Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 7 – Matthäus 7,13-23

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Ein neuer Weg

„Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.”

(Matthäus 7,14)

Wir beschäftigen uns heute zum siebten Mal mit dem Thema Evangelium. Zur Erinnerung: das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung der wahre, eingesetzte König ist. Jesus ist Herr! Das Evangelium anzunehmen, bedeutet unter der Herrschaft Christi zu leben. Und das Reich Jesu ist das Reich der Gnade. Durch das Evangelium haben wir eine neue Identität. Und wir haben eine ganz neue Motivation, Gott zu gehorchen. In dieser letzten Predigt zum Thema, wollen wir einiges von dem, was wir die letzten Wochen betrachtet haben, aufgreifen, vertiefen. Und ich denke, dass sich unser heutiger Text sehr gut dazu eignet, das zu tun. Das Evangelium eröffnet uns einen neuen Weg. Der Text zeigt uns drei Dinge: erstens, der breite Weg in die Verlorenheit; zweitens, der schmale Weg zum Leben; drittens, das Leben zu dem der schmale Weg führt.

Erstens, der breite Weg in die Verlorenheit
Ganz kurz zum Kontext: die Verse, die wir heute betrachten, bilden mehr oder weniger den Schluss der Bergpredigt. Und die Bergpredigt wiederum ist die größte und beste Predigt, die jemals gehalten wurde. (Ich hoffe, dass wir uns irgendwann einmal intensiv damit beschäftigen können). Jesus schließt seine Predigt mit einer Reihe von Warnungen ab: „Geht durch das enge Tor! Hütet euch vor den falschen Propheten. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen.“ Und spätestens an dieser Stelle sollten wir sehr hellhörig werden.
Jesus spricht davon, dass es zwei verschiedene Wege gibt; er erwähnt zwei verschiedene Arten von Bäumen; und in den Versen 24-27 (die nicht gelesen wurden) spricht Jesus von zwei verschiedenen Arten, wie man sein Haus bauen kann. Drei verschiedene Bilder, in denen es anscheinend um zwei unterschiedliche Möglichkeiten geht, sein Leben zu führen. Wenn wir das Ganze etwas oberflächlich lesen, dann könnten wir meinen: ja klar, es gibt ein gutes Leben und ein schlechtes Leben; diejenigen, die ein moralisch gutes und beschwerliches Leben führen, werden belohnt; diejenigen, die ein moralisch schlechtes und bequemes Leben führen, gehen am Ende verloren. Die Schlussfolgerung wäre dann: wir sollten ein gutes und anständiges Leben führen: also fromm sein, nicht zu egoistisch sein, fleißig sein, viele gute Werke tun. Die Guten sind dann diejenigen, die an Gott glauben; die Schlechten sind die draußen in der Welt.
Hier ist jetzt das Besorgniserregende: wenn Jesus davon spricht, dass nicht alle, die zu ihm „Herr! Herr!“ sagen, in das Himmelreich kommen werden, meinte er nicht die Menschen „da draußen in der Welt“. Er spricht von Menschen, die an ihn glauben. Christen sind diejenigen, die Jesus „Herr“ nennen. Das griechische Wort ist hier tatsächlich kyrios. Das war die Form der Anrede, die für den Kaiser des römischen Reiches verwendet wurde. Nur Christen würden auf die Idee kommen, Jesus als Kyrios zu adressieren.
In Vers 22 sagen sie: „Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt?“ Es waren nicht einfach nur nominelle Christen; es waren aktive Christen, die viel gemacht haben. Sie hatten Geistesgaben. Sie hatten prophetisch gesprochen, sie waren Exorzisten, sie hatten Wundertaten vollbracht, wie andere Menschen zu heilen. Das klingt nach Christen, die in charismatischen Gemeinden unterwegs sind. Gleichzeitig sollten wir hier nicht den Fehler begehen, zu sagen: das gilt hier nur als Warnung für Christen, die zu viel Wert auf Geistesgaben legen. Das Gegenteil ist der Fall. Gaben des Geistes zu haben, ist ein besonderer Segen. Die Logik lautet: wenn selbst diejenigen Christen, die mit Gaben des Heiligen Geistes arbeiten, von Jesus verstoßen werden, wie viel mehr gilt das für andere Christen? Genauso gut könnte an dieser Stelle stehen: „Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen sonntags das Wort gepredigt? Haben wir nicht viel geopfert und sind treu in die Gemeinde gegangen? Haben wir nicht Bibelstudium gemacht und waren wir nicht auf dem Campus einladen gewesen?“
Der Punkt ist, die Trennlinie zwischen dem Angenommensein im und Ausgestoßensein vom Himmelreich, verläuft nicht zwischen den Menschen, die gute oder schlechte Werke tun. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen den moralischen Menschen in der Gemeinde und den unmoralischen Sündern da draußen. Sie verläuft mitten durch die christliche Gemeinde. Vielleicht erfüllt uns das mit Sorgen und Zweifel.
Vor drei Wochen haben wir das Gleichnis von den verlorenen Söhnen studiert. Nur noch einmal zur Erinnerung: wir hatten gesehen, dass es zwei Arten gibt, verloren zu gehen. Die eine Art verloren zu gehen, ist, wie der jüngere Sohn ein Leben in Saus und Braus zu führen und ein moralisch schlechtes Leben zu führen: „ich tue das, was ich will; niemand macht mir Vorschriften.“ Die andere Art, verloren zu gehen, ist ein anständiges, vorbildliches, moralisch gutes Leben zu führen und sich an alle Gebote zu halten. Ich hatte versucht zu zeigen, dass der ältere Sohn nicht trotz seiner guten Werke, sondern wegen seiner guten Werke verloren war; er war wegen seiner guten Werke verloren, weil sie die Basis für seine Beziehung zu seinem Vater bildeten. Und haargenau das ist es, was wir in den Worten der Gläubigen in dem Text sehen. Dreimal wiederholen sie die Worte: „Haben wir nicht dieses getan? Haben wir nicht jenes getan? Wir haben doch so viel für dich getan! Haben wir es uns nicht verdient?“ Ihre Taten, ihre guten Werke, ihre Leistungen waren die Grundlage ihrer Gerechtigkeit. Jesus sagte: „Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen.“ Warum ist der Weg breit? Der Weg ist breit, weil es nicht nur viele Menschen sind, die auf ihm gehen; sondern viele Arten von Menschen: moralische und nicht moralische Menschen; religiöse und nicht religiöse Menschen; Menschen mit hohen Standards und Menschen ohne Standards; Menschen in christlichen Gemeinden und Menschen nicht in christlichen Gemeinde; gute und schlechte Menschen.
Als nächstes, in Vers 23 sehen wir, dass Jesus sagt: „Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen.“ Es gibt noch so vieles, was man hierzu sagen sollte, z.B., was es bedeutet, von Jesus gekannt zu werden. Aber eine Frage, mit der ich mich herumgeschlagen hatte, ist, warum nennt Jesus sie die Gesetzlosen? Im Gleichnis von den verlorenen Söhnen war der ältere Sohn derjenige, der sich an alle Gebote gehalten hatte. Warum sollte jemand wie er gesetzlos sein? Hier ist eine mögliche Antwort. Zu Jesu Zeiten, waren die Pharisäer diejenigen, die sich am penibelsten an die mosaischen Gesetze gehalten hatten. Und trotzdem sagte Jesus ihnen in Markus 7,9: „Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten.“ An anderer Stelle sagte Jesus: „Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Recht, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“
Vor ein paar Jahren wurde ich auf dem Nachhauseweg von einem Christen angesprochen, der mich evangelisieren wollte. Er sah fast ein wenig enttäuscht aus, als ich ihm sagte, dass ich an Jesus glaube. Im Bereich der Mission muss ich mir eine große Scheibe von ihm abschneiden. Und doch gab es ein paar Aspekte, die mir zu denken gegeben haben. Er erzählte mir, dass er in einer Gemeinde ist, in der Frauen nicht predigen dürfen und sie ihr Haupt bedecken müssen, weil sie es mit dem Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes so ernst nehmen. Und seine Gemeinde arbeitet wenig mit anderen Gemeinden zusammen, weil andere Gemeinden es mit dem Gehorsam nicht so genau nehmen. Ich hatte es versäumt an dieser Stelle zu fragen, ob die Männer dieser Gemeinde beim Gebet ihre Hände erheben und ob sie sich zur Begrüßung küssen. Das steht ebenfalls im NT, aber ich habe noch keine Gemeinde gesehen, die das so praktiziert. Wir machen so etwas ständig: wir picken uns die Rosinen raus. Wir ignorieren das, was uns nicht in den Kram passt. Wir basteln uns die Regeln und Vorschriften so zurecht, dass es uns erlaubt, unsere eigene Gerechtigkeit aufzubauen. Wir interpretieren die Gebote so um, dass wir die Standards gerade so einhalten können. Warum machen wir Menschen das? Wir tun das, weil kein Mensch das Gebot halten kann. Paulus schreibt, dass niemand durch das Gesetz gerecht wird. Insofern sind alle Menschen Gesetzlose.
Wenn auf dem breiten Weg sowohl gute wie schlechte Menschen befinden, sowohl ältere Söhne wie jüngere Söhne, sowohl gesetzliche wie gesetzlose Leute, wer sind dann diejenigen, die gerettet sind? Wer sind diejenigen, von denen Jesus in Vers 21 spricht, die den Willen des Vaters im Himmel tun?

Zweitens, der schmale Weg zum Leben
Wir finden einen wichtigen Hinweis in den Versen 16-20. In Vers 17 sagt Jesus: „Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte.“ Und in Vers 20 sagt er: „An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen.“ Gute Bäume bringen gute Früchte hervor, schlechte Bäume haben schlechte Früchte. Die Frucht ist Ausdruck dessen, wie gut es der Pflanze an sich geht. Und ich denke, dass es sich auf die Frucht des Geistes bezieht: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit. Bei den Gaben des Geistes geht es darum, was wir tun und was wir leisten. Bei der Frucht des Geistes geht es darum, wer wir sind. Welche Frucht sehen wir bei uns? N.T. Wright fragte: „Siehst du gesunde, leckere Frucht auf dem Baum? Kannst du andere Menschen sehen, die tatsächlich davon ernährt werden? Oder bringt der Baum eine Ernte von Lügen, Unmoral und Habsucht hervor?“
Ich kann mich daran erinnern, wie ich vor vielen Jahren nach Köln gefahren bin, um an einem Gottesdienst für junge Leute teilzunehmen. Im Foyer saß der junge Prediger für den Gottesdienst. Sobald er mich reinkommen sieht, sagt er: „Oh nein… was machst du denn hier?“ Der Grund war, weil ich eine richtig gesetzliche Person war, die ständig über andere Prediger geurteilt hatte. Aber wenn wir die Frucht des Geistes in unserem Herzen wächst, dann lieben es Menschen um uns zu sein. Sie werden sich zu uns hingezogen fühlen, nicht weil wir besondere Gaben und Talente haben, sondern weil der Geist in uns etwas tut, was auf andere lieblich und schön wirkt. Noch einmal, Jesus sagt, dass es nicht primär darum geht, was wir tun. Es geht darum wer wir sind. Wenn wir diejenigen sind, die wir sein sollten, dann folgen automatisch Werke.
Dann ist natürlich die nächste Frage: wie werden wir zu diesen Menschen? In Vers 14 sagt Jesus: „Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ Wir werden zu diesen Menschen, indem wir durch das enge Tor geht und auf dem schmalen Weg. Welches enge Tor und welcher schmale Weg? Inwiefern sind sie eng? Und was bedeutet das?
Hier ist ein Erklärungsversuch. Das Tor ist eng, weil Gnade uns erst einmal sehr klein macht. Das Tor ist so eng, dass wir da nicht mit einem SUV oder Pickup-Truck hindurchfahren können. Wir müssen uns klein machen. Vielleicht müssen wir uns auch bücken. Es erfordert eine demütige Haltung. Es liegt nicht daran, dass Gott uns kleinhalten will. Darum geht es nicht. Aber vielleicht können wir uns folgendes vorstellen: wir bekommen zu Weihnachten Geschenke von unseren besten Freunden. Wir machen das erste Geschenk auf, und es ist ein Buch mit dem Titel: „Die Kunst ein freundlicher Mensch zu sen.“ Dann machen wir das zweite Geschenk auf, und es ist eine riesige Flasche Mundspülung und ein Jahresvorrat Seife. Dann machen wir das dritte Geschenk auf, und es ist wieder ein Buch: „Abnehmen für hoffnungslose Fälle“. Wie reagieren wir auf die Geschenke? Würden wir sagen: „Wow… es ist genau das, was ich gebraucht habe. Ich bin so ein unfreundlicher Heinz, ich habe ganz schrecklichen Mundgeruch und wasche mich viel zu selten, und außerdem habe ich 20 Kilo Übergewicht! Danke euch allen!“
Diese Illustration stammt von Tim Keller. Und er meinte dazu: es gibt eine Art von Geschenken, die kann nur dann annehmen, wenn man bereit ist, eine gewisse Haltung der Demut anzunehmen. Es gibt Geschenke, die man nur dann wirklich annehmen kann, wenn man eine ehrliche Einsicht hat, in die eigene Bedürftigkeit; wenn man bereit ist zuzugeben, dass man nicht so ist, wie man sein sollte. Gott bietet uns das Geschenk der Gnade an: das Angebot, dass er uns unendlich viel besser behandelt, als wir es jemals verdient hätten; das Angebot, dass er uns alle unsere Schuld und Sünden vergibt, einfach so, weil Jesus für uns gestorben ist; das Angebot, dass wir einfach so, wie wir sind, bei ihm geliebt und angenommen sind, obwohl wir es verdient hätten, für immer von ihm verstoßen zu werden. Gottes Geschenk der Gnade ist Vergebung unserer Sünden, Reinigung von unserem Schmutz, Heilung von unserer Krankheit, Ausfüllen unserer Armut, Gefunden-Werden in unserer tiefsten Verirrung und Verlorenheit. Dieses Geschenk der Gnade können wir nur dann annehmen, wenn wir gleichzeitig zugeben, dass wir ein echtes Problem haben. Wir können es nur dann annehmen, wenn wir eingestehen, dass wir auf keine andere Art gerettet werden könnten und dass wir uns schon gar nicht selbst hätten retten können. Und das braucht echte Demut.
Und noch ein Aspekt: der schmale Weg bedeutet auch, dass der Weg unscheinbar aussieht. Nicht nur das, der Weg sieht eigentlich auch etwas schäbig und armselig aus. Kennt ihr den Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“? Zwei Nazi-Schergen und Indiana Jones sind auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Für die Uninformierten unter euch: es gibt eine Legende, dass Jesu Blut von einem Becher aufgefangen wurde, als er am Kreuz starb. Wer dann aus diesem Becher trinkt, der lebt ewig. Die Abenteurer kommen in der Gralshöhle an, und dann sehen sie dort Dutzende von verschiedensten Kelchen. Nur einer davon ist der Heilige Gral. Natürlich sind alle anderen Becher mit sofortiger Wirkung tödlich. Die Bösewichte des Films wählen den prächtigsten Becher, der mit Edelsteinen besetzt ist. Der eine trinkt daraus und stirbt. Dann ist Indiana Jones dran. Er überlegt und sagt sich: Jesus war ein Zimmermann. Er findet einen einfachen, schäbigen Holzbecher. Und dieser Becher stellt sich tatsächlich als der Heilige Gral heraus.
Der schmale Weg sieht elend aus. Wir schauen auf das Evangelium, die Geschichte von Jesus und was sehen wir? Wir sehen einen armen Wanderprediger, der so arm war, dass er sich keine Bleibe leisten konnte; selbst sein Grab war geliehen; wir sehen ein einfaches Leben in Palästina, eine obskure, römische Provinz im Nirgendwo; wir sehen eine Krippe; und wir sehen ein Kreuz. Es sieht nach so wenig aus. Wie kann das der Weg der Rettung sein? Und das bringt uns zum letzten Punkt.

Drittens, das Leben, zu dem der schmale Weg hinführt
Im letzten Buch der Chroniken von Narnia kämpft der König Tirian in einer letzten, großen Schlacht. Es ist ein ziemlich hoffnungsloser Kampf. Der König wird mehr und mehr zurückgedrängt. In der Mitte des Schlachtfeldes ist ein kleiner Stall. Der König fällt schließlich in diese Hütte hinein. Er erwartet, dass der Stall innen dunkel und finster ist. Draußen ist es finstere Nacht. Zu seiner großen Überraschung stellt er aber fest, dass er im Stall einen strahlend blauen Himmel über sich sieht und ein weites Land mit grüner Wiese. Tirian sagt dann: „Es scheint also, dass der Stall von innen und der Stall von außen gesehen etwas ganz Verschiedenes ist.“ Das Innere des Stalls ist größer als sein Äußeres. Und Königin Lucy antwortet darauf: „Ja, in unserer Welt barg auch einmal ein Stall etwas in sich, das größer war als unsere ganze Welt.“
Und vielleicht so ähnlich können wir uns das enge Tor und den schmalen Weg vorstellen. Außen schäbig und unscheinbar. Aber wenn wir eintreten, dann eröffnet sich uns eine ganz neue Welt, wie wir sie noch nie gesehen haben. Wir stellen fest, dass das Innere des Stalls unendlich viel größer ist als das Äußere des Stalls. Wir haben Finsternis und Enge erwartet; und wir werden überrascht durch ein weites, grünes Land unter einem strahlend blauen Himmel. Das, was uns auf dem schmalen Weg erwartet, ist, Gnade. Und Gnade wiederum macht alles anders. Wie sieht ein Leben in der Gnade aus? Auf der einen Seite scheint es zwischen Religion und Evangelium keine so großen Unterschiede zu geben. Beide versuchen, Gott zu gehorchen. Beide lesen die Bibel. Beide beten. Was genau unterscheidet dann das Leben auf dem schmalen Weg vom breiten Weg?
Hier sind ein paar Beispiele. Religiöse Menschen gehorchen Gott, um gerettet zu werden. Menschen im Evangelium sind bereits von Gott gerettet, und deshalb gehorchen sie Gott. Es folgt daraus, dass die Motivation Gutes zu tun radikal anders ist. Religiöse Menschen gehorchen Gott, um etwas von Gott zu bekommen. Menschen unter dem Evangelium gehorchen Gott, weil sie Gott selbst in ihrem Leben haben wollen.
Religiöse Menschen tun Gutes vor allem für sich selbst: wir bauen an unserem Selbst-Image, um bei anderen gut dazustehen, oder um bei uns selbst gut dazustehen. Die primäre Motivation, Gutes zu tun, ist Furcht und Unsicherheit. Und das zeigt sich auch daran, wie wir Buße tun. Stellen wir uns vor, wir ertappen ein Kind dabei, wie es gerade Geld von den Eltern klaut. Das Kind fängt an zu weinen: „Es tut mir so leid.“ Die Frage ist dann: „Was tut dir leid? Tut es dir leid, weil du geklaut hast? Oder tut es dir leid, weil du dabei erwischt wurdest?“ Uwe Schäfer nannte das die Reue des Ertappten. Die Reue des Ertappten ist keine richtige Buße. Es ist lediglich Furcht vor negativen Konsequenzen. Aber im Evangelium finden wir eine ganze andere Motivation. Die primäre Motivation, Gutes zu tun, ist Dankbarkeit und Freude.
Was sich auch radikal unterscheidet, ist unser Gebetsleben. Allein schon diese Frage ist ein guter Test: wie gerne betest du? Religiöse Menschen beten. Sie können richtig viel beten. Aber ihr Gebet besteht vor allen Dingen aus Bittgebeten. Und die Bittgebete nehmen richtig Fahrt auf, wenn es uns schlecht geht oder wenn wir Nöte haben. Wir beten vor allem deshalb, weil wir die Kontrolle über unsere Umstände haben wollen. Menschen im Evangelium beten; und sie lieben es zu beten. Wenn wir aus Gnade leben, bestehen unsere Gebete zu ganz großen Teilen aus Lobpreis und Anbetung. Natürlich bitten wir Gott um Dinge. Aber primär geht es uns im Gebet darum, mit Gott und bei Gott zu sein, die Gemeinschaft mit ihm zu genießen.
Wir könnten noch so viele weitere Beispiele anführen. Aber wir wollen es an dieser Stelle belassen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als euch einzuladen: einen jeden einzelnen von euch, ob ihr hier vor Ort seid oder zu Hause vor dem Computer sitzt. Kommt zum engen Tor, geht auf dem schmalen Weg. Kommt zum Becher aus Holz. Kommt zum alten Stall. Kommt zur Krippe. Kommt zum Kreuz. Wandelt auf dem Weg der Gnade. Der schmale Weg führt in das unendlich weite Himmelreich, sowohl im Hier und Jetzt als auch in Ewigkeit.

 

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