Predigt: 2. Korinther 7,2 – 16

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Die Traurigkeit nach Gottes Willen

Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod.

2. Kor. 7.10

In der Regel verbinden wir mit Traurigkeit eher etwas Schlechtes. Niemand möchte gern traurig sein. Doch es gibt eine Traurigkeit, die von Gott gegeben und von Gott gewollt ist. Was unterscheidet diese Traurigkeit von der üblichen Traurigkeit? Warum ist die gottgewollte Traurigkeit so wichtig? Was bewirkt die gottgewollte Traurigkeit in uns? Wir erfahren Antworten auf diese Fragen in dem heutigen Text aus 2. Korinther 7. Möge Gott uns durch die Betrachtung des Textes zu der von Ihm gewollten Traurigkeit führen und ermutigen.

Wie wir bereits wissen, war die Beziehung zwischen Paulus und die Gemeinde in Korinth ziemlich problematisch. Falsche Lehrer hatten sich in die Gemeinde eingeschlichen und Misstrauen in ihrer Beziehung zu Paulus gesät. Deswegen appellierte Paulus noch einmal an die Korinther: Gebt uns Raum in euren Herzen! Wir haben niemand Unrecht getan, wir haben niemand verletzt, wir haben niemand übervorteilt. Eigentlich müsste Paulus eine tiefe Ablehnung gegenüber den Korinthern empfnden. Denn ihre Lebensweise war fleischlich und obendrein hatten sie sich auch noch gegen ihn gewandt. Wie war aber Paulus gegenüber der Gemeinde trotz all dem eingestellt? Betrachten wir Vers 3: Nicht sage ich das, um euch zu verurteilen; denn ich habe schon zuvor gesagt, dass ihr in unserem Herzen seid, mitzusterben und mitzuleben. Anstelle sie zu verurteilen, waren die Korinther in seinem Herzen. Paulus fühlte sich mit den Korinthern zutiefst verbunden. Er sah eine unauflösliche Gemeinschaft mit ihnen im Leben und Tod. Paulus liebte die Korinther trotz all dem, was zwischen ihnen gelaufen war, sehr. Er war bereit ihnen zu vergeben. Müsste aber Paulus nicht zumindest ein schlechtes Bild über die Korinther haben? Betrachten wir Vers 4: Ich rede mit großer Zuversicht zu euch; ich rühme viel von euch; ich bin erfüllt mit Trost; ich habe überschwängliche Freude in aller unsrer Bedrängnis. Nein, Paulus dachte nicht schlecht über die Gemeinde. Im Gegenteil, er war regelrecht stolz auf sie. Wenn Paulus mit seinen Mitarbeitern über die Korinther sprach, redete er viel Gutes über sie. Wenn er an sie dachte, wurde er mit großer Zuversicht erfüllt. Der Gedanke an die Korinther erfüllte ihn mit Trost. Sie wurden ihm sogar zum Anlass riesengroßer Freude inmitten seiner schwierigen Leiden. Bei all dem wirft sich uns natürlich die Frage auf: „Warum? Warum um alles auf der Welt war Paulus so positiv gegenüber den Korinthern eingestellt?“ Das war doch die Gemeinde, wo einer seine Stiefmutter geheiratet hatte, wo ein Bruder den andern vors Gericht brachte, wo man mit seinen Gaben prahlte und sich zu allem obendrein angemaßt hatte, Paulus apostolische Autorität anzuzweifeln. Aber ausgerechnet über diese Gemeinde sagte Paulus: Ich rede mit großer Zuversicht zu euch; ich rühme viel von euch; ich bin erfüllt mit Trost; ich habe überschwängliche Freude in aller unsrer Bedrängnis. Das klingt schon fast sarkastisch. Oder war Paulus vielleicht ein bisschen blauäugig? Oder warum sonst war Paulus so positiv gegenüber den Korinthern eingestellt?

Paulus leitet den nächsten Vers mit „Denn“ ein. Er kommt also in den nächsten Versen selber auf den Grund zu sprechen. Betrachten wir zunächst Vers 5.Als Paulus in Mazedonien war, war er in großer Not. Er war sowohl äußerlich als auch innerlich bedrängt. Äußerlich hatte er vermutlich mit den Anfeindungen der ungläubigen Umgebung zu kämpfen. Innerlich plagte ihn die Angst und Unruhe. Warum? Paulus hatte Titus, noch bevor er in Mazedonien war, mit einem Brief zur Gemeinde in Korinth gesendet. In diesem Brief, den sogn. Tränenbrief, hatte Paulus die Gemeinde scharf getadelt und sie zur klaren Position zwischen ihm und seinen Gegnern aufgefordert. Nun stand es offen, wie die Korinther auf diesen Brief reagieren würden. Wie würden sie den Tadel von Paulus verdauen?Worüber würden sie traurig sein? Darüber, dass Paulus sie mit dem Brief verletzt hat oder darüber, dass sie Paulus verletzt haben? Werden sie Buße tun oder sich beleidigt von Paulus abkehren?

Derartige Sorgen müssen Paulus geplagt haben. Deswegen brach Paulus seine aussichtsreiche Mission in Troas ab. Voll Sorge um Korinth hatte er sich nach Mazedonien aufgemacht, in der Hoffnung, Titus dort zu treffen. Er konnte es nicht abwarten, zu erfahren, wie es gelaufen war. Aber als Paulus in Mazedonien ankam, war Titus zunächst noch nicht da. Deswegen wurde seine Angst noch größer. Doch dann geschah die erfreuliche Wende.

Betrachten wir die Verse 6 – 7. Endlich war Titus da! Was für ein Trost für Paulus nach langer Zeit von voller Sorge und Ungewissheit! Natürlich war es nicht nur die bloße Ankunft von Titus die Paulus tröstete. Der entscheidende Trost war die gute Nachricht von Titus. Titus berichtete über das Verlangen der Korinther sowie über deren Weinen und Eifer für Paulus. Die Korinther verlangten danach, Paulus wiederzusehen und ihre Beziehung zu ihm zu erneuern. Sie weinten über ihre Sünde und bedauerten den Bruch zwischen ihnen und Paulus. Sie eiferten für Paulus, sodass sie bereit waren, ihn vor den falschen Lehrern zu verteidigen (vgl. John Mac Arthur 2000: 1686)1.

Wie war es zu diesem großen Umschwung in der Gemeinde gekommen? Betrachten wir Vers 8. Der Tränenbrief, den Paulus offenbar mit einem rücksichtslosen Ernst geschrieben hatte, hatte die Korinther schmerzvoll getroffen. Zweimal erwähnt Paulus in diesem Vers, dass der Brief die Korinther traurig gemacht hatte. Doch anstelle dass es ihm leid tat, die Korinther traurig gemacht zu haben, freute sich Paulus darüber. Warum? War er etwa schadenfroh? Betrachten wir Vers 9. Paulus sagt: so freue ich mich doch jetzt nicht darüber, dass ihr betrübt worden seid, sondern darüber, dass ihr betrübt worden seid zur Reue. Denn ihr seid betrübt worden nach Gottes Willen, sodass ihr von uns keinen Schaden erlitten habt. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass sich Paulus nicht über die Traurigkeit der Korinther an sich freute, sondern über die Art ihrer Traurigkeit. Er freute sich darüber, dass sie nach dem Willen Gottes betrübt worden waren. In anderen Übersetzungen steht anstelle von „Gottes Wille“, „Gottes Sinn“ oder „Gott gemäß“. D.h. Paulus freute sich darüber, dass die Korinther ganz im Sinne Gottes betrübt worden waren. Er freute sich darüber, dass sie gottgemäß betrübt worden waren.

Was unterscheidet diese Art von Traurigkeit von der üblichen Traurigkeit? Lesen wir gemeinsam Vers 10: Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod. Die gottgewollte Traurigkeit führte die Korinther zur Reue und in letzter Konsequenz zur Seligkeit. Wie können wir uns das konkret vorstellen? Als die Korinther mit dem scharfen Tadel von Paulus konfrontiert worden waren, wurden sie zunächst einmal sehr traurig. Sie waren traurig darüber, dass sie Paulus und damit auch Gott Unrecht getan haben. Es tat ihnen leid, dass sie Gott und Paulus betrübt hatten. Sie waren traurig über ihre Sünde. Dies wiederum bewirkte in ihnen eine Sinnesänderung. Während sie zuvor misstrauisch und rebellisch gegenüber Paulus eingestellt waren, kam es nun zu jenem Verlangen, Weinen und Eifer um Paulus. Auf diese Weise wurde ihre Beziehung mit Paulus und damit auch mit Gott wiederhergestellt. Sie konnten wieder an dem Segen und Freude der Gemeinschaft mit Gott und Paulus teilhaben. Sie waren nun wieder auf den rechten Pfad zur Seligkeit. Auf diese Weise wirkte die gottgewollte Traurigkeit in ihnen Reue zur Seligkeit.

Ganz anders hingegen ist die weltliche Traurigkeit. Paulus sagt: die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod. Was meinte Paulus damit? Hätten die Korinther auf die scharfe Kritik von Paulus mit weltlicher Traurigkeit reagiert, wäre alles ganz anders verlaufen. Sie wären nicht darüber betrübt gewesen, dass sie Paulus und Gott verletzt haben. Nein, sie wären darüber betrübt gewesen, dass sie selber verletzt worden sind. Sie würden nicht über ihre Sünde trauern, sondern über ihren verletzten Stolz. Ihre Trauer um ihren verletzten Stolz würde sie zum einen dazu veranlassen, sich selbstzubemitleiden, etwa so „Ja, wir machen immer alles falsch. Wir sind halt nicht so gut wie die anderen Gemeinden usw.“ Zum anderen wären sie auf Paulus beleidigt gewesen. Ihre negative Einstellung gegenüber Paulus würde sich nicht zum Guten wenden, sondern sich noch verschärfen. Sie würden nicht danach trachten, die Beziehung mit ihm wiederherzustellen, sondern eher dazu tendieren, den Kontakt mit ihm zu vermeiden. Dadurch wäre auch ihre Beziehung zu Gott stark beeinträchtigt worden. Sie könnten nicht mehr an der Freude und dem Segen der Gemeinschaft mit Gott teilhaben. Anstelle von geistlicher Freude wären sie erfüllt mit lauter negativen Gefühlen wie Groll, Verbitterung, Hass, Selbstmitleid, Selbstverdammnis, Schuldgefühle usw. Das Resultat ihrer Traurigkeit wäre nicht Seligkeit, sondern psychische Leiden und Beziehungslosigkeit gegenüber Gott und Paulus. Psychische Leiden und Beziehungslosigkeit gegenüber Gott und seinen Knechten sind Wesenszüge des ewigen Todes. Deswegen sagt Paulus: die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir, warum sich Paulus so sehr über die Korinther gefreut hatte. Die Korinther hatten zwar in ihrer Vergangenheit viel Mist gebaut. Aber in der einen Sache, wo es wirklich darauf ankam, haben sie richtig gehandelt. Sie reagierten auf den Tadel von Paulus nicht mit weltlicher sondern gottgemäßer Traurigkeit, sodass sie Buße tun konnten. Sie waren im Herzen von Paulus, weil sie Männer und Frauen der Buße waren. Auch der König David hatte in seinem Leben viel Mist gebaut, aber er war dennoch ein Mann nach dem Herzen Gottes, weil er ein Mann der Buße war.

Wie kam die Buße der Korinther zum Ausdruck? Betrachten wir Vers 11: Siehe: eben dies, dass ihr betrübt worden seid nach Gottes Willen, welches Mühen hat das in euch gewirkt, dazu Verteidigung, Unwillen, Furcht, Verlangen, Eifer, Bestrafung! Ihr habt in allen Stücken bewiesen, dass ihr rein seid in dieser Sache. Die Buße der Korinther kam durch ein „Bemühen“, „Verteidigung“, „Unwillen“, „Furcht“, „Verlangen“, „Eifer“ und „Bestrafung“ zum Ausdruck. Das „Bemühen“ meint, dass die Korinther nun wieder eifrig und aktiv nach Gerechtigkeit strebten. Sie beendeten jede Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und jede Sorglosigkeit gegenüber den Verführern. „Verteidigung“ kann auch mit „Verantwortung“ übersetzt werden. Die Korinther nahmen Verantwortung für die Missstände in ihrer Gemeinde und sorgten sich darum, dass Vertrauen von Paulus wiederzugewinnen. „Unwille“ meint, dass sie heiligen Zorn über ihre Sünde und gegen diejenigen hatten, die die Gemeinde verführten. Sie bekamen „Furcht“ bzw. Ehrfurcht vor Gott, der durch die Sünde am meisten betroffen war (vgl. John Mac Arthur 2000: 1686)1. Sie hatten „Verlangen“ danach, die Beziehung zu Paulus wiederherzustellen. Das Wort „Eifer“ meint im Allgemeinen eine so große Liebe zu jemanden zu haben, das man alles und jeden hasst, der oder das dem Geliebten schaden könnte (vgl. John Mac Arthur 2000: 1686)1. Solch eine Liebe hatte sie nun Paulus gegenüber ergriffen. Das Wort „Bestrafung“ zeigt noch einmal den Unwillen der Korinther gegenüber der Sünde, der so weit ging, dass sie bereit waren, die Schuldigen zu bestrafen.

Mühen“, „Verteidigung“, „Unwillen“, „Furcht“, „Verlangen“, „Eifer“ und „Bestrafung“ machen eine starke Veränderung in der Einstellung und im Verhalten der Korinther deutlich. Sie sind Ausdrücke echter Buße. Die gottgewollte Traurigkeit hatte in den Korinthern echte Buße bewirkt. Diese Buße war so gründlich, dass Paulus sagen konnte: Ihr habt in allen Stücken bewiesen, dass ihr rein seid in dieser Sache.

Wie wirkte sich die Buße der Korinther auf den Besuch von Titus aus? Da Titus von der bedrohlichen Lage in Korinth wusste, können wir uns gut vorstellen, dass er mit Kummer und Bangen nach Korinth gereist war. Aber als Titus aus Korinth zurückgekommen war, war er wie verwandelt. Vers 13 berichtet: Außer diesem unserm Trost aber haben wir uns noch überschwänglicher gefreut über die Freude des Titus Als Titus von Korinth zurückgekommen war, strahlte er vor Freude. Seine Freude war so groß, dass er auch Paulus und seine Mitarbeiter zur überschwänglichen Freude angesteckt hatte. Was hatte Titus so verändert? Paulus sagt: denn sein Geist ist erquickt worden von euch allen. Titus wurde durch die Korinther erquickt. Vers 15 berichtet, dass die Korinther Titus mit Furcht und Zittern aufgenommen hatten. Das bedeutet, dass sie seine Autorität anerkannt und sich den Mahnungen des Tränenbriefes gebeug hatten.

Welche Auswirkungen hatte die Buße der Korinther auf die Beziehung mit Paulus? Betrachten wir Vers 16: Ich freue mich, dass ich mich in allem auf euch verlassen kann. Obwohl die Korinther in ihrer Vergangenheit vielfach das Vertrauen von Paulus missbraucht hatten, war, nachdem sie Buße getan hatten, wieder eine neu Vertrauensbeziehung mit den Korinthern entstanden.

Was bedeutet das alles für uns? Im Laufe unseres Glaubenslebens werden auch wir mit Tadel von Gott, vielleicht sogar mit einem sehr scharfen Tadel konfrontiert. Gott tadelt uns durch Sein Wort oder auch durch Menschen, sofern deren Tadel biblisch ist (d.h. der Tadel muss berechtigt sein, der der biblischen Wahrheit entsprechen und aus Liebe geschehen). Wie reagieren wir aber auf den Tadel? Ob wir auf den Tadel mit weltlicher oder gottgewollter Traurigkeit reagieren, macht einen großen Unterschied. Gottgewollte Traurigkeit bewirkt in uns echte Buße. Sie lässt uns das befreiende Gefühl der Vergebung erfahren und führt uns zurück zur geistlichen Freude, die wir durch die Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern haben dürfen. Sie erneuert uns geistlich, sodass andere durch uns erquickt werden können. Alles in Allem erhält sie uns auf den Pfad der Seligkeit. Weltliche Traurigkeit bewirkt in uns allerlei negative Gefühlen, die uns innerlich zermürben. Sie hindert uns daran, Buße für unser Fehlverhalten zu tun. Sie schneidet uns vom geistlichen Segen der Buße ab und zerstört unsere Beziehung zu Gott und den Geschwistern. In letzter Konsequenz gedacht ist die Art und Weise, wie wir gewöhnlich auf Tadel reagieren, so fatal wie die Wahl zwischen Seligkeit und Tod.

Deswegen müssen wir uns fragen, wie wir auf Tadel reagieren, mit weltlicher oder gottgewollter Traurigkeit? Wir können dies feststellen, wenn wir uns folgende weitere Fragen stellen: Worüber sind wir traurig, wenn wir getadelt werden? Sind wir darüber traurig, dass unser Stolz verletzt worden ist. Oder sind wir darüber traurig, dass wir Unrecht getan haben? Wie verarbeiten wir den Tadel? Verarbeiten wir ihn durch Selbstmitleid und Groll oder dadurch, dass wir den Tadel annehmen und reumütig zu Gott kommen. Wie behandeln wir denjenigen, der uns tadelt? Sind wir beleidigt auf ihn oder bedanken wir uns für seinen Tadel. Ein älterer Lehrer in unserer Schule sagt immer: „Danke für die Korrektur“, wenn er gemerkt hat, dass er in einer Sache falsch gelegen hat.

In der Tat ist der Tadel sehr wertvoll. Der Tadel ist so wertvoll wie ein Spiegel. Wie wertvoll ein Spiegel ist, möchte ich mit folgender Geschichte aus meiner Schulzeit verdeutlichen. Einmal erzählte uns unser Geschichtslehrer von einer Umfrage, in der Leute danach gefragt worden waren, was ihrer Meinung nach die größte Erfindung gewesen sei.

Vermutlich war die Umfrage so aufgebaut, dass sie verschiedene Antwortmöglichkeiten enthielt, die man ankreuzen konnte. Bevor der Lehrer uns das Ergebnis der Umfrage verriet, fragte er uns, was wohl die meisten Leute für die größte Erfindung halten würden. Sofort waren tausend Finger oben. Einer sagte: „Computer“, einer: „Flugzeug“ und ich sagte: „ das Rad“. Aber keiner von uns hatte richtig getippt. Der Lehrer sagte, dass die meisten Leute „den Spiegel“ als die größte Erfindung der Menschheitgeschichte halten würden. Wir waren alle verwundert? Der Spiegel?! Aber dann erklärte er uns warum. Durch den Spiegel konnten sich die Menschen erstmals selber erkennen. Sie konnten erkennen, wie sie wirklich sind. Der Tadel ist deshalb so wertvoll, weil er wie ein Spiegel ist. Er hilft uns, uns selber zu erkennen. Ansonsten sind wir in unserem falschen Selbstbild gefangen. Aber indem Gott uns durch sein Wort und durch Menschen tadelt, bekommen wir Rückmeldung, wie wir wirklich sind. Z.b. hat A. vor einigen Jahren zu mir gesagt: „Du denkst wie ein Kind!“ Dieser Tadel hat anfangs natürlich sehr gezwiebelt. Aber im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür. Ich hätte das sonst nie gemerkt. Dadurch, dass er das gesagt hat, konnte ich mein Denken reflektieren und daran arbeiten, reifer zu denken.

Aber obwohl wir wissen, dass Tadel sehr wertvoll ist, sind wir doch sehr leicht dazu versucht, den Tadeln abzuweisen und darauf mit weltlicher Traurigkeit zu reagieren. Woran liegt das? Es liegt u.a. daran, dass Tadel an die Substanz geht. Tadel rüttelt an unserer Person. Wir defnieren uns gern über unsere Fähigkeiten und Leistungen. Aber Tadel macht unsere Mangelhaftigkeit und Schwachheit offenbar. Deswegen ist unsere natürliche Reaktion die, dass wir uns gegen Tadel mit Händen und Füßen wehren. Wie können wir diese Abneigung vor dem Tadel überwinden?

Wir können diese Abneigung überwinden, indem wir unseren Blick auf das Kreuz richten. Das Kreuz sagt uns: „Wie mangelhaft du auch bist, du bist von Gott angenommen.“ Das Kreuz stellt unsere Identität und Wert auf eine ganz neue Grundlage. Nicht mehr Fähigkeiten und Leistungen machen unseren Wert aus, sondern die Tatsache, dass Gott uns unglaublich liebt. Wir sind unheimlich viel wertvoll, nicht weil wir dies oder jenes können, sondern weil Gott uns als seine Kinder angenommen hat. Wenn wir wissen, dass selbst der schärfste Tadel nichts an unserem Wert und an unserer tiefen Annahme von Gott ändert, dann können wir Tadel leichter annehmen. Dann werden wir auf Tadel nicht mehr so empfindlich reagieren.

Die Welt kennt das Kreuz nicht, deswegen hat sie ihre eigenen Mechanismen, um mit Tadel umzugehen. Wir aber kennen das Kreuz. Deswegen ziemt es uns Christen nicht auf Tadel mit weltlicher, sondern mit gottgewollter Traurigkeit zu reagieren.

Lesen wir zum Schluss noch einmal das Leitwort: Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod. 2. Kor. 7.10

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1 MacArthur, J. (2000): Der zweite Brief des Apostels Paulus an die Korinther. S.1686. In: John Mac Arthur. Studienbibel. Schlachter Version. CLV-Verlag. 1111

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