Predigt: Lukas 14,1 -24

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Am Tisch des Königs

„Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.“

Lukas 14,16

Jeder von uns hatte bestimmt schon einmal peinliche Momente am Esstisch. Da gibt es zum Beispiel die richtig großen Pannen: auf der Encounter Konferenz im letzten Sommer, hatte ich es geschafft, mir einen gesamten Teller Spaghetti mit Soße über mein T-Shirt und meine Hose zu kippen. Dann gibt es natürlich auch dezentere Pannen. Wie wir alle wissen, gibt es am Tisch viele Benimmregeln. Pannen entstehen, wenn man durch sein Verhalten bei Tisch gegen diese Regeln verstößt. Weil wir eine multikulturelle Gemeinde sind, haben wir das bestimmt schon mal erlebt.

Was ist mit Schlürfen? In vielen asiatischen Ländern müssen Suppen und Nudeln geschlürft werden. Das ist wichtig, vor allem weil manche Suppen sprichwörtlich brodelnd heiß am Tisch serviert werden. Durch das Schlürfen wird Luft miteingesogen. Das kühlt die Suppe oder die Nudeln oder beides. Und durch die Luft entfaltet sich das Aroma besser. Aber in Deutschland gibt es ein Schlürfverbot am Tisch und ein Schmatzverbot. Wie reagieren also durchschnittliche Mitteleuropäer, wenn sie mit einem Asiaten zu Tisch sitzen, der dann anfängt, richtig laut zu schlürfen? Genau. Sie denken sich: „Was für ein Barbar. Niemand hat ihm Tischmanieren beigebracht.“ Aber umgekehrt gilt, dass wenn man sich in Korea bei Tisch so richtig herzhaft die Nase schnäuzt, man eindeutig ein Rüpel ist. Benimmregeln sind also eine kulturelle Sache.

Ganz offensichtlich sind Tischmanieren nicht das Thema der heutigen Predigt. Aber habt ihr euch jemals gefragt, warum es um das Essen herum am Tisch so viele Regeln gibt? Die einzige plausible Erklärung, die ich habe, ist folgende: der Tisch ist wichtig. Es geht am Tisch mehr als nur um Nahrungsaufnahme. Es geht um sozialen Austausch, um tiefe Gemeinschaft, es geht um Beziehungen, es geht um qualitativ hochwertige und wichtige Zeit, die man zusammen verbringt, es geht ums angenommen werden. Der Tisch in der Küche ist vielleicht der wichtigste und intimste Ort der Familie; der Ort an dem die wichtigsten Gespräche geführt werden. Ein Prediger, den ich sehr mag, erzählte davon, wie er sich danach sehnte, mit seiner Familie in Ruhe Gemeinschaft am Tisch zu haben, ohne dass die Kinder kleckerten, ohne dass sie etwas runterschmissen oder dass es Geschrei gab. Er meinte, dass er sich ganz genau daran erinnern kann, als es endlich so weit war. Und er sagte: „Der Jüngste war 21 Jahre alt.“

Der Tisch spielt auch in der Bibel eine wichtige Rolle, vor allem im Lukasevangelium. Alle drei Abschnitte, die wir heute betrachten, haben etwas mit der Gemeinschaft am Tisch zu tun. In keinem Evangelium wird so häufig erwähnt, dass Jesus zu Tisch saß. Es wird so häufig erwähnt, dass N.T. Wright kommentierte, dass man das christliche Leben mit einem Fest (am Tisch) vergleichen kann. Letzte Woche wurde das christliche Leben mit einem Marathonlauf verglichen. Heute vergleichen wir es mit einem königlichen Festmahl. Beides ist biblisch.

Was lernen wir dann also über den Tisch Jesu, den Tisch des Königs? Der Text heute lehrt uns, dass Jesu Tisch ein Tisch der Barmherzigkeit ist, der Demut, der Großzügigkeit und der Gnade. Oder etwas ausführlicher gesagt: erstens, am Tisch des Königs erfahren wir überraschende Barmherzigkeit; zweitens, die Gäste des Königs müssen demütig sein; drittens, die Gäste sind radikal großzügig; viertens, der Zutritt zum Tisch geschieht allein aus Gnade. Das sind die vier Punkte der Predigt.

Erstens, wir erfahren überraschende Barmherzigkeit

In Vers 1 finden wir zwei Angaben über das Wann und Wo von unserem Text. Wir lesen: „Und es begab sich, dass er an einem Sabbat in das Haus eines Oberen der Pharisäer kam, das Brot zu essen, und sie belauerten ihn.“ Über das Wann erfahren wir, dass es an einem Sabbat war. Über das Wo erfahren wir, dass Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen war. Unser Text sagt, dass der Pharisäer einer der Oberen war. Falls ihr euch fragt, warum ein Pharisäer Jesus zum Essen einlud: es war damals üblich, dass man wandernde Rabbis nach dem Gottesdienst in der Synagoge zum Essen einlud. Zum Essen eingeladen zu sein und gemeinsam das Brot zu brechen, klingt eigentlich nach einem fröhlichen und netten Anlass. Aber ganz offensichtlich ist das hier nicht der Fall. Wir lesen, dass Jesus belauert wurde. Jesus stand unter Beobachtung. Die Atmosphäre war nicht freundlich, sondern vergiftet.

Grund der Beobachtung erfahren wir in Vers 2. Ebenfalls zu Gast im Haus war ein kranker Mensch, der vor Jesus stand in der Erwartung geheilt zu werden. Luther nennt die Krankheit Wassersucht. Wahrscheinlich war das ein Ödem, eine übermäßige Ansammlung von Wasser in Geweben. Manche von diesen Ödemen wurden durch Herzfehler verursacht. Das ist die dritte Begebenheit in Lukasevangelium, wo Jesus einen Menschen am Sabbat heilt. Jedes Mal war die Heilung am Sabbat Grund zu einem Konflikt mit dem religiösen Leitern des Landes. Das war dieses Mal nicht anders. Jesus ging das Ganze pro-aktiv an: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht?“ Das Wort „erlaubt“ bedeutet so viel wie „rechtmäßig“, konform mit dem Gesetz. Die Antwort ist ziemlich offensichtlich. Die Traditionen der Juden erlaubte es nicht, am Sabbat zu heilen. Aber in Moses Gesetz stand nichts dergleichen. Deshalb hatten die Pharisäer nichts mehr zu melden. Während sie schwiegen, heilte Jesus den Menschen.

Vers 5: „Und er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt und der ihn nicht alsbald herauszieht, auch am Sabbat?“ Bei den Juden gab es die Regel, dass medizinische Eingriffe am Sabbat nur dann zulässig waren, wenn akute Lebensgefahr bestand. Aber wenn ein Kind in den Brunnen fällt, dann würde kein Mensch argumentieren: „Ach wisst ihr, der Brunnen ist nicht so tief. Das Kind ist nicht in akuter Lebensgefahr. Wir warten bis zum Sonnenuntergang, wenn der Sabbat vorbei ist, und dann holen wir es raus.“ Ein solches Verhalten würden sie noch nicht einmal an den Tag legen, wenn eines ihrer Tiere in den Brunnen fallen würde.

Als Jesus bei dem ranghohen Pharisäer zu Gast war, lauerten die Menschen darauf, ob Jesus sich an die Tischregeln hielt. Es ging um die Frage, ob Jesus annehmbar ist; ob er sich politisch korrekt verhält; ob mit ihm am Ende des Tages vielleicht doch noch gut Kirschen essen ist, auch wenn das unwahrscheinlich schien. Jesus brach die Regeln konsequent. Oder anders gesagt, Jesus brachte ganz andere Tischmanieren mit, nämlich die vom Gottes Reich. Was lernen wir dann über Gottes Reich? Die religiösen Leiter hatten Sabbat zu einem Tag gemacht, an dem alle Aktivitäten eingefroren wurden, egal wie großzügig und moralisch gut sie sind. Jesus zeigt uns, dass er auch am Sabbat barmherzig ist. Für diese Barmherzigkeit setzte er sein Leben aufs Spiel, in dem er zum Staatsfeind Nummer 1 der Mächtigsten des Landes wurde. Und weil Jesus einen nicht lebensgefährlich erkrankten Menschen am Sabbat heilte, dürfen wir wissen, dass bei Jesus jeden Tag ein Tag der Barmherzigkeit ist. Der erste Punkt ist, dass wir an Jesu Tisch immer und zu jederzeit Barmherzigkeit finden.

Zweitens, am Tisch werden wir angehalten, demütig zu sein

Jesus beobachtete, wie etliche Gäste versuchten „obenan“ zu sitzen. Historiker gehen davon aus, dass die Sitzordnung bei wichtigen Festessen U-förmig war. Am oberen Ende saß der Gastgeber, neben ihm seine wichtigsten Gäste. Je weiter man weg saß, desto unwichtiger war man. Vielleicht haben wir bei wichtigen Geschäftsessen ebenfalls diesen Eiertanz beim Platznehmen miterlebt. Bei mir in der Firma gibt es beim Weihnachtsessen regelmäßig dieses Hin- und Her um die besten Plätze. Was sind gute Plätze? Auf keinen Fall mit dem Chef, nicht so gerne mit Kollegen aus den unteren Etagen, am besten mit Leuten, mit denen man sich gut versteht ohne die Kollegen, die durch Nerven aus der Reihe tanzen. Sowohl bei den Menschen bei Jesus als auch in der Firma, geht es vor allem um Status und um Beliebtheit. Jesus beobachtete dieses Schaulaufen. Und dann erzählte er den Gästen ein Gleichnis.

Verse 8 und folgende: „Wenn du von jemanden zur Hochzeit geladen bist, so setze dich nicht obenan; denn es könnte einer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann kommt der, der dich und ihn eingeladen hat, und sagt zu dir: Weiche diesem!, und du musst beschämt untenan sitzen. Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setz dich untenan, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor allem, die mit dir zu Tisch sitzen.“ Diese Worte klingen nicht so sehr nach einem Gleichnis. Es klingt eher wie ein gut gemeinter Ratschlag, um möglichst peinliche Situationen und Demütigungen vor anderen Menschen zu entgehen. Aber Jesus schließt diese Worte ab mit der Schlussfolgerung: “Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“

Was bedeutet das im Bezug auf Jesu Tisch? Jesus erklärt hier nicht einfach Regen und soziale Konventionen. Jesus erklärt, wer diejenigen sind, die Zugang finden zum Tisch des wahren Königs und wer nicht. Die Stolzen sind diejenigen, die mit ihren guten Werken, mit ihren Errungenschaften, mit ihren Leistungen zu Jesus kommen. Sie werden erniedrigt. Die Demütigen sind diejenigen, die zum Tisch Jesu kommen, und nichts vorzuweisen haben. Sie werden angenommen.

Martin Boos war ein katholischer Erweckungsprediger (muss kein Widerspruch sein) aus dem Allgäu im 18. Jahrhundert. In der katholischen Kirche gibt es die Beichte. Was passiert, wenn das Evangelium und der Heilige Geist bei einer katholischen Beichte ihre ganze Kraft und Herrlichkeit entfalten? Martin Boos saß zu Hause und hört ein Klopfen. Sofort hat er den Eindruck, dass diese Person Jesus sucht. Es war eine Frau die beichten sollte. Sie war ihr ganzes Leben schon in der Kirche. Sie hatte schon früher oft gebeichtet. Aber sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können und kam völlig aufgelöst und sagte: „Ich brauche Jesus, den ich durch meine Sünden verloren habe.“ Unter Tränen beichtet die Frau, dass sie durch alle 7 Todsünden Jesus gekreuzigt hat. Boos fragt sie, ob sie weiß, dass sie vor Gott nichts hat außer Sünde. Sie antwortet mit ja. Dann fragt er sie, ob sie daran glaubt, dass sie nur durch Jesus gerettet wird. Daraufhin sagt sie voller Freude: „Ja!“ Martin Boos sagt zu ihr: „Steh auf. Dein Glaube hat dir geholfen.“

Und genau das ist es, was Demut ausmacht. Wir haben vor König Jesus nichts weiter als unsere Sünde. Nur wenn wir in Demut zum Tisch des Königs kommen, finden wir Annahme.

Drittens, die Gäste des Königs sind radikal großzügig

Jesus lehrte weiter: „Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht etwa auch sie dich wieder einladen und dir vergolten wird; sondern wenn du ein Gastmahl machst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein, so wirst du glückselig sein; denn weil sie es dir nicht vergelten können, wird es dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“ Kurze Frage an euch: wer von euch glaubt, dass man die Bibel wortwörtlich nehmen muss? (Ich werde diese Frage nächste Woche wiederholen). Die richtige Antwort auf diese Frage lautet, dass die Worte, die wörtlich verstanden werden sollten, wörtlich genommen werden müssen. Die Worte, die nicht wörtlich verstanden werden sollen, dürfen nicht wörtlich genommen werden. Hier ist ein gutes Beispiel für ein Wort aus der Bibel, das nicht wörtlich genommen sollte. Jesus meinte hier nicht, dass es Sünde ist, wenn man seine Freunde, Brüder, Verwandte oder reiche Nachbarn einlädt. Er meinte, dass wir nicht nur unsere Freunde, Familie und die Reichen einladen sollen, sondern auch die Armen, die Krüppel, die Lahmen, die Blinden.

Bevor wir fortfahren, müssen wir etwas Wichtiges verstehen. Ein Gastmahl zu schmeißen war damals eine kostspielige Sache. Normalerweise würde der Gastgeber Leute einladen, die einen hohen sozialen Status hatten, die es in der Gesellschaft zu etwas gebracht hatten, die angesehen werden. Diese Mahlzeiten erfüllten eine ähnliche Rolle wie Geschäftsessen. Die Eingeladenen revanchierten sich mit Gefallen ihrerseits, sei es gesellschaftlich oder politisch oder mit Handel oder mit Geschenken. D.h., die Mahlzeiten kosteten zwar richtig viel Geld, aber sie rentierten sich normalerweise. Die Gäste zahlten es ihrem Gastgeber immer zurück. Als Jesus sagte, dass die Gastgeber Menschen einladen sollten, die nie in der Lage wären, zurück zu bezahlen, muss das für die Zuhörer ein Schock gewesen sein. In ihren Ohren machte das überhaupt keinen Sinn! Welchen Nutzen hätte dann ein solches Gastmahl? Ganz klar, es hatte überhaupt keinen Nutzen für die Gastgeber. Sie hätten richtig viele Kosten und würden darauf sitzen bleiben.

Noch einmal, welche Bedeutung hat der Tisch? Natürlich geht es am Tisch ums Essen. In der Stiftshütte der Israeliten gab es einen Tisch. Auf diesem Tisch wurde jeden Tag frisches Brot zur Schau gestellt, die sogenannten Schaubrote. Es waren 12 Brote. Die Bedeutung der 12 Brote war folgende: an Gottes Tisch gab es immer genug zu essen für jeden der 12 Stämme Israels. Wir alle kennen und lieben den Psalm 23, wo es heißt: „Du bereitest vor mir einen Tisch, im Angesichte meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.“ Wenn wir diese Worte hören, dann stellen wir fest, dass der Tisch nicht einfach eine Errungenschaft menschlicher Zivilisation ist. Der gedeckte Tisch ist Gottes Erfindung für seine Kinder.

Was bedeutet es, am Tisch zu sitzen? Wir hatten es vorher schon kurz erwähnt: am Tisch zu sitzen bedeutet, angenommen zu sein; es bedeutet, ein Teil der Familie zu sein; es bedeutet, zu Hause zu sein; es bedeutet gesegnet zu sein; es symbolisiert das, was Dietrich Bonhoeffer mit seinem Buchtitel zum Ausdruck gebracht hat: „Gemeinsames Leben.“ Die Bedeutung von Mahlzeiten am Tisch können nicht überschätzt werden. John Ortberg sagte: „Wenn ich an Liebe denke, dann muss ich an einen Tisch denken.“ Ich hoffe, dass das jede Familie bei uns kennt und zelebriert. Für aufwachsende Kinder gibt es kaum etwas Wichtigeres und Prägenderes.

Jeder von uns an sich an besondere Momente am Tisch erinnern. Ich kann mich an unseren alten Familientisch erinnern, an dem ich aufgewachsen bin. (Papa saß immer am Ende der Eckbank; neben ihm saß Johanna; Mama saß Papa gegenüber; Lydia Esra und ich an den anderen drei Plätzen). Das war unser Familientisch, an dem wir unsere Gemeinschaft hatten. Morgens war die Stimmung meistens eher schlecht, weil wir Kinder nicht so gut gelaunt waren. Abends war es dann meistens besser. Wenn ich an den Beginn unserer Gemeinde denke, dann muss ich an einen Tisch denken. Nicht den Tisch bei uns im Wohnzimmer, der als Gottesdienstraum diente, sondern der Tisch in der Küche, wo Reiner, Birgit Steller und Birgit Steger regelmäßig Sonntags zu Abend aßen. Als Kind nimmt man Dinge anders war. Meine Eltern mögen eine andere Sicht darauf haben, wie für sie die Gemeinde begann. Aber für mich waren das die Momente, wo ich unsere Gemeinde wirklich wachsen gesehen habe.

Die Momente, die mir in Boston bei den Yoons am lebhaftesten in Erinnerung bleiben werden, ist die Gemeinschaft, die wir am Tisch hatten: das Bibelstudium, das Essen, die herzliche Gemeinschaft, die Gespräche, wie wir zusammen gelacht haben und die Tränen, die dort geflossen sind. Was dort am Tisch geschehen ist, war ein regelrechtes Wunder. Wir hatten das Ziel, das Evangelium mit an den Tisch zu nehmen. Und am Tisch wurde die frohe Botschaft von Jesus wirklich lebendig. Das Wort Gottes wurde in dieser Gemeinschaft wirklich lebendig unter uns. Als Grace und ich nach Heidelberg kamen und als wir gefragt wurden, die Leitung im Hoffnungskreis zu übernehmen, stand für uns fest, dass es einen Tisch geben muss. Wir hatten keine andere Wahl, als für unsere Freunde aus dem Kreis zu kochen. Wie soll man sonst Bibelstudium machen? Grace und ich hatten im vergangenen Jahr viele wunderbare Momente an diesem Tisch. Und es war mir eine große Freude zu hören, dass es anderen bei uns im Kreis ähnlich ging. „Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich an einen Tisch.“

Welche Anwendung können wir dann mitnehmen, wenn Jesus uns dazu auffordert, dass wir die Armen und Kranken zum Tisch einladen sollen? Es ist Jesu Aufforderung, unsere Herzen und Wohnungstüren weit aufzutun. Jesus will von uns radikale Großzügigkeit. Jesus will, dass die Tische bei uns in den Wohnungen Orte sind, wo andere Menschen Annahme und Aufnahme finden; wo andere Menschen die Bedeutung von gemeinsamen Leben erfahren; wo sie ein Teil der Familie werden; wo sie Jesu Liebe erfahren.

Der zweite Punkt war, dass wir demütigt sein müssen; der dritte Punkt ist, dass wir radikal großzügig sein sollen. Wie können wir das sein?

Viertens, Jesu Tisch ist reine Gnade

Die Antwort lautet, wir müssen selbst zuerst Gäste am Tisch des Königs werden. Es gab einen Zwischenruf: „Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!“ Diese Aussage ist wahr. Aber Jesus scheint nicht darauf einzugehen, zumindest nicht direkt. Stattdessen erzählt er ein weiteres Gleichnis. Und eine der Hauptlehren von diesem Gleichnis scheint zu sein, dass viele Menschen von dem unglaublichen Privileg, am Tisch der Königs zu essen, keinen Gebrauch machen.

Vers 16 und 17: „Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!“ Es gab zwei Einladungen. In der Übersetzung, die wir lesen, kommt das nicht ganz so deutlich heraus. Vers 16 erwähnt, dass der Gastgeber viele Gäste zu seinem Mahl einlud. Er sandte seinen Boten aus. Die eingeladenen Gäste mussten dann auf die Einladung antworten, entweder verbindlich zusagen oder absagen. In Vers 17 sandte der Gastgeber seinen Boten noch einmal aus. Es war ein großes Gastmahl (das griechische Wort mega wird hier gebraucht), und die Vorbereitung war mit großem Aufwand verbunden. Außerdem gab es damals noch keine Armbanduhren, und zeitliche Absprachen waren grob. Das zweite Mal ging es darum die eingeladenen Gäste zu informieren, dass das Essen fertig war: „Kommt, denn es ist alles bereit!“

Und dann kam die große Überraschung: „sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.“ Alle Gäste brachten Entschuldigungen vor. In Wirklichkeit waren das aber Ausreden.

Der Hausherr wurde wütend. Anstatt das ganze Festmahl in die Tonne zu treten, sandte er seinen Knecht aus, um auf den Straßen und Gassen der Stadt die Armen, Verkrüppelten, Blinden, Lahmen zu rufen. Das sind genau die Menschengruppen, von denen Jesus sagte, dass seine Nachfolger sie einladen sollte. Der Saal wurde voll. Aber es waren immer noch freie Plätze an den Tischen. Vers 23: „Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“ Und so ging der Bote auf die Landstraßen und in die Landhausstraße und an die Zäune und lud die Armen und die Ausgestoßenen ein. Das Wort „nötigen“ klingt ziemlich stark, und das ist es auch. Das griechische Wort kann auch mit „zwingen“ übersetzt werden, oder „bedrängen“. Der Hintergrund ist folgender: wie würden Arme und Kranke darauf reagieren, wenn es plötzlich heißt, dass der König sie zum Essen einlädt? Sie würden das entweder für einen schlechten Scherz oder für ein riesiges Missverständnis halten. Sie waren die letzten Menschen, für die sich ein Mächtiger interessieren würde. Um diese Menschen an den Tisch zu bekommen, war richtige Überzeugungsarbeit notwendig. Und Jesus schloss das Gleichnis mit einem Wort ab, das ziemlich harsch klingt: „Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“

Bevor wir uns Gedanken über dieses Gleichnis machen, müssen wir verstehen, wie das im originalen Kontext zu verstehen ist. Jesus erzählte dieses Gleichnis, nachdem ein Mann sagte: „Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!“ Jesus sagte mit seinem Gleichnis, dass das stimmt. Natürlich ist das unvorstellbare Freude, bei Gott und mit Gott feiern zu dürfen. Natürlich bedeutet das Reich Gottes Herrlichkeit für alle, die eintreten dürfen. Aber diejenigen, für die das Mahl eigentlich gedacht war, kamen nicht. Die Bedeutung ist eindeutig: Israel war eigentlich dazu bestimmt, am Tisch des Königs zu sitzen. Sie waren diejenigen, die ursprünglich eingeladen waren. Aber als Jesus kam, lehnten sie ihn ab. Gott füllt die Tische mit den Heiden, die erst überzeugt werden müssen, weil sie eigentlich an diesem Königstisch nichts verloren haben.

Was bedeutet das dann für uns? Das Gleichnis lehrt den Zusammenhang zwischen Gnade und Demut. Wir sind die Heiden, die unverhofft zu dem Privileg gekommen sind, am Königstisch sitzen zu dürfen. Wir haben keine Qualifikationen, keine Leistungen und keine Errungenschaften, mit denen wir das verdient hätten. Wie in dem Beispiel von Martin Boos sind wir diejenigen, die nichts vor Gott haben außer unserer Sünde. Das heißt, dass das alles Gnade ist. Die Tatsache, dass wir eingeladen sind, ist Gottes unverdientes Geschenk an uns. Gnade wiederum lässt sich nur dann annehmen, wenn man demütig ist. Es gibt die Art von Geschenken, die Demut erfordern, um sie wirklich dankbar annehmen zu können. Stellen wir uns vor, jemand schenkt uns zu Weihnachten eine riesige Flasche mit Mundspülung und Deo. Es erfordert Demut zu sagen: „Vielen Dank, dass du an meinen schlimmen Mundgeruch und Körpergeruch gedacht hast. Mundspülung und Deo ist genau das, was ich brauche.“ Gott bietet uns freien Zugang zu seinem Reich an. Es erfordert Demut zu sagen: „Vielen Dank, Herr, dass du mir eine Lösung für meine Sünden schenkst. Es ist genau das, was ich brauche.“

Als nächstes, das Gleichnis weist darauf hin, dass jemand anderes den Preis bezahlt hat, damit wir Zutritt zu Gottes Bankett bekommen. Wir müssen demütig sein. Aber wir dürfen gleichzeitig Demut nicht missverstehen. Demut ist kein Verdienst, mit dem wir uns Gnade verdient haben. Demut ist die Voraussetzung, um Gnade überhaupt etwas anfangen zu können. Verdient hat sich das jemand anderes. Viele Kommentatoren weisen an dieser Stelle auf ein anderes Abendmahl hin. Bei diesem Abendmahl nahm Jesus das Brot, dankte dafür, brach das Brot und gab es den Jüngern mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“ Und dann nahm Jesus den Kelch mit dem Wein und sprach: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ Das Abendmahl ist das Evangelium. Tim Keller hat die Bedeutung des Abendmahls so formuliert: entweder das Brot wird zerbrochen oder wir zerbrechen aus Hunger. Entweder der Wein wird ausgeschüttet, oder wir werden ausgeschüttet aus Durst. Wir leben, weil das Brot zerbrochen wurde und weil uns der Wein ausgeschenkt wurde. Und natürlich sind das Symbole für Jesu Leib und sein Blut.

Jesus, das Brot des Lebens wurde für uns zerbrochen. Und Jesus blutete am Kreuz sein Leben für uns aus. Als Jesus am Kreuz starb, wurde der König endgültig zu einem Sklaven. Derjenige, der den höchsten Ehrenplatz bei Gott verdient hatte, nahm den Platz der Schande ein. Der wahre Insider wurde zu einem Outsider. Am Kreuz sehen wir, dass Jesus so wie wir wurde, damit wir so werden können wie er. Paulus sprach davon, dass Jesus, der alles hatte, arm wurde, damit wir reich würden. Jesus bezahlte den Preis, damit wir Zutritt finden zum Abendmahl des Königs. Wenn wir mit solcher Gnade konfrontiert werden, wenn wir von solch einer radikalen Liebe getroffen und verändert werden, dann hilft uns das wirklich demütig zu sein und wir werden großzügig.

Was bedeutet es für uns, dass der Königssohn seinen Platz geopfert hat, damit wir an seinem Tisch sitzen können? Was bedeutet das für unseren Familientisch? Was bedeutet das für unseren Mittagstisch nach dem Gottesdienst? Es bedeutet, dass jeder noch so kleine Tisch, an dem wir sitzen, eine Erweiterung des himmlischen Banketts sein sollte. Jeder Tisch, an dem Gott uns leiblich satt macht, sollte eine Erinnerung daran sein, dass wir eines Tages in seinem Reich das Brot brechen werden. Die Tische, an welchen unsere Familien essen, sollen Jesu Tische werden. Jesus soll der erste Gast unseres Tisches sein. Und König Jesus soll der Gastgeber unseres Tisches sein.

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.“ Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich an einen Tisch.

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