Predigt: Lukas 11,3-8 – Gebet

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Jesus lehrt uns beten – Teil 2: Hilferuf

„Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.“

(Lukasevangelium 11,3.4)

Das neue Jahr wollte unsere Gemeinde mit dem Thema Gebet begehen. Aus dem Grund starteten wir in den vergangenen drei Wochen eine Themenreihe zum Thema „Gebet“. Schon in der ersten Predigt durften wir von einer Person hören, die als gutes Beispiel voranging. Nämlich Hanna, die Mutter von Samuel. Zu Beginn wurde Hanna als eine Frau beschrieben, die nicht imstande war, ein Kind zu gebären. Doch die Wende in ihrem einsamen Leben begann mit ihrem Aufstehen. „Hanna stand auf!“ In der Predigt wurde dabei betont, dass dieses Aufstehen eine entschiedene Aktion gewesen sei. Und zwar wollte Hanna ihr Leben nicht mehr ihrer unveränderlichen Lebenssituation überlassen, sondern durch das Gebet wollte sie etwas ändern. Ihr Aufstehen wurde von Gott gesehen und offensichtlich wunderbar belohnt.
In der zweiten Predigt ging es um Fürbitte Abrahams für die Stadt Sodom. Uns wurde dabei bewusst, dass es sich im Gebet nicht nur um uns dreht, sondern auch um die Nöte anderer. Am letzten Sonntag hörten wir wiederum vom ersten Teil des „Vater unser“. Kern dieser Predigt war der Gedanke, dass jeder einzelne von uns ein Beter sein kann und es auch sein darf. Dabei lud uns Henoch uns dazu ein, in den nächsten Wochen täglich mindestens 20 Minuten im Gebet zu verbringen.
Im ersten Teil vom Vaterunser drehte sich alles um den „Vater“. Es ging es um seinen Namen und um sein Reich im Himmel. Wenn wir beten, ist unsere Anbetungsrichtung nach oben, nämlich auf Gott hin ausgerichtet. Im Gebet ist Gott unser Gegenüber. Sein Reich ist der Ausweg aus unserem dunklen und korrumpierten Leben. Darum lehrt uns Jesus: Dein Reich komme!
Heute möchte ich den zweiten Teil des Vaterunsers näher beleuchten. Im zweiten Teil wird es vorrangig um drei Anliegen gehen: nämlich Brot, Vergebung und Versuchung. Diese Anliegen spiegeln unsere wichtigsten Bedürfnisse wider.
Als Jesus also seinen Jüngern das Gebet lehrte, fing er folgendermaßen an: „Wenn ihr betet, so sprecht …“. Das bedeutet: Wir können mit Gott über all unsere Bedürfnisse sprechen. Wie etwa für Brot, das sinnbildlich für alle Bedürfnisse, die Leib und Seele des Menschen betreffen, steht. Wenn Brot fehlt, ist die Bewahrung der Menschenwürde nur schwer möglich. In Nordkorea sterben Menschen an den Folgen der Mangelernährung. Nach UN-Angaben leidet fast die Hälfte der Bevölkerung unter Mangelernährung. Ihnen fehlt das Grundlegendste: Nahrungsmittel und Medikamente. Ohne die internationale Hilfe wären schon tausende Menschen verhungert. Eine Hungersnot ist eine Bedrohung für das Menschenleben. In Folge der Corona-Pandemie mussten viele Geschäfte schließen, andere fürchten um ihre Existenz. Auch in Deutschland verloren mehr als eine Million Beschäftigte ihren Job – trotz Milliardenausgaben für Kurzarbeitergeld. Das Brot ist für jeden von uns ein Bedürfnis zum Leben. Jeder will seine Würde als Mensch bewahrt wissen. Dafür arbeitet jeder trotz aller Widrigkeiten. Viele kämpfen von Morgen bis zum Abend, um die eigene Menschenwürde zu schützen. In Deutschland können diejenigen, die finanziell am Existenzminimum leben, beim Staat Hilfeleistungen beantragen, die dafür notwendig sind, um physisch zu überleben; dies sind vor allem Nahrung, Kleidung, Wohnung und eine medizinische Notfallversorgung. Gott sei Dank, dass wir in so einem Land leben dürfen. Dennoch bleibt für uns alle das Gebet „Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag“ immer aktuell.
Als hier vor zwei Jahren die Corona-Pandemie anfing, schlossen viele Länder ihre Grenzen, um die Verbreitung der Infektion zu verhindern. Trotz vieler Bemühungen haben sich 350 Millionen weltweit Menschen offiziell mit dem Coronavirus infiziert. Darunter sind mehr als fünf Millionen Infizierte gestorben. Corona muss gemeinsam und solidarisch bekämpft werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte: „Die Pandemie ist erst vorbei, wenn sie weltweit überwunden ist.“ Das Gebet „Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag“ erinnert uns, dass wir nicht alleine sind. Nicht nur ich, sondern auch die anderen brauchen Brot fürs tägliche Leben. Wir alle teilen die gleiche Schwäche. In dieser Sache sind wir vereinigt. Diese Gemeinsamkeit befähigt uns in unserer Angst und Not füreinander zu beten. Und obgleich jeder einzelne von uns, für sich betrachtet, mit verschiedenen Nöten konfrontiert ist, so sind wir im Gebet Teil einer großen solidarischen Weltgemeinschaft.
Vers 4 „und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.“ Das zweite hier angeführte Anliegen, die Vergebung der Sünden, ist für die meisten ein unumgängliches Bedürfnis. Wer unter uns schon einmal mit finanziellen Engpässen oder Schulden zu kämpfen hatte, wird sicherlich gut nachempfinden können, wie sehr Schulden einen belasten können. Bis die Schulden vollends zurückgezahlt sind, ist man einem nie abebbenden Druck ausgesetzt. Ein Pfarrer aus Korea erzählte mal in diesem Kontext über seine Erfahrung, wie schwer es ihm fiel, von den Leuten diffamiert zu werden, alleine weil er hoch verschuldet war. Hierzu sagte er: „Wenn man Schulden hat, kann auch die Würde eines Menschen Kratzer davontragen.“ Und tatsächlich trifft diese Aussage auf viele Schuldner zu. Einige müssen sich sogar verstecken, um nicht erwischt zu werden. In so einem Fall können sie weder ihre Familie besuchen noch sie anrufen. Manch einer gerät dabei in Wohnungslosigkeit. Auch die Beziehung zu Freunden kann in die Brüche gehen, wenn ein Freund nicht imstande ist, die Schulden wie vereinbart zurückzuzahlen. In der Antike war es teilweise sogar schlimmer um die Schuldner bestellt. Konnten die Schulden nicht zurückgezahlt werden, geriet man in Knechtschaft.
Viele Menschen mit Schulden denken sogar daran, sich das Leben zu nehmen, um einfach dieser Misere zu entfliehen. Welch befreienden Charakter kann also der Erlass aller Schulden haben! Jesus kennt die Lage der Menschen. Das Gebet im Vers 4 „und vergib uns unsre Sünden“ verdeutlicht, dass mit den Schuldnern wir gemeint sind. Wir sind zahlungsunfähig. Darum bleibt nur noch eine Möglichkeit übrig, dieses Problem zu lösen, nämlich die Vergebung. Die Talionsformel Auge um Auge, Zahn um Zahn kann beglichen werden. Da das Leben aber nicht mit Geld, sondern alleine mit dem Leben beglichen werden kann, vergoss Jesus sein Blut, um uns so zum Leben zu befähigen. Römer 4,7 „Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind!“ Gott, unser Vater, erweist seine Liebe zu uns in der Vergebung. Wer aber hat Gott geliebt? Geschweige denn ihn gesucht? Niemand. Wer hat Gott gedankt? Niemand. Gott wurde missachtet. Römer 3,10-12 „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Alle sind sie abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“
Wir haben Gott verlassen, er aber hat uns vergeben. Wir haben seinen Willen nicht gesucht, er aber hat uns vergeben. Die Vergebung war die einzige Möglichkeit, unsere Identität als seine Kinder wiederherzustellen. Unser Vater weiß, dass wir immer wieder sündigen. Seine Bereitschaft jedoch, uns zu vergeben, ebbt niemals ab, weil er unser Vater ist. In seiner Rolle als Vater wurde er Mensch, um unsere Schulden mit seinem Leben zu bezahlen. Die Vergebung der Sünden rettet uns und bewahrt gleichzeitig unser Anrecht auf die Gotteskindschaft. Diese Vergebung ermöglicht, die Heimkehr ins Reich Gottes, wie Kinder nach der Schule nach Hause kommen. Diese Vergebung schenkt uns Mut, die Angst vor dem Zorn Gottes zu überwinden. Statt in Angst zu verharren, dürfen wir Gott mit Abba lieber Vater ansprechen. Gott sei Dank, dass er unser Vater ist, der uns vergibt. Und wenn wir diese Gnade der Vergebung im Blut verstanden haben, können wir auch die Schulden unserer Mitmenschen vergeben. Es ist sicherlich nicht einfach, die Schulden der anderen zu vergeben. Tiefe Verletzungen brauchen manchmal eine gewisse Zeit, bis das verletzte Herz überhaupt in der Lage ist, an Vergebung zu denken. Die einzige Möglichkeit sich von dieser Last zu befreien, ist die Vergebungsgnade Jesu. Solange wir leben, ist es unvermeidbar, die anderen zu verletzen oder von ihnen verletzt zu werden. Und genau diese Not führt uns zu Jesus, der für uns schon sein Blut vergossen hat.
Wir können zu Gott flehen: „vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.“
Im letzten Abschnitt gehen wir auf das dritte Anliegen ein: „Und führe uns nicht in Versuchung.“
Das Gebet „Führe uns nicht in Versuchung“ zeigt eine weitere Schwäche von uns auf. Wer von uns kann von sich behaupten, nie versucht worden zu sein? Jeder von uns kann versucht werden. Darum ist das Anliegen, nicht versucht zu werden, für uns von hoher Relevanz. Obwohl wir uns als Christen darum bemühen, nicht der Versuchung zu erliegen, müssen wir immer wieder feststellen, dass wir wiederholt versucht wurden. Wenn unsere Ehre verletzt wird, reagieren wir mit Wut und Ärger. In dieser Woche gab es in meiner Familie einen hitzigen Streit. Er war heftig, aber letztendlich kamen wir auf einen gemeinsamen Nenner und konnten uns die Hand geben. Dennoch stellte ich erschrocken fest, wie schnell man in Versuchung geraten konnte! Wie leicht konnte man mich verletzen! Ich bin ein schwacher Mensch, der verletzt werden kann. Genau darum ist das Gebet: „Führe uns nicht in Versuchung“ immer wichtig. Unsere Schwächen erinnern uns unentwegt daran, dass wir Menschen sind, die versucht werden können. Ein jeder von uns sollte beten: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Anstatt versucht zu werden, dürfen wir vorher um Beistand und Schutz beten. Wenn unsere Schwächen sichtbar werden, muss das nicht zu Mutlosigkeit führen. Denn unser Vater kennt schon unsere Schwäche. Wir dürfen unseren Vater mutig darum bitten, uns vor der Versuchung zu bewahren.
Als Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl hatte, ging er nach der Versammlung mit drei seiner Jünger zum Gebet. Dabei sprach er zu ihnen: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ Jesus sah die Gefahr für seine Jünger. Ebenso kann unser Glaube geprüft werden, wenn unsere Wünsche oder Hoffnungen sich nicht zu erfüllen scheinen. Auch in so einem Fall sollte man darum bitten: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Es mag sein, dass unsere derzeitigen Umstände gegen uns sprechen. Aber statt mit Unglauben zu reagieren, sollten wir darauf vertrauen, dass Gott es immer gut meint.
In den Versen 5-8 lehrt Jesus im Gleichnis das Gebet: „Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.“
Der Mann im Gleichnis bekam um Mitternacht plötzlich Besuch. Leider kann er seinem Gast kein Brot zum Verzehr anbieten, weshalb er infolge zu einem anderen Freund geht, um drei Brote auszuleihen. Zu Beginn will der Freund nicht aus dem Bett aufstehen. Aber da der Mann nicht nachgibt, bekommt er schlussendlich seine Bitte erfüllt.
Die Umstände im Gleichnis waren für einen Gastempfang äußerst ungünstig. Zu Hause hatte der Gastgeber kein Brot. Es war Mitternacht. Und vor allem kam der Gast unangemeldet, weshalb der Gastgeber unvorbereitet war. Die Umstände des Gastgebers sind mit unseren vergleichbar. Jeden Tag werden wir mit unvorhersehbaren Schwierigkeiten konfrontiert. Wir wissen nicht, was uns morgen begegnen wird. Jeder neue Tag scheint ungewiss. Tagtäglich werden wir aufs Neue vom Leben überrascht. Es kann passieren, dass uns völlig unvorbereitet Krankheit, der Tod von geliebten Menschen oder ein Unfall treffen kann. Wie soll man damit umgehen? Wir können und dürfen Jesus rufen. Und zwar mit einem unverschämten Drängen. Uns können wie im Gleichnis genau drei Brote fehlen: In unserem Fall können diese Brote Vergebung und das Überwinden von Versuchungen bedeuten.
Gott will nur allzu gerne unseren Hilferuf erhören. Er will mit uns in Kontakt treten. Er will uns nahe sein. Das ist sein Bedürfnis als unser Vater. Gott sei Dank, dass er unsere Bedürfnisse kennt und dadurch mit uns in Kontakt bleiben möchte. Wir sind schwache Menschen, aber unser Vater ist bereit, uns zu helfen. Lasst uns in diesem Wissen öfters „Vater, hilf uns!“, rufen. Das ist nicht schwierig, das kann jeder. Denn Gott hat stets ein offenes Ohr für uns.
Lasst mich für uns beten.

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