{"id":10323,"date":"2021-09-26T11:00:57","date_gmt":"2021-09-26T09:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/?p=10323"},"modified":"2022-11-18T12:18:50","modified_gmt":"2022-11-18T11:18:50","slug":"predigt-die-gemeinde-die-jesus-unter-uns-bauen-will-berufen-zur-gemeinschaft-6-matthaeus-1821-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/predigt-die-gemeinde-die-jesus-unter-uns-bauen-will-berufen-zur-gemeinschaft-6-matthaeus-1821-35\/","title":{"rendered":"Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will &#8211; Berufen zur Gemeinschaft 6  &#8211;  Matth\u00e4us 18,21-35"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/ubfheidelberg.org\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Berufen-zur-Gemeinschaft_Lektion6-P.doc\"><strong>Download<\/strong><\/a><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Gemeinschaft der Vergebung<\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u201eEbenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.\u201d<\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\">Matth\u00e4us 18,35<\/p>\n<p>Seit einigen Wochen besch\u00e4ftigen wir uns mit dem gro\u00dfen Thema, was f\u00fcr eine Gemeinde Jesus unter uns bauen will. Und die Antwort heute auf diese Frage lautet: eine Gemeinschaft der Vergebung. Vergebung ist ein schwieriges Thema: nicht schwer zu verstehen, worum es geht, aber sehr schwierig es umzusetzen. Als ob das Thema nicht schwer genug ist, haben wir einen Text, der auch nicht so einfach ist. Wir wollen uns genau ansehen, wie und warum der Text schwierig ist.<br \/>\n\u00dcber drei gro\u00dfe Fragen wollen wir nachdenken: Was bedeutet Vergebung? Warum ist Vergeben essenziell? Wie k\u00f6nnen wir vergeben? Die drei Teile der Predigt lauten entsprechend: erstens, eine Definition von Vergebung; zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung; drittens, die Bef\u00e4higung zur Vergebung.<\/p>\n<p><strong>Erstens, eine Definition von Vergebung<\/strong><br \/>\nVergebung geschieht in mindestens drei Schritten. Und wir finden alle diese Schritte im Text. In den Versen 23 und 24 lesen wir: \u201eMit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem K\u00f6nig, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.\u201c Ein K\u00f6nig macht Abrechnung und entdeckt eine offene Rechnung. Nicht nur, dass es eine unbeglichene Rechnung war, die Rechnung war absurd hoch. Ein Talent war der h\u00f6chste W\u00e4hrungsbetrag, den es damals gab. Und die Zahl Zehntausend war die h\u00f6chste Zahl, f\u00fcr die es in der griechischen Sprache ein Wort gab. (Wenn man noch gr\u00f6\u00dfere Zahlen wollte, musste man anfangen entsprechend zu multiplizieren). Die Frage ist, wie gro\u00df die Schuld w\u00e4re, wenn man das auf unsere heutige Zeit \u00fcbertragen w\u00fcrde. Und die Antwort ist, dass wir das nicht genau sagen k\u00f6nnen. Talente konnten entweder aus Silber oder aus Gold bestehen. Aber es m\u00fcssen entweder hunderte Millionen Euro gewesen sein oder bis hin zu einer Billion Euro. Egal ob wir das untere oder das obere Ende ansetzen: es handelt sich um einen unvorstellbar hohen Betrag. Die allermeisten Menschen k\u00f6nnen mit so einer Summe nichts anfangen, weil es zu gro\u00df f\u00fcr eine einzelne Person ist (1 Billion entspricht grob dem Bruttoinlandsprodukt von ganz Spanien).<\/p>\n<p>Was ist also der erste Schritt? Man muss feststellen, dass etwas ganz grob falsch gelaufen ist. Man muss sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass Unrecht geschehen ist. Das klingt vielleicht v\u00f6llig banal. Aber viel zu oft tun wir das nicht oder nicht richtig. W\u00e4hrend meiner Doktorarbeit wurde mir mein Fahrrad geklaut. Es war ein sehr sch\u00f6nes Fahrrad, das ich von einem Freund zu einem unschlagbar g\u00fcnstigen Preis erhalten hatte. Ich habe das Fahrrad geliebt. Wer immer mir das Fahrrad geklaut hatte, hatte es vermutlich schon l\u00e4nger darauf abgesehen. Beim ersten Klauversuch war das Fahrradschloss so l\u00e4diert, dass ich es nicht mit meinem Schl\u00fcssel aufschlie\u00dfen konnte. Ich musste das Schloss aufs\u00e4gen. Ich h\u00e4tte danach in ein richtig gutes Schloss investieren sollen. Hatte ich aber nicht. Ein oder zwei Tage nachdem das g\u00fcnstige Schloss dran war, war das Fahrrad weg. Das Schloss war mit einem Bolzenschneider aufgemacht worden. Damals hatte ich dann gesagt: \u201eDer HERR hat es gegeben, der HERR hat es genommen, gepriesen sei der HERR. Mir geht es gut.\u201c Aber mir ging es \u00fcberhaupt nicht gut.<\/p>\n<p>Ich hatte fr\u00fcher ein ziemlich verkehrtes Verst\u00e4ndnis von Vergebung. Ich dachte, dass Vergebung bedeutet: \u201eSchwamm dr\u00fcber, lass uns nicht mehr dar\u00fcber reden.\u201c Ich dachte f\u00e4lschlicherweise, dass Vergebung bedeutet, eben keine Abrechnung zu machen; sich erst gar keine Gedanken dar\u00fcber zu machen, was falsch gelaufen ist. Der Grund weshalb ich so dachte war, dass wenn ich noch w\u00fctend auf etwas bin oder noch wegen einer Sache verletzt bin, ich ganz klar nicht vergeben hatte. Und das w\u00e4re ja unchristlich. Aber genau das ist der Punkt: Man muss zuerst verstehen, was passiert ist. Das kann ziemlich heftige Gef\u00fchle hervorrufen: Frustration, Schmerzen, Verletzung, Wut auf andere und vielleicht auch Wut auf sich selbst. Und diese Gef\u00fchle soll man nicht unterdr\u00fccken. Es erfordert eine gewisse Ehrlichkeit gegen\u00fcber sich selbst. Und es erfordert ein sich verletzlich machen, weil man eben nicht dr\u00fcber steht, weil man ein Opfer geworden ist, weil man gedem\u00fctigt wurde. Das zuzugeben ist nicht einfach. Das ist also der erste Schritt: Du kannst nicht vergeben, wenn du nicht einsiehst, dass dir Unrecht angetan wurde.<\/p>\n<p>Kommen wir dann zu den n\u00e4chsten zwei Schritten. Der zweite und dritte Schritt gehen untrennbar miteinander einher. Vers 27: \u201eDer Herr des Knechtes hatte Mitleid, lie\u00df ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.\u201c Der K\u00f6nig l\u00e4sst den Knecht in Frieden gehen. D. h., Vergebung bedeutet, dass wir die Person, die uns Unrecht angetan hat, in Frieden gehen lassen. Es bedeutet, dass man nicht einfordert, was man meint, dass es einem zusteht. Es bedeutet, dass wir keine Rache nehmen; dass wir es v\u00f6llig sein lassen, es der anderen Person irgendwie heimzuzahlen. Es bedeutet auch, dass wir frei sind von dem Wunsch, dem anderen irgendein Ungl\u00fcck oder irgendetwas Schlechtes zu w\u00fcnschen. Es bedeutet, dass wir in der Lage sind, die andere Person von ganzem Herzen zu segnen und nicht zu verfluchen. Ist das einfach? Je nachdem, was uns angetan wurde, kann das richtig schwer sein.<\/p>\n<p>Der dritte Schritt ist der Grund daf\u00fcr: wir bezahlen f\u00fcr die Schuld des anderen. Hier ist ein banales Beispiel, das ich schon einmal verwendet habe. Stellen wir uns vor, mein Bruder leiht mir sein 2.000 Euro teures Laptop aus. Aber dann kommen die Kinder: das erste Kind schmei\u00dft es versehentlich auf den Boden, sodass es eine richtig h\u00e4ssliche Delle hat; das zweite Kind kommt und versch\u00fcttet versehentlich Apfelschorle auf die Tastatur. Das dritte Kind tritt beim Rennen so ungeschickt auf das Laptop, dass der Bildschirm abbricht. Jetzt gibt es eigentlich nur zwei M\u00f6glichkeiten. Die eine M\u00f6glichkeit ist, dass ich tief in den Geldbeutel greife und meinem Bruder 2.000 Euro gebe; oder dass ich ihm ein neues Laptop kaufe. Die andere M\u00f6glichkeit ist: Er vergibt mir.<\/p>\n<p>Kennt ihr Leute, die fragen: \u201eKannst du nicht einfach vergeben?\u201c Und die Antwort auf diese Frage lautet: Nein, man nicht einfach so vergeben. Der K\u00f6nig im Gleichnis konnte nicht einfach so vergeben. Noch nicht einmal Gott kann einfach so vergeben. Vergeben bedeutet, dass wir die Schuld bezahlen. Der K\u00f6nig im Gleichnis konnte vergeben, weil er daf\u00fcr bezahlt hat. Und weil er bei dem offenen Betrag einen Staatsbankrott in Kauf genommen hat. Irgend jemand muss bezahlen. Ohne Bezahlung gibt es keine echte Vergebung.<\/p>\n<p>Oftmals haben wir es aber nicht mit materiellen Schulden zu tun. Wenn jemand uns durch Worte und Taten verletzt, dann geht es nicht um einen offenen Geldbetrag. Es geht um unsere verletzte W\u00fcrde als Mensch. Oder es geht um unsere Ehre. Oder es geht vielleicht um unseren Ruf. Der Schaden, der uns zugef\u00fcgt wird, ist h\u00e4ufig seelischer Natur. Zu vergeben bedeutet, dass wir bereit sind, den ganzen Schmerz zu absorbieren. Wir lassen den \u00dcbelt\u00e4ter frei, indem wir den ganzen Schmerz auf uns selbst nehmen. Viele haben deshalb gesagt, dass sich Vergeben wie Sterben anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Das sind also die drei Schritte der Vergebung: erstens, wir erkennen ehrlich an, dass uns Unrecht angetan wurde; zweitens, wir lassen den anderen trotzdem in Frieden und mit Segen gehen, weil wir drittens, die Schuld auf uns nehmen und selbst bereit sind, f\u00fcr die Schuld des anderen zu bezahlen.<\/p>\n<p>Bevor wir fortfahren, noch ein paar ganz kurze Punkte, die mir sehr wichtig sind. Vergebung ist kein stoisches Ertragen von Misshandlung und Unrecht. Vergebung bedeutet nicht, dass wir uns zum Schuhabtreter machen oder dass wir uns freiwillig misshandeln lassen. D. h. auch, wenn du dich in einer toxischen Beziehung befindest, in der du missbraucht und misshandelt wirst, ist es das Beste, Hilfe zu holen und aus dieser Beziehung herauszukommen. Vergebung ist kein Deckmantel f\u00fcr Missbrauch. Das sollte hoffentlich klar sein.<\/p>\n<p>Vergebung ist nicht dasselbe wie Vers\u00f6hnung. Vergebung ist die Voraussetzung f\u00fcr echte Vers\u00f6hnung, aber die beiden sind nicht dasselbe. Vergebung hei\u00dft daher auch nicht, dass die Beziehung wiederhergestellt ist, aber es kann der erste Schritt dazu werden.<\/p>\n<p><strong>Zweitens, die Notwendigkeit der Vergebung<\/strong><br \/>\nDas Gleichnis, das Jesus erz\u00e4hlt, hat kein Happyend. Der Knecht dem vergeben wurde, ist nicht in der Lage seinem Mitknecht zu vergeben. Der K\u00f6nig macht die Vergebung r\u00fcckg\u00e4ngig. Der Knecht wird gefoltert, bis er seine ganze Schuld bezahlt hat. In Vers 35 sagt Jesus dann: \u201eEbenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.\u201c Das ist ein Vers, den wir mit sehr viel Ehrfurcht lesen sollten. Ganz offensichtlich hat es schlimme Konsequenzen, wenn wir anderen nicht vergeben k\u00f6nnen. Aber was genau hat Jesus hier gemeint?<br \/>\nEs k\u00f6nnte den Eindruck erwecken, dass Gottes Vergebung eine konditionale Vergebung ist: Seine Vergebung ist davon abh\u00e4ngig ist, wie wir uns verhalten. Es w\u00fcrde bedeuten, dass uns nur auf Bew\u00e4hrung vergeben ist. Sobald wir gegen unsere Bew\u00e4hrungsauflagen versto\u00dfen, w\u00fcrde Gott all seine Vergebung r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Ich denke nicht, dass Jesus das damit gemeint hat. Ich denke, dass eine solche Interpretation dieses Verses aus drei Gr\u00fcnden problematisch ist.<br \/>\nZum einen, Vergebung ist eigentlich etwas, was nicht reversibel ist. Wenn wir im Restaurant zum Mittagessen eingeladen sind, und jemand hat f\u00fcr alle bezahlt, dann ist die Schuld beglichen. Wir haben vorhin gesagt, dass zu vergeben bedeutet, dass jemand bezahlt hat. Die Rechnung ist bereits beglichen. Wenn man das jetzt r\u00fcckg\u00e4ngig macht, dann ist das keine richtige Vergebung.<br \/>\nDer zweite Grund ist, dass es dem unmittelbaren Kontext zu widersprechen scheint. Zu Beginn von unserem Text fragt Petrus: \u201eHerr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich s\u00fcndigt? Bis zu siebenmal?\u201c Er dachte sich, dass sieben eine ziemlich gro\u00dfz\u00fcgige Zahl ist. Einer Nervens\u00e4ge siebenmal zu vergeben, erfordert auch schon ziemlich viel Geduld. Und Jesus sagt dann: \u201eIch sage dir nicht: bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.\u201c Damit ist nicht gemeint, dass man \u00fcber die Jahre bis 490 z\u00e4hlen soll. Sondern Jesus meinte: \u201eDenk noch nicht einmal im Traum daran, zu z\u00e4hlen. Deine Berufung ist es, immer und zu jederzeit zu vergeben, ohne Unterlass.\u201c Um diesen Punkt zu illustrieren, erz\u00e4hlt Jesus das Gleichnis. Ohne Unterlass zu vergeben ist aber genau das, was der K\u00f6nig aber nicht tut. Er vergibt eine immense Schuld. Aber bei der n\u00e4chsten Verfehlung ist es vorbei. Was ich hier sagen will, ist Folgendes: Wenn Jesus uns dazu auffordern will, ohne Unterlass zu vergeben, dann ist es etwas seltsam, dass er f\u00fcr Gott, den Vater, eine Illustration verwendet, die gerade das nicht tut. Das ist, als ob Jesus zu uns sagen w\u00fcrde: \u201eTut nur das, was ich sage, nicht das, was ich tue.\u201c<br \/>\nDer dritte Grund ist, dass es dem gr\u00f6\u00dferen Kontext der Bibel zu widersprechen scheint. Um nur eine Textstelle zu nennen, in Jesaja 43,25 sagt Gott: \u201eIch, ich bin es, der deine Vergehen wegwischt um meinetwillen, \/ deiner S\u00fcnden gedenke ich nicht mehr.\u201c Wenn Gott vergibt, dann vergibt er richtig. Das ist es, was die Bibel an vielen Stellen sagt. Und trotzdem sagt Jesus in Matth\u00e4us 6,14.15: \u201eDenn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.\u201c<br \/>\nDie Frage ist dann nat\u00fcrlich, wie wir diesen scheinbaren Widerspruch zusammenbringen. Ich habe zwei Erkl\u00e4rungen gefunden, die ich hilfreich fand.<br \/>\nHier ist die eine Erkl\u00e4rung: Die Tatsache, dass Gott uns vergeben hat, bedeutet nicht gleichzeitig, dass wir daher von allen Konsequenzen einer Missetat gerettet sind. Zum Beispiel, wenn du ein Kettenraucher bist und Gott um Vergebung bittest, wird er dir sicherlich vergeben. Aber die Tatsache, dass dir vergeben wurde, bedeutet nicht, dass du nicht trotzdem Lungenkrebs bekommen k\u00f6nntest. Es gibt Vergehen, die intrinsisch selbstzerst\u00f6rerisch sind. Wenn du unwillig und unf\u00e4hig bist, anderen von Herzen zu vergeben, dann wird es dich selbst zerst\u00f6ren, und zwar sprichw\u00f6rtlich.<\/p>\n<p>Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die anderen vergeben, nicht nur psychisch ges\u00fcnder sind, sondern auch physisch. Der &#8222;Business Insider&#8220; schreibt: \u201eMediziner gehen aber davon aus, dass verletzte Gef\u00fchle und Entt\u00e4uschungen als enorme k\u00f6rperliche Belastungen empfunden werden. Andauernde Wut, Frustration und Rachegedanken k\u00f6nnen sich n\u00e4mlich negativ auf die Herzfrequenz, den Blutdruck und das Immunsystem auswirken. Diese Ver\u00e4nderungen erh\u00f6hen das Risiko f\u00fcr Erkrankungen wie Depressionen, Herzerkrankungen und Diabetes. Vergebung ist also gut f\u00fcr K\u00f6rper und Seele. Aber nur, wenn sie kein reines Lippenbekenntnis ist, sondern ein aktiver Prozess, in dem ihr euch bewusst entscheidet, euch von euren negativen Gef\u00fchlen zu trennen.\u201c Wenn wir noch einmal den Text betrachten, dann sehen wir in Vers 34, dass von Folterknechten die Rede ist. Und ich denke, dass das der Punkt ist. Gott kann und will dich, von der S\u00fcnde freisprechen. Aber wenn wir nicht vergeben, dann begeben wir uns in unser eigenes Folterverlies. Wir f\u00fcgen uns selbst unn\u00f6tiges Leid hinzu, indem wir es zulassen, dass uns die Rachegel\u00fcste zerfressen und zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die andere Erkl\u00e4rung h\u00e4ngt eng damit zusammen. N.T. Wright hat folgende sehr hilfreiche Illustration verwendet: \u201eVergebung ist nicht wie ein Weihnachtsgeschenk, das ein lieber Gro\u00dfvater einem stinkigen Enkelkind geben kann, auch wenn besagtes Kind kein einziges Geschenk f\u00fcr andere gekauft hat. Vergebung ist nicht wie das Essen, das zu Hause auf einen wartet, auch wenn man es vers\u00e4umt hat, dem hungrigen Bettler ein Sandwich und eine Tasse Tee zu kaufen. Es ist eine v\u00f6llig andere Sache. Vergebung ist eher wie die Luft in der Lunge. Du kannst deinen n\u00e4chsten Luftzug nur dann einatmen, wenn du den vorherigen ausgeatmet hast. Wenn du darauf bestehst, deinen Atem anzuhalten, dich weigerst, jemand anderem den Kuss des Lebens zu geben, den sie dringend brauchen, wirst du selbst nicht mehr in der Lage sein, einzuatmen, und du wirst ersticken.\u201c<\/p>\n<p>Ich finde das sehr anschaulich und sehr gut erkl\u00e4rt. Um das, was N.T. Wright bildlich erkl\u00e4rt hat, konkret zu machen: Das Evangelium sagt, dass wir aus Gnade gerettet sind. Gnade impliziert, dass wir auf der einen Seite schlimmer sind, als wir jemals gedacht haben, und gleichzeitig mehr geliebt sind als wir jemals h\u00e4tten hoffen k\u00f6nnen. Das christliche Leben steht und f\u00e4llt mit der Gnade Gottes. Wenn wir in dieser Gnade stehen, dann fangen wir erst richtig an zu leben. Der Punkt ist: Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann verlassen wir das Land der Gnade. Der kroatische Theologe Miroslav Volf sagte: \u201eVergebung scheitert daran, dass ich den Feind aus der Gemeinschaft der Menschen ausschlie\u00dfe, so wie ich mich selbst aus der Gemeinschaft der S\u00fcnder ausschlie\u00dfe.\u201c Stellen wir uns vor, jemand betr\u00fcgt dich auf \u00fcbelste Art und Weise: Dir gegen\u00fcber gibt er sich als besten Freund; aber hinter deinem R\u00fccken l\u00e4stert er \u00fcber dich. Wie reagierst du darauf? Unsere erste Reaktion ist h\u00e4ufig: \u201eSo ein Scheusal! So ein hinterh\u00e4ltiger Mistkerl!\u201c Wir reduzieren die Person auf ihre Missetat. Wir sehen die Person eindimensional als B\u00f6sewicht. Wir nehmen die Person aus dem Kreis der Mitmenschen heraus. Und auch wenn wir das nicht laut sagen, ist unsere implizite Annahme: \u201eIch w\u00fcrde so etwas nie tun.\u201c Und damit nehmen wir uns aus dem Kreis der S\u00fcnder heraus.<\/p>\n<p>Um das noch etwas zu vertiefen: wir haben gesagt, dass das Evangelium die frohe Botschaft ist, dass Jesus Christus der K\u00f6nig ist. Die frohe Botschaft anzunehmen, bedeutet, Jesus als K\u00f6nig anzunehmen. Wer unter diesem K\u00f6nig lebt, der hat Frieden und Freude. Wenn wir uns weigern, anderen zu vergeben, dann erheben wir uns zum Richter \u00fcber andere. Wir \u00fcben Selbstjustiz. Wir entscheiden \u00fcber das Strafma\u00df. Wir setzen uns auf den Thron, der eigentlich Jesus geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Warum ist Vergebung notwendig? Nur in dem wir selbst vergebende Menschen sind, leben wir im Evangelium, werden wir selbst frei und heil. Nur wenn wir vergeben, atmen wir wirklich die Liebe Gottes.<\/p>\n<p><strong>Drittens, die Bef\u00e4higung zur Vergebung<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>M\u00fcnchen im Jahre 1947: Ernste Gesichter starren mir entgegen. Ich habe gerade in einer Kirche gepredigt und \u00fcber meine Zeit im Konzentrationslager gesprochen. Jetzt ist alles vorbei. Die Menschen verlassen wortlos den Raum. Ein Mann kommt mir entgegen. Er arbeitet sich gegen die Menge zu mir nach vorne.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>In diesem Moment sehe ich den Mantel, den braunen Filzhut, dann die blaue Uniform und ein Barett mit Totensch\u00e4del und gekreuzten Knochen. Ich sehe den gro\u00dfen Raum, in dem wir uns nackt ausziehen mussten. Die Schuhe und die Kleider am Boden. Wir mussten nackt an ihm vorbeigehen. Ich erinnere mich an die Scham, ich erinnere mich an meine ausgemergelte Schwester, deren Rippen deutlich unter der pergamentartigen Haut hervortraten.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wir waren ins KZ gekommen, weil wir Juden in unserem Haus versteckt hatten. Meine Schwester \u00fcberlebte das Konzentrationslager nicht. Ich erinnerte mich an diesen Mann und an seine Jagdpeitsche, die in seinem G\u00fcrtel steckte. Jetzt stand ich zum ersten Mal einem meiner H\u00e4scher gegen\u00fcber. Mein Blut schien zu gefrieren. Er sagte: \u00abSie sprachen von Ravensbr\u00fcck. Ich war W\u00e4chter dort.\u00bb Er fuhr fort: \u00abIch bin Christ geworden.\u00bb Er steckte mir seine Hand entgegen und fragte: \u00abWerden Sie mir vergeben?\u00bb<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Sekunden stand ich wie gel\u00e4hmt vor diesem Mann, doch es kam mir vor als w\u00e4ren es Stunden. Ich k\u00e4mpfte in meinem Inneren: Meine Schwester war schlie\u00dflich im Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck elend und langsam gestorben. Doch dann erinnerte ich mich an eine Bibelstelle: \u00abWenn ihr den Menschen ihre S\u00fcnden nicht vergebt, dann wird der himmlische Vater im Himmel auch euch nicht vergeben\u00bb (Matth\u00e4us 6,15).<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Ich stand immer noch vor dem Mann. K\u00e4lte umklammerte mein Herz. \u2026 Ich betete und hob die Hand. Ich betete darum, dass Gott mir das Gef\u00fchl der Vergebung schenken m\u00f6ge. Mit einer mechanischen Bewegung legte ich meine Hand in die Hand, die sich mir entgegenstreckte.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Dann geschah etwas Unglaubliches! Ein hei\u00dfer Strom entsprang in meiner Schulter. Er lief meinen Arm entlang und sprang \u00fcber in unsere beiden H\u00e4nde. Mein ganzes Sein wurde von dieser heilenden W\u00e4rme durchflutet. Ich hatte pl\u00f6tzlich Tr\u00e4nen in den Augen und konnte sagen: \u00abIch vergebe dir! Ich vergebe dir von ganzem Herzen.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Das ist die Geschichte, die Corrie ten Boom erz\u00e4hlt. Die Frage ist, wie k\u00f6nnen wir Menschen der Vergebung werden? Wie werden wir bef\u00e4higt zu vergeben? Vor ein paar Jahren hatte mein Chef mich zum Bahnhof gefahren. Unterwegs hatten wir kurz \u00fcber den Glauben gesprochen. Er sagte zu mir, dass er an nichts glaubt. Und dann sagte er: \u201eDie ganzen Religionen sind doch eh alle gleich.\u201c Ich habe ihm sofort widersprochen und habe ihm erkl\u00e4rt: \u201eIm Zentrum des christlichen Glaubens ist der Sohn Gottes, der am Kreuz f\u00fcr seine Feinde stirbt. In welcher anderen Religion finden wir das?\u201c<\/p>\n<p>Jesus, der ans Kreuz geh\u00e4ngt wurde, ist das ultimative, das gr\u00f6\u00dfte Unrecht schlechthin, das in unserer Menschheitsgeschichte geschehen ist. Nie hat es eine gr\u00f6\u00dfere Ungerechtigkeit gegeben, weil Jesus wirklich unschuldig war; weil er es als Sohn Gottes verdient h\u00e4tte, mit h\u00f6chsten Ehren \u00fcbersch\u00fcttet zu werden. Wir leben in einer von Kriegen und Konflikten zerr\u00fctteten Welt. Der Grund ist: A verletzt B; B r\u00e4cht sich an A und richtet noch gr\u00f6\u00dferen Schaden an, eine Spirale der Gewalt beginnt. Aber als Jesus misshandelt wurde, als er beschimpft wurde, als er geschlagen wurde, ist gar nichts passiert. S\u00fcnde stoppte, als Jesus die Worte sprach: \u201eVater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.\u201c Das ist der Ursprung, der Urquell aller Vergebung. Dieses Gebet Jesu ist das Zentrum der Schwerkraft der Vergebung. Wenn du davon angezogen bist, kannst du anfangen, ein Leben der Liebe und der Vergebung zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Download Gemeinschaft der Vergebung \u201eEbenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.\u201d Matth\u00e4us 18,35 Seit einigen Wochen besch\u00e4ftigen wir uns mit dem gro\u00dfen Thema, was f\u00fcr eine Gemeinde Jesus unter uns bauen will. Und die Antwort heute auf diese Frage lautet: eine Gemeinschaft der Vergebung. 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