Predigt: 2. Korinther 1,12 – 2,11

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Vergebt und tröstet!

sodass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt,
damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt.“

(2,7)

Letzte Woche haben wir erfahren, wie Apostel Paulus am Anfang seines Briefs Gott, den Vater Jesu Christi, den Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes gelobt hat, der uns in aller Trübsal tröstet, damit wir auch andere in ihrer Trübsal trösten können. Paulus betrachtete Leiden und Traurigkeit nicht negativ, sondern als eine Gelegenheit, Gottes Trost zu erfahren und innerlich reif zu werden. Dies waren nicht nur fromme Worte, sondern Paulus bekam tatsächlich in allem Leiden und Traurigkeiten den nötigen Trost von Gott, sodass er nie enttäuscht oder verletzt aufgab, sondern immer neu Motivation und Kraft bekam, andere zu trösten und aufzubauen, auch wenn sie ihm Schwierigkeiten bereitet hatten – wie zum Beispiel die Korinther Gemeinde. Im Vers 11 hat Paulus seinen Wunsch für sie ausgedrückt, dass sie durch ihr Gebet an seinem Leben und Wirken teilnehmen würden. Doch um das von Herzen tun zu können, mussten sie Paulus‘ Leben für Gott wirklich verstehen und ihm fest vertrauen können. Aber gerade daran fehlte es bei einigen in der Korinther Gemeinde. Im heutigen Text geht Paulus auf zwei Probleme ein, die bei manchen dort zu Befremden und Misstrauen geführt hatten. Zum einen erklärt Paulus ihnen, warum er sein Vorhaben, sie zu besuchen, geändert hatte. Dieser Punkt mag für uns heute wie eine Kleinigkeit klingen, wo man Besuche leicht kurzfristig nachholen oder durch Gespräche per Telefon oder Skype teilweise ersetzen kann. Aber wenn wir den Text lesen, merken wir, dass manche Korinther an der Verschiebung von Paulus‘ Besuch Anstoß genommen hatten, manche hatten ihn deshalb sogar öffentlich kritisiert. Paulus reagierte nicht ärgerlich, sondern erklärte ihnen geduldig, wie er grundsätzlich vor Gott lebte und warum er seinen Plan geändert hatte. Im zweiten Teil geht es um einen Mann in der Gemeinde, der durch seine Sünde viele in der Gemeinde betrübt hatte. Paulus ermutigte sie dazu, ihm zu vergeben und ihn zu trösten und zu lieben. In beiden Teilen können wir heute Paulus‘ brennendes Herz für die Korinther kennen lernen, mit dem er sie liebte und umarmte und in allem ihr Wohl suchte. Lasst uns von ihm lernen, wie wir mit Jesu Liebe im Herzen andere unter allen Umständen lieben und selbst große Probleme überwinden können!

Teil 1: Damit ihr die Liebe erkennt, die ich habe besonders zu euch (1,12-2,5)

Wie beginnt Apostel Paulus diesen Abschnitt? Betrachten wir Vers 12: Denn dies ist unser Ruhm: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfalt und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes unser Leben in der Welt geführt haben, und das vor allem bei euch.“ Paulus erklärt hier zunächst, wie er und seine Mitarbeiter grundsätzlich vor Gott gelebt haben. Obwohl Paulus sonst mit Rühmen sehr zurückhaltend war, sagte er hier, dass es ihr Ruhm war, dass ihnen ihr Gewissen bezeugte, dass sie ihr Leben in der Welt in Einfalt und göttlicher Lauterkeit führten. Paulus sagte mit gutem Gewissen, dass er sein Leben in Einfalt geführt hat, also nicht mit vielfältigen Gedanken und Motiven im Hinterkopf, und in göttlicher Lauterkeit bzw. Reinheit. Paulus stellte dies klar, weil ihn offenbar manche in Korinth als einen undurchsichtigen Mann darstellten, der mit menschlichen Mitteln arbeitet und von daher zweifelhaft sei. Wenn er nur fromme Absichten vorgegeben hätte, aber auch unreine Motive oder Methoden gehabt hätte, wäre er nicht vertrauenswürdig gewesen. Aber Paulus führte sein Leben in dieser Welt sowohl von seinen Motiven als auch von seiner Methoden her in göttlicher Klarheit. Er lebte in der Welt, aber „nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes“. Fleischliche Weisheit ist, dass man vor allem auf sich selbst und die Wahrung seiner eigener Interessen achtet und sie mit Diplomatie oder mit seinen Ellenbogen durchzusetzen versucht. Aber Paulus lebte in der Gnade Gottes. Er war ein ehrgeiziger und selbstgerechter Mann gewesen und hatte Jesus und seine Gemeinde verfolgt. Aber Gottes Gnade hatte ihn vom zu einem Diener Jesu Christi gemacht; und als solcher lebte er nicht wieder in fleischlicher Weisheit, sondern Gottes Gnade bestimmte seine Denkweise und Lebensweise.

Was schreibt er ihnen weiter? Die Verse 13 und 14 sagen: „Denn wir schreiben euch nichts anderes, als was ihr lest und auch versteht. Ich hoffe aber, ihr werdet es noch völlig verstehen, wie ihr uns zum Teil auch schon verstanden habt, nämlich, dass wir euer Ruhm sind, wie auch ihr unser Ruhm seid am Tage unseres Herrn Jesus.“ Hier nimmt Paulus grundlegend zum Inhalt seiner Briefe Stellung. Offenbar meinten manche, dass hinter Paulus‘ Worten in Wirklichkeit andere Gedanken und Ziele standen, sodass man bei seinen Briefen zwischen den Zeilen lesen musste, um die eigentliche Aussage zu verstehen. Aber Paulus machte klar, dass er ihnen nichts anderes schrieb als das, was sie lasen und verstanden. Hier wiederholt sich „verstehen“ bzw. „verstanden“. Paulus freute sich, dass sie ihn zum Teil schon verstanden haben. Er hoffte aber, dass sie es noch völlig verstehen würden. Eine wörtlichere Übersetzung sagt hier, dass sie es „bis ans Ende verstehen“ werden. Paulus blickte bei den ganzen Fragen auf das Ende und wünschte sich, dass auch die Korinther darauf sehen und von dorther urteilen und verstehen würden. Das Ende ist der Tag des Herrn Jesus, an dem im hellen Licht seines Angesichts alles offenbar und klar sein wird. Was würden sie dann klar verstehen? Allem Misstrauen, aller Undankbarkeit und aller Kritik zum Trotz wird dann die Tatsache klar sein, dass Paulus und seine Mitarbeiter ihr Ruhm sind. Auch wenn sie jetzt noch misstrauisch waren, seine Briefe und seine Person kritisierten, würden dann an jenem Tag ihre Herzen ganz von Dank und Rühmen erfüllt sein für das, was er für sie getan hat, durch die Gründung ihrer Gemeinde und auch durch sein Sorgen und Ringen um ihr weiteres Wachstum. Paulus fügte aber gleich dazu, dass dann auch sie sein Ruhm sein werden, d.h. dass dann die wichtige Rolle, die die Korinther Gläubigen für sein Leben und Aposteldienst spielen, auch offenbar sein wird. Hier können wir von Paulus lernen, dass seine Sichtweise von den ihm anvertrauten Menschen nicht von ihrem aktuellen Verhalten abhing, sondern dass er sie im Hinblick auf den Tag des Herrn Jesus sah. Dadurch konnte er sie ungeachtet ihrer momentan Haltung und Verhalten mit Zuversicht sehen, dass seine echten Motive und seine Mühen für sie am Ende offenbar werden. Wenn wir im Hinblick auf den Tag Jesu Christi denken, ist das keine Flucht vor der Gegenwart. Wenn wir uns selbst und unsere Mitmenschen im Hinblick auf den Tag Jesu sehen, bekommen wir eine richtige Persektive auf uns selbst und auf die anderen und können sie ungeachtet ihres momentanen Verhaltens lieben und ihnen auf bestmögliche Weise dienen.

Im nächsten Abschnitt geht Apostel Paulus nun konkret auf die Änderung seiner Reisepläne ein. In den Versen 15 und 16 sagt er: „Und in solchem Vertrauen wollte ich zunächst zu euch kommen, damit ihr abermals eine Wohltat empfinget. Von euch aus wollte ich nach Mazedonien reisen, aus Mazedonien wieder zu euch kommen und mich von euch geleiten lassen nach Judäa.“ Hier erläutert er den Grund, aus dem er die Korinther früher hatte besuchen wollen (in der Elberfelder Übersetzung heißt es statt „zunächst“ „früher“). Denn anders als am Ende des 1. Korintherbriefs, wo Paulus angekündigt hat, dass er durch Mazedonien reisen und dann zu ihnen kommen wollte, hatte er sich dann vorgenommen, früher zu ihnen zu kommen, indem er direkt von Ephesus herüber nach Korinth segeln und von dort aus mit ihnen zusammen nach Mazedonien reisen wollte. Paulus wollte dies, damit sie nochmals eine Wohltat empfingen; im Urtext steht hier „charis“, er wollte also, dass sie nun nochmals Gnade bekommen.

Aber genau diesen Plan hatte Paulus nicht ausgeführt, sondern war nun doch auf dem langen Landweg über Mazedonien unterwegs zu ihnen, wo er in verschiedenen Städten Halt machte. Und daran nahmen viele in Korinth Anstoß. Paulus fragte: „Bin ich etwa leichtfertig gewesen, als ich dies wollte? Oder ist mein Vorhaben fleischlich, so dass das Ja Ja bei mir auch ein Nein Nein ist?“ Paulus‘ rhetorische Frage thematisiert, was manche ihm offenbar vorgeworfen haben, dass er etwa leichtfertig Dinge ankündigte und nachher nicht hielt. Oder dass er fleischlich gesinnt sei und deshalb oft seine Meinung ändere. (Wer fleischlich gesinnt ist, sich also von eigennützigen Interessen leiten lässt, ändert seinen Plan häufig, wenn die Situation sich ändert und sein Plan ihm Nachteile bringen würde.) Aber Paulus war weder leichtfertig gewesen, als er sich vornahm, die Korinther schnell zu besuchen, da dies damals die beste Art und Weise zu sein schien, ihnen zu helfen. Aber dann erfuhr er, wie es aktuell um sie stand, und er erkannte, dass es besser war, wenn er sie erst später besuchen würde. Weder sein erstes Vorhaben noch seine spätere Entscheidung waren fleischlich, weil sie nicht aus eigennützigen Motiven kamen, sondern immer darauf ausgerichtet waren, was für Gott und für sie am besten war. Paulus handelte nach dem festen Prinzip, Gott und den ihm anvertrauten Menschen auf bestmögliche Weise zu dienen.

Wie bekräftigte Paulus an dieser Stelle seine Authentizität? Er schreibt ihnen im Vers 18: „Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.“ Paulus rief Gott als Zeugen dafür an, dass sein Wort an sie nicht Ja und Nein zugleich war, also nicht beliebig interpretierbar oder veränderbar war. Warum war Paulus dieser Punkt so wichtig, sodass er sogar Gott als Zeugen anrief? Paulus war es wichtig, die Authentizität seiner Aussagen klar zu machen, weil sonst nicht nur seine Reisepläne, sondern alles, was er gesagt hatte, in Frage gestellt würde – womöglich auch das Evangelium von Jesus selbst, das er ihnen gepredigt hatte, und damit die Grundlage, auf der die ganze Gemeinde stand.

Darum spricht Paulus anschließend auch über Jesus: „Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Denn auf alle Gottes­verheißungen ist in ihm das Ja“ (19.20a). Weil die Authentizität von Paulus‘ Worten in Frage gestellt wurde, hielt Paulus es für notwendig, auch das Evangelium in Schutz zu nehmen. Aus diesem Anlass machte er eine großartige Aussage über Jesus: Jesus Christus war nicht Ja und Nein zugleich; Jesus war nicht beliebig so oder so verstehbar oder interpretierbar. Jesus war nicht Ja und Nein, sondern es war „Ja“ in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja. Jesus ist die Bestätigung und Erfüllung von Gottes Worten. Jesus ist das große Ja zu Gottes Willen, die Menschen zu erretten – sein ganzer Plan wird durch Jesus bejaht. Deshalb sollen wir Menschen auch Ja zu Jesus sagen. Vers 20 sagt: „Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“ Weil in Jesus das Ja zu Gottes Verheißungen ist, ist es angemessen und richtig, dass wir zu Jesus Amen sagen und damit „Ja“ sagen zu dem, was Gott gesagt und getan hat. An Jesus zu glauben, ist nicht eine hochkomplizierte oder schwer begründbare Entscheidung. Zu Jesus „Ja“ zu sagen, ist naheliegend und konsequent, weil Jesus, sein Leben auf der Erde, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung ein einziges „Ja“ ist zu dem, was Gott über tausend Jahre lang zuvor gesagt hat. An Jesus zu glauben, bedeutet, wahr- und anzunehmen, dass Gott das, was er gesagt hat, auch getan hat, also seine Wahrhaftigkeit anzuerkennen. Glaube an Gott ist von seinem Wesen her sehr positiv. Unglaube ist dagegen von seinem Wesen her sehr negativ, es ist ein Verneinen von Gottes Reden, Handeln und von seinem ganzen Wesen.

Betrachten wir auch die Verse 21 und 22: „Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.“ Obwohl der Glaube die logische und richtige Antwort auf Gottes Offenbarung ist und aus tiefem Herzen kommt, ist er nicht von Anfang an fest und unangreifbar. Die Korinther hatten den Glauben angenommen, aber es gab viele Versuchungen, die ihr Bleiben im Glauben bedrohten. Verschiedene Probleme in der Gemeinde und in der Beziehung zwischen ihnen und ihrem Apostel und Gründer waren auch eine potenzielle Gefahr für ihren Glauben. Aber Paulus war nicht voller Sorge, sondern voller Zuversicht, weil Gott sowohl ihn selbst als auch sie fest machte in Christus und sie bereits gesalbt und versiegelt und ihnen den Heiligen Geist als Pfand gegeben hatte. Das gilt auch für uns. Es ist großartig, wenn Gott uns selbst oder unseren Freund zum Glauben an Jesus geführt hat. Aber trotzdem ist diese kostbare Erkenntnis in uns nicht unangreifbar und unumstößlich, weil wir schwache Gefäße für die kostbare Wahrheit sind und auf verschiedene Weise versucht werden können. Wir können uns fragen: wie kann ich trotz meiner Schwachheit und aller Versuchungen im Glauben bis zum Ende fest bleiben? Wenn wir ehrlich sind, können wir das von uns aus nicht. Aber Gott selbst ist es, der uns fest macht, der uns versiegelt hat und uns den Geist gegeben, der uns hilft und uns selbst in der schwersten Versuchung daran zu erinnern, dass wir trotz unserer Schwachheit und Sünde als seine Kinder ihm gehören und ewig bei ihm bleiben sollen. Gelobt sei Gott dafür!

Nun kommt Paulus wieder zu seinem ursprünglichen Thema zurück, nämlich warum er seinen Besuch bei ihnen verschoben hatte. Warum hatte er das getan? Er schreibt im Vers 23: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meiner Seele, dass ich euch schonen wollte und darum nicht wieder nach Korinth gekommen bin.“ Paulus rief Gott zum Zeugen bei seiner Seele an und gab so seiner Aussage höchste Glaubwürdigkeit. Er war zur geplanten Zeit nicht nach Korinth gekommen, weil er die Korinther schonen wollte. Wie ist das zu verstehen? Verschiedene Stellen weisen darauf hin, dass das Verhältnis zwischen der Korinther Gemeinde und Paulus damals schlecht gewesen war. Es gab einige, die gegen Paulus Partei ergriffen und mit Verleumdungen und anderen Mitteln darauf hinarbeiteten, die Gemeinde von Paulus abzuwenden. Wenn Paulus damals nach Korinth gekommen wäre, wäre es unweigerlich zu einer Konfrontation gekommen und Paulus hätte viele strafen, etwa aus der Gemeinde ausschließen müssen. Aber das wollte er nicht. Er wollte sie lieber schonen und dafür beten, dass Gott dieses Problem auf andere Weise lösen möge. Seine Kritiker hatten ihm wegen der Verschiebung seines Besuchs wiederum Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit vorgeworfen. Aber in Wirklichkeit war Paulus‘ Liebe zu ihnen sein Beweggrund dafür gewesen. Im Vers 24 fügt er an: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr steht im Glauben.“ Hier zeigt Paulus sein grundsätzliches Selbstverständnis ihnen gegenüber. Obwohl er die Gemeinde gegründet und viele von ihnen zum Glauben geführt hatte, betrachtete er sich selbst nicht als Herrn über ihren Glauben. Er erkannte ihren Glauben grundsätzlich an und verstand sich als Gehilfen ihrer Freude. Er wollte ihnen helfen, dass sie im Glauben an Jesus gesund sein und in der Freude in ihm leben könnten.

Vor diesem Hintergrund können wir auch Paulus‘ anschließenden Worte verstehen, wo er sagt: „Ich hatte aber dies bei mir beschlossen, dass ich nicht abermals in Traurigkeit zu euch käme. Denn wenn ich euch traurig mache, wer soll mich dann fröhlich machen? Doch nur der, der von mir betrübt wird“ (2,1.2). Hier bringt Paulus nochmals zum Ausdruck, warum er nicht zu ihnen gekommen war. Wenn er gekommen wäre und sie viele von ihnen hätte tadeln und strafen müssen, hätte er dadurch zwangsläufig viele traurig gemacht. Aber er hatte er sich entschlossen, den ganzen Besuch zu verschieben. Hier sehen wir, dass Paulus sie wirklich liebte. Er nahm viel Rücksicht auf sie und orientierte sein Verhalten immer daran, was für sie am besten war. Er verzichtete auf seinen Besuch und nahm dafür weitere Kritik in Kauf, weil er sich als Gehilfe ihrer Freude verstand und immer das Beste für sie suchte.

Im Vers 3 und 4 sagt er weiter: „Und eben dies habe ich geschrieben, damit ich nicht, wenn ich komme, über die traurig sein müsste, über die ich mich freuen sollte. Habe ich doch zu euch allen das Vertrauen, dass meine Freude euer aller Freude ist. 4 Denn ich schrieb euch aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen; nicht, damit ihr betrübt werden sollt, sondern damit ihr die Liebe erkennt, die ich habe besonders zu euch.“ Statt sie zu besuchen, schrieb Paulus ihnen einen Brief, und zwar in großer Traurigkeit und Angst des Herzens und unter vielen Tränen. Obwohl wir den so genannten Tränenbrief nicht mehr haben, muss er darin ihre Sündenprobleme behandelt und sie zur Buße ermutigt haben, und vermied aber gleichzeitig eine persönliche Konfrontation. Sein Ziel war es ja nicht, Recht zu behalten oder sie zu tadeln, sondern dass ihre Beziehung zu Jesus und zueinander wieder in Ordnung käme. Hier sehen wir, dass Paulus ein starkes Bewusstsein für die Beziehung zu ihnen hatte. Er wollte die Beziehung nicht unnötig beschädigen. Er wollte ihnen zur Freude im Herrn verhelfen. Er wusste, dass Christen untereinander großen Einfluss und Verantwortung für die geistliche Freude haben. Hier sehen wir Paulus‘ reifen Glauben und seine Liebe. Obwohl viele Korinther Paulus stark angriffen, liebte er sie weiter und suchte, was für sie am besten ist, weil er selbst die Liebe Jesus im Herzen behielt. Wenn wir die Liebe Jesu zu uns tief wahr- und annehmen, können wir auch die anderen unabhängig von ihrem Verhalten lieben und uns so verhalten, wie es für sie geistlich am besten ist. Es soll uns in der Gemeinde nicht um eigene Interessen gehen, sondern um das geistliche Wohl der anderen, und dazu befähigt uns die Liebe Jesu. Wenn wir täglich in der Gnade Jesu leben wie Paulus, wird er uns dazu befähigen, den anderen zu helfen, in der Freude in Jesus zu leben. Möge Gott unsere Gemeinschaft in diesem Sinne weiter segnen!

Teil 2: Darum ermahne ich euch, dass ihr ihm Liebe erweist (2,6-11)

Betrachten wir Vers 5: „Wenn aber jemand Betrübnis angerichtet hat, der hat nicht mich betrübt, sondern zum Teil – damit ich nicht zu viel sage – euch alle.“ Hier geht Paulus auf ein Mitglied der Gemeinde ein, der durch seine Sünde viele betrübt hatte. Wir wissen nicht, wer derjenige war oder was er genau getan hatte. Aber dass Paulus ihnen extra schreibt, „der hat nicht mich betrübt“ weist darauf hin, dass der Mann vermutlich gegen Paulus aufgetreten und schlecht über ihn geredet hatte und viele verwirrt und gegen ihn aufgebracht hatte.

Was sagte Paulus über ihn? Wie sollten sie mit ihm umgehen? Lesen wir die Verse 6 und 7: „Es ist aber genug, dass derselbe von den meisten gestraft ist, so dass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt.“ Er war von den meisten gestraft worden, vermutlich hatten sie ihn gemieden. Möglicherweise hatte Paulus sie im Tränenbrief dazu aufgefordert, damit sie dem Mann helfen würden, Buße zu tun. Aber Paulus dachte an sein Wohl und schrieb ihnen, dass er nun genug gelitten hatte und dass sie ihm nun vergeben und ihn trösten sollten, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versank. Was können wir hier über Paulus lernen? Eben haben wir Paulus‘ Liebe und Rücksichtnahme auf die ganze Gemeinde gesehen. Hier sehen wir seine Liebe zu einem einzelnen Gemeindeglied, der gegen ihn persönlich rebelliert und viel geistlihen Schaden in der Gemeinde angerichtet hatte. Aber Paulus vergab ihm nicht nur, sondern bat auch alle in der Gemeinde, ihm zu vergeben und ihn zu trösten. Im Vers 8 sagt Paulus weiter: „Darum ermahne ich euch, dass ihr ihm Liebe erweist.“ Sie sollten ihm nicht nur vergeben, sondern ihn trösten und aktiv lieben, zum Beispiel ihn wieder zum Essen einladen oder wieder mit ihm Fußball spielen.

Hier können wir lernen, dass die Wahrheit und die Liebe die grundlegenden Elemente in einer Gemeinde sind. Als die Sünde des Mannes enthüllt wurde, sollte sie nicht einfach übergangen oder todgeschwiegen werden, damit er vor Gott Buße tun konnte. Aber nun sollten ihm alle vergeben. Dass wir in einer Gemeinde zusammenleben, ist ohne Vergebung nicht möglich, weil wir ungewollt immer wieder sündigen. Sünde als Sünde anzusehen und zu behandeln, ist erforderlich. Eine Gemeinde ohne Wahrheit wird weltlich und verdorben. Aber ohne Gnade und Vergebung ist ein Zusammenleben nicht möglich. Ohne Vergebung werden alle Beziehungen zerstört. ES ist nicht leicht, jemandem zu vergeen, der einen persönlich stark verletzt und außerdem in der Gemeinde viel geistlichen Schaden angerichtet hat. Aber Paulus schrieb, dass er jedem, dem er etwas zu vergeben hatte, vor Christi Angesicht vergeben hat. Vergebung ist möglich, wenn wir selbst vor Christi Angesicht stehen und seine Gnade für uns bewusst wahrnehmen. Anderen ihre Schuld zu vergeben ist möglich durch die Gnade der Sündenvergebung, die wir von Christus umsonst erhalten haben und erhalten. Diese Gnade sollen wir jederzeit auch mit anderen teilen. Dadurch können wir verhindern, was der Satan im Sinn hat, nämlich dass die Liebesbeziehungen untereinander wegen der Sünde einzelner abkühlen und einzelne oder ganze Gruppen innerlich oder praktisch die Gemeinde verlassen. Doch durch die Wahrheit und die Gnade der Vergebung können wir trotz unserer Schwächen und Sünden in der Gemeinde in Jesu zusammen bleiben und erfahren, dass unter uns die Liebesbeziehungen nicht abnehen, sondern tiefer und stärker werden. Möge Gott uns dabei weiter helfen! Lesen wir noch einmal das Leitwort: „sodass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt“ (2,7).

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