Predigt: 1. Mose 42,6-28

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Wiederherstellung

„Da stockte ihnen das Herz, und sie sprachen erschrocken zueinander: Was hat Gott uns angetan?“

(1.Mose 42,28)

In den letzten Wochen haben wir gesehen, wie dysfunktional die Familie von Jakob ist. Nur zur Erinnerung: Jakob selbst hatte zwei Frauen plus zwei Nebenfrauen. Rahel war die Traumfrau seines Lebens. Aber sie war kurz nach der Geburt des zweiten Kindes verstorben. Josef, der erste Sohn von Rahel bekam alle seine Aufmerksamkeit. Josef wiederum genoss seine privilegierte Stellung in der Familie. D.h., Josef war nicht nur der verwöhnte Prinz der Familie, er benahm sich auch wie einer. Die Brüder fanden Josef nicht nur zutiefst unsympathisch. Sie hassten ihn regelrecht. Als der richtige Moment gekommen war, warfen sie ihn in eine Grube und verkauften ihn schließlich als Sklaven. Das taten sie auch nur deshalb, weil Juda sie davon überzeugen konnte, dass sie mehr davon hatten, wenn sie ihn als Sklaven verkaufen würden als ihn umzubringen. Das muss man sich auch erst einmal vorstellen!
Was noch? Jakobs einzige Tochter Dina wurde von den Bewohnern des Landes vergewaltigt. Simeon und Levi rächten diese Tat, indem sie auf hinterhältige Art und Weise ein ganzes Dorf mit dem Schwert umbrachten. Ruben schlief mit einer der Frauen von seinem Vater. Juda hatte zwei Söhne, die ziemlich daneben waren und frühzeitig als junge Männer ums Leben kamen. Als alter Mann schlief Juda mit seiner Schwiegertochter, weil er dachte, dass sie eine Prostituierte wäre. Dann gab er kaltherzig den Befehl, dass seine Schwiegertochter verbrannt werden sollte, als er erfuhr, dass sie unehelich schwanger geworden war.
Verstehen wir: jede einzelne dieser Episoden für sich genommen, wäre ausreichend, um eine ganze Generation von Kindern dieser Familie zum Therapeuten zu schicken. Vielleicht denkt ihr euch: „Und ich dachte, meine Familie hätte Probleme…“ Jakobs Familie war keine gute Familie. Jeder in dieser Familie hatte echte Probleme, angefangen mit dem Vater, seinen vier Frauen, jedes seiner 13 Kinder, und die Enkelkinder. Es war eine dysfunktionale, zerrüttete, kaputte Familie. Die Geschichte der Patriarchen handelt davon, wie Gott einen ziemlichen chaotischen Haufen von Leuten zu einer Gemeinschaft formt, aus der sein Volk entstehen soll.
Wir sehen mindestens zwei Dinge im Text. Erstens, das Problem; zweitens, die Behandlung.

Erstens, das Problem
Was zeichnete die Brüder aus? In den Versen 21 und 22 heißt es: „Sie sprachen aber untereinander: Das haben wir an unserem Bruder verschuldet! Denn wir sahen die Angst seiner Seele, als er uns anflehte, und wir wollten ihn nicht erhören; darum kommt nun diese Trübsal über uns. Ruben antwortete ihnen und sprach: Sagte ich’s euch nicht, als ich sprach: Versündigt euch nicht an dem Knaben, doch ihr wolltet nicht hören? Nun wird sein Blut gefordert.“ Hier ist das Interessante: die Brüder wussten nicht, dass der Regent, der sie gerade malträtierte, ihr Bruder war. Warum um alles in der Welt haben sie diese unangenehmen Erfahrungen mit ihm in Verbindung gebracht? Ganz offensichtlich waren seine Brüder von Schuld geplagt. Jedes Mal, wenn ihnen etwas Schlimmes geschah, interpretierten sie es als eine Art Strafe oder schlechtes Karma dafür. Und das ist es, was Schuld tut. Schuld lässt uns keine Ruhe. Schuld sucht uns auf solche Art und Weise heim, dass wir alles damit in Verbindung bringen.
Um ein Beispiel zu erzählen, was Schuld mit uns machen kann: Simon Wiesenthal war ein Holocaust-Überlebender. Als Junge musste er mit ansehen, wie seine Mutter von den Nazis festgenommen und mit vielen anderen jüdischen Frauen wegtransportiert und ermordet wurde. Er verlor mehr als 80 Verwandte, die im Holocaust von den Nazis ermordet wurden. Wiesenthal selbst kam ins KZ. Auf dem Weg zur Arbeit sieht er neidisch, dass auf frischen Soldatengräbern schöne Sonnenblumen blühen. Schmetterlinge flogen von Blume zu Blume. Er denkt sich folgendes: „plötzlich beneidete ich die toten Soldaten. Jeder hatte eine Sonnenblume, die ihn irgendwie noch mit der Welt verband, hatte Schmetterlinge, die sein Grab besuchten. Mich erwartete keine Sonnenblume. Ich würde in ein dürftig zugeschaufeltes Grab kommen, auf Leichen liegen, und über mir würden sich andere Leichen türmen. Keine Sonnenblume würde jemals Licht in dieses Dunkel bringen, und Schmetterlinge würden die Stelle meiden.“
Eines Tages wird Simon zu einem jungen, schwer verwundeten SS-Mann gerufen. Dieser junge Mann hatte viele Gräueltaten verübt. Er erzählt Simon, von den Verbrechen, die er an Juden verübt hatte. Seine lange Erzählung ist nichts anderes als eine detaillierte Beichte. Der SS-Mann liegt im Sterben. Und er ist geplagt von unerträglichen Gewissensbissen. Er fühlt die Last seiner Schuld. n seinen langen schlaflosen Nächten, in denen er auf den Tod gewartet hat, wünschte er sich nichts sehnlicher als mit einem Juden zu sprechen und ihn um Vergebung zu bitten. Und hier steht Simon Wiesenthal, der letzte Jude, den der SS-Mann in seinem Leben zu sehen bekam. Er bittet Simon, dass er ihm stellvertretend für die Juden vergeben möge. Simon antwortet ihm kein einziges Wort. Nach einer Zeit des Schweigens steht er auf und verlässt ohne ein einziges Wort zu sagen den Raum. Wie hätte Simon Wiesenthal ihm auch vergeben können? Er kannte die Menschen nicht einmal, die der SS-Mann umgebracht hatte. Und selbst wenn er sie gekannt hätte, wie könnte er stellvertretend für ein ganzes Volk die Schuld erlassen? Und das hat wiederum Simon in ein Dilemma gestürzt. Er schrieb das Buch „Die Sonnenblume“ gerade aus dieser Frage heraus: hatte er richtig gehandelt? Hätte er vergeben müssen?
Uns fällt als nächstes auf, dass Zeit nicht alle Wunden heilt. Wie viele Jahre war es her, dass Josef in die Grube geworfen hatten? Es müssen Jahrzehnte gewesen sein. Vielleicht hatten sie gedacht, dass ihre Tat irgendwann verjähren würde. Aber ihre Schuld hatte sie eingeholt. C.S. Lewis schrieb: „Wir haben die seltsame Illusion, dass bloße Zeit die Sünde aufhebt. Ich habe andere und mich selbst gehört, wie sie von Grausamkeiten und Unwahrheiten, die wir in der Kindheit begangen hatten, erzählten, als ob sie den Erzähler nichts mehr angingen, und sogar mit Lachen. Aber bloße Zeit ändert weder etwas an der Tatsache noch an der Schuld einer Sünde. Die Schuld wird nicht durch die Zeit, sondern durch Buße und das Blut Christi abgewaschen: wenn wir diese frühen Sünden bereut haben, sollten wir uns an den Preis unserer Vergebung erinnern und demütig sein.“
Wie ist es mit uns? Niemand von uns hat Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wie der SS-Mann. Und niemand von uns hat jüngere Geschwister in eine Grube geworfen und sie anschließend als Sklaven verkauft. Die Leichen, die wir im Keller haben, haben nicht dieses Kaliber. Zum Glück nicht. Und doch hat jeder von uns Schuldgefühle gehabt. Die meisten von uns kennen vermutlich das Gefühl, wenn man ganz plötzlich von Ereignissen heimgesucht, die Jahre zurückliegen, aus unserer Kindheit oder Jugendzeit. Die meisten von uns kennen das Gefühl, plötzlich von Schuld und Scham heimgesucht zu werden, für Dinge, die wir lange verdrängt hatten.
Wie gehen wir mit unseren Schuldgefühlen um? Es gibt eine Reihe von Sprüchen, die wir in der Gesellschaft zu hören bekommen: „Hör auf, dir Selbstvorwürfe zu machen. Nimm dich selbst so an, wie du bist. Du musst lernen, dir selbst vergeben zu können; schließlich ist ja niemand perfekt. Akzeptiere, was passiert ist. Sei doch nicht so hart zu dir selbst.“ Bestimmt haben wir solche Sprüche schon öfters gehört. Hier ist das Problem damit: in vielen Fällen scheint es nicht wirklich zu funktionieren. Der Grund dafür ist, dass wir tief im Grunde unseres Herzens wissen, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Wir wissen, dass die Anklage nicht auf wackligen Beinen steht. Hinter den Anschuldigungen unseres Gewissens steht etwas, was wirklich real ist und was Substanz hat. Und das ist unsere Sünde, die wir mit uns herumschleppen.
Wir können uns nicht selbst begnadigen. Insofern unterscheiden wir uns nicht von dem SS-Mann. Am Ende des Tages werden wir genauso wenig in der Lage sein, wirkliche Ruhe für unsere Seelen zu finden, wenn wir auf uns selbst angewiesen sind. Uns selbst vergeben zu haben, bringt rein gar nichts. Wir sind auf eine moralische Instanz angewiesen, die außerhalb von uns liegt. Wir brauchen eine Entität, welche die Autorität und Vollmacht hat, uns freizusprechen. Das ist das Problem, das Josefs Brüder mit sich herumgeschleppt haben. Und das ist das Problem, das wir ebenfalls mit uns tragen, es sei denn wir finden Heilung.

Zweitens, die Behandlung
Josefs Brüder haben ein riesiges Schuldproblem. Wie geht Josef mit ihnen um? Josef erkannte seine Brüder, während seine Brüder ihn nicht erkannten. Er schlachtet das gnadenlos aus. Er ist absichtlich unfreundlich und harsch zu ihnen. Er macht ihnen haltlose Vorwürfe. Er wirft sie ins Gefängnis. Er scheint regelrecht willkürlich mit ihnen umzugehen. Viele haben das Verhalten von Josef als ein verspäteter Akt der Vergeltung angesehen: „Jetzt habe ich euch endlich in der Mangel. Jetzt kann ich euch endlich alles heimzahlen, was ihr mir angetan habt. Ihr sollt leiden!“
Aber ein rachsüchtiges Verhalten passt überhaupt nicht zu dem Rest der Narrative: Josef weint, mehrmals; um am Ende weint er so laut vor seinen Brüdern, dass es das ganze Haus des Pharaos hören kann. Und sein Verhalten passt so gar nicht zusammen mit den vielen Freundlichkeiten, die er ihnen erweist; dass er ihnen ihr Geld wieder mit nach Hause schickt, dass er ihnen ein großes Festessen beim zweiten Besuch macht. Was hat es mit Josefs Verhalten auf sich?
Derek Kidner’s Antwort scheint mir die beste und plausibelste zu sein. Er schreibt: „Auf den ersten Blick könnte die grobe Behandlung, welche jetzt die Szene bis zum Ende von Kapitel 44 dominiert, wie Rachsucht aussehen. Nichts wäre natürlicher, aber nichts wäre weiter von der Wahrheit entfernt. Hinter der harschen Haltung war warme Zuneigung und nach der Feuerprobe überwältigende Freundlichkeit. … seine rätselhaften Geschenke waren eine freundlichere und noch gründlichere Prüfung. Wie weise seine Strategien waren, lässt sich in dem Auswuchs ganz neuer Haltungen in den Brüdern ersehen, wie der Wechsel aus Sonne und Frost sie für Gott aufgebrochen hat.“ Der Wechsel aus Wärme und Kälte macht brüchig. Und Josef wendet das so konsequent an, bis die Kruste auf den Herzen der Brüder aufgebrochen ist.
In Johannes 21 sehen wir, wie Jesus etwas Ähnliches tut. Erinnern wir uns: Petrus hatte Jesus, seinen Herrn und Meistern die Treue geschworen bis in den Tod. Bei der nächsten Gelegenheit hat Petrus dann gleich dreimal verleugnet, dass er Jesus kennt. Nach der Auferstehung konfrontierte Jesus Petrus: mit einem Frühstück. Aber Jesus belässt es nicht bei Freundlichkeiten. Er fragt Petrus dreimal, ob er ihn liebhat. Wir lesen beim dritten Mal, dass Petrus traurig ist. Jesus streut bewusst Salz in die Wunde wissend wie schmerzhaft es ist, so lange bis Petrus geheilt ist.
Was bedeutet es dann für uns konkret? Wenn ihr unter schlechtem Gewissen und unter Schuld leidet, gibt es nur ein Mittel: hin zu Jesus. Wie C.S. Lewis gesagt hat: „Die Schuld wird nicht durch die Zeit, sondern durch Buße und das Blut Christi abgewaschen.“ Jesus ist der Arzt, der uns Heilung schenkt. Er ist derjenige, der uns wiederherstellt. Bei ihm werden wir alle unsere Schuld los. Das Problem ist nur: genauso wie viele Menschen sich davor drücken zum Arzt zu gehen (vor allen bei Zahnärzten kennt man das Problem), drücken wir uns davor, Jesus aufzusuchen. Und hier hilft es, einen Josef im Leben zu haben: eine Person, die uns auf liebevolle Art und Weise so lange auf die Nerven geht und quält, bis wir nicht anders können, als zu Jesus zu gehen.
Hier ist ein Beispiel, dass ich schon mehrfach erzählt habe. Weil wir dieses Jahr gleich zwei neue Ehepaare feiern dürfen, möchte ich es noch einmal erzählen, weil es wirklich relevant ist. Auf der Hochzeit von einem guten Freund von mir war ein ziemlich weiser Pastor. In seiner Predigt sagte er folgendes: „Ich wünsche euch nicht, dass ihr euch nicht streitet. Hier ist das, was ich euch wünsche. Wenn ein Ehepartner sich falsch verhalten hat, soll diese Person sich entschuldigen. Er oder sie soll sagen: „Das, was ich getan habe / das, was ich gesagt habe, war falsch von mir. Es tut mir leid. Kannst du mir vergeben?“ Die andere Person soll nicht sagen: „Ach, kein Problem. Schwamm drüber.“ Es ist einfach, so zu tun, als ob einem das nicht nahe gegangen ist. Es ist ungleich schwieriger, und man macht sich verletzlicher, wenn man bekennt, wie es einem wirklich ergangen ist: „Das, was du getan hast, hat mich wirklich verletzt. Aber so schwer es mir fällt: ich nehme deine Entschuldigung an und möchte dir vergeben.“ Der Pastor sagte dann: „Und danach werdet ihr zusammen weinen. Diese Art von Tränen wünsche ich euch ganz oft. Daraus entsteht ein fruchtbarer Herzensboden, auf dem etwas Großartiges wachsen kann.“
Wer sind die Josefs in deinem Leben? Die Menschen, die dich dazu führen, Jesus, den Heiland zu suchen und zu finden? Und von ihm wiederhergestellt zu werden?

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