Predigt: 1.Mose 28,1 – 22

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Die Himmelstreppe

„Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.“

1.Mose 28,12

Auf der Webseite von Encounter hieß es mal: „Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung; sowohl Beziehungen mit anderen Menschen als auch die Beziehung mit Gott.“ Der Text heute handelt davon, wie Gott Jakob begegnet ist und wie ihre Beziehung angefangen hat.
Drei Dinge lernen wir hier: erstens, wann Gott Jakob begegnet ist; zweitens, wie Gott Jakob begegnet ist; und drittens, was sich nach der Begegnung in Jakob getan hat.

Erstens, wann Gott Jakob begegnet ist
Was war der Hintergrund? Die meisten von uns kennen die Geschichte: Jakob hatte sich den Segen des Vaters erschlichen, indem er sich als seinen älteren Bruder ausgegeben hatte. Jakob war fortan der Gesegnete. Aber die Art und Weise, wie er sich den Segen unter den Nagel gerissen hatte, brachte Zerstörung und Tragödie in die Familie. Die einzige Person, zu der Jakob eine gute Beziehung hatte, war seine Mutter Rebekka. Er würde sie nie wiedersehen. Von seinem Vater wurde er mehr geduldet als geliebt; mehr toleriert als wirklich angenommen. Und dann war da natürlich sein Zwillingsbruder: Esau der Schreckliche. Esau war fest entschlossen, seinen Bruder umzubringen, sobald der Vater gestorben war. Und das ist der Grund, weshalb Jakob sich dachte, dass jetzt eine gute Zeit war, von zu Hause auszuziehen.
Vers 10 erwähnt, dass Jakob sich auf der Reise nach Haran befand. Das liest sich schnell und einfach. Aber es war eine Reise, die alles andere als einfach war. Ich habe mir aus einem Bibellexikon die Koordinaten herausgeholt und es mir auf einer Internet-Map mal angeschaut. Beerscheba ist in Israel, Haran ist in der heutigen Türkei. Das sind mehr als 900 km Fußweg. Auf der Internet-Map bekommt man den Hinweis, dass sich das Ziel in einer anderen Zeitzone befindet. Eine Reise damals war nicht nur beschwerlich, sie war auch gefährlich. Für Jakob kam hinzu, dass er nicht wusste, was auf ihn wartete. Seine Zukunft war ungewiss. Bruce Waltke hatte die Situation noch etwas dramatischer beschrieben. Hinter ihm lag ein Todeslager. Vor ihm lag ein Arbeitslager. Das ist etwas extrem formuliert, aber in gewisser Weise kommt es so hin.
Vers 11 sagt, dass Jakob an einen bestimmten Ort kam. Später wird dieser Ort als Bethel identifiziert. Bethel wiederum war ungefähr 120 Kilometer von seinem Zuhause Beerscheba entfernt. Und vor allem war es eine bewohnte Stadt. Interessant ist, dass dieses Detail in der Erzählung völlig irrelevant ist. Bethel ist der Ort, an dem Jakob Gott begegnete. Alles andere ist unwichtig. Die Frage war, wann Gott dem Jakob begegnet ist. Und die erste Antwort auf diese Frage ist: als Jakob sich auf einer langen Reise befand.
Die nächste Antwort folgt daraus. Gott begegnet dem Jakob, als er alleine war. Wir hatten bereits gesehen, dass Jakob seine Familie hinter sich gelassen hatte. Die Reise nach Haran machte er alleine: ohne Freunde, die ihm hätten Gesellschaft leisten können; ohne Diener, die ihn begleiteten. Ich kann mich noch an meine erste Nacht im Studentenwohnheim in Hannover erinnern, wo ich frisch eingezogen war. Mein Zimmer befand sich in der Nähe des Aufzugs. Es war dunkel, und ich lag im Bett aber konnte nicht einschlafen. Ich konnte spät am Abend noch hören, wie der Aufzug betätigt wurde. Danach Stille. Aber es war eine laute, unangenehme Stille. Es war dieser Moment, wo ich verstand, dass ich ganz allein bin. Das ist ein etwas beklemmendes und definitiv nicht angenehmes Gefühl. Ich vermute, dass praktisch jeder von uns sich daran erinnern kann, wie es war, dass erste Mal richtig allein zu sein; wie es war, als wir das erste Mal unser Zuhause verlassen hatten. Aber ganz egal ob wir alleine wohnen oder nicht, wenn wir Gott begegnen, dann tun wir es alleine. Vielleicht gibt es Freunde und Familie, die für uns beten. Vielleicht geschieht die Begegnung im Beisammensein von anderen Christen in der Gemeinde. Ganz egal wie die Umstände sind, die Begegnung mit Gott ist zwischen dir und ihm. Gott begegnet dir auf individuelle, einzigartige Art und Weise. Und wenn Gott es tut, dann nur dir und dir allein in diesem Moment an diesem bestimmten Ort.
Wir sehen außerdem, dass Gott Jakob begegnet, als er nichts hatte. In Vers 11 lesen wir, dass Jakob einen Stein nahm und ihn an das Kopfende stellte und an diesem Ort einschlief. Manche hatten gemutmaßt, dass es Kulturen gibt, in denen es üblich ist, einen Stein in die Nähe seines Kopfes zu stellen, z.B. als symbolische Festung. Aber ich denke, dass die Einheitsübersetzung recht hat, wenn sie schreibt: „Er nahm einen von den Steinen des Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.“ Jakob hatte wahrscheinlich nur einen Mantel, der seine Decke war. D.h., er benutzte wirklich einen Stein als Kissen. Und das macht man nur dann, wenn man sonst nichts anderes hat, was man als Kissen verwenden könnte.
Als ich früher vor vielen Jahren an der Mensa Einladungskarten an Studenten verteilt hatte, gab es einen Spruch, den ich häufiger zu hören bekommen hatte: „Nein Danke, brauche ich nicht.“ Ich hatte mich mit einer Kollegin, die zwei male an unserem Weihnachtsgottesdienst teilgenommen hatte, über den Glauben unterhalten. Sie sagte ebenfalls: „Glauben an Gott ist etwas, was es bei uns in der Familie nicht gab. Und ich hatte nie ein Bedürfnis danach.“ Ich denke, dass sie in gewisser Weise Recht haben. Vielen geht es sehr gut in Deutschland: sie haben Arbeit, verdienen gutes Geld, essen und trinken gut, wohnen schön, leben in einer guten Beziehung. Für die Momente, in denen wir uns mal nicht so gut fühlen, gibt es Netflix und Amazon Prime. Vielleicht ist das ein wenig unser Problem. Uns geht es so gut, dass wir nicht merken, dass wir eigentlich leer sind. Wir sind durch die Erfüllung unserer äußerlichen Bedürfnisse so zugedröhnt, dass wir eigentlich nicht wissen, dass uns etwas Essentielles fehlt.
Oder vielleicht von der anderen Seite betrachtet, Fasten kann manchmal eine riesige Hilfe sein. Beim bewussten Verzichten auf das, was wir eigentlich brauchen und wollen, spüren wir Hunger. Wir haben Entzugserscheinungen. Und mitten im Hunger merken wir vielleicht, dass da noch mehr ist. Eine Sehnsucht nach dem, was nicht nur unseren physischen Hunger stillt; sondern eine Sehnsucht nach mehr. Das Schreien unserer Seele nach Gott. Und wenn wir Gott darin begegnen, dann geschieht das, was der Philosoph Dallas Willard folgendermaßen beschrieb: Fasten wird zum Fest mit Gott.
Wann ist Gott Jakob begegnet? Die Antwort ist: als Jakob unterwegs war in eine ungewisse und unsichere Zukunft; als er alleine und einsam war; als er nichts und niemanden anderes hatte, auf das er sich hätte verlassen können.

Zweitens, wie Gott Jakob begegnet ist
Wir sehen als erstes, dass Gott dem Jakob in einem Traum begegnet ist. In Vers 12 lesen wir: „Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.“ Luther-, Elberfelder- und Schlachterübersetzung verwenden hier das Wort „Leiter“. Bei Leiter müssen wir vielleicht an Renovierungsarbeiten denken. Und dabei denken wir an etwas wackeliges und klappriges Gestell, das am besten von einer zweiten Person unten festgehalten werden sollte. Leiter ist hier definitiv nicht gemeint. Die Einheitsübersetzung verwendet das Wort „Treppe“. Und das ist viel besser. Das Wort im Urtext wurde verwendet, um einen Wall zu beschreiben, der aufgeworfen wurde, um eine Stadt zu stürmen. Oder vielleicht erinnern wir uns an die stufenförmige Pyramide aus Genesis 11, eine Zikkurat. Das trifft es viel eher. Jakob sah im Traum eine massive, stabile Struktur, die von der Erde bis an den Himmel reichte.
Und dann sah er Engel. Im deutschen Sprachgebrauch verwenden wir das Wort „Engel“, um damit Personen zu beschreiben, die besonders nett und lieb und vielleicht auch superheilig sind. Engelserscheinungen in der Bibel erkennen wir vor allem daran, dass Engel folgende Worte sagen: „Fürchte dich nicht.“ Engel sind Geschöpfe, die so groß und so überwältigend sind, dass praktisch alle Menschen, die einem Engel begegnen, in die Knie gehen. Jakob sieht den Himmel offen und Engel, die auf dieser massiven Treppe herabkommen und wieder hinaufsteigen.
Aber das ist immer noch nicht alles. Der Höhepunkt der Erscheinung ist Gott selbst. Gott erscheint. Die Lutherbibel sagt, dass Gott oben auf der Treppe steht. Aber es ist nicht ganz klar, was im Urtext gemeint ist. Ich glaube, dass die Einheitsübersetzung es besser getroffen hat. Da heißt es: „Und siehe, der HERR stand vor ihm und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem zu liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.“ Ich denke nicht, dass Gott ganz weit oben auf der Treppe stand, als er mit Jakob sprach. Es scheint einfach nicht das zu sein, was der Text suggeriert. Ich glaube, Gott war direkt über Jakob; Gott stand direkt vor ihm. Und Gott machte ihm die erstaunlichsten Versprechen: „Deine Nachkommen werden zahlreich sein wieder Staub auf der Erde. Du wirst dich nach Westen und Osten, nach Norden und Süden ausbreiten und durch dich und deine Nachkommen werden alle Sippen der Erde Segen erlangen. Siehe ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“ Gott bietet hier Jakob alles an, was er brauchte und noch so viel mehr; alles, was Jakob sich hätten wünschen könnte und noch so viel mehr. Das ist die Art und Weise wie Gott dem Jakob begegnet: herrlich, glorreich, freundlich, unendlich gütig.
Wenn wir einen Schritt zurückgehen und den Text im größeren biblischen Kontext betrachten, dann fallen uns vor allem zwei Begebenheiten ein, die mit unserem Text verbunden sind. Wir hatten bereits erwähnt, dass dieser Text Parallelen zum Turmbau zu Babel hat. Er hat aber nicht nur Parallelen, sondern auch krasse Kontraste. Beim Turmbau von Babel waren es Menschen, die eine große Zikkurat gebaut haben, um Gott zu bewegen herabzukommen, um ihnen einen Namen zu machen. Die Menschen wollten sich ihren Zugang zu Gott selbst erbauen. Die Zikkurat war ein Ausdruck menschlicher Anstrengungen und menschlicher Bemühungen zu Gott zu kommen. Für Gott war das inakzeptabel. Er zerstreut die Menschen. Aber hier ist es Gott, der auf einer solchen Himmeltreppe erscheint. Was hat es dann mit der Treppe auf sich? Was ist der kategorische Unterschied zwischen Babels Himmelsleiter und der von Jakob?
Wir finden die Antwort am Ende des ersten Kapitels von Johannes Evangeliums. Jesus begegnet dort zum ersten Mal einen Menschen namens Nathanael. Philippus erzählt seinem Freund Nathanael von Jesus aus Nazareth. (Das ist wie wenn man heute sagen würde: „Jesus aus Schmalkalden“). Nathanael rümpft mit der Nase und sagt: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ Jesus sieht Nathanael und sagt: „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.“ Nathanael ist überrascht, weil Jesus ihn zu kennen scheint, obwohl sie sich noch nie begegnet waren. Jesus spricht dann: „Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.“ Wir wissen nicht, was Nathanael unter dem Feigenbaum gemacht hatte. Aber es musste irgendetwas gewesen sein, was entweder unglaublich bedeutsam oder unglaublich privat oder beides war. (Irgendwie habe ich diese Vorstellung, dass wenn wir später im Himmelreich auf Nathanael treffen und ihn fragen, was zum Kuckuck er unter dem Feigenbaum gemacht hat, seine Antwort lauten wird: „Das kann ich nicht sagen. Zu geheim.“) Aber das Spannende an dieser Begegnung sind eigentlich Jesu Worte an ihn: „Du wirst noch Größeres sehen als das. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und hinabfahren über dem Menschensohn.“
Natürlich war das eine ganz klare Anspielung auf Jakobs Traum. Aber Jesus sagte nicht, dass die Jünger die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und herabfahren sehen würden. Jesus sagte eigentlich etwas anderes. Jesus sagte, dass die Engel auf dem Menschen auf- und niedersteigen. Anders gesagt, Jesus selbst ist die Treppe. Jesus selbst ist die Selbstoffenbarung Gottes. Jesu Kommen steht für nichts anderes als der offene Himmel.
Wir sehen in diesem Punkt den Schlüsselunterschied zwischen dem Christentum und allen Religionen der Welt. Eine kleine Illustration: wir haben in Heidelberg einen Pfad, der Himmelsleiter heißt. Das sind 270 Höhenmeter, über ungefähr 1.200 Stufen aus Sandstein, und jede dieser Stufen ist unterschiedlich hoch. Ich bin vor ein paar Jahren mit zwei Freunden diese Himmelsleiter in untrainiertem Zustand hochgewandert. Am Ende bin ich sprichwörtlich allen Vieren gekrabbelt. Die gute Nachricht aber ist, dass es ein Ende gibt. Und dann genießt man die schöne Aussicht. Aber stellen wir uns einmal vor, dieser Wanderweg hätte kein Ende. Und stellen wir uns vor, es gibt unendlich viele Stufen und einen Gipfel, den man nicht erreichen kann.
Alle Religionen dieser Welt lehren uns, dass wir etwas tun müssen, um gerettet zu werden. In allen Religionen bauen wir die Leiter und wir gehen die Stufen herauf. Wir müssen etwas tun, um Gott gefällig zu werden. Wir müssen etwas tun, um zu guten Menschen zu werden. Das Christentum ist die einzige Lehre, die sagt, dass Gott in Jesus Christus zu uns gekommen ist. Im Christentum sind es nicht wir Menschen, die nach Gott suchen; Gott sucht nach uns Menschen. Nicht wir Menschen opfern Gott; Gott selbst opfert sich für uns. Nicht wir bereiten Gott den Tisch; Gott deckt den Tisch für uns und lädt uns ein. Nicht wir Menschen kommen zu Gott mit unserer Gottgefälligkeit; Gott kommt zu uns, obwohl wir alles andere als ihm gefällig sind. Er kommt zu uns in unserer Not, in unserer Armut, in unserer Krankheit, in unserer Verlorenheit.
Zwei Anwendungen, bevor wir fortfahren. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass Gott weit weg ist. Und viele Menschen haben die Vorstellung, dass der Himmel ganz weit weg und verschlossen ist. Vielleicht ist das die Art und Weise wie wir uns fühlen. Diese Vorstellung ist nichts anderes als eine Illusion. Der Grund, weshalb wir uns Gott so weit weg vorstellen, mag vielleicht daran liegen, dass wir Momente hatten, in denen wir nach Gott gefragt hatten, aber keine Antwort kam. Vielleicht gibt es manche von uns, die in ihrer Not nach Gott rufen und schreien, aber Gott ist verborgen. Gott zeigt sich nicht, zumindest nicht so, wie wir es uns wünschen würden.
In Vers 16 lesen wir, wie Jakob von seinem Schlaf aufwacht und sagt: „Wirklich, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“ Das ist die Realität. Wir wachen auf und merken: Gott ist an diesem Ort. Gott ist hier. Wir wussten es nur nicht. Wir wussten nicht, wie nah Gott uns eigentlich ist. Und wir wussten nicht, wie nah der Himmel eigentlich ist: in der Tat zum Greifen nahe. D.h., die erste Anwendung lautet: Gott ist viel näher als zu denkst. Der Himmel ist viel näher als du denkst. Gott hört dein Rufen, weil er da ist. Dein Rufen geht ihm zu Herzen, weil er gut ist. D.h., wenn du auf der Suche nach Gott bist, hör nicht auf. Er ist da, und er wird sich dir zeigen.
Und das bringt uns gleich zur zweiten Anwendung: Gottes Offenbarung ist reine Gnade. Wir hatten gesagt, dass Jakob sich in der schlechtesten Verfassung befand, die man sich vorstellen kann. Er hatte seinen Vater dreist belogen und seinen Bruder betrogen. Das einzige, was noch gefehlt hätte, ist, dass er seine Großmutter verkauft hätte. Jakob hätte es überhaupt nicht verdient, dass Gott ihm begegnet. Trotzdem kommt Gott zu ihm. Nicht nur das, Gottes Gnade zeigt sich darin, wie freundlich Gott mit ihm spricht. In den Versen 13-15 spricht Gott mit Jakob. Wir finden hier kein Wort der Kritik; kein Verurteilen, kein Bloßstellen, noch nicht einmal ein Konfrontieren mit dessen Sünde. Stattdessen unglaublich große und schöne Versprechen.
Wer von euch hatte schonmal folgende Gedanken: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott noch etwas mit mir zu tun haben will, nachdem was ich verbockt habe.“ Oder: „Gott muss so wütend und so sauer auf mich sein. Zurecht.“ Oder: „Gott muss sich vor mir ekeln. Selbst ich habe Ekel vor mir selbst.“ Oder: „Ich muss erst einmal mein Leben auf die Reihe kriegen, bevor ich zu Gott kommen kann.“ Oder schlimmer noch: „Ich glaube nicht, dass Gott mir vergeben kann.“ Und wisst ihr, was das ist? Lügen, die wir uns einreden. Das Schlimme daran ist, dass es eine Beleidigung Gottes ist. Wir reden auf diese Weise die Gnade Gottes klein und machen Gott selbst kleiner als er ist.
Die Begegnung zwischen Gott und Jakob sollte uns daran erinnern, dass keine Situation zu verfahren, keine Zukunft zu ungewiss, keine Umstände zu verzweifelt, keine Not zu groß, kein Leben zu kaputt und keine Sünde zu schlimm sein kann, als dass Gott uns nicht retten könnte. Gott will uns begegnen. Gott will dir begegnen. Gott will in dein Leben, nicht deshalb weil dein Leben so aufgeräumt und so toll ist; sondern weil dein Leben es nicht ist.

Drittens, was sich nach der Begegnung in Jakob getan hat
Jakob hatte erkannt, dass Gott an diesem Ort ist. In Vers 17 heißt es dann: „Er fürchtete sich und sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ Jakob fürchtete sich. Im biblischen Sprachgebrauch kann man ganz grob zwei Arten von Furcht unterscheiden. Die eine Furcht ist das, was wir mit „Angst“ übersetzen würden, z.B. die Angst davor, dass uns etwas Schlimmes passieren könnte. Die andere Art von Furcht ist etwas ganz anderes. Ich nenne es mal „Ehrfurcht“. Diese Art von Furcht taucht dann auf, nachdem das Schlimme abgewendet wurde; sie taucht dann auf, nachdem die Sünden völlig vergeben wurden; sie taucht immer dann auf, wenn Menschen wahrer Größe begegnen. Es ist die gute Art von Furcht. Das ist die Furcht, die Jakob hier im Text hatte.
Was bedeutet es dann für uns? Wie können wir die gute Art von Furcht in ihrem Leben haben? Für diejenigen, die Zweifel haben, dass Gott sich ihnen jemals offenbart: woher nehmen wir uns die Hoffnung, dass Gott uns am Ende des Tages begegnen wird? Für diejenigen, die Zweifel haben an der Größe der Gnade und Freundlichkeit Gottes: woher sollen wir wissen, dass Gott es wirklich gut mit uns meint? Wie können wir wissen, dass Gott uns wirklich liebt?
Johannes Hartl, der Leiter vom Augsburger Gebetshaus, hat erzählt, dass er mit seinen Kindern folgendes Spielchen spielt: wie sehr liebst du mich? „Ich liebe dich von hier bis ganz da oben.“ „Und ich liebe dich bis zum Dach unseres Hauses.“ „Und ich liebe dich so hoch wie die Alpen.“ „Und ich liebe dich vom Mariannengraben bis zum Himalaya.“ Wisst ihr, wie das Spielchen dann endet? Es endet damit, wenn Papa seinen Kindern sagt: „Aber ich habe dich zuerst geliebt.“ Egal wie sehr die Kinder ihren Papa lieben, die Liebe des Vaters war zuerst da.
Und das ist natürlich ein Gedanke aus der Bibel, und zwar aus dem 1. Johannesbrief: Gott hat uns zuerst geliebt. Wenn wir 1. Johannes 4 lesen, dann werden wir mit folgendem konfrontiert: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ Geliebte, Liebe, liebt, liebhaben. Mehr als 50 Mal erwähnt Johannes das Wort Liebe in seinem Evangelium, mehr als alle drei synoptischen Evangelien zusammen. Mehr als 50 Male erwähnt Johannes die Liebe in seinem ersten Brief. Diese Wortwiederholungen sind noch nicht einmal guter Sprachgebrauch. Warum dieser Fokus auf Liebe? Warum diese Obsession?
Hartl war in Ephesus, wo Johannes die letzten Jahre seines Lebens gewirkt hatte. Und als er bei Ephesus war, hatte er plötzlich einen Geistesblitz. Johannes schrieb so viel über die Liebe, weil er dort war. Wo genau? Unter dem Kreuz. Er war der einzige Jünger, der zusammen mit den Frauen Jesus bis zum Kreuz gefolgt war. Er sah mit eigenen Augen wie Jesus starb; wie Jesus für ihn starb. Jesus ist die Himmelsleiter. Jesus wurde diese Himmelsleiter, als er am Kreuz hing: zwischen Himmel und Erde. Jesus am Kreuz ist der absolute Beweis, dass Gott sich unter uns offenbart ist. Es ist der Beweis, dass Gott mit uns ist in unseren Leiden, dass er mit uns leidet. Es ist der Beweis, dass Gott es unendlich gut mit uns meint. Es ist der Beweis, dass Gott eine Beziehung haben will, mit dir und mit mir. Und es ist der Beweis, dass Gott uns liebt. Er hat uns zuerst geliebt.
Jakobs erste Begegnung mit Gott ist ein kleiner Hinweis auf die unendliche Liebe des Vaters zu uns. Lebst du in dieser Liebe? Wenn nicht, dann lebst du völlig unter deinen Möglichkeiten.

 

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