Predigt: 2. Korinther 11,1 – 15

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Die Erniedrigung zur Erhöhung anderer

„Oder habe ich gesündigt, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt“

11,7

In dem heutigen Text aus Korinther 11 geht es darum, dass sich Paulus durch Verzicht auf Geld selbst erniedrigte, um andere zu erhöhen. Paulus konnte ein wahrhaftiger Diener des Evangeliums sein, indem er bereit war sich selber zu erniedrigen, um andere zu erhöhen. Wir wollen heute diesen wichtigen Punkt von ihm lernen: Sich im Dienst für das Evangelium zu erniedrigen, um andere zu erhöhen. Weil diese Art von Erniedrigung absolut selbstlos ist, muss derjenige, der sie praktizieren möchte, sehr einfältig sein. Paulus spricht in dem Text von „Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus“. Dies ist der andere Punkt, den wir heute lernen wollen.

Beide Punkte hängen natürlich miteinander zusammen. Die Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus befähigt uns, uns zur Erhöhung anderer zu erniedrigen. Demgemäß habe ich die Predigt in zwei Teile gegliedert: 1. Die Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus; 2. die Einfalt und Lauterkeit gegenüber den Menschen.

Teil I: Die Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus (V. 1 – 6)

Wie wir aus der letzten Predigt erfahren haben, nahm Paulus zum Ende des Briefes seine Verteidigung gegen die persönlichen Angriffe der falschen Aposteln wieder auf. Dabei ging Paulus gegen diese vehement vor. Er drohte zu strafen, stellte ihre falschen Motive bloß und sprach über sie mit Sarkasmus und Ironie. Und zu allem obendrein erzählte er viel Gutes über sich. Warum machte Paulus das? Tat er es, um seine Gegner platt zu machen bzw. um sich selbst zu erhöhen? Lesen wir gemeinsam Vers 2: Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. Der Grund war, dass Paulus um die Korinther eiferte. Paulus war regelrecht verrückt nach den Korinthern. Er liebte sie sehr und hatte Angst sie zu verlieren. Aber auch dabei ging es ihm nicht um sich selbst. Paulus wollte sie nicht für sich, sondern für Jesus gewinnen. Sein Eifer um die Gemeinde war umschlossen in den Eifer um Jesus. Seine leidenschaftliche Liebe zur Gemeinde war umschlossen in der leidenschaftlichen Liebe zu Jesus. Paulus war erpicht, Jesus eine reine Jungfrau zuzuführen. Worin zeichnet sich eine reine Jungfrau, die verlobt ist, aus? Eine reine Jungfrau ist keusch. Sie liebt einzig und allein ihren Verlobten und schwärmt nicht nebenbei noch für andere Männer. Sie denkt nur an ihren Verlobten und kann die Hochzeit kaum abwarten. So eine Jungfrau wollte Paulus Jesus zuführen. Wie wir wissen, ist mit der Jungfrau die Gemeinde gemeint. Paulus wollte für Jesu Wiederkunft eine Gemeinde vorbereiten, die einzig und allein Jesus liebt, eine Gemeinde, die verliebt in Jesus ist und nur an ihn denkt. Paulus wollte sozusagen Jesus die beste Frau zuführen, um Jesus eine große Freude zu bereiten. Seine Freude war dieselbe wie die von Johannes, dem Täufer. Der sagte: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt.“ (Johannes 3.29).

Der Grund, warum Paulus so vehement um die Gemeinde rang und warb, war also der, dass er für Christus eiferte. Er wollte Jesus eine große Freude bereiten, indem er ihm eine hervorragende Frau zuführen wollte. Paulus ging es nicht wie seinen Gegnern um Gewinn, Macht und Erfolg in der Gemeinde, nein einzig allein darum, Jesus eine Freude zu bereiten. Eben darin zeigt sich Paulus Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus. Man kann im Dienste für Gott im Laufe der Zeit von dieser Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus leicht abweichen, indem sich andere Motive ins Herz einschleichen. Ein christlicher Autor beschreibt diese negative Entwicklung so: „Gott schenkt einem bestimmten Menschen eine Vision von der Gemeindearbeit, die er anfangen, von dem Missionsprogramm, das er ins Leben rufen, oder von der Medienarbeit, die er initiieren soll, und die Person ist von diesem Gedanken begeistert und innerlich ergriffen. Bald jedoch wird das, was heilig und gerecht begonnen hat, zum Ego-Trip. Was ursprünglich Gott gehörte, geht an den Menschen über – und schon ist der Prediger des Evangeliums vom göttlichen Plan in den menschlichen hinübergetreten. Jeder geistlicher Führer kämpft mit diesem Syndrom.“

Paulus aber blieb in der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus. Sein leidenschaftlicher Eifer für Christus veranlasste ihn zu einer großen Befürchtung hinsichtlich der Korinthergemeinde. Welche war das? Betrachten wir Vers 3: Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus. So wie der Teufel mit List Eva verführte, so standen auch die Korinther in der Gefahr durch den Teufel, von dem die falschen Aposteln kamen, verführt zu werden. Eva war sehr einfältig. Ihre Einfalt kam dadurch zum Ausdruck, dass sie nicht im Geringsten daran dachte, Gottes Gebot zu übertreten. Für sie war Gottes Wort unmissverständlich. So wie es Gott gesagt hatte, so verstand sie es auch. Doch dann kam der Teufel in der Gestalt der Schlange mit den Worten: „Ja, sollte Gott gesagt haben…“. So wie Eva waren auch die Korinther anfangs einfältig gewesen. Wie können wir uns diese Einfalt der Korinther vorstellen? Die Korinther liebten den Jesus, den Paulus ihnen verkündigt hatte. Sie zweifelten nicht daran, dass dieser Jesus der wahre Jesus ist. Jesus, voller Wahrheit und Gnade, war ihnen klar vor Augen gezeichnet. Es war für sie ganz einfach, den Willen von Jesus, der voller Wahrheit und Gnade ist, zu verstehen: „Jesus hat für mich alles hingegeben, also gebe auch ich für ihn alles hin, Jesus hat sich für mich nicht verschont, also verschone auch ich mich nicht für ihn, Jesus gab sein Leben für mich, also gebe auch ich mein Leben für ihn. Jesus hat mich über alles geliebt, also liebe auch ich ihn über alles.“ Die Folge war, dass sich die Korinther Jesus mit aller Einfalt hingaben und ihn mit reiner Liebe liebten. Im englischen steht daher anstelle von „Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus“ „your sincere and pure devotion to christ“. Aber was geschah dann? Dann kam der Teufel in der Gestalt der falschen Aposteln. Er wendete die Korinther von ihrer Lauterkeit und Einfalt gegenüber Christus ab. In ihnen kam die Frage auf: „Ja, sollte Jesus wirklich so sein, wie Paulus ihn uns verkündigt hat?

Im Vers 4 sehen wir die Offenheit und das Verlangen der Korinther nach einem anderen Jesus, einem anderen Geist und einem anderen Evangelium. Was sind ein „anderer Jesus“, ein „anderer Geist“ und ein „anderes Evangelium“? Ein „anderer Jesus“ war zu der Zeit durch die Irrlehre der Gnostiker im Umlauf. Gemäß dieser Lehre war Jesus allein ein göttliches Wesen, das weder einen echten menschlichen Körper an hatte noch starb. Weil für die Gnostiker nur die geistliche Natur zählte, war es für sie nicht schlimm, im Fleisch zu sündigen. In letzter Konsequenz gedacht, verkündigten die Gnostiker also einen Jesus, der sagt: „Du darfst ruhig sündigen.“ Wisst ihr wie dieser Jesus aussah? Er hatte funkelnd blaue Augen und ein breites Lächeln. Mit diesem anderen Jesus ging ein anderes Evangelium einher. Die Botschaft des Evangeliums wurde im Sinne einer Legitimation der fleischlichen Freiheit und des Missbrauchs der Gnade Gottes verstanden. Wer solch einem Evangelium Glauben schenkte, öffnete sich natürlich dem Einfluss von einem anderen Geist, nämlich eines bösen Geistes. Der Heilige Geist verklärt uns mehr und mehr, wie Jesus ist. Der böse Geist hingegen verzerrt unser Bild von Jesus mehr und mehr.

Allerdings wäre es zu naiv gegenüber dem Teufel, wenn wir denken, dass es nur einen anderen Jesus gibt. Da der Teufel sehr listig ist, kann er mehrere andere „Jesusse“ schaffen. Bemerkenswerterweise spricht Paulus auch im Galaterbrief von einem anderen Evangelium. Dort heißt es: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lässt von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium.“ Wie wir wissen, waren die Galater gesetzlich. Sie glaubten an einen gesetzlichen Jesus. Aussagen wie: „Die Wiedergeburt ist nur 5%, der Rest ist Nachfolge.“, oder: „Die Wiedergeburt ist Gottes Anteil, die Nachfolge ist unsere Aufgabe.“ wurzeln in ein gesetzliches Jesusbild. Wenn wir gemäß dieser Aussagen denken sollten, dann haben wir die Einfalt vor dem Kreuz verloren. Das wahre Evangelium sagt: „Das Kreuz ist genug. Jesus macht keine 50:50 mit dir!

Wie steht es mit dir und mir? Stehen wir noch in der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus? Um dies zu überprüfen, können wir uns folgende Fragen stellen, die sich aus dem bisherigen Text ableiten lassen: Erstens was ist mein Motiv im Dienst für die Gemeinde? Jesus zu erfreuen oder etwas anderes? Zweitens, welchen Jesus liebe ich? Ist es der Jesus, der voller Wahrheit und Gnade ist, oder ein anderer Jesus? Möge Gott uns helfen in der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus zu bleiben.

Die Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus wird uns helfen, unsere Mitmenschen mit Einfalt und Lauterkeit zu behandeln. Lasst uns das im zweiten Teil betrachten.

Teil II: Die Einfalt und Lauterkeit gegenüber den Menschen (V. 5 – 15)

Wir haben gesehen, dass Paulus die Korinther sehr liebte. Um sie aus dem Einfluss der falschen Aposteln zu bringen, sah sich Paulus gezwungen, etwas zu tun, was ihm eigentlich zuwider war und was er als „Torheit“ bezeichnet hatte. Paulus fängt nun an, sich hervorzutun und sich selbst zu empfehlen. Betrachten wir die Verse 5–6: Ich meine doch, ich sei nicht weniger als die Überapostel. Und wenn ich schon ungeschickt bin in der Rede, so bin ich´s doch nicht in der Erkenntnis; sondern in jeder Weise und vor allen haben wir sie bei euch kundgetan. Wen Paulus mit den „Überaposteln“ meint, sind sich die Ausleger uneins. Die einen halten die „Überapostel“ für die falsche Aposteln, die sich in der Korinthergemeinde eingeschlichen haben, die anderen für die Uraposteln. Persönlich haben mich die Argumente eines Kommentars aus der Wuppertaler Studienbibel1 überzeugt, wo die Ansicht vertreten wird, dass sich Paulus hier auf die Uraposteln bezieht. Die falschen Lehrer müssen den Korinthern eingeredet haben, dass Paulus kein wirklicher Apostel sei, weil er nicht einer der Uraposteln war. Weil sie so sehr die Uraposteln betonten, sprach Paulus von ihnen in ironischer Weise von „Überaposteln“ oder laut anderer Übersetzung von den „ganz großen Aposteln“. Mit dieser Bezeichnung macht sich Paulus nicht über die Uraposteln lustig, sondern kritisiert deren Überbetonung. Paulus gesteht ein, dass er zwar nicht rhetorisch begabt war, doch in der Erkenntnis den anderen Aposteln in Nichts nachkomme. Und gerade die Korinther müssten das doch wissen, weil er seine Erkenntnis unter ihnen kundgetan hatte.

Wie hatte er sie kundgetan? Lesen wir Vers 7 einmal gemeinsam: Oder habe ich gesündigt, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt. Paulus hatte seine Erkenntnis nicht durch rhetorische Reden oder durch hochgestochene Philosophien kundgetan, sondern dadurch, dass er sich in besonderer Weise erniedrigt hatte. Was war diese besondere Erniedrigung? Paulus hatte auf sein Recht, sich vom Evangelium zu ernähren, verzichtet, zumindest in Korinth. Dadurch unterschied er sich nicht nur von den falschen Aposteln, die nur auf Profit aus waren, sondern auch von den Uraposteln, die von ihrem Recht auf Geld für ihren geistlichen Dienst Gebrauch machten. Auf diesen Gegensatz zu den Uraposteln ging Paulus schon im ersten Korintherbrief ein, wo es heißt: „Haben wir nicht das Recht, zu essen und zu trinken? Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die andern Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas? Oder haben allein ich und Barnabas nicht das Recht, nicht zu arbeiten. Wer zieht denn in den Krieg und zahlt sich selbst den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seiner Frucht? Oder wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde?“ (1.Korinther 9.4-7). Dass Paulus auf sein Recht verzichtete, war in mehrfacher Hinsicht eine Erniedrigung. Erstens musste Paulus Mangel erleiden (wie wir aus Vers 9 entnehmen können). Paulus erniedrigte sich dadurch, dass er in Armut lebte. Doch die eigentliche Erniedrigung war eine andere. Sie hatte einen kulturellen Hintergrund. „Die griechische Kultur maß die Bedeutung eines Redners an dem Entgelt, das er forderte“ (vgl. MAC ARTHUR, J. 2003: 1692)2. Wer also viel Geld für seine Reden forderte, dem maß man große Erkenntnis zu. Wer wenig verlangte, dem maß man geringe Erkenntnis zu. Als nun Paulus im Gegensatz zu den Uraposteln nichts verlangte, sah es so aus, als wäre er ein billiger Redner, einer, dem es an Erkenntnis fehlte. Wir können uns gut vorstellen, wie die falschen Lehrer diese kulturellen Umstände gebrauchten und damit argumentierten, dass Paulus´ Verzicht auf Bezahlung beweise, dass er in Wirklichkeit kein Apostel sei.

Die eigentliche Erniedrigung von Paulus bestand also darin, dass Paulus mit seinem Verzicht auf Entgelt die Anerkennung als echter Apostel verlor. Er bekam das Image eines billigen Apostels, einer Laie oder gar eines Hochstaplers. Paulus verlor regelrecht sein Gesicht. So hat Paulus nicht nur auf Geld verzichtet, sondern auf jede Art von Gewinn, wie eben Anerkennung und Wertschätzung. Warum hatte sich Paulus so sehr erniedrigt? Paulus sagt: damit ihr erhöht würdet. Indem Paulus den Korinthern das Evangelium ohne Entgelt verkündigt hatte, hatte er sie besonders behandelt, in gewisser Weise gegenüber den anderen Gemeinden privilegiert.

Im Gegensatz zu den falschen Lehrern ging es Paulus also nicht darum, sich selbst, sondern die Korinther zu erhöhen. Und dafür war er bereit, alles aufs Spiel zu setzen, selbst sein Gesicht als echter Apostel. Wir sehen hier, welche reine und selbstlose Absichten Paulus gegenüber den Korinthern verfolgte. Seine Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus kam dadurch zum Ausdruck, dass er die Korinther mit Einfalt und Lauterkeit begegnet war.

Wie steht es mit dir und mir? Erniedrigen wir uns, um andere zu erhöhen, oder in Wirklichkeit um uns zu erhöhen? Oder anders gefragt: Dienen wir dem Evangelium wirklich ohne Entgelt oder geht es uns im Verbogensten unseres Herzens doch darum, einen Gewinn zu machen. Persönlich glaube ich, dass niemand von uns Bibelstudium aus dem Grund gibt, um finanziellen Profit daraus zu schlagen. Wie auch immer, es gibt andere selbstsüchtige Motive, die uns zur Verkündigung des Evangeliums bewegen können. Vielleicht ist es Erfolgssucht, oder vielleicht das Trachten nach neuen Mitarbeitern, oder vielleicht Anerkennung oder Selbstzufriedenheit usw.

Wie ist es aber möglich, uns wie Paulus wahrhaftig zu erniedrigen? Lesen wir noch einmal gemeinsam Vers 7: Oder habe ich gesündigt, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt. Wie Paulus die Korinther behandelte, war dieselbe Art und Weise, wie der Herr Jesus Paulus behandelt hatte. Jesus hatte sich erniedrigt, um Paulus zu erhöhen. Wie wir wissen hatte der alte Paulus, also Saulus von Tarsus, unzählige Christen auf seinem Gewissen. Eigentlich hätte er die bitterste Strafe verdient. Doch anstelle ihn in die tiefste Verdammnis zu werfen, erhob ihn Jesus zu einem Kind Gottes. Dies geschah völlig ohne Entgelt. Für Paulus, aber nicht für Jesus. Jesus musste einen hohen Preis bezahlen. Er bezahlte den Preis, indem er sich bis zum äußersten selbst erniedrigt hatte. Denn als Jesus auf die Erde kam, kam er in Niedrigkeit. Er wurde in einem armseligen Ort geboren. Er wuchs in einer verächtlichen Stadt auf. Er aß mit Zöllnern und Sündern. Er lebte wie ein Obdachloser. Er starb wie ein Verbrecher. Bei all dem kann man sich fragen: „Soll so der Sohn Gottes sein?“, „soll das der König der Könige sein?“. So wie es für die Korinther peinlich war, dass ein Apostel auf sein Entgelt verzichtet, so scheint es dem natürlichen Menschen absolut unverständlich zu sein, dass ausgerechnet der Sohn Gottes in solch einer erbärmlichen Niedrigkeit kam, lebte und starb. Für die Griechen war dies so eine Torheit, dass sie den Jesus am Kreuz mit einem Eselskopf zeichneten. Sie konnten das Kreuz nicht verstehen, weil sie sich für zu weisen hielten bzw. weil es ihnen an Einfalt fehlte. Aber Paulus konnte es verstehen. Seine Einfalt gegenüber Christus ließ ihn verstehen, Jesus hat sich so sehr erniedrigt, um ihn zu erhöhen. Aber bei dieser Erkenntnis blieb er nicht stehen. Er verstand, Jesus möchte, dass nun auch er sich erniedrigt, um andere zu erhöhen.

Jesus hat sich nicht nur für Paulus erniedrigt, sondern auch für dich und mich. Er verlor für uns alles, seine Ehre, sein Gesicht und sein Leben. Wozu? Um uns zu erhöhen. Wir, die wir eigentlich nur Strafe verdient hätten, wurden zu seinen Kindern gemacht. Für welchen Preis? Völlig umsonst. Wenn wir diese Gnade wie Paulus mit einem einfältigen Herzen begreifen, können wir uns für andere erniedrigen, um sie zu erhöhen. Dann können wir das Evangelium völlig selbstlos verkündigen. Nicht für Geld, nicht für Ehre noch für etwas anderes. Ja, was hat man dann davon? Ja nichts. Außer dass du Jesus, den du liebst, eine große Freude bereitest. Sehen wir nun, was für eine Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus erforderlich ist, um das Evangelium ohne Entgelt zu verkündigen?

Betrachten wir die Verse 8-11: Andere Gemeinden habe ich beraubt und Geld von ihnen genommen, um euch dienen zu können. Und als ich bei euch war und Mangel hatte, fiel ich niemandem zur Last. Denn meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen. So bin ich euch in keiner Weise zur Last gefallen und will es auch weiterhin so halten. So gewiss die Wahrheit Christi in mir ist, so soll mir dieser Ruhm im Gebiet von Achaja nicht verwehrt werden. Warum das? Weil ich euch nicht lieb habe? Gott weiß es. In diesen Versen greift Paulus einen Vorwurf der Korinther gegen ihn auf. Dieser Vorwurf muss etwa so gelautet haben: „Andere Gemeinden beraubt er, von anderen Gemeinden lässt er sich besolden, aber von uns nimmt er nichts an.“ Dieser Vorwurf war natürlich maßlos übertrieben gewesen. Erstens handelte es sich nicht um eine Beraubung, sondern um eine Liebesgabe. Zweitens waren es nicht mehrere Gemeinden, sondern nach Philliper 4.15 vermutlich nur die Phillipergemeinde, die Paulus vom Herzen unterstützt hatte. Nichtsdestotrotz wehrte sich Paulus nicht gegen diesen Vorwurf, sondern wollte ihnen helfen, in seinem Verzicht auf Entgelt seine besondere Liebe zu ihnen zu sehen. Bekanntlich liebt man ja seine Sorgenkinder in besonderer Weise. Und so war es wohl auch bei Paulus gegenüber den Korinthern. Doch die Korinther nahmen an dieser besonderen Liebe von Paulus zu ihnen Anstoß. Sie fühlten sich in ihrem Stolz verletzt. Obwohl die Korinther daran Anstoß annahmen, war Paulus fest entschlossen, weiterhin auf Entgelt zu verzichten.

Warum das? Betrachten wir die Verse 12-13: Was ich aber tue, das will ich auch weiterhin tun und denen den Anlass nehmen, die einen Anlass suchen, sich zu rühmen, sie seien wie wir. Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. Paulus wollte weiterhin auf seinen Entgelt verzichten, um den Unterschied zwischen ihm und den falschen Aposteln klar zu machen. Wie sehr sich auch die falschen Aposteln als Aposteln Christi verstellen vermochten, eins konnten und wollten sie nicht: dem Evangelium ohne Entgelt, selbstlos dienen. Gerade deshalb wünschten sich Paulus Gegner so dringend, dass auch er sich von der Gemeinde Korinth besolden lässt. Sie wollten, dass der mächtige Unterschied zwischen ihnen und Paulus verschwindet. Was war das für eine Strategie? Betrachten wir die Verse 14f: Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen als Diener der Gerechtigkeit; deren Ende wird sein nach ihren Werken. Die Strategie der falschen Aposteln war die Strategie des Satans. Die Strategie des Satans besteht darin, zu allem, was Gott schafft, etwas Ähnliches zu schaffen. So gibt es vom Satan einen anderen Jesus, einen anderen Geist, ein anderes Evangelium, andere Aposteln und andere Engel. Und er selbst vermag sich als einen Engel zu verstellen. Was ist der Sinn dieser Strategie? Der Sinn dieser Strategie ist, dass der ungeistliche Mensch nicht den Unterschied zwischen Fake und Original sieht. Er vermag nicht zu unterscheiden. Er fällt so wie die Korinther auf einen anderen Jesus sehr schnell herein. Wer vermag diese List des Teufels zu durchschauen? Die Ironie ist, dass ausgerechnet der Einfältige die List des Satans durchschaut. Derjenige, der in der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus bleibt, sieht ganz klar den Unterschied. Er ist in der Lage, die sich mit einer Irrlehre heimlich einschleichenden Schlange zu bemerken und ihr sogleich auf den Kopf zu treten. Wenn wir in der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus bleiben, können wir uns und andere vor der List des Teufels schützen.

Wir haben heute gelernt, dass es im Dienst für das Evangelium darum geht, sich selbst zu erniedrigen, um andere zu erhöhen. Dies können wir tun, wenn wir den Herrn Jesus, der dasselbe für uns tat, wahrhaftig erkennen.

Lesen wir zum Schluss noch einmal das Leitwort: „Oder habe ich gesündigt, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt“

Quellen:

1 WERNER DE BOOR 1973: Der zweite Brief des Paulus an die Korinther. In: Wuppertaler

Studienbibel, S. 209-219.

2 MAC ARTHUR, J. 2003: 2. Korinther. In: Studienbibel, S. 1692.

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