Predigt: Die Gemeinde, die Jesus unter uns bauen will – Verwurzelt im Evangelium 5 – Römer 8,12-17

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Eine neue Identität

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

(Römer 8,14)

Heute betrachten wir den fünften Teil unserer Predigtserie zum Thema „Verwurzelt im Evangelium“. Heute geht es um unsere Identität, genauer gesagt die neue Identität, die wir im Evangelium haben. Manche mögen sich vielleicht fragen: Ist das für uns wirklich wichtig? Geht es in der Bibel um Identität oder ist das nicht eher nur eine theoretische Frage? Die Antwort darauf ist klar: die Identität, die wir im Leben haben, hat eine sehr große Bedeutung. Bei Identität geht es darum, für wen ich mich im Grunde halte, wer ich denke, dass ich bin (unser Selbstverständnis); und dann, wie ich mich dabei beurteile, ob ich denke, dass ich dabei gut bin (unser Selbstwertgefühl). Jeder Mensch hat ein Verständnis darüber, wer er oder sie ist (auch wenn es den Menschen unterschiedlich klar ist). Unser Verständnis davon, wer wir sind und wie wir uns darin sehen, hat einen sehr großen Einfluss auf unser Leben (z.B. wonach wir streben, wie wir uns und andere Menschen sehen und mit ihnen umgehen, wie wir mit Erfolgen und mit Niederlagen umgehen usw.). Und obwohl die Bibel den Begriff „Identität“ nicht gebraucht, sagt sie indirekt viel über die Identität, mit der die Menschen gelebt haben. Vor allem lehren verschiedene Stellen im Neuen Testament die neue Identität der Christen, die an das Evangelium glauben. Unser heutiger Text Römer 8,12-17 spricht deutlich darüber, was unsere neue Identität als Christen ist und warum es wichtig ist, dass wir wirklich mit dieser Identität leben.

Um das gut zu verstehen, wollen wir, bevor wir auf den Text eingehen, ausnahmsweise zuerst betrachten, wie die Menschen im Allgemeinen ihre Identität definieren. Wir wollen betrachten, wie die Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität definieren und wie in modernen westlich geprägten Gesellschaften die Menschen angeregt werden, ihre Identität zu finden. Danach wollen wir betrachten, welche neue, geistliche Identität Gott uns im Evangelium gibt, und wollen uns fragen, wie viel unsere eigene Identität davon geprägt ist. Es geht also um drei Fragen: 1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Gesellschaften? 2. Worin liegt dabei das Problem? 3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium und wie prägt sie unser Leben?

1. Wie finden Menschen in traditionellen Gesellschaften ihre Identität und wie in westlich geprägten Kulturen?
Alle Kulturen geben den Menschen einen Weg vor, wie sie ihre Identität finden können; und sie ermutigen die Menschen dazu, auf diesem Weg ihre eigene Identität zu finden. In traditionellen Kulturen und in vielen traditionell geprägten asiatischen Kulturen heute definieren die Menschen ihr Selbstverständnis vor allem über ihre Rolle, die sie in der Familie oder Verwandtschaft spielen, z.B. als ein Sohn oder Tochter, als ein Vater oder eine Mutter, oder über ihre Rolle in ihrem Dorf oder Sippe, und darüber, wie gut sie diese Rolle spielen, also ob sie ein guter Sohn oder eine gute Tochter, ein guter Ehemann oder Ehefrau oder ein guter Vater oder Mutter sind. Die Familie oder Gemeinschaft schenkt ihnen Anerkennung, wenn sie ihre Rolle gut erfüllen, wenn sie sich z.B. als Sohn oder als Vater gut für ihre Familie einsetzen und dabei auch auf eigene Interessen und Wünsche verzichten, und vermittelt ihnen dadurch, wie sie über sich selbst denken sollten. Kommt euch das vertraut vor? Ich nehme an, dass das den meisten von uns mehr oder weniger vertraut ist; auch in Europa hat man bis vor nicht allzu langer Zeit so gedacht.

Aber die moderne westliche Kultur kehrt das inzwischen um. In modernen Kulturen wird den Menschen vermittelt, dass sie ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl nicht daran messen sollen, wie gut sie um das Wohl ihrer Familie kümmern und wie sehr sie dafür eigene Interessen und Wünsche aufgeben. Sondern dass sie ihre Identität finden, wenn sie sich klar werden, was ihre eigenen Wünsche sind und diese Wünsche ausleben, ganz egal, was andere dazu sagen. Das ist eine Umkehrung der asiatischen Kultur (die früher auch in Europa ähnlich war), wo man respektiert wird, wenn man sich für das Wohl der Familie und der Gemeinschaft einsetzt und dafür auf eigene Wünsche verzichtet. In modernen westlichen Kulturen heißt es inzwischen: Das ist verkehrt. Du musst in dich hineinhören und finden, was du eigentlich willst, und sollst deine Wünsche bzw. deinen Traum im Leben verwirklichen. Niemand hat das Recht, dir zu sagen, was du mit deinem Leben machen sollst. Dahinter steht die Idee: wenn ich in mich hineinschaue und meine eigenen Wünsche und Träume erkenne und ihnen folge, egal, was andere mir sagen, dann werde ich ich selbst, ich finde mein wahres Ich. Dabei ist es mir egal, wie andere mich beurteilen; ich bestimme, wer ich bin, nur ich bewerte mich selbst, und nur das zählt. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird dieser Gedanke immer mehr in Büchern, Filmen und Liedern propagiert. Fachleute nennen das expressiven Individualismus, weil man in sein Herz schaut, seine eigenen Wünsche erkennt und versucht, das auszudrücken bzw. zu verwirklichen. In dem Film „Frozen“ gibt es das Gedicht von Elsa, einer jungen Prinzessin, die eines Tages beschließt, dass sie ihre Identität nicht länger darin sehen will, dass sie die Erwartungen der anderen erfüllt und von ihnen anerkannt wird, sondern dass sie den Sturm in ihrem Herzen raus lassen und ihm folgen will – das ist ein Beispiel für expressiven Individualismus. Was in uns an Wünschen ist, darauf sollen wir hören, dem sollen wir folgen, das ist der Weg, um uns selbst zu finden und uns im Leben zu verwirklichen. Das ist das, was die moderne Kultur den Leuten sagt, wie sie ihre Identität finden und zu einem richtigem Selbstwertgefühl kommen. Damit werden natürlich ganz besonders die jungen Leute konfrontiert, die am meisten moderne Filme sehen oder Musik hören, in denen diese Vorstellung ausgedrückt wird.

2. Worin liegt dabei das Problem?
Jemand könnte jetzt fragen: Und wo ist das Problem? Warum soll das nicht gut sein? Wenn wir die beiden Ansätze betrachten, den traditionellen und den modernen, finden wir bei beiden deutliche Probleme. Es gibt mehrere Gründe, warum alle beide nicht funktionieren. Ich will hier nur einige davon nennen. Der traditionelle Ansatz erscheint wahrscheinlich vielen von uns als der bessere, weil er nicht so egoistisch ist, weil es dabei als erstrebenswert gilt, sich für das Wohl der anderen einzusetzen und dafür auch auf eigene Interessen zu verzichten. Dieser Ansatz sieht christlicher aus und scheint der Lehre des Evangeliums eher zu entsprechen. Wenn man sein Selbstverständnis und Selbstwert daran orientiert, ist das Leben, das dadurch ermöglicht wird, vermutlich erstrebenswerter, zumindest aus der Sicht der Gemeinschaft, die dadurch viel besser funktionieren kann. Aber so ein Leben kann natürlich eine große Belastung und Unfreiheit bedeuten, weil man sich immer an den Bedürfnissen der anderen und an ihren Erwartungen orientieren soll. Ohne Evangelium bedeutet das für viele häufig Verzicht und Opfer, für die man nie belohnt wird.

Im Vergleich dazu klingt der moderne Ansatz dagegen in den Ohren vieler moderner Menschen sehr erfolgversprechend, weil man ja auf seine eigenen Wünsche hört und sie zu erfüllt oder das zumindest versucht. Aber es gibt auch hier mehrere Gründe, warum das nicht funktioniert.

Zum einen funktioniert es nicht, weil viele Wünsche in unserem Herzen sich widersprechen. Wenn wir in unser Herz schauen, sehen wir viele verschiedenartige Wünsche, von denen viele nicht miteinander vereinbar sind. Jemand will beispielsweise gern ein bestimmtes Stellenangebot in einer anderen Stadt für seinen gewünschten Beruf annehmen, aber er hat eine Freundin, die nicht bereit ist, dorthin umzuziehen – was soll er wählen? Er kann nicht beiden Herzenswünschen folgen. Es ist eine Illusion zu meinen, dass die Wünsche in unserem Herzen alle oder großteils zusammenpassen würden. Unsere Wünsche sind sehr verschieden und viele davon sind unvereinbar. Schon von daher funktioniert der Ansatz nicht, dass wir unsere wahre Identität über die Erfüllung unserer Wünsche im Herzen finden.

Zum anderen ist es eine Illusion, dass wir nach dem Prinzip leben könnten, dass es uns egal ist, was die anderen von uns denken und über uns sagen. Niemand kann zufrieden leben, wenn er keine Bestätigung von anderen bekommt. Man kann fehlende Bestätigung von außen nicht dadurch ersetzen, dass man seine Person und sein Tun selbst bestätigt. Das ist uns nicht genug. Junge Leute, die gegen bestimmte traditionelle Werte rebellieren, mögen sich von ihren Eltern und von der Kirche abwenden und sagen, dass sich jetzt nur noch daran orientieren, was sie selbst wollen. Aber in Wirklichkeit suchen sie sich andere Leute, die sie und ihre neue Lebensweise anerkennen und loben. Wir brauchen alle die Gemeinschaft mit anderen, ihre Anerkennung und Bestätigung. Niemand kann sich selbst segnen oder sich selbst loben und damit zufrieden sein. Auch deshalb ist die Vorstellung, dass wir unabhängig von den anderen Menschen einfach tun, was wir selbst wollen, und so uns selbst finden, eine Illusion.

Ein anderes Problem ist, dass man, obwohl man dadurch, dass man die Erwartung und die Beurteilung durch andere ablehnt, Freiheit erlangen will, sich in neue, oft noch schlimmere Unfreiheit begibt. Zum Beispiel definieren sich heute viele Menschen über ihren Erfolg im Berufsleben. Weil sie durch ihre Karriere und ihr Einkommen zeigen wollen, wer sie sind bzw. wie gut sie sind, bekommt ihre Arbeit einen so hohen Stellenwert, dass sie einen zu großen Druck haben. Dadurch arbeiten viele Menschen zu viel und haben bei der Arbeit zu viel Stress, sodass bei vielen die Gesundheit und die Familie leidet oder kaputt geht. Wenn sie berufliche Rückschläge erleiden, können sie in tiefe Krisen geraten, weil sie nicht nur mit dem Problem an sich konfrontiert sind, dass sie zum Beispiel eine neue Stelle suchen müssen, sondern auch damit, dass ihre Identität in Frage steht, über die sie sich definiert haben.

Ein anderes Problem ist, dass diejenigen, die Erfolg haben und ihre selbst gesteckten Ziele im Beruf oder im Sport oder in einem anderen Bereich erreicht haben, fast automatisch auf die anderen Menschen herabschauen und kein richtiges Herz und Verständnis für sie haben können. Wenn jemand für seine Karriere jahrelang hart gearbeitet hat, kann er (oder sie), wenn er Erfolg hat, nur schwer andere von Herzen annehmen und verstehen, die nicht erfolgreich sind, sondern sie wahrscheinlich als faul oder unfähig ansehen. Er tut das, weil er seine eigene Identität so definiert hat und nicht nur sich, sondern auch die anderen danach betrachtet.

Umgekehrt kann jemand, der seine Identität auch über seinen Erfolg definiert hat, aber darin gescheitert ist, andere, die auch gescheitert sind, verstehen und akzeptieren. Aber ihm fehlt es an der Zuversicht, die er für sein weiteres Leben bräuchte, weil er an dem, worüber die er sich definieren wollte, gescheitert ist. Es gibt kaum Menschen, die die Zuversicht haben, die nötig ist, um etwas Großes im Leben zu bewirken, und die gleichzeitig im Herzen wirklich Raum für andere Menschen haben, die nicht erfolgreich sind.

Ähnliches gilt, wenn jemand seine Identität darüber definiert, ein guter Ehemann und Vater oder eine perfekte Ehefrau und Mutter. Gute Erziehung der Kinder ist eine wichtige Aufgabe von Eltern. Aber wenn der Erfolg der Erziehung der Kinder und vielleicht sogar auch ihr beruflicher Erfolg das ist, worüber Eltern ihre Identität definieren, dann kann das sowohl für die Eltern als auch für die Kinder ungesund sein.

Was ist dann die Lösung? Ich hoffe, dass alle zustimmen können, dass weder der moderne noch der traditionelle Ansatz, seine Identität zu finden, die Lösung ist. Beide Ansätze sind keine Lösung, obwohl sie sehr unterschiedlich. Tatsächlich haben sie eine große Gemeinsamkeit. Beim traditionellen Ansatz müssen wir etwas leisten, um von der Familie als gut anerkannt zu werden. Beim modernen Ansatz müssen wir uns sehr anstrengen, um die großen Wünsche im eigenen Herzen zu verwirklichen. Und es gibt noch einen dritten Weg, der auch nicht zielführend ist, das ist der Weg der Religion. Eine Religion sagt, dass wir ein guter Mensch sein müssen, um vielleicht in den Himmel zu kommen. In einer Religion müssen wir also auch etwas leisten, um anerkannt zu werden, wir müssen Gebote halten, müssen bestimmte Dinge tun und bestimmte Dinge lassen, um anerkannt zu werden. Bei allen drei Konzepten müssen wir etwas leisten, um eine Identität zu erlangen, wir müssen bestimmte Regeln halten. In allen drei Fällen müssen wir unsere Identität erwirken. Das Evangelium ist der einzige Weg, wo wir uns unsere Identität nicht erarbeiten müssen, sondern sie verliehen bekommen, ja sie geschenkt bekommen. Und damit kommen wir zu unserer dritten und wichtigsten Frage.

3. Welche neue geistliche Identität gibt Gott uns im Evangelium?
Betrachten wir dazu unseren Text, Römer 8,12-17. In diesem Abschnitt fällt auf, dass wir keine Aufforderungen finden. Vielmehr schreibt Paulus darüber, wer wir als Christen sind und was für Privilegien wir haben. Im ganzen Kapitel 8 schreibt er von Gottes entscheidendem Eingreifen, das unsere Situation völlig verändert hat. Schon Vers 1 sagt: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Gott rettet alle, die in Christus Jesus sind, von der Verdammnis. Die Worte „die in Christus Jesus sind“ sind bereits ein Hinweis auf die neue Identität, die wir in Christus bzw. in der Beziehung zu ihm bekommen. Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches wegen unserer Sünde und verdammte die Sünde im Fleisch, als Jesus stellvertretend dafür am Kreuz starb. Dadurch wurde die Gerechtigkeit an uns erfüllt, d.h. alle, die Jesu stellvertretendes Opfer für sich annehmen, werden von Gott als gerecht angesehen. Diese neue Identität berechtigt und befähigt uns, nicht mehr nach dem Fleisch zu leben, sondern mit der Hilfe des Heiligen Geistes so zu leben, wie es unserm Herrn Jesus gefällt. Darum heißt es im Vers 12 und 13: „So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“ Der Heilige Geist motiviert und befähigt uns, die Taten des Leibes und alles verkehrtes Verlangen zu töten, und Gott gefällig zu leben.

Was hat Gott uns nämlich vor allem gegeben? Betrachten wir Vers 14: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Gott hat uns eine neue Identität geschenkt. Gott hat uns durch Jesu Opfer rechtmäßig zu seinen Kindern gemacht. Diese Identität wurde uns geschenkt, ohne dass wir dafür irgendeine Leistung oder andere Voraussetzungen erbringen mussten, außer dass wir dies als Geschenk oder Gnade annehmen. Wir glauben daran und sind mit dem Klang der Worte vertraut; aber ist uns wirklich klar, was es bedeutet, dass wir Gottes Kinder sind – was für eine Beziehung wir nun zu Gott haben und was für eine großartige Identität? Der Vers 15 sagt: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Dass Gott uns als seine Kinder angenommen hat, ist an sich nicht auszudenken, und es hat unvorstellbar große Auswirkungen. Vielleicht hätten wir uns noch eher vorstellen können, dass Gott uns als seine Knechte angenommen hätte und uns ihm dienen lässt. Aber Gott hat uns durch Jesu Tod für unsere Sünden nicht nur als seine Knechte, sondern sogar als seine Kinder angenommen! Wir dürfen mit entsprechend großem Vertrauen auf seine väterliche Liebe zu ihm beten und ihn „Abba, lieber Vater“ oder „Papa“ rufen. Es ist nicht vermessen, sondern angemessen. Stellt euch vor, der beste Freund eures Kindes würde täglich nach der Schule zu euch nach Hause zum Mittagessen kommen und bis zum Abend bleiben, weil seine Mutter schwer krank ist. Schließlich würdet ihr ihn sogar adoptieren. Das ist vielleicht schwer vorstellbar, aber wenn ihr euch von Herzen entscheiden und ihn wirklich adoptieren würdet, würdet ihr ihm dann weniger zu Essen geben als euren Kindern? Oder ein kleineres Geschenk zum Geburtstag geben? Wenn ihr ihn wirklich als euren Sohn adoptiert habt, würdet ihr das wohl nicht tun. Und selbst wenn wir einen Unterschied machen würden, weil unsere Liebe so begrenzt ist, ist Gott doch nicht so. Weil er uns in Jesus als seine Kinder angenommen hat, ist das bei ihm absolut gültig und er behandelt uns auch konsequent danach. Deshalb hat er uns nicht nur als Kinder angenommen, sondern hat uns auch einen kindlichen Geist gegeben, damit wir in diesem Geist zu ihm beten können. So wie ein kleines Kind zu seinem Vater kommt und ihm vertrauensvoll alle seine Ängste, Sorgen und Wünsche sagt, so dürfen wir nun Gott alle unsere Ängste, Sorgen und Wünsche sagen in vollem Vertrauen, dass er es uns nicht übel nimmt,sondern sich darüber sogar freut und uns daraufhin gerne hilft und gibt, was für uns am besten ist. Was für eine Gnade ist das, was für ein riesiges Privileg haben wir bekommen! Was für eine Gnade, was für ein unfassbar wertvolles Geschenk, dass Gott unser Vater geworden ist. Wie großartig und wie stabil und unumstößlich ist diese neue Identität! Niemand kann mehr gegen uns sein, selbst die Sünde, der Tod und der Teufel nicht. Wir haben nichts mehr zu befürchten, nichts kann uns mehr erschüttern.

Diese Identität, dass wir unwürdige Sünder Gottes Kinder geworden sind, ist so großartig, dass es gar nicht so selbstverständlich und leicht ist, sie festzuhalten, besonders wenn wir immer wieder unsere alte sündige Natur erleben. Aber Gott liebt uns so sehr, dass er uns auch dabei hilft, diese Identität festzuhalten. Betrachten wir den Vers 16: „Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Gott bezeugt uns durch seinen Heiligen Geist immer und immer wieder, dass es wirklich wahr ist, dass wir in Jesus seine Kinder geworden sind, obwohl wir es nicht verdient haben und nichts dafür tun konnten. Allein schon die Tatsache, dass Gottes Heiliger Geist uns anspricht, ist an sich ein Hinweis und Beweis dafür, dass Gott uns liebt, wie wir sind, und als seine Kinder angenommen hat.

Diese Identität ist unsere wahre Realität. Im Gegensatz zu allen Identitäten in der Welt ist sie nicht abhängig von unserer Performance oder Leistung. Sie basiert allein auf Gottes Werk, auf Jesu stellvertretendem Tod am Kreuz für unsere Sünden und ist nur davon abhängig. Sie ist in Jesus sicher und muss von uns auch nicht durch bestimmte Werke oder Lebensweise nachträglich verdient oder abgesichert werden. Gott hat uns als seine Kinder angenommen. Diese neue Identität ist in ihm sicher. Und das gibt uns einen tiefen Frieden und unendlich Grund zu Jubel und Anbetung dessen, der uns das ermöglicht hat!

Es ist so wichtig, dass wir diese neue Identität als Gottes Kinder aufgrund der Gnade Gottes in Jesus immer neu annehmen, bis sie all unser Denken, Reden und Tun durchdringt. Was wird dann passieren? Wir haben dann durch die Dankbarkeit für seine Gnade eine große Motivation, so zu leben, dass unser ganzes inneres und äußeres Leben ihm gefällt. Wir werden nicht mehr nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. Vor allem werden wir von allem frei, was uns gebunden hat. Dazu gehören auch die falschen Identitäten, die wir hatten.

Wie wirkt sich das aus? Wenn wir im Studium oder im Beruf einen Misserfolg haben oder sogar scheitern, z.B. unsere Stelle verlieren, ist das zwar schmerzlich, wir werden uns auch fragen, warum das passiert ist und was wir eventuell besser machen können, damit es sich nicht wiederholt. Aber es ist nichts Bedrohliches, weil es nicht unsere Identität bedroht, deshalb erschüttert es nicht die Grundlagen unseres Lebens. Wir sind nach wie vor ein rechtmäßiges Kind Gottes und sind vor Gott durch unser Scheitern kein bisschen weniger wertvoll, sondern weiterhin unendlich wertvoll, wertvoller als das Leben seines einzigen Sohnes.

Oder wenn wir in der Erziehung unserer Kinder Versäumnisse oder Versagen feststellen, ist das sehr schmerzlich und wir sollten damit zu Jesus kommen, um von ihm seine Vergebung und Hilfe für uns und unsere Kinder zu empfangen. Aber wir müssen nicht daran zerbrechen, weil unsere wahre Identität davon nicht betroffen ist. Wir sind weiterhin Gottes Kinder, die Gott kein bisschen weniger lieb hat. Selbst wenn wir in unserem Leben als Christen versagen, weil wir uns zur Sünde haben verführen lassen oder weil unsere Liebe zu Gott abgekühlt ist, dann ist das Grund, darüber traurig und zerknirscht zu sein. Aber selbst dann sollen wir nicht verzweifeln oder in Angst und Selbstverdammnis geraten, sondern zu Jesus kommen und durch unseren Glauben und Liebesbeziehung zu ihm erneuern, weil er uns weiterhin als sein geliebtes Kind ansieht, für das er schon alles bezahlt hat.

Es ist also aus vielen Gründen wichtig, dass wir unsere Identität als Kinder Gottes erkennen und aus dieser Identität leben. Wenn wir das tun, erfreuen und ehren wir Gott, weil es eine Anerkennung dessen ist, was er getan hat und die richtige Konsequenz daraus. Außerdem werden wir dann frei von den falschen Identitäten, die keine echte Grundlage haben und die zu erfüllen nur eine Last ist. Wir werden auch frei von der inneren Abhängigkeit von anderen Menschen, deren Erwartungen wir bewusst oder unbewusst zu erfüllen versucht haben.

Das heißt aber nicht, dass wir nun egoistischer und weniger liebevoll leben oder weniger treu für unsere Firma arbeiten würden. Im Gegenteil. Wenn wir unsere Identität als Kinder Gottes annehmen, werden wir frei dafür, zu Hause, in der Gemeinde, in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz für seine Ehre willig so zu leben, wie es ihm gefällt. Mit der Identität als Kinder Gottes können wir gute Kinder, gute Eltern und gute Mitarbeiter in unserer Firma und in unserer Gemeinde werden, weil Gott uns so liebt uns eine Identität und eine Hoffnung gegeben hat, die alles übersteigt und die uns niemand nehmen kann.

Welche Auswirkung hat diese Identität in der Zukunft? Betrachten wir den Vers 17: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christ, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ Dass wir Gottes Kinder sind, hat in der Zukunft noch viel größere Auswirkungen, als es jetzt schon hat. So wie hier in der Welt auch Adoptivkinder vollwertige Erben ihrer Eltern sind, so sind wir als Gottes Kinder auch Erben von Gottes Besitz, von seinem ewigem Reich. Wenn wir an Jesus glauben, auch wenn wir dabei zeitweise innerlich oder äußerlich leiden müssen, werden wir mit ihm zu Gottes Herrlichkeit erhoben werden. Wir werden dann mit ihm in seinem Reich herrschen, d.h. eine richtig bedeutungsvolle Aufgabe haben und dabei Herrlichkeit haben. Das ist für uns schwer vorstellbar, aber es ist bei unserem Vater im Himmel längst beschlossene Sache, die wir in einigen Jahren selbst als Realität erleben werden. – Möge Gott uns helfen, unsere Identität als Gottes Kinder tief anzunehmen, bis sie unser ganzes Denken, Trachten und tägliches Leben durch und durch prägt und bestimmt. Amen!

 

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