Predigt: 1.Mose 22,1 – 19 (Sonderlektion 2 zum Jahresanfang 2013)

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Die Schwierigkeiten von Genesis 22

“Da erhob Abraham seine Augen und schaute, und siehe, da war hinter ihm ein Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar an Stelle seines Sohnes. Und Abraham nannte den Ort: ‚Der HERR wird dafür sorgen’, so dass man noch heute sagt: Auf dem Berg wird der HERR dafür sorgen!”

1. Mose 22:13,14

In Boston werden wir zu Beginn des Jahres eine Serie von Bibelstudien und Predigten starten mit dem Thema: schwierige AT Texte. Wir saßen vor nicht zu langer Zeit zusammen und haben einfach angefangen schwierige Texte zu sammeln. Und gleich einer der ersten Texte finden wir hier in 1. Mose 22. Für die meisten von uns ist das ein altbekannter Text. Wir haben diesen Text immer wieder auch auf Bibelfreizeiten studiert. Wenn wir diesen Text auf Freizeiten studiert haben, dann eigentlich immer am Ende und nicht selten im letzten Gottesdienst. Vorher hatten wir all die ermutigenden Geschichten aus Abrahams Leben gehört: der Segen den Gott auf sein Leben ausgegossen hat; die schönen Versprechen die Gott dem Abraham zugesagt und gehalten hat. Es ist kein Text mit dem man eine christliche Freizeit beginnt. Es ist nicht unbedingt ein Text, mit dem man sich ein frohes, neues Jahr wünscht. Es ist ein schwieriger Text.

Vielleicht gibt es heute einige hier, die mit den Meinungen von Atheist Richard Dawkins sympathisieren. In seinem Buch „der Gotteswahn“ schrieb Dawkins: „Gott beauftragte Abraham aus seinem lange ersehntem Sohn ein Brandopfer zu machen. Abraham baute den Altar, legte Feuerholz darauf und bündelte Isaak auf den Altar. Sein mörderisches Messer war bereits in seiner Hand, als der Angel dramatisch intervenierte mit der Nachricht, dass es eine spontane Änderung im Plan gab: Gott hatte nur Spaß gemacht und war dabei Abraham zu versuchen und seinen Glauben zu testen. Ein moderner Moralist kann nicht anders als sich zu fragen, wie ein Kind sich jemals von solch einem psychologischen Trauma erholen könnte. Nach den Standards moderner Moralvorstellungen ist diese abscheuliche Geschichte ein Beispiel für Kindesmissbrauch, Schikane in zwei asymmetrisch veranlagten Machtverhältnissen und der erste aufgezeichnete Gebrauch der Nürnberger Ausrede: ‚Ich war nur den Befehlen gehorsam.’ Und trotzdem ist diese Legende eine der grundlegenden Mythen aller drei monotheistischen Religionen.“

Oder um einen anderen berühmten Intellektuellen zu zitieren: der vor nicht allzu langer Zeit verstorbene Christopher Hitchens bezog sich in seinem Buch „Der Herr ist kein Hirte“ immer wieder auf die Geschichte von 1. Mose 22. Während einer Präsentation sagte er Folgendes: „Ist es nicht wahr, dass alle Weltreligionen Abraham zum Stammvater haben? Absolut, und wir vergessen nicht, das zu betonen. Und wofür war Abraham am meisten bekannt? Er war bekannt dafür zu sagen, dass wenn Gott will, dass ich meinen Jungen töte, ich das natürlich in die Hand nehme.’ Und der einzige Unterschied zwischen den monotheistischen Religionen ist, dass einige sagen, dass es Isaak war, und andere sagen, dass es Ishmael war. Es gibt jährliche religiöse Feste in denen bekannt wird: ‚wir wünschten, dass wir ebenfalls zu solch einem Glauben fähig wären. Und wir schlagen uns auf unsere Brust in Sympathie für diejenigen, bei denen das der Fall ist.’ Warum blasen die Juden das Widerhorn, die Schophar? Weil die Shophar das Widder symbolisiert, dass anstelle des Sohnes geschlachtet wurde. Das Blutopfer ist die Hauptsache. Und es muss ein Kind involviert sein. Das scheint mir abscheulich zu sein.“

Für einige von euch mag das eine Überraschung sein, aber wisst ihr was? Ich nehme diese Kritiken sehr ernst. Ich würde das nicht einfach abtun wollen. Zu einem gewissen Grad stimme ich mit den Reaktionen von Dawkins und Hitchens überein. Sie haben insofern Recht, dass 1. Mose 22 in der Tat eine schockierende Geschichte ist. Es ist ein schwieriger Text. Und wenn dieser Text uns nicht extrem herausfordert, wenn wir nicht erschüttert sind, wenn dieser Text keine Emotionen in uns hervorruft, dann könnte es vielleicht sein, dass der Text nicht mehr so auf uns wirkt, wie er es tun sollte. Wenn dem so ist, dann könnte es sich als sehr hilfreich erweisen, wenn wir Leuten zuhören, die mit diesem Text ihre Probleme haben. Mein Gebet heute ist, dass wir durch 1. Mose 22 neu ergriffen werden. Ich habe deshalb einen etwas unkonventionellen Ansatz gewählt.

Wir wollen über drei Fragen nachdenken: erstens, was sind die Probleme von 1. Mose 22? Zweitens, was könnten mögliche Lösungen für diese Probleme sein? Drittens, was bedeutet das für uns?

Erstens, was sind die Probleme von Genesis 22?

Bevor wir anfangen über die Probleme zu reden, wollen wir ganz kurz auf den Hintergrund der Geschichte eingehen. Unser Text beginnt mit den Worten: „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham…“ Was für Geschichten gehen unserem Kapitel voraus? Im vorigen Kapitel sehen wir die Geburt von Isaak. 25 Jahre hatte Abraham in einer persönlichen Beziehung mit Gott gelebt. Isaak war Gottes 25-jähriges Jubiläumsgeschenk an Abraham. Abrahams Freude an Isaak wurde getrübt als er Hagar und Ischmael wegschicken musste. Nach dieser schmerzhaften Episode erfahren wir in Kapitel 21 noch, dass Abraham mit Abimelech einen Bund schloss. Wir können nicht genau sagen, wie viele Jahre seither vergangen waren. Aber das hebräische Wort für „Junge“ im heutigen Kapitel wird oftmals für Teenager oder für junge Männer verwendet. Die meisten Ausleger sind sich einig, dass Isaak mindestens 15 Jahre alt war, oder älter noch. Zum Zeitpunkt von 1. Mose 22 kannte und diente Abraham Gott seit 40 Jahren oder länger noch.

Vers 2: „Und er sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak, und geh hin in das Land Morija und bringe ihn dort um Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nennen werde!“ Gott verwendet hier vier verschiedene Ausdrücke, die sich alle auf Isaak beziehen. Gott sagte „deinen Sohn“, d.h. der Sohn, auf den Abraham 25 Jahre warten musste. Gott sagte „deinen einzigen“, was ganz der Realität entsprach, weil Abraham Ischmael enterbt hatte. Gott sagte auch „den du lieb hast“. Und lieb haben klingt fast schon zu schwach um den Ozean von Emotionen in Abrahams Herzen treffend zu beschreiben. Und damit es keine Missverständnisse gab, sagte Gott auch noch „Isaak“. Dieser Sohn sollte als Brandopfer dargebracht werden. Für den Fall, dass ihr nicht wisst, was ein Brandopfer ist: es bedeutete, dass Abraham seinen Sohn auf den Altar legen sollte, ihn mit einem Messer schlachten sollte, das Blut seines Sohnes an den Altar sprenkeln sollte, um dann alles, was von seinem Sohn noch übrig war, mit Feuer zu verbrennen. Hier ist die erste Schwierigkeit, die viele mit diesem Text haben. Wie kann Gott so etwas Unmenschliches verlangen? Ist das nicht Mord? Angenommen Gott würde so etwas in unserer Zeit verlangen, angenommen er würde den jungen Eltern in unserer Gemeinde erscheinen, um so etwas einzufordern, wer würde da nicht mit Entsetzen reagieren? Und wäre der Aufschrei nicht gerechtfertigt?

Hier ist eine weitere Frage: warum musste Gott Abraham überhaupt versuchen? Die Schlachter Übersetzung schreibt, dass Gott Abraham prüfen wollte. Die NIV sagt, dass Gott Abraham testen wollte. In Vers 12 lesen wir, wie der Engel spricht: „denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest, weil du deinen einzigen Sohn nicht verschont hast um meinetwillen!“ Das könnte den falschen Eindruck erwecken, dass Gott nicht wusste, wie Abraham reagieren würde: ‚Gott musste ein Experiment durchführen, um herauszufinden, wie sein Prüfling darauf reagieren würde; Gott wollte Abraham testen, weil er nicht wusste, was in Abrahams Herzen vor sich ging.’ Diese Annahme ist aber im direkten Widerspruch zu dem, was die Bibel sagt. Die Bibel sagt uns, dass Gott allwissend ist. Nichts ist vor seinen Augen verborgen. In Psalm 139 z.B. heißt es: „Herr, du erforschst mich und kennst mich! … du verstehst meine Gedanken von ferne. … du bist vertraut mit allen meinen Wegen; ja, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr nicht völlig wüsstest.“ Gott kannte Abraham in- und auswendig. Er hatte es nicht nötig, Abraham zu testen, um herauszufinden, ob Abraham Gott am meisten liebt. Und wir folgern daraus: wenn wir das Wort „testen“ und „prüfen“ verwenden, und wenn die Bibel davon spricht, dass Gott testet oder prüft, dann haben wir es mit zwei grundverschiedenen Dingen zu tun. Wir testen, weil wir nicht wissen. Gott testet, obwohl er alles weiß.

Und das bringt uns aber zurück zur Frage, warum Gott Abraham prüfte. Die Antwort darauf lautet nicht, dass Gott sein Wissen erweitern wollte, sondern um Abraham etwas zu zeigen, und um den Lesern und Hörern neues Wissen zu vermitteln. Walter Kaiser, ein Professor für AT, sagte folgendes: „Gott kann seine Kreaturen in Umstände besonderer Prüfungen bringen, nicht mit der Absicht, sich selbst Informationen zu beschaffen, sondern um den Individuen und anderen den Charakter ihres Herzens zu offenbaren. Gottes Attribute bleiben in diesem Kontext in allen Formen göttlichen Prüfens, zur Probe stellen und dem Versuchen von Personen unangetastet.“

Der erste Punkt, womit viele Menschen ihre Probleme haben ist, wie Gott von Abraham so etwas Krasses verlangen kann, wie seinen Sohn als Brandopfer darzubringen. Die zweite Schwierigkeit für viele ist Abrahams bedingungsloser Gehorsam. Früh am nächsten Morgen stand Abraham auf. Wahrscheinlich hatte er ohnehin nicht geschlafen. Er spaltete Holz zum Brandopfer. Denken wir ganz kurz darüber nach, wie grotesk das eigentlich ist: Abraham musste in seinem Kopf berechnen, wie viel Holz es mindestens brauchte, um seinen Sohn völlig zu verbrennen! Und dann zog Abraham los, drei Tagereisen weit. Am dritten Tag sah Abraham die Berge von Morija. Dann folgte Abrahams und Isaaks Vater-und-Sohn Bergwanderung.

Schauen wir uns die Verse 6-8 an. „Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand, und sie gingen beide miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Und er antwortete: Hier bin ich, mein Sohn! Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Lamm zum Brandopfer? Und Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird für ein Lamm zum Brandopfer sorgen! Und sie gingen beide miteinander.“ Diese Konversation zwischen Abraham und Isaak ist das einzige Gespräch zwischen den beiden, welches die Bibel überliefert. Viele Ausleger haben hier angemerkt, wie meisterhaft der Schreiber von Genesis die Geschichte erzählt. Ich weiß nicht, ob ihr das bemerkt habt, aber die Erzählung verlangsamt sich. Es werden immer mehr Details sichtbar. Das Tempo wird aber noch langsamer.

(Achtet auf all die Details in den folgenden Versen!) Verse 9 und 10: „Und als sie an den Ort kamen, den Gott ihm genannt hatte, baute Abraham dort einen Altar und schichtete das Holz darauf; und er band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus und fasste das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.“ Bruce Waltke, der einen fantastischen Kommentar zu Genesis geschrieben hat, sagte, dass das Geschichtserzählung im Zeitlupentempo ist. Der Altar war fertig, das Holz darauf gerichtet. Abraham band seinen Sohn, legte ihn auf den Altar und nahm das Messer in die Hand. (Übrigens, das Messer in Abrahams Hand war kein Schweizer Taschenmesser. Es war eher eine Machete, groß genug um Arme und Beine abzuhauen).

Am Höhepunkt der Geschichte und sprichwörtlich in der letzten Sekunde wird Abraham gestoppt. Vers 12: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest, weil du deinen einzigen Sohn nicht verschont hast um meinetwillen!“ Abrahams Messer berührte Isaak nicht. Aber es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass Abraham zum Letzten bereit war. In seinem Herzen hatte er bereits Isaak geopfert. Hätte Gott nicht interveniert, dann wäre Isaak durch die Hand seines Vater gestorben. Und das bereitet vielen Leuten Kopfschmerzen. Es ist das zweite, große Problem mit unserem Text. Man könnte meinen, dass Abraham ein eiskalter Mörder ist, ein Killer-Roboter, der bereit ist, sein eigenes Fleisch und Blut umzubringen, es sei denn Gott drückt auf den „Aus“-Knopf.

Wenn Menschen mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert werden, reagieren sie meist auf zwei verschiedene Art und Weisen. Da sind zum einen sie säkularen Humanisten und Relativisten, Leute wie die Herren Dawkins und Hitchens, die ich zu Beginn zitiert habe. Sie würden sagen, dass Abraham des versuchten Mordes schuldig ist. Abraham ist ein Krimineller, der eingesperrt gehört. Nach seiner Freilassung sollte ihm per einstweiliger Verfügung verboten werden, sich seinem Sohn weniger als 100 Metern zu nähern. Und dann gibt es eine andere Gruppe von Leuten, die religiösen Moralisten. Sie würden die gleiche Geschichte lesen und zu folgender Schlussfolgerung kommen: „Abrahams blinder Glaube, sein absoluter Gehorsam, sein radikaler Fundamentalismus verdienen unseren größten Respekt. Wir sollten alle seinem Beispiel folgen und so sein wie er. Was ist dein Isaak? Lasst uns alle unseren Isaak opfern!“

Ich würde hier gerne argumentieren, dass beide Ansätze verfehlt sind. Gott hatte Gefallen an Abrahams Gehorsam. Gottes Befehl an Abraham muss für Abraham einen gewissen Sinn ergeben haben. Und das lag nicht daran, dass er ein religiöser Spinner war. Das war er nicht. Als ein vernünftig denkender, emotional ausgeglichener Mensch hatte Gottes Befehl für ihn eine Bedeutung, die für uns nicht offensichtlich ist. Wir haben Schwierigkeiten, das zu verstehen. Aber das liegt daran, dass Abrahams Kultur uns völlig fremd ist. Ich würde argumentieren, dass sowohl säkulare Humanisten als auch religiöse Moralapostel die Geschichte nicht ganz so verstanden haben, wie sie gemeint ist. Wir kommen damit zum zweiten Teil.

Zweitens, was könnten möglichen Lösungen dafür sein?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass die Lösungen, die ich hier vorschlage nicht komplett befriedigend sind. Genesis 22 ist ein schwieriger Text, und ich glaube nicht, dass es dafür einfache Lösungen gibt. Aber ich glaube, dass es drei Punkte gibt, die wir besser verstehen müssen. Die drei Punkte sind zum einen, die Bedeutung des Erstgeborenen; zweitens, worum es in Abrahams Text wirklich ging; drittens, die Bedeutung des stellvertretenden Opfers.

Erstens, was ist die Bedeutung des Erstgeborenen? Wir haben gesehen, dass Gott den Isaak als Abrahams einzigen Sohn bezeichnete. Dreimal tut Gott das, in den Versen 2, 12 und Vers 16. Wenn Isaak der einzige Sohn war, dann bedeutet das automatisch, dass er als der Erstgeborene angesehen wurde. Und das ist etwas, was für uns westliche Christen des 21. Jahrhunderts nicht so einfach zu verstehen ist. In unserer Gesellschaft zählt das Recht des Individuums mehr als das Recht des Kollektivs. Zu Abrahams Zeiten war so ziemlich das Gegenteil der Fall. Als einziger Sohn stand Isaak nicht einfach für sich selbst als Individuum. Isaak repräsentierte die gesamte Familie, den ganzen Clan. Die gesamte Hoffnung der Sippe lag auf Isaak. Und deshalb gab es auch das Erstgeburtsrecht. Das Erstgeburtsrecht bedeutete, dass Isaak das ganze Erbe zustand, auch wenn er noch Geschwister gehabt hätte.

Ich will euch ein biblisches Beispiel dafür geben, wie Gott diese antiken Gebräuche und Strukturen in der Gesellschaft für sich gebrachte. In Exodus 13,12 lesen wir: „so sollst du alles, was den Mutterschoß als erstes durchbricht, für den Herrn aussondern, auch jeden ersten Wurf vom Vieh, den du bekommst; alles, was männlich ist, soll dem HERRN gehören.“ Was Gott hier sagt ist, dass alle Erstgeburt ihm gehört. Das Interessante hier ist, dass dieses Wort im Kontext des Auszugs der Israeliten aus Ägypten gegeben wurde. Gott richtete alle Erstgeborenen. Nur wo der Engel des Todes das Blut des Lammes an den Türpfosten fand, ging der Engel vorüber. Und das lehrt uns etwas fundamental Wichtiges: die Erstgeborenen der Israeliten waren genauso Gottes Gericht verfallen wie die Ägypter. Der einzige Unterschied war, dass Gott den Israeliten einen Weg offenbart hatte, wie sie dem Gericht entkommen konnten.

Aber dann stellt sich die Frage: warum die Erstgeborenen? Sie waren nicht sündiger als der Rest der Menschheit; sie waren natürlich auch nicht weniger sündig. Warum mussten dann die erstgeborenen Söhne sterben? (Ich bin ebenfalls ein Erstgeborener und sympathisiere mit ihnen). Der Grund ist, weil sie die ganze Familie repräsentierten. Sie standen für die ganze Familie ein, in all ihrer Stärke wie auch in all ihrer Schuld und Sünde. Und das ist etwas, was Abraham verstanden hatte. Tim Keller sagte es folgendermaßen: Wenn Gott Abraham den Befehl gegeben hätte, Sarah zu opfern, dann hätte Abraham gesagt: „Das ist verrückt! Ich muss halluzinieren. Sarah zu opfern, wäre Mord!“ Aber als Gott Isaak forderte, verstand Abraham dass Gott etwas verlangte, was ihm zustand. Abraham verstand, dass er ein gefallener Sünder war. Er wusste, dass seine Familie sündig war. Er verstand, dass Isaak als erstgeborener Sohn gerichtet war, wegen seiner Sünde und wegen der Schuld der ganzen Familie. Für Abraham machte es Sinn, dass Gott jedes Recht hatte, Isaak als Brandopfer zu verlangen.

Zweitens, wir müssen verstehen, was genau an Abrahams Versuchung so schrecklich für ihn war.  Worum ging es in Abrahams Test? In Vers 2 macht Gott deutlich, dass er wusste, wie sehr Abraham Isaak liebte. In Vers 12 sagt der Engel: „nun weiß ich, dass du Gott fürchtest, weil du deinen einzigen Sohn nicht verschont hast um meinetwillen!“ Die Prüfung ging darum, ob Abraham Gott fürchtete. Es ging darum, ob Abraham Gott an erster Stelle liebte. Es ging darum, ob Abraham den Gott, der segnet mehr schätzte als den Segen, den Er schenkt. Aber wer ist der Gott, den Abraham fürchten sollte? Wer ist der Gott, den Abraham lieben sollte?

Wir haben zu Beginn gesehen, dass Abraham Gott seit mehr als 40 Jahren kannte. Abraham kannte Gott so gut wie ein Mensch Gott diesseits kennen kann. Er kannte Gott als einen segnenden Gott; als einen Gott, der alle seine Versprechen und Verheißungen erfüllt; als einen Gott, der Gebet erhört; als einen Gott, der Menschen liebhat und den Wert eines jeden Menschen schätzt. Und jetzt hatte er die Aufgabe, Gottes Befehl (Isaak zu opfern) mit der bisherigen Selbstoffenbarung Gottes in Einklang zu bringen. Wie kann Gott seine Verheißung erfüllen, die Menschheit durch Isaak zu segnen, wenn Abraham diesen jetzt umbringt? Wie kann er ein Gott sein, der Menschenleben liebt und achtet, wenn er gleichzeitig Menschenopfer fordert? Oder allgemeiner formuliert: wenn es rechtmäßig von Gott ist, Isaak für die Sünden von Abraham einzufordern, wie kann er dann ein barmherziger und gnädiger Gott sein? Wie kann Gott heilig und liebevoll zugleich sein? Wie kann Gott gerecht sein und gleichzeitig auch der Gott sein, der Sünder rechtfertigt? Ich glaube, dass das der wahre Schrecken von Abrahams Versuchung war.

Clare Carlisle, eine Schreiberin für den Guardian schrieb eine Serie an Artikeln über den christlichen Philosophen Kierkegaard. Kierkegaard wiederum hatte enorm viel mit Genesis 22 zu kämpfen und schrieb ein ganzes Buch darüber. In ihrem Artikel schrieb sie Folgendes: „In diesem Text ist die Frage, wie man auf die mit Liebe und Verlust verbundenen Leiden reagieren soll, eng verbunden mit der Frage, wie man in Beziehung mit Gott leben kann. Wie viele Philosophen gezeigt haben – und unzählige Menschen aus erster Hand erfahren haben – ist das menschliche Leid das größte Hindernis für den Glauben an einen gerechten, liebenden und allmächtigen Gott. Nach Kierkegaard betont Abrahams Versuchung gerade diese Herausforderung. Abraham ist gerade deswegen inspirierend, weil er in der Lage war, einen scheinbar unvereinbaren Widerspruch zusammen zu halten: er glaubte daran, dass der Gott, der ihm befahl das zu tun, was am Schrecklichsten und am Schmerzhaftesten war, auch der Gott war, der ihn liebte.“

Habt ihr das verstanden? Was glaubt ihr ermöglichte Abraham, den Berg hochzusteigen? War es Folgendes: „Ich kann es tun; ich kann Gott absolut gehorchen; ich kann Gott mehr als Isaak lieben“? Auf keinen Fall. Es muss Folgendes gewesen sein: „Inmitten meiner allergrößten Not und unter schlimmsten Schmerzen glaube ich trotzdem daran, dass Gott gut ist. Gott liebt mich. Er wird sein Versprechen halten, auch wenn es bedeuten würde, Isaak von den Toten aufzuerwecken.“ Wisst ihr, ich glaube nicht, dass Abraham daran zweifelte, mit Isaak gemeinsam zurück zu kehren. In Vers 5 sagte er den Knechten: „Bleibt ihr hier mit dem Esel, ich aber und der Knabe wollen dorthin gehen und anbeten, und dann wollen wir wieder zu euch kommen.“ Und später, als Isaak Abraham nach dem Lamm fragte, sagte er: „Mein Sohn, Gott wird für ein Lamm zum Brandopfer sorgen!“ Das waren keine leeren Worte.

Drittens, wir müssen die Bedeutung des stellvertretenden Opfers verstehen. Was geschah, nachdem der Engel Abraham davon abgehalten hatte, Isaak zu schlachten? Verse 13 und 14: „Da erhob Abraham seine Augen und schaute, und siehe, da war hinter ihm ein Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar an Stelle seines Sohnes. Und Abraham nannte den Ort: ‚Der HERR wird dafür sorgen’, so dass man noch heute sagt: Auf dem Berg wird der Herr dafür sorgen!“ Hier ist etwas, was sowohl säkulare Humanisten als auch religiöse Moralisten gerne überlesen. Der Berg, auf welchem Abraham Isaak fast opferte, heißt nicht „Abraham gehorchte absolut “. Der Berg heißt: „Jahwe Jireh“, „Der HERR wird dafür sorgen.“

Abraham fand einen Widder, der sich im Gestrüpp verfangen hatte. Vers 13 sagt, dass Abraham den Widder an Stelle seines Sohnes opferte. Der Widder war das stellvertretende Opfer. Aber die ursprünglichen Hörer dieser Geschichte müssen sich an dieser Stelle den Kopf gekratzt haben. Irgendwie fühlt sich die Geschichte nicht vollständig an. Es fehlt was. Wenn Abraham Isaak hätte opfern sollen, dann ist doch der Widder kein adäquater Ersatz. Der Widder ist viel weniger wert als Isaak. Er ist kein angemessenes, stellvertretendes Opfer. Stattdessen ist der Widder nichts anderes als ein Verweis auf das wahre stellvertretende Opfer.

Nichts, was in unserem heutigen Text passiert, ist Zufall. Gott hätte Abraham überall hinschicken können, um Isaak zu opfern. Gott wählte die Berge von Morija, drei Tagereisen entfernt. Der Name Morija taucht noch einmal in der Bibel auf, in 2. Chronik 3,1: „Und Salomo fing an das Haus des HERRN zu bauen in Jerusalem, auf dem Berg Morija, wo der HERR seinem Vater David erschienen war, an dem Ort, den David bestimmt hatte, auf der Tenne Ornans, des Jebusiters.“ Die Stadt Jerusalem entstand an den Bergen von Morija. Unweit von der Stelle wo Abraham fast Isaak opferte, baute Salomo später den Tempel.

Nicht weit entfernt vom Tempel, und viele hunderte Jahre später, sehen wir einen anderen Vater mit seinem Sohn. Der wahre Vater führte seinen Sohn, seinen einzigen, seinen eingeborenen Sohn, den er lieb hatte und an dem er Gefallen hatte auf den Hügel. Wie in 1. Mose 22 trug der Sohn das Holz, auf welchem er geschlachtet werden sollte. Aber dieses Mal gab es niemanden, der das Messer in letzter Sekunde stoppte. Als Jesus am Kreuz starb, gab es niemanden, der eingriff, um ihn zu retten. Am Kreuz rief Jesus laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, soviel ich weiß die einzige Stelle in den Evangelien, in welcher Jesus Gott nicht als seinen Vater anrief, sondern als „mein Gott, mein Gott.“ Was geschah? Keine Antwort. Der Vater bezahlte den Preis durch sein Schweigen. Jesus, der Sohn Gottes, ist das wahre, stellvertretende Opfer. Und 1. Mose 22 ist eine der klarsten alttestamentlichen Verweise auf das Opferlamm Gottes in Jesus Christus. Ich glaube, dass das der Grund ist, warum Jesus in Johannes 8,56 sagte: „Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich.“

Das sind die möglichen Lösungen für die Probleme von unserem Text. Wir müssen die Bedeutung des Erstgeborenen verstehen, nämlich dass sie nicht als Individuen dastanden, sondern die ganze Familie repräsentierten; wir müssen verstehen, dass es in Abrahams Prüfung nicht nur um die Frage ging, ob er Gott liebte und fürchtete, sondern auch welchen Gott er liebte und fürchtete; und wir müssen die Bedeutung des stellvertretenden Opfers verstehen, das von Gott selbst gebracht wurde.

Drittens, was bedeutet dieser Text dann für uns?

Es gibt so viele mögliche Anwendungen. Ich möchte mich nur auf drei beschränken. Erstens, weil Gott ist derjenige, der den Preis bezahlt hat, finden wir unseren Friede und unsere Freude in Ihm ohne unser Zutun. Viele, die den Text studieren, machen zur Hauptanwendung, dass wir wie Abraham bereit sein müssen, Gott alles zu opfern. Und das ist okay. Aber hier geht es um so viel mehr. Letzten Endes hat Abraham nicht das erforderliche Opfer gebracht. Es war Gott. Gott bezahlte den Preis. Ein deutscher Evangelist sagte einmal Folgendes: „Wenn ich aufstehe, um das Evangelium zu predigen, dann predige ich oftmals zu Menschen, die überhaupt keine Ahnung davon haben, wer Gott ist, weil sie Götzen anbeten. Schreckliche Götzen. Sie bereiten ihre Tische für ihre Götter. Und ich sage ihnen dann, dass der christliche Gott es genau anders herum macht, dass er den Tisch bereitet für seine Kinder. Und in jeder anderen Religion suchen die Menschen Gott. Aber im christlichen Glauben ist es Gott, der den Menschen sucht.“

Wenn wir vor dem vollendeten Opfer Jesu Christi stehen, dann finden wir in ihm unseren Frieden. Wir müssen nichts mehr tun, um unsere Bestätigung zu finden. Wir sind geliebt und angenommen. Wir finden endlich Ruhe für unsere Seelen. Frage an die Gemeinde: wann war das letzte Mal, dass ihr zu Gottes Bankett gekommen seid? Wann war das letzte Mal, dass ihr am Tisch Gottes gegessen habt, und dass eure Seelen satt geworden sind und ihr mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurdet? Gott ist derjenige, der bezahlt hat, damit wir in ihm die Fülle finden.

Zweitens, aufgrund von Jesu Opfer hält Gott uns alle seine Versprechen. Abraham kämpfte mit der Frage, wie Gott sein Versprechen erfüllen kann, die Menschheit durch Isaak zu segnen, wenn Isaak jetzt stirbt. Gott erfüllte sein Versprechen an Abraham, weil Jesus anstelle von Isaak geopfert wurde. Jesus nahm die Stelle von Isaak ein. Die Erfüllungen von Gottes Versprechen stehen deswegen im direkten Verhältnis zum stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz. In 2. Korinther 1,20 lesen wir: „Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“

Stephen Um, Pastor der City-Life Gemeinde in Boston, erklärte, wie Gott uns antwortet, wenn wir nach seinen Verheißungen beten. Angenommen, wir kommen zu Gott und fragen ihn: „Herr, wirst du antworten, wenn ich dich anrufe?“ Dann ist seine Antwort: „Ja.“ „Herr, wirst du meine Zuflucht sein, wenn ich in Not bin?“ „Ja.“ „Herr, wird deine Güte und Barmherzigkeit mich mein ganzes Leben lang begleiten?“ „Ja.“ „Herr, wenn ich dich zur Freude meines Lebens mache, wirst du mir dann alles geben, was sich mein Herz wünscht?“ „Ja.“ „Herr, was ist mit deinem Versprechen, dass du nicht an mir handelst nach meinen Sünden und mir nicht nach meiner Missetat vergiltst; ist das wahr?“ „Auf jeden Fall: ja!“ „Herr, ist es wahr, dass deine Barmherzigkeit niemals enden wird?“ „Ja.“ „Herr, wirst du dich über mich freuen und mit Singen über mich fröhlich sein trotz meiner Gebrochenheit, meinen Schwächen und meiner Unreife?“ „Ja, ja, und nochmals, ja!“ Alle Gottesverheißungen sind in Christus das Ja!

Als letztes, das Lamm ist würdig all unserer Anbetung. Zu Anfang habe ich Richard Dawkins zitiert. Er bezeichnete den heutigen Text als ein Beispiel für Kindesmissbrauch und Schikane in asymmetrisch veranlagten Machtverhältnissen. Damit bin ich nicht einverstanden. Ich glaube, dass Isaak alt genug war, um seinen alten Vater überwältigen oder zumindest entkommen zu können. Vermutlich war er seinem Vater gehorsam wie Abraham Gott gehorsam war. Das gilt umso mehr für die Person auf die Isaak hindeutet. Wir sehen im Garten Gethsemane, wie der Sohn Gottes mit Tränen, Schweiß und Blut darum kämpfte, Gottes Willen gehorsam zu sein. Jesu Unterordnung war absolut freiwillig. Warum würde Jesus sich jemals so etwas antun wollen?

Jesaja sah in einer Vision den leidenden Christus, das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. In seinem wunderbaren Kapitel 53 schreibt er: „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Nachkommen sehen und seine Tage verlängern; … nachdem seine Seele Mühsal erlitten hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben;“ Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Jesus nach seinen Leiden alle seine Nachkommen sieht, die sein Tod gerettet hat. Und es bedeutet, dass er seine Freude, seine Lust und seine Fülle an ihnen hat. Jesus schaut auf uns, die Erlösten, und er sagt: „Ihr seid unendlich wertvoll in meinen Augen. Ich bin absolut zufrieden mit euch. Am Kreuz habe alles vollbracht, was notwendig war, um euch zu erlösen.“

Das ist der Christus auf den Genesis 22 hinweist. Er ist der eine Nachkomme, durch den alle Völker gesegnet werden, wie Vers 18 verspricht. Und er ist würdig all unsere Anbetung zu empfangen. „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Ruhm und Lob!“

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