Predigt: Hebräer 11,8 – 22 (Sonderlektion 3)

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Warten auf die Stadt Gottes

„Er wartete auf die Stadt, die auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist.“

(Hebräer 11,10)

Die Empfänger des Hebräerbriefes waren Judenchristen. Der Brief macht deutlich, dass seine Empfänger unter Verfolgung litten. Sie hatten Freunde und Angehörige, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis saßen. Einige von ihnen hatten Raub und Plünderung erfahren. Wir haben gesehen, dass der Brief eine Ermutigung für sie sein soll, ihren Glauben nicht über Bord zu werfen. Jemand meinte einmal, dass man den Hebräerbrief ganz grob in drei Teile gliedern kann: Kapitel 1-4: durch Jesus, dem wahren Hohenpriester, finden wir unsere wahre Ruhe; Kapitel 5-10: durch Jesus, das wahre Opfer finden wir Zugang zur Gegenwart Gottes; Kapitel 10-13: durch Jesus, dem wahren König gehen wir ein in die Stadt Gottes.
Die Aufforderung zu Glauben steht in diesem Kontext. Was können wir von dem Glauben von Abraham und seiner Familie lernen? Abraham wartete auf die Stadt Gottes. In dieser Predigt möchte ich versuchen auf drei Fragen einzugehen. Erstens, was bedeutet das? Zweitens, warum ist das so herausfordernd? Und drittens, wie können wir so leben?

Erstens, was bedeutet es auf die Stadt Gottes zu warten?
In Vers 8 lesen wir, dass Abraham durch den Glauben dem Ruf Gottes gehorchte. Er verließ seine Heimat und seine Familie und ging in die Ferne. Er zog in ein Land, das er erben sollte. Als Abraham dann im Land der Verheißung ankommt, folgt eine dicke Überraschung. Das Land ist ja gar nicht leer. Da wohnten schon Leute. Wenn Abraham diesen Menschen mitgeteilt hätte, dass das sein Land ist, das Gott ihm als Erbe versprochen hatte, dann hätten sie ihn vermutlich zuerst ausgelacht und danach rausgeschmissen. In der Rede von Stephanus in Apostelgeschichte lesen wir, dass Abraham in dem Land der Verheißung keinen Fußbreit besaß. Das einzige Stück Land, das er dann tatsächlich besaß, hatte er dann käuflich erworben. Es wurde zu dem Ort, wo er zunächst seine Frau beerdigte, bevor er selbst dann dort begraben wurde.
Vers 9 sagt: „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.“ Abraham und seine Familie waren Fremde. Sie lebten als Ausländer. Das Land der Verheißung war daher niemals ihr richtiges Zuhause. Bis zu ihrem Tod blieb es für sie ein fremdes Land. Sie wurden auch als Fremde wahrgenommen. Vor einiger Zeit hatte ich einen Artikel gelesen über einen Deutschen, der längere Zeit in China gelebt hatte. Er konnte irgendwann perfekt chinesisch sprechen; er hatte jeden Tag mit Chinesen zu tun. Irgendwann hatte er die Hoffnung, dass er wirklich in dieser Gesellschaft angekommen war und dass sie ihn als Seinesgleichen akzeptieren würden. Eines Tages holte er seine Wäsche bei der Reinigung ab. An seiner Kleidung befand sich noch der Pin, die in der Wäscherei angebracht worden war. (Normalerweise würden sie da den Namen des Kunden draufschreiben). Darauf stand: „der Ausländer.“ Das war der Moment, an dem feststellte, dass egal wie sehr er sich auch bemühte, er niemals voll und ganz als Einheimischer angesehen werden würde. Das war das Leben von Abrahams Familie. Sie waren die Ausländer.
Aber da ist noch mehr. Sara bekam die Kraft, als alte, betagte Frau, ein Kind zu zeugen. Vers 11 sagt, dass sie den für treu hielt, der es verheißen hatte. Vers 12 sagt. „So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.“ So weit so gut. Aber dann lesen wir: „Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind.“ Sie alle haben die Verheißungen Gottes geglaubt. Aber sie haben das Verheißene am Ende nicht erlangt. Sie haben es nur von ferne gesehen. Und sie haben ihr ganzes Leben als Pilger geführt, als Fremde und als Gäste auf Erden.
Ein paar Gedanken dazu, bevor wir fortfahren. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach einem Zuhause. In dem Film „Der Hobbit“ zieht Bilbo Beutlin aus, um mit dem Zauberer Gandalf und mit einer Gruppe von Zwergen ganz viele Abenteuer zu erleben. Der König der Zwerge Thorin Eichenschild hat aber Zweifel an Bilbo. Er traut Bilbos Charakter und Motivation nicht. An einer Stelle fragt er ihn, weshalb er nicht einfach nach Hause geht. In einer rührenden Szene sagt der Hobbit dann: „Ich vermisse meine Bücher und meinen Sessel und meinen Garten. Das ist der Ort wohin ich gehöre. Das ist mein Zuhause. Und deshalb bin ich hier: ihr habt kein Zuhause; es wurde euch weggenommen. Aber ich werde euch helfen, es zurück zu gewinnen, wenn ich kann.“ Wir können uns damit identifizieren. Jeder von uns hat ein Bedürfnis nach einem Zuhause.
Und trotzdem ist es so, dass wir uns eigentlich hier auf dieser Welt nie wirklich zu Hause fühlen. Egal wie gut wir integriert sind, eigentlich bleibt das Gefühl, dass wir uns in der Fremde befinden. Egal wie wohl wir uns fühlen, es bleibt das Gefühl, dass etwas zu unserem Zuhause fehlt, etwas, was essentiell ist. Martin Heidegger, einer der größten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts, prägte einen interessanten Begriff, um das zu beschreiben. Er schrieb davon, dass Menschen eine existentielle Angst haben: „In der Angst ist einem unheimlich. Darin kommt zunächst die eigentümliche Unbestimmtheit dessen, wobei sich das Dasein in der Angst befindet, zum Ausdruck: das Nichts und Nirgends. Unheimlichkeit meint aber dabei zugleich das Nichtzuhause-sein.“ Jeder Mensch hat eine existentielle Angst, die daher rührt, dass wir kein wahres Zuhause haben; und daher das Wort „Unheimlichkeit“. Wir alle befinden uns in einem Exil.
C.S. Lewis drückte es folgendermaßen aus: „Die meisten Menschen, vorausgesetzt sie haben wirklich gelernt, in ihr eigenes Herz zu schauen, würden wissen, dass sie etwas wollen, und zwar schmerzlich wollen, was in dieser Welt nicht zu haben ist. Es gibt alle möglichen Dinge in dieser Welt, die einem vorgeben, es zu bieten, aber sie halten ihr Versprechen nie vollständig. Die Sehnsüchte, die in uns aufsteigen, wenn wir uns zum ersten Mal verlieben, wenn wir zum ersten Mal an ein fremdes Land denken oder wenn wir uns zum ersten Mal mit einem anregenden Thema beschäftigen, sind Sehnsüchte, die keine Ehe, keine Reise, kein Studium wirklich befriedigen kann. Ich spreche jetzt nicht von dem, was man gemeinhin als misslungene Ehen oder Urlaube oder erlernte Berufe bezeichnen würde. Ich spreche von den bestmöglichen. In diesem ersten Moment der Sehnsucht haben wir nach irgendetwas gegriffen, das in der Realität einfach verblasst. Ich denke, jeder weiß, was ich meine. Die Ehefrau mag ein guter Ehepartner sein, und die Hotels und die Landschaft mögen ausgezeichnet gewesen sein, und Chemie mag ein sehr interessanter Beruf sein: aber irgendetwas ist uns entgangen.“
Hier ist das, was C.S. Lewis impliziert. Wir alle haben eine Sehnsucht in unserem Herzen, die keine Erfahrung hier auf Erden wirklich zufriedenstellen kann. Und die rhetorische Frage, die sich daher stellt, ist: vielleicht wurden wir für andere Welt geschaffen? Vielleicht wurden wir für ein anderes Zuhause gemacht? Oder anders gesagt, vielleicht ist diese Sehnsucht darauf zurückzuführen, dass in jedem Menschen die Erinnerung an den Garten Eden vorhanden ist als unser ursprüngliches Zuhause: als eine ganz verblasste Erinnerung, ein Echo, eine Hintergrundstrahlung. Wir waren nie dort, und trotzdem erinnern wir uns daran. Tim Keller hat es so formuliert: wir haben Sehnsucht nach einer Musik, die wir noch nie gehört haben und an die wir uns trotzdem erinnern können. Wir haben Sehnsucht nach einer Umarmung, die wir noch nie erfahren haben und trotzdem können wir uns daran erinnern. Unsere Suche nach einem Zuhause geht darauf zurück, dass wir eigentlich zurück in den Garten Eden wollen.
Abraham und seine Nachfahren hatten Reichtum, Segen, Anerkennung von den Menschen, Familie. Aber sie hatten kein Zuhause. Vers 16 sagt: „nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ Ihr Zuhause war im Himmel. Ihr Zuhause war die Stadt Gottes. Was bedeutet es also, auf die Stadt Gottes zu warten? Es bedeutet anzuerkennen, dass diese Welt nicht unser zu Hause ist. Es bedeutet zu verstehen, dass unsere wahre Heimat bei Gott ist, in der Stadt, die Gott für uns baut. Es bedeutet, dass wir unser Leben als Pilger und Fremdlinge leben; in Zelten auf Wanderschaft zu unserem wahren Ziel und unserem wahren Zuhause hin.

Zweitens, warum ist das so herausfordernd?
Es hat mindestens zwei Gründe oder zwei massive Spannungsfelder, die sich auftun. Das erste Spannungsfeld hat damit zu tun, dass Christen in der Welt aber nicht von der Welt sind. Schauen wir uns noch einmal das Leben von Abraham an. Vers 8: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.“ Stellen wir uns vor, wir wären ein Bekannter von Abraham. Abraham erzählt uns davon, dass er gerade von Gott berufen wurde, alles zu verlassen. Wie würden wir reagieren? Wir hätten ihn gefragt: „Wie alles verlassen? Deine Freunde sind doch hier. Deine Familie ist hier.“ Abraham: „Gott hat mir gesagt, dass ich das alles hinter mich lassen soll.“ Wir würden ihn fragen: „Und wohin wirst du gehen?“ Abraham: „Keine Ahnung. Gott hat gesagt, dass er es mir zeigen wird.“ „Er wird es dir zeigen? Wann überhaupt? Und warum lässt du dich auf so etwas Verrücktes ein?“ Abraham: „Gott hat mir Nachkommen versprochen und dass ich zu einem großen Volk werde, durch das alle Menschen auf der Welt gesegnet werden sollen.“ Spätestens an diesem Punkt hätten wir gesagt: „Ähm… schon klar. Ich glaube du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Und das ist der Punkt von dem Gedankenexperiment. Aus Sicht der Welt war Abraham ein Verrückter.
Auf die Stadt Gottes zu warten, bedeutet nicht, dass Christen nur Touristen oder Besucher sind hier auf Erden sind. Christen sind Ausländer in der Welt mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. D.h., als Christen in Deutschland gehören wir zur deutschen Gesellschaft. Viele von uns haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Wir sind nicht einfach Besucher oder Touristen hier. Wir wohnen hier; wir leben hier; wir arbeiten hier; wir zahlen hier unsere Steuern. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, obwohl dieses Land nicht unser wahres Zuhause ist.
Die Bürger von Gottes Stadt sind beauftragt, gute Nachbarn zu sein; rücksichtsvoll miteinander umzugehen; schonend mit den Ressourcen umzugehen, die ihnen anvertraut sind; grundsätzlich die Gesetze dieses Landes zu respektieren und einzuhalten. Die Bürger von Gottes Stadt in Deutschland beteiligen sich an den demokratischen Prozessen dieses Landes, weil es zum Leben dazu gehört (und sie wählen keine fremdenfeindlichen Parteien) und beten für die gewählten Politiker des Landes. Die Bürger von Gottes Stadt beteiligen sich nicht an der Verbreitung von Verschwörungstheorien, was sich derzeit leider viele Christen ankreiden lassen müssen. Die Bürger von Gottes Stadt würden sich als fürsorgliche Menschen dieses Landes gegen Corona impfen lassen, wenn sie an der Reihe sind: nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern um die Menschen zu schützen, die um sie herum sind. Die Bürger von Gottes Stadt sind nicht von der Welt, aber sie sind für die Welt. Sie haben das auf dem Herzen, was dieser Welt zum Guten dient.
Und gleichzeitig werden die Bürger von Gottes Stadt anecken. Christen halten Positionen, die in dieser Gesellschaft als hoffnungslos rückständig und veraltet angesehen werden. (In anderen Gesellschaften werden christliche Positionen als zu liberal und progressiv angesehen). Die Bürger von Gottes Stadt sind für die Erhaltung des Lebens: sie sind daher für den Schutz des ungeborenen Lebens und gegen Abtreibung; und gleichzeitig sind sie für den Umweltschutz. Die Bürger von Gottes Stadt sehen Sexualität als ein Geschenk Gottes an. D.h., sie sind viel weniger prüde als manche von uns sind, viel sex-positiver als manche von uns sind; und gleichzeitig leben sie Sexualität ausschließlich in der Ehe, im Kontext einer lebenslangen, exklusiven Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Die Bürger von Gottes Stadt glauben, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist; und dass er der einzige Weg zum Vater ist. Dieser Glaube gilt als intolerant, engstirnig und diskriminierend. Ein konsequent ausgelebter Glaube wird natürlich anecken.
Egal in welcher menschlichen Gesellschaft wir uns befinden und zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte, Christen wurden immer schief angeschaut, belächelt oder verfolgt. Das ist das eine Spannungsfeld: in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt zu sein und gleichzeitig für die Welt zu sein.
Das andere Spannungsfeld sehen wir in Vers 13: „Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt…“ Es hat etwas mit dem Konflikt zwischen unserer Zukunft und dem Hier und Jetzt zu tun. Gott verspricht uns eine großartige Zukunft. Aber wir sehen noch nicht viel davon in unserem jetzigen Leben realisiert. Hier sind zwei Illustrationen, die das vielleicht veranschaulichen können. Im zweiten Weltkrieg gab es den sogenannten D-Day: am 6. Juni 1944 landeten alliierte Truppen an einem Strand in der Normandie. Mit dieser Militäraktion wurde Deutschland auch vom Westen angegriffen. Historiker sehen diesen Tag als einen der entscheidenden Wendepunkte des Krieges. Nach diesem Tag war eigentlich allen Menschen klar, dass der Krieg entschieden war. Es gab für Deutschland keine realistische Chance mehr, den Krieg zu gewinnen. Aber es dauerte noch 11 weitere Monate, bis der Krieg zu Ende war. Elf Monate, in denen viel Blut vergossen wurde, und viele Menschen ums Leben gekommen sind.
Oder etwas aktueller: am Mittwoch, den 18. November 2020 hatten Pfizer und Biontech angekündigt, dass die Phase 3 Studie ihrer Corona-Vakzine erfolgreich war mit einer Effektivität von 95%. Mit dieser Nachricht war klar, dass die Corona-Pandemie ein Ende haben wird. Danach dauerte es Wochen, bis die Vakzine von den regulatorischen Behörden freigegeben wurde. Ende Dezember wurden die ersten Menschen in Deutschland geimpft. Mehr als vier Monate sind vergangen. Immer noch sind weniger als 10% vollständig geimpft. Allein in Deutschland sind seither mehr als 40,000 Menschen gestorben. Es wird immer noch Monate dauern, bis wir geimpft werden können und unsere Kinder. Und diese Tage fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Wir können es nicht abwarten. Wir wollen, dass es sofort vorbei ist; dass wir uns wieder treffen können, dass wir wieder verreisen können, dass wir wieder essen und trinken gehen können.
Und in einer ähnlichen Spannung befinden sich die Bürger von Gottes Stadt. Gottes Verheißungen liegen zu einem großen Teil noch in der Zukunft. Gottes D-Day war schon. Der Sieg ist bereits errungen. Das Reich Gottes wird kommen. Sünde und Tod werden besiegt werden. Himmel und Erde werden eins werden. Gottes neue Schöpfung wird anbrechen. Aber es ist anscheinend noch eine Weile hin. Gottes Kinder warten darauf. Und es kann sehr gut sein, dass sie im Glauben sterben werden und das Verheißene nicht erlangen werden.
Aber das sind die Spannungsfelder, in denen die Bürger von Gottes Stadt leben: der Gegensatz zwischen dem Reich der Welt und Gottes Stadt; und der gelebte Konflikt zwischen einer Zukunft, die garantiert ist und dem Hier und Jetzt, das im krassen Widerspruch dazu zu stehen scheint.

Drittens, wie können wir so leben?
Die Antwort darauf lautet: nur durch die Gnade Gottes. In den Versen 17 und folgende lesen wir, wie Abraham Isaak opferte. Vers 19 sagt, dass Abraham davon überzeugt war, dass Gott Isaak auch von den Toten auferwecken kann. Und dann lesen wir: „darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ Isaak ist nicht gestorben. Aber als Abraham Isaak zurückbekam, war es für Abraham wie als ob sein Sohn von den Toten zurückgekommen wäre. So absolut und so entschieden war das Opfer in seinem Herzen. Und gleichzeitig ist diese ganze Geschichte ein Sinnbild für so viel mehr.
Das Opfer Isaaks weist auf das wahre Opfer hin. Es ist ein Hinweis auf den wahren Isaak, der geopfert wurde. Aber als Jesus mit dem Holz auf dem Rücken auf den Hügel geführt wurde, gab es keinen Engel, der im letzten Moment eingriff. Es war keine Stimme vom Himmel zu hören, die Einhalt gebot. Der Himmel schwieg. Warum? In Hebräer 13 wird Jesu Tod mit dem Opfer von Tieren verglichen, die außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Der Autor schreibt: „Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten.“ Hier ist der Punkt: wir dürfen Bürger von Gottes Stadt werden, weil Jesus, der wahre Bürger, der Königssohn, der Prinz ausgestoßen wurde. Wir können eingebürgert werden, weil Jesus für uns ausgebürgert wurde. Der Himmel wird zu unserem Zuhause, weil Jesus dieses Zuhause für uns verlassen hat. Wir dürfen einziehen, weil Jesus für uns ins Exil gegangen ist. Jesus ist für uns in die Fremde gegangen; Jesus ist für uns Gastarbeiter auf Erden geworden; Jesus ist für uns Asylant geworden.
Wenn wir merken, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten, dass wir nicht so großzügig sind, nicht so liebevoll, nicht so geduldig, nicht so mutig, nicht so hoffnungsvoll, nicht so hingebungsvoll: die Antwort darauf lautet nicht, dass wir uns mehr zusammenreißen, dass wir uns mehr Mühe geben, dass wir uns mehr anstrengen. Martin Lloyd-Jones hatte mal gesagt: wenn er jemanden fragt, ob er ein Christ ist, und die Person antwortete darauf: „ich versuche es.“ Dann war es ein sicheres Indiz, dass diese Person kein Christ ist, weil die Essenz des Evangeliums nicht verstanden wurde. Wir werden nicht durch eigene Anstrengung und Mühe Bürger des Himmels, sondern aus Gnade. Die gleiche Gnade ist das, was uns verändert. Die gleiche Gnade macht uns mehr und mehr zu würdigen Stadtmenschen.
Im 2. Jahrhundert gab es einen Brief an einen Mann namens Diognetus. Wie beim Hebräer-Brief wissen wir nicht wer der Autor ist. Aber der Autor schreibt über die Christen im römischen Reich: „Sie teilen einen gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Bett. Sie leben im Fleisch, aber sie leben nicht nach ihrem Fleisch. Sie verbringen ihre Tage auf der Erde, aber sie sind Bürger des Himmels. Sie gehorchen den vorgeschriebenen Gesetzen, aber sie übertreffen die Gesetze durch ihr Leben. Sie lieben alle Menschen und werden von allen verfolgt. … Sie werden zum Tode verurteilt und wieder zum Leben erweckt. Sie sind arm und machen doch viele reich. Es fehlt ihnen an allem, und haben doch Überfluss in allem. Sie werden entehrt, und doch werden sie gerade in ihrer Entehrung verherrlicht; sie werden schlecht geredet und doch gerechtfertigt; sie werden geschmäht und segnen doch; sie werden beleidigt und vergelten die Beleidigung mit Ehre; … Um alles in einem Wort zusammenzufassen: Was die Seele im Körper ist, das sind die Christen in der Welt. Wie die Seele über alle Teile des Leibes verstreut ist, so sind die Christen über alle Städte der Welt verstreut. Die Seele lebt im Leib, ist aber nicht vom Leib; die Christen leben in der Welt, sind aber nicht von der Welt.“
Tim Keller sagte dazu: was für eine Herausforderung! Was für ein Leben! Was für ein Abenteuer!

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