Predigt: 3. Johannes 1, 1 – 14

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Wahrheit und Freundschaft

„Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ (1)

Heute betrachten wir den letzten der drei Johannesbriefe. Während der erste Brief wohl für mehrere Gemeinden gedacht war und daher eher allgemein ist, ist der 2. Johannesbrief schon persönlicher, da er an eine Herrin und ihre Kinder geschrieben ist, womit wohl eine bestimmte Gemeinde gemeint war. In beiden Briefen ermahnt und ermutigt Johannes die Empfänger wiederholt dazu, die Brüder zu lieben bzw. einander lieb zu haben. Den 3. Brief hat Johannes an einen Freund namens Gaius geschrieben, den er in der Wahrheit liebte und dessen praktische Bruderliebe er lobte. So zeigt sich in diesem Brief Johannes‘ Botschaft noch persönlicher und gibt uns ein anschauliches Beispiel für christliches Leben und Bruderliebe. Möge Gott jeden durch diese Botschaft segnen!

Johannes beginnt mit den Worten: „Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit“ (1). Er stellte sich auch in diesem Brief schlicht als „der Älteste“ vor. Es gab damals viele Älteste, da in allen Gemeinden Älteste eingesetzt wurden. Johannes hätte sich als der Apostel Jesu Christi vorstellen können. Dass er sich aber nur als „der Älteste“ vorstellte, drückt seine Demut aus und passt zu dem sehr persönlichen Ton in diesem Brief.

Er schreibt „an den lieben Gaius“. Wir wissen nicht genau, wer Gaius war. Vermutlich war er ein leitender Mitarbeiter in einer der Gemeinden in Kleinasien. Wir erfahren aber doch viel über Gaius‘ Glauben, durch die Wertschätzung, die Johannes in diesem Brief für ihn zum Ausdruck bringt. Im Vers 1 nennt er ihn „den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit.“ Im Vers 2 schreibt er: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ Johannes interessierte sich nicht nur für sein geistliches Wohl, sondern wünschte ihm, dass er auch gesund wäre und dass es ihm in allen Bereichen gut gehe. In jedem Vers bringt Johannes seine geistliche Liebe und Wertschätzung für ihn zum Ausdruck. Es war ein Brief an einen Freund, den er in der Wahrheit liebte und dem er wünschte, dass es ihm in allen Stücken gut gehe, so wie es seiner Seele gut ging.

Woher wusste er, dass es Gaius seelisch und geistlich gut ging? Er schreibt: „Denn ich habe mich sehr gefreut, als Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du wandelst in der Wahrheit. Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln“ (3.4). Johannes wusste, dass es Gaius‘ Seele gut ging, weil er von Brüdern gehört hatte, wie Gaius in der Wahrheit wandelte. Letzte Woche ging es in der Predigt u.a. darüber, was die Wahrheit ist. Einfach gesagt ist die Wahrheit, von der Johannes schreibt, Jesus Christus und sein Evangelium. Jesus ist der Schöpfer und die Quelle des Lebens. Er ist die Quelle aller wahren Erkenntnis und Gottes letztgültige Antwort auf unsere Fragen. Gaius kannte die Wahrheit nicht nur, sondern hatte sie bis dahin angenommen, dass er darin wandelte. Der Ausdruck in der Wahrheit zu „wandeln“, zeigt, dass die Wahrheit sein ganzes Leben prägte. Anders gesagt hatte er Jesus, sein Werk und seinen Willen so tief verinnerlicht, dass Jesus sein Denken, Reden und praktisches Leben bestimmte. Die Wahrheit prägte Gaius so sehr, dass Johannes von „deiner Wahrheit“ spricht.

Viele Menschen hören und wissen von der Wahrheit, aber sie nehmen sie nicht wirklich an. Viele nehmen die Wahrheit grundsätzlich an, aber nicht bis dahin, dass sie danach wandeln. Das ist ein sehr ernstes Problem. Jesus tadelte in seiner Bergpredigt die Menschen, die sein Wort nicht umsetzen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (Lk 6,46) Johannes hatte so große Freude über Gaius, weil er nach der Wahrheit lebte. Wie sehr sein Leben mit Jesu Lehre und Willen übereinstimmte, zeigte sich konkret in seiner Gastfreundschaft, die er den Brüdern erwies, die für das Evangelium umher reisten. Diese Unterstützung für war sehr wichtig, da damals Christen bei den meisten Heiden nicht beliebt waren, insbesondere wenn sie umherzogen, um das Evangelium zu predigen. Aber Gaius nahm sie auf und geleitete sie weiter und gab ihnen dabei wohl auch Proviant und Ausrüstung mit, und drückt so seine Liebe zu den Brüdern aus. Dadurch drückte er praktisch seine Liebe zu Jesus und zur Verbreitung von Gottes Reich aus. Johannes freute sich so, dass Gaius in der Wahrheit wandelte, weil wahrer Glaube sich im praktischen Leben ausdrücken und damit übereinstimmen soll. – Wie stark ist euer Leben von der Wahrheit geprägt? Lasst uns danach streben, Männer und Frauen zu werden, die in der Wahrheit wandeln! Lasst uns beten, dass Gott uns hilft, die Wahrheit bis dahin zu begreifen, dass wir praktisch danach leben!

Betrachten wir noch einmal den ersten Abschnitt. Die ersten vier Verse bringen alle zum Ausdruck, wie sehr Johannes Gaius in der Wahrheit liebte. Sie zeigen ihre schöne geistliche Freundschaft, die sie pflegten und die auf der Wahrheit gründete. Jesus selbst war die Grundlage ihrer Freundschaft und derjenige, die sie miteinander verband.

Welche Bedeutung hat so eine geistliche Freundschaft für die Gläubigen? In der Bibel finden wir verschiedene Beispiele, die uns zeigen, wie schön und wertvoll geistliche Freundschaften sein können. Die Hauptperson vom ersten Buch der Bibel ist Abraham. Abraham wird in der Bibel „Gottes Freund“ genannt. Gott sagte in 1. Mose 18, dass er Abraham nicht verbergen könne, was er vorhat, da er doch ein großes und mächtiges Volk werden sollte. Der ewige Gott achtete Abraham als seinen Freund, dem er seine Absichten und Pläne vorab mitteilen will. Abraham konnte Gottes Freund werden, weil er Gott glaubte und sein Wort höher achtete als seine Gedanken, und seinem Wort gehorchte. Kurz gesagt, konnte Abraham Gottes Freund werden, weil Gott ihn so sehr liebte und weil Abraham Gottes Liebe vertraute und ihn mehr liebte als sich selbst.

Ein anderes Beispiel für geistliche Freundschaft finden wir in David und Jonatan. Obwohl Jonatan der Sohn des Königs war und David wegen seiner Beliebtheit im Volk als einen potentiellen Konkurrenten ansehen konnte, liebte er David mehr als sein eigenes Leben. Er setzte sich für ihn vor seinem Vater ein und riskierte dafür, von seinem Vater verstoßen oder gar getötet zu werden. Trotz dieses Risikos schlossen Jonatan und David miteinander einen Bund und schworen einander vor Gott die Treue bis zum Tod. Diese Freundschaft muss David in der schwierigen Zeit der Verfolgung durch Saul ungemein getröstet haben. Wie wertvoll diese Freundschaft für ihn war, kam zum Ausdruck, als Jonatan schließlich im Kampf starb und David um ihn trauerte und dabei bekannte, dass ihm Jonatans Liebe wundersamer war als Frauenliebe. Es gibt etliche weitere Beispiele für geistliche Freundschaften in der Bibel, zum Beispiel die von Daniel und seinen Freunden am Königshof.

Die wundersamste Freundschaft ist aber die von Jesus mit seinen Jüngern. Jesus nahm sie an und lebte täglich mit ihnen zusammen. Er liebte sie und lehrte sie die Wahrheit, vor allem die Liebe des Vaters und den Weg in sein Reich. Er sagte zu ihnen: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan“ (Joh 15,13-15). Jesus hat seine Jünger bis dahin geliebt, dass er für sie und uns am Kreuz sein Leben gab. Es ist das größtes Privileg und die wichtigste Sache, dass wir in der Freundschaft zu Jesus leben und in seiner Liebe bleiben. Aus der Liebesbeziehung Jesus kommt alles. Sie ermöglicht es uns auch, geistliche Freundschaften mit anderen Gläubigen zu haben. Wenn wir in Jesu Liebe bleiben und die Geschwister lieben, entstehen geistliche Freundschaften fast automatisch.

Johannes bezeichnete sich in seinem Evangelium oft als den Jünger, den Jesus lieb hatte. Er hatte die Liebe Jesu zu sich so tief angenommen, dass er das Gefühl hatte, als ob Jesus ihn allein auf der Welt geliebt hätte. Aber er nahm Jesu Liebe nicht nur für sich selbst an, sondern verstand, dass wir uns aufgrund dessen auch untereinander lieben sollen. So hat er in seinem ersten Brief die Christen immer wieder dazu ermutigt, sich untereinander zu lieben. Auch im zweiten Brief bat er die auserwählte Herrin und ihre Kinder darum, „dass wir uns untereinander lieben“ (2. Joh 1,5). Als er den dritten Brief schrieb, muss Johannes schon alt gewesen sein, vermutlich 70 oder 80 oder sogar 90 Jahre. Er muss in der Gemeinde in Ephesus, in der er wohl schon seit Jahrzehnten gewirkt hatte, viele geistliche Freunde gehabt haben. Aber dieser Brief zeigt, wie wichtig ihm die geistliche Freundschaft mit Gaius war, der in einer anderen Stadt lebte, wie sehr er sich bemühte, diese Beziehung zu pflegen. Er schrieb ihm, ermutigte ihn, warnte ihn und gab zu, wie sehr er selbst durch ihn erfreut und ermutigt wurde.

Geistliche Freundschaften sind so wichtig! Einen geistlichen Freund (bzw. geistliche Freundin) zu haben, ist unbeschreiblich wertvoll – jemanden, mit dem wir uns austauschen können, der uns annimmt, wie wir sind, und uns versteht, mit dem wir auch über unsere innersten Sorgen und Probleme reden können und sie gemeinsam vor Gott bringen können im Gebet. Das gilt, wenn bei uns alles gut läuft oder scheinbar gut läuft, und erst recht, wenn einer Schwierigkeiten hat oder in eine Krise gerät. Allgemein ist es wertvoll, Freunde zu haben. Aber Freundschaften in der Wahrheit haben eine andere Dimension– weil Jesus in der Mitte ist, weil er die Grundlage ist, weil seine Wahrheit in allem Orientierung gibt, weil seine Liebe Kraft gibt, den anderen treu geistlich zu lieben, und weil es in ihm in allen Situationen Hoffnung gibt. Geistliche Freundschaften haben eine andere Dimension, weil es letztlich um Jesus geht, darum, IHN mehr zu erkennen, ihm ähnlicher zu werden und ihn zu ehren, gerade auch durch das gemeinsame Reden und Beten, das einander Ermutigen und Begleiten in allen Lagen des Lebens.

Es ist ein großer Segen, dass wir miteinander solche Freundschaften haben dürfen. Wenn wir solche Freundschaften in Jesus haben, sollen wir Gott dafür danken; und sollten uns auch Zeit und Mühe geben, sie zu pflegen. Das entspricht dem Willen Gottes.

Wenn unsere Beziehung zu den Glaubensgeschwistern eher oberflächlich sind, wenn wir das Gefühl haben, keine geistlichen Freunde zu haben, sollten wir uns fragen, woran das liegt. Wir sollten uns fragen, inwieweit wir selbst in der Wahrheit leben; wie tief wir die Liebe Jesu selbst angenommen haben und inwieweit sein Gebot, dass wir uns untereinander lieben sollen, oder ob es uns an Liebe mangelt; ob wir die anderen in der Wahrheit sehen, aus der Sicht Jesu, mit seiner Liebe und Gnade, oder vielleicht mit Neid oder Kritik, was geistliche Freundschaften verhindert. Ob wir denn bereit sind, uns auf andere so, wie sie sind, einzulassen, und ob wir bereit sind, uns auch gegenüber anderen zu öffnen. Vielleicht sollten wir uns auch fragen, ob wir verstanden haben, wie wertvoll geistliche Freundschaften sind, und ob wir wirklich dafür offen sind.

Johannes‘ Freundschaft mit Gaius in der Wahrheit zeigt uns heute, dass geistliche Freundschaften ein wertvoller Teil des geistlichen Lebens sind, und ermutigt uns, uns danach geistlich auszustrecken. Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und segnen!

Betrachten wir die Verse 9-11. In der Gemeinde gab es einen Mann namens Diotrephes. Der wollte unter ihnen der Erste sein, d.h. er hatte das Amt des Gemeindeleiters inne oder er strebte danach. Aber er wies Johannes und seine Mitarbeiter ab. Er wies auch die Brüder ab, die als Evangelisten von Ort zu Ort zogen und Unterkunft brauchten. Er ging sogar so weit, dass er über Johannes schlecht redete und die Gemeindeglieder, die andere Gläubige aufnehmen wollten, aus der Gemeinde ausstieß. Ihm fehlte es in drastischer Weise an Liebe. Es ging ihm viel mehr um sich und seine Stellung in der Gemeinde als um Jesus und um die Brüder. Johannes wollte kommen und ihm seine Werke vorhalten und ihn so zur Buße führen.

Gaius sollte sich von ihm gar nicht beeinflussen lassen. Johannes schrieb: „Mein Lieber, nimm nicht das Böse zum Vorbild, sondern das Gute. Wer Gutes tut, der ist von Gott; wer Böses tut, der hat Gott nicht gesehen“ (11). Gaius sollte nicht solche Leute zum Vorbild nehmen, sondern das Gute. Ein ermutigendes Beispiel dafür war Demetrius, der ein gutes Zeugnis von jedermann hatte, sogar von der Wahrheit selbst, was wohl heißt, dass Gott durch seinen Geist sein Leben irgendwie bestätigte. Auch Johannes bezeugte Demetrius Glaubensleben als ein gutes Beispiel. Es ist wichtig, dass wir geistliche Vorbilder haben und dass wir diejenigen, die geistlich vorbildlich leben, anerkennen.

Johannes schloss den Brief mit dem herzlichen Wunsch, seinen geliebten Freund bald persönlich zu sehen und mit ihm über alles andere zu reden. Er wünschte ihm Frieden und richtete ihm Grüße der Freunde aus. – Möge Gott uns helfen, die Wahrheit bis dahin zu verinnerlichen, dass wir danach wandeln! Möge Gott viele geistliche Freundschaften unter uns stiften und stärken und sie für seine Ehre gebrauchen! Amen.

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