Predigt: Offenbarung 22,1 – 21

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In der Stadt des Lammes

 „Und es wird nichts Verfluchtes sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“

Offenbarung 22,3.4

Wir studieren heute das letzte Kapitel der Bibel. Unser Text heute ist zum einen eine Weiterführung von dem, was wir letzte Woche studiert haben. Letzte Woche hat uns Apostel Johannes alle ganz neidisch gemacht: in einer Vision sah Johannes das neue Jerusalem, die Stadt Gottes, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Johannes sah das, was sich in einem Wort abkürzen lässt: Himmel. Wir haben gesehen, wie diese Stadt herabkommt zu uns. Wir haben einen ganz kleinen Ausschnitt vom Paradies gesehen. Der Himmel ist das, was wir uns tief im Innersten des Herzens wünschen. Jeder einzelne von uns. Wir drücken es nur vielleicht anders aus.

In dritten Film von „Der Herr der Ringe“ gibt es einen der bewegendsten Dialoge der ganzen Filmreihe. Die Stadt Gondor wird gerade von einer riesigen Armee von Orks (Monstern) angegriffen. Fast die gesamte Stadt ist gefallen. Die Orks sind gerade dabei, das letzte Tor zu durchbrechen. Inmitten dieses Schlachtengetümmels sagt Pippin, ein Hobbit, zu Gandalf, dem Zauberer: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so enden würde.“ Und Gandalf antwortet darauf: „Enden? Nein, die Reise endet nicht hier. Der Tod ist nur ein weiterer Weg, einen, den wir alle nehmen müssen. Der graue Regenvorhang dieser Welt wird zur Seite gerollt; und alles wird sich in silbernes Glas verwandeln. Und dann wirst du es sehen.“ Pippin fragt: „Was Gandalf? Was werde ich sehen?“ Gandalf antwortet: „Weiße Strände. Und darüber ein grünes Land unter einem herrlichen Sonnenaufgang.“ Pippin erwidert: „Das scheint nicht so schlimm zu sein.“ Gandalf sagt: „Nein. Das ist es nicht.“ Das ist eine Szene, die fast alle gut finden; auch diejenigen, die nicht an den Himmel glauben. Und jeder wünscht sich irgendwie, dass es wahr wäre.

C.S. Lewis (der übrigens vor ziemlich genau 50 Jahren gestorben ist), schrieb ein Buch über die Theodizee-Frage mit dem Titel „Über den Schmerz“. (Theodizee ist der Versuch, die Leiden und Schmerzen dieser Welt in Einklang zu bringen mit einem allmächtigen und guten Gott). Passenderweise schloss C.S. Lewis sein Buch mit einem Kapitel über den Himmel ab. Er schrieb folgendes über die Sehnsucht des Menschen nach Ewigkeit: „Sind nicht die lebenslang anhaltenden Freundschaften in dem Moment geboren, wenn wir einen anderen Menschen treffen, der eine gewisse Ahnung – im besten Fall eine schwache und ungewisse Ahnung – von dem Verlangen hat, mit dem du auf die Welt gekommen bist; ein Verlangen … nach welchem du Tag und Nacht, Jahr für Jahr, von jungen Jahren bis ins Alter gesucht hast, Ausschau gehalten hast, hingehört hast? Was immer dieses Verlangen war, du hast es niemals hier auf Erden besessen. Alle Dinge, die jemals deine Seele eingenommen hatten, waren nichts anderes als Andeutungen davon – verlockende, flüchtige Eindrücke; Versprechen, die sich nie ganz erfüllt haben; Echos, die erstorben sind, sobald sie dein Ohr erreicht haben.

Aber wenn es wirklich offenbar werden sollte, wenn uns jemals ein Echo erreichen würde, das nicht erstirbt, sondern tatsächlich zu dem Klang selbst anschwillt – dann würdest du es wissen. Ohne jeden Zweifel würdest du sagen: „Hier ist endlich das, wofür ich geschaffen wurde.“ Wir können anderen kaum davon erzählen. Es ist die geheime Handschrift einer jeden Seele: das nicht mitteilbare, unstillbare Verlangen, die Sache, nach der wir verlangt haben, bevor wir unseren Ehepartnern und unseren Freunden begegnet sind oder bevor wir unsere Arbeit ausgesucht haben; und das, nach welchem wir auch noch an unserem Sterbebett Verlangen haben werden, wenn unser Verstand längst nicht mehr in der Lage ist, Ehepartner, Freund und Arbeit zu erkennen. Solange wir existieren, gibt es dieses Verlangen. Wenn wir dieses Verlangen verlieren, verlieren wir alles.“ Was C.S. Lewis hier sagt, ist, dass es so menschlich ist, dieses Verlangen zu haben, so dass wenn wir dieses Verlangen nicht mehr haben, es gleichbedeutend damit ist, dass unser Menschsein ein Ende hat.

Wenn also jeder Mensch eine unstillbare Sehnsucht nach Himmel hat, dann stellt sich die Frage ob es ihn gibt oder nicht. Die letzten beiden Kapitel der Bibel antworten darauf mit einem eindeutigen „ja“. Aber wie wird dann der Himmel sein? Wie sieht er aus? Wie klingt der Himmel, dessen Echo wir hier uns da mal vernommen haben? Letzte Woche haben wir gehört, dass der Himmel eine Stadt ist. Über drei Fragen wollen wir aufgrund dieses Textes nachdenken. Erstens, was sagt uns der Text über die Stadt? Zweitens, was sagt uns der Text über die Bewohner? Drittens, was bedeutet es für uns?

Erstens, was erfahren wir über die Stadt Gottes?

Ich habe vorhin erwähnt, dass die ersten fünf Verse von Kapitel 22 eine Fortführung von Kapitel 21 sind. Auf die Frage was dieser Text über den Himmel sagt, finden wir in Kapitel 22 mindestens fünf Antworten.

Zum einen, die Stadt hat einen Strom lebendigen Wassers. Vers 1: „Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wasser, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes.“ Johannes sah einen Wasserstrom. Es war nicht irgendein Strom. Es war ein Strom lebendigen Wassers. Wie sah dieser Strom aus? Die meisten Menschen, die nach Heidelberg kommen, würden den Neckar und die Lage unserer Stadt am Neckar als schön empfinden. Ich weiß das aus Erfahrung, weil ich schon öfters Gästen unsere Stadt gezeigt habe. Die Farbe des Neckars ist grünbraun und ziemlich trübe. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es wäre, einen glasklaren, reinen und sauberen Fluss zu haben. Übrigens ist Wasserverschmutzung kein Problem der Neuzeit. Selbst in der Antike gab es Wasserverschmutzung. Aber hier erfahren wir, dass der Strom lebendigen Wassers klar wie ein Kristall ist.

Jeder von uns weiß, dass Wasser eine absolute Notwendigkeit ist. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Gleichzeitig ist die Vision, die Johannes sieht, voller biblischer Symbolik. In Hesekiel 47 lesen wir, wie der Prophet einen Wasserstrom sah. Der Strom fängt klein an, aber nimmt immer weiter zu. Schließlich wird aus diesem Strom ein richtiger Fluss. Verse 6b und folgende sagen: „Und er führte mich zurück am Ufer des Flusses entlang. Und als ich zurückkam, siehe, da standen sehr viele Bäume am Ufer auf beiden Seiten. Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer. Und wenn es ins Meer fließt, soll dessen Wasser gesund werden, und alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben.“ Diese Stelle aus Hesekiel bezieht sich wiederum auf eine andere alttestamentliche Stelle. In 1. Mose 2,10 heißt es: „Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.“

Wenn wir uns diese drei Stellen noch einmal im Vergleich anschauen, ist es interessant zu sehen, von wo der Strom ausgeht. In 1. Mose ging der Strom vom Garten Eden also vom Paradies, aus. In Hesekiel ging der Strom vom Tempel aus. Hier in Offenbarung 22,1 hat der Strom seinen Ursprung vom Thron Gottes und des Lammes. Mit anderen Worten, Gott selbst ist der Ursprung des lebendigen Wassers. Dennis Johnson kommentierte: „Als Johannes zum ersten Mal den Thron sah, sah er den Abschnitt vor dem Thron, das aussah wie ein gläsernes Meer. Und jetzt fließt die Stille dieses gläsernen Meeres, das Gottes souveräne Ruhe symbolisiert, in einen kristallklaren Fluss, der Gottes überfließende Güte symbolisiert, welches allen Leben schenkt, die in ihrem Durst der Einladung gefolgt sind, aus dem überreichen Leben zu trinken, das nur Er geben kann.“

Als zweites, die Stadt hat Bäume des Lebens. Was sah Johannes entlang des Flusses? Vers 2: „mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.“ Während das reine Wasser jeden Durst stillt, stillt die Frucht der Bäume des Lebens jeden Hunger. Wir lesen, dass diese Bäume in jedem Monat Früchte tragen. Nicht nur das, an jedem Monat tragen die Bäume unterschiedliche Früchte. Die Blätter wirken besser als die beste Kräutermedizin. Sie heilen die Völker. Es ist kein Hinweis darauf, dass es im Himmel Verletzungen geben wird. Es ist ein Hinweis darauf, dass im Himmel keine Krankheit jemals irgendeinen Menschen in irgendeiner Form beeinträchtigen kann.

Wieder finden wir in Hesekiel 47 und Genesis 2 alttestamentliche Hintergründe. Hesekiel 47,12 sagt: „Und an den Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei.“ In 1. Mose lesen wir vom einem Baum des Lebens. Nachdem Adam und Eva in Sünde gefallen sind, wird ihnen der Weg zu diesem Baum versperrt. Als Begründung wird gesagt, dass von diesem Baum zu essen, bedeutet, ewig zu leben. Im Zustand der Sünde ewig zu leben ist gleichbedeutend mit Hölle. In Heiligkeit bei Gott ewig zu leben ist der Himmel.

Als drittes, die Stadt ist der Regierungssitz Gottes und des Lammes. Zweimal wird in diesen wenigen Versen der Thron Gottes und des Lammes erwähnt. In Vers 1 ist der Thron Gottes und des Lammes der Ursprung der lebendigen Wassers. Der Thron wird noch einmal in Vers 3 erwähnt: „Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen.“ Wie vorhin erwähnt, sah Johannes den Thron Gottes zum ersten Mal in Offenbarung 4. Vom Thron gingen Blitze und Donner aus, und Heerscharen von majestätischen Engeln umgaben Gott und lobten ihn: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt.“ Die Bedeutung von Gottes Thron in Offenbarung 4 war die absolute Heiligkeit und Unnahbarkeit Gottes. Aber hier in Offenbarung 22 hat der Thron Gottes und des Lammes eine etwas andere Bedeutung. Der Thron steht hier für die Präsenz Gottes in seiner heiligen Stadt. Der Thron steht hier für die ununterbrochene, ständige Gemeinschaft Gottes mit den Bewohnern der Stadt.

Die Frage ist dann, wie intim die Gemeinschaft mit Gott sein wird. Verse 3b und 4 sagen, dass die Knechte Gott dienen und sein Angesicht sehen und seinen Namen auf ihrer Stirn tragen. Gottes Angesicht sehen! Diese drei Worte sind vielleicht die krasseste Aussage in einem Buch mit vielen, vielen krassen Aussagen! Mose, der mit Gott reden konnte, wie ein Mann mit seinem Freund redet, konnte das Angesicht Gottes nicht sehen. Als Mose Gott darum bat, bekam er als Antwort zu hören: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Beim Sehen von Gottes Angesicht geht es nicht einfach darum, das Spektakulärste und Herrlichste zu sehen. Dem absoluten Maßstab von Heiligkeit ins Angesicht zu sehen, bedeutet, dass wir von Gott völlig angenommen und akzeptiert sind. Es bedeutet, dass unsere Beziehung zu Gott so geheiligt und so vollkommen sein wird, dass wir ein Privileg haben, das noch nicht einmal die Seraphim haben. Wir werden den sehen, der uns noch vor Erschaffung der Welt geliebt hat, der uns liebt und in alle Ewigkeit unendlich lieben wird.

Als viertes, die Stadt ist erleuchtet von Gottes Herrlichkeit. Vers 5: „Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Vers 5 ist eine Wiederholung von Fakten, die vorher erwähnt wurden. Das himmlische Jerusalem kennt keine Nacht. Und an alle diejenigen, die sich als „Freunde der Nacht“ ansehen: es bedeutet nicht, dass der Himmel langweilig und eintönig wird. Nacht ist hier wie fast alles andere symbolisch zu verstehen. Nacht ist symbolisch für Finsternis. In Johannesevangelium wird die Nacht im Kontext von gewollter Ignoranz (im Fall von Nikodemus) und niederträchtigster Bosheit (im Fall von Judas) gebraucht. Kapitel 21,25 sagt daher, dass die Tore vom neuen Jerusalem nicht verschlossen werden. Es gibt keine Verbrecher, keine Mafiosi, keine drogen-dealenden Gangs oder Einbrecher, die nachts ihr Unwesen treiben könnten.

Und wir erfahren, dass keine weitere Leuchte notwendig ist, weil Gottes Herrlichkeit alles erleuchtet. Kapitel 21,23 sagt: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“

Als fünftes, die Stadt ist die Wiederherstellung und die Erfüllung von Eden. D.A. Carson erwähnte in einem Vortrag, dass Studenten, die bei ihm einen Kurs in biblischer Theologie belegen, immer wieder mal folgende Hausaufgabe bekommen: durch Offenbarung 21 und 22 zu lesen und zu versuchen, alle Querverweise ins AT ausfindig zu machen. Wir haben vorhin schon die Parallelen zu Hesekiel gesehen. Aber die ursprüngliche Parallele ist der Garten Eden in Genesis. Der Baum des Lebens wird namentlich nur in Genesis und Offenbarung explizit erwähnt. Wir sehen den lebengebenden Wasserstrom im Garten Eden und den Strom im neuen Jerusalem. Und vor allem sehen wir die uneingeschränkte Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Die NIV betitelt die Verse 1-5 von Kapitel 22 mit den Worten: „das wiederhergestellte Eden“.

Aber tatsächlich geschieht in den Kapiteln 21 und 22 noch mehr. Es ist nicht einfach nur die Wiederherstellung vom Paradies. Eden war ein Garten. Aber das himmlische Jerusalem ist eine Stadt. Gott stellt nicht einfach nur den Status quo von vor dem Sündenfall her. Die Stadt Gottes ist vielmehr eine Weiterführung und Weiterentwicklung von Eden. Alles, was im Garten Eden verheißen und versprochen wird, das ganze Potential von diesem Garten erfüllt sich im himmlischen Jerusalem. Der Garten steht für die Schönheit der Natur. Die Stadt steht für das Höchste, was die menschliche Zivilisation im Stande ist zu vollbringen. N.T. Wright schrieb, dass wir in unseren Knochen wissen, dass wir eine Sehnsucht nach beidem haben: einer Stadt und einem Garten. Wir wünschen uns beides: die idyllische Natur des Gartens und die Kultur der Stadt. Wir wollen die Ruhe des Gartens aber auch das pulsierende Leben der Stadt. Das himmlische Jerusalem ist beides.

Zweitens, was sagt uns der Text über die Bewohner?

In Vers 3a heißt es, dass nichts Verfluchtes in der Stadt sein wird. Hier ist ein weiterer Punkt, den wir uns eigentlich überhaupt nicht vorstellen können. In einer gewissen Art und Weise, sind wir es bereits gewohnt, unter dem Fluch zu leben. Wer von uns hatte diese Woche einen Streit? Wir haben Wohnungstüren, die sich abschließen lassen, um ungebetene Gäste fernzuhalten. Wenn wir ein Fahrrad kaufen, dann müssen wir noch einmal einen guten zweistelligen Betrag investieren, um das Rad mit einem Schloss zu sichern, damit es niemand klaut. Deutschland gibt jährlich 46,8 Milliarden Euro für seinen Militäretat aus. Können wir uns eine Welt ohne jegliche Sünde, ohne Diebstahl, ohne Einbruch, ohne Selbstsucht vorstellen? Eine Welt, in welcher es keinen Verteidigungsetat gibt und der Billionen von Euro nicht für Waffen und Soldaten ausgegeben werden, sondern für Bekämpfung von Leid und Armut? Wir können uns überhaupt nicht ausmalen, wie eine Welt aussieht, in der alle Menschen zu jederzeit Gott von ganzem Herzen lieben und ihren Nächsten lieben wie sich selbst. Eine solche Welt scheint uns viel zu unwirklich, viel zu utopisch.

Wer sind aber dann die Bewohner des neuen Jerusalems? Die Bewohner der Stadt sind diejenigen, die Gott dienen, Gottes Knechte. Vers 4 sagt, dass sie Gottes Namen auf ihren Stirnen tragen. Es erinnerst uns an Offenbarung 3,12, wo Jesus der Gemeinde in Philadelphia verspricht: „ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und Namen des neuen Jerusalems, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den Neuen.“ In Offenbarung 7 haben wir die 144.000 gesehen, die versiegelt wurden. Was ist das Siegel? In Kapitel 14,1 steht: „Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm 144.000, die hatten seinen Namen und den Namen des Vaters geschrieben auf ihrer Stirn.“ Es drückt aus, dass diese Menschen Gottes Eigentum sind, die unter seinem Schutz stehen und die ihm geweiht sind.

In Vers 15 sehen wir schließlich auch, wer nicht in der Stadt sein wird: „Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiner und alle, die die Lüge lieben und tun.“ Und diese Liste überschneidet sich fast gänzlich mit Kapitel 21,8: „Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ Wie verstehen wir das also? Wir können das moralisch verstehen: „Wenn die Feigen nicht in den Himmel kommen, dann sollten wir besser mutig sein. Wenn die Ungläubigen es nicht schaffen, dann sollten wir besser Glauben aufbringen. Wenn die Unzüchtigen nicht in die Stadt kommen, dann sollten wir besser keusch und diszipliniert sein. Wenn die Lügner und Mörder ausgesperrt werden, dann sollten wir zu 100% ehrlich und frei von allen mörderischen Gedanken und jeglichem Hass sein. Und wenn die Unmoralischen draußen sind, dann sollten wir besser moralisch sein.“ Ist das die Bedeutung?

Wer nach dieser Logik vorgeht, ist auf dem besten Weg, ein gesetzestreuer und gesetzlicher Pharisäer zu werden. Was sagt unser Text? Siebenmal wird in den Kapiteln 21 und 22 Jesus als Lamm bezeichnet. Und warum Lamm? Weil das Lamm ein Opfertier ist. Und in Vers 14 heißt es: „Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt.“ Vers 17 sagt: „Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Wisst ihr, wer die Bewohner wirklich sind? Es sind nicht die Moralischen, die Besseren, die Disziplinierteren, die Mutigen. Die Bewohner der Stadt sind die Begnadigten. Es sind die Hungrigen. Es sind die Durstigen. Es sind die Kranken. Es sind die Bedürftigen. Es sind die, die nichts haben, außer ihrer Misere und die mit ihrem Bedürfnis zu Jesus kommen. Es sind diejenigen, die ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen haben; die der Einladung zur Hochzeit des Lammes gefolgt sind; die ohne zu Bezahlen vom Wasser des Lebens trinken dürfen und vom Baum des Lebens essen dürfen, weil das Lamm durch seinen Opfertod, für alles bezahlt hat.

Drittens, was bedeutet dieser Text für uns?

Erstens, jeder Christ sollte eine tiefe Sehnsucht nach der Rückkehr Jesu Christi haben. Die letzten Verse der Bibel, Offenbarung 22,6-21 enthalten verschiedene Worte an die Gemeinde. Aber es gibt ein Wort, das sich wie ein Echo durch diese Verse hindurchzieht. Vers 7: „Siehe ich komme bald“. Vers 12: „Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind.“ Vers 17: „Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm!“ Vers 20: „Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. – Amen, ja, komm, Herr Jesus!“ Auch wenn die anderen Verse nicht das Wort „kommen“ verwenden, wird deutlich, dass Jesu Wiederkunft bald erwartet wird. Vers 6: „zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss.“ Vers 10: „Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe!“

Der Geist und Braut sprechen: „Komm Herr Jesus!“ Und wir können nicht unterscheiden ob es die Gemeinde ist, oder der Heilige Geist, oder der Heilige Geist der durch die Gemeinde spricht. Das Gebet der frühen Gemeinde war es, dass Jesus bald kommen möge. Kann ich euch etwas fragen? Wie viele von uns haben sich in der letzten Woche wirklich gewünscht und dafür gebetet, dass Jesus bald kommen möge? Wenn Jesus die Liebe unseres Lebens ist, sollten wir uns dann nicht jeden Tag unseres Lebens wünschen, dass unser gemeinsames Leben mit ihm möglichst bald anfängt? Die Tatsache, dass wir uns die Wiederkunft Christi viel zu wenig wünschen, ist ein Indiz dafür, wie oberflächlich unser christliches Leben wirklich ist.

Zweitens, es ist diese Hoffnung vom Himmel, die das Leben erst lebenswert macht. Diese Vision vom Himmel ist uns gegeben, damit wir in unserem Leben abwägen sollen, wofür wir leben wollen. Apostel Paulus schrieb in Römer 8: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ C.S. Lewis führte diesen Gedanken weiter aus: „Du kannst in deinem jetzigen Zustand Ewigkeit nicht verstehen. Das ist es, was Sterbliche missverstehen. Bezüglich vergänglicher Leiden sagen sie: „Keine zukünftige Glückseligkeit kann das ausgleichen“, ohne zu wissen, dass der Himmel, wenn man ihn einmal hat, rückwirkend alle Leiden in Herrlichkeit verwandelt. Und bezüglich sündiger Vergnügen sagen sie: „Das möchte ich haben, und ich bin bereit die Konsequenzen dafür zu tragen“: sie wagen noch nicht einmal davon zu träumen, wie die Verdammnis immer weiter zurückwirkt in ihre Vergangenheit und die Vergnügen der Sünde verdirbt. Beides fängt bereits vor dem Tod an. Die Vergangenheit des guten Menschen fängt verändert sich, so dass die vergebenen Sünden und die Schmerzen, der man sich erinnert, die Eigenschaften des Himmels annehmen; die Vergangenheit des bösen Menschen passt sich seiner Bosheit an und erfüllt alles mit Trostlosigkeit. Und das ist der Grund weshalb der Selige sagt: ‚Wir haben niemals wo anders gelebt als im Himmel’, und der Verlorene sagt: ‚Wir haben nirgendwo anders gelebt als in der Hölle.’ Und beide haben Recht.“

Drittens, wir sollten alle Träumer sein. Eine der berühmtesten Reden, die auf dem amerikanischen Kontinent gehalten wurde, war die Rede von Martin Luther King: „I have a dream“ vor 50 Jahren. Das Krasse an dieser Rede war, dass die Rede improvisiert war. King stand am Rednerpult und war etwas nervös. Die Sängerin Mahalia Jackson stand hinter ihm und sagte: „Martin, erzähl ihnen von dem Traum.“ Und dann fing er an von seinem Traum zu erzählen. Aus einer fünfminütigen Rede wurden 17 Minuten, die die Welt veränderten. Martin Luther King war ein Träumer.

Wir brauchen mehr von diesen Träumern. Als Greg Boyd sich von seinem Vater verabschiedete, der im Sterben lag, sagte er ihm: „Papa, versuche dir den Himmel vorzustellen. Träume vom Himmel.“ Hier ist eine sehr praktische Anwendung für diesen Text. Wenn ihr in der kommenden Woche über Offenbarung 21 und 22 nachdenken solltet, gebraucht eure Vorstellungskraft. Versucht euch das vorzustellen, was Johannes sah. Versucht aufgrund des Textes, euch die Herrlichkeit des Himmels vorzustellen. Träumt vom Himmel!

Viertens, nur die Träumer haben letztendlich die Fähigkeit in dieser Welt Realisten zu sein. Einige mögen den Einwand bringen: „Vom Himmel zu träumen, ist das nicht Flucht vor der Realität? Jeder von uns hat mit sehr realen Problemen hier auf der Welt zu tun. Wenn wir vom Himmel träumen, ist das nicht einfach nur Wunschdenken? Will man nicht einfach vor den Problemen weglaufen?“ Ein anderer, ähnlicher Einwand lautet folgendermaßen: „Christen legen all ihre Hoffnung auf das Himmelreich und haben deshalb keinen Anreiz mehr, hier in dieser Welt Gutes zu tun.“

Zwei Antworten möchte ich auf diese Einwände geben. Zum einen, das genaue Gegenteil ist der Fall. Wenn Menschen wirklich ehrlich sind, dann müssten sie zugeben, dass ohne Hoffnung auf den Himmel jeglicher Anreiz fehlt, Gutes zu tun. Wenn dieses Leben alles ist, wenn es nach dem Tod nichts mehr gibt, als dass unser Körper zu Düngemittel wird, welche Motivation sollten wir dann haben, das Leid dieser Welt zu bekämpfen? Alle guten Werke hätten nur temporäre Bedeutung, weil wir sterben, weil unsere Körper von Würmern gefressen werden, und weil die Würmer sterben, wenn die Sonne sich zu einem roten Riesen aufbläht und alles Leben auf Erden vernichtet. Anders gesagt, es gibt keine wirkliche Hoffnung außerhalb des Himmels.

Zum anderen, nur Träumer haben den Mut, wirkliche Realisten zu sein. Josef der Träumer war in der Lage, mit Gottes Hilfe in der hässlichsten Lage seines Lebens, das absolut Beste zu machen, was möglich war. Paulus, der Träumer, konnte selbst im Gefängnis noch das Licht sehen. Für die ersten Christen war der Himmel kein Fliehen vor der Realität. Erst der Himmel machte es möglich, diejenigen zu segnen, die sie verfluchten, ihren Feinden zu vergeben, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst. Erst das Träumen vom Himmel machte es ihnen möglich, dort hinzugehen konnten, wo es weh tut: in das Chaos der Welt, in den Schmutz der Welt, in die Zerbrochenheit.

Warum? Weil sie verstanden, dass der ultimative Traum bereits Realität ist: das Reich Gottes, das himmlische Jerusalem, die Stadt des Lammes, die Erfüllung der größten Sehnsucht der Menschheit.

 

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