Predigt: Psalm 119,49 – 64 (ז Zayin ח Heth)

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Deine Gebote sind mein Lied

„Deine Gebote sind mein Lied im Hause, in dem ich Fremdling bin.“

(54)

Psalm 119 ist nicht nur der Längste von 150 Psalmen, sondern bekanntlich auch das längste Kapitel der gesamten Bibel. Kein anderes Kapitel mehr als 100 Verse. Fast jeder der uns vorliegenden 176 Verse hat einen direkten Bezug zum Wort Gottes. Es gibt nur 2 Ausnahmen; das sind 1,1%. Der Rest hat einen direkten Bezug zum Wort Gottes und das Wort Gottes findet mindestens 8 verschiedene Synonyme. Zudem auffällig, dass die Ausgabe der Lutherbibel nur eine einzige Überschrift für diesen längsten aller Kapitel verwendet. Und darin sind 2 Informationen enthalten, die den Psalm 119 wahrscheinlich treffender nicht hätten zusammenfassen können. Die Überschrift lautet: „Die Herrlichkeit des Wortes Gottes (Das güldene ABC)“. Wir erfahren zum einen, worum es darin geht, nämlich um die Herrlichkeit des Wortes Gottes, zum anderen erhalten wir einen Hinweis auf den künstlerischen Aspekt, mit dem dieser Psalm verfasst wurde, der leider nur im hebräischen Original zur vollen Entfaltung kommt.

Psalm 119, auch unsere Textpassage, spiegelt auch das Leben seines Verfassers sehr schön wieder. Deshalb wollen wir uns heute einige Fragen stellen: 1) Unter welchen Umständen litt der Psalmist 2) Was schenkte dem Psalmisten Trost in seiner Not 3) Welche praktischen Anwendungen leitete der Psalmist ab.

Erstens – Unter welchen Umständen litt der Psalmist? (51.53.61)

Hierzu wollen wir auf 3 Verse blicken. Zunächst Vers 51: „Die Stolzen treiben ihren Spott mit mir; dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetz.“ Der Psalmist litt unter den „Stolzen“, die ihren Spott mit ihm trieben. Sie werden als stolz beschrieben, weil sie sich dem gläubigen Psalmisten überlegen fühlten und ihn wiederum erniedrigten. Man könnte den ersten Vers-Teil auch wie folgt übersetzen: Die Stolzen bzw. Arroganten spotten mich außerordentlich. Für den Psalmisten muss es alles andere als einfach gewesen sein, den vehementen Angriffen der Ungläubigen ausgesetzt zu sein. (Heute würde man Mobbing sagen oder religiöse Diskriminierung). Attacken dieser Art kennen wir aus unserer Zeit nur zu gut. Gläubige bekommen zu hören, wie man im 21. Jhd. an Gott glauben kann. Ob man keine anderen Hobbys habe, als in die Gemeinde zu gehen und Gottes Wort zu studieren. Denke, statt zu glauben… wird einem vorwurfsvoll angeraten. Nutze dein Hirnschmalz, verlasse dich auf die Wissenschaft, auf das Rationale, nicht auf das Unmögliche… (In den vergangenen Jahren haben wir unsere Infoabende dazu genutzt, um auf solche Vorwürfe und Vorurteile einzugehen und zu zeigen, warum gerade der Glaube an Gott und der Glaube an das Wort Gottes die vernünftigste Entscheidung und logischste Schlussfolgerung ist, die wir in dieser Welt treffen können). Trotz des Spottes seiner Zeitgenossen traf der Psalmist die Entscheidung: „dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetz“.

Er litt offenbar nicht nur unter Verbalattacken. Im Vers 61 berichtet er: „Der Gottlosen Stricke umschlingen mich; aber dein Gesetz vergesse ich nicht.“ Wir wissen nicht mit 100%iger Sicherheit, ob David diesen Psalm gedichtet hat aber wenn wir an Davids Leben denken, stellen wir fest, dass er mehr war als nur Zielscheibe des Spottes. (Sein Leib war im wahrsten Sinne des Wortes eine Zielscheibe. Saul hatte versucht ihn mit dem Speer zu treffen (Vlg. 1.Sam 20,33)). Mehrfach trachteten ihm seine Feinde nach dem Leben und wollten ihm den Garaus machen. Doch selbst unter solchen Umständen wollte der Psalmist unbeirrt an seiner Entscheidung festhalten: „aber dein Gesetz vergesse ich nicht.“

Betrachten wir schließlich den Vers 53: „Zorn erfasst mich über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen.“ Unter den Gottlosen, die ihm Leid zufügten, befanden sich offenbar nicht nur Heiden, sondern auch jüdische Genossen, die allerdings Gottes Gesetz bewusst und absichtlich verließen, gottlos wurden und gottlos lebten (vllt. war Saul ein solches Bsp). Als der Psalmist mit ansah, wie Menschen, die Gottes Wesen, Gottes Wort und Gottes Werk besser kennen sollten, als die restliche Welt, sich abkehrten und Gott und seinem Wort den Rücken zuwandten, konnte er nicht neutral bleiben. Er wurde zornig. Für „Zorn“ steht im Hebräischen „brennende Hitze“. Dieser Ausdruck zeigt die Liebe des Psalmisten zu seinem Gott und sein Interesse für Gottes Volk. Gott war ihm nicht gleichgültig, auch das Volk Gottes war ihm nicht gleichgültig. Sein (heiliger) Zorn liefert die Bestätigung.

Wir können uns selbst fragen, wie es uns geht, wenn Gottes Name gelästert wird, wenn Gottes Wort durch den Dreck gezogen wird und wenn Menschen den Weg des Glaubens verlassen. Bleibt unser Herz kalt und neutral? Dann stimmt etwas nicht; dann sind uns Gott und die Menschen gleichgültig. Oder brennt es in unserem Inneren? Daran können wir feststellen, wo wir stehen.

Wir haben durch 3 Verse gesehen, worunter der Psalmist zu leiden hatte: Unter den Anfeindungen der Gottlosen. Wir haben auch seine entschiedene Haltung zum Wort Gottes gesehen. Allerdings wäre es wirklich suboptimal, wenn unser Glaubensleben ausschließlich oder größtenteils aus Traurigkeit und Zorn bestünde. (Trifft das vllt. zu? Das wäre auch kein allzu erbauliches Zeugnis, weder für uns noch für andere.)

Im zweiten Teil wollen wir uns deshalb mit der folgenden Frage beschäftigen.

Zweitens – Was schenkte dem Psalmisten Trost in seiner Not? (49.50.52.54.55.62.56.57)

Betrachten wir zunächst den Vers 49: „Denke an das Wort, das du deinem Knecht gabst und lass mich darauf hoffen.“ Normalerweise müssen wir ständig an Gottes Wort erinnert werden. Wie oft und wie schnell vergessen wir sein Wort! Wie schnell vergessen wir z.B. unser Jahresleitwort? Die meisten können ein Lied davon singen. Der Dichter sang ein anderes Lied und es heißt in seinem Psalm: „Denke an das Wort, das du deinem Knecht gabst und lass mich darauf hoffen“. Er erinnerte sich sehr gut an das Wort – höchstwahrscheinlich ein Verheißungswort -, das Gott ihm einst gegeben hatte. Daran klammerte er sich fest, auch über Jahre hinweg, er vergaß es nicht, denn es war seine einzige reale Hoffnung und das wusste er. (In letzter Konsequenz und vor letzter Instanz war das Wort Gottes seine letzte und einzige Hoffnung.)

Betrachten wir Vers 50: „Das ist mein Trost in meinem Elend, dass dein Wort mich erquickt.“ Im Kontext der 3 Verse aus dem ersten Teil befand er sich im Elend. Diesen Zustand kennen wir, er ist uns weder abstrakt noch trivial, denn jeder von uns weiß, wie es sich anfühlt, im Elend festzusitzen. Schön wäre es, wenn unser Elend ausschließlich um Jesu Willen und um des Evangeliums Willen verursacht würde (dann hätte er etwas heroisch-geistliches an sich) aber in vielen Fällen sorgen unser Alltag und unser Unvermögen im Alltag für hinreichend viel Elend: Unsere Sündhaftigkeit, unsere Inkonsequenz, unsere Mutlosigkeit.

Elend ist uns nicht fremd. Elend kennen wir nur zu gut und Elend lässt sich nicht immer vermeiden. Die Frage ist, wie gehen wir mit unserem Elend um, was machen wir, wenn wir uns mittendrin befinden? Zerbrechen wir daran? D.h. streichen wir die Segel und gehen unter? Oder, zerbrechen wir Gottes Autorität über uns? D.h. suchen eine alternative Lösungen abseits von Gott, um mit dem Elend fertigzuwerden. Das sind typische Negativreaktionen. Der Psalmist aber kennt die Lösung in seiner Misere: „Das ist mein Trost in meinem Elend, dass dein Wort mich erquickt.“ Weder er zerbrach, noch Gottes Autorität. Er fand Trost in seinem Elend und wurde durch Gottes Wort erquickt. Das hebräische Wort für erquicken bedeutet wiederbeleben bzw. am Leben erhalten. Und das tat Gottes Wort in ihm. Gottes Wort war eine Wiederbelebung. Gottes Wort richtete ihn wieder auf. Gottes Wort war sein Heilmittel, nach Schicksalsschlägen. Dadurch lernen wir Gottes Wort kennen. Gottes Wort ist nicht einfach nur ein Wort. Gottes Wort ist lebendig und hat Kraft, uns Trost zu spenden und lebendig zu machen! Deshalb ist Gottes Wort wirklich unsere einzig wahre Hoffnung und daran können wir uns trösten.

Und gerade in der größten Not zeigt sich, wer sein Leben wirklich auf Gottes Wort gebaut hat und wer nur so getan hat als ob. Die Welt beschert uns Elend und Traurigkeit. Doch selbst wenn die ganze Welt untergeht, so überdauert Gottes Wort die Zeit. „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht“. (Lk 21,33) verkündete Jesus seinen Jüngern. Nur Gottes Wort ist in der Lage, uns die Hoffnung zu geben, die uns wahrhaftig tröstet und erquickt.

Wie wurde der Psalmist desweiteren getröstet? Betrachten wir den Vers 52: „Herr, wenn ich an deine ewigen Ordnungen denke, so werde ich getröstet.“ „ewigen Ordnungen“ könnte man auch übersetzen mit „ewiges Gericht“. Man könnte sich fragen, warum der Psalmist ausgerechnet durch das Nachsinnen über das ewige Gericht getröstet wurde. Doch dieser Vers steht im Einklang mit dem Gebet der Märtyrer in der Offenbarung, die unten am Altar positioniert mit lauter Stimme schrien: „Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offb 6,10) Es gibt viel Unrecht in dieser Welt. Und gerade wenn das Evangelium verkündet wird, erntet der Verkündiger der frohen Botschaft nicht selten zusätzliches Unrecht. Für den Psalmisten war der Gedanke an Gottes ewigen Ordnungen, also dass Gott all das Böse, das in dieser Welt geschieht, nicht einfach toleriert oder übersieht, sondern eines Tages auch richtet und seine ewige Gerechtigkeit walten lässt, unheimlich tröstlich. Und das sollte es auch für uns sein. (Das Gegenteil von Ordnung ist Unordnung. Und das Gegenteil von ewiger Ordnung ist wirklich schrecklich: ewige Unordnung! Als Kinder taten wir uns schwer, unsere Zimmer aufzuräumen, obwohl wir an der zunehmenden Unordnung litten. Es war einfach nicht schön! Mama konnte immer am besten aufräumen. Das war wie ein Wunder, wie sie es fertig brachte, dass es so sauber und ordentlich wurde! Danach war es ein Genuss, wieder Zeit im eigenen Zimmer zu verbringen). Eines Tages, im ewigen Reich, herrschen endlich und ein für alle Mal ewige Ordnung und Gerechtigkeit, uneingeschränkt und vollkommen, zu aller Zufriedenheit, ganz ohne Unordnung. Dieser Gedanke ist wirklich tröstlich.

Welchen Trost fand der Psalmist noch? Betrachten wir den Vers 54: „Deine Gebote sind mein Lied im Hause, in dem ich Fremdling bin.“ Vor zwei Wochen haben wir den Psalmisten bekennen hören: „Ich bin ein Gast auf Erden“ (Ps 119,19). Im Vers 54 verschärft und konkretisiert Luther die Formulierung seiner Übersetzung und benutzt das treffende Wort „Fremdling“. Der Dichter bekannte: Ich bin ein Fremder! Es ist nicht so schön, ein Fremdling zu sein. Zuhause ist es am Schönsten.

Der wohl bedeutendste Apologet unserer Zeit, Ravi Zacharias, verbringt ca. die Hälfte des seines Lebens mit Vortragsreisen im In- und Ausland. Er sagt, dass es Zeiten gibt, an denen er es kaum erwarten kann, nachhause zu kommen und seine Familie in die Arme zu schließen. Und manchmal, wenn er von einer langen Reise zurückkehrt, kniet er sich nieder und küsst den Küchenboden seines Hauses. Er kommentierte sein Verhalten mit den Worten: Es ist gut, zuhause zu sein. (Die Angelsachsen sagen: Home sweet home. Ein Lied trägt den Titel: Home sweet Alabama. Andere besingen California. Ein anderes Lied, das die Sehnsucht nach der Heimat zum Ausdruck bringt, lautet: 500 miles, indem es heißt: „Lord, I’m one, Lord, I’m two, Lord, I’m three, Lord, I’m four, Lord, I’m five hundret miles away from home… I’ll be free, I’ll be free, I’ll come to my country, Lord I’m five hundred miles away from home”.)

Es ist nicht sonderlich schwer, zu erkennen, dass es zuhause am schönsten ist, allerdings ging die Erkenntnis des Psalmisten weit darüber hinaus! „im Hause, in dem ich Fremdling bin“ wird von anderen Bibelausgaben wie folgt übersetzt: „solange ich […]auf dieser Erde lebe“ (NGÜ) oder „im Haus meiner Pilgerschaft“ (EU). Er bezeugt quasi, dass er, wo auch immer er sich auf der Erde befand, ein Fremder war und entsprechend daran zu leiden hatte. Dieses Verständnis deckt sich mit dem NT-Verständnis; Petrus nennt die verstreuten Christen „auserwählte Fremdlinge“ (1.Petr 1,1). Wir Christen sind also in Wirklichkeit von Gott auserwählt, als Fremde in dieser Welt zu leben, weil wir nicht in dieser Welt, sondern woanders, unsere wahre Heimat haben.

Wie ging der Psalmist mit der dazugehörigen Traurigkeit seines Fremdling-Daseins um? Er sagt: „Deine Gebote sind mein Lied im Hause, in dem ich Fremdling bin.“ „Deine Gebote sind mein Lied“ bzw. Deine Gebote sind mein Psalm. Jean Calvin kommentiert, dass dieses Lied für den Dichter mehr ist als nur Ausdruck seiner Sehnsucht nach Gott und der ewigen Heimat. Er schreibt: „Der Dichter wiederholt in einer anderen Ausdrucksweise, dass Gottes Gesetz die […]beste Freude seines Lebens war. Denn Gesang ist ein Zeichen der Freude.“ (Calvin, Psalm 119, V. 54) Gottes Wort war das Lied des Künstlers, welches ihm in der Fremde Freude bereitete. Unser Poet hatte die lebendige Kraft des Wortes Gottes erfahren. Es schenkte ihm Freude in der Einsamkeit, Hoffnung in der Fremde. Gottes Wort war ein helles Licht, in der ihn umgebenden Finsternis. Kein Wunder also, dass er Gottes Wort auf mannigfaltige Weise in seinem Psalm verarbeitet hat. Am liebsten sang er über Gottes Wort.

Gottes Wort tröstete ihn nicht nur tagsüber. Betrachten wir Verse 55 und 62: „Herr, ich denke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz.“ „Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken für die Ordnungen deiner Gerechtigkeit“. Während andere schlafen, was man nachts zutun pflegt oder dunkle, sündige oder kriminelle Machenschaften in der Stille und Anonymität der Nacht vollbringen, dachte unser Poet an Gottes Namen und hielt sein Gesetz und dankte Gott für die Ordnungen seiner Gerechtigkeit. Das ist ein starkes Zeugnis! Woran denkst du, wenn du nachts wach im Bett liegst? Wie sieht dein „Nachtleben“ aus, wenn keiner hinschaut? Möge Gottes Wort unser ganzes Wesen ansprechen und unser ganzes Leben prägen.

Durch die Verse 56 und 57 lernen wir seine besondere Wertschätzung des Wortes Gottes kennen: „Das ist mein Schatz, dass ich mich an deine Befehle halte.“ „Ich habe gesagt: Herr, das soll mein Erbe sein, dass ich deine Worte halte.“ Während die meisten Menschen mit Schatz und Erbe materielle Dinge verbinden, die auf dem ersten Blick Faszination ausüben, hatte der Psalmist einen anderen, verborgenen Schatz/Erbe entdeckt, das auf dem ersten Blick nicht glänzte: Gottes Wort, das er halten wollte! Während sich andere die Köpfe einschlagen, um ihren Schatzanteil zu sichern (auch Bodenschätze, die zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen) oder sich um das Erbe streiten und es zu zerbrochenen Beziehungen kommt (es existiert gar ein Erbrecht), konnte der Psalmist durch das Halten des Wortes Gottes sich uneingeschränkt und ohne jegliche Limitierung am göttlichen Wort erfreuen, das ihn auf ewig bereicherte! Was ist das Wort Gottes für uns? Ist es dein Schatz / dein Erbe? Halten wir uns bereitwillig daran?

Schließlich lesen wir im Vers 64: „Herr, die Erde ist voll deiner Güte; lehre mich deine Gebote“. Auch dieser Vers zeigt, wie der Verfasser Trost fand: Durch Gottes schöpferische Schönheit, mit der er die Welt gemacht hat und durch sein Gnadenwerk unter uns Menschen. Sie zeigen Gottes Güte, in unserer ansonsten finsteren Welt.

Abschließend zum zweiten Teil können wir folgendes Resümee ziehen. Trotz Leid und Elend muss unser Leben nicht von Trauer und Elend geprägt sein. Und je mehr wir Gott und seinem Wort Raum in uns geben, umso mehr können sie uns trösten und verändern. Die Frage ist, wie können wir das tun? Lasst uns im dritten Teil betrachten, was der Psalmist getan hat.

Drittens – Welche praktischen Anwendungen leitete der Psalmist ab? (59.60.63)

Lesen wir die Vers 59 und 60: „Ich bedenke meine Wege und lenke meine Füße zu deinen Mahnungen. Ich eile und säume nicht, zu halten deine Gebote.“

Man könnte diese Verse leicht überfliegen und den enormen Reichtum ihrer Aussage verpassen. Der Autor schriebt: „Ich bedenke meine Wege“, d.h. er reflektierte über sein Leben, über seine Handlungen und Entscheidungen. Das tun nicht viele Menschen. Viele leben in den Tag hinein oder halten ihre Weg für den besten Weg. Selbst wenn sie erkannt haben, dass ihr Weg nicht der Richtige ist, sind viele manövrierunfähig. Der Psalmist aber schreibt: „und lenke meine Füße zu deinen Mahnungen.“ Er lernte, das Wort Gottes auf sein Leben anzuwenden und Konsequenzen zu ziehen! Für das von Luther verwendete „lenke meine Füße“ steht im Urtext: „umkehren der Füße“. Er musste also nicht nur eine leichte Korrekturmaßnahme von wenigen Grad vornehmen, also feinjustieren, sondern um 180° wenden. Und Vers 60 zeigt uns seine Haltung: „Ich eile und säume nicht, zu halten deine Gebote.“ Er war weder träge, noch bereitete es ihm große Schmerzen. Weil er sich von der Wahrheit, Relevanz und Herrlichkeit des Wortes Gottes überzeugt hatte, beeilte er sich, seine Wege nach dem Wort Gottes auszurichten. Und das macht auch heute den Unterschied aus, zwischen einem vor sich her dümpelnden Christen und einem Gläubigen, der ansprechbar ist für Gott und sein Wort. Auch wenn wir nicht so jemand sind, sollten wir uns von Herzen wünschen, so einer zu sein!

Welche Entscheidung traf er noch? Vers 63 lautet: „Ich halte mich zu allen, die dich fürchten und deine Befehle halten.“ Man könnte meinen, der Psalmist wäre ein Einzelkämpfer, ein gläubiger Robinson Crusoe, auf einer kleinen und einsamen Glaubensinsel, umgeben von einem Ozean des Unglaubens. Doch auch er hatte Glaubensgenossen. Und selbst wenn sein Glaube dem Glauben seiner Geschwister überragte, wollte er sich zu denen halten, die Gott fürchteten und seine Befehle hielten. Er traf also die Entscheidung, in Solidarität und Gemeinschaft zu anderen Gläubigen zu leben, anstatt sein Ding durchzuziehen. Für uns ist das ein starker Appell, gerade für unser Gemeindeleben (natürlich auch über die Gemeindegrenzen hinaus). Wir sollten erkennen, wie sehr wir uns gegenseitig, als den gemeinschaftlichen Leib Christi benötigen, anstatt uns innerhalb der Gemeinde zu distanzieren. Wenn jemand meint, im besondere Maße vom Geist Gottes erfüllt zu sein, sollte er sich von anderen in der Gemeinde, die ebenfalls Gott lieben und Gottes Wort lieben, nicht distanzieren, sondern einander in Demut annehmen. Das Gleiche gilt für diejenigen, die meinen, anderen im geistlichen Verständnis, der persönlichen Reife, den Glaubenswerken etc. überlegen zu sein. Der Psalmist suchte Solidarität und Gemeinschaft und nicht die Distanz. Gott möchte diese Gemeinschaft gebrauchen, um uns zu erbauen und zu ermutigen. Möge er in gleicher Weise seinen Segen über unsere Gemeinde ausschütten.

Zum Schluss wollen wir uns noch den Vers 58 vor Augen führen: „Ich suche deine Gunst von ganzem Herzen; sei mir gnädig nach deinem Wort.“ Wörtlich übersetzt würde der Vers in etwa so klingen: Von ganzem Herzen sehne ich mich nach deinem Angesicht, bis ich schwach und krank werde; sei mir gnädig nach deinem Wort.

Auf der einen Seite sehen wir die große Sehnsucht nach Gott. Auf der anderen Seite sehen wir, dass der Psalmist Gott darum bat, ihm gnädig zu sein. Und er wusste: Gottes Wort ist die Quelle dieser Gnade! Ansonsten könnte man den falschen Eindruck erlangen, dass er durch seinen perfektionistischen Gehorsam seinen Weg zu Gott fand. In Wirklichkeit ist jeder Mensch auf die Gnade Gottes angewiesen. Und es ist Gottes eigens Wort, das uns diese Gnade vermittelt. Allen voran das Wort des Evangeliums, das durch und durch von Gnade durchtränkt ist und vor Gnade trieft.

Wir wollen die Predigt christologisch abschließen, denn niemals haben wir so große Gnade gesehen, wie durch Jesus Christus, der als Gottes Wort Fleisch geworden ist und zu uns kam, der an unserer Stelle gespottet wurde, an unserer Stelle von den Stricken der Gottlosen umschlungen ward, an unserer Stelle das Gericht empfing, an unserer Stelle alles in Ordnung brachte und deshalb wirklich trösten kann, weil er Gottes Güte in die Welt gebracht hat. Und dieses Wort des Evangeliums, das uns diese Gnadenbotschaft vermittelt, ist wirklich unser Schatz und Erbe, das wir lieben, halten und verbreiten sollten wie nichts anderes auf der Welt.

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