Predigt: Lukas 18,1-14 – Gebet

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Jesus lehrt uns beten (Teil 3)

„Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.“

(Lukasevangelium 18,1)

Wenn man in einer persönlichen Beziehung mit Jesus lebt, dauert es vermutlich nicht lange, und man erfährt die ersten Antworten auf Gebet. Viele von uns haben bestimmt einige Geschichten zu erzählen, was das angeht. Als wir 2017 als Gemeinde in die Blumenstraße 53 eingezogen sind, war das einfach eine riesige Gebetserhörung. Gott hört auf unser Gebet.
Aber die wirklich schwierige Frage ist, weshalb es so viele Gebete gibt, auf die Gott nicht antwortet. Um nur ein Beispiel zu geben: Viele von uns kennen die verrückten Videos von den Real Life Guys. Wie ihr wisst, ist Philipp Mickenberger vergangenes Jahr an Krebs gestorben. Falls ihr seine Lebensgeschichte nicht kennt: als er zum zweiten Mal Krebs bekam, hatte er mit Gott einen Pakt geschlossen: Er wird an Gott glauben, wenn Gott ihn ohne Behandlung vom Krebs heilt, wenn er Feuer vom Himmel regnen lässt. Gott heilt ihn ohne Chemotherapie und Gott lässt sprichwörtlich Feuer vom Himmel regnen. Philipp wird zu einem überzeugten Christen. Später schrieb er ein Buch über seine Erfahrung. An dem Tag, als er das Manuskript beim Verlag abgeben wollte, sieht er zwei Beulen auf seiner Brust, und er weiß, dass der Krebs zurück ist. Viele Menschen haben für ihn gebetet, dass Gott das Unmögliche tut und ihn heilt. Er selbst muss richtig viel dafür gebetet haben. Es scheint, dass alles Gebet nichts genützt hat. Am 9. Juni 2021 ist er an der Krankheit gestorben.
Unsere Vorstellung von Allmacht ist das, was der Bösewicht Thanos im Film Avengers macht. Er schnippt nur einmal mit seinen Fingern und schon trifft das ein, was er sich wünscht. Und dann fragen wir uns: „Ist Gott nicht größer und stärker als Thanos? Warum heilt Gott das eine Mal, aber tut es nicht beim zweiten Mal? Warum schnippt Gott nicht einfach einmal mit dem Finger, und alle Konflikte und alle Kriege hören auf? Warum schnippt er nicht einmal, und die Corona-Pandemie, an der mehr als 5 Millionen Menschen weltweit bereits gestorben sind, ist vorbei?“
Und die Antwort auf die Frage ist: Ich weiß es nicht. Aber wisst ihr was? Es geht nicht darum, zu verstehen, weshalb Gott manchmal auf unsere Gebete hört und manchmal nicht. Es geht darum, dass Gebet sich immer lohnt. Es lohnt sich so sehr, dass Jesus uns Gleichnisse und Geschichten gelehrt hat, die uns helfen sollen, anhaltend zu beten. Vers 1: „Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.“ Das Wort „allezeit“ bedeutet nicht, dass wir 24/7 nur beten sollen und nichts anderes machen sollen. Es bedeutet, dass wir in unserer Ausdauer und Intensität des Gebets nicht nachlassen sollen. Es bedeutet, dass wir unseren täglichen Gebetsrhythmus nicht unterbrechen sollen. Es bedeutet, durchzubeten.
Wie können wir solche Beter werden? Jesus sagt uns, dass wir dazu drei Dinge verstehen müssen: erstens, wir müssen verstehen, wer Gott ist; zweitens, wir müssen verstehen, wer wir sind; drittens, wir müssen verstehen, auf welcher Basis wir zu ihm kommen können.

1. Wir müssen verstehen, wer Gott ist
Um zu illustrieren, wie Gott ist, erzählt Jesus eine Geschichte, in der wieder richtig lebhafte und interessante Charaktere vorkommen. Vers 2: „In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.“ In 2. Chronik 19 lesen wir, wie der König Joschafat Richter im Land einsetzte: „Er bestellte Richter im Land für jede einzelne feste Stadt Judas und gab ihnen die Weisung: Seht zu, was ihr tut; denn nicht im Auftrag von Menschen haltet ihr Gericht, sondern im Auftrag des HERRN. Er steht euch in der Rechtsprechung zur Seite. Lasst euch also von der Furcht des HERRN leiten und handelt gewissenhaft; denn beim HERRN, unserem Gott, gibt es keine Ungerechtigkeit, kein Ansehen der Person, keine Bestechlichkeit.“ Seit jeher gab es also Richter in den Städten in Israel, die sich um die alltäglichen Rechtsangelegenheiten gekümmert hatten. Die Ermahnung, die der König Joschafat ausgesprochen hatte, war absolut notwendig und angebracht, weil Richter ein Amt war, das geradezu prädestiniert war, missbraucht zu werden.
Der Richter im heutigen Text ist also gerade so ein schlechter Richter. Er hatte keine Furcht vor Gott. Jetzt könnte man natürlich meinen: „Gott sieht man nicht und deshalb ist es durchaus verständlich, dass nicht an Gott glaubte“. Aber man könnte zumindest erwarten, dass ihm zumindest sein Ruf wichtig genug war, um einen Rest Anstand walten zu lassen. Aber Vers 2 sagt, dass es ihm völlig egal war, was andere von ihm dachten. Er hatte keine Scham, weil die Enzyme dafür in seinem Gehirn fehlten. D.h., er war durch und durch ein Mistkerl. Jesu Zuhörer, seine Jünger, konnten das bestimmt richtig gut nachvollziehen, weil sie bestimmt einige von diesen Richtern gesehen hatten. Frage ist dann natürlich: Was macht man, wenn man auf die Hilfe von so einem Richter angewiesen ist? Und die Antwort ist ganz einfach: Man gibt ihm ganz viel Geld, und dann wird das schon.
Und genau das war das Problem. In Vers 3 stellt Jesus uns eine Witwe vor: „In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher.“ Diese Witwe war in mehrfacher Hinsicht eine benachteiligte Frau. Sie war benachteiligt, weil Frauen innerhalb dieser Gesellschaft nichts zu melden hatten. Der Richter war in der Regel nicht allein anzutreffen, sondern immer von einem kleinen Hofstaat umgeben: Sekretäre, Diener und sonstige Personen von Rang und Namen. Eines hatten sie alle gemeinsam: Es war ein Männerverein. Frauen hatten vor dem Gericht nichts verloren.
Als nächstes, sie war eine Witwe. In der damaligen Zeit waren die Männer die primären Versorger der Familien, weil die meiste Arbeit physischer Natur war. D.h., die meisten Witwen der damaligen Zeit hatten kein Einkommen. Sie brauchten Versorgung und waren oft auf Hilfe von außen angewiesen. (Wir sehen das z.B. auch in Apostelgeschichte). Witwen waren oft geradezu ein Sinnbild für Hilflosigkeit.
Die Witwe in Jesu Erzählung hatte zudem noch ein weiteres Problem: Es gab einen Widersacher. Wir brauchen jetzt natürlich nicht zu spekulieren, was der Widersacher ihr genau angetan hatte. Wir haben es hier mit einer erfundenen Geschichte zu tun. Aber was immer der Widersacher tat, er machte ihr ohnehin schwieriges Leben untragbar. Sie hatte vorher schon kein einfaches Leben, aber er gab ihr den Rest. Er hatte ihr das Letzte genommen, was sie noch hatte: den Rest an Würde.
Sie kommt immer wieder zu diesem Richter und bittet ihn um Recht. Und das ist wichtig: Sie bittet nicht einfach um Hilfe, sie bittet nicht um Gefallen oder Gefälligkeiten, sie bittet auch nicht um Gnade. Sie will einfach nur, dass sie das bekommt, was ihr durch das Gesetz zusteht. Vers 4 sagt, dass der Richter das tut, was er sonst in diesen Situationen zu tun, pflegte: nichts. Aber nach längerer Zeit, entschließt er sich, ihr doch das geben, was sie forderte: „Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; weil mich diese Witwe aber nicht in Ruhe lässt, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.“ Die Motivation des Richters ist wirklich interessant. Ihm fehlten die Neurotransmitter für Scham. Aber diese Frau schien zu allem entschlossen. Das mit dem ins Gesicht schlagen ist sehr wahrscheinlich nicht wortwörtlich zu verstehen. Aber was durchaus wortwörtlich zu verstehen ist, war, dass sie ihm tierisch auf den Senkel ging. Sie war eine solche Nervensäge, dass er wusste, dass er keinen ruhigen Tag mehr haben würde, wenn er nicht aushelfen würde. Vorher war es Bequemlichkeit, dass er ihr nicht half. Es war der gleiche Wunsch nach Bequemlichkeit, weshalb er ihr jetzt doch half.
Hier ist jetzt der Punkt von Jesu Gleichnis. Dieser Richter hatte kein Bock, das Richtige zu tun, aber tat es am Ende trotzdem. Er erhörte die Bitten der Witwe. Jesus erzählt dieses Gleichnis nicht, um Gott mit diesem Richter zu illustrieren. Er erzählt dieses Gleichnis, um Gott mit diesem Richter zu kontrastieren. Jesus sagt, dass Gott überhaupt nicht wie dieser ungerechte Richter ist. Jesu Schlussfolgerung ist kein „genau so wird Gott euch erhören“, sondern ein „wie viel mehr wird Gott euch erhören.“ Jesu Punkt ist, dass wir also beten sollen, weil Gott nicht so ist, wie dieser Richter.
Wer ist Gott für dich? Als die Frau von C.S. Lewis nach einer viel zu kurzen Ehe starb, verarbeitete Lewis seine Trauer in einem kleinen Büchlein, das „A Grief Observed“ heißt. Es ist ein wirklich berührendes Buch, weil Lewis mit seinen Zweifeln und mit seinem Hadern so schonungslos offen umgeht. Er schrieb: „Warum ist er in Zeiten des Reichtums ein so präsenter Anführer und eine so abwesende Hilfe in Zeiten der Not? … Nicht, dass ich in Gefahr wäre, aufzuhören an Gott zu glauben. Die wirkliche Gefahr ist, anzufangen so schlimme Dinge über ihn zu denken. Die Schlussfolgerung, vor der ich mich fürchte ist kein „also gibt es nun doch keinen Gott“, sondern „so also ist Gott wirklich. Betrüge dich nicht länger.“
Vielleicht könnt ihr sehr gut nachvollziehen, was Lewis hier meint? Vielleicht kennt ihr das? An welchen Gott glaubst du? Welches Gottesbild hast du? Ist Gott für dich dein abwesender Vater, weil du nur einen Vater kanntest, der nie für dich da ist? Ist Gott für dich jemand, der sich niemals für deine kleinen Nöte interessieren könnte, weil er mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist? Ist Gott für dich ein schlecht gelaunter, unwilliger, griesgrämiger Typ, wie der Richter im heutigen Text? Ist Gott für dich jemand, der ganz, ganz weit weg ist, so weit oben im Himmel und so weit in der Zukunft entfernt, dass du denkst: „Meine Worte müssten ein ganzes Universum durchschreiten, bevor sie gehört werden können und so laut kann ich nicht schreien?“ Und vielleicht sehen wir jetzt, dass das, was wir in unserem Innersten über Gott glauben, direkte Auswirkungen auf unser Gebetsleben hat.
Wie ist also unser Gott? Er ist unser Vater. Er ist der Gott, der uns mehr liebt als wir uns selbst lieben könnten und mehr als wir uns erträumen könnten. Er ist der Gott, der wie kein anderer, unser Wohlergehen und unsere Freude auf seinem Herzen hat. Er ist der Gott, dem alle Ungerechtigkeit und Leiden dieser Welt weit mehr zu Herzen gehen, als es jemals bei uns der Fall sein könnte. Er ist der Gott, der dir ganz nah ist, zum Anfassen nah. Natürlich sieht er dein Gebet. Natürlich hört er dein Gebet.
Das ist das Erste, was wir wissen müssen.

2. Was wir über uns wissen müssen
Der nächste Abschnitt antwortet auf diese Frage folgendermaßen: Wir sind Menschen, die gerechtfertigt werden müssen. Wir sehen im nächsten Abschnitt zwei Männer, die gemeinsam zum gleichen Gottesdienst gingen. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Der eine ist ein disziplinierter, gesetzestreuer, vorbildlicher Pharisäer. Er hielt sich an alle Gebote Gottes. Der andere war ein mit den Feinden kollaborierender, wahrscheinlich betrügender, skrupelloser Zöllner. Sie beten völlig unterschiedliche Gebete. Der Pharisäer: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Der Zöllner schlägt sich auf die Brust und betete: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Beide Menschen suchten auf ihre Art und Weise nach Rechtfertigung.
Vielleicht denken manche, dass das Thema Rechtfertigung etwas ist, was gründlich überholt ist. In seinem kurzen Büchlein „Wie man den Westen wieder erreicht“ analysiert Tim Keller unsere Gesellschaft in ganz wenigen Seiten auf sehr profunde Art und Weise. Er schreibt, dass unsere Gesellschaft denkt, dass das, wovon die Gesellschaft Rettung braucht, der Gedanke ist, dass wir Rettung brauchen. Hier ist ein Beispiel: nehmen wir einen Mann oder eine Frau, die ihren Ehepartner betrügen. Und schließlich verlassen sie den Ehepartner ganz. Es kann durchaus sein, dass sie von einem schlechten Gewissen geplagt werden. Jetzt ist die Frage, wie man mit diesem schlechten Gewissen umgeht. Zum Beispiel könnte das schlechte Gewissen als ein moralischer Kompass verstanden werden. Man fühlt sich miserabel, weil man weiß, dass man nicht wirklich integer und gut gehandelt hat. Man versteht, dass das eigene Verhalten selbstzentriert war: Man hat rücksichtslos sein eigenes vermeintliches Glück über das Wohl und Wohlergehen der Familie gestellt; man hat in Kauf genommen, dass Kinder darunter leiden.
Oder aber, sie könnten folgendermaßen argumentieren: „Ich habe nur deshalb ein schlechtes Gewissen wegen meiner spießigen Erziehung.“ Oder: „Ich leide wegen der Kirche.“ Oder: „Ich wurde in ein moralisches Korsett gezwängt. Das Problem bin nicht ich, sondern die veralteten Moralvorstellungen, von denen wir uns endlich lösen müssen.“ Ich denke, dass viele in unserer Gesellschaft so denken.
Aber wisst ihr was? Rechtfertigung und Rettung sind nicht einfach nur biblische Konzepte. Sie sind die Antwort auf ein Verlangen, das in unserem Herzen ist, in jedem einzelnen von uns. Jeder von uns will rechtfertigt werden. Jeder von uns will gerettet werden. Wir nennen es nur anders. Wir nennen es Studium oder Karriereplanung. Wir nennen es Beziehungsstatus oder Altersvorsorge. Wir nennen es Pläne fürs Wochenende oder Urlaub in der Karibik.
Hier sind ein paar konkrete Beispiele: Du hast dich auf einen Studienplatz beworben und wurdest in Cambridge oder in Stanford angenommen. Oder wir finden als Eltern heraus, dass unser Kind auf eine absolute Elite-Uni gehen wird. Wie reagierst du darauf? Wir sagen nicht einfach: „Oh, das ist ja ne schöne Überraschung.“ Nein, das ist nicht unsere erste Reaktion. Wir denken an die Möglichkeiten, die Aufstiegschancen, die Netzwerke, die sich auftun, wie wunderbar die Uni auf unserem Lebenslauf aussieht. Da ist ein Gefühl von tiefem Stolz, echter Genugtuung. Da ist ein Gefühl von: „Jetzt habe ich endlich was erreicht in meinem Leben. Jetzt werde ich wirklich anerkannt. Jetzt gehöre ich endlich zum Kreis der Gewinner.“
Oder ein anderes Beispiel: auf der Arbeit machen wir uns ständig Gedanken darüber, wie es mit der Karriere weitergeht. Bei jeder Umstrukturierung wird geschaut: Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer? Wer sind die Aufsteiger, wer sind die Absteiger? Wer bekommt die Lorbeeren, wer wird abgesägt? Das Interessante ist ja: wir haben alle einen unbefristeten Vertrag. Eigentlich müssten wir uns nicht so viele Sorgen darüber machen, wie wir über die Runden kommen. Und trotzdem ist da eine latente Furcht: Was ist, wenn ich in 10 Jahren nicht mehr gut genug für die Arbeit bin? Was ist, wenn ich bei der nächsten Beförderungsrunde schon wieder übergangen werde? Was ist, wenn ich aufs Abstellgleis komme? Und diese latent vorhandene Furcht auf der Arbeit, führt dazu, dass wir uns unkollegial verhalten; dass wir unsere Ellenbogen herausfahren; dass wir uns ständig mit anderen vergleichen; dass wir vielleicht mehr arbeiten, als für unsere Gesundheit und unsere Beziehungen gut wäre.
Die Furcht, die wir haben, ist aber nicht komplett irrational. Sie basiert auf etwas, was absolut real ist. Tief im Innersten wissen wir, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Wir wissen, dass wir nicht gerecht sind. Wir wissen, dass wir echte Defizite haben. Zu einem gewissen Grad wissen wir auch, dass wir Schuld haben. Das ist das Zweite, was wir verstehen müssen ist, dass wir ein inneres Bedürfnis haben, nach Rechtfertigung. Wir sind angewiesen auf eine äußere Instanz, die uns zuspricht, dass wir angenommen sind; dass uns vergeben wurde; dass wir in Ordnung sind. Jemand, den wir zutiefst ehren und lieben, muss uns sagen, dass wir geliebt sind.
Der Pharisäer in Jesu Gleichnis war nicht wirklich in der Lage, zu beten. Er war sich selbst genug; er meinte selbst bereits alles zu haben und alles zu sein, um gerecht zu sein. Wir brauchen ein tiefes Verständnis davon, dass wir nicht gerecht sind, um beten zu können. Und das bringt uns zum letzten Punkt.

3. Auf welcher Basis können wir zu Gott im Gebet kommen?
Jesus beendet das Gleichnis mit den Worten: „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Wir haben bereits gesehen, dass der Pharisäer nicht wirklich in der Lage war, zu beten. Sein Gebet war eine Selbstglorifizierung und Selbstbeweihräucherung. Er findet keine Rettung, weil er auf alle herabsieht. Und so lange man herabsieht, kann man nicht sehen, was über einem ist, was die Voraussetzung für Gebet ist.
Die Frage ist eher: warum konnte der Zöllner Rettung finden? Wir sehen ihn zwar als Inbegriff der Demut. Aber wir dürfen nicht vergessen: Er war kein guter Mensch. Er hatte andere Menschen betrogen und ausgenommen. Er war ein Verräter. Warum sollte jemand wie er gerechtfertigt werden? Wir finden einen kleinen Hinweis in seiner sehr außergewöhnlichen Geste. Der Zöllner schlägt sich auf die Brust. Kenneth Bailey schrieb einen viel zu ausführlichen Kommentar über Jesu Gleichnisse und Reden in Lukasevangelium. Immer und immer wieder versucht er dabei die Traditionen des Nahen Ostens zu verstehen. Die Geste, sich auf die Brust zu schlagen, findet man heute noch in den Dörfern des Orients, von Irak bis Ägypten. Es bedeutet tiefe Reue und Trauer. Zwei Dinge müssen wir hier verstehen.
Sich auf die Brust zu schlagen, ist eine Geste von Frauen, nicht von Männern. Frauen schlugen sich auf die Brust auf Beerdigungen, nicht Männer. Das, was dieser Zöllner hier tut, ist also sehr außergewöhnlich. Eigentlich ist es unter seiner Würde. Er macht sich damit regelrecht lächerlich. Der andere Punkt ist, dass wir diese Geste im ganzen NT nur noch ein weiteres Mal sehen. Als Jesus am Kreuz starb, schlugen sich einige der Zuschauer auf die Brust, als sie nach Hause gingen. Bailey schreibt in seinem Kommentar: „Es braucht in der Tat ein Ereignis in der Größe von Golgatha, um eine solche Geste in Männern des Orients hervorzurufen.“
Jesus lehrt uns, dass wir beten sollen und nicht nachlassen sollen. Er selbst war solch ein Beter. Aber es gab ein Gebet Jesu, das nicht gehört wurde. Im Garten Gethsemane betete Jesus, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge. Jesus bat um Rettung vor dem Gericht. Seine Bitte wurde abgewiesen. Es gab keinen anderen Weg und keine andere Möglichkeit für ihn, uns zu retten und sich selbst zu retten. Jesus gab seine Rettung auf, damit wir gerettet werden können. Jesus gab seine Rechtfertigung auf, damit wir gerechtfertigt werden können durch ihn. Jesus gab seinen Status und seine Privilegien auf, damit wir seinen Status bekommen als geliebte Kinder Gottes. Jesu Gebet wurde abgewiesen, damit unser Gebet gehört werden kann.
Zu Beginn habe ich gesagt, dass Gott auf mancher unserer Gebete antwortet und auf viele andere zu schweigen scheint. Wie können wir trotzdem beten, ohne aufzuhören? Weil wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott jedes einzelne unserer Gebete hört. Gott hört dein Gebet. Er hört dein Gebet, weil er dein liebender Vater ist, kein kaltherziger Richter. Er hört dein Gebet, weil er deine Not sieht und dein Bedürfnis nach Rettung und Gerechtigkeit. Er hört dein Gebet, weil wir im Namen seines Sohnes beten dürfen.

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