauen hatten vor dem Gericht nichts verloren.<br \/>\nAls n\u00e4chstes, sie war eine Witwe. In der damaligen Zeit waren die M\u00e4nner die prim\u00e4ren Versorger der Familien, weil die meiste Arbeit physischer Natur war. D.h., die meisten Witwen der damaligen Zeit hatten kein Einkommen. Sie brauchten Versorgung und waren oft auf Hilfe von au\u00dfen angewiesen. (Wir sehen das z.B. auch in Apostelgeschichte). Witwen waren oft geradezu ein Sinnbild f\u00fcr Hilflosigkeit.<br \/>\nDie Witwe in Jesu Erz\u00e4hlung hatte zudem noch ein weiteres Problem: Es gab einen Widersacher. Wir brauchen jetzt nat\u00fcrlich nicht zu spekulieren, was der Widersacher ihr genau angetan hatte. Wir haben es hier mit einer erfundenen Geschichte zu tun. Aber was immer der Widersacher tat, er machte ihr ohnehin schwieriges Leben untragbar. Sie hatte vorher schon kein einfaches Leben, aber er gab ihr den Rest. Er hatte ihr das Letzte genommen, was sie noch hatte: den Rest an W\u00fcrde.<br \/>\nSie kommt immer wieder zu diesem Richter und bittet ihn um Recht. Und das ist wichtig: Sie bittet nicht einfach um Hilfe, sie bittet nicht um Gefallen oder Gef\u00e4lligkeiten, sie bittet auch nicht um Gnade. Sie will einfach nur, dass sie das bekommt, was ihr durch das Gesetz zusteht. Vers 4 sagt, dass der Richter das tut, was er sonst in diesen Situationen zu tun, pflegte: nichts. Aber nach l\u00e4ngerer Zeit, entschlie\u00dft er sich, ihr doch das geben, was sie forderte: \u201eIch f\u00fcrchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen R\u00fccksicht; weil mich diese Witwe aber nicht in Ruhe l\u00e4sst, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schl\u00e4gt mich ins Gesicht.\u201c Die Motivation des Richters ist wirklich interessant. Ihm fehlten die Neurotransmitter f\u00fcr Scham. Aber diese Frau schien zu allem entschlossen. Das mit dem ins Gesicht schlagen ist sehr wahrscheinlich nicht wortw\u00f6rtlich zu verstehen. Aber was durchaus wortw\u00f6rtlich zu verstehen ist, war, dass sie ihm tierisch auf den Senkel ging. Sie war eine solche Nervens\u00e4ge, dass er wusste, dass er keinen ruhigen Tag mehr haben w\u00fcrde, wenn er nicht aushelfen w\u00fcrde. Vorher war es Bequemlichkeit, dass er ihr nicht half. Es war der gleiche Wunsch nach Bequemlichkeit, weshalb er ihr jetzt doch half.<br \/>\nHier ist jetzt der Punkt von Jesu Gleichnis. Dieser Richter hatte kein Bock, das Richtige zu tun, aber tat es am Ende trotzdem. Er erh\u00f6rte die Bitten der Witwe. Jesus erz\u00e4hlt dieses Gleichnis nicht, um Gott mit diesem Richter zu illustrieren. Er erz\u00e4hlt dieses Gleichnis, um Gott mit diesem Richter zu kontrastieren. Jesus sagt, dass Gott \u00fcberhaupt nicht wie dieser ungerechte Richter ist. Jesu Schlussfolgerung ist kein \u201egenau so wird Gott euch erh\u00f6ren\u201c, sondern ein \u201ewie viel mehr wird Gott euch erh\u00f6ren.\u201c Jesu Punkt ist, dass wir also beten sollen, weil Gott nicht so ist, wie dieser Richter.<br \/>\nWer ist Gott f\u00fcr dich? Als die Frau von C.S. Lewis nach einer viel zu kurzen Ehe starb, verarbeitete Lewis seine Trauer in einem kleinen B\u00fcchlein, das \u201eA Grief Observed\u201c hei\u00dft. Es ist ein wirklich ber\u00fchrendes Buch, weil Lewis mit seinen Zweifeln und mit seinem Hadern so schonungslos offen umgeht. Er schrieb: \u201eWarum ist er in Zeiten des Reichtums ein so pr\u00e4senter Anf\u00fchrer und eine so abwesende Hilfe in Zeiten der Not? \u2026 Nicht, dass ich in Gefahr w\u00e4re, aufzuh\u00f6ren an Gott zu glauben. Die wirkliche Gefahr ist, anzufangen so schlimme Dinge \u00fcber ihn zu denken. Die Schlussfolgerung, vor der ich mich f\u00fcrchte ist kein \u201ealso gibt es nun doch keinen Gott\u201c, sondern \u201eso also ist Gott wirklich. Betr\u00fcge dich nicht l\u00e4nger.\u201c<br \/>\nVielleicht k\u00f6nnt ihr sehr gut nachvollziehen, was Lewis hier meint? Vielleicht kennt ihr das? An welchen Gott glaubst du? Welches Gottesbild hast du? Ist Gott f\u00fcr dich dein abwesender Vater, weil du nur einen Vater kanntest, der nie f\u00fcr dich da ist? Ist Gott f\u00fcr dich jemand, der sich niemals f\u00fcr deine kleinen N\u00f6te interessieren k\u00f6nnte, weil er mit wichtigeren Dingen besch\u00e4ftigt ist? Ist Gott f\u00fcr dich ein schlecht gelaunter, unwilliger, griesgr\u00e4miger Typ, wie der Richter im heutigen Text? Ist Gott f\u00fcr dich jemand, der ganz, ganz weit weg ist, so weit oben im Himmel und so weit in der Zukunft entfernt, dass du denkst: \u201eMeine Worte m\u00fcssten ein ganzes Universum durchschreiten, bevor sie geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen und so laut kann ich nicht schreien?\u201c Und vielleicht sehen wir jetzt, dass das, was wir in unserem Innersten \u00fcber Gott glauben, direkte Auswirkungen auf unser Gebetsleben hat.<br \/>\nWie ist also unser Gott? Er ist unser Vater. Er ist der Gott, der uns mehr liebt als wir uns selbst lieben k\u00f6nnten und mehr als wir uns ertr\u00e4umen k\u00f6nnten. Er ist der Gott, der wie kein anderer, unser Wohlergehen und unsere Freude auf seinem Herzen hat. Er ist der Gott, dem alle Ungerechtigkeit und Leiden dieser Welt weit mehr zu Herzen gehen, als es jemals bei uns der Fall sein k\u00f6nnte. Er ist der Gott, der dir ganz nah ist, zum Anfassen nah. Nat\u00fcrlich sieht er dein Gebet. Nat\u00fcrlich h\u00f6rt er dein Gebet.<br \/>\nDas ist das Erste, was wir wissen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>2. Was wir \u00fcber uns wissen m\u00fcssen<\/strong><br \/>\nDer n\u00e4chste Abschnitt antwortet auf diese Frage folgenderma\u00dfen: Wir sind Menschen, die gerechtfertigt werden m\u00fcssen. Wir sehen im n\u00e4chsten Abschnitt zwei M\u00e4nner, die gemeinsam zum gleichen Gottesdienst gingen. Sie k\u00f6nnten nicht unterschiedlicher sein. Der eine ist ein disziplinierter, gesetzestreuer, vorbildlicher Pharis\u00e4er. Er hielt sich an alle Gebote Gottes. Der andere war ein mit den Feinden kollaborierender, wahrscheinlich betr\u00fcgender, skrupelloser Z\u00f6llner. Sie beten v\u00f6llig unterschiedliche Gebete. Der Pharis\u00e4er: \u201eGott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die R\u00e4uber, Betr\u00fcger, Ehebrecher oder auch wie dieser Z\u00f6llner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.\u201c Der Z\u00f6llner schl\u00e4gt sich auf die Brust und betete: \u201eGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c Beide Menschen suchten auf ihre Art und Weise nach Rechtfertigung.<br \/>\nVielleicht denken manche, dass das Thema Rechtfertigung etwas ist, was gr\u00fcndlich \u00fcberholt ist. In seinem kurzen B\u00fcchlein \u201eWie man den Westen wieder erreicht\u201c analysiert Tim Keller unsere Gesellschaft in ganz wenigen Seiten auf sehr profunde Art und Weise. Er schreibt, dass unsere Gesellschaft denkt, dass das, wovon die Gesellschaft Rettung braucht, der Gedanke ist, dass wir Rettung brauchen. Hier ist ein Beispiel: nehmen wir einen Mann oder eine Frau, die ihren Ehepartner betr\u00fcgen. Und schlie\u00dflich verlassen sie den Ehepartner ganz. Es kann durchaus sein, dass sie von einem schlechten Gewissen geplagt werden. Jetzt ist die Frage, wie man mit diesem schlechten Gewissen umgeht. Zum Beispiel k\u00f6nnte das schlechte Gewissen als ein moralischer Kompass verstanden werden. Man f\u00fchlt sich miserabel, weil man wei\u00df, dass man nicht wirklich integer und gut gehandelt hat. Man versteht, dass das eigene Verhalten selbstzentriert war: Man hat r\u00fccksichtslos sein eigenes vermeintliches Gl\u00fcck \u00fcber das Wohl und Wohlergehen der Familie gestellt; man hat in Kauf genommen, dass Kinder darunter leiden.<br \/>\nOder aber, sie k\u00f6nnten folgenderma\u00dfen argumentieren: \u201eIch habe nur deshalb ein schlechtes Gewissen wegen meiner spie\u00dfigen Erziehung.\u201c Oder: \u201eIch leide wegen der Kirche.\u201c Oder: \u201eIch wurde in ein moralisches Korsett gezw\u00e4ngt. Das Problem bin nicht ich, sondern die veralteten Moralvorstellungen, von denen wir uns endlich l\u00f6sen m\u00fcssen.\u201c Ich denke, dass viele in unserer Gesellschaft so denken.<br \/>\nAber wisst ihr was? Rechtfertigung und Rettung sind nicht einfach nur biblische Konzepte. Sie sind die Antwort auf ein Verlangen, das in unserem Herzen ist, in jedem einzelnen von uns. Jeder von uns will rechtfertigt werden. Jeder von uns will gerettet werden. Wir nennen es nur anders. Wir nennen es Studium oder Karriereplanung. Wir nennen es Beziehungsstatus oder Altersvorsorge. Wir nennen es Pl\u00e4ne f\u00fcrs Wochenende oder Urlaub in der Karibik.<br \/>\nHier sind ein paar konkrete Beispiele: Du hast dich auf einen Studienplatz beworben und wurdest in Cambridge oder in Stanford angenommen. Oder wir finden als Eltern heraus, dass unser Kind auf eine absolute Elite-Uni gehen wird. Wie reagierst du darauf? Wir sagen nicht einfach: \u201eOh, das ist ja ne sch\u00f6ne \u00dcberraschung.\u201c Nein, das ist nicht unsere erste Reaktion. Wir denken an die M\u00f6glichkeiten, die Aufstiegschancen, die Netzwerke, die sich auftun, wie wunderbar die Uni auf unserem Lebenslauf aussieht. Da ist ein Gef\u00fchl von tiefem Stolz, echter Genugtuung. Da ist ein Gef\u00fchl von: \u201eJetzt habe ich endlich was erreicht in meinem Leben. Jetzt werde ich wirklich anerkannt. Jetzt geh\u00f6re ich endlich zum Kreis der Gewinner.\u201c<br \/>\nOder ein anderes Beispiel: auf der Arbeit machen wir uns st\u00e4ndig Gedanken dar\u00fcber, wie es mit der Karriere weitergeht. Bei jeder Umstrukturierung wird geschaut: Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer? Wer sind die Aufsteiger, wer sind die Absteiger? Wer bekommt die Lorbeeren, wer wird abges\u00e4gt? Das Interessante ist ja: wir haben alle einen unbefristeten Vertrag. Eigentlich m\u00fcssten wir uns nicht so viele Sorgen dar\u00fcber machen, wie wir \u00fcber die Runden kommen. Und trotzdem ist da eine latente Furcht: Was ist, wenn ich in 10 Jahren nicht mehr gut genug f\u00fcr die Arbeit bin? Was ist, wenn ich bei der n\u00e4chsten Bef\u00f6rderungsrunde schon wieder \u00fcbergangen werde? Was ist, wenn ich aufs Abstellgleis komme? Und diese latent vorhandene Furcht auf der Arbeit, f\u00fchrt dazu, dass wir uns unkollegial verhalten; dass wir unsere Ellenbogen herausfahren; dass wir uns st\u00e4ndig mit anderen vergleichen; dass wir vielleicht mehr arbeiten, als f\u00fcr unsere Gesundheit und unsere Beziehungen gut w\u00e4re.<br \/>\nDie Furcht, die wir haben, ist aber nicht komplett irrational. Sie basiert auf etwas, was absolut real ist. Tief im Innersten wissen wir, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Wir wissen, dass wir nicht gerecht sind. Wir wissen, dass wir echte Defizite haben. Zu einem gewissen Grad wissen wir auch, dass wir Schuld haben. Das ist das Zweite, was wir verstehen m\u00fcssen ist, dass wir ein inneres Bed\u00fcrfnis haben, nach Rechtfertigung. Wir sind angewiesen auf eine \u00e4u\u00dfere Instanz, die uns zuspricht, dass wir angenommen sind; dass uns vergeben wurde; dass wir in Ordnung sind. Jemand, den wir zutiefst ehren und lieben, muss uns sagen, dass wir geliebt sind.<br \/>\nDer Pharis\u00e4er in Jesu Gleichnis war nicht wirklich in der Lage, zu beten. Er war sich selbst genug; er meinte selbst bereits alles zu haben und alles zu sein, um gerecht zu sein. Wir brauchen ein tiefes Verst\u00e4ndnis davon, dass wir nicht gerecht sind, um beten zu k\u00f6nnen. Und das bringt uns zum letzten Punkt.<\/p>\n<p><strong>3. Auf welcher Basis k\u00f6nnen wir zu Gott im Gebet kommen?<\/strong><br \/>\nJesus beendet das Gleichnis mit den Worten: \u201eIch sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erh\u00f6ht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erh\u00f6ht werden.\u201c Wir haben bereits gesehen, dass der Pharis\u00e4er nicht wirklich in der Lage war, zu beten. Sein Gebet war eine Selbstglorifizierung und Selbstbeweihr\u00e4ucherung. Er findet keine Rettung, weil er auf alle herabsieht. Und so lange man herabsieht, kann man nicht sehen, was \u00fcber einem ist, was die Voraussetzung f\u00fcr Gebet ist.<br \/>\nDie Frage ist eher: warum konnte der Z\u00f6llner Rettung finden? Wir sehen ihn zwar als Inbegriff der Demut. Aber wir d\u00fcrfen nicht vergessen: Er war kein guter Mensch. Er hatte andere Menschen betrogen und ausgenommen. Er war ein Verr\u00e4ter. Warum sollte jemand wie er gerechtfertigt werden? Wir finden einen kleinen Hinweis in seiner sehr au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geste. Der Z\u00f6llner schl\u00e4gt sich auf die Brust. Kenneth Bailey schrieb einen viel zu ausf\u00fchrlichen Kommentar \u00fcber Jesu Gleichnisse und Reden in Lukasevangelium. Immer und immer wieder versucht er dabei die Traditionen des Nahen Ostens zu verstehen. Die Geste, sich auf die Brust zu schlagen, findet man heute noch in den D\u00f6rfern des Orients, von Irak bis \u00c4gypten. Es bedeutet tiefe Reue und Trauer. Zwei Dinge m\u00fcssen wir hier verstehen.<br \/>\nSich auf die Brust zu schlagen, ist eine Geste von Frauen, nicht von M\u00e4nnern. Frauen schlugen sich auf die Brust auf Beerdigungen, nicht M\u00e4nner. Das, was dieser Z\u00f6llner hier tut, ist also sehr au\u00dfergew\u00f6hnlich. Eigentlich ist es unter seiner W\u00fcrde. Er macht sich damit regelrecht l\u00e4cherlich. Der andere Punkt ist, dass wir diese Geste im ganzen NT nur noch ein weiteres Mal sehen. Als Jesus am Kreuz starb, schlugen sich einige der Zuschauer auf die Brust, als sie nach Hause gingen. Bailey schreibt in seinem Kommentar: \u201eEs braucht in der Tat ein Ereignis in der Gr\u00f6\u00dfe von Golgatha, um eine solche Geste in M\u00e4nnern des Orients hervorzurufen.\u201c<br \/>\nJesus lehrt uns, dass wir beten sollen und nicht nachlassen sollen. Er selbst war solch ein Beter. Aber es gab ein Gebet Jesu, das nicht geh\u00f6rt wurde. Im Garten Gethsemane betete Jesus, dass der Kelch an ihm vor\u00fcbergehen m\u00f6ge. Jesus bat um Rettung vor dem Gericht. Seine Bitte wurde abgewiesen. Es gab keinen anderen Weg und keine andere M\u00f6glichkeit f\u00fcr ihn, uns zu retten und sich selbst zu retten. Jesus gab seine Rettung auf, damit wir gerettet werden k\u00f6nnen. Jesus gab seine Rechtfertigung auf, damit wir gerechtfertigt werden k\u00f6nnen durch ihn. Jesus gab seinen Status und seine Privilegien auf, damit wir seinen Status bekommen als geliebte Kinder Gottes. Jesu Gebet wurde abgewiesen, damit unser Gebet geh\u00f6rt werden kann.<br \/>\nZu Beginn habe ich gesagt, dass Gott auf mancher unserer Gebete antwortet und auf viele andere zu schweigen scheint. Wie k\u00f6nnen wir trotzdem beten, ohne aufzuh\u00f6ren? Weil wir darauf vertrauen d\u00fcrfen, dass Gott jedes einzelne unserer Gebete h\u00f6rt. Gott h\u00f6rt dein Gebet. Er h\u00f6rt dein Gebet, weil er dein liebender Vater ist, kein kaltherziger Richter. Er h\u00f6rt dein Gebet, weil er deine Not sieht und dein Bed\u00fcrfnis nach Rettung und Gerechtigkeit. Er h\u00f6rt dein Gebet, weil wir im Namen seines Sohnes beten d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Download Jesus lehrt uns beten (Teil 3) \u201eJesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.\u201c (Lukasevangelium 18,1) Wenn man in einer pers\u00f6nlichen Beziehung mit Jesus lebt, dauert es vermutlich nicht lange, und man erf\u00e4hrt die ersten Antworten auf Gebet. Viele von uns haben bestimmt einige Geschichten zu erz\u00e4hlen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[47,13,4,11],"tags":[],"class_list":["post-10481","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebet","category-lukas","category-predigt","category-sonderlektion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10481"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10490,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10481\/revisions\/10490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}